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ARCHIV

FÜR DAS

STUDIUM DER NEUEREN SPRACHEN UND LITERATUREN.

HERAUSGEGEBEN

VON

UUDWIC HERRIC. XIX. JAHRGANG, 36. BAND.

BRAUNSCHWEIG,

UKLCK UND VERLAG VON (JEORGK WKSTERMANN.

18 04. '

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Inhalts - Yerzeichniss des XXXYI. Bandes.

Abhandlungen. „.

Deutsche Homonymen nebst Bemerkungen über Sprachkenntnisse, namentlich über die Aussprache des g und die Entstehung des seh. (Von Prof.

Dr. A. Krönig.) 1

Shakspeare hat behufs seines dänischen Prinzen Hamlet die nordische Ge- schichte des 16. Jahrhunderts studirt. Von Prof. Dr. A. Gerth. . . 53 Das Verhältniss des Romanischeu zum Latein in den Bedeutungen der

Wörter. (Von Prof. Dr. Steinthal.) 129

Die französischen Formen der Bejahung und Verneinung, verglichen mit den

deutschen Formen dieser Art. (Von F. C. Honcamp.) 143

Die Sprache Moliere's. (Von A. Hoppe.) .... . .... 159

Beiträge zur englischen Lexicographie. VII. Art. (Von Dr. A. Hoppe.) . 175 Sitzungen der Berliner Gesellschaft für das Studium der neueren Sprachen. 200 Die Schriftsteller Kord-Amerika's. Eine literar - historische Skizze. (Von

Dr. Bruunemann.) 241

Article partitif, Theilungsartikel ? (Von G. L. St aedler.) 299

Widerlegung von J. Grimm's angeblicher Verschobenheit eines Präteritums.

Dabei Auffindung teutischer Medialkonjugation .313

Beiträge zur englischen Lexicographie. VIII. Artikel. (Von Dr. A. Hoppe). 353 Sitzungen der Berliner Gesellschaft für das Studium der neueren Sprachen. 373

Beurtheilungen und kurze Anzeigen.

Milton's Verlorenes Paradies von Dr. L. Wiese. (Immanuel Schmidt.) 117

Dr. Joh. Chr. Aug. Heyse's Fremdwörterbuch. 12. Ausgabe. Herausge- geben von Dr. C. A. F. Mahn. (Dr. J. B. Bolz.) 225

Germania. Vierteljahrschrift für Deutsche Alterthumskundc. Herausge- geben von Franz Pfeiffer. 8. Jahrg. 4. Heft. (Dr. Sachse.) . . . 229

Germania. Vierteljahrschrift für Deutsche Altherthumskunde. Herausge- geben von Franz Pfeiffer. 9. Jahrg. 1. Heft. (Dr. Sachse.) . . . 230

Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit. (Dr. Sachse.) 231

Faust de Goethe. Traduction nouvelle en vers par A. Poupart do Wilde.

(Dr. Freyschmidt.) 333

Englisches Elementarbuch. Von Dr. Beruh. Schmitz. . . . . . . 45G

Seite

Englische Grammatik. Von Dr. Bernh. Schmitz. 456

Etymologisches Wörterbuch der englischen Sprache von Eduard Müller.

(Prof. Dr. Fr. Koch.) 459

Deutsche Schulgrammatik. Von G. Gurcke. (F.) 460

Dichtungen von Agnes le Grave. (Von Dr. D avid Müller.) . . . . 462

Zilger, Erstes französisches Lesebuch. (W.) 464

Programmen schau.

Pädagogische Mittheilungen. Gedanken und Themata für Aufsätze. (Von

Dir. Dr. F. Strehlke.) 347

Zur Genealogie der Räter. (Von Pirmin R ufinatscha.) 348

Die oberösterreichischen Dialectdichter. (Von Karl Greis torfer.) . . . 348 Ueber eine niederrheinische Mariendichtung des zwölften Jahrhunderts.

(Von Gl. Schröder.) 349

Ueber die Kunst der Charakteristik in der deutschen Poesie des Mittelalters.

Von Dr. R. W. Osterwald 466

Nonnulla Schilleri poemata numeris latinis reddidit Conr. Gull. Lorentz. 467

General Dietrich von Miltitz. Von A. Peters 468

lieber Calderon's Schauspiel die Kirchenspaltung in England. Von Hugo

Ulbrich 468

Goldbeck: Beiträge zur Kritik der französischen Tragödie. (Dr. M. Maass.) 469 Bruchstücke aus einem französich-englischen etymologischen Glossar innerhalb

des Lateinischen. Vom Oberlehrer Dr. Siegfried Nagel. (G. Büchmann.) 471

Miscellen.

Seite 121—128. 233—238. 473—478.

Bibliographischer Anzeiger.

239—240. 351—352. 479—480.

Deutsche Homonymen

nebst Bemerkungen über Spraehlaiite, namentlich über die Aussprache des g und die Entstehung des seh.

Während eines schon seit längerer Zeit andauernden Ner- venleidens, welches mir eigenes Lesen und Schreiben fast ganz unmöglich macht, habe ich mich hin und wieder mit Sammlung von Material zu einer „praktischen Lautlehre" beschäftigt, bis zu deren Abschliessung aber wohl noch einige Jahre vergehen werden. Als ich bei dieser Veranlassung mein Augenmerk den- jenigen deutschen Wörtern zuwandte, welche, wie „das" und ..dass" gleich ausgesprochen aber ungleich geschrieben werden, war ich über die grosse Anzahl der hierher gehörigen Wörter erstaunt. Es schien mir nicht uninteressant, den genannten NV'örtern auch diejenigen an die Seite zu stellen, welche, wie „Bauer'' (Käfig) und „Bauer" (Landmann), bei verschiedener Bedeutung gleich gesprochen und gleich geschrieben werden, sowie auch noch diejenigen, welche, wie „erblich" (von erbleichen) und „erblich" (von erben), gleich geschrieben und ungleich gesprochen werden.

Die nachfolgende Zusammenstellung der gedachten drei Classen von Wörtern verdient, wie ich meine, die Aufmerksam- keit eines jeden, der sich an den heut zu Tage mehr und mehr in den Vorderojrund tretenden Bestrebungen zu einer rationellen Umgestaltung der deutschen Orthographie betheiligt.

Eine rationelle Orthographie müsste nach meinem Dafür- halten von einem Princip ausgehen und dieses mit Consequenz durchführen. Es würde sich also vor allem darum handeln, zuerst das leitende Grundpriucip festzustellen. Soweit ich sehe,

Areluv f. n. Spraclieii. XXXVl. 1

2 Deutsche Homonymen.

bieten sich hierzu nur zwei Möglichkeiten dar. Man kann entweder das Schreiben oder aber das Lesen möglichst zu er- leichtern suchen.

Will man das Schreiben erleichtern, so müssen alle Wörter von gleicher Aussprache auch gleich geschrieben werden. Als- dann versteht sich bei jedem Worte, dessen Aussprache man kennt, die Orthographie von selbst, und alle die unzähligen Fr^igen, über welche nicht allein der ABC-Schüler, sondern auch jeder noch so Gebildete eine nicht aus dem eigenen Nach- denken zu schöpfende, sondern nur durch Erkundigung bei Menschen oder Büchern zu erreichende Auskunft nöthig hat, kommen von selbst in Wegfall. Die Erlernung dieser phone- tischen Orthographie würde beträchtlich weniger Zeit kosten, als die Aneignung irgend einer anderen Orthographie.

Die der phonetischen als Extrem gegenüberstehende Ortho- graphie will ich grammatische Orthographie nennen. Für diese würde das leitende Princip heissen: Je zwei Wörter, die ver- schiedene Bedeutung haben, müssen auch verschieden geschrieben werden, mögen sie nun dem Klange nach gleich sein oder nicht. Es kann niemand entgehen, dass die Durchführung dieses Grundsatzes eine nicht unwesentliche Erleichterung /ür das Ver- ständniss des Gelesenen mit sich führen würde. Ausser der phonetischen und der grammatischen Orthographie ist natürlich auch noch eine historische Orthographie denkbar, welche Bezug nehmen würde entweder auf die Aussprache oder auf die Schreibweise, die zu irgend einer bestimmten Zeit oder in einem bestimmten Jahre in Anwendung gebracht worden ist. Allein ich würde nicht einzusehen vermögen, was uns, die wir im Jahre 1864 leben, veranlassen könnte, als das zu bestimmende Normaljahr ein anderes wie das laufende zu wählen. Eine sonderbare Idee ist es immerhin, dass wenn eine Sprache sich ändert, ihre Schrift ungeändert bleiben soll. Unseren sprach- forschenden Nachkommen kann nicht damit gedient sein, wenn ihnen durch die Ausführung jenes Princips die Geschichte der deutschen Aussprache so viel wie möglich verdeckt wird. Und wie würde unsere deutsche Schrift heute aussehen, wenn jenes Princip schon vor einigen Jahrtausenden aufgestellt und durch- geführt wäre.

Deutsche Homonymen. 3

Es ist jedoch eigentlich nicht meine Absicht, die Vorzüge und Nachtheile der versehiedcneij möglichen orthographischen Systeme gegen einander abzuwägen, da ich nicht genug philo- logische Kenntnisse besitze, um mich zu einem Urtheile über solche Fragen für competent zu halten. Den eigentlichen Gegen- stand meiner Forschung bilden nur die physikalischen oder phy- siologischen Verhältnisse der Sprachlaute. Wer aber ohne gründ- liches Verständniss dieser Verhältnisse und ohne Kenntniss der Homonymen einer Sprache eine neue Orthographie für diese Sprache zu entwerfen gedenkt, ist einem Baumeister zu ver- gleichen, der ein Gebäude aufführen will, ohne zu wissen, wozu dasselbe dienen soll.

Ich will der nachfolgenden Zusammenstellung deutscher Homonymen einige Bemerkungen vorausschicken. Wenn ich aus den sämmtlichen hierher gehörigen Wörtern drei Abthei- lungen machen AVoUte, nämlich:

1 ) Wörter gleicher Aussprache und gleicher Schreibweise,

2) Wörter gleicher Aussprache und verschiedener Schreib-

weise,

3) Wörter gleicher Schreibweise und verschiedener Aus-

sprache, 80 entstand die Frage, in welche Abtheilung beispielsweise ..Arm'* imd „arm" zu bringen wären. Von diesen Wörtern wird das erste immer mit einem grossen, das zweite gewöhnlich mit einem kleinen Anfangsbuchstaben geschrieben ; dieselben gehören dann also zu den Wörtern gleicher Aussi^rache und verschiedener Schreibweise. Wenn aber das Adjectivum arm zu Anfang eines Satzes steht, so wird es mit einem grossen Anfangsbuchstaben geschrieben und es gehört demnach mit dem Substantivum Arm zusammen in die erste Classe. Da aber im Allgemeinen jedes für gewöhnlich klein geschriebene Wort auch am Anfange eines Satzes stehen kann und dann gross geschrieben wird, so habe ich Wörter wie „Arm" und „arm," „Gebet" und „gebet" wie Wörter gleicher Schreibweise behan- deln zu müssen geglaubt.

Ueber die Wörter der ersten Abtheilung habe ich zu bemerken, dass die Anzahl derselben leicht sehr bedeutend

1*

4 - Deutsche Homonymen.

hätte vermehrt werden können. Es kommt namentlich im Deutschen ausserordentlich häufig vor, dass ein und derselbe Stamm zur Ableitung von Wörtern gebraucht Avird, die gleich- lautend, grammatisch aber von einander verschieden sind. Als Beispiele hierfür können dienen das Alter und ein Alter, der Bange und ich bange.

Sehr zahlreicH -sind noch besonders die Fälle, wo ein in e oder n ausgehender Casus eines Haupt- oder Beiworts ebenso gesprochen und ebenso geschrieben wird wie das Präsens eines Zeitworts in der ersten Person des Sigular oder Plural, während die durch das Haupt- oder Beiwort und das Zeitwort ausge- . drückten Begriffe einander so sehr gleich sind, wie es eben die grammatische Verschiedenheit erlaubt. Als Beispiele hierfür können dienen: Bade, Beichte, bessern, Binde, Bitte, Blicke, Blitze, Blute, Braten, Bügeln, Bürste, Eile, Feiern, Feile, Feuern, Fische, Flicken, Flöte, Fluche, Formen, Frage, Fusse, Gebrauche, Glauben, Grase, grünen, Grüssen, Habe, Hasse, Heile, Heiligen, Höhle, Husten, Karre, Kegeln, Kette, Klage, Kleide, Kniee, Knöpfe, Kosten, Kriege, Lagern, Lande, Leuchte, Lohne, Mauern, Miethe, Munde, Opfern, Preise, Quelle, Rädern, Rauche, Raube, Reime, Reise, Rudern, Rufe, Sage, Schaden, Schätze, Scheere, Scheine, Schelte, Schlafe, Sciilage, Schmause, Schmiede, Schneide, Schnupfen, Schraube, Schrecken, Schürze, Segeln, Siege, Siegeln, Sitze, Sonne, Sorge, Spalte, Spanne, Spasse, Speise, Spiegeln, Spiele, Spiesse, Spitze, Stacheln, Stamme, starren, steinigen, Stille, Stimme, Strafe, Strahle, Strecke, Streite, Stürme, Tanze, Taufe, Tausche, Theile, Thürme, Träume, Trabe, Trommeln, Trübe, Wache, Wette, Winke, Wünsche, Zügeln.

Fernere etwas eigenthümlichere Beispiele von Wörtern, bei denen der Begriff des einen den Begriff des anderen nothwendig nach sich zieht, sind noch; Beginne, Biss, Bissen, Dicke, Dienst, Drang, Fahrt, Ferne, Frass, Frische, Gaben, Geboten, Ge- schossen, Gewinnst, Griff, Gruben, Hieb, Klang, Laut, Milde, Pfiff, Predigt, Riss, Sang, Schlichen, Schliff, Schnitt, Schritt, Schwur, Sprachen, Stand, Stich, That, Trank, Tritt, Uebel, Verdienst, Wacht, Wuchs, Wunde, Zwang.

Da ich indessen die erste Abtheilung der Homonymen in

Deutsche 11 i'inon\ IUP n. 5

ihrer vorliegenden Gestalt für hinreichend ausgedehnt hielt, um alle Schlüsse, die sich daraus ziehen lassen, fest zu begründen, 80 habe ich es vorgezogen , nur solche Gruppen von Wörtern aufzunehmen, bei denen der Begriff des einen Wortes den Begriff des anderen nicht nothwendig nach sich zieht. Eine Ausnahme von dieser Kegel habe ich nur bei solchen Wörtern gemacht, die trotz derselben aufgenommen werden mussten.

Ich gehe über zu einigen Bemerkungen über die Wörter der zweiten Classe. Während bei den Wörtern der ersten Classe die Mehrdeutigkeit ebenso wohl für den Hörenden, wie für den Lesenden vorhanden ist, existirt die Mehrdeutigkeit der Wörter gleicher Aussprache und verschiedener Schreibweise- nur fiir den Hörenden, nicht aber für den Lesenden.

Ich muss es als sicher betrachten, dass kaum ein Deut- scher in Beziehung auf alle aufgeführten Wörter dieser Classe meine Ansicht über deren vollkommen gleiche Aussprache theilen wird. Ich kann hier nur die Bitte aussprechen, dass man über die Richtio;keit oder Lnrichtio^keit meiner Ansichten in jedem einzelnen Falle nicht zu schnell aburtheilen möge.

Es ist unleugbar, dass sicli unser Gefühl dagegen sträubt, zwei Wörter, die wir seit langen Jahren für sehr verschieden gehalten haben, als j^anz Q-leichlautend anzuerkennen. Wenn man aber einmal geneigt ist, zwei in Wahrheit gleich klingende ^V'örter für verschieden lautend zu halten, so giebt es eine grosse Menge von Mitteln, um sich in solcher unrichtigen Meinung zu bestärken. Man fasse als möglichst einfachen Sprachlaut beispielsweise den Vokal a ins Auge. Man wird zugeben, dass dies in Wirklichkeit ein stets sich gleich bleibender Laut ist. Aber man kann a auf sehr verschiedene Weisen aus- sprechen. Dieser Laut ist so wie jeder Laut erstens mit einer gewissen Tonhöhe unzertrennbar verbunden. Spricht man nun den Satz: ..Ich sage a oder ich sage a," so wird man, wenn man sich nicht ausdrücklich das Gegentheil vornimmt, die beiden a mit verschiedener Tonhöhe sprechen; aber darum wird niemand die beiden a für verschiedene Laute erklären Avollen. Man kann ferner die beiden a mit gleicher Tonhöhe, dagegen mit verschiedener Stärke ertönen lassen,^ Man kann weiter die beiden a in gleicher Höhe und mit gleicher Stärke aber ver-

6 Deutsclie Homonymen.

schieden lang aussprechen. Man kann endlich ein a in seiner Reinheit ein wenig alteriren , indem man es entweder dem ä oder dem o näher bringt. Nur dann Averden die beiden a wirklich einander gleich klingen, wenn man alle angegebenen nebensächlichen Verschiedenheiten sorgfältig vermieden hat und nur unter diesen Voraussetzungen kann ich behaupten, dass der Vocal a im Alphabet und die Interjection ah genau den- selben Klang haben.

Nicht anders verhält es sich mit Consonannten. Es ist unraögUch einen Consonanten ohne Begleitung irgend eines Vokals auszusprechen. Den schlagendsten Beweis für diese Behauptung liefert dasjenige r, welches durch die Schwingungen des Zäpfchens erzeugt wird, welches aber nicht alle Personen hervorzubringen vermögen. Ich selbst kann dieses r ganz deutlich mit a, e, i, o, u zusammen erklingen lassen. Etwas weniger gut gelingt dasselbe mit dem gewöhnlichen nicht schnarrenden r. Wenn ich das nicht schnarrende r das gewöhn- liche nenne, so muss ich hinzufügen, dass, soweit meine Beob- achtung reicht, unter allen von Deutschen, Franzosen und Engländern gesprochenen r wenigstens vier Fünftel nicht schnar- rend hervorgebracht werden. Bei anderen Consonanten ist der noth wendiger weise mittönende Vokal in engere Grenzen ein- geschlossen. Das w zum Beispiel erklingt nur mit u, ü und i. Ebenso verhält es sich mit f, welches jedoch lautierend nur mit Flüsterstimme gesprochen werden kann. Ein Gleiches gilt bei- spielsweise von t, welches lautierend ebenfalls nur mit Flüster- stimme hervorzubringen ist. Beim gewöhnlichen Lautieren lässt man dem t einen kurzen zwischen ä und ö liegenden Vokal folgen; man könnte demselben aber auch mit gleichem Rechte einen anderen Vokal folgen, oder auch einen beliebigen Vokal voi*ausgehen lassen. Häufig ist der einen Consonanten beglei- tende Vokal von etwas unbestimmtem Charakter, so dass man anstehen muss, denselben für einen der gewöhnlichen Vokale zu erklären. Dies tritt besonders bei den mit verschlossenem Munde gesprochenen Nasalen ein ; hier ist der begleitende Vokal zwar nicht ein reines u, aber doch dem u mehr als einem anderen Vokal ähnlich. Aus diesem Grunde findet man die Interjection hm auch wohl hum geschrieben, welches gewiss

Deutsche Homonymen. 7

nicht genau ebenso wie die erste Silbe von Hummer klin- gen Bull.

Eine andere bei Consonanteu anzubringende Verschiedenheit besteht darin, dass man sie verschieden hinge andauern lässt, pjine verschiedene Dauer eines und desselben Consonanten kommt bei gewöhnlicher deutscher Aussprache nicht selten vor. So lässt man in ..annageln" das doppelte n langer ertönen wie in „Anna;" das doppelte n in „Anna" hat aber dieselbe Dauer wie das einfache n in „an."

Man kann ferner mit wenigen Ausnahmen jeden Consonanten mehr oder weniger artikulirt aussprechen. Hierunter verstehe ich, man kann einen und denselben Consonanten in merklicher Weise dadurch ändern, dass man den zur Entstehung- des Consonanten nothwendigen, vollkommenen oder unvollkornmenen Verschluss mit grösserer oder geringerer Vehemenz entstehen lässt; um zum Beispiel ein f zu sprechen bringt man durch Annäherung der Oberzähne und der Unterlippe einen unvoll- kommenen Verschluss hervor. Es steht aber im Belieben des Sprechenden, die beiden genannten Theile möglichst fest an einander zu pressen oder auch dieselben ohne Berührung nur in einen geringen Abstand von einander zu bringen. Die auf solche Weise erzeugten stärker oder schwächer artikulirten f lassen sich aber ganz gut von einander unterscheiden. Weiter kann man auch noch bei vollkommen ungeänderter Stellung der Mundtheile gegen einander die Aspiration das heisst die Stärke des durchzubiasenden Lufthauches innerhalb gewisser Grenzen verändern, um verschiedene Modificationen eines und desselben Consonanten entstehen zu lassen.

Endlich lässt sich oft ein und derselbe Consonant mit Hilfe verschiedener Mundtheile aussprechen. Es wird zum Beispiel unten von einem alveolaren, cerebralen und dorsalen s die Hede sein und die Anzahl der nach den erzeugenden Or- ganen oder Organtheilen zu unterscheidenden s könnte leicht noch vermehrt werden. Diese verschiedenen s werden auch einen mehr oder weniger verschiedenen Klang haben und es ist wohl möglich, dass man durch Uebung (He Fälligkeit erlangen kann, viele Arten von s durch das Gehör von einander zu unterscheiden.

8 Deutsche Homonymen.

Man ersieht hieraus, dass demjenigen, der etwa die Wörter „das" und „dass" für verschieden lautend erklären und auch selbst verschieden aussprechen will, ein weiter Spielraum gelassen ist. Aber solche Verschiedenheiten können erst dann einen Anspruch auf objective Existenz erheben, wenn sie durch Sprech- und Hörversuche nachweisbar sind. Ich glaube es nicht, aber ich halte es doch für möglich, dass irgend ein Deutscher sich angewöhnt hat, die Wörter „das" und „dass" verschieden aus- zusprechen, was ja nach dem Obigen nicht die geringste Schwierigkeit macht. Es können sich auch zwei Personen ver- abreden, dass sie beide das Wort „das" auf die eine, das Wort „dass" auf die andere Weise aussprechen wollen. Von solchen zwei Personen kann nun der eine das Wort „das" oder das Wort „dass" dictiren und der zweite wird das dictirte Wort richtig nachschreiben. Ohne solche vorherige Uebereinkunft aber wird meiner Meinung nach eine Verschiedenheit weder zwischen „das" und „dass," noch zwischen allen anderen Worten, die ich als gleich ausgesprochene bezeichnet habe, durch Dictirversuche sich nachweisen lassen. Wer hierin meine Meinung nicht theilt, möge nur einmal versuchen die betreffenden Wörter mit vertauschten Erklärungen zu dictiren. Diese Versuche werden, wie ich denke, missglücken, aber nicht wegen Bornirtheit des Schreibenden, sondern, weil der Dictirende subjective Gefühle für objective Thatsachen hält.

Dergleichen subjective Gefühle sind auch mir selbst oft genug vorgekommen. Ich betrachte zum Beispiel die zweite Person im Singular des Imperfects von „wallen," nämlich „walletest;" ich kürze dieses Wort ab in „walltest" und weiter- hin in „walltst." Ich habe mich lange Zeit des Gefühls nicht erwehren können, dass das letzte Wort auch von einem Deut- schen nur mit Mühe auszusprechen sei. Aber dieses Gefühl ist eine reine Einbildung. Denn die Aussprache des Wortes „walzt" kommt mir gar nicht unbequem vor. Die beiden Wörter „walltst" und „walzt" sind aber, wenn ich nicht will- kührliche Verschiedenheiten der oben genannten Art hineinbringe, vollkommen gleichlautend.

Ich habe mich in Beziehung auf die Wörter gleicher Aus- sprache und verschiedener Schreibweise, um Missverständniesen

Deutsclic Homonymen. 9

vorzubeugen, noch über einige andere Punkte auszusprechen. Ziemlich von selbst versteht es sich, dass ich hier unter Aus- sprache nicht eine syllabirende Aussprache verstehe. Dem Syllabirenden klingen freilich die Wörter sä-en und sä-hen nicht gleich; aber ich glaube kaum, dass irgend ein Deutscher, der nicht auf unausführbaren Principien herumreitet, in der correcten und ungezierten Aussprache des Wortes sähen ein h zu hören verlangen wird, welches die ungeheure Mehrzahl der Gebildeten nie ausspricht. In anderen Fällen aber kann es allerdings wohl fraglich erscheinen, welche Aussprache irgend eines gegebenen Wortes für die correcteste zu halten ist. Ohne hier auf viele Einzelnheiten eingehen zu wollen, kann ich doch einen Punkt nicht unerwähnt lassen.

Derselbe bezieht sich auf die Aussprache des g. Um aber hier meine Meinung klar zu machen, wird es gut sein, wenn ich etwas weiter aushole und zuerst auf die Aussprache des d eingehe. Das d lautet in vollkommen correcter deutscher Aussprache sehr häufig wie t. Die Regel darüber heisst, d zu Ende eines Stammes wird wie t ge8])rochen, nicht jedoch vor allen vokalisch anfangenden und vor den Endungen ger, 1er und ner.

Hiernach spricht man d wie d in Dach, Widder, drohen, edle, adlig, ordnet, Bewundrer, widrig, fade, leidig, irdisch, Ladung, Leid'ger, Sondcrbündler, Redner, seidner.

Dagegen wird d gesprochen wie t in Lied, hold, Hemd, und, wird, Mundart, verwendbar, Mädchen, Felddienst, Grad- eintheilung, \V^undfieber, Eidgenoss, schadhaft, Geradheit, Grundidee, Landjunker, Radkasten, Liedlein, leidlich, Findling, Windmühle, Bündniss, Brandopfer, Schildpatt, Goldquaste, Geldrolle, Rinds, fiiedsam , Freundschaft, Mordthat, Wanduhr, Mundvorrath, AVaidwerk, Soldzulage.

Ebenso wie d verhalten sich mit Ausnahme von 1, r, m, n alle Brummlaute, das heisst alle Consonanten, welche beim liautieron brummend ausgesprochen werden. Es gehören hier- her b, d, g, das französische g vor e und i, ferner j, das sanfte s, w. Alle diese werden unter den oben bei d ange- gebenen Bedingungen durch die entöj)rechenden Hauchlaute ertetzt. Deshalb spricht der Deutsche gab wiej'gapj, page

10 Deutsche Homonymen. *

wenn es einsilbig sein soll wie pahsch, Conseil ähnlich wie Conselch, beinahe, aber nicht ganz als Reim auf Kelch, Moos wie Mooss , Asovv wie Asof , Archiv wie Archif, während in dem Plural Archive wie überhaupt in Fremdwörtern v wie w gesprochen wird. Dass übrigens die Regeln über die Aus- sprache der weichen und sanften Consonanten für s nicht aus- reichend sind, versteht sich ziemlich von selbst, da s und ss gar nicht so bestimmt einander gegenüber stehen wie v und f oder b und p.

Nach dieser Vorbesprechung kehre ich zum g zurück. Das richtig ausgesprochene g ist jedenfalls ein Brummlaut*) (wie d und sanftes s), nicht ein Hauchlaut (wie t und ss). Es ist aber die Frage, ob man g richtiger als Verschlusslaut (wie ein weiches k) oder als Reibungslaut (wie ein sanftes ch) auszusprechen hat. Für Wörter wie gelten, Egge, glauben, graben, neigen, eigner ist die aufgeworfene Frage sehr uner- hebHch. Denn der Klang des weichen k ist demjenigen des sanften ch, wenn beide rasch gesprochen werden, so sehr ähnlich, dass es oft bei grosser Aufmerksamkeit nicht gelingt, sie von einander zu unterscheiden. Eine untrügliche Unterscheidung beider Laute iet jedoch leicht, wenn man sie möglichst lange andauernd auszusprechen versucht. Ein weiches k nämlich kann man eben so wie b oder weiches p nur kurze Zeit ertönen lassen; ein sanftes ch dagegen kann man eben so wie w oder sanftes f, so lange anhalten wie eben der Athem reicht. Aber die Sache stellt sich anders bei demjenigen g, welches durch' den entsprechenden harten oder scharfen Laut in der Aussprache zu ersetzen ist. Kein Deutscher spricht das g in Sieg ebenso wie in gieb. Im Gegentheil sind fast alle Deutschen der Mei- nung, es sei ihnen unmöglich, das Wort Sieg anders auszu- sprechen wie entweder Siech oder Siek. Diese Meinung beruht jedoch ebenso wie sehr viele Meinungen ähnlicher Art nur auf einem Irrthum. Jeder der das Wort Besiegler oder Siegler,

*) Zum gewöhnlichen Brummen ist eine Verengung der Stimmritze er- forderlich. Man kann aber auch, wenn man mit leiser oder flüsternder Stimme spricht, die Stimmritze verengen, und dies geschieht, wenn man mit Flü.sterstimme einen Brummlaut lautirend ausspricht.

Deutsche Homonymen. 11

welches keinem Deutschen Schwierigkeiten macht, auszusprechen vermag, kann auch aus dem ^yorte Siegler das Ende 1er fort- lassen und in dem übrig bleibenden Theile sieg lautet das g ganz ebenso wie in gieb. Die beiden Klänge Siech und Siek sind nun aber sehr deutlich von einander verschieden. Welche von beiden Aussprachen ist nun die richtigere?

Ich bin ein grosser Verehrer der Consequenz. Es scheint mir deshalb vor Allem wünschenswerth , dasjenige g, welches nach einer sehr allgemeinen Ixegel deutscher Aussprache seinen ursprünglichen Laut verlieren niuss, entweder immer wie k oder immer wie ch klingen zu lassen. Bei der Abwägung dieser beiden Mtiglichkeiten gegen einander habe ich kaum andere Motive ausfindig zu machen gewusst als mein individuelles Gefühl. Ich habe eine grosse Menge von Wörtern, in denen g entweder wie k oder wie ch ausgesprochen werden muss, zusammengestellt und habe mich dann gefragt, ob es mir besser gefallen würde, in allen diesen Wörtern g wie k, oder in sämmt- lichen g wie ch ausgesprochen zu hören.

Ich lasse eine Zusammenstellung derartiger Wörter folgen : lag, schräg, saug, Steg, Teig, Zeug, Krieg, log, mög, trug, lüg, Brigg, geflaggt, Talg, Erfolg, Diphthong, arg, Werg, Ge- birg, borg, Murg, Magd, Krugs, sagst, liegt, balg, geschwelgt, getilgt, wenig, königlich, Augapfel, unleugbar, Wegenge, Berg- festung, sieggewohnt, zaghaft, Kargheit, Sarginschrift, weg- jagen, Zugkraft, Zwerglein, klüglich, Säugling, Burgmauer, Be- fugniss, Zugochs, Tragpfeiler, Tagquartier, Steigrohr, fügsam, Bugspriet, Bürgschaft, Genugthuung, Schlaguhr, Zweigverein, Tagw^eise, Biegzange.

Die einzigen Personen, von denen die öffentliche Meinung eine correcte Aussprache gebieterisch verlangt, sind die Schau- spieler, welche auf hervorragenden Bühnen in classischen Stücken ernster Art auftreten. Denn weder bei den Rednern der Tri- büne noch bei denen der Kanzel noch des Katheders ist eine correcte Aussprache immer zu finden. Ich meine nun, wenn man alle Fälle, in denen von Schauspielern das g wie ch aus- gesprochen wird, zählen und denjenigen Fällen gegenüberstellen wollte, in welchen das g im Munde der Schauspieler wie k lautet, so würde die Anzahl der ersteren die der letzteren be-

12 Deutsche Homonymen.

trächtlich überwiegen. Sollte ich mich hierin nicht täuschen, BO würde ich den Schluss ziehen, dass es sich empfiehh, jedes entweder wie ch oder k auszusprechende g wie ch ertönen zu lassen , und weiter das unveränderte g stets als sanftes ch, nicht aber als weiches k zu sprechen.

Ich will indessen nicht unterlassen anzuführen, dass von einer sehr gewichtigen Autorität auf dem Gebiete der Lautlehre über die Aussprache des g eine Ansicht geäussert worden ist, welche der meinigen zuwiderläuft. Es sagt nämlich Brücke in seinem ausgezeichneten Buche: „(jrundzüge der Physiologie und Systematik der Sprachlaute," Wien 1856, ohne Zweifel dem besten, welches über Sprachlaute geschrieben worden ist, auf Seite 45: „Das g wird aus dem k entwickelt, indem man die weit offene Stimmritze zum Tönen verengt. Es verhält sich mithin das g zum k genau ebenso wie das b zum p und das d zum t. Es giebt ebenso viel Arten des g als es Arten des k giebt." Ich hoffe aber, dass mir der Nachweis des Grundes iTelino-en wird , der Brücke zur Aufstellung seiner Ansicht eigentlich bewogen hat. Hieraus wird sich zugleich ergeben, dass Brücke's Ansicht über die vorliegende Frage als mass- gebend nicht wohl betrachtet werden kann.

Ich muss mir erlauben, zum Behufs besseren Verständ- nisses, meine Eintheilung der Consonanten in kurzen Worteit hier vorzuführen. Ich theile die Consonanten einerseits ein in Brummlaute (von den gewöhnlichen deutschen Buchstaben ge- hören hierher: b, d, g, j, 1, m, n, ng,*) r, sanftes s, w) und

*) ng wird im Deutschen auf dreierlei Weise ausgesprochen, erstens wie in Angel (von diesem einfachen Laut ist oben im Text die Rede), zweitens wie in riyyeloi oder Angelika, drittens wie in angelockt. Brücke scheint der Meinung zu sein, dass in Wörtern wie Angel ein g nicht bloss geschrieben, sondern auch gesprochen wird. Er sagt auf S. 50: „Wenn man den Verschluss des Minidcanals für g' und g^ bildet, aber die Luft bei tönender Stimme zur Nase herausströmen lässt, so erhält, man zwei Laute, die i<h mit tt' und rr- bezeichnen will, und die sich zu dem ent- sprechenden g verhalten wie n zu d und m zu p. Das tt» ist das n in Klingel, Hengel, das n^ das in Wange, Schwung u. s. w." Nach meiner Ansicht hätte Brücke sagen müssen das tt* ist das ng in Klingel, Bengel, das 71- das in Wange, Schwung.

Deutsche Homonymen. "13

in Hauchlaute*) (ch, f, h, k, p, seh, ss, t). Andererseits theile ich die Consouanten ein in Verschlusslaute (b, d, k, p, t), Rei- bungslaute, welche durch einen unvollkommenen Verschluss hervorgebracht werden (ch, f, h, j, 1, r, sanftes s, seh, ss, w) und Nasale (m, n, ng). In Folge dieser beiden Eintheilungen zerfallen die sämmtlichen Consonanten in sechs Classen, denen ich besondere Namen beilege. Einen brummenden Verschluss- laut (wie b, d) nenne ich weich; einen hauchenden Verschluss- laut (k, p, t) nenne ich hart ; einen brummenden Reibungslaut (j, 1, r, sanftes s, w) nenne ich sanft ; einen hauchenden Rei- bungslaut (ch, f, h, seh, ss) nenne ich scharf; einen brummen- den Nasal (m, n, ng) nenne ich nasal. Den hauchenden Na- salen ertheile ich keinen besonderen Namen, weil sie in keiner mir bekannten Sprache gebraucht werden. Die Aussprache derselben ist übrigens nicht schwierig. Wenn man bei geöfl- netem Nasencanal ein b zu sprechen versucht, so entsteht der brummende Nasal m, wenn man bei geöffnetem Nasencanal ein p hervorzubringen versucht, so entsteht der den p-Lauten ent- sprechende hauchende Nasal.

Die eben mitgetheilte Nomenclatur gewährt eine gewisse Bequemlichkeit im Ausdruck. Spreche ich zum Beispiel von einem weichen t, so ist leicht einzusehen, dass darunter der dem t entsprechende weiche Consonant d verstanden ist. Ebenso kann ich auch d ein weiches n oder ein weiches s nennen, ng ist ein nasales k, das französische j ein sanftes seh, das eng- lische w ein sanftes m.

Brücke eifert zwar (Seite 31, 57) gegen die Auffassung, dass zum Beispiel p und b als harter und weicher Laut ein- ander gegenüberstehen, aber, wie mir scheint, nicht mit Recht. Zur Hervorbringung des Brummens ist eine gewisse Schwäche des Luftstroma durchaus erforderlich. Wird diese überschritten, so ist ein Brummen nicht mehr möglich. Andererseits ist zur

•) Brücke nennt meine Brummhiute tonende, meine Hauchlaute tonlose. Ich habe hiergegen einzuwenden, das.s nur beim Sprechen mit lauter Stimme zum Bei.spiel w hörbarer ist wie f. Beim Sprechen mit Klüateratimme ist dagegen ein lautiertes f, welches Biücke tonlos nennt, hörbarer als ein lau- tierte.s w, wclclus Brücke als töiu-nd bezcüchmL

14 D e u t s 0 h e H o m o n y m e n.

Hervorbringung eines Hauchlautes eine gewisse Stärke des Luft- stroma unumgänglich nothwendig. Versucht man mit gerin- gerer Stärke des Luftstroms einen Hauchlaut zu sprechen, so ist derselbe unhörbar. Brücke sagt: „Man mag aber den Ver- schluss noch so fest machen, wenn man ihn bei tönender Stimm- ritze eröffnet, so erscheint immer nur die Media, nie die Te- nnis; man mag ihn noch so leicht machen, wenn man ihn bei weit offener Stimmritze durchbricht, erscheint immer die Tenuis, nie die Media." Tönende Stimmritze und sehr fester Verschluss schliessen aber einander g-eofenseitiff aus. Wenn man bei weit offener Stimmritze den Verschluss sehr leicht macht, so hört man gar nichts , weder die Tenuis p, noch die Media b. Von der Richtigkeit dieser Behauptungen kann man sich bei den Reibungslauten noch leichter überzeugen als bei den Verschluss- lauten. Man spreche lautierend mit Flüsterstimme ein leises aber noch deutlich vernehmbares w und öffne dann , während Oberzähne und Unterlippe in derselben Stellung gegen ein- ander verbleiben und bei ungeänderter Stärke des Luftstroms, die Stimmritze; es entsteht kein f, oder wenn man will, ein unhör- bares f. Umgekehrt spreche man mit möglichst starkem Luft- strom ein f. Darauf versuche man mit derselben Stärke des Luftstroms ein w hervorzubringen. Dies erweist sich als un- möglich, da ein starker Luftstrom und ein (lautes oder flüstern- des) Brummen mit einander durchaus unverträglich sind.

Was ist überhaupt bei den Gonsonanten , die ich sanfte und weiche nenne, das charakteristische? Ist es die Veren- ' gung der Stimmritze, das heisst das Brummen, oder ist es die Schwäche des Luftstroms? Ich bin der Meinung, dass das eine Merkmal ebenso charakteristisch ist wie das andere, dass das Bewusstsein, einen sanften oder weichen Consonanten zu vernehmen, ebenso gut zu Stande kommt, wenn der betreffende Consonant von einem Brummen begleitet, wie wenn er mit hin- reichend schwachem Luftstrome gebildet wird. Die Richtigkeit dieser Behauptung scheint mir aus folgendem Experiment her- vorzugehen. Es ist möglich ein f auszusprechen, während die Communication zwischen der Stimmritze und dem Munde unter- brochen ist. Der Reibuagslaut wird alsdann nur vermittelst der in der Mundhöhle anfändich enthaltenen Luft hervor-

Deutsche Vlonionymen 15

gebracht. Es ist aber auch mösHcli , auf dieselbe Weise ein w zu bilden, wenn man nur die Luft mit hinreichender Schwäche durch die einander genälierten Oberzähne und Unterlippe hin- durch entweichen lässt. Mir wenigstens gelingt es , mit einem solchen f und einem solchen \v die Wörter Erack und Wrack so hervorzubringen , dass der Hörende immer dasjenige Wort vernimmt, welches ich eben habe aussprechen wollen. Bei der genannten Bildungsweise des w ist aber die Möglichkeit des (lauten oder leisen) Brummens vollständig ausgeschlossen.

Wenn man nun die verschiedenen möglichen Sprachlaute mit einander vergleicht, so hat man oft Gelegenheit, sowohl unerwartete Uebereinstiramung, wie auch unerwartete Verschie- denheit zu beobachten. Als Beispiel unerwarteter Ueberein- stiramung können die verschiedenen Erzeugungsweisen des p dienen. Der zur Entstehung des p nothwendige Verschluss wird für gewöhnlich durch Ober- und Unterlippe hervorgebracht. Statt durch Ober- und Unterlippe kann aber p ausserdem her- vorgebracht werden 2) durch Oberlippe und Oberseite der Zunge, 3) durch Unterseite der Zunge und Unterlippe, 4) durch Oberzähne und Unterlippe, 5) durch ( )berlippe und Unterzähne.

Zu den beiden letzten Entstehungsweisen des p ist es noth- wendig, dass zwischen den betreffenden Schneidezähnen keine Lücken vorhanden sind. Kleinere Lücken kann man übrigens leicht mit Wachs verkleben.

Brücke giebt nur zwei Bildungsarten des p an, nämlich ausser der gewöhnlichen die, welche oben als vierte genannt ist. Aus der Thatsache , dass der zur Entstehung von p noth- wendige Verschluss auch durch die Oberlippe und die obere Seite der Zunge gebildet werden kann , folgt aber mit Evi- denz , dass eine so strenge Eintheilung der Consonanten in p- Laute, t-Laute und k-Laute, wie Brücke sie machen will, nicht durchführbar ist. Seine Eintheilung (Seite 31 seines Buches) ist allerdings sehr einfaclr und schön. Es folgt aus derselben, dass jeder Consonant, zu dessen Bildung die Unterlippe ge- braucht wird, ein p-Laut ist, weiter jeder Consonant, an dessen Erzeugung der vordere Thcil der Zunge Autheil ninnnt, ein t-Laut, endlich jeder Consonant, der diirch Mitwirkung des mittleren oder hinteren Theils der Zunge entsteht, ein k-Laut;

Deutsche Homonymen.

aber nach dieser Eintheilung gehört das durch Oberhppe und Oberseite der Zunge gebildete p (nebst den entsprechenden weichen , scharfen , sanften und nasalen Consonanten) zu den t-Lauten. Wir werden weiterhin sehen, dass auch das deutsche j und der entsprechende scharfe Laut mit ebenso gutem und mit ebenso geringem Rechte den t-Lauten beizuzählen sind wie den k-Lauten.

Als Beispiel unerwarteter Verschiedenheit kann das Fol- gende dienen, welches uns unserem eigentlichen Ziele, der Be- trachtung der Aussprache des g, wieder näher führt. Brücke bemerkt ganz richtig, dass das k in dem Worte Kiemen ein anderes ist, wie das k in dem Worte kamen. Bei dem ersten Worte wird der zur Bildung des k nöthige Verschluss durch einen mehr nach vorn gelegenen, bei dem zweiten Worte durch einen mehr nach hinten gelegenen Theil des Zungenrückens hergestellt. Dennoch sind beide k, die ich vorderes und hin- teres k benennen will, durch das Gehör kaum zu unterscheiden. Man möchte vermuthen, dass die den beiden k entsprechenden scharfen ch in ebenso geringem Maasse von einander verschie- den wären. Das vordere ch wird gespi'ochen in China, oder siech, das hintere in Chaos oder brach. Diese beiden ch sind aber in ihrem Klange gar nicht mit einander zu verwechseln. Um sich hiervon zu überzeugen bilde man etwa von dem Buch- staben A das Diminutivum A-chen und vergleiche dieses Wort mit dem Namen der Stadt Achen. Da in beiden Wörtern die erste Silbe lang ist, so unterscheiden sie sich nur durch das ch. Es bedarf nur der geringsten Aufmerksamkeit, um zu hören, wie sehr die Wörter Achen mit vorderem ch und Achen mit hinterem ch von einander verschieden sind. Dasselbe Verhält- niss zeigen die Wörter Kuchen und Kuhchen oder q-chen. Das W^ort Dolch wird mit vorderem ch gesprochen. Ersetzt man dasselbe durch das hintere ch, so nimmt das Wort Dolch einen ganz ungewohnten Klang an. Ich muss indessen bemer- ken, dass viele Deutsche das dem k in kamen entsprechende ch nie verwenden, sondern statt dessen ein noch weiter nach hinten liegendes ch, welches ich hinterstes ch nenne. Dieses hinterste ch wird im schweizerischen Dialect sehr häufig gebraucht, sogar hinter i, zum Beispiel in wirklich, nicht. Ebenso wird

Deutsche Homonymen. K

In der Schweiz auch ein hinterstes k gesprochen, und zwar meistens in Verbindung mit dem hintersten cii. So wird „kön- nen'' gesprochen wie chönnen oder wie kchönnen mit hinterstem k und eh. Brücke hält die Hervorbrinouno; eines hintersten k für unmöglich (Seite 45); es wird aber, wie gesagt, von den Schweizern in sehr ausgedehntem Maasse angewandt. Ebenso wie manche Deutsche das hintere ch, dem k in kamen ent- sprechend, nie aussprechen und deshalb ohne besondere Ein- übung auch nicht aussprechen können, so haben andere nicht gelernt, das hinterste ch hervorzubringen. Die Erlernung des- selben ist übrigens leicht und ich führe sie hier an , weil ein neues Beispiel unerwarteter Verschiedenheit daraus hervorgeht. Es wird wohl keinem Deutschen unmöglich sein, ein nicht schnarrendes r hervorzul)ringcn. Dieses nicht schnarrende r ist aber nichts anderes als ein sanftes hinterstes k. Wenn man nun diesen bninnnenden Reibungslaut, der als solciier beliebig lange andauernd ges[)rochen werden kann, ertönen lasst, dann aber zu brummen aufhört und gleichzeitig die Stärke des Luft- stroms erhöht, so entsteht das hinterste ch. Eine so nahe Ver- wandtschaft des gewiihnlichen, nicht schnarrenden r mit dem ch ist gewiss merkwürdig; und unerwartet zu nennen.

Um nun endlich zum g zurückzukonunen, muss ich die Frage aufwerfen : Was für ein Laut ist j , das gewöhnliche deutsche j in „jeder" oder „jung?" Man kann sich leicht da- von überzeugen, dass der brummende lieibungslaut j, was seine Entstehung' betrifft, die grösste Aehnlichkeit mit dem sanften s hat. Für das letztere lassen sich ganz gut vier Entstehungs- weisen unterscheiden. Man kann erstens die Zungenspitze an den vordersten Rand dcs'Ciaumens halten, wo aus demselben die oberen Schneidezähne entspringen. Es bedarf nur einer frt.<t unmerklichen Aeiiderung in der Lage der Zunge, um statt dieses ersten sanften s (Brücke nennt es das alveolare) ein j hervorzubringen. Ein zweites s entsteht, während die Zungen- spitze die Unterzähne berührt , der Zungenrücken aber dem Theile des (laumens nahe gebracht wird, in welchem die eigent- liche Gaumenwölbung begiimt. Auch aus diesem (Brücke's dorsalem) s entsteht durch eine höchst geringfügige Aendcruug der Zungenstellung ein j. Drittens entsteht ein s, welches ich

Archiv f. 11 Sprachen XXXVI. *

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Dtrutiiii»- liumouvmeD.

vorderes cerebrales 3 nenne, durch Annäherung der Zungen- gpitze an den eben bezeichneten Anfang der Gaumen wülbung. Auch diesem s entspricht ein j von ganz gewöhnlichem Klange. Endlich lässt sich noch durch Annäherung der Zungenspitze an die Gaumenwölbung selbst das hintere cerebrale sanfte s er- zeugen, welches jedoch ebenso wie das entsprechende hintere cerebrale j einen etwas ungewöhnlichen Klang hat. Ich finde, dass man dieses j am leichtesten hervorbringen kann , wenn man demselben ein d vorhergehen lägst, bei welchem natürlich ebenfalls die Zungenspitze mit der -Gaumen wölbung in Berüh- rung gebracht werden muss. K^h bemerke noch, dass es zur llervorbringung des vorderen und hinteren cerebralen santlen s und j unumgänglich nothwendig ist, sowohl Oberlippe und Unterlippe , als auch Oberzähne und Unterzähne hinreichend weit auseinander zu halten. Unterlässt man dies, so verwan- delt sich das sanfte s oder j in ein sanftes seh (französisches j). Wenn nun nach diesen Thatsachen das j unzweifelhaft zu den t-Lauten zu zählen ist, so lässt es sich nicht leugnen, daas dem Klange nach das j die grösite Aehnlichkeit mit den k- Lauten hat. Jedem sanften j entspricht ein scharfer Laut. Die Deutschen wenden denselben an in französischen Wörtern wie Serail, Conseil, und es liegt auf der Hand, dass das scharfe j von dem vorderen ch, welches in Talg, Kelch gesprochen wird, kaum zu unterscheiden ist. Ich möchte deshalb das j als sanfles vorderstes ch bezeichnen, so dass im Ganzea vier Arten von ch, nämlich vorderstes, vorderes, hinteres und hin- terstes ch existiren. Durch diese Klangverwandtschaft hat sich nun Brücke verführen lassen, die oben mitgetheilten That- sachen über die Entstehung des j gänzlich zu übersehen , imd in Folge dessen eine offenbar unrichtige Ansicht über die Bil- dung des j aufzustellen. Er hält nämlich das j für ein sanfles vorderes k oder ch. Das vordere k in Kiemen oder Musik und das vordere ch in China oder siech werden genau durch dieselben .Mundtheile gebildet. Sucht man aber hierzu den entsprechenden sanften Laut, so findet man nicht j, sondern einen von j ganz deutlich verschiedenen Laut. Das dorsale j hat mit dem vorderen k oder ch seiner Bildung nach noch die mei:*te AehnHchkeit. Aber auch hier fühlt man sehr deutlich,

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Deutsche Homonyme D. 19

wie beim Aussprechen des ch in China ein anderer und zwar mehr nach hinten o:eleo:ener Theil des Zuncjenrückene dem Gau- inen genähert wird als bei dem j in jieb (berlinisch statt gieb).

Hiernach ist es nun sehr klar, warum Brücke das g weich (als brummenden Verschlusslaut) und nicht sanft (als brum- menden Reibungslaut) ausgesprochen haben will. Das wirk- liche sanfte vordere k ist nämlich Brücke ganz unbekannt. Er meint das j sei dieser Buchstabe, ^^'enn er also gesagt hätte, das g vor i. e und ähnlichen V^ocalen müsste als Reibungslaut gesprochen werden, so würde dies geheisseu haben, gieb müsste lauten wie jieb. Egge wie Eye. Eine solche Aussprache würde aber auch ich für nichts weniger als correct erklären. Mein g in gieb und Egge ist ein Zwischenlaut zwischen j und dem- jenigen sanlten hinteren k. welches ich in gar spreche. Dieses sanfte hintere k ist Brücke bekannt, aber nur im Plattdeutschen und im Neugriechischen (Seite 48). Immerhin ist es njerk- würdig, dass Brücke als Beispiel für dieses plattdeutsche g das Wort la"^*y- (Lüge) anführt. Brücke bezeichnet nämlich mit dem Exponenten 2 diejenigen k-Laute, die ich hintere nenne und die nur in Verbindung mit a, o, u gebraucht werden. Hinter dem Vocal a ■* ist aber jedenfalls nur ein vorderer k- Laut zu erwarten. Ausserdem ist es auffallend, dass auch Brücke (Seite 60) angiebt, es werde das g in einem grossen Theil von Norddeutschland als Reibungslaut gesprochen. Denn dass in einem grossen Theile von Norddeutschland das g in Wörtern wie gieb, gehen, Güte, göttlich wie j gesprochen wird, glaube ich sehr bezweifeln zu dürfen. Es liegt hiernach die Verrauthung nicht ganz fern, dass Brücke das sanfte vordere k, welches ich in Lüge spreche, nicht unbekannt war, und dass er es nur deshalb unerwähnt Hess, weil er es in seinem System nicht unterzubringen wusste.

Ich halte es somit für gerecht fe rt i cft , wenn ich unter den Wörtern gleicher Aussprache und verschiedener Schreibweise Wörter wie taucht und taugt, nicht aber Wörter wie Werg und Werk aufgeführt habe.

Es mag mir gestattet sein, der ubigen Auseinandersetzung noch die Vorstellung anzuschliessen, die ich mir über die Ent- stehung des scharfen und des sanften seh' gebildet habe.

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18 Deutsche Homonymen.

vorderes cerebrales s nenne, durch Annäherung der Zungen- spitze an den eben bezeichneten Anfang der Gaumen wölbung. Auch diesem s entspricht ein j von ganz gevvöhnhchem Klange. Endlich lässt sich noch durch Annäherung der Zungenspitze an die Gaumen Wölbung selbst das hintere cerebrale sanfte s er- zeugen, welches jedoch ebenso wie das entsprechende hintere cerebrale j einen etwas ungewöhnlichen Klang hat. Ich finde, dass man dieses j am leichtesten hervorbringen kann , wenn man demselben ein d vorhergehen lässt, bei welchem natürlich ebenfalls die Zungenspitze mit der -Gaumenwölbung in Berüh- rung gebracht werden nmss. Ich bemerke noch, dass es zur Hervorbringung des vorderen und hinteren cerebralen sanften s und j unumgänglich nothvvendig ist, sowohl Oberlippe und Unterlippe, als auch Oberzähne und Unterzähne hinreichend Aveit auseinander zu halten. Unterlässt man dies, so verwan- delt sich das sanfte s oder j in ein sanftes seh (französisches j). Wenn nun nach diesen Thatsachen das j unzweifelhaft zu den t-Lauten zu zählen ist, so lässt es sich nicht leugnen, dass dem Klange nach das j die grösste Aehnlichkeit mit den k- Lauten hat. Jedem sanften j entspricht ein scharfer Laut. Die Deutschen wenden denselben an in französischen Wörtern wie Serail, Conseil, und es liegt auf der Hand, dass das scharfe j von dem vorderen ch, welches in Talg, Kelch gesprochen wird, kaum zu unterscheiden ist. Ich möchte deshalb das j als sanftes vorderstes ch bezeichnen, so dass im Ganzen vier Arten von ch, nämlich vorderstes, vorderes, hinteres und lün- terstes ch existiren. Durch diese Klang-veruandtschaft hat sich nun Brücke verführen lassen, die oben mitgetheilten That- sachen über die Entstehung des j gänzlich zu übersehen, und in Folge dessen eine offenbar unrichtige Ansicht über die Bil- dung des j aufzustellen. Er hält nämlich das j für ein sanftes vorderes k oder ch. Das vordere k in Kiemen oder Musik und das vordere ch in China oder siech werden trenau durch dieselben Mundtiieile gebildet. Sucht man aber hierzu den entsprechenden sanften Laut, so findet man nicht j, sondern einen von j ganz deutlich verschiedenen Laut. Das dorsttle j hat mit dem vorderen k oder ch seiner ßilduny; nach noch die meiste Aehnlichkeit. Aber auch hier fühlt man sehr deutlich,

Deutsclie Homonymen. 19

wie beim Aussprechen des ch in China ein anderer und zwar mehr nach hinten crelesener Theil des Zunuenrückens dem Gau- men genähert wird als bei dem j in jieb (berlinisch statt giebj.

Hiernach ist es nun selir klar, Avarum Brücke das g weich (als brummenden Verschlusslaut) und nicht sanft (als brum- menden Keibungslaut) ausgesprochen haben will. Das wirk- liche sanfte vordere k ist nämlich Brücke ganz unbekannt. Er meint das j sei dieser Buchstabe. \A'enn er also gesagt hätte, das g vor i, e und ähnlichen Vocalen müsste als Reibungslaut gesprochen wei-den, so würde dies geheissen haben, gieb müsste lauten wie jieb, Kgge wie Ejje. Eine solche Aussprache würde aber auch ich für nichts weniger als correct erklären. Mein g in gieb und Egge ist ein Zwischenlaut zwischen j und dem- jenigen sanften hinteren k, welches ich in gar spreche. Dieses sanfte hintere k ist Brücke bekannt, aber nur im Plattdeutschen und im Neugriechischen (Seite 48). hnmerhin ist es merk- würdig, dass Brücke als Beispiel für dieses plattdeutsche g das Wort la"^y2 (Lüge) anführt. Brücke bezeichnet nämlich mit dem Exponenten 2 diejenigen k-Lautc, die ich hintere nenne und die nur in Verbindung mit a, o, u gebraucht werden. Hinter dem Vocal a''* ist aber jedenfalls nur ein vorderer k- Laut zu erwarten. Ausserdem ist es auffallend, dass auch Brücke (Seite ()0) augiebt, es werde das g in einem grossen Theil von Norddeutschland als Keibungslaut gesprochen. Denn dass in einem grossen Theile von Norddeutschland das g in Wörtern wie gieb, gehen, (nite, göttHch wie j gesprochen wird, glaube ich sehr bezweifeln zu dürfen. Es liegt hiernach die Vermuthung nicht ganz fern, dass Brücke das sanfte vordere k, welches ich in Lüge spreche, nicht unbekannt war, und dass' er es nur deshalb unerwäiuit Hess, weil er es in seinem System nicht uiiterzubrintjen wusste.

Ich halte es somit für gerechtfertigt, wenn ich unter den Wörtern gleicher Aussprache und verschiedener Schreibweise Wörter wie taucht und taugt, nicht aber Wörter wie Werg und Werk aufgeführt habe.

Es mag mir gestattet sein, der obigen Auseinandersetzung noch die V^orsteliung anzuschJiesaen, die ich mir übei- die Ent- stehung des scharfen und des sanften seh gebildet habe.

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20 Deutsche Homo II ymen.

Brücke sagt hierüber auf Seite 63: „Zusammengesetzt nenne ich die Laute, welche dadurch gebildet werden, dass die Mundtheile gleichzeitig für zwei verschiedene Consonanten ein- e-erichtet sind. Ich will sie in der Weise bezeichnen, dass ich die einzelnen Consonanten hinter einander schreibe und sie durch Klammern verbinde."

„Solche Laute sind zunächst das seh der Deutschen und das j der Franzosen. Das deutsche seh ist nach der obenange- führteu Bezeichnung zu schreiben [s;^] und zwar nach seiner gewöhnlichen Bildung [s^x^. *) Ich weiss, dass alle neueren Schriftsteller, welche von der Physiologie der Sprache handeln, das seh für einen einfachen Laut halten, aber ihre Angaben über dasselbe finde ich nirgends vollständig und genau. Nur Heusinger hält sichtlich das seh für einen zusammengesetzten Laut, denn er sagt: In manchen Gegenden Deutschlands wird das seh in seine beiden Laute s-ch zerfällt."

„Nach der gewöhnlichen Nomenclatur, welche x und z zu- sammengesetzte Consonanten nennt, ist seh allerdings einfach; aber x und z sind keine zusammengesetzten Consonanten, son- dern einfach zwei aufeinanderfolgende Consonanten, die der Bequemlichkeit halber mit einem Zeichen gesclirieben werden, und ich hielt es nicht für räthlich , mich an eine Nomenclatur zu binden, die sich an einen Brauch knüpft, der Nutzen für Copisten und Setzer, aber keinen für die Lautlehre hat ..."

„Man bringe nur zuerst ein ch hervor und beuge dann, ohne irgend etwas anderes zu verändern, den vorderen Theil der Zunge so weit nach aufwärts, dass er sich zum s' stellt, so wird in demselben Augenblicke das ch in seh verwandelt 'werden."

Mit diesen Ansichten Brücke's bin ich im Allgemeinen durchaus einverstanden. Aber in Beziehung auf die beiden Laute, aus welchen das seh ' zusammengesetzt sein soll, kann ich Brücke nicht beipflichten. Nach meiner Meinung ist in jedem seh ein f enthalten. Für gewöhnlich ist dieses f das- jenige, bei welchem der zu diesem hauchenden Keibungslaute

*) Mit s' bezeichnet Brücke das alveolare scharfe s mit x^ f'as hin- tere ch.

Deut seile II onion yincn. 21

nothwendige im vollkommene Verschluss durch die beiden Zahn- reihen hervorgebracht wird. Brücke kennt dieses f nicht ; es ist auch für dasselbe in seinem System kein Platz vorhanden. Statt dieses f, welches ich das dentale nennen will, kann aber auch das gewöhnliche, durch Oberziihne und Unterlippe her- vorgebrachte eintreten, oder auch das durch Reibung der Luft an Ober- und Unterlippe erzeugte f, welches man als scharfes englisches w bezeichnen kann, und endlich noch das durch Oberlippe und Unterzähne gebildete f Wenn aber auch mit Hülfe der drei zuletzt orenannten f ein «ranz jjutes seh hervor- zubringen ist, so weiss ich doch nicht, ob dieselben in irgend einer Sprache oder in irgend einem Dialect dazu verwendet werden. Für gewöhnlich ist es das dentale f, welches einen Bestandtheil von jedem seh ausmacht. Den Beweis der Rich- tigkeit dieser Meinung finde ich in einer Thatsachc, von der sich jeder mit der grössten Leichtigkeit überzeugen kann. Es ist nämlich durchaus unmöglich, ein seh auszusprechen, ohne dass entweder Oberzähne und Unterzähne oder Oberzähne und Unterlippe oder Oberlippe und Unterlippe oder Oberlippe und Unterzähne einander hiiu'eichend genähert sind. Diese That- sache ist vollkommen unvereinbar mit Brücke's Ansicht über die Kntstehuno: des seh. Denn sowohl das alveolare s wie das hintere ch können bei weit geöffnetem Munde sehr bequem ausgesprochen werden. Ks lassen sich auch beide Laute mit vollkommener licichtigkeit zu einem zusammengesetzten Con- sonannten verbinden. Aber statt eines seh gesprochen klingt diese Combination ganz abscheulich.

Ich habe jetzt weiter nachzuweisen, welches der Consonant ist, der sich mit dem dentalen 1' zu dem gewöhnlichen seh verbindet. Es sind in dieser Beziehung zwei Arten des seh zu imtt^rschoidcn, welche ich cerebrales und palatales seh nennen will. I'h niuss über diese beiden Arten von seh im voraus noch bemerken, das« irgend eine bestimmte Person gewcihnlich ausschliesslich entweder die eine oder die andere Art anwendet. Ich nuiss weiter bemerken, dass jede Art des ech in zwei Unterarten zerfällt, die ich als vorderes imd hinteres seh unter- scheide. Das vordere cerebrale seh ist -eine Uombination dc^ dentalen f mit dem vorderen cerebralen scharien s. Man braucht

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D eilt sein- Ho 111 ony nie 11.

also nur die Zungenspitze dem Rande, an welchem die Gaumen- wölbuno- beginnt, zu nähern und zuerst bei weit geöttnetem Munde das vordere cerebrale s zu bilden. Hebt man darauf wieder die untere Kinnlade, so geht, wenn die beiden Zahn- reihen einander nahe genug gekommen sind, um ein hörbares Reibungsgeräusch entstehen zu lassen, das vordere cerebrale s in das vordere cerebrale seh über. Um das hintere cerebrale seh hervorzubringen, verfährt man in derselben Weise, nur mit dem Unterschiede, dass man die Zungenspitze bis in die Gaumenwölbung selbst hinein erhebt. In Beziehung auf ihre Anwendung verhalten sich vorderes und hinteres seh ganz ebenso zu einander wie vorderes und hinteres eh. Das vordere ch spricht man vor und hinter e, i, ä, ö, ü; neben denselben Vokalen spricht man das vordere seh wie in Scheere, schiessen, Näscher, löschen, Büsche. Das hintere ch spricht man neben a, o, u; ebenso verwendet man in Scham, Scholle, Schuh das hintere seh. Das vordere und das hintere seh unterscheiden sich von einander auch durch den mittönenden Vokal (siehe oben). Das vordere seh erklingt nämlich mit einem zwischen ü und i liegenden, das hintere seh mit einem dem u nahe kommenden Vokal.

Das vordere seh wird ausserdem von den meisten Deutschen in den Verbindungen st und sp am Anfang eines Wortes, wie in Stein, spät gesprochen, während in der Mitte eines Wortes wie in beste, Wespe bei correcter Aussprache das s wie ss lautet. Einige, wenig zahlreiche, Personen halten es für rich- tiger st und sp Btets wie sst, ssp zu sprechen. Da jedoch in allen hochdeutschen Dialecten heutzutage das s zu Anfang eines Wortes vor t und p wie seh gesprochen wird, so möchte ich es für sehr wahrscheinlich halten, dass dieselbe Aussprache schon zu der Zeit bestanden hat, wo das jetzige Hochdeutsch zur Schriftsprache gemacht wurde. Man wird damals die Meinung gehabt haben, die auch jetzt noch Vertreter findet, dass nämlich der Laut des Anfangs-s vor t und p nicht ein wirkliches seh, soiidern ein Zwischenlaut zwischen seh und s sei.*) Diese Meinung liegt allerdings nahe. Wenn man

*) Vergleiche Herrig's Archiv Band 3"2 Seite 146.

Deutsche Homonymen. 23

nämlich hinteres 8ch, vorderes seh und 8 mit einander vergleicht, so hört man, dass das vordere seh ganz gut als Mittellaut zwischen hinterem scIi und s betrachtet werden kann. In Wahrheit hat aber das s in Stein genau denselben Klang wie das seh in schieben. Ich finde, dass der Unterschied zwischen vorderem und hinterem seh am deutlichsten vernehmbar ist, wenn man beide in Wörtern wie Stein, spät vor t und p aus- spi'icht. Die Schweizer sprechen, wenn ich mich recht erinnere, jedes s vor t und p wie hinteres seh. So hörte ich einen Prediger auf der Kanzel sprechen: .,Du weischt nlles am beschten und du machscht alles am beschten." Sobald man annehmen darf, dass schon zu Luthers Zeiten st und sp zu Anfang eines Wortes im Hochdeutschen ebenso ausgesprochen worden sind wie jetzt, so hat man nicht nöthig, diese Verbin- dungen stets wie sst und ssp auszusprechen, was doch, wie ich meine, für die Mehrzahl der Gebildeten wenig angenehm klingt. Das vordere palatale seh ist zusammengesetzt aus dentalem f und vorderem eh. Es entsteht also, wenn man zuerst das eh aus China bei weit geöffneten Munde spricht und dann die Zähne einander iiinreichend nähert. Das hintere palatale seh entsteht durch Vereinigung des dentalen f mit dem hinteren eh. Ueber den Gebrauch des vorderen und hinteren palatalen seh ist nur dasselbe zu sagen, wie über den Gebrauch des vorderen und hinteren cerebralen seh.

Ks versteht sich wohl von selbst, dass bei jedem seh zwischen den beiden die Zusammensetzung bildenden Lauten ein gewisses Verhältniss stattfinden nmss. Wird dieses richtige Verhältniss nicht eingehalten, so kommt ein etwas mangelhaftes 6ch zum Vorschein. Die Nothwendigkeit dieser Vorschriften ergiebt sich aus der folgenden leicht anzustellenden Beobachtung. Man spreche ein cerebrales seh und presse darauf die Zungen- ■"pit/.e starker gegen den (iaumen, während die Anordnung der übrigen Mirndtlieile und namentlich die gegenseitige Entfernung der beiden Zaluneilien ungeändert bleibt. Man wird bemerken, dass sich das scharfe seh in ein scharfe?; s verwandelt. Dies irtt leicht zu erklären. Wenn man den Zwischenraum zwischen Gaumen und Zungenspitze verengt, 8o,wird die Menge der durchströmenden Luft verringert, und der schwächere Luftstrom

94 Deutsche Homonymen.

vernuio- an den Zähnen kein h()vbares Reibungsgeräusch mehr hervorzubringen. Es entsteht mithin kein dentales f mehr, und deshalb hat sich das seh in s verwandelt. Wenn man nun- mehr aber auch die beiden Zahnreihen an einander presst, so kann bei dem geringen Abstände der letzteren auch der schwache Luftstrom ein dentales f hervorbringen, so das§ sich das s wieder in seh zurückverwandelt. Ganz dieselben Versuche lassen sich auch mit dem palatalcn seh ausführen. Wenn man das mit dentalem f zusammenklingende ch stärker articulirt, indem man den Zungenrücken dem Gaumen nähert, so geht das seh in das betreffende ch über. Aber das seh erscheint von neuem, sobald man ausser dem ch auch das dentale f stärker articulirt.

Da jedes seh aus zwei Componenten besteht, so ist das seh stärker hörbar, wie jede der beiden Componenten allein. Wenn man deshalb ein möglichst schwach articulirtes seh her- vorbringt, bei welchem also die betreffenden Mundtheile so wenig wie möglich einander genähert sind, und wenn man darauf den einen der betreffenden unvollkommenen Verschlüsse ganz aufhebt, während die Stärke des Luftstroms, das heisst die Aspiration dieselbe bleibt wie vorher, so verschwindet ausser der ersten Componente auch die zweite. Bringt man zum Beispiel ein sehr schwach articulirtes cerebrales seh hervor und zieht dann die Zungenspitze vom Gaumen zurück, so ent- steht bei uno;eändertem Abstand der Zähne von einander durch den vorher angewandten Luftstrom kein hörbares dentales f mehr.

Interessant ist auch noch folgender Versuch. Man bringe ein cerebrales oder ein palatales seh hervor und öffne dann den Mund so weit, dass das dentale f verschwindet und nur das betreffende s oder ch übrig bleibt. Wenn man nun durch einen oder zwei Finger, sei es von oben oder von unten her, die Mundöffnung hinreichend verengert, so verwandelt sich das s oder ch durch das hinzutretende f wieder in seh.

Für das cerebrale seh ist es charakteristisch, -dass die Zungenspitze dem Gaumen genähert sein muss, während bei dem palatalen seh die Lage der Zungenspitze innerhalb weiter Grenzen beliebig ist. Dieselbe kann an den Unterzähnen an-

Doutsrhc lli'inon vincn. 25

liegen; man kann sie auch von da aus so weit, wie es eben niöslich ist, zurückziehen. INfan kann sie ferner im Munde frei schweben hissen. Endlich kann man sie an eine beliebige Stelle des Gaumens, wie zum 1 fest ansetzen. Wenn man aber die Zunge dem Gaumen nur soweit nähert, dass ein unvoll- kommener V^erschluss, folglich ein Reibungslaut, ein s nämlich entsteht, so sind mehrere Fälle zu unterscheiden. Ist nämlich das s cerebral, so muss, wie man einsieht, eine Combination des cerebralen und des palatalen seh entstehen. Ist zweitens das 8 alveolar, bringt man also die Zungenspitze genau an den Ursprung der Oberzähne, so entsteht kein seh, weil das alveo- lare s die. anderen Laute übertönt. Ebenso entsteht kein seh durch Combination des palatalen seh mit einem dorsalen s.

Alles was hier über das scharfe seh gesagt ist, gilt natürlich in analoger Weise auch von dem sanften seh oder dem fran- zösischen j.

Hiermit will ich meine Vorbemerkungen beschliessen. Dans ich bei der Zusammenstellung der Homonymen aller drei Classen mich nicht auf die gebräuchlichsten Formen der Prosa beschränkt, und dass ich in einzelnen interessanten Fällen auch lateinische Wörter mit aufgenommen habe, wird, wie ich hoffe, keiner besonderen Rechtfertigung bedürfen.

I.

Wörter gleicher Aussprache und gleicher Schreibweise.

Adler oder Aar, Rhein und Aar.

A'erbannnng oder Acht, sieben und acht, Obacht oder Acht.

Aufzügen oder Acten. Papier und Acten.

Himmelsraum und Aether, Hoflf'mannstropfen und Aetlier.

Voreltern und Ahnen, weissagen und ahnen.

aber oder allein, einsam und allein.

befohligpn oder anführen, hintergehen oder anführen.

Thiir !uid Angel, Köder und Ang(;l.

Oxhüft und Anker, Tau und Anker.

.Tagd und Anstand, Wind«; und Anstand.

Gewitter im Anzüge, nacldiissig im Anzüge.

26 Deutsche Homonymen.

Bein und Arm, reich und arm.

Gis irnd As, König und As.

Marrokko und Atlas, Seide oder Atlat-, Landkarte oder Atla?.

lustig oder aufgeräumt, weggepackt oder aufgcriiumt.

endigen oder aufhören, aufmerken oder aufhören.

necken und aufziehen, eine Uhr stellen und aufziehen, in die Höhe ziehen oder aufziehen.

Cäsar und August, Juli und August.

Eber und Bache, am Flusse und am Bache.

Ohren und Backen, braten und backen.

Verschiedene Städte Baden, schwimmen und baden.

von Pflanzen und Bäumen, ausschlagen und sich bäumen.

Tanz oder Ball, Kugel oder Ball.

Pakete und Ballen, Riess und Ballen, Sohle und Ballen, die Faust ballen.

Billard und Bande, Horde oder Bande, Fesseln und Bande, dem Theile oder Bande, dem Stricke oder Bande.

Tisch und Bank, Börse und Bank.

Käfig oder Bauer, Ritter und Baue r.

bedeckt oder bedacht, erwogen oder bedacht.

Pascha und Bei, neben und bei.

Verhalten oder Benehmen, entziehen oder benehmen.

di-essiren und bereiten, verfertigen und bereiten.

Rügen und Bergen, verwahren und bergen, Hügeln und Bergen.

abfertigen und bescheiden, schüchtern und bescheiden.

erstaunt oder betreten, beschreiten oder betreten.

Täuschung oder Betrug, machte aus oder betrug.

Probst und Bischof, Punsch und Bischof.

Darm und Blase, wehe und blase.

Karpfen und Blei, Kupfer und Blei.

Schaf und Bock, Kutscher und Bock.

Grund und Boden, Dachraum oder Boden, Decke und Boden.

Geldbeutel oder Börse, Bank und Börse.

Pfeil und Bogen, krümmten und bogen.

streichen und b o h n e n , Erbsen und Bohne n.

Staffetten und Boten, feilschten und boten.

unbebaut oder brach, bog oder brach.

Deutsche Homonymen. 27

es woge oder bruiule, im Feuer oder Brande.

Allgen und Brauen, kochen und brauen.

kochen und braun, schwarz und braun.

kochst und braust, stürmt und braust.

Bräutigam und Braut, kocht und braut.

Zonen und Breiten, schmalen und breiten, sie streuen und br ei 1 0 n aus.

aufhalten und bremsen, Fliegen und Bremsen.

Bissen und Brocken, Harz und Brocken.

Zähler und Nenner oder Bruch, Riss und Bruch.

Birke und JJuche, im Hefte und im Buche.

Flinto und Büchse, Topfund Büchse.

Lessing und Bürger, Bauer und Bürger.

Papst und Bulle, Stier oder Bulle.

Dom und Capitel, Abschnitt oder Capitel.

Papst und Cardinal, Wein und Cardinal.

Solo und Chor, Schiff und C h o r.

Bataillon und Compagnie, Handelsgesellschaft oder Com- p a g n i e.

als oder da, hier und da.

von Gasen und Dämpfen, bändigen und dämpfen.

Leid thun oder dauern, währen oder dauern.

welcher oder der, die und der.

der und des, Cis und Des.

reimen und dichten, dünnen uttd dichten, dicht machen oder dichten.

Herr imd Diener, Verbeugung oder Diener.

Sachen und Dinge, miethe und dinge.

Gabe oder Dose, Schachtel und Dose.

du nennend oder dutzend, 12 Stück oder ein Dutzend.

glatt und eben, genau oder eben derselbe , vor kurzem oder to e b e n.

Trauung und Ehe, bevor oder ehe.

Schand und Ehr, früher oder ehr.

Buchf-n und Eichen, Nestchen und Eichen.

zwei f)dir ein, aus und ein.

Einsturz odci- Einfall, Idee oder 10 in fall.

des Nestes und des Eis, Wasser und Eis.

28 Deutsche Moniouyme ii,

deufsch lind englisch, himmlisch und englisch.

Schrecken und Entsetzen, kassiren und entsetzen.

gründen und erbauen, erfreuen und erbauen.

Scherz und Ernst, Carl und Ernst, freundlich und ernst.

er und e s , Dis und E s.

Ruhrort und Essen, Schoinsteine und Essen, trinken und essen.

Zwirn und Faden, dummen und faden.

Sonnenschirm und Fächer, Schiebladen und Fächer.

Spur oder Fährt, reitet und fährt.

Schlinge und Falle, unter der Bedingung oder im Falle, stürze und falle.

im Falle dass oder falls, Umsturzes oder Falls.

ergreif oder fass, Tonne oder Fass.

Hand und Faust, Wagener und Faust.

Dinte und Feder, Uhr und Feder.

Dattel und Feige, furchtsame und feige.

Messer und Feilen, schmieden und feilen, käuflichen und feilen.

Gletscher oder Ferner, weiter und ferner.

Spiele und Feste, lose und feste.

Kant und Fichte, Tanne und Fichte.

Digitalis oder Fingerhut, Scheere und Fingerhut.

Trichinen und Finnen, Lappländer und Finnen.

Geschwür und Fistel, Brustton und Fistel.

Moos und Flechte, Zopf und Flechte, winde und flechte.

Dorf und Flecken, Schmutz und Flecken.

Mücken und Fliegen, schweben und fliegen.

Wanze und Floh, entwich und floh.

Kiemen und Flossen, schwammen und flössen.

Ciavier und Flügel, Vogel und Flügel.

Festung oder Fort,*) weg oder fort.

Sclaven und Freien, lieben und freien.

Gottlosen und Frommen, nützen und frommen.

leiten und führen, gingen und führen.

Hengst und Füllen, leeren und füllen.

*) Dieses Wort \\rird auch ebenso wie vor ausgesprochen. Richtig franzÖMsch lautet dasselbe jcdocli weder wie fort noch wie vor.

Deutsche Homonymen 20

Ritze und Fuge, Präludium und Fuge.

Schrecken und Furcht, pflügt und t'urclit.

roh und gar, ganz und gar.

Ländern und Gebieten, befehlen oder gebieten.

Gesetzen und Geboten, l)efohlen und geboten, gehandelt und geboten.

Kämpfe und Gefahren, gegangen und gefahren.

gestürzt und gefallen, zusagen und gefallen, Freude und Gefallen.

ruhig und gefasst, gegriffen und gefasst.

Inhalt oder Gehalt, Besoldung oder Gehalt.

kommt zu und gehört, vernommen und gehört.

gelauscht und gehorcht, befohlen und gehorcht.

ruhig und gelassen, gethan und gelassen.

gesessen und gelegen, willkommen oder gelegen.

versprociien und gelobt, gepriesen und gelobt.

Zimmer und Gemach, ruhig und gemach.

Ehemännern oder Gemahlen, zerrieben oder gemahlen.

Freunde und Genossen, empfunden und genossen.

Werkzeug und Geräth, gelingt oder geräth.

ich habe logirt oder gewohnt, ich bin gewöhnt oder ge- w o h n t.

gefunden und gerathen, gelungen und gerathen, gewarnt und gerat hen.

gegeben oder gereicht, dient oder gereicht zur Ehre.

Speise und Gericht, Strafe und Gericht.

gerächt oder gerochen, geschmeckt und gerochen.

befiehlt und geruht, gerastet und geruht.

weise und gescheut, gefürchtet und gescheut.

gesandt oder gesell ickt, fällig und geschickt.

Stockwerk und Geschoss, Kugel und Geschoss.

Mei.ster und Gesellen, sich vereinigen oder sich gesellen.

nachgedacht oder gesonnen, gc-^innt oder gesonnen.

gesessen und gestanden, geleugnet und gestanden.

erlaubt oder gewährt, gedauert oder gewähr t.

erblickt und gewahrt, gesichert und gewahrt.

klug und gewandt, gedreht und gewann dt.

Ueberzeugung und CJewisstin, hestinimten und gewissen.

30 Deutsche Homonymen.

geneigt und gewogen, gemessen nnd gewogen.

Marburg und Giessen, sprengen und gi essen.

Ungläubiger und Gläubiger, Schuldner und Gläubiger.

Rinnen und Gossen, schütteten und gössen.

Kirchhofe und Grabe, harke und grabe.

Fluss und Graben, scliaufeln und graben.

Diamanten und Granaten, Boraben und Granaten.

Entsetzen und Grauen, schwarzen und grauen.

Straussen und Greifen, fassen und greifen.

Heimchen oder Grille, Einiall und Grille.

aufwiesen und Gründen, erbauen und gründen.

Stiefel und Hacken, graben und hacken.

Gluck und Händel, Streit und Händel.

Topf oder Hafen, Schiff und Hafen.

Huhn und Hahn, Drücker und Hahn, Spund und Hahn.

Leipzig und Halle, Säulengang oder Halle, töne und halle.

bieten und handeln, sprechen und handeln.

Gummi und Harz, Bi-ocken und Harz.

Eile und Hast, besitzest oder hast.

Hals- und H a u p t schmuck. Neben- und H a u p t schmuck.

wohne und hause, im Garten und im Hause.

Stör und Hausen, toben und hausen.

schlägst und haust, wohnt und haust.

Fleisch und Haut, schlägt oder hau t.

Hirt und Heerde, am Feuer und am He er de.

Wiesen und Heiden, Türken nnd Heiden.

kalten und heissen, nennen oder heissen.

Pfennig und Heller, dunkler und heller.

Frühlinge und Herbste, bitterste und herbste.

Haus und Hof, König und Hof.

Decke und Hülle, wickle oder hülle ein.

Mützen und Hüten, beschirmen und hüten.

Fusse und Hufe, Morgen und Hufe.

vorsichtig oder auf der Hut, Kupf und H u t.

Meister und Jünger, älter und jünger.

Mädchen und .Jungen, alten und jungen.

Lilie und Kaiserkrone, Krönungsmantel und Kaiserkrone.

Derwisch und Kalender, Zeitrechnung und Kalender.

Dc'utsclie lloiii o II yiuen. 31

Hahn uiul Kamm, Bürste und Kamm.

Stube und Kammer, Ministerium und Kammer.

Zwiebeln und Kapern, entern und kapern.

Atlas und Karte. Würfel und Karte, Verfassung und Karte.

Kisten und Kasten, Soeten und Kasten.

wenden und kehren, legen und kehren.

Tanne und Kiefer, Zahn und Kiefer.

Lübeck und Kiel, Steuer und Kiel, Feder und Kiel.

Hefte und Klingen, tönen oder klingen.

Ritter und Knappe, weite und knappe.

Kunstgriff oder Kniff, Stuss und Kniff, stiess und kniff.

Schiller und Körner, Samen und Kiu-ner.

im Grase und im Kohle, Feuer und Kohle, Kohlstaude, kohl schwurt.

Kasten und Korb, Jawort und Korb.

schmecken oder kosten, gelten oder kosten, Ausgaben und Kosten.

Raben und Krähen, schreien und krähen.

Kragen und Krause, glatte und krause.

Hummer und Krebs, Geschwür oder Krebs.

G ulden und Kreuzer, Kaper und Kreuze r.

Henne und Küchlein, Brötchen und Küchlein.

Käufer oder Kunde, Botschaft oder Kund e.

Pfützen und Lachen, weinen und lachen.

Kisten und Laden, Fenster und Laden, Kaufmann und Laden, «chiessen und laden, einladen oder laden.

Schichten und Lagen, standen oder lagen.

Maske oder Larve, Puppe oder Larve.

Garten und Laube, im Grase und Laube.

warten oder lauern, heissern und lauern.

Zither und Laute, Time und Laute, leise und laute.

rein und lauter, leiser und lauter, nichts als Lügen odei' lauter Lügen.

Hannover und Lehrte, predigte und lehrte.

Ocker und Leine, Strick und Leine.

Kanten und Leisten, Stiefel und Leisten, können und leisten

Treppe und Leiter, Fiilu'tT und L e i t e y.

Tanne \ind Lerche, Nachtigall und Lerclie.

32 Deutsche Homonymen.

Erndte und Lt^se, schreibe und lese, erfrischte und letzte, erste und letzte. Kerzen und Lichter, heller und lichter. Buche und Linde, leise und linde.

Zoll und Linie, Strich und Linie, Aequator oder Linie. Brillenglas oder Linse, Erbse und Linse, mit Betrügereien und Listen, Verzeichnisse oder Listen. Haare und Locken, rufen und locken. Gewinne und Lose, feste und lose.

Quentchen und Loth, Klempner und Loth, Perpendikel und Loth.

Gewalt oder Macht, thut oder macht, kleine Made oder Mädchen, Knabe und Mädchen. Pferd oder Mähre, Sage oder Mähre. Aprils oder Mais, türkischer Weizen oder Mais. Traube und Mandel, Schock und Mandel, Zäpfchen und Mandel.

Rolle oder Mangel, Bedürfniss oder Mangel.

Knochen und Mark, Grafschaft und Mark, Schilling und Mark.

Schiff und Mast, Fütterung und Mast.

Wiese oder Matte, Teppich und Matte, müde und matte.

glauben oder meinen, deinen oder meinen.

Quantität oder Menge, mische oder menge.

Hochamt oder Messe, Jahrmarkt und Messe, wäge und messe.

Dirne oder M e t z e , Scheffel und M e t z e.

Haubitze und Mörser, Reibschale und Morse r.

Bedeutung oder Moment, Augenblick oder Moment.

Jahre und Monde, Sterne und Monde.

Abend und Morgen, heute und morgen, Hufe und Morgen.

Bielefeld und Münster, Dom oder Münster.

es schmecke oder munde, im Herzen und im Munde,

Ferne und Nähe, stricke und nähe.

weitre oder nähre, futtere oder nähre.

Finger und Nagel, Hammer und Nagel.

Saum oder Naht, kommt und naht.

mit Angeln und iSetzcii. bfgicssen und netzen.

Deutsche Homonymen. 33

löthe und niete, Gewinn und Niete.

Ton oder Note, Beniei'kung oder Nole.

Anuir und Ob, wenn und ob, oberluilb oder ob.

zu Unterst und zu oberst. Major und Oberst.

Elbe und Oder, entweder odei-.

Pesth und Oien, Kamin und Ofen.

Onkel oder Ohm, Oxhoft und Ohm,

conveniren oder passen, mit.^piclen oder passen.

Legitimation oder Pass, Gebirgsübergang oder Pass.

Schirmherren und Patrone, Gewehr und Patrone.

Cigarre und Pfeife, Flöte und Pfeife, singe und pfeife.

Sultan und P f o r t e , Thür und Pforte.

Dummkopf oder Pinsel, Farbe und Pinsel.

Whist und Piquet, Schwadion und Piquet.

Ebene oder Plan, Vorhaben oder Plan, Zeichnung oder Plan.

am Orte odei- Platze, berste oder platze.

Russe und Pole, Aequator und Pole.

Warschau und Posen, Federn und Pose n.

Comparativ und Positiv , negativ und p o s i t i v,

Eisenbahnen und Posten, Schilderhaus und Posten, Summe und Posten.

Zeitung und Presse, Kelter und Presse, drücke und presse.

Abt und Probst, prüfst oder probst.

Spielzeug und Puppe, Larve und Puppe.

Sälen und Räumen, leeren und räumen. '

Würde und Rang, stritt und rang.

Gras und Rasen, toben und rasen.

warnen und rathen, vermuthen und rathen.

im Taumel und Rausche, ich lärme und rausche.

linken und rechten, falschen und rechten, prozessiren oder rechten, Gesetzen und Rechten.

Schnee und Regen, bewegen und regen, lebhaften und regen.

Kaiser und Reich, arm und reich.

Ländern und Reichen, Armen und Reichen, geben und reichen.

Nebel und Reif, unreif und reif.

Tonnenband und Reifen, wachsen und reifen.

Zucker und Reis, Zweig und Reis.

Archiv f. II Si>raclicii. XXXVI. 3

st Deutsche Homonymen.

Reife und Ringe, kämpfe und ringe.

Stör und Rochen, schmeckten und rochen.

Griechen und Römer, Pokal und Römer.

Packet und Rolle, Walze und Rolle, wasche und rolle, Schauspieler und Rolle.

Nelke und Rose, Entzündung und Rose.

Schulter und Rücken, bewegen und rücken.

Pommern und Rügen, Verweise und Rügen, tadeln und rügen,

Stock und R u t h e , Meile und R u t h e.

Mulde und Saale, im Zimmer oder Saale.

Näthen und Säumen, nähen und säumen, zögern oder säumen.

Seide und Sammt, mit oder sammt.

Einsatz oder Satz, Sprung oder Satz, Periode oder Satz, Bodensatz oder Satz.

Kern und Schale, geschmacklose und schale, Schüssel und Schale.

schimpften oder schalten, walten und schalten.

leihen oder schenken, einschenken oder schenken.

Scheunen oder Scheuern, furchtsamem oder scheuern, reinigen oder scheuern.

senden und schicken, sich passen oder schicken.

Mergel und Schiefer, gerader und schiefer.

Eisenbahnen und Schienen, glänzten und schienen.

Thüren und Schildern, beschreiben und schildern.

Pilze und Schimmel, Rappen und Schimmel.

Kämpfe und Schlachten, tödten und schlachten.

Schlaganfall oder Schlag, Art oder Schlag, Stoss und Schlag.

wanden und schlangen, Vipern und Schlangen.

Hechtchen und Schleiehen, horchen und schleichen.

Bänder und S ch 1 e ife n , schleppen imd schleifen, wetzen oder schleifen.

Palast oder Schloss, Riegel und Schloss, endigte und seh loss.

der Husten und der Schlucken, essen und Schlucken.

erschaffen oder schöpfen, Wasser holen oder schöpfen. Flunder und Scholle, Acker und Seh olle.

Deutsche Homonymen. So

Kisten und Schränken, wir beschränken oder schränken ein.

Grenze und Schranke, im Kasten oder Schranke.

Schrank oder Schrein, rufen oder seh rein.

Jäger und Schützen, schirmen und schützen.

Enthusiast oder Schwärmer, Rakete und Schwärmer.

Pilz und Schwamm, floss und schwamm, Zunder und Schwamm.

mit Mähnen und Scli weifen, irren und schweifen.

Thüren und Schwellen, blähen und schwellen.

Gewissensbisse und Scrupel, Drachme und Scrupel.

Schreiber oder Secretair, Pult oder vSecretair.

das Meer oder die See, das Binnen wasser oder der See.

Kreis und Sehne, wünsche und sehne, Knochen und Sehne.

mein und sein, scheinen oder sein.

sechs und sieben, beuteln und sieben, böse Sieben, Netzen und Sieben.

Gebräuche und Sitten, Sion oder Sitten.

Militairarrest oder Soldatenhaft, kriegerisch und soldaten- haft.

Duett und Solo, Whist und Solo.

spuckst oder speist, füttert und speist. -

spucktest oder spiest, tränktet und spiest.

nähen und spinnen. Fliegen und Spinnen.

Mops und Spitz, stumpf und spitz.

giessen und sprengen, zertrümmern und sprengen.

Blindheit und Staar, Sperling und Staar.

Putz oder Staat, Reich oder Staat.

Generalstab oder Stab, Stock oder Stab.

härten und stählen, betrögen und stählen.

Classen und Stände, süsse oder stände.

Kleister und Stärke, Kraft und Stärke.

Eisen und Stahl, betrog und stahl.

an Stelle oder statt, Stelle oder Statt.

Stab oder Stecken, stechen und stecken.

Wege oder Steige, falle und steige.

Aemter und Stellen, legen und stellen.

entgegentreten oder steuern, lenken oder steuern, Abgaben

oder Steuern.

3ij Deutsche liomonymen.

Treppen oder Stiegen, fielen und stiegen.

Kuh und Stier, bleicli und stier.

Dom und Stift, Nagel und Stift.

Bienenkorb oder Stock, Etage oder Stock, Stecken oder Stock.

Lachse und Störe, beunruhige oder störe.

Schlag oder Stoss, Actenhaufen oder Stoss.

Kranz und Strauss, Kasuar und Strauss, Kampf oder Strauss.

Possen und Streiche, streiche aus oder streiche, pinsele und streiche.

mit Strichen und Streifen, irren und streifen.

Zoll und Strich, Feder und Strich, Kragen oder Strich, sdillff oder strich.

mit Seilen und Stricken, nähen und stricken.

das Studium und die Studien, die Studie und die Studien.

Minuten und Stunden, borgen und stunden.

Nächten und Tagen, berathen und tagen.

Noten und Tasten, fühlen und tasten.

Ente und Taube, Stumme und Taube.

Bibel und Testament, Erbschaft und Testament.

Narr oder Thor, Thür und Thor.

Dichten und Trachten, Kleidungen oder Trachten.

Fleissiger oder Träger, Tragender oder Träger.

Speisen und Tränke, Weide und Tränke, ässe und tränke, füttere und tränke.

copuliren oder trauen, glauben und trauen.

liebe und traute, copulirte und traute, glaubte und traute.

Instinct oder Trieb, Knospe oder Trieb, drängte und trieb.

Schlacht oder Treffen, schiessen und treffen.

Krippe und Trog, log und trog.

lügen und trügen, brächten und trügen.

Lug und Trug, log und trug, hob und trug.

überdeckt und überdacht, überlegt und überdacht.

examiniren und überhören, vernachlässigen oder überhören.

stärker oder überlegen, bedenken oder überlegen.

spuken oder umgehen, einen Umweg machen oder umgehen, verkehren oder umgehen.

Deutsche floinonymen 37

Veränderung oder Umschlag, Einband und Umschlag.

ohne Dach oder unbedacht, unüberlegt oder unbedacht.

Panther und Unze, Loth und Unze.

Giftmischer und Vatermörder, Kragen und Vatermörder.

verleihen oder verborgen, offenbar und verborgen.

übel genommen oder verdacht, Argwohn oder Vordach f.

verzeihen und vergeben, vergiften und vergeben, falsch Karten geben oder vergeben.

Verbrochen und Vergehen, verfliessen und vergehen.

verlieren und verlegen, herausgeben imd verlegen, beschämt und verlegen.

Burg und Verliess, liess allein oder verliess.

kühn und vermessen, abwägen und vermessen, falsch mes- sen oder sich vermessen.

sucht und vermisst, wägt und vermisst.

gestorben und verschieden, gleich und verschieden.

verknüpfen und verschlingen, verschlucken und ver- schlingen.

Hiebe ertheilen oder versetzen, verpfänden oder versetzen, umstellen oder versetzen, antworten oder versetze n.

halten und versprechen, unrichtig sprechen oder sich ver- sprechen.

verschwägert und verwandt, gebraucht und verwandt.

vorgeben oder verziehen, umziehen oder verziehen, warten oder verziehen, verzärteln oder verziehen.

bestreicht mit Wachs oder wächst, gedeiht und wächst.

flechteteu oder wänden, Mauern oder Wänden.

Pferde und Wagen, Gewichte und Wagen, versuchen und wagen.

beschützen und wahren, falschen und wahren.

pilgern oder wallen, wogen oder wallen.

tanze und walze, Cylinder und Walze.

Mauer oder Wand, flocht und wand.

Zinne und Warte, lauero oder warte

Pfaden und Wegen, halber oder wegen.

Leid oder Wehe, sliirme oder wehe.

Schienen und Wo jachen, harten und weichen, nachgeben und weichen, Rippen und Weichen.

38 Dentschc Homonymen.

Erlen und Weiden, Wiesen und Weiden, grasen und weiden, sich ergötzen oder weiden.

Bieren und Weinen, heulen und weinen.

Art und Weise, Melodie oder Weise, klug und weise, zeige oder weise.

schwarz und weiss, ich vermuthe oder weiss. Woge und Welle, Kurbel und Welle. Czechen und Wenden, drehen und wenden. Hafen und Werft, schmeisst oder werft. Osten und Westen, Röcke und Westen. Spieler und Wetter, Witterung oder Wetter. Betten und Wiegen, messen und wiegen. Aecker und Wiesen, zeigten und wiesen. Stürme und Winde, Wicke und Winde, flechte und winde, Haspel und Winde.

handeln und wirken, weben und wirken. Ahnung oder Witterung, Wetter oder Witterung. Wellen und Wogen, branden und wogen, massen und wogen.

Garn und Wolle, beabsichtige und wolle. Titel und Würde, dürfte oder würde, blutiger und wunder, Zeichen und Wunder.

Zauberblumen und Wundersamen, mährchenhaften und wun- dersamen.

Thräne oder Zähre, weichre oder zähre.

Ziffern und Zahlen, borgen und zahlen.

Spunt und Zapfen, Mandel und Zapfen.

Bergwerk oder Zeche, Rechnung oder Zeche, schlemme und zeche.

Füsse und Zehn, neun und zehn.

Richter und Zeuge, Stoffe und Zeuge, erschaffe und zeuge.

beschuldigte oder zieh, reiss oder zieh.

Stuben und Zimmern, bauen und zimmern.

Fuss und Zoll, Steuer und Zoll.

Zürich und Zug, Zugwind oder Zug, Druck und Zug, Gesichtszug oder Zug, Characterzug oder Zug, Register oder Zug.

Deutsche H om on vnicn. 39

n.

Wörter gleicher Aussprache und verschiedener Schreib- weise.

b und a, das Stück zu oder ä ein Groschen, aha oder ah.

Adler oder Aar, Rhein \md Ahr.

Leichnam oder Aas, trank und ass.

verbannen und ächten, unechten und echten. *)

*) Ich bin der Meinung, dass es sehr schwierg ist, ein kurzes e, auf welches in derselben Silbe ein Consonant folgt, rein auszusprechen, und dass bei gewöhnlicher Aussprache deutscher, französischer und englischer Wörter über andere Sprachen besitze ich kein Urtheil - statt des genannten kiu-zen e ein kurzes ä eintritt. In dem Worte beendigen wird demnach das erste e wie ein kurzes reines e, das zweite e wie ein kurzes a ausgesprochen. Eine Uebereinstimnunig mit dieser Ansicht glaube ich in der folgenden Stelle aus dem Dictionaire de l'Academie fran9aise zu finden : ,.0n distingue trois sortes d'E: l'E ouvert, I'E fermc?, l'E muet. Ainsi dans severe le premier e est ferm^, le second est ouvert et le troisieme est nmet. L'E ouvert est long ou bref: par exeinple, il est long dans fete et bref dans trompette." Da in diesen und den folgenden Worten, die von dem e muet liandela, offenbar alles zusammengestellt werden sollte, was auf die Aussprache des e Bezug hat, so ist daraus zu entnehmen, dass ein kurzes e ferm^ im französischen nicht existirt. Was das Englische betrifft, so halte ich abo hespielsweise die beiden Wörter bad und bed für voll- kommen gleichlautend.

Entsprechend wie mit dem e verhält es sich auch mit dem o und mit dem ö Statt eines kurzen o, auf welches in derselben Silbe ein Consonant folgt, wird ein Laut gesprochen, welcher als langer Vokal in vielen deut- schen Dialecten statt a, in reiner deutscher Ausspraclie aber nie vorkommt. Im Französischen bildet dieser lange Vokal die regelrechte Aussprache des o vor r, zum Bei.spiel in or, corps. Demnach wird in „Laokoon" das vor- letzte () rein, das letzte als zwischen a und o liegender Laut gesprochen. Im Enf^lischen hiiden „what" und „not" einen vollkommen richtigen Reim. Das Wort Corps wird auch im Deutschen nicht selten gebraucht. Bii ungezierter Aussprache ist es dann aber vollkommen gleichlautend mit Chor. Hierdurch erklärt es sich, dass die Wörter Corps und Chor auch oft mit einander verwechselt werden. So hört man nicht selten von Musik- '•hören sprechen, wo offenliar Miisikcorps gemeint sind.

Ein kurzes ö, welches in derselben Silbe vor einem Consoiianten steht, zum Beispiel in Mörder, wird aus Verkürzung des eu in meurs, zwischen ä und ö liegeml, ausgesprochen.

40 Deutscht' Homonymen.

seufzte und ächzte, vorzüglichste und echtste.

Nöthe und Aengste, weiteste und engste.

Könige und Aesser, Trinker und Esser.

Bäum' und Aest', trinkt und esst.

stempeln und a i c h e n , Nestchen und Eichen, Buchen und Eichen.

Weltalls oder Alls, da oder a 1 s.

Erndte und Aussaat, wie ihr blicktot und aussaht.

klingend und baar, ledig oder bar.

klingende und baare, Teiche und Bahre.

Wäsche und Bad,*) flehte und bat.

Kugeln und Bälle, Vergnügungen und Bälle, heule und belle.

Bucht oder Bai, neben oder bei, Sultan und Bei.

schnell oder bald, zusammenkneift oder ballt.

Schleife oder Band, flocht und band, vertreibt oder bannt.

Garten und Beet, Verlust oder Bete.**)

Garten und Beete, singe und bete, Rübe und Bete.

heult und bellt, Sund und Belt.

von und bis, Stich und Biss, stach und biss.

warst oder bist, kratztet und bisst.

dehnst und blähst, pfeift und bläst, ***J pfeifst und bläst.

nur oder blos,f) nackt oder bloss.

grünte und blühte, Frucht und Blut he.

Lamms und Bocks, stoss' und box'.

Brett oder Bohle, Punsch und Bowlfe.

*) Ich setze voraus, dass das a in Bad lang gesprochen wird, wie ich es auch für richtig halte.

**) Ich setze voraus, dass dieses AVort nach deutscher Weise ausge- sprochen wird, nicht aber nach französischer wie bat'.

***) Wenn man „tobet" abkürzt in tobt, „lieget" in liegt, so ersehe ich keinen Grund, warum man bei der Abkürzung von „blaset" und zahl- reichen ähnUchen Wörtern das au.«!gefallene e durch einen Apostroph meint andeuten zu müssen.

t) Ich kann mich zwar für meine Person mit dieser sehr gebräuchHchcn Orthographie nicht einverstanden erklären, da ich nicht den geringsten Grund finde, warum hier das Advf^rhium an<lers als das entsprechende Ad- jectivum geschrieben werden soll.

Deutsche Homonymen. 41

Kähnen und Booten, Staffelten und Boten, feilschten und boten.

bieg oder brich, Yacht oder Brigg.

siedeten und brühten, legen und brüten.

Bündniss oder Bund, farbig und bunt.

Bremen und Celle, Kloster und Zelle.

Zeichen und Chiffre,*) Fischer und Schiffer.

Stoss oder Choc, Mandel und Schock.

Solos und Chor', Pique und Coeur.

Solo und Chor, Gallerie und Chor, Mannschaft und Corps.

Sache oder Chosc,**) Knie und Schooss.

Graubündten und Chur, Hof oder Cour, Krankheit und Kur.

Handstreich oder Coup, Kalb und Kuh, P und Q.

8taffetten und Courier en, heilen und kuriren.

welches oder das, dies und das, damit oder dass.

ausbreiten und dehnen, welchen oder denen.

Hellers oder Deuts, ich versteh's und ich deut's, Cöln und De uz.

jenes und dies, die es oder die 's.

trocknet und dorrt, hier und dort.

Dickste und dünnste, Miasmen und Dünste.

D und E^ bevor oder eh', Heirath oder Eh'.

Preis und Ehr', schätz' und ehr', früher oder ehr, sie und er. ***)

achtest und ehrst, schon und erst.

dass ihr einen Einfall macht oder einfallt, Dummheit und Einfalt.

bekommt oder erhält, erleuchtet und erhellt.

•) Es ist hier die gcwölinlichi; diutsche, Aussprache pcnieint Nach der richtigen französischen Aussprache ist chifire gleichlautend mit schiefre (O'ler geradere).

••) Es ist liier diejenige Aussprache gemeint, welche die dcutsclicn für richtig französisch zu halten pflegen. Nach dei- wirklich richtigen französischen Aussprache bildet aber chosc einen Reim auf die erste Silbe von Posner

***; Diejenige Au->sprache, nach wclciicr er jülcichlautcnd mit Aehr' ist, halte ich für einen nicht nachahmungswurdigen l'rovincialLsinu.s.

42 Deutsche Homonymen.

entsteht und erwächst, ermunterst und erweckst.

umhauen oder fällen, Begebnissen und Fällen, Hauten und Fellen.

haut um und fällt, steigt und fällt. Wiese und Feld.

Runzelchen und F ä 1 1 c h e n , Häuschen- und F e 1 d c h e n.

du faltest oder faltst, er falzet oder falzt.

beinahe oder fast, greift und fasst.

hungern oder fasten, griffen und fassten.

Hacken oder Ferse, Reime und Verse.

lose und feste, Lustbarkeiten und Feste, Festung oder Veste.

mao-erer und fetter, Cousin oder Vetter.

Fleisches und Fetts, Tunis und Fez, Turban und Fez.

Pfui oder fi, Menschen und Vieh, i^ und (f.

Faser und Fiber, Erkältung und Fieber.

stand und fiel, wenig und viel.

entweichst oder fliehst, rinnt oder f 1 i e s s t.

der Mücke und des Flohs, Kahn und F 1 o s s.

Schwur und Fluch, Gang und Flug.

Hintersitz oder Fond, Stiftung oder Fonds.

wünsche und fordere, hintere und vordere.

Festung oder Fort, hinter und vor.

Aufscliub oder Frist, säuft und frisst.

geleit' und führ', gegen oder für.

f und g, bleib' oder geh'.

wären werth oder gälten, schrillten oder gellten, sind werth oder gelten.

Felder und Gärten, Peitschen und Gerten.

Fremden und Gästen, Pantomimen und Gesten.

getönt und gehallt, Inhalt oder Gehalt, Besoldung oder Gehalt.

Münze oder Geld, tönt oder gellt, nicht wahr oder gelt.

entfernt und genähert, erzogen und genährt.

geprustet und geniest, verzehrt oder g e n i e s s t.

gerochen oder gerächt, billig und gerecht.

in den Stall gebracht oder gestallt. Form oder Gestalt.

Dienstbot oder Gesind, gesonnen oder gesinnt.

gepilgert und gewallt, Macht und Gewalt.

Deutsche Homonymen. 43

Kleid oder Gewand, geschickt oder gewandt, umgedreht oder g e wandt.

Bogens und Grads, Felsenriickens oder Grats; Steyermark i^d G ratz.

des Hauptcorps oder Gros, klein und gross.

g und h, aha oder h a.

kleiner Halm oder Inichen, kleiner Helm oder Helmchen.

greift und hält, Feigling und Held, es dunkelt und hellt sich auf.

Nägel und Hämmer, Förderer und Hemmer.

baumelst und hängst, Stute und Hengst.

weichste und härtste, liebkoste und herzte.

besässest oder hättst, jagt oder hetzt.

Felle und Häute, gestern und heute.

sehnig und häutig, gestrig und heutig.

Haidekraut und Haide, Christ und Heide.

Wäldchen oder Hain, der Tod oder Freund Hein.

Walfisches und Hai's, kalt oder heiss.

Schalls oder Halls, Kopf und Hals.

schallt oder hallt, vorwärts oder halt, Stillstand oder Halt.

wartet oder harrt, weich und hart.

Eile oder Hast, besitzest oder hast, verabscheut oder hasst.

besitzt oder hat, besass oder hatt'.

Feldherr und Heer, Elster und Heher, würdig und hehr, hin und her.

Schlachtordnung und Heerstellung, Anfertigung und Her- stellung.

Rock und Hemd, hindert oder hemm t.

grösser oder höher, vernimm und hör.

grössere und höh're, vernimm und höre.

leeren und hohlen, bringen und holen.

h und /, 80 oder ih.

Fischerei und .Tagd, fischt und jagt.

seine und ihre, Brite und Ire.

bei und in, Donau und Inn.

war und ist, trinkt und isst.

wärmer oder kälter, Presse oder Kelte'r.

wusste und kannte, Ecke und Kante, Kragen und Kante.

44 Deut seil c Iloinonymen

schob oder karrte, Verfassung oder Karte.

beisst's oder kaut's, Sonderling oder Kauz, Eule und Kauz.

läuft und kriecht, kämpft und kriegt.

Ufer oder Küste, umarmte und küsste. ^

Eiffel und Laach, stand und lag.

Schellfisch und Lachs, Firnisses oder Lacks, schlaff und lax.

kleines Land oder Ländchen, Hüftchen oder Lendchen.

klingen und läuten, Menschen oder Leuten.

ein Brot oder ein Laib, Seele und Leib.

Eier legen oder lafchen, Leichnam oder Leichen.

Priester und Laien, borgen oder leihen.

des Königs und des Lands, Spiess und Lanz.

Bürde oder Last, ihr thut oder ihr lasst.

füllen und leeren, unterrichten und lehren.

füllte und leerte, Hannover und Lehrte, predigte und lehrte.

Lust und Leid, erlaube oder leid' es nicht, borgt oder leiht, führ' und leit'.

Schmerzen und Leiden, krank sein oder leiden, Gent und Leyden.

Laute und Leier, Borger oder Lei her.

borgen oder leihn, Flachs und Lein.

Auge oder Lid, Vers und Lied, borgtet oder lieht.

borgte es oder lieh's, schreib und lies, that und Hess.

borgtest oder liehst, schreibt und liest, thatet oder lies st.

Lotterie und Loos, Schicksal oder Loos, fest oder los.

Scheide und Maas, Gewicht und Maass, wog und mass.

Schnitter oder Mäher, Sage oder Mähr, Bürgermeister oder M a i r e.

erndtest und mähst, wöget oder mässt.

zerreiben und mahlen, zeichnen und malen.

erinnern oder mahnen, Geister und Manen.

Rhein und Main, Birkenzweige oder Mai' n, dein und mein.

jemand oder man, Frau und Mann.

Ocean oder Meer, weniger oder mehr.

Seen und Meere, vergrössere und mehre.

Antlitz und Miene, Bergwerk oder Mine.

Dünger oder Mist, ermangelt oder misst, wägt und misst.

ohne und mit, Anfang und M i 1 1 '.

Deutsche II oinonyaien. 43

Neger oder Mohr, Sumpf und Moor.

entfernt und nähert, füttert und n ii h r t.

macht nass oder nässt, Vogel und Nest.

gaben und nahmen, Benennung oder Namen.

niedlichste oder nettste, befeuchtete oder netzte.

n und 0, oho oder oh.

greift und packt, Bündniss oder Pact.

Teig oder Paste, spielte mit oder passte, war passend oder passte.

Epidemie oder Pest, Ofen und Pestlu

Cannings und Pitt's, spitzer Berg oder Pitz.

Socrates und Plato, Tettenborn und Platow.

schaalste und plattste, zersprang oder platzte.

Wagen und Rad, That und Kath.

vergelten oder rilchen, Harke oder Rechen.

vergalten oder rächten, zanken und rechten, Gesetzen und Rechten, linken und rechten, falschen und rechten.

Wägelchen und Rädchen, Ministerchen und Räthchen.

Listen und Ränken, wir richten und renken ein.

Anger oder Rain, ordnen otler reihn, schmutzig oder rein, Elbe und Rhein.

Theilzahlung oder Rate, errathe oder rathe, empfehle oder r a t h e.

Barrens und Recks, regina und rex.

Spruch und Rede, schweige und rede, Hafen und Rhede.

ordnest oder reihst, wandert oder reist, bricht oder r e i s s t.

ordneten und reihten, fahren und reiten.

ordnetest oder reihtst, fährst und reitst, beleidigt und reitzt.

Sago und Reis, Ast und Reis, zieh oder r e i s s.

Schilf oder Ried, ahnte oder rieth.

empfähle oder riet he, in Ordnung oder rite.*)

Kalb und Rind, fiiesst und rinnt.

Gangs und Ritts, Spalte oder Ritz.

*) Die deutsche Aussprache des Ijateinischcn ist in neuerer '/tit gegen fiHiher verschiedentlich geändert worden. Früher sprach nmii die zweite .Silbe von rite lan<^ aus. Jetzt spriclil. ufan sie aber htiuli).' kurz, und nur unter dieser Voraussetzung sind „riethe" uud „rite" gleicliluutend.

46 Deutsche Homonymen.

gingst, oder rittst, kratzt oder ritzt.

n und (), ungekocht oder roh.

gekochter und roher, Schilf und Rohr, Röhre oder Rohr.

Weg oder Route, schlief oder ruhte, Stock und Ruthe, Meile und Ruthe.

Samen und Saat, erblicktet oder saht.

Bayer und Sachs, Beutels und Sacks.

erndten und säen, wahrnehmen und sähen.

nähmst wahr oder sähst, erndtest und säst, läget oder sässt.

erblicktet oder säht, erntet und sät.

jodelten und sängen, brennen und sengen.

stiegen und sänken, herunterlassen oder senken.

Sprüngen und Sätzen, stellen und setzen.

Schweinchen und Säuchen, Epidemien und Seuchen.

erblicktest oder sahst, standet und s a s s t.

Violine und Saite, melkte und seihte, Front und Seite.

Seide und S a m m e t , mit oder s a m m t.

Staub und Sand, dachtet und sannt.

fade und s c h a a 1 , Tuch und S h a w 1.

Tässchen und Schälchen, Tüchelchen und Shäwlchen.

verwiese oder schälte, klingelte oder schellte, sehimpfe und schelte, Vorwürfe und Schelte.

vollbringt und schafft, Stiel und Schaft.

tönten und schallten, walten und schalten, schimpften oder seh alten.

Schirm und Schild, schimpft oder schilt.

Fleischer oder Schlächter, besser oder schlechter.

fahrst im Schlitten oder schlittst, spaltet oder schlitzt.

zertheiltest oder schnittst, schneidet oder schnitzt.

wirfst oder schüttst, schirmt oder schützt.

Staubs oder Schutts, Schirm und Schutz.

Pilze und Schwämme, Tränke und Schwemme.

Possen und Schwänken, schwingen und schwenken.

Meere und Seen, schauen und sehn.

Prophet oder Seher, recht oder sehr.

wir sind und ihr seid, melkt und seiht, nach oder seit, Front und Seit'.

durchgiessen oder s e i h n , scheinen und sein, dein und »ein.

Deutsche H um onymen, 4 7

er und sie, hör und sieh.

krank und siech, Tod oder Sieg.

sie scheinen oder sind, grübelt und sinnt.

Oberleder und Sohle, Salzwasser oder Soole.

Löhnung oder Sold, müsst und sollt.

erwärmst und sonnst, ehemals oder sonst, widrigenfalls oder sonst.

lugt und späht, früh und spät.

spucktest oder spiest, durchsticht oder spiesst.

Schrank oder Spind, näht und spinnt.

hüpften und sprängen, unterminiren und sprengen, benetzen und sprengen.

Land und Stadt, Stelle oder Statt, anstatt oder statt.

Scheunen und Ställen, setzen und stellen , Plätze oder Stellen.

Bäumen und Stämmen, bohren und stemmen.

kleine Stange oder Stängelchen, kleiner Stengel oder Stengelchen.

wie geht's oder wie steht's, immer oder stets.

entwende oder stiehl, Griff oder S t i e 1 , Ausdrucksweise oder Stil.

Seile und Stränge, Härte und Strenge, hart und strenge.

des Ganzen und des Stücks, Charon und Styx.

pro und sub, Fleisch und Supp'.

s und t, Kaffee und Thee.

Flitters und Tands, Spiel und Tanz.

Anker und Tau, Keif und Thau.

schwimmt und taucht, nützt und taugt.

Fisch und Teich, Brot und Teig.

Lehm und Thon, Schall oder Ton.

Fensterchen oder Thürchen, kleine Tour oder Türchen.

Trinkspruch oder Toast, lärmt und tost.

Leben und Tod, lebendig oder todt.

Pique und Trefle, er schiess und treff.

zielt und trifft, Weide und Trift.

Trabs oder Trotts, Widerstand und Trotz, ungeachtet oder trotz.

Chronometer (xh-v Ihr, Aueroehs oder Ur.

48 '" Deutsche Homonymen.

Theil einer Uhr oder U h r bes tan d theil, Element oder U r - b e s t a n d t li e i 1.

unbestimmten oder vaguen, Pferde und Wagen, Gewichte und Wagen, versuchen und wagen.

Bandage und Verband, vertrieben und verbannt.

verbitterten und vergälten, rächen und vergelten.

veiklangi'u oder verhallten, Benehmen oder Verhalten.

erschiene und verschwände, vergeude und verschwende.

verlassen und verwaist, tadelt oder verweist.

Kartenspiel und Volte, wünschte oder wollte.

V und IV, Leid und Weh.

Güter und Waaren, falschen und wahren, beschützen und wahren, sind und waren.

gedeiht und wächst, ermunterst und weckst.

dauern oder währen, schienen oder wären.

kleiner Wald oder Wäldchen, kleine Welt oder Weltchen.

Mäuerchen und Wällchen, denen oder welchen, Schiffchen und Wellchen.

Mauern und Wälle, Woge und Welle, Axe und Welle.

Mauern und Wänden, Czechen und Wenden, drehen und wenden.

falsch oder wahr, ist und war.

Berg und Wald, siedet und wallt, pilgert oder wallt.

wogten und wallten, wallfahrteten oder wallten, schalten und walten.

pilgertest oder walltst, schaltst und waltst, tanzt und walzt, mehr weh oder weher, Waffe und Wehr, vei-biet oder wehr, welcher oder wer.

stürmen und wehn, welcher oder wen.

verbietet und wehrt, Preis und Werth, lieb und werth.

zueignen oder weihn, Bier und Wein.

widmest oder weihst, zeigt oder weist, räthst oder weisst, streicht und weisst.

widmete oder weihte, enge und weite, Nähe und Weite.

klüglich und weislich, röthlich und weiss] ich. Boston und Whist, versteht und w i s s t. gegen oder wider, wiederum oder wieder, wie es oder wie's, zeigte oder wies.

Deutsche Ho inony inen. 49

ist und wird, Ga:^t und Wirtli. hesohuldigt oder zeiht, Raum und Zeit, zieh oder zeuch, Garn und Zeug.

III.

Wörter gleicher .Schreibweise und verschiedener Aussprache.

neunte und achte, ehre und achte.*)

Netzertrag und Angelernte, einstudirte und angelernte.

Wilhelm und August, Juli und August.

Hecht und Barsch, unwiisch oder barsch.

sumpfige Wiese oder Bruch, Riss und Brucii.

Titel eini-S Buchs, Becher von Buchs.

Ciiina und Canton, Schweiz und ("an ton.

Capitel oder Caput, ent/.wei oder caput.

tideliter und constanter, veränderlicher und constanter.

die Mannschaft oder das Corps, der Mannschaft oder des Corps.

Debet und Credit, Vertrauen und Credit.

Fuchs und Dachs, des Hauses und des Dachs,

hiermit oder damit, auf dass oder damit.

nocte und die, der und d i e.

nox und dies, das und dies.

zerbrechen oder d u rcliUreciien, die .Schlachtlinie durch - b rec hen.

siegen oder durchdringen, anfiillen oder d u rclidringen.

scheu werden oder durchgelien, ein Zimmer durchgehen.

durch den Wald durcii laui'e ii, /.urücklegen oder dnrcli- 1 au Ten.

entzwei.iciineiden oder durchschneiden, durchkreuzen oder d u r (• li s ch neiden.

vollbringen oder durchsetzen, durchkreuzen oder durchsetzen.

•) Icti bin iler Meiiumg , «Iükh dif riditige Ansspraclie von di-i- :u-hte

t'leioh konwnt der Aussprache \mii icli aclit'lc, und das man desliall) aiioh der achtte schreiben solltr.

Aruliiv f. 11. Sijraclioii. XXW 1. 4

50 Deutsche Homo nymen.

zugehörig oder e i g e n t L ii m 1 i e h , absonderlich oder eigen- th lim lieh.

zweierlei oder einerlei, gleichgültig oder einerlei,

zweimal oder einmal, einst oder einmal.

ererbt und erblich, erbleichte oder erblich.

Lehnrecht und Erbrecht, öfthet und erbrecht.

Tübingen und Erlangen, erreichen und erlangen.

vergnügt oder in seinem Esse, Schornstein und Esse.

erat und esset, trinket und esset.

Geige oder Fidel, fröhlich oder fidel.

infideles und fideles, fröhliches und fidel es.

Aniphibienart und Fi schart, Gargantua und Fischart.

Schiff und F 1 o s s , rieselte und f 1 o s s.

schwört und flucht, Rückzug oder PMucht.

Fliegens oder Flugs, rasch oder flugs.

Norm und Formel, förmlich oder formel. *)

Festung oder Fort,**) weg oder fort.

Branntwein oder Füsel, Stäubchen oder Füsel.

Euphrat und Ganges, Schrittes und Ganges.

reichet oder gebet, Andacht und Gebet.

der Wall und das Glacis, des Walles und des Glacis.

klein oder gross, Dutzend und Gross.

habeo und habes, Gutes und Habes.

habes und habet, besitzt und habet.

Juno und Hebe, senke oder hebe.

herbeizog oder herzog, Fürst ui^i Herzog.

Feuchtigkeit oder humor, Witz und Humor.

schmeichelten und kosten, prüfen und kosten.

spracht und last. Bürde oder Last.

artis lege, stelle und lege.

setzende und legende. Sage und Legende.

Parquet und Logen, täuschten und logen.

minor und major, Hauptmann und Major.

faulen und modern, geschmackvoll und modern.

Brei oder Muss, soll oder m n s s.

*) Die Schreibweise formell ist jedoch vorzuziehen.

**) Man spricht dieses Wort entweder wie vor oder fort aus.

Deutsche llomony men. 61

ergreife! und packet, Ballen und Packet.

Helena und Paris, Lyon und Pari 8.

Coniparativ und Positiv, Orgel und Positiv.

blasen oder pusten, Weiden und Pu.sten (Pussten).

Wutli oder Rage, ich rage empor.

wüthet und rast, Ruhe und Rast.

willkoTunion oder salve, Einzelscliuss und Salve.

pthickte und scliälte, Sclielti' gäbe oder schälte.

Knie und Schoss, zielte und schoss.

schafftet oder schuft, Betrüger oder Schuft.

Marne und Seine, meine und seine.

Degenspifze und Spiessonde, durchbolirende und splessende.

kleiner Slöi- oder Stiuchen, Kranichen und Störchen.

forscht und sucht, Begiorde und S u cli t.

berühre oder tange, vom Seegrase odei- Tange.

Mövenei und Tau eher ei, Perlenfischen und Taucheiei.

Fassung oder Tenor, Bass und Tenor.

Solon und Thaies, Berges und T h a 1 e s.

Fluss Tiber, Kaiser Tiber.

zum zweitenmal bearbeiten oder überarbeiten, zuviel aibeiten oder sich überarbeiten.

mehr bieten oder ü b e r b i e t e n , libertreffen oder überbieten.

Uebersicht und Ueberblick, übersieh und überblick.

hiniiberführen oder überfiihren, beschuldigen und über- f ü h re n.

desertiren oder übergehen, auslassen oder übergehen.

über den Rand eines Gefässes fliessen oder überlaufen, belä- stigen und überlaufen.

darüber legen oder ü bei- legen, bedenken oder überlegen.

Gewalt und Uebermachl, übersendet und Übermacht.

im Kartenspiel nehmen oder li hernehmen, annehnten oder ü be r n e h m •■ ii.

in ein anderes Buch schreiben oder überschreiben, mit Ueberschrilt versehen oder überschreiben.

über einen Fluss fahren odt'r überstitzen, in eine andere Sprache übertragen oder übersetzen.

über einen Graben springen oder li her spr i ngen, aii-last-en oder ü I) e r s p ri n ge n.

4*

52 Deutsche Uomonymeii.

die Religion wechseln oder übertreten, verletzen oder über- treten.

umliängen oder überwerfen, sich veruneinigen oder sich über- werfen.

einem etwas umbinden, einen mit etwas umbinden.

spuken oder umgehen, vermeiden oder umgehen.

Zustand und Umstand, umgab oder umstand.

ausspülen oder umspülen, bespülen oder umspülen.

umfallen oder umwehen, umsäuseln oder umwehen.

ein Zufall oder Ungefähr, beinahe oder ungefähr.

Scheusal oder Ungeheuer, sehr oder ungeheuer.

Ungarn oder Ungern, gern oder ungern.

wie ein Unmensch oder unmenschlich, selir oder ii n - menschlich.

unter einem Dache stehen oder unterstehen, sich erkühnen oder sich unterstehen.

Element oder U r t h e i 1 , Rechtsspruch oder U r t h e i 1.

vales und valet, Lebewohl oder Valet.

Reime oder Versenden, verschicken oder versenden.

Reimerei und Verstand, Klugheit und Verstand.

bedeutend mehr oder vielmehr, dagegen oder vielmehr.

schläfst oder wachst, ihr gedeihet und wachst.

wäret oder wart, warte oder wart.

Steg und Weg, fort oder weg.

Hinderniss oder Widerstand, siegte und widerstand.

zurückholen oder wiederholen, noch einmal sagen oder wie- derholen.

Begrüssung oder Willkommen, gelegen oder willkommen.

Berlin. Prof. Dr. A. Krön ig.

Shakspeare hat behufs seines

„dänischen Prinzen Hamlet"

die nordische Geschichte des IG. Jahrhunderts studirt.

Die anl'gestollte Behauptung beruht auf einer Anzahl geschicht- licher Spuren in dem Hamlet, welche geeignet scheinen die Erklärung des Stückes endlich auf einen sichern Boden zu stellen. Sie betreffen säminllich das Ref'ormationszeitalter Danemarks und Schwedens, insbe- sondere die Personen Christians 111., Gustavs I. und seiner Söhne Erich tmd Johann, und führen durch den Gebrauch, welchen der Dichter von Thatsachen und Namen gemacht liat, auf die Vermutliung, dass das Werk aus einer ursprünglichen Parteinahme für den Katholicismus entstanden, zuletzt aber in die entgegengesetzte Richtimg umgewandelt sei. Als Einleitung zu seiner Untersuchung erlaubt sich der Verfasser zuerst den Umstand mitzutheilen, der ihn auf die Entdeckung jener Spuren geleitet hat.

Fraueois de Belleforest, der Uebersetzer der Hamletnovelle, hat hier und da dem dänischen Grammatikus Saxo, welchem er sie entnahm, Betrachtungen hinzugefügt, die durch die Beziehung, welche sie auf französische Zustände seiner Zeit zulassen, die Absicht wohlmeinenden Ratheß für seinen Hof verrathen.*) Unter diesen Zusätzen ist auch iner \ on kirchlich confcssionell' r l'ärbung, der, während er dem AV ortlaute nach auf dem nordischen Boden seiner Erzählung \erweilt, dein Sinne nach vielmehr von demselben weg hin auf die Verbindung blickt, wtlchc lim die Zeit, w f » Helleforest mit dieser Arbeit beschäftigt

* I Er war iinK'i Karl IX. v'mv Zeit laM;^ insturiograjili Krankreichs. Seine Histoins Tragi« jii'^, in welchen die Haniletnovelle enthalten ist, er- schienen zum erstt^n Male in Paris Xhb'.K

=,4 vSlia k spea rc's „diinisclier Prinz Uamlet."

war sich zwischen den Bourhonon und Hugonotton anzuknüpfen, und schliesslich in der Person des jungen Prinzen von Navarru ihien Mittel- punkt finden zu müssen schien. Er bezieht sich auf das Gastmahl, welches der König von Britannien dem Prinzen Amleth zu Ehren gibt, und bei welchem sich dieser so auffallend enthaltsam im Essen und Trinken zeigt.

Bekanntlich findet Amleth's Entschuldigung, dass das Brot ihm nach Blut, das Fleisch nach Menschenleichen, das Getränk nach Eisen zu schmecken geschienen habe, durch die Nachforschung, die der König über diese seltsaiTien Behauptungen veranstalten lässt, ihre volle Eecht- fertit'uno-. Das Getreide zu dem Brote des Gastmahls war auf einem ehemaligen, mit Menschengebeinen übersäeten vSchlachtfelde gewachsen; der "Braten von Schweinen genommen, die ihren Ställen entkommen den Leichnam eines verfaulten Diebes verzehrt; das Wasser zu dem Meth aus einer Quelle geschöpft, worin verrostete Schwerter gefunden wurden. Voll Erstaunen über das wunderbare Vermögen des dänischen Prinzen, so die Vergangenheit zu enthüllen, gibt der König ihm seine Tochter zum Weibe, und die Begleiter desselben lässt er auf- hängen. Der französische Uebersetzer macht aber zu jener Weisheit Amleths folgende im Saxo nicht befindliche Bemerkung:

„Dass es eine Menge Leute in Gothien und Biarmien*) gebe, welche mehr wiissten als die Heiligkeit der christ- lichen Religion erlaube, dass der böse Geist die Menschen daselbst bethöre, indem er ihnen die Vergangenheit , aber nicht die Zukunft offenbare, und dass Amleth nach der Sitte dieses Landes schon bei Leb/.eiten seines Vaters in dieser verd erblichen Wissenschaft unterrichtet worden sei." Unstreitig zielt dieser Zusatz dem Wortlaute nach a\if die Ver- hältnisse in Skandinavien zur Zeit desjenigen , der ihn machte. In Saxos Erzählung ist selbstverständlich von Christenthum nicht die Rede; nicht einmal von einer Erziehung Amleth's überhaupt wird darin

*) Ländergebiete des heutigen Schwedens, jenes des südlichsten, dieses des nördlichsten Theiles. Da der südlicliste Theil Gothiens, d. i. Götalands, mit Hatland, Schonen, Bietingen, im 16. Jahrhundert zu Dänemark gehörte, so ergiebt sich aus der Zusammenstellung beider Länder in dem Zusätze Bclleforest's, dass er Dänemark und Schweden darunter bezeichnete. Biar- mien schildert Sa.xo gelegentlich der Entdeekungsreise des Königs Gormon mit dem Charakter Laplands, aber beherrscht von dem Zauberer Geruthus.

Shakspeare "s „dänischer Prinz Hamlet." 55

erwnhnf. \\(A\\ aber Irifl't es zu, das? Friedrich I. von Dänemark der Verbreitung des 1 u t h er i j^ch en Glaubens in seinen Staaten Vor- schub leistete, und wiewohl er die katholische Lehre zu schützen in seiner Handfeste angelobt, er dennoch gestattete, dass sein ältester Sohn Christian, der präsurnptive Thronfolger, den Untcrriclif lutherischer Lehrer genoss.

Nun kh'ngen aber jene Aeussorungen Amleths über das erwähnte Gastmahl bei Shakspeare wieder in den Sarkasmen Hamlets zu Clau- dius: „Wir mästen alle andern Creaturen, um ims zu mästen, und uns selber mästen wir für die Würmer" „jemand könnte mit dem Wurm fischen, der von einem Könige gagessen hat, und von dem Fische essen, der den ^Vurm verzehrte;'' und nicht weniger dfutlieh weiset die dem Claudius von demselben auf seine Frage „Was meinst du damit?" gegebene Antwort: „Nichts als euch zu zeigen, wie ein König seinen Weg durch die Gedärme eines Bettlers nehmen kann," auf die in obiger Stelle bei Saxo und Bellefbiest durch Amleth herbeigeführte befremdliche Aufklärung hin, dass dii- Hritanuischen Majestäten von Servis herstammten. Shakspeare las und benutzte also jene Stelle. That er dies aber, so konnte er unmöglich die daselbst von dem Irauzösisclien Uebersetzer gemachte eigenthümliehe Reflexion über die widerchrist liehe Wissenschaft und Erziehung Amleths übersehen haben; ja es zeigte sich vielmehr, dass er in Nachahmung derselben seinen Prinzen gleieii auflällend in Wittenberg*) studiren lässt , während der Vater desselben, dei- alte Hamlet, mit den Kennzeichen des Katho- liken auftritt.

Dies ist der Grund, von welchem aus ich weiter forschte und zur llutdeekimg der geschichtlichen Spuren im Hamlet gelangte, deren Be- sprechung der Gegenstand dieser Arbeit ist. Ich kann da/u einen kurzen Abriss aus dem Kreise der ))et reffenden Thatsachen nicht um-

*) Bis zum Hcfonuationszeitaller war Paris der Ort, wo die vornehme nordische Jugend ihre Bildung suchte, obgleich sowohl zu Kopenhagen (seit IMX) als auch zu Upsala (seit 1176 eine Akademie bestand. Von dieser Zeit an gicngcn Viele a»<di nach AVittenherg. Peter Swave , dessen sich Christian III. bediente, um da.- bekannte Bündniss mit Franz I. gegen Kaiser Karl abzuschliesseii. war ein Schüler [.utlicrs und hatte diesen auf den Reichstag zu Wnrm.s begleitet. Sehr richtig lässt in Gemiisslieii dieser Verhalliiis.-e Sliak>piMi c den Laertes in Paris, den Prinzen in \\itteii- berg studiren.

56 ShakspCcire's ..iläni.scli er Piinz Hiinilet "

"eben, und zwar nölhigt inich jener Zusatz Helleforesl's tibei' Gothion und Biarmien, mit einigen Ziigen aus dem Leben Friedriflis 1. lu beginnen.

Als Friedrich, Herzog von Schleswig-Holstein im Jahre 15'i3 an die Stelle des abgesetzten Königs Christian II. auf den dänischen Thron berufen Avard, stand soin Sohn Christian (nachmals der dritte dieses Namens) bereits im 20. Lebensjahre, und hatte von Kindheit an oft und lange an den deutschen Höfen seiner Verwandten verweilt und mit Gelehrten lutherischen Glaubens verkehrt. Ist schon dieser letztere Umstand undenkbar, ohne dass Friedrich selbst im Stillen Nei- gung zur reforniirlen Kirche hatte, so stellen gewisse Akte seiner Regie- rung, mit w^elchen er allmählich hervortrat, dies gänzlich ausser Zweifel, obgleich er äusserlich Katholik blieb und vielleicht auch nicht allen Glanbenssiltzen der neuen Leine huldigte. In der Reichsversanimlung zu Odensee im Jahre 1527 verlangte er von den Bischöfen, dass sie das lautere Evangelium', fi-ei von allem Aberglauben und de n Fabeln, welche Eigennutz und Unwissenheit darein vermengt hätten ' in ihren Kirchsprengeln predigen las.'en sollten. Die Lehre Luthers habe im Königreiche so um sich gegriffen, dass es nicht mehr möglich sei, dieselbe zu verbannen ohne jenes zu Grunde zu lüchten. Er wünsche, dass man die Ausübung derselben bis zur Entscheidung der .^ache auf einer nächstens zu berufenden Kirchenversammlung dulden möge; nach dieser werde er sich richten." In Gemnssheit ferner des Decretes, welches auf diesem Reichstage zur einstweiligen Sicherstellung der Gewissensfreiheit ausgefertigt ward, nahm er nicht allein die nun nn- gescheuet hervortretenden Bekenncr des Lutherthums in seinen Schulz, sondern stiftete zu Malmö sogar eine Schule, durch welche die neue Lehre mit solchem Erfolge verbleitet ward, dass katholische Schrift- steller jener Zeit sie „die Zuflucht und den Schlupfwinkel aller Ketzer und kirchenräuberischen Abtrünnigen" nannten. Endlich aber bestätigte er auf der Kirchenversammlung zu Kopenhagen im Jahre 1530 jene vorläufige Veroidnung über die Freiheit beider Lehren in seinen Staaten und trat im" folgenden Jahre dem Schmalkaldischen Bunde bei.

Wenngleich nun Friedrich zur selben Zeit jeder LTeberhebung der lutherisch Gesinnten in den Weg trat, so konnte doch die Haltung, welche er zwischen beiden Parteien einnahm, nicht verfehlen, ihn der

Shakspcarcs „danij^chcr Prinz Hanilct. " 57

katholischen Geistlichkeit verhas.st zu machen und der einstigen Nach- folge seines Sohnes Christian , dessen Umgang mit Lutheranern er erlaubt, grosse Schwierigkeiten zu bereiten. Freilich rechnete er hierbei auf die Furcht der Prälaten vor dein abgesetzten Konige, der möglicher- Aveise zurückkehren und Rache an ihnen nehmen konnte. Aber so rechneten die Rischr)fp nicht. Ihre Existenz schien ihnen weniger bedroht unter dem grausamen Christian als unter dem ketzerischen Herzoge. Zwar liatte jener durch seine Reformen ihnen ebenso grossen Anstoss. gegeben, hatte im Jahre 1519 Arcemboldi, dem päpstlichen Legaten und Ablasskriimer in D. nemark den Ertrag seines Gewerbes abnehmen lassen, irn Jahre 1520 den Magister Martin Rainhard, einen Sehüler Luthers, und kurz darauf den bekannten Carlstadt in sein Reich berufen; hatte im Jahre 1522 den Geistlichen die Erlaubniss Landgüter zu erwerben entzogen, das Reisegefolge der Bischöfe beschränkt, den Verkauf der Bauern und die Ausraubung der gestrandeten Schiffe untersagt und der Ari.stokratie dadurch grosse Verluste zugefügt; aber von dieser Bahn hatte er einzulenken versprochen noch ehe er Dänemarks Boden verliess, und war im Jahre 1531 in Norwegen wirklich als Vertheidiger der katholischen Kirche aufgetreten. Was dagegen war von dem Sohne Friedrichs zu erwarten , auf welchen überdies das verketzerte Volk so sehr hofflle ? . Die Bischöfe warteten also geduldig, bis der lange schon sieche König die Augen schloss, und als im Jahre 15b3 dieses Ereigniss eintrat, waren die Angelegenheiten der Kirche das Eiste, was sie auf dem Reichstage desselben Jahres zu Kopenhagen in Verhandlung brachten. Die Neuerungen Chiistians IL waren schon unter Friedrich wieder aufgehoben worden: nun sollten auch des Letzteren Verfügiingen null und nichtig sein, die Ketzer mit Gewalt in den Sehooss der Kirche zurückgebracht, das Recht liber Leben und Tod der Leibeigenen der Geistlichkeit wieder aus- schliesslich angehören, und anstatt Christians dessen jüngerer Bruder Johann. ..welchem n)an bti seintr Jugend die Lehren der Frömmig- keit und Tugend noch anzuerziehen liotien dürfe,'' die Krone erhalten. Um.sonst widersVebte drr lutherisch gesinnte Theil des JReichsraths. Die Verordnungen der Bischöfe wurden in Vollzug gebracht und der Thron blieb unbesetzt. Inzwischen aber wuchsen unter der erneueten Tyrannei dieser Gei.stlichkeit die Klagen in Stadt u?id Land so sehr, da«s (in allgemeiner llrand befürchtet ward. TVfan sehe es nun wohl, muimelte man laut, dass Cliristian IL nicht wegen des Blutbades /i?

^S Shakspeare'y „dänischer Prinz Hamlet."

Stockholm (1520), sondern um dem Vortheil der Grossen Vorschub -u leisten, verjagt sei.

Unfehlbar hätte sich der Herzog diese Stimmung zu Nutze machen imd (las Recht -diii' den Thron seines Vaters ertrotzen können. Die Lübecker versprachen den nachdrücklichsten Beistand dazu, unter der Bedingung fnilidi, dass er die Holländer, mit welchen sie in Krieg waren, von dem Handel in der Ostsee ausschlösse; die bedrängten Lutheraner in Jiitland schickten Abgeordnete mit den dringendsten Versicherungen an ihn, er brauche in ihrer Provinz sich nur zu zeigen, um dieselbe zu besitzen. Jene wies er als geldgierige F'remde zurück, diesen antwortete er, dass „nur eine lechtmässige Wahl ihn berechtigen könne die Waffi^n zu ergreifen." In Folife dieser Antwoit machten die Lübecker plötzlich Frieden mit der Statthalterin ^laria, und rüsteten sich gegen Dänemark. Man sagte sogar, sie hätten den König von England auf ihre Seite gezogen; Heinrich VHI. habe ihnen gegen Zusicherung gewisser Plätze in Dänemark, deren sie sich i'ür ihn zu bemächtigen verpflichtet, 20,000 englische Pfund zur Deckung der Krieg.-^kosten vorgeschossen. Ob wahr oder nicht, schon im Frühjahr 1534 stellten sie den Grafen Christoph von Oldenburg an die Spitze ihres Angriffs, und ehe noch das Jahr verging, waren Malmö und Kopenhagen, ja ganz »Seeland, Schonen, Halland und Blekingen in der Hand des unternehmenden jungen Mannes. Die Bauern, die er allenthalben unter dem Namen des entthronten Königs zum Aufstand rief, begehrten nichts heisser als unter diesen ihren königlichen Gönner zurückzukehren, und ergriffen wie ein Mann die Gelegenheit, an ihren Peinigern, den Bischöfen und Adligen, sich zu rächen. Brand und Gemetzel wüthete aller Orten. Auch die kleinen Inseln Mön, Falster, Laland , Langeland w aren in kurzem die Beute Christophs. Fühnen und Jütland allein blieben zu erobern übrig.

So weit war es durch die eigennützige Consequenz der katholisclien Geistlichkeit einerseits, und durch die politische Gewissenhaftigkeit des lutherischen Herzogs andrerseits in so kurzer Zeit gekommen. Ks schien als nüisston beide Theile ihre Handlungsweise bereuen und sich entgegenkonimen. Fiel Fühnen und Jütland noch in des Grafen Hände, so ward das Reich entweder ein Raub geldgieiiger Spekulanten, oder es kam an den eingekerkerten, tiefgekränkten Chri- stian zunick, Avährend Niemand zweifelte, dass die Wahl des Herzogs vor aller Schmach und Noth \ on vornherein gewähret hätte.

Sliak speaie's „dänischer Prinz; Hamlet." 59

Diese Lage des Liuide.s stellte der Reicli.^ratli Miigniio Giö einer zahlreichen Versammlung geistlicher und wehlicher Herren in Jiitland, wohin sie sich allenthalben her geflüchtet hatten, damals in der elften Stunde noch einmal vor. Die lebhafteste Bereitwilligkeit, den Herzog zu wählen, schien allgemein. Als aber die Stimmen gesammelt wurden, erhoben die Bischiife das alte Lied: „der drohende Ll^ntergang des Reiches rühre von den Neuerungen , von der F.älsclumg der Religion , von der Verfolgung der Geistlichkeit, von der lutherschen Ketzerei im Lande her, welches Alles den Zorn Gottes so über die drei Reiche herab- gebracht, dass man mir Seuchen, Armuth, Krieg und Empörung darin erblicke; sie schätzten die Güter des Himmels höher als die Güter der Erde; für einen Ketzer könnten sie nicht stimmen." Allein eine Menge Volk und viele Edelleute, die an den Thüren des Versamm- lungsortes der Entscheidung harrten, vernahmen kaum von der aber- maligen Weigerung der frommen Herren, als sie gewaltsam in den Saal eindrangen und die Wahl des Herzogs forderten. Nun gaben die Wider.xpänstigen nach. „Wenn die Edelleute," sagten sie, „auf den Herzog Chiistian bestehen, so haben sie es zu verantworten, wir bedingen uns nur, dass der neue König die Rechte des Staates und die Privilegien der Stiiiide bestätige, und kein Feind der Religion sei."

Damit endigte die Zwischenregierung. Denn alsbald ward der Herzog unter einem Sturm von Jubel zum König ausgerufen, und bestieg den Thron seines Vaters gerade durch die Folgen, welche die Halsstarrigkeit der Bischöfe heraufbeschworen hatte.

Seinerseits hatte nun aber auch der neue König sein Reich erst zu erobern, wohin es ohne seine Bedenklichkeit nicht gekommen wäre. Inde.^8 begünstigten ihn die Umstände: der Kaiser anderwärts mit Krieg beschäftigt, konnte seinen Drohungen keinen Nachdruck geben. Mit Hilfe f^Mstavs von Schweden und des Herzogs Albert von Preussen waren bald die dänis(;hen Gewässer von der verbündeten Flotte der l.iibecker, Rostocker, Stralsundcr und Wismaraner gesäubert und Graf f hrisloph mit dem Herzog Albert von Mecklenburg,*) der jetzt an der ^l)itze der Unternehmung stand, unter die Mauern Kopenhagens zuiiick-

*) Als die Lübeckor die Aussicht verloren, Christian 11. zu befreien, unterstützten sie den Herzog von Mecklenburg iit seinen Anspriielirn auf die dänische Krone, und machten seinem fJchVvestersohri l'hiU|)p Holfimn.' zu der schwedischen.

60 Shak.speare'y .jdänischer Prinz Hamlet."

betrieben, auch Fiihnen nobist den kleinen Inseln wiedererobert, ja selbst der Uebergang Christians anf Seeland ausgcfnhit. Die Bela- gerung der Hauptstadt dauerte jedoch ein volles Jahr, von August 1535 bis Ende Juli 1536. Graf Christoph bestrafte jeden Laut, den die Noth für den neuen König erpresste, als Hochverrath. *) Je rettungs- loser die Sache dieses Abenteurers ward, um so höher verstieg er sich in seinem Trachten. Die jüngere der beiden Töchter Chiistians II., an den Herzog von Mailand Franz Sforza vermählt, war Wittwe geworden. Graf Christoph warb um ihre Hand, und schmeichelte sich mit Hilfe der Statthalterin Maiia, ihrer Tante, die Krone zu erwerben, die er bis jetzt für den gefangenen Kimig zu erobern vorgegeben halte. Man rüstete in den Niederlanden , aber nicht iür ihn. Es war ein höiierer Prätendent in der Person des Pfalzgrafen, nachherigen Kur- fürsten Friedrich II. vorhanden, welcher die ältere der beiden Schwestern zur Gemahlin hatte, und der Kaiser unterstützte ihn. Aber ehe die Flotte desselben in den Sund gelangen konnte, war der Graf durch die Hungersnoth in der Stadt zur Capitulation gezwungen. Seiner Milde gemäss entliess Christian beide, den Grafen wie den Herzog, gegen das eidliche Angelöbnis«, nie die dänischen Staaten wieder zu betreten oder die Waffen gegen sie zu führen, ungekränkt; den Bürgern ver- zieh or ebenfalls.

Weit schlimmer war es das Jahr vorher dem Lübecker Bürger- meister und Flottenführer Marcus Meyer ergangen. Derselbe war bei Erstürmung der Festung Warberg in Schonen, deren er sich bemächtigt gehabt, gefangen worden, und hatte auf der Folter gestanden, dasR es im Plane gewesen, die Plätze Warburg, Malmö imd Kopenhagen dem König vom England zu überliefern. Man brachte ihn von Warburg nach Helsingör, woselbst er geviertheilt ward.

Drei Jahre voll Blutvergiessen und namenlosen Jammers waren so seit Friedrichs I. Tode verflossen, als endlich Christian sich im Besitze der Staaten seines Vaters sah immer freilich noch Norwegen ausgenommen.

*) Er Hess denjenigen , welche aus Hanger die Utbergabe forderten, entgegnen: „sie hätten noch nicht, wie es in Jerusalem geschah, ihre eigenen Kinder verzehrt" FreiHeh ass man erst noch die Katzen, Ratten und Mäuse, nachdem die Pferde und Hunde verzehrt waren. Aber ein« Katze kostete einen Gulden. Einwohner bbeben todt in den .Strassen liegen. Kinder sogen Blut aus den Brüsten ihrer sterbenden Mütter.

Sbakspeares „dänischer t'riii/ Hamlet.- Ol

Welche Rolle spielte in diesem Kample diese;* damals zu Dänemark gehörige Königreich ?

Man irinnere sich, dass Dänemark zwar ein \V ahheich, die Krone Norwegen aber erblich wai-. Ans diesem Verhältnisse ergab sich bei Christians II. Entthronung, dass die norwegischen Stände diesen als den rechtmässigen König ihres Landes fortbetrachteten und die An- erkennung Friedrichs I. verweigerten. Alle Schritte, die dieser Monarch zu letzterem Zwecke that, ja selbst die Erklärung, zu welcher er sich auf dem Congresse zu Lübeck 1526 herabliess, „nach seinem Tode sollte sein Sohn nur in den Herzoglliümern folgen, dagegen Johann, der Sohn des abgesetzten Königs, die Krone der vereinigten König- reiche erhalten, falls sein Vater auf die Länder verzichte, deren mau ihn beraubt," blieben fruchtlos bei diesen Ständen. Vielmelir beriefen sie sich drei Jahre später, als Friedrich seinen Sohn nach Norwegen schickte, um ihm huldigen zu lassen, auf jene nur unter Bedingungen, die sie nicht eingegangen waren , von ihm in Aussicht gestellte Capi- tulation, und behaupteten ausseidem , Norwegen sei ein Wahlreich so gut wie Dänemark. ,

Der Grund dicsir Weigerung war das L u t h e r t h u ni des Herzogs. Norwegen war weit mehr als Dänemark dem katholischen Glauben treu geblieben, und in der Hand der mächtigen Prälaten, die zu dem entthronten Köin'ge hielten. Bald darauf, den 30. November 1531 kündigte der norwegische Rath dem König Friedricli sogar offen Treu und Gehorsam auf, und ermahnte die Dänen das nämliche zu thun. Christian IL ward wieder als Norwegens König feierlich von ihm aner- kannt. Die gleichzeitigen Rüstungen in den Niederlanden wurden fast ganz mit norwegischem (ielde betrieben, und so fest beharrete jene Partei an dem unglücklichen Fürsten, dass weder der Ausgang des Feldzuges, der mit der Gefangennehmung desselben im Jaiire 1532 endigte, noch auch der Tod seines Sohnes Johann in demselben Jaine*) ihre Stimmung änderte. Nach Friedrichs I. T<i(le si)aimen sie ihre Ränke, mit der Statt- halterin Maria und dem Kurfürsten von der Pfalz im Bunde, nur noch eif- riger. Als der dänische Senat die im Jahre 1534 vollzogene Wahl des Herzogs Christian nach Norwegen n)eldete, beriefen sie den Reichstag, auf

*) Er wanl ;iiii kaiserliehen Hofe (Tzogen, iukI Htarb zu Kegciisburg iti einem AUer von 14 Jalneii . an demselben Taj^e, wo sein Vater ver- huflet wurde.

C2 S hakspeare's „dänischer l'vinz Hamlet"

wolcliem übor die Anerkennung desselben herathen werden sollte, nach Drontlieini, wohin die Käthe des lutherisch gesinnten Südens sich nicht wagten; und im Jahre 1536, wo Christian selber seine Anerkennung und zugleich eine Subsidie /.um Kriege gegen den Oldeiiburger ver- langte, erregte der Prinuis zur Vereitelung der Sache einen Volksauf- stand. Ein Umschwung in der Gesinnung der nördlichen Bevölkerung schlug erst nach der Uobergabe Malmö's und Kopenhagens durch. Da fürchteten endlich die Bischöfe jener Provinzen und suchten um Ver- zeihung nach. Der König aber schickte, um sicher zu gehen, ein Geschwader dahin und vollendete im Jahre 1537 die Unterwerfung des Landes, welches seitdem seine Unabhängigkeit verlor.

Ungeachtet aber Norwegen jetzt durch Waffengewalt zum Gehorsam gezwungen worden, blieb es nichtsdestoweniger noch volle zehn Jahi'e durch die Ansprüche der Erben und Verwandten Christians II., vor- nehmlich durch den rastlosen Ehrgeiz des Grafen von Oldenburg und des Kurfürsten von der Pfalz für Dänemark eine Zuchtruthe, um derentwillen es stets gewaffnet bleiben musste. In den drei Jahren 1537 bis 1539 fanden ebenso viele Angriffe auf Christians Staaten von dieser Seite her statt, und so kostspielig und vergeblich sie waren, jener Schwiegersohn des entthronten Königs gab das Recht auf die drei Kronen, welches er mit der Tochter desselben erworben zu haben glaubte, nicht eher als mit seinem Tode (1558) auf, nachdem er im Jahre 1542 des Bauernaufstandes in Smäland gegen Gustav, und im Jahre 1547 der Aufwiegelung der Dithmarsen gegen Christian sich noch bedient hatte, um zu seinem Ziele zu gelangen. An dem festen Bündnisse zwischen beiden Monarohen scheiterten diese Versuche alle.

Der Zweck unserer späteren Erörterungen macht es noth- wendig, hierzu noch Einiges aus Christian's III. innerer Politik und aus seinem häuslichen Leben hinzuzufügen.

Das ganze Unheil der Zwischenregierung hatte die verdanimliche Selbstsucht der katholischen Prälaten herbeigeführt. In Erkenntniss dieser Sachlage war das Erste, was Christian nach der Uebergabe der Hauptstadt that, dass er die Macht dieser kleinen Päpste zu brechen suchte. In dem Reichsabschiede von Kopenhagen dieses Jahres (1536) heisst es unter Anderem:

„Die Urheber aller Unfälle des Staates, die Bischöfe, sollen jener sowohl weltlichen als geistlichen Macht verlustig sein, welche nur gedient hat, ihien Stolz uikI iin-e Hoffahrt zu unterhalten. Die über-

Shakspeare „.liinischer Prinz Hamlet" 63

flüssigen Rt'ichthümer der Klerisei sollen solchergeslait angewendet werden, dass der König und die Krone Diinemark des Staates P^iire und Unabhängigkeit aufrecht erhalten könne, ohne das Volk wie vor- mals mit Abgaben zu beschweren."

Zu diesem Schritte halle König Gustav wiederholt gerathen. Es steht indess fest, dass ihn Christian aus eigener Ueberzeiigiing ihat. Das Mittel freilich, dessen er sich zui- Eneichung seiner Absicht bediente, dürfte leicht nur durch den Kriegszustand entschuldigt werden können, in welchem er sich seit so lange mit der Geistlichkeit befunden hatte. Die heltigr^ten und niächtigsten seiner Gegner, der Erzbischof von Lund, und der Bischof von Roschild, hatten es nach den schliesslichen Erfolgen des neuen Königs für ralhsam erachtet, einstweilen die Unter- würfigen zu spielen. Sie kamen nach Kopenhagen gerade xu der Zeit wo Christian über den Plan, seine Feinde unschädlich zu machen , mit sich einig geworden war und ihn den vornehmsten Gliedern des Adels, dem Reichshofmeister Giö, dem Reichmarschall Krabbe, und den Reichsiäthen Biahl. Bilde, Rosencrantz, Güldenstieine, Früs und einigen mehr, in einer geheimen Versammlung mitgetheilt hatte. Man \yar darin übereingekommen, dass die gan/.e hohe Geistlichkeit an ein und demselben Tage ülierall im ganzen Königreiche in Haft genommen und gehalten werden sollte, bis der Reichstag über die einzuführende Veränderung in den kirchlichen Angelegenheiten entschieden haben würde. Die beiden Bischöfe wurden ihnen so unerwartet festgenommen, dass sie die übrigen zu warnen nicht die Zeit hatten. Diese wurden daher ebenso leicht ergriffen. JSach Vollziehung aller damit in Ver- bindung stehenden Massregeln erhielten sie zwar ihre Freiheit wieder, aber ihre Macht war in Dänemark gestürzt für immer. Der Adel dagegen, mit dessen Hilfe der Plan gelungen war, gelangte dadurch zu ungetheiltem Einfluss, und erhielt neben seinen sonstigen Vorrechten auch das Recht über Leben und Tod seiner Bauern zurück.

Uebrigens hatte Chiistian, sowie in Behandlung der Bischöfe, so auch in den geistliciien Angelegenheilen überhaupt, den Rath des Dr. I-uther von Wittenberg eingtjliolt. Seiner Krönung (12. August 1537) durch Johann Bugenhagen, den bekannten Schüler Luthers, folgte bald die ICinführung einer von eben demselben entworfenen Kirchenordnung, die gleichfalls dem grossen Reformator zur Begiil achtung \orgilegen hattv. Hieraus ist deullidi, auf welche lleiier- zeugungen der Ki'tnig dii- W'iedi-rgeburt siiines Ueiclies «lülzte. In

64 Shakspeure's „dänischer l'riiiz Hamlet."

Erweiterung seiner Grenzen suchte er sie nicht. Er verwari' lUn Ehr- »•eiz derjenigen Fürsten, welche die Gi'össe ihres Nanien,s mit Unter- thanenblut erkaufen, und Hess den Krieg nur als Mittel zur Wieder- herstellung des Friedens zu. Die Grundsätze aber, welche ihn der Selbstsucht und Willkür im staatlichen Leben' abhold machten, zeichneten in gleichem Masse sein Piivatleben aus. Selbstbeherrschung war seine Lieblingstugend, und er leugnete nicht, wie schwer sie ihm oft werde. Seine stete Zuflucht war die Bibel. Meist stand er am frühen Morgen auf, um ungestört darin zu lesen, und hatte nichts lieber, wenn die Geschäfte es ihm erlaubten, als zu dieser Unterhaltung zurückzu- kehren. Der Ruf seiner Weisheit und Tugend verbreitete sich durch ganz Europa, und sein wahrhaft königliches Aeussere erhöhete die Ehrfurcht, die ihm jener von einem jeden sicherte, der ihm nahete. Er war von hohem, kräfiigem ^Vuch.se, höchst regelmässiger Gesichts- bildung, tiefliegenden forschenden Augen und hoher, gedankenvoller Stirn. Seinen Mund aber charakterisirte schon früh ein Zug des Leidens aus Ursache eines körperliclien Uebels; eines Geschwüres nämlich, dem die Aerzte nicht beizukommen wussten, und welches auch die Ursache seines Todes ward. Oft scherzte er schmerzlich , wenn er deshalb zu Bette liegen musste: „Was sind wir nun, die wir uns Grossmächtigste nennen lassen? Ein Fieberchen wirft uns nieder." Und stets war ihm dabei die Beziehung des Vergänglichen auf das LTnvergängliche lebendig. Eine Menge Schriftsteller, Mehmchthon unter ihnen, haben solche Züge von ihm aufbewahrt. Von seinen letzten Lebenstagen berichten sie uns Folgendes:

Christian hatte den Reichstag zu Kolding abgehalten (1558), und wünschte eilig nach Seeland zurück, weil er sich sehr leidend fühlte. Aber die Aerzte widerriethen , und er blieb in Kolding. Am "23. December verschlimmerte sich sein Zustand und liess ihn sein nahes Ende ahnen; ja er sagte dieses bis auf den Tag vorlier. Eine starke Eiterung des Geschwüres führte seine Auflösung herbei. Er starb am ersten Tage des Jahres 1559, bei voller Besinnung bis zur letzten Stunde. Fünf deutsche Kirchenlieder musste, nachdem er sein Haus bestellt und Abschied genonunen hatte, seine Umgebung, dar- unter sein Hofprediger Paulus Neomagus und sein Leibarzt Cornelius, in den letzten vier Stunden mit ihm singen. Die zwei ersten „Mit Fried und Freud fahr ich dahin," „Mitten wir im Leben sind" stimmte der König selber an , und sang mit lauter Stimme unter dem

Shakspeare's „diiniseher Prinz Hamlet." 65

Schluchzen der um ihn Versanimelt»Mi. Hei dem dritten Liede „Nun h^sst uns den Leib begraben" niaclite ihm der Hofprediger bescheiden Vorstellungen. Aber er verlangte, dass nmn weiter sänge, indem er sagte: Ich will singen, und ihr müsst mit mir singen, auf dass man sagen kann, der König in Dänemark hab ihm selber zu Grabe gesungen."*) So sang man noch: ,.Nun bitten wir den heiigen Geist," und „Wir glauben All an einen Gott," bis der Sterbende mit Wiederholung des Simeonsliedes zu schliessen befahl. Er ver- schied, während Neomagus die Stelle des 103. Psalmes: ,. VVie sich ein Vater über Kinder erbarmet, so erbarmet sich der Herr über die, so ihn fürchten," vorlas. Die damalige Zeit brachte gewisse ausser- ordentliche Naturerscheinungen vor und in seinem Sterbejahre mit seiiK ni Tode in Verbindung. Sein Leichnam wurde für's erste zu Odensee beigesetzt, darnach aber von Friedrich IL nach Roschild geführt, und daselbst in einem prachtvollen marmornen Sarge zur Krde bestattet.

Dies ist der Absclmitt dei' dänischen (Tesciiichte , in dessen auch die schwedische in mehreren Einzellieiteu beiührendem Kreise eben- sowohl jener Zusatz in Belleforests Novelle, als auch diejenigen Mlemente des Shakspeare'schen Hamlet liegen, welche bei Saxo fehlen. Letzteres habe ich nun zu beweisen.

IL

Dem Gange des Dramas folgend vergleiche ich zunächst dasjenige, was sich an die Person des allen Hamlet knüpft: die Zeit seines Er- scheinens, seine Bestattung, seinen confessionellen Charakter, die Hinterlassenschaft seines Sieges über den Norweg, den Zug des jungen Fortinbras nach Polen ; sodann die Eigenschaften des Prinzen Hamlet und des Königs C'laiidins; zuletzt die in dem Drucke von 1604 ver- änderten Namen des Stückes.

.Shakspeare eröffnet sein Trauerspiel mit einer Winterscene. Die Verlegung einer dramatischen Handlung in diese Jahreszeit hat an 'ich Absonderliches nicht;^. Aber dieser Handlung? Man mu.ss gesteiieti, dass für diese nicht die geringste Nothwendigkeit dazu vor- handen war; die Natur derselben bedingte sie in keiner Weise; es

*) Der Könige iu Dänemark Leben, llegieiung und Absterben. Nürn- berg. 1680. S. 699. 700.

Archiv f. II. »liracheii. XXXVI. 5

66 Sliakspeare's „iliiii ische r Prinz, Hamlet."

wild ancli im ganzen Verlaufe derselben des Winters nicht wieder gedacht, vielnielir nach dem ersten Acte fortan geredet und gethan, als üb man mitten im Sommer wäre. VVo/u nun dennoch Winter und speciell die Zeit

,,W^o man des Heilands Ankunft feiert?"

Nicht anders verhält es sich mit der daselbst vorhergehenden Erklärung Horatios, was es mit dei' Erscheinung des Geistes auf sich haben könne. Bernardo niuss das „Ztun mindesten heis.st es so," womit jener andeutet, dass die Nachtwachen und Rüstungen im Lande nicht sowohl gegen äussere als gegen innere Gefähr gerichtet seien, gefli.-sentlich niissverstehen und die Ursache davon \ielmL'lir in dem unruhigen Geniüthe des jungen Norweg, der den Verlust des \ätti- lichen Reiches nicht verschmerzen könne, erblicken, um der liefer gehenden politischen Einsicht desselben die Gelegenheit zu schaffen, ihn durcjj den Ausruf zu belehren :

„Ein Stänbehen ist's des Geistes Aug' zu trüben"

und gleichzeitig seiner vorher nur angedeuteten Vermuthung, dass die Erscheinung auf innere Gährung gehe, durch die vergleichende Auf- zahlung der Anzeichen bei Cäsars Tode:

„Im höchsten, palmenreiclisten Stande Roms, Kurz vor dem Fall des grossen Julius, standen Die Gräber leer, verhüUle Todte schrien Und wimmerten die römsclien Gassen durch. Dann feuergeschweifte Sterne, blut'ger Thau, Die Sonne fleckig: und der feuchte Stern. Dess Einfluss waltet in Neptunus Reich, Krankt an Verfinstrung wie zum jüngsten Tag"

gritssores Gewicht zu geben. Und gleichwohl entspi-icht diesem Theile der Exposition im Verlaufe der Handlung nichts. Die im Hamlet dargestellte Feindschaft entspinnt und entwickelt sich innerhalb der königlichen Familie, ohne dass es zu einer Erschütterung des Reiches kommt, und in dem Augenblicke, wo die Glieder derselben durch ihre gegenseitigen Schläge untergehen , tritt auch schon ein Anderer die unbestrittene Herrschaft an. lloralio's emphatische Erklärung erregt eine P>wartung, die getäiiscrht wird. Sie hätte, ebenso wie die Erwähnung der Weihnachtszeit, unbeschadet der Handlung fehlen

.Sll:lk^^lJeal•e'^> „(Jiüiiscliei l'iinz Ilauili't." 07

können.*) Dagegen trifft es zu, duss wir gerade im Jahre löAS bis 1559, wo Belleforost's Novelle entstand und erschien, von dem Tode Ciiristians III. von Dänemark das herieliiet finden, was hier die Kuntt nicht ohne Zwang zusammenbringt. Das Krankenlager dieses Fiir.=ten fiel in den Winter, und gerade in die Zeit ,.wo man des Heilands Ankunft feiert;" sein Tod ist auch sonst mit der (Glorie des Wunderbaren umgeben ; unter vielen anderen Zeichen deuteten ihn .".uch Kometen**) an undcbenso findet die von Iloiatio in der Fort- setzung jener Stelle aus den Prodigien bei Cäsars TiKle hergenommene P)erufung darauf, dass die ahnlichen Vorbedeutungen in Dänemark und .Schweden auch ähnliches wie in Rom verkündigen müssten

..Und eben solche Zeichen grauser Dinge

(Als Boten, die dem Schicksal stets vorangehn)

Und Vorspiel der Entscheidung die .sich naht.

Hat Erd' und Himmel insgemein gesandt

An nnsern Himmelsstrich und Lands genossen"

ihre geschichtliche Bestätigung ans den Jahren wiederum, in welchen Shakspeare. nach den Combinationen von Ch. Knight und Andeien, -ei es mit der Abfassung oder Ueberarbeitung dieses Tratierspiels beschäftigt war. Im Jahre 1586 regnete es bei dem Schlosse Miigei- töndern Blut; im Jahre 1588 sollte nach Ev. Matth. 24, 29: „Bald aber nach der Trübsal derselben Zeit werden Sonne und Mond den Schein verlieren etc , " die Well untergehen, und namentlich stand man in Dänemark, wo es damals 24 Wochen ohne Aufhören regnete, deshalb in hlich.^ter Angst;***) im Jahre 1595 fiel in Sto(;kholm Blut vom Himmel, und die Bauern um Linköping sahen Heere fechten in der Luft, und die Geländer kämpfende Flotten im Calmarsund ! Un-

•) Zu beachten ist. dass in dem Abdrucke von ItiOS die ganze Stelle, von Bernardos Worien „I think it be no otherwise" an. bis zu der Rück- kehr des Geistes bei dem Ausrufe: „But, soft, beliold!" (18 Zeilen) wirk- lich fehlt.

**) .Johann Stephanius erwlihnt deren zwei aus den letzten Jahren Ciiri- stians III. Üer letztere war im AugH.<it des Jahre.s 1.Ö58 zwanzig Ta^e sicht- bar. .Siehe Nie. Cragii Annaliimi libri VI, quibus res Danicae ab excessu lieg. Friderici I. ac deinde a gloriosissinio liege (Ihristiano III. gestae enarrantur etc. Hayniae 1737. S. 39i). 458.

***) S. J. H. Schlegel, GeHchichte Chri.-stians IV. von Daneniaik, p. ÖtJ. 07. De Tliou, im 'tu. Buche der Geschichte seiner Zeit.

68 Shakspeare's „diinitichei- l'riuz Hamlet."

möglich kann eine solche Ut^bcreinstinimung Shakspeare'.s *) mit der Geschichte Zufall sein. Der Dichter übertrug den „blutigen Thau" von 1586 oder 1595, sowie die Anzeichen des jüngsten Tages an Mond und Sonne**) von 1588 auf das Todesjahr Christians III., zu dessen „feuergeschweiften Sternen os eben passte und wollte man fragen, woher er diese Einzelheiten genommen, so ist zu eiinnern, dass der Verkehr zwischen England, Dänemark und Deutschland im IG. Jahrhundert kaum minder lebhaft war als heute; die zahlreichen Schiffe der Hansestädte unterhielten ihn.

Mit den eben besprochenen Wunderzeichen, welche durch ihre Mystik allerdings sehr zweckmässig auf die Erscheinung des Geistes vorbereiten, steht die Beschreibung dieses selber in unmittelbarem Zusammenhange. Darüber Folgendes:

Bei dem Vergleiche, welchen Handet im ersten Monologe zwischen Vater und Oheim anstellt, bedient er sich des Aiis<liucks „Apoll bei einem Satyr," indem er weiter dann hin>iufügt, sein Oheim gleiche seinem Vater, wie er dem Herkules. Es geht daraus hervor, dass der alte Hamlet die Kraft und Schönheit des Mannes vereinigt zu haben gedacht werden soll, in Uebereinstimmung mit Akt III, 4., wo der Prinz zu Gertrud sagt:

„Seht hier auf dies Gemälde, und auf das.

Das nachgeahmte Gleicliniss zweier Brüder.

Seht, welche Anmuth wohnt auf diesen Brau'n!

Apollos Locken, Jovis hohe Stirn,

Ein Aug' wie Mars zum Drohn und zum Gebieten,

Des Götterherolds Stellung, wenn er eben

Sich niederschwingt auf himmelhohe Höhn etc."

Aber die Anwendung, welche der Prinz in letzterer Stelle von der Schönheit und Männlichkeit seines Vaters macht, bietet Grund zu der Verrauthung, dass der Dichter dabei unter dem Einflüsse eines wirklichen Bildes stand. Betrachten wir die Scene näher.

*) Vergleiche Act 111, 4:

„Des lliiumeis Antlitz glüht, ja diese Fe.ste, Dieses Weltgebau, rtiit trauerndem Gesicht Als nahte sich der jüngste Tag etc."

**) Ich mache hierbei auf das streitige „disasters in tlie suii" auf merksam. Vielleicht hat Shakspeare Sund (Cahnar-Siuid) geschrieben oder im Simif gehabt. Siehe Geijer, Geschiclite Schwedens, 11. 308.

Shakspearc's „d an i sc bor Prinz Hamlit." 69

Wir werden mit Hamlet in das Zimmer der Königin get'nhrt, wo neben dem Bilde ihres gegenwärtigen Gemahls auch das des ver- storbenen an der Wand hängt.*) So natürlich dieser Umstand in diesem Zimmer ist , so geeignet wird er auch erscheinen müssen, die Galle des Prinzen aufs neue zu erregen. Er erinnert ilin eben an die Heirath seiner Mutter, die ihm den Weg zum Throne versperren half. Die Scene, die sich entspinnt, gleicht also dem Inhalte nach dem ersten Monologe. Aber dort riss uns die frische Natürlichkeit seines Gefühls mit Hamlet fort. Hier stört uns ein sonderbarer Widerspruch.

Des Erstaunens voll, wie Gertrud nur den hässliclien Satvr gegen seinen Vater, dem jeder Gott sein Siegel aufgedrückt, so hastig habe vertauschen können, zeigt Hamlet auf das Bild des r^etzterf^n, und vergisst naiver Weise, dass diese göftergleiche Gestalt, diese Stirn, diese Augen zuletzt einem grämlichen alten Manne gehörten, mit welchem seine Mutter über dreissig Jahre im Ehestand gelebt. Umsonst würfe man ein: So äussert sich die Leidenschaft; das gekränkte Ehrgefühl macht den Prinzen blind. Das Schauspiel kurz vorher, welches die Untreue der Königin aus dem Alter des Königs motivirt:

König (daselbst) „.Ja, Lieb', ich muss dich lassen, und das bald, Mich drückt des Alters schwächende Gewalt"

Königin. Mag Sonn' und Mond so manche Rei.=e doch, Ell Liebe stij-bt, uns zälilen lassen noch. Doch leider seid ihr jetzt so matt von Herzen, So fern von vor'ger Munterkeit und Scherzen. Dass ihr mich ängstiget etc."

ist eb^n von ihm eingelegt, um seiner Mutter den Spiegel ^orzuhalten, und zeigt vor allen Dingen, dass er sich des Unterschiedes in den früheren und späteren .Taliren seines Vaters wohl bewusst ist. Es lirat demnach etwas Ungel'ügiges in der Scene. Auch Amleth wirft bei Saxo seiner Mutter die Lüsteirihr-if als Ursache ihrer zweiten Ehe vor; aber ni«'lit auf Grund eines solchen Vergleiches. Wenn Hamlet ein .Jugendbild seines Vaters benutzt, lun die Matrone zu beschämen.

*) So wurde die Sc(;ne zu ShaksiK-Hre's Zeit dargeatcllt. Die beiden Bilder hingen an der Wand in halber Liingc

70 Shaksjtear c' y ..däniscli er Prinz IIa ml ct."

so ist das lächerlich. Der Schwung der Worte verdeckt diesen Wider- sinn nur schlecht; es bleibt der Eindruck, als habe der Dichter dabei unter dem Einflüsse eines ausser ihm liegenden Objectos gestanden. Und diese Wahrscheinlichkeit wird erhöhet, wenn man Shakspeare's Schilderung mit dem auf dem Titeblatfe der Geschichte Christians 111. von Nie. Cragius befindlichen Bilde dieses Fürsten wahrscheinlich die Kopie eines echten zusannnenhält und damit die erste Erscheinung des Geistes (Act I," 1) vergleicht. Auf jenem Blatte i^t König Chri- stian, halblang, in Rittertrachl abgebildet, und das offene Visier seiner Rüstung lässt ebensowohl die hervoistechende Schönheit seines Gesichtes als auch den Zug des Leidens wahrnehmen, welcher von ihm berichtet wird. Ganz so der Geist:

Hamlet. Geharnischt, sagt ihr?

Alle. Geharnischt, gnädiger Herr.

Hamlet. Vom Wirbel bis zur Zeh?

Alle.

Von Kopf zu Fuss.

Hamlet. So saht ihr sein Gesicht nicht.

Horatio. O ja doah^, sein Visier war aufgezogen.

Hamlet. Nun, blickt' er finster?

Horatio.

Eine Miene mehr des Leidens als des Zorns.

Die beiden Stellen ergänzen sich -dus einer Quelle. Christian war männlich schön , aber friedlich; man sah iim fast nie anders als im einfachsten Hauskleide. Darauf geht das Staunen Hamlets, das.-^ sein Vater im Harnisch gesehen sein soll; Shakspeare porträtirte hier aus der Geschichte Christians. Auch die Erwähnung des mar- mornen Sarffes

Shakspe.'iri's „daiii :>cli er Prinz Hamlet.'' 71

(Hamlet zum Geist) ..Nein sag, warimi die Hriift, Worin wir ruhig oingenrnt dich sah'n, Gi'örtViet ihre schwere Marniorkief'ern Dich \vied<'r auszuwerfen"

spricht hierfür.

Ein audeier Punkt von gröbster Wichtigkeit ist der kirchh'ch- eonfessiunoUe Interschied , in welchem Hamlet zu seinem Vater in Siiakspeares Dramen gehalten ist.

Unter den Stellen, in welchen sich der elirisfliehe (^harakter des Prinzen ausprägt, gehört zur Erkenntnis« des in Rede stehenden Unter- schiedes vornehmlieli die (Act III, 4), wo derselbe in Besurgniss um das Seelenheil seiner Mutter mit dem ganzen Eifer seiner glühenden Seele sie beschwört, dem Himmel, nicht dem Priester, ihre Siindenschuld zu bekennen, wenn es mit ihr besser werden solle.

..Beichtet vor dem Himmel." spricht er, ..Bereuet was gescheh'n, und meid<'t Künft'ges. Düngt nicht das Unkraut, dass es mehr noch wuchre."

Man miisste es libcrschen. da-^s der Prinz in Wittenberg stn- dir:c, um di(^sen Worten nicht den ganzen Uuifang ihrer buchstäblichen Bedeutung einziirnnmen. Wir haluTi in ihnen die Stücke, welche nacii der evangelisch-liitheiischen Kirche zu dni Artikel von der Busse aehören, srenau beisammen. Die erste Zeile verweiset den Sünder an Gottes Barmherzigkeit unmittelbar; die beiden anderen fügen die Be- dingungen In'nzu . unter welchen ihm diese BarndK.'rzigkint zu Thcil wci<len soll die Reue und den neuen Gehoruam. I\lit den Ijeiden letzten Stücken ist Hamlet in Uebereinstimmung mit der römisch- katholisehen Lehre; mit dem ersten steht er mit ihr in geradem Gegen- satz. Die riunische Kireh(! betrachtet nicht nur die priisterliche Mit- wirkung, d. i. das Bekenntniss der einzelnen Sünden vor dem Priester als einen nothwendigen Bestandtlnil ijer Busse, sondern sie verlangt auch gewisse iinstere, von demselben auferlegte Busswerke, als Gebete, P'a'iten , Sehcnkiingen, Wallfahrten. Ablasskaufen und dergleichen als nnerlässlich, um d<?r Vergebting der Siinden tlieilhaftig zu werdei:. Die exangelisclie Kirche dagegen lehrt, nicht albin dass der Hilf suchende reuige Sünder jederzeit und allenthalben uiunittelbaren Zutritt zu Gott iiml ("hrisio Iiaite, und unter Angelnbiuig kfinftigen G ■hdisam« der "i'ttlichen (jnade sich «letröston diiife; sie verwirft aiisdrücklii li

72 S h a k s p e a r e ' s d ä tii y r li c r Prinz Hamlet."

auch jede äiipserliclie Busshandliing, um des verdcrMichen AValine?. willen, zu welchem der Sünder dadurch gelangen könne, e.s lasse sich die göttliche Gerechtigkeit durch solche Dinge beugen. Hält man nun jene Worte des Prinzen zu seiner Mutter: „Beichtet vor dem Himmel etc." mit dem was, sein Vater Act I, 5 zu ihm sagt :

,,. . . . Ich bin deines Vaters Geist, Verdammt auf eine Zeit lang Nachts zu wandern Und Tags gebannt zu fasten in der Gluth, Bis die Verbrechen meiner Zeitlichkeit Hinweggeläutert sind"

ztisummen, so springt der confessionellc Unterschied, in welchem Beide zu eintinder stehen, in die Angeii. Die Lehre von der Gcnug- thuung durch auferlegte Busswerke, m orin wir Hamlet in Gegensatz zu seiner Mutter sahen, beiuhet mit der Lclire vom Fegfeuer aui' ein und derselben Satzung, dass nie die Verschuldung der ewigen vStrafe so von dem Herrn erlassen wenle, dass keine zeitliche zunickbliebe. Zur Abbüssung der letzteren hat aber die römische Kirche für Lebende jene Busswerke, für Todlc jenen Mitfelzustand, ohne dessen läuterndes Fener die Seele zur Seligkeit im Himmel nicht gelangen könne, mit Berufung auf Matth, 12, 32. und L Kor. 3, 13. angeordnet. Hamlet ist also evangelisch, seine Eltern sind katholisch.

Wozu nun dieser kirchliche Unterschied z^^ischcn Vater und Sohn in diesem Drama? Offenbar zur Enthüllung des eigentlichen Motivs der Handlung, welches in der Ausschliessung oder Verdrängung des Prinzen von der Thronfolge liegt. Der alle Hamlet, ein katholischer König eines katholischen Landes, erlaubte seinem Sohn die Ketzcr- schule Wittenberg zu besuchoi, und da befindet sich dieser noch beim Tode jenes, und als die Krone vergeben wird. Auf den AVider- spruch der ICrziehung des Prinzen mit seinen Successionsaussichtcn in diesem Lande sollte die Erscheinung des Geistes mit jenem katholischen Gepräge aufmerksam machen. Alles dieses stimmt aber auf das genaueste überein mit d'M' Geschichte Christians III. Gerade eine solche Beraubung der Krone aus solchem Grunde zeigt uns das Schick- sal dieses Fürsten beim Ableben seines Vaters und es verdient Beachtung, wenn die Geistererscheinung Shakspeare's doch nur das Trugbild des gekränkte!! Ehrgeizes oder Rechtsgefühles seines Prinzen ist, wie psychologisch richtig das Bewusstsein desselben von dem Grunde seiner Zuriioksetzung in den Worten seines ersten Rachestnrnies dnrchklinirt:

Shakspcarr's „danisclu'r Prin?: Hamlet." 7S

..Ja, von dtT Tafel ricr Kriiinoriinj,^ will icli

Weglöschen alle thörichton (Teschichten,

Aus Büchern alle Sprüche, alle Bilder.

Die Spuren des Vergangnen, welche da

Die Jugend einschrieb und Beobachtung etc."

Wir betrachten ferner die Erbschaft, welche der alte Hamlet in seinem Siege über den Fortinbras seinem Sohne hinterliess.

Als Koller, der König von Norwegen, den Vater Amleths, Horwendill, aus Eifersucht auf dessen Ruhm zum Zweikampf auf Leben und Tod herausforderte, kamen sie beide überein, dass der Sieger den Besiegten in Ehnm bestatten sollte (ut victum victor inferii^ pro- sequeretur). Von anderen Verpflichtungen oder Vortheilen, welche dem Sieger zufallen sollten, ist bei Saxo keine Rede; auch ist Hor- wendill dort nur Statthalter von Jütland unter dem dänischen König Rorick. Shakspeare hat diesen Zweikampf zwischen dem Vater Amlefhs und dem Norweg beibehalten , aber den Bedingungen , unter welchen derselbe bei Saxo und Belleforest *) stattfindet, andere, weitergehende untergeschoben. Bei ihm schwören oder geloben die beiden Kämf)fer, dass der', welcher den andern erschlage, in den vollen erblichen Besitz der Länder des Erschlagenen treten soll. S. Act I, 1:

H 0 r a t i 0. „. . . . der letzte König

Ward, wie ilir wisst, durch Fortinbras von Norweg, Den eifersücht'ger Stolz dazu gespornt, Zum Kampf gefordert ; iinsrer tapfrer Hamlet

schlug diesen Fortinbras, Der laut dem untersiegelten Vertrag, Mit seinem Leben alle seine Länderei'n, So er besass, verwirkte an den Sieger; Wogegen auch ein angemess'nes Tlieil Von uiisrrm König wanl /.um Pfand gesetzt. Das Fortinbras anheimgefallen wäre, Hält' er geeiegt"

*) Beljf'fore.st hat hinzugefügt: „que celuy qui scrnit vaincu , perdroit t"Utrs li's iiclnsses qiii .seruicnt en leurs vaiKSCaiix (im libripen troul, et le vainqiietir fcroit entener honcKtement ci luv qui seroit oceis au romlx»? : < ar la mort estoit l«- pri^ et -^a'aii-o d«? reluv (|ui ])erdoif In liataille

74 Shakppeare's .,(länischer Prinz Hamlet.'''

Indem aber der Dichtor diese Aeiideriing in der Fabel des 8hxo sich crlanbto, hat in die seiner eigenen Handlung sich ein Wider^piiich eingeschlichen. Der alte Norweg hat bei ihm einen Sohn hinterlassen,*) und in der Schlussscene, wo dieser nach dem blutigen Untergänge des gan/.en Hamletge.'^fhlechtos aus dem Hintergrunde, in welchem er gehalfen ist. plötzlich auftiitt, hören wir ihn die Aeusserung thun:

..Was mich belriff't, mein (jrlöck unitlmg' ich trauernd;

Ich habe alte Recht' an dieses Reich,

Die anzusprechen mich mein Vorthcil heisst"

Rechte an dieses Reich? An Dänemark nämlich; denn er ist in Helsingör, und nimmt in der Tliat das Erbe Hamlet's in Besitz. Wie konnte ihn Shakspearc von Rechten an Dänemark sprechen lassen ? Wo steht in der Exposition etwas, was auf solche Ansprüche hinwiese? Sein Vater verlor laut jenes Vertrages vor dem Zweikample sein Reich an Dänemark. Von anderen rechtlichen Verhall nissen zwischen dem Besiegten und dem Sieger ist darin nichts erwähnt. Die beiden Fürsten sind auch nicht verwandt bei ihm, ebensowenig wie bei Saxo zwischen Horwendill und Koller oder ihi'en Staaten irgendein Verband besteht. Hi'ichstens konnte doch folglich beim Aussterben der Familie Hamlet luu' Norwegen an den jungen Fortinbras zurück- fallen, das sein Vater einst bcsass, und welches er früher (Act I, 2) auch wirklich von Claudius allein nur forderte:

Claudius. ..Nun, wissl ihr, hat der junge Fortinbras Aus Minderschätzung unsres Werths, und denkend, Durch unsres thcurrn sel'gen Bruders Tod Sei uns:T Staat verrenkt und aus den Fugen: Gestützt auf diesen Traum von seinem Vortheil, Mit Botschaft uns zu plagen nicht ermangelt Um Wiedergabe jener Länderei'n, Rechtskräftig eingebüsst von seinem Vater An unsern tapfern Bruder"

Wie löst sich dieser Widerspruch? Er erklart sich wenigstens, und zwar wiedeium aus der Geschichte Christians III. und seines Vaters.

*) Bei Saxo liat Koller eine Schwester, Namens Sela, die aber Hor- wendill nach der Besiegung ihres Bruders sofort verfolgt und ebenfalls tödtet. Von diesem Zuge bringt er dem Rorick auch nur Heute, nicht die Erobcrunji eines Landes heim.

Shakspeare's „«liinisclier Prinz Hamlet." 75

Es ist auf den ert<t(Mi Blick klar, dasf; es dem Diiliter mit der sonderbaren Kanipfbedingnng, welche er dem alten Norvveg und Hamlets Vater unterschob, um die Folgen zu thun war, welche sie nach sich zu ziehen geeignet schien. Ein Vortrag, den solche Rücksichtslosigkeit dictierte, mnssto Reclamationon und Streit erzeugen. Zur Versinnlichung derselben erfand er die Person des jungen P"'ortinbras , und versetzte damit seine Handlung in Zustände, die denjenigen, welche durcli Chri- stians II. Entthronung im Jahre 1523 für Dänemark erwuchsen, wie ein Ei dem andern gleichen. Denn als diesen die dänischen Stände ihrer Wahlkrono verlustig erklärten, gab die Krone Norwegen, welche erblicli wai-, den rechtlichen Hauptgrund zu allen den Kriegen her, welche Clu'istian selbst und seine Verwandten von jener Zeit an gegen Dänemark unternahmen. Von Norwegen aus suchte der entthronte Monarch in Peison seine Staaten wiederzitcrobern , und ebenso verhält es sich mit den Angritftn des gefährliciisten und unermfidlichsten unter den genannten Prätendenten, des Kuifiirsten von <ler Pfalz. Auf dem Reichstage zu Regensbiu'g im Jahre 1.541 drang derselbe auf die Her- ausgabe von Norwegen, und von Norwegen aus suchte er auch im .Fahre 1.54r> in Dänemai'k einzudringen. Dieser so oft erneuete Kampf war aber ein Kampf ..des Katholicismus mit der Reformation" in den nordiscjien Reichen, ein Kampf um .Sein und Nichtsein, mit Verlust aller Ländereien dos Besiegten an den Sieger, wie Shakspearc in den von ihm untergeschobenen Bedingungen jenes Zweikampfes zwischen dem alten Norweg und dem alten Hamlet zu verstehen giebt. Der alte Norweg personificiert demnach die in der Person Christians II. überwundene Macht der römischen Kirche in Soandinavien; der junge Norweg die drohende Rachewolke, oder die Gefahren, welche für die lutherische Kirche daselbst in den Hinterbliebenen des Gestürzten bis in die spätesten Regienmgsjahre Christians HI. forterbten.*) Der

*) Auf diese Gefahren zielt auch der vielfach missdeutete Name „Esile," .Ut V, 1., „Woot drink np Esile?" ^^■ir haben darin eine der Namen- verstellungen, von welchen noch nuhrere zu besprechen sein werden. I^ieser ist nichts Anderes als ein Anagramiii des Namens Elysia, verändert in P>Iyse. d. i. der lateinisclien Hezeiehnun^« iler Insel Alsen, wo Christian II. gefangen j.'elialri!n wurde eine sowohl für <iie IValatenpartei, die ihn mit abgesetzt hatte, als für die Könige von l'aneniJirJc daiiuiN schwer zu v(n'- schlueken<lc Pille. Man hat Schiffe >vcssclf), die Klusse Nil, \\ < icli.sel, Yssel, den Iscfjoul, und sognr Essig daraus, lesen wollen.

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"6 Sliakicpeare*» .dänischer Prinx Ilainlet.-

Name Fortinbras deatet sich nun von seihet, nnd wenn ron dem Jnnirr dieses Namen? Act T, 1. gesagt wird :

. . . der junge Fortinbra> Hat nnr, von wildem Feuer heis* und voll. An Xorwegs Ecken hier nnd da ein Heer Landloser Aben teurer aufgerafft ~

5o ist auch dieser Zug der GesAichte entlehnt . indem die Schaaren jener Prätendenten zum Theil in der Tbat nur au« heimathl«3sem Ge- sindel bestanden, die kaum zusammengeraffi , aus Mangel an Sold nnd Kost sich wieder verliefen.

Wir kommen zu dem Zuge des jungen Fortinbras nach Polen.

In diesem Zuge steckt weder ein areogniphischer noch ein ges<4iicht- licber Fehler Shakspeare's. wie deutsche Erklärer dies behauptet haben. Man halte fest, dass Shakspeare die Handlung seines Dranuis in da- 16. .Jahrhundert versetzt hat. Gegen die zweite Hälfte dieses Zeit- raumes traten die nordischen Reiche in sehr nahe und feindliche Beziehung zu Polen. Nachdem Gotthard Keppler. der letzte Heer- meister der Schwertritter, ganz Liefland unter polnische Oberijoheit gestellt . hatten die heutigen Ostseeprovinzen Russlands , auss«^em das« sie der Czaar Ivan Wasiljewitsch sich anzueignen sndtte, nicht weniger als sechs Herren die Könige von Dänemark. Schwe- den und Polen . den dänischen Prinzen Magnus , den TTeberrest des Ordens der Sdiwertritter, und den neuen Herzog von Curiand und zwischen Dänemark. Schweden und Polen entsprangen hieraus eine Menge Lagen . auf welchen der Dichter jenen Heereszug des jungen Norweg stützen durfte. Ich erwähne beispielsweise Folgende-. Im Jahre 1558 bot sich Reval der Oberhoheit Christians HI. an. -Les ambassadeurs lui representerent que ces pays avaient appartenu originairement ans Danois, que la ville de Reval devait sa fondation au roi Waldemar H. et que la noblesse d'Esthonie et de Wirie avaient cbligarion ä ses predecesseurs de la plupart des privileges, dont eile jouissait. *) - Während dieser friedliebende Fürst das Anerbieten ausschlug, setzten sich Gustavs Söhne. Erich und .Johann, mit dem Heermeister Keppler in Verbindung, um festen Fuss daselbst zu fassen. Erich liess sich die Schlösser Sonnenburg und Padis fnr 50.000 Thalfr von ihm verpfänden, und rüstete schon Schiflfe in Finnland aus, um Besitz davon zu nehmen, als es König Gustav erfuhr und untersagte.

*) P«»s Roches. H'=* -^-^ D«n«»inarc, vol. V. p. l>i5.

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•Shakspeare's „dünischer I'rinz Hamlet.'- 77

Inzwischen erwarb Friedrich, Christiiiiis Sohn, durch ähnlichen Kauf Ansprüche aiii' die Stifte Oesel, Kurhind und Reval , die er bald dar- auf seinem Bruder Magnus gegen deissen Aiitheil in Holstein überliess und welche dieser, unierstützt von einem Theilc des liefländiscben Adels, auch persönlich in Besitz nahm. Nach dem Tode Gustavs von Schwe- den (1560) ward aber auch Kr ich von Reval um Beistand angerufen. Dieser sandte sofort ein Heer hinüber, und der Adel Esthlands sammt Re\ al ergab sich in svinen Geliorsani. Dies führte zwischen dem neuen Schwedenkönig und den übrigen Besitzern des Landes, zumal den Polen, bald zu blutigen Gren/streitigkeitcn. Als sich Erichs Bruder Johann im Jahre 15G2 mit der polnischen Prinzessin Katharina vermählte, entspann sich um sechs Schlösser in Esthland, welche ihr statt der Mitgift von den Polen gegeben wurden, weil sie sie als ihr Eigenthum ansahen, ein Kampf, der mehreren tausend Polen und Scliweden das Leben kostete, ehe diese sie jenen, die sie zuerst besetzt, wieder abgewannen.

In diesen Verhältnissen liegt die Idee des kleinen (xrenzortes, von welchem der Hauptmann des Forlinbras und Hamlet Act IV, 4. sich unterhalten, und über welchen Letzterer schliesslich in die Worte ausbricht:

„Zweitausend Seelen, zwan/.iglausend (ioldstück Entscheiden diesen Lumpenzwist noch nicht! Dies ist des Wohlstands und der Ruh Geschwür, Das innen aufbricht, während sich von aussen Kein Grund des Todes zeigt"

Diese aber leiten noch auf weitere Beweise von Shakspeares Studien.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass jene Zahlen 2000 Seelen, 20,000 Goldstück in dem erwähnten Länderkaufe der dänischen und schwedischen Prinzen in Liefland ihren Ursprung haben ; nicht unwahrscheinlich auch , dass die Stelle des dort folgenden Moncdoges :

„. . . . Wahrhaft gross sein heisst Nicht ohne grossen Gegenstand sich regen; Doch einen Strohhalm selber gross verfechten, Wenn Ehre auf dem Spiel etc."*

wortspielweise auf den Namen des bei jenem Handel betheiligien dänischen Prinzen „Magrms'' zielt, oder wenig.'rti-iis von iiun herge- nonnuen ist; denn Shakspeare lässt sich dergleirhen Gelegenheiten nicht

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76 Sil ;ik Hjieare'i; ..flaiiischer Prinz Hamlet."

Name Fortinbra.s deutet sich mm von selbst, tinrl wenn von dem Junior dieses Namens Act I, 1. gesagt wird:

., der junge Fortinbras

Hat nur, von wildem Feui^r Iieiss und voll, An Norwegs Pocken hier und da ein Heer Landloser Abenteurer aufgerafft"

so ist auch dieser Zug der Geschichte entlehnt, indem die Schaarcn jener Prätendenten zum Theil in der That nur aus heimathlosem Ge- sindel bestanden, die kaum zusammengorafFt , aus Mangel an Sold und Kost sich wieder verliefen.

Wir kommen zu dem Zuge des jungen Fortinbras nach Polen.

In diesem Zuge steckt weder ein geographischer noch ein geschicht- licher Fehler Shakspeare's, wie deutsche Erklärer dies behaujitet haben. Man halte fest, dass Shakspeare die Handlung seines Dramas in das 16. Jahrhundert versetzt hat. Gegen die zweite Hälfte dieses Zeit- raumes traten die nordischen Reiche in sehr nahe und feindliche Beziehung zu Polen. Nachdem Gotthard Keppler, der letzte Heer- meister der Schwertritter, ganz Liefland unter polnische Oberhoheit gestellt, hatten die heutigen Ostseeprovinzen Russlands, ausserdem dass sie der C'zaar Ivan Wasiljew^itsch sich anzueignen suchte, nicht weniger als sechs Herren die Könige von Dänemark, Schwe- den und Polen, den dänischen Prinzen Magnus, den Ueberrest des Ordens der Schwertritter, und den neuen Herzog von Curland und zwischen Dänemark, Schweden und Polen entsprangen hieraus eine Menge Lagen , auf welchen der Dichter jenen Hecreszug des jungen Norweg stützen durfte. Ich erwähne beispielsweise Folgendes. Im Jahre 1558 bot sich Reval der Oberhoheit Christians III. an. ,,Le8 ambassadeurs lui representerent que ces pays avaient appartenu originairement aux Danois, que la ville de Reval devait sa fondation au roi Waldemar II, et que la noblesse d'Esthonie et de Wirie avaient Obligation a ses predecesseurs de la plupart des privileges. dont eile jouissait. *) " Während dieser friedliebende Fürst das Anerbieten ausschlug, setzten sich Gustavs Söhne, Erich und Johann, mit dem Heermeister Keppler in Verbindung, um festen Fuss daselbst zu fassen. Erich liess sich die Schlösser Sonnenburg und Padis f^ir 50,000 Thaler von ihm verpfänden, und rüstete schon Schiffe in Finnland aus, um Besitz davon zu nehmen, als es König Gustav erfuhr und imtersagle.

*) Des Roches, Bist de Danemarc, vol. V, p. IH5.

;Shakspeare's „(liiaischcr l'rinz Hamlet.'- 77

Inzwischen erwarb Friedrich, Christians Sohn, durch ähnh'chen Kauf Ansprüche auf die Stifte Oesel, Kurland und Reval , die er bald dar- auf seinem Bruder Magnus gegen dessen Antheil in Holstein iiberliess und welche dieser, unterstützt von einem Tlieilu des liefländischen Adels, auch persünlitli in Besitz nahm. Nach dem Tode .Gustavs von Schwe- den (15G0) ward aber auch Erich von Reval um Beistand angerufen. Dieser sandte sofort ein Heer hinüber, und der Adel Esthlands sanimt Reval ergab sich in seinen Gehorsam. Dies führte zwischen dem neuen Schwedenkönig und den übrigen B»!sitzern des Landes, zumal den Polen, bald zu blutigen Grenxstreitigkeiten. Als sich Erichs Bruder Johann im Jahre 1ÖG2 mit der polnisclun Prinzessin Katharina vermählte, entspann sich um sechs Schlösser in Esthland, welche ihr statt der Mitgift von den Polen gegeben wurden , weil sie sie als ihr Eigenthum ansahen, ein Kampf, der melu-cren tausend Polen und Schweden das Leben kostete, ehe diese sie jenen, die sie zuerst besetzt, wieder abgewannen.

In diesen Verhältnissen liegt die Idee des kleinen Grenzortes, von welchem der Hauptmann des Forlinbras und Hamlet Act IV, 4. sieh unterhalten , und über welchen Letzterer schliesslich in die Worte ausbricht:

,.Zweitausend Seelen, zwanzigfausend Goldstück Entscheidt;n diesen Lumpenzwist noch nicht! Dies ist des AVohlstands und der Ruh Geschwür, Das innen aufbricht, während sich von aussen Kein Grund des Todes zeigt"

Diese aber leiten noch auf weitere Beweise von Shakspeares Studien.

Es ist niclit unwahrscheinlich, dass jene Zahlen 2000 Seelen, 'i^0,000 Goldstück in dem erwähnten Länderkaufe der dänischen und schwedischen Prinzen in Liefland ihi-en Ursprung haben; nicht unwahrscheinlich auch, dass dit; Stelle des dort folgenden Monologes :

V,. . . . Wahrhaft gross sein heisst Nicht ohne grossen (Jegenstand sich regen; Doch einen Strohhalm selber gross verfechten, Wenn Ehre auf dem Spiel etc."*

wortspielweise auf den Namen des bei jenem Handel betheiliglen dänischen l'rinzen „Magnu.s'' zielt, oder wenig.siens von ilun lierge- nonuuen ist; denn .Shakspeare lils-st sich dergleichen Gelegejdieitcn nicht

78 Shak.sj)t!;ire'8 „däui.scher Prinz Hamlet.'-

leicht entgehen; noch aiiflallentler aber weiset die Art jeiifr Reflexionen Hamlets auf Christian III, selbst zurück.

Der Piinz kann sich den Gedanken nicht zu eigen machen , dass ein Fürst um eines einzigen Stückes Land willen zweitausend Menschen- leben, oder zwanzigtausend Goldstück auf das Spiel setzen will und mit der steigenden Galle seiner Selbstpein verwandelt sich dieses Verhältniss ihm in's umgekehrte. Ein zarter Prinz,

„üess Muth von hoher Ehrbegier geschwellt" ist im Begriff', sich selbst und das Leben von „zwanzigtausend" Mann zu wagen nm eine Nussschale, eine Grille, ein Phantom von Rjjhm, um ein Fleckchen,

„Worauf die Zahl den Streit nicht führen kann, Nicht Gruft genug und Raum, um die Erschlagnen Zu tragen nur"

Ein jeder, der die Lebensgeschichte Christians III. kennt, muss sich betroffen bei diesen Worten Hamlets an die ganz ähnliche Art erinnern, wie dieser Monarch sich gleichfalls zu ereifern pflegte, so olt man auf den Krieg zu sprechen kam. Nie unterliess er dabei, das ganze Gefolge dieses Uebels, die allgemeine Noth, die Plünderungen, J^inäscherungen, das Morden, Flüchten und die gottlosen Schändungen (caedes, fugas, nefanda stupra) zu erwähnen und schmerzlich auszu- rufen, dass, während die Kriegesfurie so grosses Unheil anrichte, die Ursache des Krieges meist nur ein kleinlicher Ehrgeiz (misera ambitio), eine Handvoll Hoffahrt sei.*) Die Aehnlichkeit der Ge- diinken ist hier an sich schon beweisend, noch mehr aber ein einzelner Ausdruck in dem Satze:

.,Dies ist des Wohlstands und der Ruh' Geschwür etc." ,.This is the imposthume of much wealth and peace etc."

Man hat die Genitive „of wealth and peace" als Genitivi sul)jecti aufgefasst, und erklärt: „Der Wohlstand und Frieden sind der Verderb der Staaten" ; dabei aber den feindlichen Charakter des Sprechenden ausser Acht gelassen, Sie sind vielmehr Object von „the imposthume," Unvermögend einen Ehrgeiz zu fassen, der so viel Geld und Blut aufs Spiel zu setzen wage, ruft Hamlet entrüstet: „Dies (dieser Ehrgeiz der Fürsten) ist das Leiden, das an dem grossen Segen des Friedens in Staaten heimlich zehrt, wie an der frischen Lebenskraft des Menschen

"> Annales Cragii, p. 396.

Shak siieare '.-. „diiiii.seher Prinz Hamlet." 79

ein verborgenes Geschwür." An einem solchen Geschwüre starb aber Christian III. „Inipriinis circiter XXILI Dec^ inbris , quum exqiiisitissinii dolores, ex ulceris maligni suppuratione coorti, dextruni pedem valde adorirentur, oinnes vero artus treinor ingens occuparet, decunibere lectulo, totumque se ad istam horam, in qua cum tota aeternitate decertandum esset, componere coepit."*) .Shakspeare entlehnte das Bild der Stelle aus dem Gefühle dessen, der ilim zur Zeichnung seines Hamlet sass.

Es kommt aber noch immer mehr eins zu dem andern von solchen geschichtlichen Spuren in diesem Trauerspiele. Der eben besprochene wichtige Charakterziig der Friedensliebe, welcher Christian und Hamlet gemeinsam ist, geht auch bei beiden aus gleichen politischen und religiitsen Anschauungen hervor und bei dieser Gleichheit enthüllt sich der Unterschied, auf welchen der der Geschichte des Er- steren entgegengesetzte Verlaul' des Shakspeare'schen Dramas gegründet pcheint.

^^'ir haben oben die versteckte, aber eigentliche Ursache der Verdrängung Hamlets von der Thronfolge aus dem Umstände nach- gewiesen, dass er in dem wichtigen Augenblicke, wo sein Vater vom Tode übereilt wird, von Hause abwesend in Wittenberg verweilte. Die ihm nach seiner Riiekkehr mit dem Gepräge des Katholizismus entgegentretende Erscheinung seines Vaters enthüllte uns drastisch die weite Kluft, die dieser selber durch jene Ei-zieliung zwischen seine Wünsche und die Nachfolge seines Sohnes gelegt. Die Stände Däne- marks hatten den Bruder des Verstorbenen zum König gewählt, bevor sein Sohn sich zur Bewerbung stellen konnte. Dieser war aber in der Hoffnung auf die Krone aufgewaclisen. Sein ganzes Wesen hatte sich von dem hohen Berufe, der seiner wartete, mit Schwung erfüllt, und das Volk freuete sich seiner Zukunft unter ihm. Wie kommt es nun dennoch, dass er sich die kränkende Zurück- setzung gefallen lässt? Vergleichen wir, ehe wir urtheilen.

Als Friedlich I. starb, widersetzten sich die geistlichen Stände Dänemarks der Nachfolge seines Sohnes Christian mit der Erklärung: „Que le fils aine du Roi Fred«';ric ne pourrait succeder au trone de .son pere . paree qu'il etait suspect de Luthera nisme : (pj'on prefe- rerail le }*riine .Ti-aii, son Ciere, rpii serait ('-iirve d.ins la rehji^ion

*i Aus (lenielbeii Aiunili'ii.

80 Shaks])eare's „dänischer Prinz Haniltt.'-

Komiline.*) Der erledigte Thron blieb also nnbeset/.t. Inzwischen eroberte der Graf von Oldenbnrg zwei Di'ittheile des dänit-chen Reiches nebst Kopenhagen. Auf seinen Ruf vertrieben oder moideten die Bauern ihre Peiniger, die Adh'gen und Bischöfe, allenthalben wo sie seines Schutzes sicher waren. Zuletzt blieb diesen nur Jütland noch als Zufluchtsort. Christian aber, jener älteste Sohn des verstorbenen Königs, rührte sich nicht von den Grenzen seiner Herzogt hüm er; er wies sogar die Anerbietungen Lübecks und mehrerer weltlichen Reichs- räthe Danemarks, die ihm mit Waffengewalt zu dem Throne seines Vaters verhelfen wollten, rundweg ab aus Feigheit? Unent- schlossenheit? Aus Mangel an Vaterlandsliebe oder Geringschätzung der Königskrone ? Wieweit gefehlt ! Kaum war er von dem Streite, der im Senate um seinetwillen entbrannte, unterrichtet worden, als er an die einflussreichsten jener Räthe, Magnus Giö und Erich Banner, die seine Wahl verlangt hatten, schrieb, ,,pour les exhorter ä pousser son election. II s'cngageait ä gouverner le royaume , moins comme le Souverain, que comme le pere du peuple, et il promettait qu'ä l'exemple de son pere il conserverait les privileges et les iin- munites de la Noblesse, et qu'il les augnienterait autant que possible." ** ) Er wollte also die Krone; aber er wollte sie nach dem landesüblichen Gesetze. Er erwiederte auf die erwähnten Anerbietungen von Hilfe gegen den Oldenburger: „Nur eine rechtmässige Wahl könne ihn berechtigen, die Waffen zu ergreifen; den Thron durch andere Mittel, durch List oder Gewalt an sich zu bringen, und die Ehrgeizigen durch sein Beispiel wieder aufzunuintern widerstrebe seinen Grund- sätzen."***) • Die Gewissenhaftigkeit also, mit welcher er die Rechte der Stände aciitete, und gleichzeitig die politische Vorsicht, die ihn warnte, die Leidenscliaft der Menge zu entflammen, dictirte dem Herzog sein Verfahren. Vater des Volkes sein und dem Adel seine Rechte zu lassen, ja zu vermehren, hielt er nicht für unverträglich. Blicken wir nun auf Shakspeares Hamlet.

Der Prinz ist wegen seines Studirens in Wittenberg von der Thronfolge ausgeschlossen, wie der Herzog wegen seines Lutherthums. Diese Ausschliessung geht auch wie bei diesem nicht von dem unbe-

') Des Roches, V, p. 73.

*•) Tb. p. 79.

■•**) Mallet, Geschichte von Diiiiemark. .Greifswald 17G6. Bd. II. p. 441,

Shakspeure's „danischer Prinz Hamlet." 81

rechtigten Volke, wie wir aus dem aufrührerischen Rufe „Erwählen wir!" Act IV, 5. schliessen , sondern von den Ständen, von den Hofleuten aus, wie Claudius in seiner Thronrede Act I, 2. mit den "Worten :

„. . . Wir haben a u c h hierin

Nicht eurer bessren Weisheit widerstrebt etc."

uns belehrt. Gleich Christian ist Hamlet vielmehr der Ersehnte des Volkes

„Des Staates Blum' und Hoffnung, Das Merkziel der Betrachter"

wie Ophelia ihn nach dem Ansehen nennt, in welchem er steht; und Claudius fürchtet diese Meinung sogar bei seinem Wahnsinn noch (Act IV, 7.)

König (zu Laertes).

der andre Grund,

Warum ich's nicht zur Sprache bringen durfte, Ist, dass der grosse Hanf so an ihm hängt; Sie tauchen seine Fehl' in ihre Liebe etc."

Wie aber der Beweggrund ihrer Zurücksetzung, und ferner die Möglichkeit, derselben zu spotten, bei Beiden ganz dieselbe ist, so miss- achten sie Beide diese Möglichkeit sogar aus gleichem Grunde. Trotz aller Kränkung will auch Hamlet die Krone nur aus den Händen der Stände ; durch Entlarvung des Biudermörders will er sie zwingen, auf ihn zurückzukommen ; nie aber entschlüpft ihm das kleinste Wörtchen gegen ihre Rechte. Das Volk, mit dessen Hilfe er sich Recht verschaffen könnte, die Leute, die seine Fehler in ihre Liebe tauchen die mag auch er nicht. Seit drei Jahren hat er sie beobachtet (Act V, 1.); aber er mag sie nicht; „das Zeitalter ist ihm zu spitzfindig geworden."

Hamlet ist also in derselben Weise gewissenhaft wie Christian, und wie bei diesem mischt sich in diese Gewissenhaftigkeit auch ganz dasselbe Etwas, was ihm nicht erlaubt, zu der fortschreitenden Zeit Vertrauen zu gewinnen. Von hier ab geht Shakspeare seinen eignen Weg. Während Christian durch weise Würdigung der gegebenen Mächte di;s Staates zu seinem Ziele gelangt, indem er die eine ihm feindliche Partei durch Befreundung mit der andern niederschlagt imd vernichtet, verschliesst sich Hamlet in die Gerechtigkeit seiner Sache,

Archiv f n 9k.rui:U»sii XXXVI G

82 Shakspeare's „dänischer Prinz Hamlet.'"

seiner Tüchtigkeit, seiner Tugend, und geht in dieser Isoliertheit ein warnendes Beispiel sei es von Schwärmerei oder Hochniuth unter. Doch kommt dies bei unserem Zwecke nicht in Betracht. Wir kehren zu der zuletzt erwähnten Stelle:

„Wahrhaftig, Horatio, ich habe seit diesen drei Jahren darauf geachtet. Das Zeitalter wird so spitzfindig, dass der Bauer dem Hof- mann auf die Fersen tritt."

zurück, um noch auf andere Beweise der Shakspeare'schen Studien darin aufmerksam zu machen.

„Seit diesen drei Jahren,'' sagt Hamlet. Es sind mit dieser Zahl mancherlei Vermuthungen angestellt worden, ohne dass eine der- selben befriedigt hätte. Einig ist man nur darüber, dass sie absichtliches zu bergen scheine, weil der erste Druck des Stückes von 1603 sieben giebt statt drei, und erstere Zahl in dem zweiten von 1604 vom Dichter selbst geändert wurde. Die sieben, vermuthet man, sei eine Freiheit, die sich die Schauspieler genommen; sie möge als eine sprichwörtliche ihnen bequemer gewesen sein. Wie aber, wenn sie beide von Shak- speare hergerührt hätten?

Gehen wir von dem Lebensalter Hamlets aus. Derselbe steht im 31. Jahre beim Beginn der Handlung König im Schauspiel. „Schon dreissigmal hat den Apoll sein Wagen Um Nereus Fluth und Tellus Rund getragen etc.

Act in, 2.

verglichen mit Act V, 1.

Erster Todtengräber. „Ich bin hier seit dreissig Jahren Todtengräber gewesen, in jungen und alten Tagen."

Gerade so alt war Herzog Christian (geb. 1503) bei seiner Thronbesteigung im Jahre 1534. Rechnet man von diesem Jahre zurück um sieben, so ergibt sich dass Jahr 1527, wo einerseits in Dänemark (zu Odensee) durch Friedrich I., andrerseits in Schweden (zu Westeräs) durch Gustav I. auf die Verkündigung des reinen Gottes- wortes nach dem Evangelium gedrungen ward, und der Volksgeist die Schwingen der Freiheit zu entfalten anfing. Zu einem ähnlichen Ergebniss führt aber auch die Zahl drei. Seit 1530, wo Friedrich

S h a k ti p e !U' e ' t^ <] ii n i s c h e r i' r i n z II a ui 1 et. " 83

(auf der Kirehenversanimluno; zu Kopenhagen) *) den halsstarrigen Bischöfen zum Trotz dir Froilieit des hitherisclien Bekenntnisses bestätigte, war die Bewegung gegen die alte Kiiche in steter Zunahme hegriflen, und in demselben Zeitraum trieben auch in England die Dinge dem Bruche mit Rom zu, der dmch den Supremateid im Jahre iri34 sich vollzog. Es scheint somit, als ob nur um dieser gleichzeitigen Beziehung auf England willen die ursprüngliche Sieben von Shak- speare in drei verändert sei; und die Fortsetzung jenes Gespräches zwischen Hamlet und dem Todtengräber erhärtet diesen Zusammenhang.

Wie nämlich Handels Lebensalter beim Beginn der Handlung mit dem des Herzogs, der die lutlierische Lelire zur Staats- religion in Dänemark erhob, bei seiner Thronbesteigung übereinstimmt, so stimmt auch seine Entsendung nach England gegen Ende der Handlung, „weil er toll geworden , und die Leute da ebenso toll seien wie er," mit dem Jahre überein, wo Heinrich VHI. durch seine Los- sagung von Rom , ohne es zu wollen , dem Fortschritte der Zeit die Schranken öffnete. Das Geburtsjahr Hamlets und Christians weist folglich auf die Anfiinge der Reformation in Dänemark hin. und die dreissig Jahre ihres Lebensalters sind die Entwickelungszeit derselben seit dem Beginne des Jahrhunderts, wo sie von Deutschland her dort eindrang. Dies bestätigt auch die vorhergehende schnippische Antwort desselben Todtengräbers auf des Prinzen Frage, wie lange es lier sei ..dass der vorige König Hamlet den Fortinbras überwand:"

„Wisst ihr das nicht? Das weiss ja jeder Narr. Es war denselben Tag, wo der junge Hamlet geboren ward."

Der alte Fortinbras oder Norweg ist eben der katholische Norden,**) wie wir oben nachgewiesen haben. Seine Ueberwindung durch Hamlets Vater an dem Tage, wo der Prinz zur Welt kam, l>edeHtet. dass die Niederlage des Katholicismus mit der Geburt des Protestantismus für identisch zu erachten sei ; und wenn derselbe 'I'odtengräber mit solcher Enij)has<' dabei betont, „dass er von allen Tagen im Jahre just den Tag in's Amt gekommen, wo beide Ereignisse eintraten," so kann das sicherlich nichts Anderes heissen sollen als:

') Man erinnert sieh, was in diesem Jahre auch in Schweden und in Üeutschland vorfiel.

••) Personificiert in Cbristiun II.. den F'ried'rich I., Christians 111. Vater, gefangen nahm.

6*

84 Shakspeare's „dänischer Tiins; ilainlet."

Von dem Tage an, wo der Protestantismus ins Leben trat, datirt die Macht, welche den alten Mächten ihr Grab gräbt. Die burleske Scene erschliesst die Deutung des ganzen Stückes. In dem Gespräclie der Todtengräber unter sich : Erster Todtengräber : „Wer baut fester als der Maurer, der Schiffsbaumeister oder der Zimmermann?" Zweiter Todtengräber. „Der Galgonmacher, denn sein Gebäude überlebt an die tausend Bewohner." Erster Todten- gräber. „Dein Witz gefällt mir, meiner Treu. Der Galgen thut gut ; aber wie thut er gut? Er thut gut an denen, die übel thun. Nun thust du übel, zu sagen, dass der Galgen stärker gebaut ist als die Kirche, also würde der Galgen an dir gut thun," liegt .die Vorbereitung zu diesem Sinne.

Verfolgen wir aber unsere Spuren weiter. Wir haben bereits an den von so eigenthümlichen Nebenumständen begleiteten Eigen- schaften der Friedensliebe und der Gewissenhaftigkeit Hamlets zu zeigen begonnen, dass auch hierin sein Vorbild Christian zu erkennen sei. Wir können uns jedoch nach Betrachtung der nächsten wichtigsten, die wir wegen vorhandener Missdeutung näher in's Auge fassen, damit begnügen, die übrigen nur namhaft zu machen, sofern sie, bei Uebereinstimmung der religiösen Grundlage in der geschichtlichen und der erdichteten Person, durchaus selbstverständlich sind.

Die Stelle Act in, 1. „Ihr hättet mir nicht glauben sollen eto.,^' worin Hamlet sich so ins Schwarze zu malen scheint, ist von einigen der neuesten Erklärer kurzweg auf Rechnung der geifernden Wort- seligkeit geschrieben worden , die sie an dem Prinzen zu erkennen glauben; dieselbe kehre sich gelegentlich ebensosehr gegen ihn selbst als gegen Andere; ernst sei das nicht gemeint. Das ist ein Irrthum. Sie bildet mit seinen übrigen Aeusserungen moralischer und religiöser Färbung vielmehr den Grundriss eines Systems , an welchem sich das Gepräge der evangelischen Lehre nicht verkennen lässt. Sie selber aber, diese Stelle, betrifft gerade denjenigen christlichen Glaubenssatz, aus dessen Tiefen die Trennung von der Mutterkirche erwachsen ist. Und wenn ihn der Dichter dreifach betont in den Worten : „Tugend kann sich unserem alten Stamm nicht so einimpfen, dass wir nicht einen Geschmack von ihm behalten sollten." „Es wäre besser, meine Mutter hätte mich nicht geboren." „Mir stehen mehr Vergehungen zu Dienst, als ich Gedanken habe, sie zu hegen," und zwa.r in dem

Shakspearc's „diinischer Prinz Hamlet." 85

Munde desjenigen, den er in AVittenberg studieren liess, so wird es uns wohl gestattet sein müssen, Absichtlichkeit darin zu sehen, und soweit nöthig, ihn zu beleuchten.

Der Ansicht des Augustinus folgend, und in Uebereinstimmung mit St. Paulus an die Römer, Cap. 5., auf welches der 2. Artikel der Augsburgisehen Konfession gegründet ist, lehrt die lufherischc Kirche, dass die Sünde der Stanimelfern einen Zustand der Verdorben- heit auf alle Nachkommen derselben fortgepflanzt habe, dergestalt dass jede Selbstthiitigkeit des Menschen 7.um Guten durch Willensfreiheit dadurch verloren, und die Vollbringung des Guten nach Phil. 2, 13. lediglich die Wirkung der Gnade Gottes und seines heiligenden Geistes sei. Die römische Kirche, welche der Ansicht des Pelagins huldigt, lehrt dagegen, dass durch Adams Uebertretung die sittliche Kraft des Menschen allerdings zwar sehr geschwächt, aber keineswegs doch so ganz verloren sei, dass er, seiner Freiheit beraubt, aus eigner Kraft Gutes nicht einmal beginnen könne. Die Tridentiner Synode ist kategorisch über diesen Punkt. „Wenn jemand sagt," heisst es darin Sitzung 6, Kau. 5, „der freie Wille des Menschen sei nach der Sünde Adams verloren und ausgelöscht worden , oder es sei nur um einen Namen zu thun, ja es sei ein Name ohne Wirklichkeit, und endlich eine vom Satan in die Kirche eingeführte Erdichtung, der sei im Banne." Nun sind aber Hamlets Worte zu Ophelia sehr studirt; bei der Ueberzeugung: „Mir stehen mehr Vergehungen zu Dienst, als ich Gedanken habe sie zu hegen, Einbildungskraft, ihnen Gestalt zu geben, oder Zeit sie auszuführen," bleibt schlechterdings niclits übrig, was irgendeine Möglichkeit menschlicher Selbstthätigkeit zum Guten durch einen Rest von Willensfreiheit in Aussicht nähme. Hamlet ist folglich mit diesen Bescheinigungen, nicht mit der römisch- katholischen , wohl aber mit der evangelisch-lutherischen Kirche in P'.inklaug. Hierin aber stimmt er wieder mit Christian auffallend über- ein, der als eifriger Lutheraner von der gänzlichen Verderbtheit der meiif.ehlieln'ii Natur durch Adams Fall aus tiefster Seele überzeugt war, iin<] unzufrieden mit der Mangelhaftigkeit seines Gehorsams über die eontumacia seines Fleisches adversus spiritum gleich laut und un- verholen klagte, und öfters gegen die, welche ihn oder sich dai- liber zu bescliwichtigen suchten, tadelnd ausrief: ..Selbst weiin wir mit aller menschlichen Gereclitigkeil gescliinückt wären (Hamlet: Ich bin selbst leidlich tugencüiaft, aber ), was weiter

86 Shakspeare's „dänischer Prinz Hamlet."

bringen wir gleichwohl vor Gottos Thron als eine schmähliche Sün- denmasse?"*)

Es leuchtet ein, dass bei dieser Gi'undlage, die beiden gemeinsam ist, die Uebereinstimmung Hamlets mit Christian in seinem Abscheu vor der Weltlust (Act I, 4.), vor Völlerei, Spiel, Fluchen, Tanzen (Act III, 4.), nicht erst nachzuweisen nöthig ist. Nur ihren Hass gegen die Trunksucht -- „Inveteratura malum , ebrietatem exosam habuit (Christianus)"**) ; Hamlet (Act I, 4.):

„Dies schwindelköpl'ge Zechen macht verrufen Bei andern Völkern uns in Ost und West etc."

heben wir wegen ihrer ausdrücklichen Beziehung auf beider Landsleute noch hervor, und wenn wir schliesslich das Beten in Betracht ziehen, welches der Dichter seinem Prinzen, nicht ohne einen Zug pretenziöser Apartheit, beilegt:

Hamlet. „Und so, ohn' alle weitre Förmlichkeit, Denk' ich, wir schütteln uns die Hand' und scheiden. Ihr thut, was euch Beruf und Neigung heisst Denn jeder Mensch hat Neigung und Beruf, Wie sie denn sind ich, für mein armes Theil, Seht ihr, will beten gehn

und über welches von König Christian berichtet wird: „On remarque que ce Prince dans ses prieres journalieres qu'il faisait en son par- ficulier se mettait toujours a genoux ; qu'il avait soin de se faire lire quelques chapitres de la bible, ou de se faire chanter quelques psaumes dans son cabinet; qu'il recitait toujours ;i haute voix en presence de ses courtisans et quelque compagnie qu'il eüt, les prieres d'avant et d'apres le repas etc."***) , so haben wir Zug um Zug überein- stimmend Alles, was an Beiden theils bewundert theils bespöttelt ist.

*) „Quid est, inquit, quod tantopere superbimus, ciim omni bumana justitia quam maxime ornati sumus? Quid tum aliud adhuc ad Deum accc- dentes adferimus rinara turpem peccati massam? Quare ad filium Dci con- fugiamns, amplectamur justitiam Jesu Christi, quae nos perducat ad vitam aeternam." Annal. Cragii, p. 427.

**) Ib. p. 414.

•**) Des Roches, V, 187. Verglichen : Si nihil forte ol'ficiebat valetudini, primis diei horis, ipso statim mane, de lecto solitus est surgere, expeditaque

Sliaktipeaie'.-^ „dänischer Prinz Hamlet." 87

Bei dieser Genauigkeit in Benutzung der Geschichte Christians müsstc es indess befremden, wenn Shakspeare den eigenthnmlichsten und vielleicht einzig in seiner Art dastehenden Zug desselben, dass er sich nämlich selber in seinen letzten Schlummer sang, übergangen hätte. Elr findet sich aber auch, obgleich nicht wo wir ihn vermuthet hätten; und glücklich genug, dient er zugleich einige der dunkelsten Stellen unseres Dramas aufzuhellen.

Ophelia . ruisst sich an dem plötzlichen und gewaltsamen Tode ihres Vaters durch die Hand des Prinzen die Hauptschuld zu und bei dem Schmerze dieser Selbstanklage haben sich die Gedanken des armen Mädchens an den Umstand festgeheftet, dass man ihn so ohne alle christliche Gebräuche und Ehren *) hinausgetragen. So kommt sie in ihrem Wahnsinn singend:

„Sie trugen ihn auf der Bahre bloss,

Leider, ach leider! Und manche Thrän' fiel in Grabes Schooss"

Act IV, 5.

in dem Augenblicke gerade, wo Laertes, ihr Bruder, den König zur Rechenschaft darüber gezogen hat:

„Where is my father? How came he dead?"

Und da sie diesen Namen auch in dem allmählich ruhigeren Wort- wechsel nennen hört:

König. „Dass ich an eures Vaters Tode schuldlos, Und am empfindlichsten dadurch gekränkt etc."

so meint sie, was ihre Seele erfüllt, ein Grablied wenigstens noch für den unjicbeichtet Dahingerafften das fordere ihr Bruder mit seiner aufgeregten Schaar. In diesem Wahne unterbricht sie ihren Gesang und ruft den Trotzigen zu :

(jiiac circa vcstiinentorum et corpus ornandi curam erat consuotiuline, cum habitu ille simpiici tantnm et nihil propemodum luxiuiante uteretiir, ad [ireces sc contulit, in r|uibiis ardenter, magni.s(jue et veris gemitibus coiam Deo ver.satu8 est, etc." Aimal. Cragii, p. 112.

*) Ophelia fühlt aber we.seutlich anders als ilir Hrudcr weiter unten:

„Die Todesarl, die, heimliche BcHtattuug,'

Kein Schwert noch \\'a[>pen über seiner Gruft etc."

88 Shaksi)Care's „dänischer Prinz Hamlet."

„You must sing, Down-a-down, an' you call him a-down- a" *)

d. i. in ihrem Sinne, und gleich als hätte sie umgekehrt sagen wollen: „You must call Down-a-down, an you (will) sing him a-down-a," „Wenn ihr ein Grablied für ihn fordert, so müsst ihr „Hitiäb, hinab" fordern, d. i. das Lied fordern (singen), welches anfängt „Hinab," nämlich: „in Frieden fahr' ich."

Shakspeare fand in seiner Lebensbeschreibung Christians 111., dass dieser König sich mit dem canticum Simeonis selber zu Grabe gesungen hatte, und Hess die um das Seelenheil ihres Vaters besorgte Unglück- liche mit dem frommen Wunsche eines so beruhigenden Nachrufes sich für ihn erfüllen. Zweierlei aber beweist die Richtigkeit dieses Zusammenhanges. Es ist erstens die nur der Situation angepasste, im übrigen aber vollständige Uebereinstimmung der räthselhaften Auf- forderung Ophelias „You must sing" mit derjenigen , welche König Christian an seine Umgebung zum Singen mit ihm in seiner Todes- stunde richtete. Christian sagte zu seinem Hofprediger; „Ich will singen, und ihr müsst mit mir singen dass man sagen kann, der König in Dänemark hab ihm selbst zu Grabe gesungen." Und hierbei stimmte er eben selber das genannte Lied an. Denken wir uns Shakspeare bei Entwerfung dieser Scene. Er erinnerte sich: durchdrungen von dem Glauben eines Simeon (Ev. Luc. II, 29. 30.): „Herr, nun lassest du deinen Diener in Frieden fahren; denn meine Augen haben dein Heil (salvation) gesehen," will Christian auch mit seinem Heiland zu Grabe gehen, ja mit dem jenen heilsfrohen Worten entnommenen Liede sich selber zu Grabe singen und die sein Bett Umstehenden sollen ihn mit hinabsingen. Es ist wohl ohne Weiteres klar, wie passend ihm dieser Wunsch, und das Lied selber, für die reuevolle Trauer seiner Ophelia erscheinen musste und er lässt sie überdies ja auch sich mit solchen Liedern in ihr eignes Grab singen, wie uns die Königin meldet :

« Ihre Kleider ,

Verbreiteten sich weit, und trugen sie

*) Eine alte Ballade mit dem Anfange „Down-a-down" womit die Ausleger sich in Betreff' dieser Stelle helfen möchten, ist bis jetzt nicht aufgefunden worden.

Shakspeare's ..dänischer Prinz Hamlet.'' 89

Sirenengleich ein Weilchen noch empor,

Indess sie Stellen alter AVeisen*) sang etc."

Offenbar nahm Shakspeare die Aufforderung Christians „Ich will singen und ihr miisst mit mir singen," und das Anfangswort des Liedes, welches er gesungen haben wollte, in den einen Satz zusammen: ..Ich will mir „Hinab" (das Simeonslied) singen, und ihr miisst es mit singen." Konnte nun diese Aufforderung als Wunsch in Ophelias Munde für ihren Vater anders lauten als wie sie lautet: You must call (sing) Down-a-down, an you sing (call) him a- down-a ? Es liegt also in dem Satze nur eine Umstellung der Verba sing und call vor, die, während sie als ein Versprechen der Irrsinnigen erscheinen kann, zugleich boabsichtigt ist den bekannten Doppelsinn für Claudius: „Wenn ihr ihn herab vom Throne ruft," zu erlangen.

Der andere Ueberzeugungsgrund für diesen Zusammenhang liegt in dem Liede selber. Man denke sich die deutschen Worte „Mit Fried und Freud fahr ich dahin" epglisch. Schwerlich konnte sie sich Shakspeare anders und einfacher übersetzen oder übersetzt finden als: „Adown I go in peaee and joy," oder vielleicht: „Down, adown I go in peace." Die dem biblischen Ausdrucke „hinabfahren" am nahesten liegende englische Redensart ist eben „to go down into one's grave." Und so bestätigt das Wort down die Quelle des Dichters ebenfalls.

Hiermit hängt nun aber noch eine Enträthselung zusammen. Hatte Shakspeare in jenen Worten Christians einen Gedanken gefunden, welcher ebensowohl der Frömmigkeit, als auch, wenn man ihn so abgerissen hinstellte, dem Wahnsinne Ophelias unvergleichlich eignete, so gab ihm jene Umstellung der Verba call und sing zu dem Zwecke der erwähnten Beziehung auf Claudius, ebenso leicht den unmittelbar folgenden für die Sprechende an die Hand. Es liegt in der Natur des Wahnsinns, durch ein einziges ausgesprochenes Wort auf einen ganz anderen Gegenstand überzuspringen. Ophelia war soeben mit ihren Gedanken bei ihrem Vater; da durchzuckt sie der Klang ihrer eignen Worte „an you call him a-down-a" mit der Ahnung, was wohl ganz Anderes als jenes Lied die Männer in dem'Schlosse wollen und in

*) Wie es scheint, übersetzte Schlegel, nacli l'opu's Vernuithtuig, nanili<'h tiuies für lauds (= hymns of i)rai.s<', lau des, von dc-ni I's. Laiidate Dominum benannt), wie die Quarto jedenfalls richtig hat.

90 Shakspeare's „dänischer Prinz Hamlet."

demselben Augenblicke hört sie auch schon statt dessen den grausigen Sterbegesang fiir den gestürzten König. O how the wheel (Kehrreim) becomes it! ruft sie - und das Wort wheel, sonst Rad, spiegelt ihr wiederum ebenso schnell oder gleichzeitig den Anblick eines auf dem Rade verendeten Verbrechers vor, „Es ist der falsche Verwalter, der seines Herrn Tochter stahl," fügt sie hinzu. In diesem Ausrufe Ophelias liegt unstreitig dieselbe Beziehung auf Claudius, die deutlicher in Hamlets Worten Act III, 4:

„Ein Beutelschneider von Gewalt und Reich,

Der weg vom Sims die reiche Krone stahl etc."

bezeichnet ist. *) Um sie zu erlangen bediente sich Shakspeare des schliessHchen Schicksals des bei Ersliirniung der Festung Warburg gefangen genommenen Verräthers Marcus Meyer (mayor = Steward), der in Helsingör hingerichtet wurde, wo seine aufs Rad geflochtenen Glieder lange Zeit ein Schrecken für den Ehrgeiz hingen. Uns aber überliess er diesen Zusammenhang zu errathen, weil wir wissen müssen, dass Ophelia in Helsingih- aufgewachsen war und den Vorfall sah.

Die Stelle enthält ferner noch eine Schwierigkeit. Hinter der letzten Zeile des Liedes, mit welchem Ophelia in die Aufruhrscene singend tritt:

„And in his grave rain'd many a tear" folgen die ihr ebenfalls zugetheilten Worte: „Fare you well, my dove." Sie sind in den Folios cursiv gedruckt, wahrscheinlich weil sie der Dichter als entlehnt bezeichnen wollte. Die Ausleger haben sie untör die übrigen, „nicht weiter erklärbaren Aeusserungen des Wahnsinns" gesetzt, wie wenn ein Dichter uns Unverständliches bieten dürfte. Sie enthalten aber nicht weniger als jene eine Reminiscenz aus Shakspeares Studien. Mau erinnert sich, in wie vielfacher und wich- tiger Beziehung zu dem Inhalte unseres Dramas stehend wir das Schicksal des während der gangen Regierungszeit Christians III. einge- kerkerten Königs Christian II. gefinidcn haben. Die erste Liebe dieses Königs war die Düweke, von welcher Dahlmann in seiner Geschichte von Dänemark Folgendes erwähnt:

„König Christian stand im 33. Lebensjahre. Hier in Oxslo fand er das schöne liebenswürdige Mädchen wieder, welches von dem Augenblicke an, da er sie zuerst vor sieben Jahren auf einem Balle

*) Siehe weiter unten die Charakteristik des Claudius.

Shakspeare's „(länisclicr Prinz Hamlet." 91

in Bergen sah, der Gegenstand seiner ganzen Zärtlichkeit ward. Es ist die Düweke, d. h. das Täubchen (columbula), welcher in einem Zeitalter des Hasses keine Feder einen Tadel anzuhängen weiss, es niüsste denn die Liebe sein. Nach wenig Jahren starb sie plötzlich. In des Königs Gemüthe brütete über dem Schmerze die Rache. Denn man sprach überall von Gift so plötzlich in voller Gesundheit war dieses junge Leben dahin.''

Der Dichter benutzte dieses Verhältniss für die. wiri'e Erinnerung Ophelias an die Zeit, wo sie Hamlet noch mit seineu Hoffnungen erfüllte, und gab uns in ihrem treuen Andenken an den gewohnten Scheidegruss „Lebewohl, meine Taube" den zartesten imd schmerz- lichsten Liebeshauch, der sich denken lässt. Dass aber ein solcher Sinn den Worten unterliege, ist deutlich daraus, dass Ophelia ihre Gedanken an ihren Vater mit ihnen unterbricht. Kindesliebe, und die Liebe zu dem Prinzen bekämpfen sich in ihrer Seele hier wie in den anderen Aeusserungen ihres Wahnsinns.

Wir kehren von diesen Abschweifungen von unserem Vergleiche Hamlets mit Christian jetzt zurück, um unseren Blick auf Claudius zu richten. Die Spuren geschichtlicher Beziehung, welche wir über diesen mitzutlieilen haben, geiien sämmtlich auf den Nachbarhof Christians, auf Gustav I. von Schweden und seine Söhne Erich und .Johann. Es stellt sich damit die eigenthümliche Wahrnehmung heraus , dass Sliakspeare , gleichsam in Nachachtung der Belleforest'- schen Einschaltung von der widerchristlichen Wissenschaft in Gothien und Biarmien, gewisse Züge aus der Geschichte der beiden Nordischen Reiche im 16. Jahihunderl so auf die Amlethfabel aufzupfropfen beflissen gewesen sei, dass die Einführung der Reformation daselbst einerseits als eine Wiikung religiöser Ueberspanntlieit , andrerseits als von nicht geringerer Unmoral umgeben erscheinen konnte, als die der gestürzten katholischen Herrschlaft daselbst gewesen war. Man sträubt sich anfangs gegen das Ueberraschende dieser Wahrnehmung, umso- mehr weil das Edele in der Charakteristik Hamlets unverkennbar die entgegengesetzte Absicht des Stückes erweiset. Allein dieser Wider- spnich löst sich zuletzt bei Betrachtung der früheren Namen desselben dadurch, dass diese in ihrer Vermischung und Veränderung die dtuit- liche Umgestaltung jener Absicht in ihr Gegentlieil verrathen, und unsrc Spuren als Ueberreste einer früheren 'Tendenz des Dramas erkennen lassen.

92 Shakspeare's „dänischer Prinz Hamlet."

Die oben behandelten Stellen, in welchen Prinz Hamlet den Hof des Claudius so hart angreift, und welche auf den ersten Blick nur da zu sein scheinen, um ein Bild von seiner puritanischen Sittenstrenge zu geben, seine Ereiferungen also über das Sündenleben zu Helsingör, sammt den namhaft gemachten Einzelheiten des Spielens, Fluchens, Wettens, Tanzens. Fechtens, und ihrem französischen Gepräge, dieses Alles, ja selbst die Giftmischerei, welche daselbst eine so auffällige Rolle spielt, findet sich an den Höfen Erichs und Johanns wieder,*) und gewisse wörtliche Beziehungen in dem Stücke, die später zu Tage kommen werden, beweisen dass der Dichter diese Verhältnisse im Auge hatte. Um Wiederholungen zu vermeiden, beschränken wir uns hier auf das, was von Hamlets übrigen Aeusserungen auf König Gustav hinweist, indem wir vorbereitend darauf kaum zu erinnern für nöthig erachten , wie viele passende Seiten für jenen früheren Plan des Dichters sich gerade auch an der Person des gleichsam zum Herr- schen geborenen, grossen Wasa darboten, mochte er nun auf die Kühnheit hinsehen, mit welcher derselbe dem legitimen Könige Chri- stian n. das eine seiner drei Reiche entriss, oder auf die Klugheit, mit welcher er dann den Ständen des Landes schmeichelnd sich erst den Titel eines Administrators (1521), und zwei Jahre darauf, schein- bar ungern, als trachte er nicht darnach, die Königswürde von ihnen übertragen Hess, um sie schliesslich beide, die Geistlichkeit durch den Adel, in ihrer Macht zu schmiüern und sich selbst bereichernd zu beherrschen.

König Gustav brachte die letzten drei Wochen seines Krankcn- und Sterbebettes fast in gänzlichem Schweigen hin, obgleich er nicht eben viel zu leiden schien und die ersten drei Wochen noch den leb- haftesten Theil an Allem genommen hatte. Dieser Ausgang eines so rastlos thätigen Geistes machte noch in anderer Hinsicht von sich reden. Man hörte ihn sagen, dass er sich zu sehr mit den Sorgen dieser Welt befasst habe; mit all seinem Reichthum könne er sich jetzt keinen Arzt erkaufen; auf die Frage, was ihm fehle, gab er zur Antwort: „Das Himmelreich, so du mir nicht geben kannst." Er bcreuete also, wie es schien, vornehmlich seine Begierde nach irdischem Besitz, und hatte sich allerdings sehr Vieles darüber vorzuwerfen. In

*) Geijer, Geschichte Schwedens, II, p. 169; verglichen mit p. 159 und p. 147.

Shtiks jieiire's „dänischer l'rinz Huuilet." 93

dem Westeräs-Rezess (1526) ^Yar festgestellt dass der Adel dasjenige wiedererhalten sollte, was von seinem Erbe und Eigenthum seit König Carl Knutsons Reduetion im Jahre 1454 an die Kirchen und Klöster gebracht worden, wofern der Erbe durch 12 Männer Eidschwur sein Geburtsrecht dazu bei dorn Ting bekräftigen könne. Da nun der Adel fast sämmtliche Gerichtsst eilen allein inne hatte, und sich des verworrenen Rechtszustandes, in welchem das Land aus der Union hervorgegangen, bediente, um Alles an sieh zu relssen, so fand sich der König schon zwei Jahic darauf befugt, die Ansprüche der Einzelnen unter seine Aufsicht zu nehmen. Dabei verlor er aber seinen eignen Vortheil nirgends aus den Augen. Als verwandt mit den vornehmsten Geschlechtern im Lande konnte er persönlich an der Erlaubniss Theil nehmen, die er dem Adel ausgewirkt, Geschlechtsgut, das unter die Kirche gekommen, zurückzuerhalten, und ging mit seinem Beispiel auch voran. Aber Verwandtschaft wusstc er selbst zu begründen in Fällen, wo sie nicht vorhanden war; und war sie entfernt, so ging sie doch der näheren vor. Auch geschah es, dass er sich Güter schenken Hess von Personen, die nicht Besitzer waren, oder verschreiben unter Zusicherung von Ersatz, der nicht geleistet wurde; ja er eignete sie sich auch ohne weiteres an, wenn sie ihm gelegen schienen. Zuletzt sah er sich als den Universalerben an all des Silbers und der beweg- lichen Güter der Kirchen, Klöster und geistlichen Stiftungen, wobei nicht einmal der Kupferkessel und Zinnbecher vergessen wurde; trat in die Stelle des Bischofs als Miterbe in allen Pfarreien , und war dabei nicht mit dem kleinsten Antheil zuirieden; bezog bei Erledi- gungen nicht selten längere Zeit die Einkünite der grösseren Pastorate, indem er den Geistlichen selbst besoldete; trieb selbst Ackerbau, Bergbau, Fischfang, und Handel mit allen Producten des Landes, und gelangte dadurch in Besitz eines Reichthums, der allein an Erbgütern noch in Karls IX. Hand (den Antheil ungerechnet, welchen Herzog Johann von Ostergötlaml damals besass) ül^pr 2500 Höfe betrug.*)

Nun finden sich aber alle diese Bercicherungsmittel Gustavs, nicht aliein in Rücksicht auf die Sache, den Erwerb von Grundeigen- thum, sondern auch mit ihren jin-istisclien Bezeichnungen l)ei den von Hamlet Act V, 1. auf den Schädel des Advokaten zusammengehäuften

*) Nach dem angefülirten \\'erke von (Jeijer, II, KtO IIJJ und ander- wärts.

94 Shakspeare's „dänischer Prinz Hamlet."

scheinbaren Uebertreibungen von Rechtskniffen, Chikanen und Pro- zessen buchstäblich wieder selbst in den Worten in den gericht- lichen Verschreibungen (Statutes), Obligationen (recognisances), Lehn- geldern (fines), Belegscheinen oder persönlichen Zeugen bei Rechts- ansprüchen (vouchers) , Zurücknehmungen von Erbgütern (recoveries), Käufen (purchases), Contracten (indentures), Abtretungsurkunden (conveyances of lands) und Sicherheiten oder Versprochungen von Ersatz (assurances) und diese, wie die übrigen folgenden, und geflissentlich herbeigeführten Reflexionen des Prinzen über die seh Hess - liehe Gleichheit von Hoch und Niedrig in dem Grabe klingen wie ebenso viele Variationen über die ebenfalls von König Gustav auf seinem Sterbebette letztlich an seine Söhne gerichtete seltsame Aeus- serung :

Ein Mensch, ein Mensch! Ist das Schauspiel aus, sind

wir Alle gleich" sowie sie in der That schliesslich, und zwar mit dem sichtlichen Ge- dankensprunge :

Hamlet.

„Sei so gut, Horatio, sage mir dies Eine.

Horatio.

„Und was, mein Prinz?"

Hamlet.

„Glaubst du, dass Alexander solchergestalt in der Erde aussah?" in der Beziehung auf die Gebeine eines Königs, die unter den andern auf diesem Kirchhofe nicht zu finden waren, sich verlaufen, und in dem fantastischen Verschen*) über den Staub „des grossen Cäsars" ihre beabsichtigte Spitze und ihr Ende haben.

Liegt aber in jener Aeusserung Gustavs über die Nichtigkeit menschlicher Grösse der Anlass zu diesen Sarkasmen Hamlets , wie soll man, da man den Dichter bei Entwerfung der Scene mit seinen Gedanken bei diesem Könige verweilen sieht, daran zweifeln dürfen, dass auch die oben erwähnten Schimpfwörter, die er für Claudius hat :

„Ein Beutelschneider von Gewalt und Reich,

Der weg vom Sims die reiche Krone stahl etc."

•) „Der grosse Cäsar todt, und Lehm geworden,

Verstopft eio Loch wohl vor dem riiuhen Norden etc."

Shakspeare's „«liinischor l^rinz Hamlet." 95

eigentlich auf diesen lutherischen Fürsten des Nordens gemünzt sind , umsomehr da die Beziehung der auttällenden Wahnsinnsworte Ophelias: „Es ist der falsche Verwalter, der seines Herrn Tochter stalil" mittels des Verriithers M. Meyer (steward) unzweifelhaft auf Claudius geht, und in der ersten Würde Gustav Wasa's als Ad- ministrators des Reiches ihre Erklärung findet, üherdies aber die bekannte, von ihm seinen Söhneii öfters eingeschärfte und mit mannig- fachen Vergleichen erläuterte Maxime:

„Alles überleget wohl, aber führt es schnell aus, und

verschiebet nichts auf morgen" in den Insinuationen des Claudius zu Laertes Act IV, 7 :

That we would do,

We should do vrhen we would etc."

deutlich anklingt?

m.

Die in der letzten Redaction des Stückes (vom Jahre 1604)

geänderten Namen.

1) Guildenstern und Rosencrantz,

in der Redaction von 1603 Gilderstone und Rossencraft.

Diese Namen sind Shakspeare's Eigenthum. Bei Saxo sind die

Träger derselben Rollen nicht benannt. Ob er sie aber erfand?

Die Symbolik derselben macht dies nicht unglaublich. Guildenstern

l)esagt so ziemlich dasselbe was Gilderstone; Rossencraft ist nur

derber als Rosencrantz*) und vergleicht man die Charakteristik

*) Die Behauptung, dass Shakspeare die Bedeutung der Bestandtheile dieser Zusammensetzungen nicht gekannt habe, ist völlig ungerechtfertigt. Wir bemerken vorläufig, dass beide dieser frühern Namen verstellte Namen sind, obgleich Gilderstone mit dem Namen der Grafschaft „Glildenstein" im Stifte Fyen in Dänemark zusammentrint. S. Lu<lwiga von Holberg'.s „geistlicher und weltlicher Staat Dännemarks und Norwegens," p. 276. - Rossencraft ist mit Beziehung auf die Lüsternheit der Gertrud erfunden, und gründet sich auf den Vorwurf, den Amleth bei Saxo seiner Mutter macht: „Ita nempe equae conjugum suorum victoribus maritantur; bru- torum natura haec est ut in diversa passim conjugia rapianlur," und welelien Shakspeare in Hamlets Munde gemildert wieder<^i(^t in den Worten dea ersten Monologes. „O Himmel! würd' ein Thier, das nicht Ver- nunft hat, doch lünger trauern."

96 Shaktspeare's „dänischer Frinz Hamlet."

der Personen, die des Königs Umgebung bilden, sämmtlich, so ergiebt sich, dass allen die Absicht unterliegt, auch durch ihre Namensverhält- nisse dem Zwecke des Dramas zu dienen. Dessen ungeachtet muss es von vornherein auffallen, dass diese Namen Shakspeare's mit Namen von Personen zusammentreffen , die in der nordischen Geschichte des 16. Jahrhunderts eine R«>lle spielten. Und wenn es sich erwiese, dass diese Rolle der geschichtlichen Personen sich in der Rolle der erdichteten in unserem Trauerspiele merklich wiederspiegelte, hätten wir dann nicht auch in ihnen einen Beweis der Shakspeare'schen Studien zu seinem Hamlet?

Die Rosencranz und Güldenstern gehörten zu den angesehensten und verzweigtesten Adelsfamilien sowohl Dänemarks als Schwedens im IG. Jahrhundert. Fast giebt es keine Begebenheit von einigem Belang unter den Regierungen Christians II., Friedrichs I. luid Chri- stians III., sowie der Könige Gustav, Erich und Johann, bei welcher nicht Glieder derselben, oft mehrere zu gleicher Zeit, in amtlicher Thätigkeit gewesen wären. Wir beschränken uns auf das Nächste für unsern Zweck. Ein Rosenkranz und ein Güldenstern befinden sich auch in der Reihe derjenigen dänischen Grossen, deren Hilfe sich Christian III. versicherte, um seinen Schlag auf den Katholicisraus auszuführen. Ich kann es nicht umgehen, das Document, welches diese Vereinbarung enthält, in seiner ganzen Länge mitzutheilen. Es lautet :

Wir Unterzeichnete pp. thun hiermit allen und jeden kund, dass nachdem der Hochgeborne Fürst und Herr, Herr Christian, durch Gottes Gnade erwählter König zu Dänemark und Norwegen, Herzog zu Schleswig, Holstein, Stormarn und Dithmarsen, Graf zu Oldenburg und Delmenhorst u. s. f., unser geliebtester und gnädigster Herr gegenwärtig reiflich überlegt und nachgedacht hat, wie das Reich Dänemark nicht in Frieden und Ruhe durch eine gute Policey könnte regieret werden, wo es nicht durch die Obrigkeit und das weltliche Regiment geschähe : So ist unser geliebtester und gnädigster Herr dadurch bewogen worden, in diesem Stücke andere Anstalten zu machen und eine bessere Ordnung ins Reich einzuführen, als bisher in selbigem gewesen. Es wollen daher Se. Majestät, dass das Regiment in Däne- mark auf keine Weise von den Erzbischöfen oder andern Bischöfen abhänge. Dänemarks Reich und Regiment soll allein Sr. Majestät und seinen hohen Nachkommen, den Königen in Dänemark, dein weltlichen

Shakspeare's „diinisclier Prinz Hamlet." 97

Reichsrathe in Dänemark, und ihrer Nachkomnienscliaft eigen sein. Da nun Se. Königliche Majestät es so mit uns abgeredet, verglichen und beschlossen hat, und wir es für gut erachtet haben, dass es nach diesem in Dänemark so soll gehalten werden, so bekennon wir, dass wir versprochen und zugesagt haben, und vorsprechen und geloben in diesem unserem ollenen Brief aus freiem ^^■illen und vorbedachtem Rath, bei unserem christlichen Glauben, bei unserer adelichen Treue, Ehre und Redlichkeit, vorbenanntor königlichen Majestät, unserem gnädigsten Herrn, dass wir nie, von dieser Zeit an, auf irgend einige Weise, weder heimlich noch öffentlich, weder selbst noch durch andere, weder im Lande noch ausserhalb des Landes, es mag sein wie es wolle, suchen werden einem Bischof, entweder von denen die jetzo leben , oder von anderen , zu einem weltlichen oder geistlichen Regimente zu verhelfen. Keiner soll ein Bisthum oder geistliches Amt in Dänemark eihalten, bis eine all- gemeine Kirchenversammlung ist beschlossen und gehalten worden, und die Christenheit in Dänemark, in anderen Gegenden und Ländern, wie auch in Deutschland und anderen Reichen, selbiges w^erde gebil- liget, angenommen und ins Werk gerichtet haben. Wenn ein solcher Befehl ist ertheilet, oder eine dergleichen Veranstaltung nach dem Aus- spruche der allgemeinen Kirchenversamralung gethan worden, so werden wir doch nicht suchen, weder heimlich noch öffentlich, einem Bischof in Dänemark zu einem geistlichen oder weltlichen Regimente zu ver- helfen, es sei denn dass es mit Gutdünken, Willen und Einwilligung Se. Königlichen" Majestät, Se. Majestät Nachkommen, den Königen in Dänemark , des allgemeinen Reichsraths in Dänemark , des Adels und der Einwohner im Reiche Dänemark geschehe. Wir verpflichten uns ferner durch diesen unsern offenen Brief, dass wir auf keine Weise hindern wollen, dass das heilige Evangelium und Wort Gottes rein und unverfälscht in diesem Reiche darf gepredigt und verkündiget werden. Wir erbieten und verbinden uns bei seiner Majestät, unserem vor- benannten Könige, Leben, Gut und alles Wohlergehen in diesen und anderen Umständen aufzuopfern, - wie uns zu thun oblieget für unsern Herrn und König und das väterliche Reich. Zu desto grösserer Gewissheit haben wir alle mit Willen und Vorbedacht unsere Insiegel in Capseln diesem unseren Brief angehänget. Gegeben zu Kopenhagen, den Sonnabend nach dem Tage des heiligen Laurentius, des Märtyrers. Im Jahre des Herrn 1536."

Folgen die Unterschriften, bei Holberg in dieser Ordnung:

Archiv f. n. Spraclieu. XXXVl. 2

98 Shakspeare's „dänischer Prinz Hamlet."

Mogens Gör, des dänischen Reiches Hofmeister, Tygo Krabbe, Reichsmarschall von Dänemark, Ove Lunge, Axol Brahe, Knut Bilde, Oluf Rosenkranz, Holger Ulstand, Trind Ulstand, Mogens Gülden- stiern, Erich Krumedige, Johann Früs.

Bei Malle t: Magnus Giö, Tycho Krabbe, Axol Brahe, Knut Bilde, Olof Rosenkrantz, Magnus Güldenstern etc.

In der Reihe der bisher erörterten geschichtlichen Spuren im Hamlet, und besonders in Rücksicht darauf, dass Christian um seines Lutherthumes willen von der Nachfolge auf dem dänischen Thron aus- geschlossen worden war, ist dieses Document von der grössten Wich- tigkeit; sein Zweck liess sich katholischer Seits als von Rache ein- gegeben auffassen. Der König hatte es selber aufgesetzt.*) Er verpflichtet die Unterzeichner darin mit Gut und Leben, bei Allem was ihnen heilig ist, zur Mitwirkung bei einer Gewaltthat, die darauf hinausgeht, den Katholicismus in seinen Landen zu stürzen und die Lehre von Wittenberg zur Staatsreligion zu erheben.**) Die Zusage, die er darin macht, dass künftig der weltliche Reichsrath allein mit ihm das Regiment im Reiche haben solle, machte den Adel dem Plane geneigt; die Verschwiegenheit, mit welcher ihn die Verschworenen bis zur günstigen Stunde bewahreten, sicliorte sein Gelingen. Nimmt man nun dazu den Umstand, dass Christian durch Vernichtung der katho-

*) Ludwig von Holberg, p. 112. „Als Christian III. die bürgerhchen Kriege geendiget und seinen Einzug in Kopenhagen gehalten hatte, berath- schlagte er sich mit einigen weltlichen Reichsräthen über die lutherische Lehre. Er war willens, sie ins ganze Reich einzuführen. Die Bischöfe wollte er absetzen. Ihre Güter wollte er einziehen zum Besten der Krone. Die Räthe, denen er dieses entdeckte, mussteu sich alle eidlich ver- binden, dieses zu verschweigen. Kurz darauf kam folgender Brief heraus." Dies ist die uiitgetheilte Stipulation, die aber ebenfalls geheim gehalten ward, bis Alles ausgeführt war.

**) So trat es kurz nach jener Vereinbarung an den Tag. L. v. Holberg sagt hierbei: „Solchergestalt ging die Religionsverbesserung hier im Reiche glücklich und ohne die geringste Unordnung von statten. Die Ursache hiervon war, weil alle Bischöfe zu einer Zeit eingezogen wurden, und die lutherische Lehre fast im ganzen Reiche Beifall gefunden hatte, ausgenommen bei einigen seltsamen Leuten unter den Cieistlicheu , die ihre reichen Einkünfte nicht gern verlieren wollten." „Der einzige, der nicht an demselben Tage gefangen genommen ward, war Ove Bilde, Bischof zu Aarhuiis. Er ward nachträglich von Oluf Rosencranz eingezogen." ib.

Shakspeare's „diinischer Trinz Hamlet." 99

lischen Hierarchie seinem Throne Bestand zu geben, und für das Land eine bessere Zeit und geordnetere Zustände herbeizuführen überzeugt war, so kann man sich nicht erwehren zu glauben, dass Shakspeare aus jener Vereinbarung die Grundidee zu seinem Hamlet, in der ur- sprünglichen Richtung desselben, entnommen habe. Der eigentlichen Handlung seines Dramas gehl die Schwurscene voran, wie Christian seinen ersten, gmssen Regieruugsact mit jener geheimen Stipu- lation zwischen ihm und dem Adel anfing, und jenes Schwören auf Hamlets Schwert,*) bei Gott und seinem Heile, hie et ubique, unter Verbot jtder Andeutung der Sache durch Zeichen, Worte oder Mienen, ist, wenn man von dem Spuke des Geistes absieht, wodurch der einfachen Sache Effect verliehen wird, nichts Andei-es als eine Nach- ahmung der ängstlichen Vorsicht, mit welcher Christian der Ver- schwiegenheit seiner Vertrauten bei jener Gelegenheit sich versicherte. Der Schluss des Actes aber:

„. Nun, liebe Herrn,

Empfehr ich euch mit aller Liebe mich ; Und was ein armer Mann, wie Hamlet ist, Vermag auch Lieb' und Freundschaft zu bezeugen, So Gott will, soll nicht fehlen. Lasst uns gehn, Und. bitt' ich, stets die Finger auf den Mund."

enthält wörtlich Alles, was dieser König jene Verhandlung resumirend, seinen Verschworenen versprochen oder anempfohlen haben kann, ehe er sie entliess. Und die letzten Zeilen endlich:

„Die Zeit ist nus den Fugen: Schmach und Gram, Dass ich zur Welt sie einzurichten kam!"

drücken den Glauben Christians an seinen Beruf in dieser grossen Angelegenheit, zugleich mit dem Sehmerze, dass er nicht anders als durch Gewalt demselben gemigen könne, so klar und bündig aus, dass die Aehnllehkeil zwischen ihm und Hamlet in diesem Punkte der

•) .So Hess sich König (justuv im Jahre 1540 als Erbkonig von dem ItcicliHratlie schwören. Seine Worte lauteten: „Im Namen der heiligen Dreieinigkeit, und aus des allmächtigen Goltes Kraft und Macht, welche Vns und allen un.sern königlichen und fiirstlichin [♦eibeserben vergönnt uml verheben ist, zu herrschen un<l zu walten über euch, und alle lJns«'re L'Eterthaneii, halten wir diese« Schwert der (iereehtigkeit über euch zum Zeugniss: damit schwört." (ieijer, II, 10 1..

7.*

100 Shakspeare's „dänischer Prinz Hamlet."

schon erwähnten Beweise, durch welche wir sie erhärten könnten, nicht bedarf.

Wie sehr sich nun hierdurch die oben ausgesprochene Verinuthung über den ursprünglichen Zweck des Stückes bestätiget, lassen wir jetzt bei Seite. Wir constatiren aber, dass die Benutzung des besprochenen Dokumentes von Seiten Shakspeares die Entlehnung der Namen „Güldenstern und Rosenkranz" durch ihre Unterschriften ausser Zweifel stellt.

Die Charakterzeichnung dieser Persoiien enthüllt überdies noch weitere Beweise seiner Kenntniss der nordischen Geschichte.

Rosenkranz und Güldenstern sind die Jugendl'reunde Hamlets. Sie waren mit ihm in Wittenberg, und hielten an ihm so lange, als sein Vater lebte und Aussicht vorhanden war, dass er ihm folgen werde. Nach dem Tode aber des alten Hamlet erscheinen sie im Dienste seines Oheims

Vergleiche: Hamlet zu ihnen: „Denn mein Oheim ist König von Dänemark, und eben die, welche ihm Gesichter zogen, so lange mein Vater lebte, geben zwanzig, vierzig, fünfzig, bis hundert Dukaten für sein Porträt in Miniatur. Wetter, es liegt hierin etwas Uebernatürliches , wenn die Philosophie es nur aus- findig machen könnte" (Act II, 2.) leugnen die Bedrückung des Landes, die dem Prinzen es als ein Ge- fängniss erscheinen lässt, ihm ins Gesicht, und bieten sich, bei der steigenden Gefahr, die dem König von seinem Wahnsinn zu fürchten dünkt, schliesslich zu seiner Beseitigung an. Auch in diesem letz- teren Punkte offenbart sich die Spur eines geschichtlichen Faktums voü grossem Interesse. Sie versetzt uns an den Hof von Schweden. Nachdem König Erich von seinen Brüdern Johann und Karl im Jahre 1569 des Thrones beraubt und in Gewahrsam gebracht war, wurde Johann, der ihm in der Regierung folgte, von der beständigen Furcht gequält, der Gefangene könne durch seinen Anhang befreiet werden und Rache an ihm nehmen. In der That hatte dieser von der harten Behandlung, die ihm zu Theil ward, Anfälle von Raserei,*) und stieSs dann Drohungen aus, welche den König ängstigen konnten. Auch fanden Versuche, seine Haft zu sprengen, wirklich statt. Man brachte ihn in Folge derselben aus einem Schlosse ins andere ; zuletzt

•) Geijer, ib. p. 184.

Sliakspeare's „dänischer Prinz Hamlet.** 101

(1574) nacli Orby in Üpland, hinter acht Fiiss dicke Manern, woselbst er, da Niemand anders sieh dazu hergab, endlich im Jahre 1577 von des Königs eignen Dienern durch eine Erbsensuppe auf Befehl ver- giftet wurde. *)

Allein schon im ersten Jahre der Gefangenhaltung Erichs hatte sein Bruder Johann die heimliche Zustimmung des Reich srathes zu einer ebenso geheim gehaltenen Vollmacht **) für seine Wächter erwirkt, des Inhaltes:

..dass, im Falle man ihn (den König Erich) nicht im Gefäng- nisse verwahren könne, wo er sich noch stets als ein arger und ungeschlachter Mensch betrage, man ihn mit einem der Mittel, die dazu dienlich,***) umbringen solle, „dieweil solches nach göttlichen und weltliehen Gesetzen geschehen könne; dass man seiner Hoheit wegen so lange seines Lebens geschont, verlohne sich nicht der Gefahr, mehr wider als nach Gottes Wohlgefallen gehandelt zu haben; auch sei es besser und christlicher, dass Einer leide, als dass Viele ins Verderben kämen." Unterschrieben von 16 zur Hälfte weltlichen, zur Hälfte geist- lichen Reichsräthen. Man vergleiche nun zu dieser Vollmacht Hamlet Act ITI, 3. :

König. „Ich mag ihn nicht, auch stetht's um uns nicht sicher, Wenn frei sein Wahnsinn schwärmt. Drum macht euch fertig, Ich stelle schleunig eure Vollmacht aus, (Und er soll dann mit euch nach England hin.)

•> Ib. p. 200.

••) Ib. 107.

••*) Nach einem eigenhändigen späteren Briefe des Königs giengen diese Mittel dahin, dass, „wenn irgendpine f Jefahr vorhanden wäre, man dem König Erich eim.n Trank von Upium oder Mercurium so stark geben solle, dass er nicht über einige Stunden leben kann; und falls er solchen Trank :mf keine Weise zu sich nehmen wollte, dann sollen unsere Verordneten ihn auf einen Stuhl setzen un'i ihm an Händen und Füssen Ader lassen, so das.s er sieli zu To'le verblnt«-. \S'\\\ er solches Aderlassen nicht zugeben, so soll man ihn entweder mit (lewalt halten, oder mit Handtüchern binden dis es beslt'llt i>-t: oder ihn aucli mit (Gewalt auf .«^cin' Uett l<'<;cn, und ihn mit Polstern oder grossen Kissen ersticken; doch so, dass ihm zuerst ein Priester werde, und das hochwürdige Sacrftmont." Ib. I'j9.

102 Shakspeare's „dänischer Prinz Hamlet."

Die Pflichten unsrer Würde dulden nicht G-efahr so nah, als stündlich uns erwächst Aus seinen Grillen.

Güldenstern.

Wir wollen uns bereiten. Es ist gewissenhafte, heil'ge Furcht, Die vielen vielen Seelen zu erhalten, Die eure Majestät belebt und nährt.

Rosenkranz, Schon das besondre, einzle Leben muss Mit aller Kraft und Rüstung des Gemüths Vor Schaden sich bewahren ; doch viel mehr Der Geist, an dessen Heil das Leben Vieler Beruht und hängt. De," Majestät Verscheiden Stirbt nicht allein; es zieht gleich einem Strudel Das Nahe mit. Sie ist ein mächtig Rad, ' Befestigt auf des höchsten Berges Gipfel,

An dessen Riesenspeichen tausend Dinge Gebettet und gefugt sind: wenn es fällt, So theilt die kleinste Zuthat und Umgebung Den Ungeheuern Sturz. Kein König seuf/.te je Allein und ohn' ein allgemeines Weh."

Es wird Niemand leicht behaupten, dnss eine Dramatisirung jener Vollmacht hätte genauer und vollkommener sein können, sei es der Sache oder dem salbungsvollen Tone nach. Wer die Charak- teristik der beiden Gesinnungsgenossen bei Shakspeare verglich, wundert sich auch über die breite Schönrednerei des Rosenkranz nicht. Aber wie erklärt sich der Zusammenhang dieses Dokumentes mit dem andern, das die Namen der Unterredner hier trägt, in den Gedanken des Dichters?

Wir haben bereits zu der Ueberzeugung gelangen müssen, dass Shakspeare die Saxo'sche Heidenfabel von Amleth in das Reformations- zeitalter Dänemarks und Schwedens, in den Grafenkrieg und die mit der Entthronung Christians II. zusammenhängenden anderweitigen Unternehmungen gegen die nordischen Reiche versetzte, die sämmtlich ein letzter Kampf des Katholicismus gegen die lutherische Lehre daselbst waren. Wir sahen, dass er den Charakter seines Helden, mit seinen Ergüssen über das Siindenleben zu Helsingör, mit seinem Eifer um das Seelenheil seines Vaters und seiner Mutter und anderen kennt- lichen Merkmalen von Wittenberg her, wo ^r studirt hat, dem

Shaksiieare's „dänisiluT l'rinz Hamlet." 103

Charakter des ilamals gefeiertest^^n lutherischen Monarchen, Chri- stians III, von Dänemark entlehnte. Wir konnten uns der Wahr- nehmung nicht verschlie.>^,sen , dass unter der Hülle des tollgewordenen, nach England entsendeten Prinzen der Eingang der Reformationsideen daselbst gemeint sei; und wir erkannten, dass der übrige Theil der Kirchhofsscene gewissen entstelll)aren Aeusserungen des grossen Gustav Wnsa entnoinmon ist. Nun landen wir weiter, d^ss der Ausgangspunkt der Handlung in seinem Drama, mit den Schlussworten „die Zeit ist aus den Fugen etc.," gegründet ist auf jene geheime Verhandlung Christians III. mit dem weltlichen Theile seines Adels, in welcher sich dieser mit Gut und Ehre zur Durchiührung einer Sache ver- pflichtet, von welcher ihm nur die Aussicht auf seinen Gewinn, auf das Regiment im Staate, deutlich ist, und schliesslich verwies uns die Charakteristik der beiden Höflinge auf eine ähnliche geheime Ver- handlung des schwedischen Königs Johann, in welcher die Zustimmung zu einer noch verwerflicheren Massiegel von Seiten nicht nur eines weltlichen, sondern zugleich eines geistlichen lutherischen Rathes, und zwar bis zur Verdrehung des göttlichen Wortes, vorliegt. Sollte dies nicht jener beim ersten Anblick <ier Sache vermisste Zu- sammenhang in der Benutzung dieser Thatsachen von dem Dichter sein ? Er kann kaum fehlen. Die .Spitze in dem einen Dokumente liegt in der Zustimmung der Unterzeichner zu einer höchst wichtigen Sache, deren Kern und Umfang sie nicht kennen. Dies ist in der Schwurscene gleichsam parodirt. Die darin betheiligten Offiziere und Freimde Hamlets schwören auf sein Schwert, geheim zu halten , dass ^\i' den Gei.st des alten Hamlet,*) das Hirngespinst des jungen, gesehen: die Sache selbt, was zwischen dem Prinzen und diesem ..ehrlichen"'**) Gespenste abgeredet worden, bleibt ihnen aus den dunkelen ahnungsvollen Worten:

*) Man erinnert sich, datss der Vater Chn.>itians III., Friedrich, der Glaubensfreiheit in Dänemark die erste gesetzliche Duliinng verschaffte.

**) In seiner Handfe.ste vom Jahre la'iS liatte Friedrich geschworen, den ketzerischen Schiih rn Luthers nicht zu erlauben, dass sie gegen die lieilige römische Kirche, und den heiligen Vater, den Papst, predigen dürCfeii, vielmehr sie an Leih und Gutern zu strafen. Dahhiiami, Geschichte von Dänemark, IH, yi. .5 7'. Dennoch leistete er dir lutlierischen Leine Vor- schub.

101 Shakspeare's „dänischer Prinz Hamlet"

„Die Zeit ist ans den Fugen, Schmach und Gram, Dass ich zur Welt sie einzurichten kam"

zu errathen. Die Spitze des anderen Documentes der Mantel der Pflicht und Religion, um die Selbstsucht zuzudecken, ist nachgeahmt in der frechen Heuchelei:

„Es ist gewissenhafte, heil'ge Furcht etc." mit welcher die beiden Höflinge sich dem Wunsche des Claudius, den Prinzen aus der Weit geschaflTt zu sehen, zur Verfügung stellen. Shakspeare übertrug jenen Schandfleck des schwedischen lutherischen Reichsrathes auf den dänischen, weil er die Motive des Handelns bei beiden für gleich ansah, und wählte zu Trägern dieser seiner Vor- stellung aus den Unterzeichnern des ersten die aus, welche das Omen in dem Namen trugen. Dass es aber mit der Absicht des Dichters bei dieser Namenswahl seine Richtigkeit habe, das beweisen die übrigen in Frage stehenden Namen. Auch sie sind verstellte Namen und ihre Träger Personen, welche, bei einer dem Zeitalter und Lande, in welchem das