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GERMANIA.

VIERTELJAHRSSCHRIFT

FÜR

DEUTSCHE ALTERTHUMSKUNDE.

BEGRÜNDET VON FRANZ PFEIFFER.

HERAUSGEGEBEN

VON

KARL BARTSÖH.

ACHTZEHNTER JAHRGANG. | ^

NEUE REIHE SECHSTER JAHRGANG.

WIEN.

VERLAG VON CARL GEROLD'S SOHN.

1873.

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INHALT.

Seite

Von Sitten und Bräuchen, Namen und Ausdrucksweisen. Von A. Hoefer ... 1

I. Feste und Gebräuche 1

II. Strafen 6

III. Marken und Lose . . . r 8

IV. Tier- und Pflanzennamen 9

V. Bestimmungen für Kaum, Zeit u. a 13

VI. Nichts und seine bildliche Verstärkung bes. im Niederdeutschen ... 18

Nochmals Altvile im Sachsenspiegel. Von demselben 29

Zum mittelniederdeutschen Wörterbuche von K. Schiller und A. Lübben. Von

demselben 35

Der Maler mit der schönen Frau. Von K, Bartsch und R. Köhler 41

Alt- und Mittelhochdeutsches aus Engelberg. Von K. Bartsch 45

I. Lateinisch-althochdeutscher Segen 45

II. Althochdeutsche Glossen zur Bibel 46

III. Althochdeutsches Wörterbuch 47

rV. Sequenz von Muri 49

V. Mariengedicht 50

VI. Segen gegen Colik 52

Vn. Geistliche Lieder und Hymnen 52

Vin. Lateinisch-deutsches Vocabular 66

IX. Geistliche Prosawerke 68

X. Verschiedenes 71

Althochdeutsche Glossen zu Horaz. Von AlfredHolder 73

Aus der Stadtbibliothek zu Frankfurt am Main. Von L. Diefenbach. . . . 76 Bruchstücke mittelhochdeutscher Dichtungen aus dw mittelalterlichen Sammlung

zu Basel. Von K. Meyer 80

Mitteldeutsche Predigt- und Legendenbruchstücke. Von W. Schura 96

Zum Meier Helmbrecht. Von A. Birlinger 110

Zu Bruder Hausens Marienliedem. Von demselben 112

Weinende Augen haben süssen Mund. Von R. Köhler 113

Kierspe. Von W. Crecelius 114

Anspielung an ein unbekanntes Gedicht. (Segremors?) Von H. Suchier . . . . 115

Vom Stef. Von Th. Möbius 129

Eine Sage von Theoderichs Ende in dem 'Libro de los enxemplos'. Von Rein- hold Köhler 147

Die Schwanke vom Bauer Einhirn und vom Bauer Grillet. Von demselben . . . 152

Beiträge zur Kritik der Eddalieder. Von Ludwig Ettmüller 160

7. Sigurdarkvida Fafnisbana fmdja 160

8. Brot af Brynhildarkvidu 172

9. Helreid Brynhildar 173

Zur Chronik von Zimmern. Von Felix Liebrecht 175

Deutsche Franziscanerregel des XIII. Jhs. Von A. Birlinger 186

Sprüche und Verse deutscher Mystiker. Von K. Bartsch 195

Zur Laut-, Wort- und Namenforschung. Von Albert Hoefer 200

XXXIV. Das Nötkersche Anlautgesetz 200

XXXV. Das alts. asua 206

Nachtrag zu Seite 7 23. Von demselben 209

Zu brüsche (zu prüse, zu prusen) gen. Von Fedor Bech 210

Meister Walther von Breisach. Von Bauer . 213

Zur Namenforschung. Von demselben 214

Altniederdeutsche Brocken. Von W. Crecelius 215

Seite

Anteloye und Alexander. Von J. V. Zingerle 220

Zu dem Engelberger Segen. Von K. Bartsch 234

Wundsegen von den drei Brüdern. Von Albin Czerny 234

Fragmente einer Handschrift von Gottfrieds Tristan. Von E. Kölbing 235

Spenden zur Altersbestimmung neuhochdeutscher Wortformen. Von Fedor Bech . 257

Bruchstücke aus Eilharts Tristan. Von Georg Jacob 274

Altwestfälische Dichtungen. Von J. B. Nordhoff 281

Zur Laut-, Wort- und Namenforschung. Von Albert Hoefer 301

XXXVII. Dualis im Niederdeutschen 301

XXXVIII. Jem, jüm, jum 303

XXXIX. Pronominales 304

XL. Das nd. Verbum heten 307

XLI. Zwei ud. Constructionen 308

Sprichwörter des XI. Jahrhunderts. Von Karl Bartsch 310

Ein Predigmärlein. Von B. Greiff . . . . 353

Zum Passional. Von Dr. O. Meltzer 355

Übersticke. Von Lambel 357

Untersuchungen über König Eother. Von A. Edzardi. 385

Kleine Beiträge. Von Felix Lieb recht 453

I. Heidenwerfen , 453

II. Das Brückenspiel 455

III. Aschgerberstraße 456

IV. Tpra, purt 456

V. Fander, fanner 458

Bruchstücke des Gedichtes vom heil. Servatius. Von Frommann 458

Ein Gedicht von der Gerechtigkeit. Von Reinhold Köhler 460

LITTERATUR.

Bergmann. Friedrich Wilhelm, Das Graubartslied (Harbardslied). Von E. Kölbing 116

Hildebrand,, Svenska Folket under Hedna-tiden. Von K. ^Maurer 121

E. Kölbing, Riddarasögur , Parcevalssaga , Valvers})ättr, Iventssaga, Mirmanssaga.

Von Konrad Maurer 235

E. Kölbing, Untersuchungen über den Ausfall des Relativ-Pronomen. Von Ludwig

Tobler 243

C. W. M. Grein, Das gothische Verbum in sprachvgl. Hinsicht dargestellt. Von

F. Möller 249

Hermann Österley, Gesta Romanorum. Von Felix Liebrecht 357

Dr. Matthias Lexer, Mittelhochdeutsches Handwörterbuch. Von Aug. Witzschel 366 Wilhelm Wackernagel, Kleinere Schriften. Von E. Wilken 381

BIBLIOGRAPHIE.

Bibliographische Übersicht der Erscheinungen auf dem Gebiete der germanischen

Philologie im Jahre 1872. Von Karl Bartsch 461

raSCELLEN.

Personalnotizen 128

Dr. Friedrich Koch. Von August Witzschel 251

Übersicht der Vorlesungen über deutsche Sprache, Litteratur etc. Von K. Bartsch 254

Personalnotizen 256

Bekanntmachung 256

Personalnotizen 384

Berichtigungen 128. 256. 508

VON SITTEN UND BRÄUCHEN, NAMEN UND

AUSDRUCKSWEISEN.

Eine Nachlese bes. aus niederdeutschen Quellen und mündlicher Mitteilung*).

I. Feste und Gebräuche.

Wei hu achten. Der Name Jül, hier lange allbekannt und ge- bräuchlich und erst jetzt wieder mehr und mehr verschwindend, scheint doch verhältnismäßig spät aus Schweden eingedrungen zu sein. Die älteren Quellen kennen das Wort nicht, selbst Dähnert in seinem Plattdeutschen Wörterb. 1781 läßt es unerwähnt, vielleicht verschmäht er es absichtlich als Fremdwort. De Jülklap fem. d. h. die eingepackte und mit lautem Rufen eben dieses Wortes in Haus oder Stube einge- worfene Weihnachtsgabe, dazu das Verbum jülklappen hieß früher Mntken Jes, das Christkindlein und die Gabe die es bringt, denn der heilige Christ beschert selbst, vgl. Zobers Strals. Chron. 3, 29 vom J. 1558: se brachte etlik kinderwerk dat de hilge Kerst den kinderen bescheren scholde. kinjes, so oder in ähnlicher Form, ist noch jetzt mancher Orten üblich, in Jul. Wiggers Plattd. Gramm. 107 ist de kinjes m. der Gabenbriuger, Bescherer, im Lütken Strohot 145 Weihnachtsgebäck, Semmelbilder, Pfefferkuchen, wie sie noch heute im Schwange. Vgl. Schiller zum Tierbuche 1, 28 kinnergespoppen.

Kindesvot. Nach Franz Wessels Schilderung des Strals. katholischen Gottesdienstes bis zum J. 1523 S. 4 tasteten die Bauer- leute den Christabend bis sie die Sterne am Himmel sahen, 'so drogen se garven in de koppele efte sus in de lucht, dat se de wint sne rip efte sus de lucht beschinen konde. dat hetede men des morgens kindes- vot, dat delde men des morgens allem üt, sloch ene garve 2 efte 3

*) Ich biite durchaus nichts vollständiges zu erwarten, ich gebe nur allerlei bemerkenswerte Einzelheiten, wie sie sich innerhalb gewisser Grenzen bei Gelegenheit anderer Sammlungen ergaben und dann meist schon vor Jahren geordnet und aueinander gereiht wurden,

GERMANIA. Neue Reihe VI. (XVIil.) Jahrg. 1

2 A. HOEFER

üt unt gaf den swineu koien enten gensen dat se alle des kindesvötes geneten scholden', auf daß sie für das ganze folgende Jahr Gedeihen hätten. W. verstand offenbar *Kiudesfuß' und daß man es so auch sonst gefaßt, ergibt sich aus Dähnert, s. s. v. kindsföt . der es von AVessel entlehnt, aber auch in anderem Sinne kennt, als Zuckerwerk das die zu Entbindungen gebetenen Frauen*) von dem ihnen dabei Aufiretischten den Kindern mitnahmen, vorsiebend, das habe das neu- geborene Kindlein \an den Zähen' d. h. Zehen mitgebracht. Wol eine Erklärung des Wortes fot. Mit welchem Rechte andere an Futter denken, mhd. vuotunge, engl, food, bleibe dahingestellt, da der Wort- sinn bei Wessel schon verdunkelt ist.

Neujahr und Ostern. Die Neujahrsaschc bewahrte der Bauer und hesichiede damit sein Vieh, Wessel 4. Am Abende buken alle Leute das noch jetzt hier und sonst übliche liiejär, s. Mannhardt Götter- welt S. 14o. Das hob man zum Teil auf *bet de. meier meien wolden, so eten se därvan, menedeu, se konden sik denne nen vordrot dhon, W. 1. 1. Beachtenswerte Übereinstimmung zeigt die Sitte schwedischer Bauern, den gebackenen julagalt bis zum Frühjahr aufzuheben, um ihn dann den Pferden und Pflügern zu essen zu geben spe uberioris messis percipiendae, Mythol. 1188.

Also deutlich Opferkuchen. Der noch fortlebende Osterwolf, den die Bäcker Ostern einem Ratsmitgliede lieferten, ist aus dem J. 1451 Germ. 15, 8'2 schon nachgewiesen, bei Zober Chron. 3, 37 senden die Bäcker dem Xic. Genzkow am 23 Mrz dat paskenhrot. Ostereier, bei Dähnert paskeneier, erwähnt Wessel in anderem Sinne : de jungen sungen Sprüngen schelleden eier, was en ütermäten wol, dat se flesch und eier eten mochten. Weiter heißt es bei Wessel:

Ward \allelüja gelecht' d. h. eingestellt, so sangen die Kinder allelüja is gelecht, unse maget krieht en (einen) knecht.

Die auf den Mairitt, *^in dat meien riden bezüglichen Stellen aus Sastrow und den Strals. Chroniken 1, 211 und 215; 2, 162 sind wie ich eben sehe bereits Germ. 5, 276 von Uhland mitgeteilt, aber nicht einmal diese stehen in völlijjem Einklano^e mit einander und die hie und da zerstreuten zahlreichen Nachrichten stimmen in Bezug auf den teils als gekrönter Sieger bezeichneten, teils gewählten Mai- greven, den Kranz und andere Einzelheiten, die Zeit u. s. w. so wenig überein, daß der ganze schöne Brauch der hier in Pfingstkönig,

*) Dafiir galt inhcUeti, 'inhaluruj, wie ich höre noch jetzt gebraucht, nach Däh- nert weiter entwickelt: se hei inhalung^ sie ist in Geburtsarbeit.

VON SITTEN UND BRÄUCHEN, NAMEN UND AUSDRUCKSWEISEN. 3

Krone und Pfingstjungen noch jetzt einen schwachen Nachhall hat, billig einmal gründlich und im Zusammenhange untersucht werden sollte.

Am Frohnleichnams feste, Donnerstag nach Trinitatissonn- tag, wurden durch die grasbestreuten, maigeschmückten Straßen Um- züge gehalten. Dazu trug man zehnellenige Bäume, Lichter darauf, aus der Kirche, *6k de groten Rümelande to s. Nicolaus', Wessel S. 13. Zobers Vermutungen über das Wort befriedigen nicht; jedes- falls ist das Wort eine Anwendung des bekannten oft nachweislichen Namens, wenn auch in anderem Sinne. Ich denke. Bäume ohne Lichter sind gemeint, die, welche Bestimmung sie auch sonst noch haben mochten, als Platzmacher, Straßenräumer dienten.

Ich erwähne hiebei aus Wessels sprachlich höchst merkwürdiger Schrift S. 9: '^so knede sik de pape in deme togekrempeden stole nedder, hedde dar ene flasche mit wine, halde sus to ieder reise eine (so die Hs. lies enen) efte 2 güde sluderiensen/ Ebenso S. 13: drunken güde slud., nur mit j statt i*). Der Sinn steht fest: einen oder zwei gute Trünke, Schluck, Das Wort wird bedeuten 1. ein lieder- licher Mensch, ein Schlemmer, Säufer, 2. wie der es macht, ein Trunk, ein Zug, Schluck seiner Art. Ich erkläre von slüdern, einem freilich etwas vielsinnigen Worte, und Jans neben Jan, Hans, vgl. Jan kopal, Jan hlvftohüs oder z. B. finkeljochen, das auch zuerst eine Person, dann ein schlechter Branntwein, Fusel. Oder soll man auf eine Form wie Grobianus zurückgehen? Slüderjän oder -hans wird wenn es nicht vor- kommt leicht überall verständlich sein, Slüderlischen u. dgl. ist hier oft zu hören, freilich in anderer Bedeutung. Jans ist üblicher Name.

Mit dem Johannisfeuer und sonst Katzen zu verbrennen war alte Sitte, Mannhardt a. a. 0. 201 2- Darauf deutet nicht ohne Grund Lappenberg in den Hamb. Chroniken a. 1483 S. 349 die Worte: 'gi moten sine Hans katten wesen d. h. Johanniskatzen des Hans Schröder, der dann S. 352 darum selbst 'Hans katte' genannt wird, vgl. Lappen- bergs Anmerkung das. S. 621.

Hochzeiten. So reichlich hier gesammelt ist,' so vieles wäre nachzutragen. Ich hebe nur einiges heraus.

Das bekannte Poltern am Abend vor der Hochzeit mit Glas und Scherben, angeblich alte Sitte, galt als Wunsch oder Vorbedeutung: jemehr es klinge und lärme, desto mehr klinge nachher Geld.

*) Das Wort ist friilier mehrmals verlesen, aber Zober gibt es richtig wieder, nur daß die Handschrift, die ich nachgesehen, an der zweiten Stelle groß S hat.

1*

4 A. HOEFER

Die Krone (daher: es regnet ihr in die Krone) neben dem Kranze stand hier der Braut nur zu. wenn sie Jungfrau war. Anderes Falls bhol) ihr der Kranz, er durfte aber hinten nicht geschlossen sein. Die Braut ward dem Bräutigam zwischen Trauung und Mal am Bette übergeben, 'aufs Bette zugeworfen. Eine Verordnung von 1592 schreibt vor, daß das Bett werfen nach alter Gewohnheit ehrbar und sittsam gehandhabt werde. Vgl. Dähnert s. v. beddewerpent, Balt. Stud. 15^ 198. 201.

Beim Male spielten, wie hier auf dem Lande wol noch mit- unter, die bedeutendste Rolle Hechtleberund Leberreime, rhyth- mi mensales, wie sie schon 1604 Hambg. durch Joh. Juniorem ge- sammelt, auch 1660 0. O. als Artige Reime von der Leber gedruckt sind, ein salbaderisches Reimspiel das sich oft durch Witz, öfter durch Roliheit auszeichnete.

Brüthan, nach Dähnert ein Hochzeitsgeschenk der Gäste an die Brautleute, doch urspr. wörtlich verstanden, denn Hahn und Henne zur Hochzeit zu bringen war schon 1339 verboten, s. Burmeister, Wism. Bürgersprachen S. 154, Wism. Statr. 18 und Balt. Stud. 21, 160.

Der Tanz begann , doch vielleicht nur bei gewissen ländlichen Hochzeiten, damit dal.^ der 'Brautdiener die Braut über den Tisch tanzte' u. s. w. Nach dem Abtanzen der Krone fiengen verwante Frauen die Braut ein, die nach vielem Sträuben den Kranz mit der Haube vertauschte und nun als junge Frau galt. So hier. Dem ""Bräutigam zu Bette helfen,' ihn in das Brautgemach begleiten^ begegnet öfters in Nie. Gentzkows Aufzeichnungen.

Der Stein. Wichtiger daß bei Hochzeiten zuweilen eines Steins gedacht wird, wie sonst z. B. auch bei den Indern die Braut einen solchen betrat, vgl. meine Indischen Gedichte 2, 237. Eine Anspielung findet sich offenbar in einem hiesigen, li'üher sehr beliebten Kinder- spiele: 'ich steh auf einem breiten Stein, wer mich lieb hat, hol mich ein', so sagte ein Mädchen , dem bei Pfänderspiel die Aufgabe geworden, es scheint gleichsam um sich anzutragen, Freier einzuladen.

Was für ein Stein konnte aber gemeint, was mochte seine urspr. Be- deutung sein? Vielleicht erklärt dies B. Sastrow der 3, 9 11 den Stein- gang oder das Steingehn, stengänt erwähnt, wobei Mohnike bereits an jenes Spiel erinnert. Er selbst hat die Sitte noch mitgemacht, ja er meint fast der letzte Bräutigam zu sein 'der auf den Stein gieng', denn nicht lange nach seiner Hochzeit im Jahre 1551 sei der alte Brauch abgestellt. Er beschreibt ihn so: die Geladenen und Freunde begleiteten um 3 Llir Xm. den Brautmann nach dem Markte nach der Seite der

TON SITTEN UND BRÄUCHEN, NAMEN UND AUSDRUCKSWEISEN. 5

Schuhstraße,*) wo er dann allein auf der Schwelle des Eckhauses einen vierkantigen Ehl stein (al. Öhl-, Ahlstein) betrat und ein par pater noster lang innehielt. Darauf gieng der Zug nach dem Hochzeits- hause und die Trauung fand statt. Man erklifre, fügt er hinzu, der Brautmann müsse, wo jemand Einsage hätte, dessen gewärtig sein und einem sei denn auch einmal auf dem Steine Plahnrei! zugerufen. Vielleicht hatte zuerst dieselbe Bedeutung der im Frankfurter Dome bis 1607 nachweisliche s. g. Heißenstein vor der Turmtür, auf welchem die Brautleute nach ihrer Ankunft sich Treue gelobten, worauf der Pfarrer Wein über ihre Hände goß und sie zur ehelichen Ein- segnung in die Kirche führte. Auf dem Stein war eine Handtreue aus- gehauen. Vgl. Kriegk, Deutsches Bürgerthum im MA. neue Folge S. 232 und 379.

Begräbnis. Dem Herzog Otto von Stettin wirft bei Kantzow 126 ein Märker, der Stettiner Bürgermeister Glinden, Schild und Helm ins Grab nach mit den Worten: 'dar licht unse herschop'^ denn er hatte Verstand mit dem Markgrafen. Da springt einer vom Adel ins Grab, holt Schild und Helm wieder heraus und sagt, das sei ehrlose Lüge, sie hätten noch Herzoge, ihre geborenen Herren, worauf sie beides an Erik und Wartislaf schickten, *^mit anbedinge eres gehorsames'. Die Verräter verhandeln dann in der Nacht unter einer Linde, die um den boshaften Handel später augensichtlich vorsorede, verdorrte, S. 128. Über die Sitte, Helm und Schild oder Schwert und den um- gekehrten Schild Leichen vorzutragen oder Helm und Schild dem letzten Sproß eines aussterbenden Geschlechtes mit ins Grab zu geben, vgl. z. B. Kriegk, Bürgerthum im MA. neue Folge 170. 372, der sie in Frankfurt erst um 1656 und 69 kennt. Stand diese Sitte damit in Verbindung, daß der Sohn des Vaters Schild und Harnisch erbte? Als Zeichen des Aussterbens soll auch das Zerbrechen beider gegolten haben. S. Nr. II.

Friedenschluß. Beiläufig, als alte Gewohnheit der Rugianer bei Bündnis und Friedenschluß erwähnt Kantzow 43: der der den Frieden machte, pflegte einen Stein ins Meer zu werfen mit dem Wunsche,

*) Das noch erhaltene altertümliche Haus welches allein gemeint sein kann, ist aber stets ein privates gewesen , merkwürdig genug daß es bloß seiner bequemen Lage und des Steines wegen für den obigen Zweck ausersehen sein sollte.

Daß der Name aus dem von mir Germ. 14, IX erklärten alstrak mit Verlust der Silbe straJ- entstanden, glaube ich nicht, doch weiß ich ihn nicht zu deuten. Das neue Wörterbuch übergeht ihn. Mögen andere sich daran versuchen.

ß A. HOEFER

wer den Frieden zuerst bräche, sollte so untergehen und stürzen wie der Stein vergienge.

Sitten beim Schwören. Eine höchst eigentümliche Vorschrift enthält das Lüneburgor Stadtrecht bei Kraut p. 57 : Wenn ein Mann ein Pferd als ihm geraubt anspricht, so soll der Besitzer schwören, daß er es 'bi schönem daghe und bi schinender sunnen auf dem freien Markte irckauft habe. Der andere soll auf die rechte Seite des Pferdes treten*), seinen linken Fuß auf des Pferdes rechten Fuß setzen, über das Pferd tasten, mit der Linken das linke Pferdohr fassen und mit der Rechten schwören, daß es sein Pferd u. s. w. Sodann heißt es: 'also dicke alse dat perd eme enthüt den vöt eder dat ore, weddet he achte Schillinge' wenn es nicht mit dem Vogte anders abgemacht ist. Das Urtheil ist somit dem Pferde überlassen, die weitere Entscheidung fehlt. Der alte Brauch daß der Hirte auf seinen Stab schwört, der Reiter den Steigbügel faßte, die Frau mit der Linken die rechte Brust, ist doch ganz anders und nur zum Teil vergleichbar, doch s. Osenbrüggcn Studien 73. 75.

Schauspiele. Die Stralsunder Chroniken erwähnen Bd. 2, 149. 152. 189 öffentlicher Aufführungen, im Jahre 1553 auf dem alten ^larkte der Tragödie von dem Daniel durch Johannes von S. Jakobs- schule, im J. 1557 des Spiels vom verlorenen Sohne in S. Nicolaus- kirche; im J. 1584 der Tragödie von Susannen durch den Cantor, auf dem alten Markte. Dem Bürgermeister Nie. Gentzkow, dessen Auf- zeichnungen erst mit 1558 beginnen, war 1551 in Lübeck ein fünf- actiges Schauspiel gewidmet, das sich ohne Titel in Uhlands Sammlung befand. Vergl. Kellers Fastnachtspiele 3, 1474.

IL Strafen.

Dies Capitel ist von Grimm RA. 680 ff. und Anderen, z. B. von Osenbrüggen in seinen anziehenden Studien besonders zur schweizeri- schen Rechtsgeschichte so eingehend und sorgfältig bearbeitet und doch bieten auch hier die Urkunden, selbst die Chroniken eine Fülle neues Stoffs oder neuer Belege, wie die folgenden wenigen Beispiele dartun mögen. Dabei zeigen sich immer neue Arten der Bestrafung und dieselben Verbrechen werden nach Ort und Zeit ganz verschieden beurteilt. Bei den alten Ditmarschen ward die Entehrte von ihren

*} Im Texte steht g&n stän, das ist nicht gdn, sfdn, sondern : .stehn gehn. Nach- her en fhu' ist von mttJan^ also tixi oder tuet, ü steht hier auch sonst fälschlich, wo es keine Stelle hat.

VON SITTEN UND liKÄUCHEX, NAMEN UND AUSDRUCKS WEISEN. 7

V er Wanten lebendig begraben oder verbrannt, Dahlmanu zu Neoc. 2, 547; Michelsen, altditrn. Recht 313. Vgl. Osenbr. cp. 18 u. 19. Der schwangeren Magd des Nie. G. setzen 1558 ihre lärmenden Freunde eine Mütze auf und die Frau jagt sie aus dem Hause. Später wird eines Morgens au die Tliiir des Herrn Bürgermeisters geklopft und da man auftat, fand man iln* Kind davor, Svodurch sie ihm 2 Gulden abzwang', Zober 3, 23. 31. In Hamburg 1536 wird eine solche Magd die noch dazu ihr Kind umgebracht, gestäupt und aus der Stadt ge- jagt, nachdem sie unter Vorgang der hornblasenden Kacker- und Büttel- knechte de scanfsfene innme de stat getragen, Lappenb. Chron. 128 9.

Über die Art des Stäupens enthalten die alten Ilalsgerichts- ordnungcn einiges Nähere. Danach ward die Strafe mit 30 min. 1 Strei- chen an den Marktecken nach allen vier Himmelsgegenden voll- zogen. Vgl. Grenzboten 1872 Nr. 38: der letzte Staupenschlag in Preußen, a. 1832 auf dem Ringe zu Breslau. Die vier Himmelsgegenden werden auch bei den Spießruthen erwähnt, wo also verschiedene Weisen vor- gekommen zu sein scheinen.

Schand steine musten nach Dähnert s. v. auch in Stettin Ver- brecher um den Markt tragen und auf den käk oder Pranger nieder- legen, in Hamburg galt diese Strafe früher für Verläumder ehrbarer Frauen, Lappb. 1. 1. Note. Im J. 1573 wird einem Mädchen das einer anderen an Ehre und guten Glimpf geredet, 'seit hundert Jahren unerhört', die Schandflasche an den Hals gehängt, Zober 2, 174, und wieder wird ib. 151 ein Mädchen es ist nicht gesagt wofür bei dem Finkenblocke gestäupt und 'das ist der Kohlenmesser Lehren', letzteren dabei auf den Markt und fort zu tragen. Zober erklärt Finken als ehrloses Gesindel, loser Vogel, Zeisig.

Ein bei Sonnenschein aus der Stadt sich zu packen angewiesener Schwärmer Prediger Avird, da er nicht geht, hinaus gebracht und muß ior Trihsesen zi7igel die Stadt verschwören, die Finger auf den Baum gelegt, d. h. den ronnehom, Schlagbaum am Stadtgebiet, Zober 3, 34 5, vgl. 2, 223.

Einem Diebe 'van deme Kile' Avird das. 2, 180 dat strael auf den Rücken gebrannt, das Zeichen der Stat Stralsund, so mitn sträle brennen bei Dähnert und mit der sträle getekent in Kiempins Beitr. 524. Ahn- lich muntmdlj, in Lüb. Urk. 1, 42 bei Münzvergehen für die es sonst die härtesten Strafen gab, in die Hand gebranntes Zeichen u. v. a.

Ein Vatermörder Avird Zob. 2, 162, ehe er von unten auf das Rad gestossen, mit glühenden Zangen totagen^ d. h. hier wohl gezerrt, gezAvackt, im J. 1564; der Aufzeichner fügt dabei hinzu 'nicht gehört

3 A. HOEFER

in laugen Zeiten. An früheren Beispielen für solch Zerreissen fehlt es bekanntlich nicht.

Als Kost- und Blutgeld zahlen die Verwanten eines Mörders im J. 1558 ib. 3, 20 die Summe von 750 Mark. Ein Anteil der für Todschlag gezahlten Mannbuße hieß im Ditm. Rechte hane^ vgl. ahd. hano Mord, alts. Mörder. AVenn der Mörder flüchtig ward^ erklärte ihn der Bauer, ein Verwanter des Erschlagenen, für friedlos mit eigener alter merkwürdiger Formel, indem er die Degenspitze auf den in das Grab gesenkten Sarg setzte, Michelsen S. 28. 288. Ob hiezu das von Hoffm. zu Aesop S. 80 angeführte hane gehöre, ist mir mehr als zweifelhaft.

Vom Gottesrecht ist außer in den Rechtsbüchern selten die Rede, am häufigsten kommt wol das Tragen des glühenden Eisens vor, dat hantisern dreghen. Die Strecke Avird sehr verschieden angegeben, bei Grimm RA. S. 916 einmal 6 Schritt, bei Michelsen 78: van der enen tunnen in de andere? S. 106: van der tafelen unde in de tunnen, achte eleu lank.

Der Scharfrichter hieß auch rumprecker der Rumpfreck er oder, noch mit einem k, Rumpfbrecher, doch bedeutete das Wort zugleich den Ruprecht, Rumprecht, vgl. Dhrt., dazu die Verba rüprechten^ Sun^ dine 1832 Nr. 2, und rumprecken, letzteres : übel handhaben, bei Richey.

in. Marken und Lose.

Kantzow S. 55 berichtet daß die alten Rugianer aus dem Angang der Tiere wahrsagten und daß die Frauen beim Wahrsagen ihre eigene Weise hatten, am Herde sitzend Striche in die Asche zu schreiben. Außerdem, sagt er, gebrauchten sie des Loses: sie nahmen drei Stäbchen, holtke, am dele wit u. am dele swart, de hehben se in- geworpen, hingestreut? oder irgendwo hineingeworfen? und wenn des Weißen mehr oben lag, war es ein gutes, wenn des Schwarzen mehr, ein böses Zeichen.

Zeichen, Hausmarken, über die wir nun so gründlich belehrt sind, werden bekanntlich durch manche alte Urkunde bezeugt. Bei Zober 3, 8 im J. 1558 wird ein Stralsunder begraben unter dem Steine dar sin nam und merk auf gehauen ist, die Zeichen auch hiesiger Steine s. bei Homeyer. Dem B. Sastrow 3, 8 zeigt sein Schwager in dem Fenster der Kemnate seinen 'Namen und Mark'. Über das Pitschit oder Handzeichen der Kaufleute, verschieden vom Ingesigel oder Wappen, vergl. nun auch Ki'iegk 1. 1. 436. 452.

Wichtiger und minder bekannt, wenigstens meines Wissens noch nicht mitgeteilt, dürfte folgender bei der Fischerei heute noch fort-

VON SITTEN UND BRÄUCHEN, NAMEN UND AUSDRUCKWEISEN. 9

lebender Brauch sein, den mir vor einigen Jahren mündlich, später genauer schriftlich Herr Gymnasiallehrer G. Richter mitzuteilen die Güte hatte, wie ich ihn hier wiedergebe mit Beschreibung der meist sehr einfachen Zeichen.

Zu Polbitz im Reg. B. Merseburg sind 13 fast gleiche Bauer- güter die einen gemeinsamen großen Fischteich besitzen. Die gefangenen Fische werden im Kreise auf 13 Haufen gelegt und durch Lose ver- teilt. Jedes Gehöft hat sein besonderes, nur noch bei der Fischerei angew^antes, doch allen Ortsangehörigen bekanntes Zeichen. Diese Zeichen schneidet nun einer in einzöllige Stäbchen der am Teiche stehenden Weiden, steckt sie in die Tasche, tritt zu den Haufen und lässt für jeden einzelnen von einem Knaben eins herausgreifen. Durch das gezogene Zeichen ist dann sein Inhaber zugleich als Eigner des betreffenden Haufens der Fische bezeichnet. Die notae der sortes, deren mir nur 12 bezeichnet sind, wie anfänglich auch nur von 12 Bauern die Rede war, sind diese: 1. ringel, O ^^^ kleiner Kreis; 2. schnippe, fast ein großes M, dessen beide Seitenstriche nach links und rechts ausweichen; 3. klammer oder 'bläke', etwa wie hebr. 2, nur mit scharfen Ecken; 4. zwei ringel, durch einen kleinen Strich ver- bundene Kreislein, Q-Q: 5. krähenfuss, ein Dach, in der Mitte mit Perpendikel; 6. kreuz, schräge liegend; 7. vier kerben, vier parallele Perpendikel, oben durch einen Querstrich verbunden; 8. nichts, das Stäbchen bleibt unbezeichnet ; 9. haken, schräger Strich, oben links der abgezweigte; 10. drei kerben, wie oben; 11. bohrer, Perpend. und Querstrich, rohes T; 12. F, Anfang des Namens des am Ende liegenden, erst später hinzugekommenen Besitzers. Trotzdem und ob- gleich diese Zeichen nur noch bei dem Auslosen der Fische in Gebrauch sind, dürfte ihr Zusammenhang mit alten Hausmarken unverkennbar sein.

Wäre der Gebrauch etwa irgendwo, z. B. in einer Vereinsschrift bekannt gemacht, so bitte ich um gefällige Nachricht.

IV. Tier- und Pflanzennamen.

Ich gebe auch hier nur einige allgemeine Beobachtungen und wenige mir gerade nahe liegende Einzelheiten. Man erstaunt, wenn man die reichen Verzeichnisse und massenhaften Sammlungen der in Wahrheit unerschöpflichen Tier- und Pflanzennamen durchgeht, über die Art und Weise ihrer Bildung. Welch hübscher Humor, welche gemütliche, sinnige, echt poetische Auffassung bricht überall durch, w^elche innige Beziehung zwischen Menschen, Tieren gehörten doch schon in alter Zeit Haustiere zur Hausgenossenschaft und Pflanzen,

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10 A. HOEFEK

Wie oft sind der letzteren Namen menschlichen Verhältnissen ent- lehntj wie häiüig tragen sie unsere Vornamen, ganz in der Weise der alten Tierfabel, "wie viel häutiger haben sie uns die ihrigen geliehen. Und dabei die Menge zärtlicher Verkleinerungsformen. Es lässt sich nicht behaupten daß dies alles dem Niederdeutschen ausschließlich zukäme, aber sicher gilt es hier vorwiegend, wie namentlich der letzte Punkt, die Deminutiva auf ken, ke^ k oder ing, Ung u. s. w. einen ausserordentlichen Umfang hat. Bloß die kleine Liste der Vogelnamen bei Chytraeus 362 fl. hat 10 solcher wie swaleke jetzt sioaelk neben swalve, küfzken und küfz^ daher Bruns 138 ghuz, gelgoesken^ jetzt gel- goeschen^ mönnikskeu^ sKlenswensken^ ziseken Bruns sisik, meseke, rothorst- ken und stertken^ unser Rothkehlchen. Dazu bei Bruns 137 ertseken, hdschrftl. zu Chytr. p. 370 velia cinerea grauw irsken (velia hennepUnk) bei Schambach artsche, bei Nemnich fringilla cannabina grauirtsch, aber auch eine motacilla heißt erizchen^ so daß mit Ettm. an 'Erbschen' wol nicht zu denken ist. Auf Rügen heißt die Elster hesterrik d. h. hester-k, wie mellik, karrik, fllr melk, kark.

Von anderen Tieren z. B. ekerken Eichhörnchen, griseke Dachs, hoeken hoedus, kueken und kuekelken Küchlein, weselken Wiesel, ilken, ilke, ilk Iltis, dazu vielleicht mit Anklang an Ulrich bei Dähnert ullink der Marder, sonst marte oder märten, wovon martenfelle.

Die meisten Beispiele wol bei den Pflanzen: golleke caltha, süreke lapathum, mümmelken nymphaea, roesekenrot Bezetta rubra, müsoereken, lefroeseken, fünklökschen.

Von der Verkleinerung in nd. Personennamen ein ander Mal, hier nur einige auffällige Beispiele der Entlehnung von naturgeschicht- lichen Namen, die im weitesten Umfange geübt worden; ich greife eben nur heraus: Balsam, Hindebehr, Inver, Pommeranz, Sapheran, Mer- rettich, Malmros, Schörling, Elreneholt in Lüb. Urk. Ferner, gleichfalls als Familiennamen : Adebar und Aereboe, Andrich und Gendrich, Berk- han, Jarling einjähriger Hammel (doch auch: heuer), Grevingk der Dachs? Lampe, Lcverkus (Lewerk schon npr. in westf. Urk.), Lüning der Sperling (dazu lüling^), wie Knoblauch und schon alt cloheloucK), Mäusslein. Mushunt, Musekat, schon alt_, doch vgl. Muskatblüt, viele compos. mit page Pferd, Pelikan, Scharnweber^ Porcus, derselbe auch hochdeutsch Varch, so Molenverken a. 1431 und Joh. Melcfole schon a.

*) Anders Woeste bei Schiller Tierb. 2, 15 doch schwerlich richtig. Daß das. angcfiihrte mösch Sperling, das musca sein soll, ist ndl. musge Graflf. Diut. 2, 226, holl. miuch, mosch. Vgl. Hoflfm. Tunnic. no. 289 eine musche volucrem pan'am.

VON SITTEN UND BRÄUCHEN, NAMEN UND AUSDRUCKS WEISEN. H

1280. Davon werden manche ursprünglich anderen Sinn gehabt haben, aber manche frühe entstellt und misverstandcn sein, so gehört Liltteke- henne zu Johann vmd Leicevalke, 1281 cons. Sund., heißt sonst Leo Valke, Lowe Valco, letzteres als Nom. und Abi.

In der Tat man erstaimt über die Fülle und die Art solcher Namen, allein wie sie entstanden, zeigt die noch jetzt übliche Ver- glcichung der Menschen mit Thieren, mitunter Pflanzen, aus der leicht Beinamen wurden. Z. B. schnell wie ein Windhund, flink wie ein Wiesel, schmutzig wie die Sau, plump Avie ein Bär, frech wie ein Spatz, munter wie eine Wachtel, lustig wie ein Fink, stolz wie eine Laus im Grind, spatziert wie ein Storch, stinkt wie ein Kothhahn u. s. w., worüber man die hübsche Sammlung in der Z. f. d. Munda. 4, 465 vergleichen mag.

Vereinzelter und in gewisser Art jünger ist das umgekehrte, unsere Vornamen für Pflanzen, Vögel u. s. w. Als Beispiele: Fin oder schön Margret oder Fine Gret, Trigonella foen. graec, lepelgret Art Schnepfe Kids Talk Dohle, Kläs hanik Eisente, roden Hinrik bei Richey, Grot- jochen Zaunkönig, Jäkel schlechtes Pferd bei Dähnert, wenn zu Jakob, was ich in dem selten reichen, leider nicht fortgesetzten Tier- und Kräuterbuche von K. Schiller vermisse, doch vgl. neuere Pferdenamen wie Hans, Jakob, Lisch, Mariken u. v. a.

Hierbei erinnere ich an die hübschen Namen der Kühe, z. B. Gret, Jule, aber auch Jungfer, Froelen, Madam, Grötmoder^ Schoen- raäten, und wieder Rosen- und Myrthenkranz, Vergißmeinnicht, Tulpe, Nettelkönig etc., vgl. 1. 1. 2, 3. Ein beliebter Name des Bullen ist Johann.

Besonderer Belege für den ersten und allgemeinsten Punkt bieten sich überall und tausendfältig dar, ich begnüge mich hier auf die schönen imperativischen Namen wie Vergißmeinnicht aufmerksam zu machen, die das Volk teils aus unmittelbarer, lebendiger Anschauung, teils durch entstellende Umdeutung fremder in großer Menge gebildet hat. In einer vielleicht Tausende umfassenden Sammlung der ganzen Art füllen die hierher gehörigen einen beträchtlichen Raum. So ist z. B. Hüppup ein Name einer Kuh, warhof des Hundes, wedelschwanz des Katers, wipstart und Genossen der Bachstelze, flickdebüx die Wachtel, leckschit Goldammer u. s. w.; zahlreicher für Pflanzen und Kräuter: gottesvergess Helfekraut, gäwechundkum nich wedder, halumundum Waldknoblauch, Hansfrägnichnä und -habenix, heildenschaden Mistel, huckufdiemagd Hollunder, jagnduevel ein Kraut gegen Behexen des- Viehes, klemop Kresse, mirkum quirkum, raakdilustich, frölich up un

A. W

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DajTjogon: d«- is Minder aI ). Chr. 4!i7, cf. Scliillrr 1. . intcn Rätsel rrtrr h'r,'i< Zu (loni n(Micrdin^s /.u^^^JJ<u Pfeift'ers d. Arzncih. 2\\ (irinun Goldseliiii. der nidcnlun-;:«? l.'»T. l p 2, 11. - Zu d(in l.ri >, Lap|)oid). Hand», ('hionikt-n 11'.» ij nielil uul Lapjd». tax v woimI. .

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12 A. HOEFER

trürich dal, springauf Maiblumen^ staupungawedder gent. camp., trit- madam u. v. a. Vgl. zu einigen derselben Danneil Wtb. 134.

Hieran knüpfe ich am Schluß allerlei als weniger bekannt: ein Lügenspruch lautet hier: pingstraändach upn is' lep kater buccis' un brok sikn ben; dazu bei Dälmert von dem was lange her, wahrschein- licher was nie gewesen: dat was as de ko Bartelt het un de bulle Joust. 'De hunt het Denks,' weil er ein gutes Gedächtniss hat, s. Brem. Wtb. s. V. Über ziper bei Lauremberg 2, 441, wo zu lesen dat koiken ziper het, vgl. E. Müllers Prgr. zu Laur. 1870 S. 26. De icrenscher, auf Rügen der Hengst, gehört zu icrinsclien bei Kantzow 43, wiehern, jetzt auch krönneketi. Der Frosch heißt hier scherzhaft hüppedeiker, wie hiqjperlink Heuspringer, cf. liippodege die Wiege. Wie der Fuchs de rode, al. Brauner heißt, so der Wolf de grise, de gräive, vielleicht um den Namen zu umgehen, vgl. Beyer in Meklb. Jahrb. 20. Das letztere ist noch deutlicher in einem hiesigen Schäferspruche: hest n Emiken nick sen? d. h. von em ihm, ihn und ken\ hast du den IhncJien nicht gesehn? setzt also ein heken, heking, Erclien voraus, zubhelke der Wolf bei Dähnert gehört wohl zu zuppe canicula Diefb., zohhe in HofFm. Aesop p. 83. Der Maulwurf heißt hier gewöhnlich midlworm, in den Ostfries. Sprichwörtern von Kern u. Willms kurzweg MuUj, Junker Midi. Dagegen: de is blinder alse de wintworp, Maulwurf, in den Hamb. Chr. .497, cf. Schiller 1, 5. Daselbst heißt er in einem auch hier bekannten Rätsel Peter Krüs.

Zu dem neuerdings zuweilen misverstandenen ellernholt Flieder vgl. Pfeiffers d. Arzneib. 29, Grimm German. 11, 254, Münster. Gesch. 297, Goldschm. der Oldenburger 157, Ehrentr. Fr. Arch. 1, 365, Hoffm. Aesop 2, 11. Zu dem bei Schiller 1, 32 besprochenen ivodendungel vgl. Lappenb. Hamb. Chroniken 449 loedungelen ivortel, we für loede, weden, nicht mit Lappb. zu e. weed. ungel ist zwar ein gar nicht sel- tenes Wort, wenn auch kein urspr. deutsches, s. Stuerenbg. s. v. und Fahne 3, -298 und 301, Schmiere, Talg, dennoch ist düng und dungel schon durch icodescherne gesichert, welches neben wMewesle, -wensle *is scherlink' auch das Strals. Vocab. bietet. Daß neben Wod hier noch Wed besteht, habe ich früher schon angemerkt.

Ich benutze die Gelegenheit, zu der interessanten sog. Ratsver- sammlung der Tiere bei Bruns 135, Ettm. hinter Wizlaf p. 64, nach- träglich einige Bemerkungen zu geben, v. 9 klemmen im Munde des Habichts ist mhd. krimmen, grimmen, s. Lachm. zu Nibel. 13; klam

VON SITTEN UND BRÄUCHEN, NAMEN UND AUSDRUCKSWEISEN. 13

oder klemvogelf grimmende vogel ist ganz gewöhnlich, letzteres sogar auf Büchertiteln. Dieses wird aber hier v. 10 nicht gemeint sein, gremmen scheint mir vielmehr gramjan irritare, exasperare. nemede kann nämlich ne mede sein oder wahrscheinlicher Accus, von nemet^ Zeno 306, Brand. 435. 718. Die Form des Accus, ist nicht auffälliger als niemande^ Fahne 3, 221, Der gute Sinn wäre: gegen Deinen Freund sollst Du Nieman- den aufhetzen, anstacheln. v. 78 iinvorsagen erklärte Bruns "^unver- zagt , was nach Ettm. unvorsaget heißen müste. Sagen wir lieber: könnte, wie z. B, Ficker S. 158 und sonst, unverzagen aber wird noch heute gesagt und ist im Reim auf wagen bei A. Dräger Confect S. 43 auch zu lesen. Es wird prt. präs. sein, wie im Ssp. S. 242, 3 sittene, Germ. 9 bei Korner p. 278: wolrükener 7'osen^ Hb. chron. ridendener und sehr oft. Die Verbindung mit un belegen unchunnenti inexpertus bis umoissend.

V. Bestimmungen für Raum, Zeit u. a.

Die bewundernswerte Sammlung welche J. Grimm gleich auf den ersten Wurf im dritten Abschnitt seiner Rechtsaltertümer zu Stande brachte, ist anders als er selbst erwartete und wünschte bisher nur zerstreut und vereinzelt und kaum erheblich vermehrt worden, und doch ist eine Flut neuer Quellen erster Reihe hinzugekommen, und selbst die mehr untergeordneten Chroniken, Reisebücher u. s. w. , auf die ich mich hier mit einigen Ausnahmen beschränke, bieten manchen beachtenswerten neuen oder doch willkommenen Ausdruck. Besitzt doch selbst die Sprache des täglichen Lebens und des Volkes, von den allbekannten abgesehen, eine immer noch ungesammelte Schar meist origineller zum Teil erst kürzlich durch die Verhältnisse neugeschaf- fener Bezeichnungen, ich erinnere nur an die beim Rennen gebräuch- lichen "^um eine Pferde- oder Kopf- oder Nasenlänge voraus', an das volkstümliche ''alle Naselang, alle ues lang', ne nes vul z. B. Tabak,

oder 'ene pip tobak wit af , was ich von der Zeit gebraucht im

Englischen bei Dickens, Two Cities, wiederfinde: he (Samson) shaved the sixty-three in less than two pipes. So habe ich oben schon aus Sastrow *^ein par pater noster lang' angeführt und so hört man auch jetzt noch "^ein Vater unser lang'. Oder man sagt vom Roggen, so hoch, daß sich eine Krähe darin verstecken kann, dre kes hoch, Katzen- sprung etc.

Manche dieser Ausdrücke sind ihrer Natur nach ursprünglich sehr allgemein und unbestimmt, so daß sie als Maße kaum recht geeignet scheinen, doch gewinnen sie bald einen bestimmten Sinn und werden,

14, A. HOEFER

wo es tingoiit, im Durclischnitt, im ]\[ittclmaß genommen, was denn mitunter vorsichtig hinzugefügt wird, z. B. die Khifter, so weit ein mittelmäßiger Mann reichen kann, Rechtsalt. 102, oder der Daumen *enes middelmatcn manncs', Niedcrs. Archiv f. 1844 S. 454. Und wie noch heute manche Leute solcher Ausdrücke sich mit Vorliebe bedienen, andere wieder kaum je, so sind auch manche ältere Schriften vorzugs- weise reich an ihnen, vor allen Ludolfs v. Suchen Keisebuch ins heilige Land, dem ich nicht wenige der folgenden Beispiele entnehme. Die neu hinzugekommenen zahlreichen Rechtsbücher, Weistümer, Urkunden auszubeuten, nicht bloß für diesen engeren Zweck, überlasse ich billig Berufeneren.

1. Tagereise. Dafür steht nd. dachvart, aus Renner im Br. Wb., sodann Lud. 35: Japhe licht van Jherusalem dre dachvart edder umme de mate, das. zehn Zeilen weiter: bi Cipro uppe ene dachvart licht Akris. Gewöhnlicher bedeutet das Wort wie im Mhd. Verhandlung, Termin, wie dach allein, Brem. Gqu. 9L 100 u. o.

2. Meile. So üblich es in eigentKcher Bedeutung ist, so selten scheint es von der Zeit, die man zum Gehen einer Meile oder einer halben Meile gebraucht. Vgl. unten Nr. 10. Bruns nimmt letzteres als Maß einer halben Stunde, Ettm. wohl richtiger nach dem Mhd. W. als Stunde. Die volle Erklärung wird mitunter wie Eracl. 1053 hinzugefügt, mitunter fehlt sie, so nd., wo es zu lüile ergänzend reimt, Zeno 855: vristen nicht lenk wen to ener mile, ibid. 1078: dansen wol t. e. m. Flos 1078: därnä wo t. e. halven m. Was Lübbeu v. 1116 hat: do he i^n hlek van danne quam (bei Br. kort van denne) ist ganz allgemein: eine Strecke, ein Stückchen. So im Br. W. als Lücke, Durchblick, en blek Weges, dat blek. Daß es eigentlich Bleiche bedeutete, ist zu be- zweifeln; das fem. ist nachweislich, z. B. Zober 1, 31: in eine kleine blecken efte stedekeu, das neutr. aber das gewöhnlichere.

3. Sonne. So oben Nr. II: bei Sonnenschein, am Tage, vor Anbruch der Nacht, umgekehrt: twischen twen sunnen schinen schal de herde velich sin (oder wohl vhlich?), zwischen Unter- und Aufgang, in der Nacht soll er sicher, befriedet sein, Mich. Ditm. R. 44. 293. Eben hier steht als Bild für die Größe eines in die Wand gestossenen Loches, hol, daß die Sonne durchscheinen kann.*) Häufiger dient als Zeit- bestimmung der Auf- und Untergang. Dabei begegnet mancher hübsche Ausdruck: wie die Sonne zu Bette (tu ber), zur Rüste, ze reste geht,

*) Daneben heißt es auch: so groß daß ein Mann mit einem Stahlhandschub hinein tasten, oder allein, oder mit einem ttgyheden schilde eintreten kann u. ». w.

VON SITTEN UND BRÄUCHEN, NAMEN UND AUSDRUCKSWT:ISEN. 15

80 heißt es im Gröri. Ldr., Ssj). II, 2, 209: der Ta^^ endet, wenn mau prüfen mag, daß die Sonne zo sedele (ja; bei O. Giercke, Humor S. 11 Anm. : ehe die Sonne zu Gnaden geht, und: nach der Zeit da die Sonne in Gold geht. Ob die beiden letzten Ausdrücke aus den Rechts- alt, oder wolier sonst genommen sind, weiß ich nicht, doch sind sie auch sonst bekannt. Vgl. Sclunoller 2, 680. Zu Eschenburg D. S. 240: Me sunne ging to goldc bietet mm aucli Lud. v. Such. 32 m. einen

erwünschten Beleg: dach bi dach wente an den fivent dat sc to

golde geit. 'Zu Gnaden gehn heißt: sinken, sicli neigen.

4. Pferd und Satteln. Daß im Nd. der Mhd. rosselouf^ poinder im Parzival, als Wegemaß vorkäme, finde ich nicht. Dagegen heißt es: es gibt strengen Winter, wenn Lichlmessen die Sonne so lauge scheint, Maß der Sattler (der da sattelt) sein Pferd satteln kann. Oder z. B. : der hat ein Gewissen, darin kann eine Kutsche mit 0 Pferden umwenden, ostfrs. Anderes vom Reiter zu Pferde mit einem Wiesbaume, Sper u. s. w. z. B. Wig. Arch. 5, 410 in Betreff der Landstrassenbreite etc. übergehe ich, doch vgl. 9; Osenbr. S. 290.

5. Armbrust. Wie der Büchsenschuß jetzt, galt früher auch der Armbrustschuß. Lud. 44: Babilonia und Carra licht nicht vorder entwei wen twe armbostschote verne.

6. Stein und Axt. Lud. 35: nicht vorder wan me mit enem stene werpen kann; 45: de balseragarde is also lank also men mit enem stene half over werpen kann. Vom Pfänden Wig. Arch. 4, 158: wenn der Wagen so fern dem Holze, daß man mit der Axt nicht wieder in das Holz werfen kann.

7. Spaten und Schwert. Der ]\Iüller darf Torf graben nach Mühlenrechte so ferne dem Ufer, 'also men enen torf mit eneme spaden to scepe sceten mach', Marienrod. Urk. S. 224. Vgl. Ssp. 3, 6(jf 3: so tief graben, als ein Mann mit einem Spaten *die erde upgeschieten mach' etc. Grimm Rechtsa. 107. -^ Der zum Hergewäte gehörige Kasten so groß daß in demselben ein Schwert liegen kann, s. Grimm lOG, heißt nd. im Br. Wtb. 5, 424 ene sicertmäte kisfen-). Über Schacht, Schachtrute, für schaff, Sperschaft als Maß, vgl. 0. Jänicke

*) Man beachte das Adjectiv swertvUUe, das ebenso wie oben viiddehnäte ein echtes bahuvrihi oder Possessivcorapositum ist, besser als andere die man so ange- sehen hat. Im Hochd. bei Grimm steht mittelmäßig , ebenso gilt mlid. swertmaezec, doch in anderem Sinne. Vgl. Laiondoctr. p. 100: van riken und middelmäten, ebenda: mit ütcrraäte girichelt. Ein weiteres Beispiel in Eikes Zeitbuch 13ö: krumhalse gän, daneben andere: chraghhalsent, mit krumpen hals, cui'vato collo. Aus dem ^Ihd. will ich nur das eine ein •ninneuhlicker scltnr des Parzival anführen ; ([slvax fuoze fnodermaze.

A. HOEFER

zu Biterolf und Prgr. die nd. Elemente der Schriftsprache, Wriezen 1869, S. 14. Zu schafi gehört auch schachfroioe Sperruhe, s. Homeyer zum Sspiegel 2, 1.

8. Mannshöhe. Hierher bei Ludolf S. 43: ne uppe ene stede, dar se enen manstad dep in konden komcu, lat. Stadium unius hominis, im hochd. Texte: einer Mannshöhe lang, und das ist sicher der Sinn, obschon das Wort nicht recht klar ist. Daher Partz in Hag. Germ. 5 auf manstot riet, was kaum richtig, obgleich ich Dittmer Sassenr. 157 finde: ene stoet ploegen helpen, Anm. ein Stück Werks. Ist etwa ma/i- stand oremeint? Niclrt besser steht es um einen ähnlichen Ausdruck des Ostfr. Laudr. wo es 888 heißt: kolk als ein mannstall dep. Wicht und Stürenburg erklären tal als lang, hoch und Länge, e. tall, trennen also mans-tal, wobei sie tallhake u. a. vergleichen das nicht deutlicher ist.

9. Soweit man reichen kann. Gosl. Bges. 339: iowelk clach- ter is twier vöte lengher, wenne alse en man up reken kan. Vgl. Grimm 102: ein Klafter soll sein, wie ein mittelmäßiger Mann gereichen kann in die fordern gliede'. Bei Eike 90 übersetzt klachter mensura longitudinis humanae. Hierher gehört im Sachsensp. 2, 68: dem müden Pferde mag ein wegfertiger Mann Korn schneiden soweit er es, mit einem Fuße im Wege stehend, erreichen kann. Dabei steigernde Zu- sätze: auf dem Pferde, mit dem Schwerte u. a. s. Nr. 10. So im Sachsensp. 3, Q>^j 3: Zäune oder Mauern so hoch als 'man gereken mach up enem orse sittene' , sonst auch: mit einem Schwerte. Über Zäune, Graben weite u. s. w. Wigd Archiv 5, 419.

10. Die Glieder des Leibes. Von allen die mannigfaltigste und ausgebreitetste Art. Grimm Rechtsa. 100—103. Um die allbekannten wie: enes knies ho, im Ssp. 1. 1. und Nds. Archiv f. 1844 S. 370, oder: ener dümelne hu, Ssp. 1, 52, 2 d. h. vom Daumen bis Ellenbogen, Daumelle (doch auch scherzhaft: nich n lüsdüni hret, n fingerhot vul) zu übergehen, bemerke ich erstlich, daß nach Gliedern zur Bestim- mung der Strafe mitunter Wunden gemessen werden, z. B. im Dortm. Stat. 196: is de wunde dep als van dem led(d)e eins mans düraen mit dem nagel üt; vgl. O. Giercke der Humor S. 41 und hier in der folgenden Abhandlung VI C Nr. 8 s. v. nagel; zweitens daß auch hier die oben nachgewiesenen Steigerungen vorkommen, der Hand durch den Stahlhandschuh, des Fußes durch Stiefel und Sporn. Letz- terer bestimmt bekanntlich die Größe des zum Hergewäte gehörigen Kessels, Wigd Arch. .5, 413, Grimm 106. Seine Größe wird aber auch anders bestimmt, z. B. Archiv 5, 69: dar men en schultern mochte inne seden, wie ein Huhn im sog. Grapen.

VON SITTEN UND BRÄUCHEN, NAMEN UND AUSDRUCKS WEISEN. 17

Beachtenswerter ist die Verwendung der leiblichen Grlieder^ um die Kürze der Zeit^ die Schnelle einer Handlung auszudrücken. Also wiederum Übertragung des Körperlichen, teilweise Mischung von Raum und Zeit, vgl. Nr. 2. Eine Anzahl anderer, äußerlicherer Maße gibt Grimm 98 unter der Überschrift ^schnelle handluug', die Vergleiche mit Wind, Blitz, Gedanken, oder im Augenblick, Nu, Handumdrehen, selbst das geläufige eine Spanne Zeit übergeht er hier, nur Nr. 7 'stän- des füsses e er hinder sich trede fällt hierher. Für unser *im Hand- umdrehen gebraucht auch das Mhd.: släfen niht einer hende breit, Biterolf, hantlange wile, Bert. 75, in einer hantwile, Litan., bi einer hande wile, Leys. Pred., s. das Wörterbuch.*) Das Mnd. kennt den Ausdruck auch, so heißt es Ludolf 41, 4: unde was nicht windes ; bi euer handes wile hof sik du grOt storm. Man braucht nicht die etwas anders liegenden, doch immerhin merkwürdigen nd. bi wegelank, bei Fr. Reuter bi weglang d. h. beiläufig, bi hüselanghe, bi mer langh u. dgl. anzuziehen, es bieten sich schlagendere Analogien dar, so das oben erwähnte alle neslank und so das neulich zu dem Mnd. Wtb. aus dem Volksliede Henneke v. 10 beigebrachte: 'en armes lang sprak hei en wort wol tu der sülven stunde.' en ist sicher ein^ wie hier immer en und in steht und ebenso sicher ist der Sinn, im Gegensatze zu v. 9: en wort konn he nicht spreken: da plötzlich, nach einer Armlänge, im Nu u. s. w. sprach er.

Statt Augenblick, en ög'plinkeu, finde ich noch Rechtsalt. 75: so lange augebrän von der andern leuchtet, wozu Grimm selbst N. 2, 12: in slago dero brawo, ags. in eages vrince, und dann treffend Germania 11, 501: als schier so ein brahe den andern slahen mac (in ictu) Fundgr. 1, 99, 46 für ein hräze der a. hinzugeftigt hat, trotz des Mask. den eine sehr glückliche Besserung.

11. Tritt und Schritt. Die Beispiele reichlich. Eike 18: des tornes hoge was düsent trede, passuum, wo andere Hss. screde, schrede und strede geben. Nicht selten ist das letztere, nach Chytraeus 535 gradus, en gemencr schtred van drüddehalf scho; ebenso gleich nach- her. Ferner Lud. 66: en vlet kümc tein strede bret,, Hamb. Chron. 126: enen strede edder twe vorder trecken. Marienroder Urk. 1. 1. zu Anfang des 14. Jhrh. : dik erde graveu alle dat stad up na lantrechte enne strede van deme overe u. s. w. Auch hier zuweilen Übertragung

*) Dazu noch die bekannte Stelle Gudr. .384 die ich kein Bedenken trage in der bisherigen Weise zu fassen, obgleich Bartsch sie anders ergänzt und erklärt hat. GERMANIA. Neue Reihe. VI. (XVIII.) Jahrg. 2

13 A. HOEFER

auf die Zeit, z. B. im ostfries. Sprichwort, Kern 1177: um Neujahr haben die Tage ' n hahntra gewonnen, Hahnentritt, sonst Hahnenschrei. 12. Schall. Ich rechne dazu nicht mit Grimm 75 das Beschreien der vier Wände, AVigand Ai'ch. 5, 413, sondern Hornschall und Glocken- klang, Hahnenschrei und Hundegebell, hunnenhlaf, vor allem das Rufen der menschlichen Stinnne. Doch habe ich leider wenig anzumerken gefunden. Was Gerstäcker ausdrückt: in Rufs Nähe kommen, heißt mnd. ropmal, so Ludolf 24: dat wcrder licht bi Turchia up eme rüp- raale weges na, so weit man die Stimme, das Rufen hören kann, vgl. das mild, schritemdl passus, einen Schritt lang. Das sonst so übliche hanenkrät finde ich augenblicklich nur in den Goslar. Bergges. S. 341 : to der hanenkrät, sc. gehört ein Drittteil dem Rate, vielleicht Name einer nach Lage oder Entfernung benannten Grube, doch vgl. das. kattenlok, an der kinderbornen u. ä.

Ich gebe wie gesagt und wiederum innerhalb bestimmter Grenzen was ich eben habe, unbekümmert wie dürftig es sei. Mögen Andere bald Reicheres bringen, wo möglich eine allseitige Ergänzung und Vervollständigung der Rechtsaltertümer, aber taste man Grimms unvergleichliches Buch nicht etwa an, sondern gebe es, wenn es neu gedruckt wird, unverändert und unberührt. Selbst Grimms eigene Zu- sätze, dünkt mich, würden am besten als Anhang gegeben und ich will hoffen daß was über eine neue Ausgabe der Mythologie verlautet, ungegründet ist.

VI. Nichts und seine bildliche Verstärkung bes. im Nieder- deutschen.

Wie das Hochdeutsche hat auch das Niederdeutsche älterer und neuerer Zeit eine unglaubliche Menge von Ausdrücken, um das Un- bedeutende, Wertlose, Nichtige teils an sich zu bezeichnen, teils in Verbindung mit nicht, kein nachdrücklich hervorzuheben, zu stei- gern und zu verstärken. Die Anwendung solcher Ausdrücke ist so unbeschränkt wie ihre Art und Zahl, doch liegt es in der Natur der Sache, daß sie mehr in dem täglichen Leben imd der Volkssprache als in der Schriftsprache begegnen und zum grösten Teile dem Reiche der Natur und dem täglichen Verkehr entlehnt sind. Pflanzen und Lebensmitteln, Tieren, Gliedmaßen, Werkzeugen, Münzen u. s. w. Das Altertum schätzte nach Naturalien, sagt Grimm 3, 729, wir nach unserer Münze. Das mag als Regel gelten, aber die Mannigfaltigkeit ist jetzt so bunt daß sie mit allen Einzelheiten gar nicht zu umfassen und bequem unterzubringen ist. Dabei kommen auch hier drollige

VON SITTEN UND BRÄUCHEN, NAMEN UND AUSDRUCKSWEISEN. 19

Übertragungen vor, z. B. nich'n kappen ivarm oder to het^ to sat, ähn- lich wie ein Bißchen, mitunter bricht in Übertreibungen, ja Unmöglich- keiten echter Humor durch, wenn z. B. nicht bloß von Mückenbein und Fliegenfuß die Rede ist, sondern sogar von Lausdaumeu oder Karokswurst, hie und da begegnet auch das Unreine und Schmutzige. Im täglichen Leben wagt sich dann und wann auch wol ein neuer Versuch hervor und zu Zeiten und in bestimmten Kreisen gilt mode- artig einer oder der andere Ausdruck mit besonderer Vorliebe. Ge- saramelt ist auf diesem Gebiete oft und viel, aber vereinzelt, nichts Vollständiges; am reichsten vor 10 Jahren von J. V. Zingerle für das Mhd., lange vorher und in weiterem Umfange von J. Grimm Gramm. 3, 726 fl. der das Mnd. wie immer spärlich berücksichtigt, außerdem in der Zeitschr. f. d. Mundarten, von Hoffmann u. A. Ich gebe auch hier was ich eben habe, ohne Vollständigkeit auch nur annähernd zu erstreben, indem ich altes und neues verbinde und jenes durch ein oder das andere Beispiel belege. Für wint als Bezeichnung des Nich- tigen, wie doch geschehen, mehr als 100 Beispiele bringen, scheint über- flüssig.

A. Pflanzen, Sandkorn, Wind u. ä.

1. hone, RVos 1698: nimande up ene böne misdön; 3579: wol ener bonen wert. So vielleicht auch die Erbse, arfl, ervet, in Wizlavs Sprüchen 5, 6, bei Ettm. 29: is kiener denne en ert, wo ert wol Ei^hse zu meinen scheint, denn man hört hier noch : de arten plur., ebenso im Ostfriesischen.

2. tüicken, vSoest. F. Emmingh. 695: nicht achten en wicken, die Feinde. Außer in Zusammensetzungen selten und wol meist im Plural gebraucht.

3. sie, Theo. Tr. 75: nauwe enen beker slein, s. Germ. 15, 76, kaum einen Becher Schlehweins. Vgl. das Mhd. Wtb. und Register zu Ayrer 5. Das Wort heißt englisch bekanntlich sloe und ebenso noch hier in sloioit, das ist das im Brem. Wtb. unerklärte slüwit, wit as en slü. Vgl. damit ten Zehe, e. toe, ostfr. ton, Kern Nr. 550.

4. gras, Sachsenchron. 113: also was et allent alse en gras. Schon im Sanskrit ebenso: manje trinäja achte für Gras.

5. hlat, Wiggert 2, 36: is nicht en blat achten. Anders rosenhlat im Gegensatze zu Jcodrek, vgl. unten E. Laub, lof, habe ich nicht ver- zeichnet, es wird jedesfalls selten sein,

6. Statt der Wörter Bast, Halm, Spreu, Stroh, Strohhalm (im Hamlet: the question of this straw oft im pl. two straws, one straw)

2*

20 A. HOEFER

werden mit Vorliebe gebraucht: vese, nicht achten en vesen, Soest. F. 694; kaf, Wig-g. 2, 50, RV. 1386 und oft; zuweilen haverkaf Theo. Das. 154: unimo ghüt is mi alse umme en haver kaf, So. F. 629; »pir und sp7rken, ersteres sonst auch fem., hier beide ntr. wie im Brem. Wtb., jede kleine Spitze, bes. Gras- und Kornspitze, z. B. en spirken o-ras, nich en spirs kürn. nich en spir melk. Doch begegnet z. B. hast im Laieud. bei Scheller 8. 185: wisheit docht ok nicht en hast, de u. s. w. Dazu gesellen sich eine Schar neuerdings gebräuchlicher, wie fasei\ faserken, fussel, fissel und ßnzel, nichn fiss oder fufi^ nichn ßmsen^ Eichwald Sprichw. Nr. 534, stümpken (bei Lyra S. 10 shimp nich gar nicht), ib. 33 und 86 n kären to drinken (ob zu kern?)j nich en gots- korn Brem. Wtb., ostfr. gotskörrelke, nich n kolstrunk Kohlstengel u. s. w. Dali die Feige nirgends begegnet, ist wol erklärlich, um so wunder- licher ihr häufiges Auftreten im heutigen Englischen.

7. krom Krume, dial. krömpela, in der Utlegg. der Sprichw. 32: kroemken makt 6k brot, ähnlich wie z. B. albot heipt; sammelholt brent 6k; en drup helpt n annern up. hrot allein wird kaum wie im Mhd. vorkommen, doch: nich tn oder vor en hotterhrot.

8. spon Span, üpst. Ettm. v. 1705: jüwe lesen wege ik vor spune, achte ich für nichts.

9. sant ntr. findet sich wol nur als santkorn^ sonst eher als Be- zeichnung des Gegenteils, der Fülle, Menge. Bemerkenswert ist bei- läufig over se und sant sein, kommen, holen u. s. w. als häufig wieder- kehrende Formel.

10. stof Staub, wahrscheinlich schon lange mit kurzem o, Grimm 3, 733 schreibt sfö/; es steht z. B. Sachsenchr. 98: dat halp allent nicht en stof: orlof, vgl. 129. Soest. F. 642: to nichte maken alse en stof. Utlegg. 5* : se sint vor em (Gott) als en stof. Mit unserm Sonnen- stäubchen vergleicht sich mhd. kleine sam daz in der sunnen vert, swebt etc. Anders bei Staphorst im Rosenkranz S. 229: diner dener so vele als sunnenstof: bedrof. Aber das unter C. 6 erwähnte tioinke kommt hier noch in Betracht.

11. v;mi Wind, wie im Mhd. z. B. Sachsenchr. 257: dat is allent gar en wint, im Red. Spil 1038, Ettm. 1031: dar is uns umme so gn wint; Zeno 216.

Die sich hieran anschließenden beiden Blase und Tropfen,

12. blase und drup, druppen, werden im älteren Nd. in dieser Weise selten oder gar nicht üblich sein; auch im neueren Nd. bleiben sie, wie Grimm 730 sagt, in ihrer sinnlichen Grenze, also von Flüssigem. So selbst: en drup helpt n annem up, das dann allgemeiner gilt; nich n

VON SITTEN UND BRÄUCHEN, NAMEN UND AUSDRUCKS WEISEN. 21

drup liebben, nich ne natte drup u. s. w. Dagegen ist das Otfriedsche drof anderer Art^ vgl. z. B. 1, 5, 28: drof ni zwiuolo tliii, oder 138 Psalm V. 27 : noli trof ih ne loiigino. hläse kenne ich nur aus HofFm. RV. S. 157, wonach die Comb. Hs. des Rein, hläse für visevase liest. Vielleicht diente dafür auch hubhel, huhhelken.

B. Tiere.

1. Die bisher aufgeführten Wörter beziehen sich fast alle aufpflan- zen, Früchte und was damit in Verbindung steht, die folgenden be- treffen gröstenteils das Tierreich, was ihm entstammt, angehört u. s. w. Natürlich kommen hier zunächst die kleineren lästigen Tiere in An- wendung, von den nützlichen ihre wertlosen Glieder, die größeren nur wegen ihres Alters, wie z. B. kein alter hund u. s. w. Heißt es doch sogar : n oll fru un n olle ko sunt ümmer wür to (d. h. zu irgend etwas nütze, oder: dat get ümmer to) ; n oll man un n oll pirt sunt beid nix wirt. Vorhersehend sind Mücke und Miete, in neuerer Zeit die Laus, seltener Fliege, Siere, dann Teile von Ziege, Katze, Hase, Gans, Karok die Krähe, Hecht, Kröte, dann Ei, Feder, Gräte u. v. a.

2. müs Maus, Haupt Z. 5, 896: dar inne so was nicht ene müs gebleven, das Haus Avar 1er. Gleich nachher heißt es: dar inne was nemant, wi vunden nicht men blote wende.

3. mugge Mücke, schon 1. Buch der Könige bei Merzd. S. 52: worumme vorvolghestu enen doden hunt unde ene levendighe mugghen. Deutlicher Theo. Das. 419: unde trore nicht ene mugghe. Dazu: nich n muggenben; wie einen Mückenstich so wenig einen beachten, im Daheim.

A. flege Fliege, Wiggert 2, 52: min acht ik din den ene flegen: dazu fle : dre, im Hartebok 236, was ich doch jetzt nicht vergleichen kann. Ferner: nich n flegenfot, Dähnert.

5. lüs Laus, das vor einiger Zeit in dem Worte 'nicht die Laus außerordentlich im Schwange war, begegnet schon mehrmals alt, z. B. bei Emminghaus 615: achteden ere viande nich en lüs, oder 643: min als en lüs. Ostfrs. Sprichwort: du kanst mi gen lüs ' ofstarven läten, mir nichts anhaben. Neu: n lüsdümbret, Z. f. Mda. 4, 478.

6. mite Miete, Milbe., daher: dat mal is mitich, e. mite, Grimm 733. Soest. F. 706 : nicht ene miten. Wiechmann nd. Lit. in Mecklen- burg 2, 94: vor em mi nicht en miten grüwede. Vgl. Kl. Bür 754 und zu 179, wo das masc. enen miten : riten steht.

7. «wer lat. siro, ndl. siere, siertje, Milbe, s. Grimm 733, Hofim. hör. belg. 2 und zu den holl. Liedern, bis jetzt nur aus Chytraeus

22 A. IIOEFER

bekannt, doch kommt nach dem Brom. Wtb. noch nich en s^uer vor. Andere Formen bei Frisch.

8. medel Made, Grimm 733, ftü* das Mnd. kaum erweislich, doch von Ettmüller Rat der Tiere v. 10 ohne Not für: nemede vorgeschlagen. Zusammenhang mit nute ist schwerlich vorhanden, ebensowenig mit meut bei H. Sachs, das vielmehr wol falsche Form zu mite.

9. zegenhort hier, kattenstert RV. 2978, hier auch hesterstart] hanen- kop bei Lüntzel H. Stiftsf. 164. 276: also döt gebleven dat men nich en h. vor om hedde geven; scherzhaft: ik bidde di um en gosei, im Brcm. Wtb.; hier: dat gelt fif witten un ne karokswust, ähnlich bei Richey wieder mit der Fünfzahl: fif poggen un n hekt, wenn nichts dabei herauskommt. Die Kröte scheint gemeint im Trierschen Theoph. V. 351 : de ene kroden nicht enhevet, wofür Hoffm. gräden aufgenommen hat, weil diese Redensart noch jetzt in Norddeutschland gebräuchlich. Die ältere Sprache bietet kaum ganz sichere Beispiele, allenfalls im Soest. Daniel S. 62: he heft der scrift ken grät vorstant. Das gewöhn- liche greif ^ an den gräden des Münsters, Eike, in der himmel grät, Wiggert, der eren grät, Schäkspil, gelt heft den hoegsten grät, Werltspröke, groten hates grät, oder: it stunt an sulken grät u. a. in der Sachsenchronik ist natürlich nicht zu vergleichen.

Sicherer und öfter nachweisbar ist dagegen

10. ei Ei, oder doch eierschelle RV. 6474 (im Hamlet : even for an eggshell) und auch Theo. Das. 248 : it is ju alse en eighes dop, beide geeigneter als das Ei selbst, von dessen mhd. Verwendung Zingerle mehr als 50 Beispiele bringt. Aber was heißt dapl Es ist mitunter als Dotter genommen, aber man sagt: en half ei is beter as en leddigen, oder idel dop, femer: üt dem dop krüpen, folglich meint es Schale. Im Strals. Glossar heißt es: dop edder schelle. Redensarten wie: de het nich dat solt up de eier, de botter upt brot u. s. w. übergehe ich.

11. Ob das Wort f edder Feder, im Englischen nicht unüblich, in diesem Sinne vorkommt, kann ich nicht entscheiden. Doch hört man wohl fedderj-jos. Beispiele wie die beiden von Zingerle S. 26 beigebrachten dürften hier auch wol aufzuti'eiben sein. Übrigens gibt das Mhd. für das seinen eigenen Weg gehende Mnd. und Nnd. keinen sicheren Maß- stab, wenn mir auch mancherlei entgangen sein soUte.

C. Der Mensch, sein Leib, seine Beschäftigung.

1. Das folgende Capitel begreift alles, was den Menschen selbst angeht, seinen Leib und dessen Teile, seine Lebensweise und Beschäf- tigung, also Glied und Har, Ausdrücke die dem Auge, dem Munde,

VON SITTEN UND BRÄUCHEN, NAMEN UND AUSDRUCKSWEISEN. 23

dem Zahn, dem Nagel, dem Nähen, Schreiben, dem Licht und selbst dem Denken entlehnt sind. Nur erwarte man auch hier nicht vollständig alle Punkte vertreten oder aus alten Quellen belegt und nachgewiesen zu sehen. Manches sonst erweisliche und bekannte ist vielleicht als nd. nie üblich gewesen, ich denke z. B. an Schweiße worüber Schmeller im B. W. und Zarncke zu Seb. Brant 299 zu vergleichen.

Aus dem Niederdeutschen gehören mit Ausnahme des ersten hieher :

2. lid Glied, Vilmar im Hess. Idiotikon: nicht ein ledchen soll übrig bleiben, nicht das Geringste.

3. hdr Har, Wigg. 2, 60: nicht en här achten, Laiend. 153: de lüde dochten nicht en har. Theo. Das. 471: ik wil sorghen nicht en här, ähnlich Flos 467, Eramgh. 705, Esop 20, 29, Chytr. 103, öfter in RV. den Werltspröken und sonst, sowie eben dies Wort eines der üblichsten unserer Art sein mag. Ahnlich dial. gmncU zu grane Barthar.

4. 6g Auge, in manchen Verwendungen, z. B. hier und im Brem. Wtb. : nich so vel as men int og lidcn kan, wie auch Auerbach Neues Leben 1, 272 sagt: er ist mitleidig, aber nicht was man im Aug' leiden kann gibt er. Eine andere weit verbreitete Redensart gleiches Sinnes ist: enem nich de ogen (dat 6g) inn kop günnen, oder: nich dat wit int 6g günnen, oder: in'n 6g verschonen. Daran schließen sich ein par andere das Blicken oder Flinken, Zwinzen, Zwinkern der Augen- lider auffassende Ausdrücke, welche Grimm 3, 732 besprochen hat, nämlich ticint und hoink.

5. hoint, besonders im Mndl. sehr gebräuchlich, s. Hoffm. zu RV. S. 162 und hör. belg. 3, 158, im Nndl. aber erloschen, ist von Grimm im Reime zu Idnt für Nam. u. Val. 254 Staph. nytwink (d. h. ne oder entwink) vermutet, gewis mit Fug wenn der Reim der ohnehin zer- störten Stelle feststünde. Ein anderes thuint bei Leibnitz 3, 139 hat Grimm selbst als unrichtig bezeichnet, während Scheller in der Sachsen- chronik S. 272 dafür:

6. ticink Versucht hat': it halp allcnt nicht en twink, raen forde one hen unde on hink. Grimm erinnert an zioinken, ziuinkern^ engl, to twinkle, micare, an unser: nicht einen Augenblick zweifelhaft sein, ich finde dazu ostfr. n ogval in Z. f. Munda. 4, 478; er weiJ^ aber nicht ob ttcink sich näher rechtfertigen lässt. Freilich steht es unantastbar fest, selbst wenn Scheller, der es sicher gut gekannt hat, es auch im Laiendoctrinal S. 193 Z. 13—14 eingeschwärzt haben sollte: de wise bedrovet sik nicht entivink, oft he vorlust frunt efte kint. Denn erstlich begegnet es auch im Schäkspil 69^ : unde nicht ne wet van di unüoink im Reime zu enffenk^ ohne von dir etwas zu wissen, da ich dich doch

24

A. HOEFER

gar nicht kenne; bei Kautzow tU : he rogede sik nicht ein twinke, ebenso in dem hochdeutschen Texte zwink; zweitens hat auch Schmeller 4, 307: kain zwinkerlein, nicht ein Bischen, Augwendlein, dazu: zuinch- ouo-er, nd. en plinkog; drittens gibt der Stralsunder Vocabularius theotonicalis: twinke, is en stof dat dar vlucht in der sunne, efte de klenen bubbelken up deme güden wine in deme glase, atamus, atha- mus. Dazu: huhhele, ene blase up deme water. Das Wort selbst und sein Ursprung steht also wol hinreichend fest, selbst die Bedeutung halte ich ftir erwiesen und durch das Str. Glossar nicht für erschüttert. Vielmehr denke ich: Soiuienstäuhchen und wieder auch: Bläschen^ also zwei weit verschiedene Begriffe werden entweder ledighch Anwendungen, Übertragungen des aus der ursprünglicheren Bedeutung bereits fest entwickelten: das Geringste, Kleinste sein, oder was wahrscheinlicher alle drei: Augenzwinkern, Sonnenstäubchen und Bläschen gehen zurück auf den zu zivei gehörigen Grundbegriff: hin und her fahren, zittern, sich bewegen, was für alle drei gleich gut paßt.

7. Mwid und Zahn. Hiezu stelle ich das allbekannte heten, das hier als ntr. also wol für hetken gilt, wie mäten für mädken? ein Bißchen, daneben laschen u. a. Im RV. 1557: hir finde ik van honren nicht enen bitten, 4378: gevet mi enen betten : eten. Auch im Br. Wtb. ist es m. wie der Bissen. Sodann das in dem Eingange bereits erwähnte haps, happen, beide masc, letzteres aber auch ntr. und wie bemerkt in weiterem Umfange gebraucht, nicht bloß vom Essen, ein Bissen, Mundvoll, ein wenig. Im Brem. Wtb. und bei Richey fehlen beide, doch s. Schambach, Danneil u. a. Andere Redensarten, wie: dat kan man achter de küsen steken, ist nur ein kleiner Bissen, oder: so vel in de tenen hakt, beziehen sich nur auf das Essen.

8. Nagel. Hieher gehört, mitunter gebraucht: nich so vel as dat swarte unnem nagel, bei Fr. Reuter in bemerkenswerter Anwendung 12, 9: de noch nich dat sw. u. na. von takt hadde. Damit vergleicht sich bereits im alten Rechte bei O. Giercke der Humor S. 41 aus Weist 4, 655 §. 3 die Bestimmung der Kopfwunden: wenn sie so groß ist, 'als einem priester, der alle tage messe hält, das schicarze uf dem ixageH, natürlich scherzhaft für: jede noch so geringe Wunde am Kopfe.

9. Weiter als dem täglichen Leben zufallende, ursprünghch viel- leicht von bestimmten Beschäftigungen entlehnte, zum Teil in be- schränkter Weise verwendete Ausdrücke können gelten: natel, knoep- natel und knoepnatelskop, engl, pin, at a pins fee, dann : punkt, nichn stipken, Wrake, nich stik, stich sen , Br. Wtb. und Z. f. d. M. 3, 45 und 5, 30(»: nich n tüttel, schon Hbg. Chron. 92: in dem ringesten tuttel

VON SITTEN UND BRÄUCHEN, NAMEN UND AUSDRUCKSWEISEN. 25

nene macht hebben; dazu engl, not a tittle ot'it; dann: stremel, schnippel u. a. Ob nd. knop vorkommt, weiß icli nicht, engl, button, not worth a brass button ist häuüg, so ndl. also goet als 4 bottoen, wertlos, nichts, s. Germania 11, 380. Vereinzelt finde ich im Br. Wtb. he het nich den lepel upn brede beholden; ebenso hört man zuweilen: nich n piklicht, auch im Br. Wtb., nich n frilicht u. dgl. Indem ich noch spür, prov, ide, gedanke, kurz nenne, erwähne ich zuletzt einer auffälligeren und kaum noch sicher erklärlichen Ausdrucksweise. Nach dem Brem. Wtb. heißt nämlich: nich dat bitterste: nicht das Geringste, und so ist das Wort oft bei Lyra Plattd. Briefe gebraucht zu finden, z. B. S. 108; dann S. 18: nich met n bittersten wurden, d. h. nicht mit den geringsten Worten. Dazu habe ich hier: nich dat lidenste del, auch: nich dat lidenste bitter, vielleicht auch: nich dat bitterste liden? alle in dem gleichen Sinne vernommen, doch lasse ich einstweilen dahin gestellt, wie man sie am besten verstehen zu können meine.

D. Münzen.

1. Es folgen nun die Namen kleinerer Münzen und Gewichte, selbst solche, die längst nicht mehr gebräuchlich sind. So hört man hier noch allgemein: nich enen witten, pennink, sösslink, Sechser, schillink, gröschen, dann heller, deut, je nachdem sie bekannt und im Gange waren, hellink, groten u. s. w. Die meisten derselben gehören nur dem täglichen Leben und der Sprache des Volkes an, einige be- gegnen jedoch auch hie und da in der Schriftsprache. So pennink: bei Grautoff 2, 414 heißt es: he hadde eneme büre laten afsniden nese unde oren umme penninksake willen und ichteswelken läten afslän de koppe dorch desulve sake, cf. engl, he is not worth a pennyworth of dogs-meat, keinen Schuß Pulver wert, oder: to seil a merry penny- worth. Dann xcitten, da Kl. Bür v. 38: dar vor (für Hören der Beichte) gevestu küme enen witten, doch wohl nicht buchstäblich zu verstehen ist. Damit gänzlich unverwant ist das überaus häufige engl, whit, früher auch icight, also wicht, s. hier cap. F Nr. 1. kein judenheller wert, Leoprechting Lechrain 293. grote\ he scholl sik um enen hal- ven groten den finger afbiten, oder: eine treue Magd ~ scholl crem heren en groten ton daler maken, Brem. Wtb. nich en helh'nk wert, Sti'odtmann S. 85.

2. Anderer Art sind, doch wieder alt, zuerst löt: Zeno 497 99: der Wirt sagt: das wäre zu stark, würde hundert Mark kosten, wor- auf die Antwort: hundert mark sint so en 16t, ik wege se jük over in den schot, Bruns v. 476. Zweitens ort: Laiendoctr. pag. 207: Maria

2Q A. HOEFER

achtcde nicht en ort, wat al der werlde togehort. Das Wort bedeutet den vierten Teil, besonders von Münzen, en ort guldcns, Br. Wtb. ; öjije in ostfr. Sprichwort. ]\Ian hat es sogar von quartus ableiten wollen. Angeführt ist auch Z. f. Mundarten ö, 309 und 2, 76: kan uart, doch im Sinne von nirgends. Drittens as: Laiend. 172: he is en dwas, he dot den hören nicht en as, was Scheller schon als kleinste Münze, nicht das allergeringste genommen hat. Im d. Wörterbuch: den men- schen nit um ein äss frummer machen, aus Frank.

E. Unreines.

Es ist schon oben erwähnt, daß mitunter auch schmutzige Ausdrücke begegnen, nicht bloß im Leben, sondern auch in Schriften verschiedener Art, daher ich denn einige Beispiele zu geben nicht unterlassen d^rf Das derbste ist erstlich scMffdr^ Tunnicius Nr. 346: vele kiven umrae ene seh., ebenda Nr. 1005 ähnlich, lat. nihil und Ijma aselli; auch bei Kil. schijt- oder strontvoere; ähnlich hier schef^ schetteri, ostfr. schltschetere , Z. f. Mda. 4, 122, 31 c. not. 129. Zweitens Klas Bür 6S3: en bür de nicht en wet van decreto sehet efte dret, was früher von mir wie im Holst. Idiot, nicht verstanden war, während das Verbum driten, prt. drei : let aus Fastnachtspielen, de horgers he- driten d. h. beti'ügen, aus den Werltspröken und sonst als echt nd. nachweislich ist. Beide sehet und dret sind synonyma, wie wir heute noch hören: von etwas nicht einen Dreck wissen, sik nich n drek dnrüt maken, durum to kummern hebben. So schon RV. 4075 des biclitcnt helpct nicht enen drek. Drittens in den Münsterschen Chron. 1, 123 Ficker: so vele dat en ko scheit, vacca pepedit. Dazu im Br. ^^ tb. : de lev de fallt so licht up enen kodrek as up en rosenblat, dann die Variante: nich en festen, fursten, zu Lüntzel S. 228; ferner hier scherzhaft z. B. : du säst hebben wat de hau locht un nich de eier. Anderswo Pferdeeier im Gegensatze zu Hühnereiern. Milder und fami- liärer, meist nicht mehr verständlich sind andere wie quark (Käsematte, Kot), stnint stercus. Kl. Bür 179: ik achte jüw bannent nicht enen strunt, u. a. was man in den gedruckten niederd. Wörterbüchern leicht linden wird.

F. Allerlei. Nach alle dem bleibt noch ein buntes Allerlei von zahlreichen Ausdrücken und Wendungen übrig, die teils nicht genau zu bestimmen sind, teils hier nicht recht bequem unterzuordnen waren. Doch hebe ich davon nur einiges was wichtiger heraus.

VON SITTEN UND BRÄUCHEN, NAMEN UND AUSDRUCKSWEISEN. 21

1. dinglein^ vgl. Sastrow 1, 131: er hielt sich still, bekümmerte

sich mit dem was geschah nicht ein Dinglein, sondern las fleißig

in der heiligen Schrift. Mohnike übersetzt * nicht im mindesten.* Der Ausdruck ist ganz allgemein, nicht ein etwas, wenig, vergleichbar ist schon gothisch ni vaihts, ni vaiht, althd. ni wiht, Grimm 734. Das oben D. 1 angeführte häufige engl, iclilt gehört ebenfalls hierher, z. B. to be no whit absorbed by u. s. w. oder not a whit, she is every whit as bad as. Zu vergleichen ist ferner auch das in den Wörterbüchern oft sehr ungenau behandelte engl, drug, a mere drug nichts wert, not a drugy das sich keineswegs bloß auf Arzenei oder Waren beschränkt.

2. visevase, z. B. im Sündenfall 2704 vom Biere: ik wet, et is nen visevase, oder RV. 248: klaget de hase en mereken und ene visevase, also dort etwa: elendes Zeug, hier: Schnickschnack, Wischi- waschi; Hoffm. hat hell, wisjewasje und aus Kil. v. phantasia, phan- tasma angeführt. Dem Ursprünge des Wortes nachzugehen unterlasse ich.

3. hrüde. Dähnert verzeichnet : ik wet de brüde davan, was weiß ich davon? ik scher mi de brüde darum, bekümmere mich nichts darum; also etwa wie: den Teufel, Henker, Kukuk. Daneben hrüden zum Besten haben, irre machen, hrüderi Spaß, lere Worte, die doch beide nichts erläutern; ebensowenig erklärt hd. brühe von etwas haben, d. h. das geringste, d. Wörtrb. 2, 424, denn auch hrüden^ hrüen und brühen berühren sich miteinander ohne strengen etymol. Zusammenhang.

4. Von hüll oder tüll nich wcten, heißt hier so viel als: von gar nichts wissen, unerfahren oder einfältig sein. Der hier sehr häufige Ausdruck fehlt in dem Brem. und Pomm. Wtb. und entzieht sich ge- nauerem Verständnisse wie manche andere reirahafte Formel.

5. visepetent. Das zu Kl. Bür 68 u. 938, in meiner Zeitschrift 2, 212; 3, 213 auch aus Wendunmut als hochd. fisij^otent nachgewiesene und besprochene Wort, in welchem Grimm den Vicesuperintendenten sah, ist leider noch immer unverständlich. Das damit in Verbindung ge- brachte'füsimatenten machen, was auch 'fü- od. fisipotenten' lauten soll, fördert nichts , so lange nicht ein vicepotent nachgewiesen .werden kann, auf welches der Wortlaut zunächst zu führen scheint.

G. Weder groß noch klein u. ä.

Am Schluße ist noch einer anderen bisher unberührten Art zu gedenken, die unser nichts oder kein. Niemand, durch Adjectiva oder deren Adverbia ausdrückt die in Gegensätzen mit einander ver- bunden werden. Fehlt die Negation, so entsteht natürlich der entgegen- gesetzte Begriff: all, jeder. Man vergleiche also zunächst RV. 1895*

28 ^^. HOEFEK, VON ^ITTEN V. BRÄUCHEN, NAMEN IT. AUSDRUCKS WEISEN.

se volgedeu alle nä, arm unde rikc, eine einfache Verstärkung, die auch durch: groü und klein, oder: hoch und niedrig, alt und jung ge- geben sein könnte. So im Stockh. Tlieoph. ed. Dasent v. 246: de alle dink gheschopen hat, beide ghüt vnde quat. Dagegen in Verbindung mit der Negation Laiend. 35: wan wi em geven kleine noch grot; '22: des ne wot noch grot noch klene neman. 115: en achtet sines sulves kleine noch irrot. Dabei tritt öfter unter Einfluß des Reimes snml ein: ib. 120: noch wet grot noch smal : wal; 197: wi Avcten gröt noch smal : schal. Deutlich auch im Reineke 183: he rogede sik nicht klen noch gröt. Mit anderer Wendung erstlich RV. 2726: ik do R. wer ki'um efte recht: ib. 4664: Avat he dan secht, dat do ik, it si krum efte recht; zweitens im Laiendoctrinal p. 27 merkwürdiger: en hevve ji lüt noch stille, gevet jüwen willen, wo vorhergeht: is juwe gut klene, daher Scheller p. 227 richtig übersetzt: habt ihr ganz und gar nichts, nicht das Geringste. Wörtlicher dagegen scheint bei Yorausgehendem 'desse bodeschop drege ik' im RV. 1273: it si lütbär efte stille. Bei weiterer Aufmerksamkeit wird man dergleichen auch wol in den neueren nd. Wörterbüchern erwähnt finden, auf jeden Fall ist diese gewis bemerkenswerte kühne Ausdrucksweise in der Sprache des Volks noch heute nicht ganz erloschen, oder der vortreffliche Fritz Reuter hätte nicht zu sagen gewagt 'se reden nicli swart un wit' d. h. gar nichts^ auf den ersten Blick wunderlich genug und doch wol gerechtfertigt.

Ich zweifle nicht, daß die vorstehende lose geordnete Sammlung, die meine eigenen Aufzeichnungen schon bereichern ließen, nach allen Seiten, aus alten Quellen wie aus der Volkssprache leicht ergänzt und vermehrt werden kann. Dennoch zeigt sie deutlich die Mannigfaltigkeit und die Eigentümlichkeit dieser niederdeutschen Redensarten. Freilich ist eine gewisse Einförmigkeit und Beschränkung in Anwendung der- selben nicht zu verkennen und ebenso bestimmt ergibt sich, daß letz- tere mit crerincren Ausnahmen auf die dichterischen Denkmäler sich beschränkt, denen sie doppelt bequem gewesen sein mögen. Eine und die andere Chronik bietet vielleicht nicht ein einziges Beispiel.

Nachträglich: zu S. 17 ob. finde ich: verschiebe es um keines Pulses Dauer; zu 18, 7: auf Rufweite; zu 23: ihn nicht eines Hauches achten: zu 25: Pfenningswerth als Eigennamen in Danzig.

GREIFS WALD, im September 1872. A. HOEFER.

A. HOEPEE, NOCHMALS ALTVILE IM SÄCHSENSPIKGEL. 29

NOCHMALS ALTVILE IM SACHSENSPIEGEL.

(Ver^l. Gerai. 15, 417.)

Das rätselhafte Wort beginnt zu reizen. Nach der früher er- wähnten völlig unmöglichen Erklärung der Herren de Vries und de Wal sind die Herren K. J. T. Haupt, der inzwischen verstorbene Leverkus, A. Lübben und Vj L. Rochholz mit mehr oder minder aus- führlichen Versuchen aufgetreten und schon kündigt auch J. Zacher in der Zeitschrift für deutsche Philologie 3, 331 seine eingehende Untersuchung mit abweichenden Ergebnissen an die sobald es ge- schehen kann veröffentlicht werden soll und also einstweilen in Geduld abzuwarten ist.

Den übrigen Versuchen aber die doch im Grunde gegen mich gerichtet sind, darf ich wol schon jetzt in der Kürze einiges erwidern, obwol sie zur Sache selbst insgesammt so gut wie nichts bieten, denn bei Lichte besehen handelt Herr Haupt doch nur von Elfensagen und Zukunftsm jthologie , die Herren Leverkus-Lübben von dem Stamme dvala, toll, Herr Rochholz von den Namen der Cretins, mithin lauter Dingen, die mit der Lesart altvile neben altfile und dem Sachsen- spiegel nach den Grundsätzen vernünftiger Kritik nicht das Geringste zu schaffen haben.

Der Herr Pastor der sich beiläufig nicht wenig auf seine Kenntnis des Volkes und des Volksglaubens zu gute tut, mir aber solche S. 9 abspricht, weil ich S. 7 für Kobolde oder Nicker in rechtlichen Satzungen keine Stelle finde, greift den durch lateinische Übersetzungen schwach genug gestützten und längst beseitigten Einfall Sachsses auf, alvile sei Deminutiv von aJfi um daran allerlei anzuknüpfen. Daß dem schlechten alvile, ahvile mehr als 12 Lesarten unvereinbar entgegen- stehen, daß daraus nimmermehr altfile, altveüe, aldefil werden konnte, stört ihn nicht im Mindesten, f ist ihm einfache Verhärtung des, wie er annimmt, ursprünglichen w, ja er gesteht S. 3, mehr bescheiden oder mehr vornehm als billig, wörtlich: 'äußere diplomatisch-kritische Gründe die Lesart ohne t zu bevorzugen habe ich nicht, denn ich verstehe davon überhaupt nichts'. Aber auch von grammatischer Kritik scheint er nichts zu verstehen, er hätte sonst notwendig von dem bei Homeyer und Germ. 15, 418 sicher genug erwiesenen altfile und seinen Schwesterformen (vgl. meine Schrift S. 30. 39) ausgehen müssen.

30 A. HOEFER

Die Abhandlung des Herrn Leverkus füllt G Seiten wesentlich mit Homeyers nnd meinen Ermittlungen, indem sie unbefangen und wenig statsrätlich von den letzteren eine ganze Anzahl als eigenste Entdeckung erscheinen lässt*). Dabei belehrt er mich über nephinius aus mir selbst, denn w^. 37 und 40 läßt er unberücksichtigt. Meine Schrift wird überhaupt nur zuletzt wie beiläufig mit dem Bemerken erwähnt, daß ich mit Recht 'geistige Krüppel' als Inhalt des Wortes angenommen. Aber dies, was bisher allen entgangen war und was er selbst von mir erst gelernt hat, nennt er jetzt 'nahe liegende Deutung'. Das Neue was hie und da begegnet, ist mit Ausnahme der friesischen Übersetzung 'op derten lyued' durchweg mislich oder verkehrt. Wenn er statt dwerge (er meint dicerghe) vielmehr diverve vermuthet, so scheint er nicht zu wissen, daß im Niederdeutschen gh unendlich oft mit v reimt, wenn er aber gnaviis für sein Gegenteil, statt ignavus erklärt, so sollte dieser sicher ganz und gar unwahrscheinliche Abfall des i, den mau bei Ducange, Diefenbach oder Schuchardt vergeblich sucht, billiger Weise erst nachgewiesen werden. Dagegen hätte er sich die nichtssagende Lehre S. 322 ersparen können \laß altvile keine Sin- gularfonn ist', denn davon abgesehen daß ich auf dem Titel den Plural meine, wie er im Ssp. steht, war er selbst auch nicht entfernt im Stande den Singular mit Sicherheit zu bestimmen. Jenes wichtigste alt vilen des 14. Jhrh. verschlägt ihm natürlich nichts.

Aber das ist alles entlehntes Nebenwerk, Anhängsel, füllende Einleitung, um eine angeblich neue Erklärung zur Geltung zu bringen, denn der ganze Artikel gipfelt in dem für mich wenig überraschenden, vielmehr erwarteten Gedanken, daß al-hoil einfach zu nd. dwehn ge- höre, also einfach falsch sei. Aber, fügt er hinzu, die regelmäßige mnd. dw-Form ist nicht die einzige. Und damit bricht er ab.

Herr Lübben aber spinnt den Faden fort. Aber was hat er denn durch seine 'reichhaltige und anregende Erörterung' erreicht? Er kann einige neben rechtem dw vorkommende falsche tw anführen, wie noch heute mitunter ficas für diocis zu hören ist. Ja im Berliner Volks- dialekte soll nach einer brieflichen Mitteilung das arme Ticall, das dumme Twall im Sinne von *Cretin, simpel' noch heute üblich sein, was HeiT L. denn zu benutzen nicht ermangeln möge. Aber er weiß dtüil oder twü überhaupt nur äußerst schwach zu begründen, er über-

*) Dies Verhältnis das andere näher prüfen mögen, hier zu berühren, kann mich der Tod des Herrn L. nicht hindern, aber ich kann annehmen, Herr L, würde seine Arbeit selbst nicht so veröffentlicht haben wie sie hier erscheint. Dem Heraus- geber scheint das entgangen zu sein.

NOCHMALS ALTVILE IM SACHSENSPIEGEL. 31

sieht, daß wenn damit wirklich das rechte getruffen wäre, jenes aldwile, richtiger aldicele in der Menge der Handschriften sicher doch einmal auftauchen würde und endhch er merkt nicht daß des Herrn Leverkus anscheinend kluge Erfindung bei der oberflächlichsten Vergleichung der anderen Lesarten noch fast unmöglicher ist als der Einfall des Demin. alvile, so daß Herr Liibben auch gar nicht den ohnehin unmöglichen Versuch macht, sie, also namentlich alt vilen, alffile, altveile, altvile, alt- fyle, altißle u. a. mit seinem aldioele in Einklang zu bringen. Natürlich, eine Unmöglichkeit führt ja zu der anderen.

Oder nimmt PTorr L., der seine Erklärung auf Annahme eines Fehlers gründet, etwa stillschweigend auch für sie lauter Fehler an, Verhärtungen, Vocaleinschub ä la daioalon u. s. w.?

Und doch waren die Herrn L. L. sorgsam gewarnt, denn ihre anscheinende Entdeckung ist, was sie verschweigen, nichts als mein eigener Einfall, den ich manchmal erwogen und dann nach Ge- bühr verschmäht und abgewiesen habe, vgl. S. 5 Z. 1—5 v. u. meiner Schrift. Und freilich lag er nahe genug, wenn man mit Homeyer al-t trennen will, wenn erst die Hauptsache, der Inhalt des Wortes richtig erkannt und aufgedeckt war und wenn man sich willkürlich auf eine and die andere Lesart beschränken wollte, die übrigen alle ignorirend. So wie denn lange vorher auch der Berliner Mitteiler unabhängig, nur durch den Sinn geleitet auf denselben Gedanken gekommen war, s. oben Seite 30.

Wesentlich gleicher Ansicht ist denn auch Rochholz der alivile für eine altdeutsche Bezeichnung des Cretinismus zu halten scheint? bei Zacher S. 339, und dann also fortfährt: 'Schon J. Grimm hat die Lesung al-tvile veranlaßt, indem er damit tvetulle, lüidillo vergleicht. Es bleibt somit! der Wortstamm tüll, tiW und damit gelangen wir auch hier zu der Familie Till^ Teil und Genossen, die uns schon durch Herrn Lübben als verwante vorgeführt sind. Nur schade daß der ganze schöne Gedanke an Cretins, den meine Erklärung übrigens nicht ausschließt, auch nicht mehr neu ist, denn er taucht schon bei Herrn Pastor Haupt auf.

Meine kleine Schrift hat mir Erfahrungen eingetragen wie sie Göthe in Band 22 und 32 (Ausg. in 40 B.) so hübsch geschildert hat; aber ich bin weiter gewitzigt; denn ich lerne, man kann gewissen Kritikern gegenüber des Guten leicht zu viel tun. Manche flüchtige Bedenken die ich, um sie zu beseitigen, offen äußerte, sind nun als Waffen gegen mich benutzt und weil ich meine Erklärung schüchtern und bescheiden ausgesprochen, hat man sie um so dreister bemängelt

32 A. HOEFER

und bezweifelt. Der Herr Statsrat beruft sich S. 322 keck darauf, daß ich S. 26 meine eigene Deutung selbst 'unglaublich aussehend' nenne, er lässt aber dreister ein dabei unentbehrliches 'an sich', das hieß 'für Leien und Unverständige , aus und steigert seine Kühnheit zu dem ihm wenig zustehenden Ausspruche, 'ernsthaft einer solchen Etymologie zu widersprechen, erscheint unmöglich*, worauf er denn nur jene nichtssagende Bemerkung macht: 'daß altvile keine Singular- form ist.'

Eine reiflich erwogene, wol gestützte, von einer Seite sogar er- wiesene Ansicht auf solche Ai't abtun und bcseitio:en wollen, ist frei- lieh leicht und bequem, aber wer sich leichtfertig dazu hergibt, sollte sich nicht verbergen, daß der Schein der Lächerlichkeit gar manchmal lediglich auf den Angreifer zurückfällt.

Und wie steht es denn um meine Deutung, daß der erste beste unberechtigte Richter, Pastor oder Statsrat, sie mit ein par hohlen Redensarten abzufertigen vermeint, mit Hinweis auf 'das juristische Lehrbuch', 'ernste Rechts spräche', mit Bezeichnung als 'Unmöglichkeit', Tri\'ialität u. s. w. ? Sämmtliche Widersacher übersehen oder leugnen geflißentlich alles, worauf es hier vornehmlich ankommt und was das sicherste oder doch w^ahrscheinlichste ist, nämlich:

L daß es sich hier zunächst gar nicht um den Sachsenspiegel, sondern um eine ihm ursprünglich fremde, grundverschiedene, gereimte, für das Volk oder den praktischen Gebrauch bestimmte, volkstümliche Stelle handelt;

2. daß die Grundlage derselben wahrscheinlich ein Rechtssprich- wort bildete, für dessen Erklärung in das Volksleben zurückgegangen werden muß, vgl. J. J. Smits, Abdruck aus den Nieuwe Bijdragen S. 2 fl. und Graf und Dietherr d. Rechtsspr. S. 210. 213, die jedoch noch 'zwitter übersetzen d. h. ihnen zweigliedrig;

3. daß als Kern der Form unerschütterlich die Lautgruppe -Itfi- feststeht und damit unantastbar altfile gesichert ist als erste, älteste und reinste Lesart, als Quelle aller übrigen;

4. daß hinter al- zu trennen und al-hcile oder gar aldwele oder alwile als vornehmste Lesart an die Spitze zu stellen ein geradezu un- mögliches, aller Kritik widerstrebendes, unwissenschaftliches Verfahren;

0. daß jenes ungesucht und von selbst sich ergebende altfile nach menschlicher Einsicht nichts anderes meinen kann, als was ich ihm habe entnehmen müssen. Alt feile oder Altfeil, alt vilen der Dres- dener Handschrift;

6. daß dieses weiter als deutscher Name und als Schelte, im Englischen in ähnlichem, in Holland in gleichem Sinne (Germania

NOCHMALS ALTVILE IM SACHSENSPIEGEL. 33

15, 418) nachgewiesen, mithin nicht aus der Luft gegriffen oder ein- gebildet und wilkürlich erfunden ist;

7. daß diese Bildung an sich so gut wie jeder andere entlehnte Ausdruck verschiedenes bedeuten kann*), daß aber der Begrif stumpf, stumpf- oder bliulsinnig richtig und vernünftig erschlossen ist; endlich

8. daß, wenn dieser Inhalt des Wortes irgen.lwo, wie natür- lich angenommen, fest entwickelt und geläufig war, seine darum auch nicht mehr miszuverstehende Verwendung, vollends als eines Compo- situms, selbst in einem^ überdies gereimten Rechtsspruche durchaus erlaubt und ohne Anstoß sein muste: denn: als Compositum ent- fernte Altfeile oder Altfeil sich weit von \lie alte Feile , ward ein eigener, prägnanter, volksmäßiger Ausdruck, der vielleicht als ein scherzhafter, wahrscheinlicher als ein milde schonender und doch hinlänglich deuthcher derberen Bezeichnungen vorgezogen werden mochte.

Wer aber jene dem Leien freilich wol unverständliche oder auf- flillige innere Entwickelung des Wortes altfeüe (das nur körperlicli 'abgelebt' sei) und darum dessen Verwendung in einem Rechtsspruche, *in der ernsten Rechtssprache', nicht zugeben will, der zeigt daß er eius wie das andere w^enig kennt, weder die Sprache noch das deutsche Recht. Ist es denn so ernstlich gemeint wenn im 'recht van der vroweii rrido' als zu dieser gehörig neben Hühnern und Enten muese und rotten, katten und ander ungefaF genannt werden? Von Poesie und Humor im deutschen Rechte ist neuerdings nach Grimm mehrmals eingehend gehandelt worden^ zuletzt von O. Gierke Berlin 1871, y^.. Nordd. Alig. Zeitung Beilage 1871 Nr. 181, 182, 187. Und was die Sprache des täglichen Lebens und auch die Schriftsprache angeht, so bieten alle guten Wörterbücher Beispiele älnilicher Entwickelung und Verwendung in Fülle dar. Darauf ist aber noch weniger aufgemerkt worden wde die Sprache des Rechts mit besonderer Vorliebe Dinge und Begriffe belebt und selbst als menschliche Wesen, 'als Personen behandelt, daneben wieder Begriffe als greifbare Dinge fasst. So heißt es z. B. Gewalt wird handvoll und das Recht wird sackvoll gemessen.

*) Nicht einmal das begreift man oder will man einräumen, denn man hält mir entgegen da[> das englische old file auch alter Filz. Kratzer', nicht al)er Htumpi, blödsinnicr* bedeute, man weiß also nicht daß hunderte deutscher Wörter im Euf?lischcn anderen Sinn haben als im Deutschen, daß hunderte im Deutschen wie in jeder an- deren Sprache ihren ursprünglichen Inhalt mit der Zeit verändert^ andere Bedeutung entwickelt haben.

GERMANIA. Neue Reihe. VI. (XVIII.) Jahrg. 3

34 A. HOEFER, NOCHMALS ALTVILE IM SACHSENSPIEGEL.

das Recht geht aber auch auf Krücken; der Wolf frißt kein Ziel, Kirchengut hat eisernen Zahn, Muß ist ein böses Kraut, Friede düngt den Acker, Schulden wachen auf, sind keine Hasen, faulen und rosten 'nicht, gute Worte heilen schlimme Ware, Kostgeld schreiet vor aller Welt, Handkauf lacht, Scepter soll Augen haben u. s. w.

Es wird für Kenner nicht nötig, für Andere aber überflüssig und vergeblich sein diese Sammlung fortzusetzen, aber man darf die Frage aufwerfen und dreist bejahen, ob die Sprache der solche Aus- drucksweise geläufig war, die gelegentlich nidene für circa genitalia, sprächkameren fiir latrina, kammerlange für urina, hofivart für Hund sagt (s. meine Schrift S. 33), nicht auch Alt feile oder Alt feil für 'stumpf, schwachsinnig' sehr wol verwenden durfte ?

Es fehlt in rechtlichen Satzungen sogar nicht an schmutzigen Aus- drücken, z. B. als Äußerungen der honspräke, wie jeder weiß der alte Rechtsbücher, Statuten und Urkunden fleißig gelesen hat. Und wieder auch die alten Namen sind nicht hloil sehr oft hochkomisch und lächerlich, sondern vielfach geradezu unanständig und unaussprechlich.

So liegen die Dinge und bis auf weiteres muß ich unbekümmert um Anstoß und Einrede annehmen, daß ich das Richtige getroff'en, wie die Ergebnisse meiner Untersuchung denn auch von mehr als einer Seite, Philologen und Juristen anerkannt, teilweise selbst weiter als von mir bewiesen worden sind.

Ich aber werde fortfahren jenen wenn auch etwas unerquicklichen Bestrebungen treulich zu folgen und besonders dem was über a 1 1 fil e noch auf den Markt kommen sollte, meine volle Aufmerksamkeit zu widmen.

Nachschrift.

Vorstehendes ist nicht ohne Grund lange zurückgehalten und so sind denn inzwischen zwei neue Äußerungen über denselben Gegen- stand hinzugekommen, die eine in dem Mnd. Wörterbuche Heft 1, die andere von dessen lehrhaftem Göttinger Recensenten, vgl. meine An- zeige. Auf beide dachte ich hier näher einzugehen, indes das erste läßt die Abhandlung bei Zacher unerwähnt und bringt nur zwei Be- merkungen die oben schon abgetan sind. Die auf Orthographie und Declination gerichteten Bedenken des Recensenten aber hinwegzu- räumen muß ich ihm billiger Weise selbst überlassen. Vielleicht ge- lingt ihm das im Laufe der Zeit. Das von ihm herbei gezerrte Elt- ville ist *alta villa' und von dem Namen AI will ist eben ausser für ihn selbst leider auch kein Gebrauch zu machen.

GR. im August 1872. A. HOEFER.

A. HOEFER, ZUM MITTELNIEDERDEUTSCREN WÖRTERBUCIIE. 35

ZUM MITTELNIEDERD. WÖRTERBUCIIE VON K. SCHILLER UND A. LÜBBEN.

Das vorliegende viel ersehnte und mich nahe angehende Werk öffentlich zu besprechen hat ursprünglich nicht in ro einer Absicht gelegen. Dennoch galt es mir ein Urteil zu bilden welches die mir zu Gesicht gekommenen Anzeigen vermissen lassen, zum Teil auch gar nicht geben konnten, und so habe ich denn einige Tage daran gesetzt, das erste Heft mit meinen Sammlungen zu vergleichen.

Indem ich das Ergebnis dieser Prüfung hier mitteile, bemerke ich daß das erste Heft keinen i'echten Maßstab gibt, denn einmal lässt es Plan und Absicht des Werkes, worüber nichts gesagt ist, nur unbe- stimmt erkennen, sodann stand ihm bis S. 90 Kosegartens fertiger Teil zur Seite, endlich füllen zwei Dritteile desselben die Wörter achte, a\ amhachf^ die Composita mit achter, af und an. Es geht auf 128 Seiten bis zu dem zweifelhaften arnt und umfasst im Ganzen, ohne die Zn- sammensetzungen und Ableitungen, ein kleines Häuflein AVörter, dar- unter meist bekannte, schon verzeichnete, wenig seltene, neue, was nicht Schuld der Herausgeber. Daß ihr Material zum grösten Teile aus Incunabeln gezogen wäre, Germania 17, 104, ist nicht der Fall imd würde ohnehin sehr überflüssig, ja wol schädlich sein. Freilich machen sie mit Beschaifang alter Drucke gewaltigen Aufwand, abor welchen Nutzen diese im Großen gewähren, steht dahin, wenigstens darf man fragen, ob denn die Masse der sichersten und wichtif^sten Quellen, der am besten herausgegebenen und am leichtesten zugäng- lichen Urkunden, Rechtsbücher^ Chroniken, Dichtungen zuerst und vor allen Dingen ausgenutzt und ausgebeutet sei?

Vollständigkeit welche die Herausgeber sichtlich erstreben, ohne sie schon völlig erreichen zu können, bezieht sich zunächst auf den Umfang der Quellen und den ihnen zu entnehmenden Sprachschatz, sodann auf Form und Bedeutung der einzelnen Wörter. Was sich im Mnd. findet, mnd. ist, ist wichtig, mag es auch sonst, z. B. für deutsche Sprachgeschichte, sehr geringe Bedeutung haben: ob es dem Hoch^ deutschen gleich oder davon verschieden ist, kommt nicht in Betracht. So scheinen die Herausgeber selbst zu urteilen, denn sie verschmähen nicht eine Menge triviales Zeugs, reihen es an Ort und Stelle ein und

3*

36 A. HOEFER

belegen es oft mit reicliliclien Beispielen*). Von diesem Standpunkte aus^ der von meinem eigenen weit absteht, scheint mancherlei zu fehlen, wovon ich, ohne Kosegartens Arbeiten zu berücksichtigen, Folgen- des in aller Küi'ze oder mit einigen Bemerkungen nachtrage.

Der Eingang über a belehrt uns daß wir junge a unter älterem 0, e, dagegen altes a vor It, Id unter jüngerem o zu suchen haben. So kommt es denn daß alt, alder, van aldinges in Heft 1, wo man sie sucht, gänzlich fehlen. Die Geschichte des nd. a, ä ist hier nicht erschöpft, auch die beiden ersten Artikel, a und -ä, sind dürftig, Imperative wie sxcichä, die Reime allenä : ])lena ^ to vordretä : ^propheia, ik vortia : Maria das Hoffmann verderbt, fehlen. Überdies ist a auch Interjection für ach z. B. Laurembg. Sodann fehlen:

der ahdisken, die ebdiske, ehdisse^ -pl. ehte; dat gilldne ahc^ ahchok; Abel und Ahelensone, f. Abele; loitte ablafen; ach mrnes lives; achtebreve edder keiserbreve; agbdr; ik achte ju doren; achfentik; zu achter cf. atter Mteiiy Haupt V 396 und achter rursum, 2 Kq^^ Mzd. S. 70; achter lan- den loperij, achterber, achterbort^ achterkastei und -schip puppis, vor dem achterredende im B. der Weisheit Mgdb. 1538 (B. B. flökende), wol achterredet in Spr. S. B. B. 10, 18; dazu niters u. achterreders hebben, auch Spr. Sah; achtervolgt, befolgt, tverden von einer ordinanzi bei V. Wicht; achterwegen läten^ dat lant, verlassen, LvSu; endlich in den acht er seien up brodes ende kamen ^ Wiechm. H. Für -achtich auch achtj echt, haft, haftig.

Vornamen wie Achim und Akim, Adrian, Ameling u. v. a.; Fremd- wörter wie addereringhe, addicien Brsw. Chr.

dat acker des rikes ivart so vruchtbär, Korner 76'', cf. 103*^ H, daneben den acker 172'*; ackeren u. amen B. Bi. Ist neben dat eckeren ntr. ackern allein nicht nachweisbar?

adamant; addern galle, Hiob BB; alse adebars flögele, Zach. 8 B, A. ist hier noch npr; zu adel vgl. hd. die rugianische adel, 2 Zob. 115, doch \^ellei cht falsch; dat loedderf achten de adel, Ktz. 217, ib. 151 icat adelische gestalt it (das Pferd) an sik hedde, dazu Dhnrt. iq? er adelsch, cf. Kl. Bür 790. adelarn, nur nebenbei genannt und nicht

*) Davon kommen freilich Abweichungen vor. Denn Wörter wie afbemen, em dat här, und afvAnnen, den monnen dat Mis, oder afimkei-n u. s. w. nehmen sie an Ort und Stelle auf, aber von solchen die wie afdoden, afltaivjen, afniorden dem Nd. be- sonders angehören und zum Teil nicht hd. sind, geben sie nur einige, sogar ohne Beispiel, s. v, «/zu Ende, was schwerlich durch den dat. pers. gerechtfertigt, jedes- falls inconsequent ist, vgl. unten ähnliche Verbindungen mit af.

ZUM MITTELNIEDERDEUTSCHEN WÖRTEEBUCHE. 37

belegt, begegnet als comp, öfter bei Korner, in der S. chron. und sonst. -— Für äducht auch avechicht.

af steht auch für of, ob. Zu den comp, mit af, ave gehören noch: van af harnende Zo; aßoegen vom Wege Br. Gqu; de dit af bracht heft Zo; af danken sich dankend entfernen, empfehlen, id., mit krüt u. lot af gedankt icerden, entlassen, abgefunden; afdelich expers; sik smes hinderlists afdlion, so auch bei Ktz.; afdörper pl. Dhnrt.; afdracTitlik wesen, to afdrage fordern Zo 3, 418; afdragen das Essen, oppos. up- dragen ders. ; af dringen zurückweisen Upstd. 724 E. ; af droschen ab-, derogare ; afdiodn , afdwoch ; de afescher exactor ; de swin afeten oft dot hiten von Bestien; anders hedde de gantze ort afgegän wäre abgebrannt Zo; dazu andere afgdn; de afgoder m. sgl. idolatra; ob afgot auch ntr. ist? afgunnen beneiden, misgönnen; zu af handeln^ afhemicheit, afholt die schon alt, vgl. Dhnrt., zu afhehhen Zob. zu 1, 44, wenn es richtig: er konnte sich nicht rechtfertigen, frei machen? af harren steht bei B. Russow und sonst, z. B. bei Ktz. 61 und afharreden, dat; ib. 46 hehhen des hertogen af hanget; ib. 102 (dat he scheide) siner heteringe an den ogen afharren; zu afhouicen neben schw. houicede af stark afhoio 3 Zober 145, dar se den kinderen hende u. vote afhüioen, Graut. 2, 421 u. 516; daneben hüw, heio, hev, heu und andere vorkommen. af- kernen und afkerven abdicare, afknipen Brs. Chr.; af künden bei Zob. gleich af kundigen^ dies c. ü auch gleich aufbieten, von Verlobten; de hogesten noten aflangeri; ican fuer stro a. kan; aflän : gän; ob S. 28* af- laden und afledst richtig erklärt? ~ aßege und aflegung; blümen aflesen. Koker; afgelevede lüe^eiüen Wiechm. ; aflivisch Oelr. ; aflonen c. dat.; eiflik efte afloslik; aflüden, -lüdich absonus, -dicheit in vocab. ; afmälen eigentl. Laurb; afmoten; alse de iverlt afmitt u. denkt; de en afgemordert icart; ebenso de en afgeslagen u. afgeicundet icurden, p. ürk; afneming s. Dhnrt.; afdghelen^ -ler abadolator; afplücken^ afquisten u. c. e; af rönnen auch Ktz. 149; afrift u. afrist var. zu afschevet Ssp; afrinnich auch bei Fidicin; af säten, statt d^ absamen; mit sinem af scheide zog es sich hin, 3 Zob. 377 und oft für Hinscheiden, Tod; afschedelkost ; afscheten ab- solut, sc. de pile ; afscheven wird nicht zu schüven gehören, sondern zu schaben. Zu afschümen ist affimen aus Sastr. ; zu af sichtlich ist afsüne difFormis aus alten vocab. zu entnehmen; afschüioen auch Ktz. 120, dazu dorch afschowunge u. verfuermig Zob. 1, 287. dat dem hertogen de toi luer afgeschlogen 3 Zob. 211; dat loil men afgesneden hebben, ab- gestellt? — so ivart doch für gut angesehen 3 Zo. 211. afspennich maken, knechte s. zu Barn. B. Ordn. upgevot und afgespenet von einem Kinde, Westf. afstorrich durch egenkoppes erklärt. afstoten auf die Seite bringen, Zob. gade afstutzich werden Ktz. afte f ofte;

33 A. HOEFER

aflrit und enen aftrede hidden, abtreten zu dürfen Zob. en voi' enen aftrunmger melden^ daneben manchmal richtig c. e, vam loven oßrennich^ de aflrennier logener^ Zob. 1, 115; vgl. 103" ansichtiger^ mit to- vloten u. afvloteiij p. Urli; gut wart afgefaret; sik affören, Wräke; der sake nicht afweten liMen, Lp. ndelb. Chr. 103, vgl. var. Itt se af- iciken, abtreten, Zob.

Zu dem folgenden Teile beschränke ich mich, einiges wenige was wichtiger oder seltener scheint, herauszuheben.

sicarter agatstein; Agete f; agripinnisclie penninge\ academe Lrbg. ; aker^ akelter \i. a. ein Kraut; a?/?'a/i^'e Wasserkraut, doch s. Dht. ; dazu füge ich noch aus dem Gothaer Arzneibuch bei Regel S. 8 die Pflanzen- namen affrodilly agrimonie, allemamoortele^ allexandre^ alloe, andivien, ans- lok^ anderes bei Kemnich und Diefenbach zu übergehen. Dann algemak; algans LvSu. 22 und 29; ellernholt ist Flieder, zu alhorn 2, nicht mit Lks. 51 zu Eller, Erle; alarum schrien Wiechm., ebenso aU.enn s. Ktz.; allerjärlikes, sehr oft so c. aller. Auf altvil, zwei ganze mir bis auf den Schluß entlehnte Spalten, wie auf den bedeutungs- losen Zusatz des Göttinger Recensenten komme ich besonders zurück, doch nehme ich Act davon daß die jüngste Abhandlung in Zachers Zeitschrift hier ignorirt worden. Sie beruhte ohnehin nur auf einem von mir selbst weggeworfenen Einfall. (Vergl. den vorigen Artikel.)

Zu 'JO gehören auch alsink^ ansink; für amie auch aniicitia-, als m. amis : icis; ammelkorn Lacbl. ; Ameling Bück; der ämer, wol gen. pl. sc. eit, Brsw. Urk. 1, 26J ; ande und; zu anderik npr. Andrich; ticivels dne und lange dne kragen rocke; anegink: dink] kop ang an Theo. Tr. ; anerhodich, anerhedich\ anheimisch komen] anhengich sin c. gen; anjänen] anhelden, anke, a/iÄ:e/2 bei Dhnrt. ; angeknüttet ^Q\A\\i. Y^ . \ anlät in verschiedenen Verbindungen mit stellen, mit tuschen scheint: Ver- gleich, Vorschlag, vgL anlaz; anlenghen animadvertere ; anmäl macula, nae^^s; mit anoeginge, Wiechm. 2, 16; mit enem anschrie üt springen; anselik'j das wunderliche anskinge im Brem. Wörterb. ist mit Recht übergegangen, es wird ansokinge gemeint sein, das aber hier auch fehlt; segel ansldn besiegeln, Fahne 3, 248; we sine käue (koi) vor ossen an- spent : helzent, Koker; anspannen mit, etwa anbinden mit; enen mit rove, mit düv:e anspreken, als Dieb, Hhg. RxA.., vgl. Fahne Do. Stat. 67; it düvich of rovich ansjjreken, ib. 72; anstat, anstet, anstede; sik loretlik alistellen, Renner; he steke an dat hüs, dat he an den hof gesteken, Wigd. Ai'ch. ; angesticket jegen se in Liebe entbrannt, Judith 12 B: anstedinge auch Anstiftung, Balt. Stud. ; antichristlik u. s. w. WVäke ; de en Met antragen, Zob. 3, etwa für antrocken, beeinflußt durch aii-

ZUM JVnTTELNIEDERDEUTSCHEN WÖRTERBUCflE. 39

tagen? antrüwen ist Vb. und Adverbium für entrüwen traun; ant- werdesman reus, Oeh\ Rig. ; van Antwoiye Chr. sei., van Andorpen P. G. D. 2, 215, Andorpen als nora. Chytr, 592; zu anvechten vgl. var. in ndelb. Chr. 60; der ketterie anvlichten Zoh.] anfort in de Ptne u. have- ninge Ktz. ; anvide soll duevelsdrek sein ; ob anwal, auch in Wig. Arch., gleich anval? amoar iverden gewahr, gew. enwar, und amoarer so! als alt bei Dhnrt. ; po^ von Silber angewagen an den pot etc. Po. G. D. II, 78, scheint: zusammengewogen mit, mag die ganze Stelle auch unklar und vielleicht falsch sein.

Wichtiger ist anicerden c. acc. p. 78 und 118, 'angehen, Zu- mutung machen, petere'. Aber anicerden hat zunächst auch sächlichen Accusativ bei sich und bedeutet wie noch jetzt ganz gewöhnlich: an sich nehmen, sich gewöhnen u. s. w. , z. B. : don wurr he den driink, dat drinkent an. In diesem Sinne kennen es nicht bloß alte Glossare, als assuescere, assolere, gleich anwanen^ was hier mit Zubehör fehlt, sondern es ist auch alt nachweislich, am deutlichsten Jes. Sirach 23, 19 Mgdb. 1538: dat du nicht anicerdest de narheit, Luther: ge- wohnest der N., B. Bibel: dat du di nicht gewönnest tor narheit.

Das alid. anaiverdan c. acc. Graff 1, 990 ist nach dem D. Wtb. 1, 519 *an einen kommen, gelangen , Mhd. und Nhd. haben nichts entsprechen- des, aber vergleichen lässt sich mir ist an, d. h. angenehm, lieb, ich habe Lust, bei Schmeller 1, 61, ähnlich wie heute: das ist mir mit, oder nicht mit, bei C. Stieler 173 libitum est, placet. Der sinnliche Grundbegrif des *ich werde an ihn, an etwas wird also sein: ich nähere mich, neige, wende mich zu, werfe mein Auge auf, zu, gebe mich hin, gewöhne mich oder habe gern, lieb u. s. w. Hiernach sind mit einiger IModification alle 6 Stellen zu verstehen, von 'angehn' ist wol in keiner die Rede, dazu stimmt weder also dat in 4 und 6, noch der Wortlaut der Bibel. Schwanken kann mau in der Wahl des Ausdrucks allein bei 4, wo biblisch nur: gewann sie lieb, he krech Rahel lef, entspricht.

apungeter'j solckenn apenspill anrichten, Zob., doch kaum für solken; Apenrä; ajypelhakesche ; bedeutsamer ist LvSu. 18 de. ene d. h. den ivech arheiden künde, wobei travailler und to travel, Schmeller, 1, 101 zu vergleichen. Aus demselben Ludolf p. 52 enes kindes an arheit gän aufzunehmen hätte zwei Citate aus MSS. entbehrlich gemacht. ardom bei Schlüter W. und art oder ard., Amt sollen wol folgen, doch er- wartet und vermist man hier Arendes hof, Arends oder Arensgulden, arincpenninge, Lüb. Urk. ; arkelei ist aus Dhnrt. zu vervo llständigen, s. Schmeller 1, 106; erker unbelegt, in Mkl. Jahrb. 3, 135; arm

40 A. HOEi^E, ZUM ÄUTTELNIEDEKDEUTSCHEN WÖKTERBUCHE.

und cp. viel zu dürftig, z. B. ea arm des meres Lud. 24, eigentüm- licher im Volksliede en armes lang sprak he eii luort^ was ich mit Ludolf 41, 5 u. dgl. oben erklärt habe; armhant m. und ntr., plm\ arm- hende wie pl. halshende, welche Form oft ohne Grund bezweifelt sehr häufig vorkommt, bedeutet auch 'manipula', der Messe; armpipen im uds. Archiv. arm für orme wie arlef; arhost] arnasch Dhnrt. ; arone und papenpint soll ein Kraut sein, vgl. bei Regel anerone, Diefb. s. v. auronum; aber was ist arschen ahell, dl Zob. 3, 498? Doch nicht amschen? Als pl. von arnt fehlt arnde, arende der B. Bibel. Jenes arntj mit dem das Heft schließt, aus P. Gesch. D. 2, 209. 213, auf dessen Erklärung man gespannt sein darf, wird einfach zu streichen sein, denn es steht wie ich höre in der Hs. wshrscheinlich vorguldet arm. Und so ist wie man weiß allerlei durch Fehler und sonst geworden, z. B. hier aUetliken 56'', Zob. 3, 290 afmaken für afpanden.

Diese Zusätze und Nachträge, ohne Mühe zu vermehren, nach allen Seiten gerichtet, sind absichtlich alle oder zumeist aus einem kleinen Kreise von Quellen gewählt welche die Verf. fast alle kennen und benutzen, aber in ihrem Streben nach Hdschr. und alten Drucken nicht entfernt ausgenutzt haben. Ausnutzen ist freilich schwer, wol unmöglich;, aber hier ist es einer Masse der genannten wichtig- sten Quellen doch zu schlecht gegangen; am übelsten den pommer- schon. Bloß die schöne Barter Bibel, kaum je citiert, die Stralsunder Chroniken, ,Kantzow u. a. bieten noch die Fülle; die Arbeiten von Dähnert, Bohlen, Fabricius, Fock, Kruse u. v. a. sind nicht gebraucht imd nicht genannt. Dasselbe Schicksal haben leicht mehr als hun- dert andere, ältere und neuere Quellen und Hilfsmittel, Sammelwerke und Zeitschriften, Wörterbücher, Ausgaben u. s. w. deren Aufzählung ohne Ende wäre. Namen sind bis auf spärliche Vornamen ganz über- gangen, während Personennamen als Sprachquelle und Ortsnamen in merkwürdigen Formen Berücksichtigung verdient hätten. So kommen auch Fremdwörter etwas kurz weg, obgleich agnus del, antiffen, alle- luja, welche aufgenommen sind, auch avoI ebenso gut fehlen dürften.

Die oft schwierige Bestimmung und Ordnung der Bedeutungen, fehlt auch einiges, ist im Ganzen sehr sorgftiltig. Die Beispiele sind ungleich gewählt, oft ohne Not gehäuft, ohne rechte Rücksicht auf die Formen die vielfach unbelegt bleiben und damit ganz fehlen, wie nicht selten die Nebenformen der Wörter selbst, s. oben. Die Einrich- tung ist verschieden, nach der älteren und auch neueren Form, Ver- weisungen kommen nicht immer zu Hilfe, so kann man lange suchen, z. B. apjoteke, anherch, adder , anharden, ankevader u. v. a. Dagegen

K. BARTSCH, BEB MALER MIT DER SCHÖNEN FRAU. 41

sind ahhessate und amhasiate^ sogar afhernen und afhrennen je zwei Artikel geworden.

Für die w^eitere Erklärung der Wörter, auch nur durch Ver- gleichung des Alten und Neuen, ist offenbar zu wenig getan, vgl. afstroifen, anhesten, anclaw^ anden, andren, anspechtich u. a. oder sie fällt mislich aus, wie bei aldorgen, -achtich, amachtich, äme, das wenn richtig erklärt schwerlich masc. gen. sein würde, andregen, am u. a. Dabei ist ein durchgehender Übelstand die wunderliche Behandlung der Quantität die alte Kürzen hie und da als lang, alte Längen als kurz oder auch gar nicht bezeichnet. So wird S. 67 name = pracda, noinen' gesetzt und ame, angeblich gleich näme, geschrieben, so finden wir älhorn, andei^den, aber wieder ah^e und alre, ungenau antwer, entwer, allos, jarlikes, armtuch u. dgl. für eine sprachwissenschaftliche Arbeit allerdings etw^as auffällig und verwirrend*).

So mein wie ich denke wol begründetes Urteil das ich um so vollständiger und unbefangener gebe, als mir daran gelegen, meine eigenen Arbeiten auf niederdeutschem Gebiete auch vor dem Scheine der Unselbständigkeit und Abhängigkeit zu bewahren. Daß der dar- gebotene Anfang seine Mängel hat, weder fertig noch vollständig ist, ein Fehler dem auch diese erste Nachlese nicht entgangen, das soll meinem Sinne nach keinen Tadel aussprechen, noch Wert und Ver- dienst des Geleisteten herabsetzen. Vielen denen das verwahrloste Niederdeutsche immer noch ein Buch mit sieben Siegeln ist, wird es, eine Quelle reicher Belehrung, schon jetzt die Augen zu öffnen dienen. Schätzte doch der große Meister seine Bedeutung fortwährend zu gering,

weil er es nicht genügend kannte.

August 1872. A. HOEFER.

DER MALER MIT DER SCHÖNEN FRAU.

Die vielbenutzte Heidelberger Sammlung von Erzälilungen und Beispielen, Cod. 341, enthält eine Anzahl von Blättern, deren erste Schrift ausradiert und mit andern Sachen überschrieben ist. Es sind

*) Die abscheuliche, vielleicht zuerst im Reinike aufgebrachte und oft nach- gemachte Weise, Ionen wie komen, dreien, xoorden wie gdn, stä/n zu behandeln, die noch heute nicht ganz verschwunden, sollte doch endlich abgetan sein.

42 K. BARTSCH

dieß die Blätter 89 92 vollständig, und ausserdem von dem voraus- gehenden Blatte 88 die letzte Spalte, so wie ein kleiner Theil der vor- letzten, so wie von dem folgenden Blatte 93 die erste Spalte und sechs Zeilen der zweiten, nur unterscheidet sich das letzte Blatt (93) von den ttbrisfen dadurch, daß hier über den ausradierten Text kein neuer geschrieben ist*). Lesbar, und auch nur zum Theil, ist daher bloß was auf Bl. 93 steht, auf den übrigen Blättern kann man hin und wieder noch die Reimworte erkennen, wenn die darüber geschriebene Zeile kürzer war als die ursprüngliche. Drüber geschrieben sind das Gedicht 'Got ist daz anegenge' (Wilkcn Nr. 40) und der Mönch Felix (Nr. 41). Mit dem ersten Gedichte gleichzeitig begann das erste aus- radierte; es hatte eine rothe Überschrift von zwei Zeilen, wie die übrigen Stücke der Handschrift und reichte bis Bl. 90". Es umfasste 320 Reim- zeilen, wenn auf jeder Zeile immer ein Vers stand. Es war eine Er- zählimg wie man aus dem mehrmals im Reime und am Versanfange vorkommenden sprach und Do sprach ersehen kann. Z. 7. 8 waren die Reimworte an : hau, Z. 9 lovgen, Z. 17 gelouhet. Ich habe bis jetzt nicht zu ermitteln vermocht, welchem Gedichte diese Reimworte an- gehören. Dagegen lässt sich das zweite Gedicht bestimmen. Es begann Bl. 90" und reicht bis Bl. 92^. Es ist Heinrichs von Freiberg Pilger- fahrt des Johann von Michelsperg, welche den Schluß der Hs. bildet (Bl. 373) und nach diesem Texte durch v. d. Hagen (N. Jahrbuch der Berliner Gesellschaft 2, 92 ff.) herausgegeben ist, aber ohne Anfang. Die Überschrift auf den radierten Blättern stimmte, so viel sich er- kennen lässt, mit der der Koloczaer Hs. (a. a. 0. 2, 93) überein. Es ergibt sich, daß vor dem ersten Verse bei v. d. Hagen im Ganzen 10 Reimzeilen fehlen.

Auf Bl. 92*^ beginnt ein drittes ebenfalls ausradiertes Gedicht. Es ist dieß dasselbe, das in der Karlsruher Hs. 481, Bl. 132*^ steht, aber unvollständig abbricht, da Bl. 133 135 ausgerissen sind (Keller, altdeutsche Hss. S. 21 f.). Jener unvollständige Text ist in Kellers alt- deutschen Erzählungen S. 173 176 gedruckt. Die rothe Überschrift der Heidelberger Hs. begann mit Difz^ wie die meisten, und umfasste zwei Zeilen ; die erste schloß, wie es scheint, mit dem Worte molertne. Auf Bl. 92 standen noch die Verse 173, 3 174, 6, mit einigen Ab- weichungen, namentlich 173, 18, welche Zeile nicht so lang wie in der Karlsruher Hs. war, 24 ist das Reimwort geicant (nicht wat), das an-

*) Auch Bl. 246—249*, 15 sind rescribierte Blätter, deren Inhalt ich aber nicht zu enträthseln vermochte.

DER MALEE MIT DER SCHÖNEN FRAU. 43

dere Reimwort ist nicht erkennbar, 174, 1 und statt er, 174, 2 . . munch gewesen icere. Das folgende Blatt ist ausgeschnitten; der Schluß der Erzählung steht auf Bl. 93'—''. Da nun das ausgeschnittene Blatt 160 Verse enthielt, die Karlsruher Hs. aber nach 174, 6, wo Bl. 92"^ abbricht, noch 75 Verse hat, so fehlen zwischen 176, 7, wo die Karls- ruher Hs. abbricht, und dem Wiederanfange der Heidelberger auf Bl. 93' noch 85 Verse. Das ganze Gedicht hatte demnach, da auf Bl. 93 noch 46 Verse stehen, 238 Reimzeilen. Von jenen 46 Versen auf Bl. 93 ist noch folgendes lesbar*).

Do er hin paz

Vnd sprach Vol her waz ist daz Daz an dem cruce fanget?

Der sere belanget (?)

Im ist getan vnrehte

Iz habent gemeistert die knehte.* Gar zornick er do schein.

Nu lag neben im ein stein. Da er daz messer an gestreich.

Hin danne er von dem cruce entweich Vnd begunde vaste wefze?i an.

Er sprach 'ich laz iz so niht stan. Ich muz iz baz sniden zu,

Daz iz mir niht schaden tu An miner meisterscheft'.

Biz er daz beheft.

Der munch sich ab dem cruce swanc^

Mit ?>nelle ... er hin uz spranc Vz der kamer mit unsiten.

Die da stunden vn sniten, Die wunderten sich der mere.

Nach im wischt der meiere Vnd schrei vaste an in

'Habt uf, mir louft min bilde hin, Daz ist mir unversunnen

Von dem kruce entrunnen. Der munch vaste von im prast.

Der wart sines gutes ein gast. Der stete und euch des landes

Vnd ouch sins edelen gewandes Must er alles wesen bar.

Man und wip luffen dar Do der meiere

Klagte sine swere.

*) Ergänzungen bezeichne ich durch Cursiv.

44 R. KÖHLEE, DER MALEK MIT DER SCHÖNEN FRAU.

Wie im daz bilde wer entloufen;

Er wolde iz gerne verkoufen, Der mir iz molite brino-eu wider

Der schimpf wart gemeret sider Daz mau iz ze relite vernam,

Wie daz bilde wer vertan (?) (93^)

Von den sechs Zeilen dieser Spalte sind nur einzelne Buchstaben leserlich. Über den Zusammenhang des Stoffes mit ähnlichen Erzählun- gen lasse ich meinen Freund Reinhold Köhler sprechen, der mich auch zuerst darauf aufmerksam gemacht hat, daß dieß Bruchstück und das Karlsruher zu derselben Erzählung gehören.

K. BARTSCH.

Es liegt der Erzählung ein in Frankreich, Italien und Deutsch- land mehrfach behandelter Stoff zu Grunde. Ich kenne folgende Be- arbeitungen: 1) das Fabliau 'du prestre crucifie' in den Fabliaux et Contes, publies par Barbazan, nouvelle edition par Mdon, III, 14 ff., 2) die 84. Novelle Fr. Sacchetti's; 3) das von Meißner in seiner Quartalschrift 'Für ältere Litteratur und neuere Leetüre' 1783, 1, 77 ff.; aus einer Dresdener und von Keller in den Fastnachtspielen III, 1180 ff. aus einer ^lünchener Handschrift herausgegebene, Rosenblüt zugeschriebene Gedicht; 4) die 20. in der Handschrift selbst die 34. Novelle in Le grand Parangon des Nouvelles nouvelles, compose par Nicolas de Troyes et public d'apres le manuscrit original par E. Mabille,' Paris 1869; 5) die nur in den ersten Ausgaben der Piace- voli Notti des Giovan Francesco Straparola als 4. Favola der 9. Notte sich findende Novelle von Frate Tiberio Palavicino und der Frau des Bildhauers Checino, an deren Stelle seit der Ausgabe von 1557 die Novelle vom Priester Papiro Schizza getreten ist. (Siehe G. Passano I Novellieri italiani in prosa, Milano 1864, S. 410 und J. Brakelmann G. Fr. Straparola, Göttingen 1867, S. 22). Von diesen Erzählungen kann der Hauptinhalt so angegeben werden : der Liebhaber der Frau eines Malers oder Bildhauers, von letzterem bei ersterer überrascht, stellt sich als sei er eins der Crucifixe des Meisters, fällt aber alsbald aus der Rolle und flieht nackt von dannen, als der Meister Anstalt macht, ihn zu castrieren, oder wie das Fabliau und Nicolas von Troyes erzählen ihn wirklich castriert hat.

In den ersten Zeilen des Heidelberger Bruchstücks thut der Maler, als bemerke er bei Betrachtung des Crucifixes mit Unwillen, daß eine gewisse Partie desselben durch Schuld der Knechte zu groß

K. BARTSCH, ALT- UND MITTELHOCHDEUTSCHES AUS ENGELBERG. 45

ausgefallen sei. Ebenso unwillig stellt sich im Fabliau, in dem andern deutschen Gedicht und im Grand Parangon des Nouvelles der Meister, nur nimmt er im Fabliau die Schuld auf sich selbst:

vilainement

Ai en cest ymage mespris,

J'estoie yvres, ce m'est avis,

Quant je ceste chose i lessai. Das Schärfen des Messers an einem Stein wird auch im Fabliau besonders hervorgehoben :

Lors comenga a aguisier

Son coutel ä une grant kex. Zu dem Verse:

'Habt uf, mir louft min bilde hin' vergleiche man im Fabliau die Verse :

Seignor, prenez mon crucefis,

Qui or endroit m'est echapez und in dem Rosenblüt zugeschriebenen Gedicht:

Werft ab prucken und steg, Die götzen laufen mir alsampt weg.

R. KÖHLER.

ALT- UND MITTELHOCHDEUTSCHES AUS

ENGELBERG.

TON

KARL BARTSCH.

Während eines mehrwöchentlichen Aufenthaltes zu Engelberg im August d. J. nahm ich Gelegenheit ^ die dortige Klosterbibliothek zu durchforschen. Von deutschen Sachen aus derselben war nur das wenige bekannt, was Graff im zweiten und dritten Bande seiner Diutisca mit- getheilt hatte. Die große Gefälligkeit des Herrn Subpriors P. Odermatt ermöglichte mir die Handschriften der Reihe nach durchzusehen und die mir wichtig erscheinenden auf seinem Zimmer in Muße zu be- nutzen. Ich theile im Nachfolgenden die Resultate meiner Nachfor- schungen mit.

I. Lateinisch-althochdeutscher vSegen.

Auf dem Vorsetzblatte der Handschrift 3/2, welche S. Bernhardi Sermones (XH. Jahrhundert) enthält, findet sich folgender Segen:

46 K. BARTSCH

In nomine domini nostri iliesu christi. Tres augeli ambulaverunt in monte Synay. Quibus obviavit Nessia, Nagedo, Stechedo, Troppho, Crampho, Gigihte^ Paralisis. Ad quos angeli dixerunt 'Quo itis?' Qui dixerunt *Nos imiis ad famulum dei .N. caput eins vexare, venas eins enervare, medullam evacuare, ossa eins contcrere, et totam compaginem membrorum eins dissolvere.' Quibus augeli iterum dixerunt 'Adjuraraus te, Nessia, Nagedo, Stechedo, Troppho, Cramphoj, Gigihte, Paralisis, per patrem et tilium et s. s., per sanctam Mariam virginem et matrem do- mini, per aposlolos, per martires, per confessores, per virgi (1. vir- gines), per omnes sanctos et electos dei, ut nou noceatis huic famulo dei .N. non*) in capite, non in venis, non in medullis, non in ossibus suis, nee in aliqua parte corporis sui. Amen.

Eine Beschwörung gegen nesso in altsäcbsischer und althochdeut- scher Fassung ist bekannt (Müllenhoff und Scherer Nr. IV. 5), nicht so gegen die andern hier aufgeführten Krankheiten. In dem von Mone citierten Segenspruche (Anzeiger 1837, Sp. 4G3) werden wie hier mit dem nösch oder nöschtropf zusammengestellt der stech, der krainpf, und das geicht (gegi'cht). Vgl. Denkmäler S. 26S. Die Zusammensetzung nöschtropf entspricht im zweiten Theile dem Troppho des Engelberger Segens. Auffallend ist neben die deutschen Namen noch Paralisis ge- stellt zu sehen, welches sonst mit gegihte wiedergegeben wird (GrafF IV, 142j; wahrscheinlich ist es aus einer Glosse in den Text gerathen.

IL Althochdeutsche Glossen zur Bibel.

Die althochdeutschen Bibelglossen der Handschrift 4/11 sind von Graff in der Diutisca 3, 422 432 herausgegeben. Eine CoUation ergab folgende Berichtigungen und Nachträge**).

422, 4 (des ahd. Textes) nach armboga ist ausgelassen collide- bantur spurnten. 6 1. vzsvemmen. 9 1. pinezahaj; dann: sabulo sanda, und dann erst muciet. 14 nach phellola: purpura purpur- phellola. 15 nach chrowila: cydarl hout.

423, 12 papularum ancheveza. 14 holother. 20 ptoumata. 31 pipsprachant (sie!).

424, 9 procrepruisset (sie!) mari wurda. 16 coccum bistinctum zwir gizato phellol. 21 asterlinga (sie!). capscellam. 22 vor panificas: tinctorias zuuari. 29 perendie ubergene (so statt uber- morgene).

*) n, ebenso im folgenden, aber zuletzt nee. **) Ich habe auch die Schreibfehler der Hs. mit aufgeführt, weil einem Heraus- geber ahd. Denkmäler nicht zukommt, dieselben stillschweigend zu bessern.

ALT- UND MITTELHOCHDEUTSCHES AUS ENGELBERG. 47

425, 8 sufmosili. 11 gratuita firegebin. 16 suriscorrenta (sie!), anaglifa manliba. 18 widergichramstes. 21 denotatio scelta. 22 pincernas scechun. 23 widi statt wildi. 24. 25 die Glosseu iuniperum undar atiunculas in umgekehrter Ordnung. 25 spureha. deinesteman. 31 gebab (statt gebal). 33 lauantarii lauantarares.

426, 2 inextricabiles. 7 staurario. 9 isinliata (statt isin- halta); dann: pensationes cinsa. Nach 10 gizinsta sind mehrere Glossen auf Bl. 30'' ausgefallen:

unus samiwelcher.

exaltais gihohent.

inscriptio capitan.

scribendi capitalunga.

titulus capitailan. und dann auf inscribuntur capitulantur folgt unmittelbar 'Psalterium' etc. (= 426, 11).

426, 12 kizolo. 15 gizinga. 17 cisaminachufta. afhei. 20 hanzan. 22 cheistigastafFen als ein Wort. 23 calcanei. 26 emigrabit. 30 trophizuga. - 32 irouindunga.

427, 16 stanph. 24 pruniie. 28 nach Ion: sustentationes giduldi. 32 crime kann auch crune, crime, erune gelesen werden.

428, 1 sanguinare. 5 sararahi. grezin. 8 riusa. 15 uber- morne in Einern Wort. - menbranum uel (nach howisil) 34 ir- minsua.

429, 5 gilusti. nach luba steht (ausgewischt) vel lughvs. 16 nach gauascoten folgt: cataplasma dicitur quod sola inductio sit, über inductio steht: marent, oder inarent. 30 tuuichuga.

430, 10 wisantam. 14 ferescaz. Die nächste Glosse ist: ederam ebue. 18 leunchuliu. 21 nach firgittogot folgt: nent spinnent. nummularius. 30 giuorbtelarer.

431, 10 mistoge. 11 zitigen. 13 unzigachlichan. 18 chorn- enter. 23 orchacho. 30 werhmiester. 34 anbreui in Einern Worte.

III. Althochdeutsches Wörterbuch.

In derselben Handschrift, welche die Bibelglossen enthält, be- findet sich ein von Graff übersehenes Glossar (Bl. 68'' 77*^), in welchem hebräische^ griechische und lateinische Worte durch lateinische, mit- unter aber auch durch deutsche erklärt werden. Das Glossar umfasst nur die Buchstaben A C. Ich verzeichne nur die deutschen Glossen.

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48

K. BAKTSCH

69' 70^

70*^

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fascia

11'

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72"

73" 73''

aualoirium. lectoriuni. lectar. autidotum. contra datiim.

ti'aiich. ala. ascella. ouchsa. ansa. hanthaba. vel liasta. ariila. nas prunarum. i. glout-

plianna. alictuni. auis erincjriez. attacus hehera. t. vel ut qui-

dam humbel. areola. loctulus in horto, über letzterem Worte: i. bente. alx. sreniis bestie. i. aquamaiiile. hantcar. andela. ])rantreita. ariola. lioiiba. amiculum. peplum.

pectoralis. hobettoch. acer lierba c.-undereba vel ar-

bor mazziltra. anetum. tille. apiiim. ephe. ascolium (sie!) ascloh. ano^uilla. aal. piscis. alapa. orslac.

aurugo. species coloris. i. ge-

liwi.

aulicus. houelinc vel houetrut.

ainasius amori electus; dann

(ausgetilgt) blido (?)

ancomiscos. incastratura i.

nout. aspisdiscos uucinus. i. craplio. acunei. uintune. axidonum. sessorium. i. stnol. anus. uetula. uel alibi ars. ascia dehsela uel parta. auca. uel anser. gans. aneta. anit. auis aquatica. ammf-ntum ligantiura inmes-

sili. auena. wiltbabero. aruina pinguedo uel unslit. allieeo. inuito. spano. assentier, adulor. slihtelon.

amus. i. anfiel.

berith. quedarn herba. lauan-

dis

73'

73'^

74'

'4'^

74c

.i'i

74

r.y'

7ry 7ry

75'* 76"

76^^

birsa. pellis. i. liut. bothonia. urna. i. eimer. botholicula. stouf. t. balasium. iniacco. i. bilide. bootes. bubulcus. ohsinare. bucertys. bubalus. i. wisant. bubalus. wisant. carnibus mag-

nis bovi similis. bubo. auis nocturna, i. liuo. braca. femorale, i. broch. bulla. sperula aurea. i. rincb. balista. sagitta uel genus ia-

culi. i. federari. balleua. species piscis i. wa-

lira. bastaban. t. bremo. bitumeu. gluten terre. i. erd-

lim. buculare. labium. i. labil, bracile. broche. bipennis. barta uel pial bis

acuta, botrus. wintrubo. butirum. liancho. battudo. slegileimo. bassis. quicquid fundamento superponitur. i. staffil. balbutius. t. balpzonte. bombix gotweppe wrm. basterna species uehiculi. i.

sanibucli. balbus. t. nesilenter. bulla. platera. blesus. t. lisbenter. cidarini. mitra uol pclleus. i.

hotili. cataplasnio. t. gafascon. cyclade gotweppe. t. cenccephalus. huntlioboto. t. cardiacus. lierzesubtiger. cl)illoii. laliion (?). caprea. siluatica. i. steingez, capra domestica. i. geiz, castor. i. biber. cücubus, loriclji. capreolus vel cambolus. rech, ceculus cecus anffuis. blinde-

slich

0.

ALT- UND MITTELHOCHDEUTSCHES AUS ENGELBERG.

49

capedo. species piscis. i. alant. 16^ conca vel concula. rauscula

vel labcl.

Cancer cbrebiz.

capus falcho.

cuculus. t. gocli.

caradrion. lericha.

cornix. chra.

carduellus. distiliinclio.

coturnix. perdix. rebhon.

cautio. scribgezuch.

cauterium vel cauteriolum. t.

cantare.

caluitium. chalwa. 77" ceruix vel Collum, i. hals.

colapbus. lialslag.

cartilago. molle os i. chro-

stilla.

care vel clunes. t. diech vel

o'osse.

" o

cerebella. hirnereba. steffal.

tenar. calx vel calcaueum. t. l'er-

senna. crus vel tibia. t. scincha. cliens vel clientulus guoz vel

servitor.

Diese Glossen stimmen im Wesentlichen mit den Florentiner

Glossen, welche E. Steinmeyer in der Zeitschrift für deutsches Alter-

thum 15, 332 ff. herausgegeben hat; nur ist die Florentiner Sammlung

viel reichhaltiger, ihr fehlen nur wenige Glossen der Engelbergcr Hs.,

während diese, so weit sie reicht (bis 214 St.) eine viel geringere Zahl

umfasst.

IV. Sequenz von Muri.

Diese zuerst von Graff in der Diutisca 2, 294 ff., zuletzt von Müllenhoff und Scherer Nr. XLII herausgegebene Sequenz befand sich, wie schon Graff angibt, auch in einer Engelberger Handschrift. Der im vorigen Jahrhundert verfasste Handschriftencatalog gibt eine Ab- schrift, welche bis Z. 38 reicht. Ein zweiter Catalog, auf welchen mich P. Odermatt aufmerksam machte, führt die Abschrift etwas weiter, nämhch bis Z. 50, ist also älter als der andere. Wiewohl der Text Lachmanns auf Benutzung der Engelberger Abschrift beruht (Denk- mäler S. 394), scheint es mir doch nicht überflüssig, dieselbe nach beiden Catalogen mitzutheilen.

GEEMANIA. Neue Reihe VI. (XVm.) Jahrg. 4

77'' coclea turris in qua per cir-

cuitum ascenditur. i. wendil-

stein.

cripta. i. churt.

cenieutum phlaster.

calx. chalh.

cementarius, murarc.

curia dinclius vel sprachus.

curialis. esago.

calips. stal.

cauterium. ferrum quo anima- lia uruntur. i. bolz.

clauus tunirnagil uel zwech.

clauis sluzil.

creagra. chrewil.

circinus. rizza.

circulus vel ciclus. i. rink.

carra vel carruca vel carpen-

tum wagant.

carpentarius wagenare.

cenaculum. muosgade. 77" cartallum. canistrum. i. cratto. 77'^ cratera. naph.

coclear. leffil.

cantarus naph vel kanneta.

50 K. BARTSCH

*) ein Hecht der christinheit^) maria aller magede ein lucerna

frowe dich gottes cella beslozenü porta. do du den gebere der

dich und al de weit gescof sich wie reine ein vaz tu maget

du wäre.

Send-) in mine sinne des himels chüniginne geware red soze

daz ich den vater und den sün und den vil heren geist geloben

moze.

lemer maget an^) ende*) muoter ane missewende ^) frowa du

hast uersonet daz eue zerstörte du got aberhorte.

hilf mir frowa here. tröste uns armen dür die*^) ere wan dich got uor allen wiben ze moter erdachte als dir gabriel brachte.

Do du in ueiTieme wie du von erst ercheme din uil reinü shame

irschrach ') uon disen meren wie maget ane man iemir chint

gebare.

An dir ist wündir moter und maget. dar ünder ^) dir die helle

brach der lach ^) in dime ^^) libe dune wird dar ümbe nie ze

wibe.

Du bist alleine der seiden porte ioch wird ^^) du swanger von

Worte ^^) dir cham ein chint frowe dür din ore des Christinen ^^)

iudin'*) und die heidin^^) sint und des genad ie was endlos^®)

daz chint dich ime ze moter erchos ^^).

Din wirdigcheit die ist nit chleine frouwe du vil reine daz lebend brot daz wäre christ selbe der sinin mund ze dinin bru- stin bot '«).

La mich geniezin swenne ich dich nemme wan ich maria frouwe daz gelobe und daz erchenne.

V. Mariengedicht.

In der Handschrift 4/23 (pcrg. 4. 12. Jahrh.) steht auf Bl. 12^ das folgende Gedicht, von einer jüngeren Hand des 13. Jahi'hunderts geschrieben. Ich gebe es unverändert in seiner wunderlichen Ortho- graphie, nur mit Absetzung der Verse, die in der Handschrift fort- laufend wie Prosa, auch ohne Punkte dazwischen, geschrieben sind.

*) Der Anfangsvers fehlt.

') Christenheit h (der jüngere Catalog). ^) Wahrscheinlich hatte die Hs. send' d. i. Sende, und ebenso gleich nachher red' = rede. ^) ane a. *) end h. ') missewend h. ^) din h. ') irsrach h, *) der dar under a. ^) lac b.

") dinem a. ") wirst a. '^j wortin h. *^) christenin «, **) inden h,

'') hedin h, *«) Hie) mit uhließt h. '') Z. 39 fehli. '*) Z. 46— 48 /e/tZ^.

ALT- UND MITTELHOCHDEUTSCHES AUS ENGELBERG. 51

Wrowi die maria got mag durch den vil frodinrieh moth

den dir der werde engil brathi

dv din zi motir gydathi 5 got linde menchi ward von dir

dur minne an sunde gar.

Wrodic mothir rein, die das chinth

an lanchithe, des du richi sint,

das sich dur menchihchi noh 10 gegin din brustilin both,

das dinner milchi sich bigien

unde dich mit armen umbe fieg.

Wro dich strot der welthe ubir al,

der gynrut also with ir zsal, 15 das och du wildi hedinscath

uz santhe ir chungelichi craft^

du dir brathi rilichin solt,

mit mirren wiroch unde golt.

fro dich vil liether sunnun zint, 20 der Crist an der urstendi sin

vil frolichi gotdin morgin both

unde sich dich nac der martir tot

liez in glanzir wisi sechen:

also mosi, frowe, och mir gischechin. 25 frowi dich die got gy hotih nih hat

da imme chen engel nahir stat,

alsi er dir, Aaron gerthi,

gihez an sinir ufverthi.

frowi, dur disi wrodi din 30 binin mir alle svere min

imde la mich dir bivolchin sin.

binin mir alli min sere,

mag edele unde heri,

imde hete du ich zinath unzi zi tage 35 an libi un gymothe dragi.

gnade, frowe, mir unde in

den ich gibetthis zuldich bin.

dele in din sele mith

allen den für die ich bithi so] 40 unde sende her zitalli

den landin uib al

das ich dir die wili ich lebe

ginade sege unde ere gebi.

1^1. maget guot. 6 I. äne sünde gir. 8 an lachete? 9 1. not.

13 1. trost. 14 gynrut, undeutlich; gybrut? 15 es steht fraft, darüber c.

19 1. schin. 24 1. gischehin. 25 1. gihohit hat. 26 1. daz imechein.

33 1. magt. 34 1. [unde hete] die ich zi naht und zi tage. 38 1. selde. 39 sol zu streichen. 41 1. in den. 1. über al.

52 K- BARTSCH

Es scheinen sechszcilige Strophen beabsichtigt zu sein, wie der gleiche Anfang bei V. 1 7. 13. 19. 25 und die großen Buchstaben bei V. 7. 13 vermutheu Lassen.

VI. Segen gegen Colik.

Ich beschwer dich, bernmuoter,

bi dem vil hailigen bluote,

bi dem vil hailigen taff

und bi dem vil hailigen grab

und bi den hailigen gotten stunden

und bi den hailigen fünf wnden

und bi den hailigen dri naglen

die unserm herren ihesu crist durch sin hende und

durch sin fuess wrden gesclagen, daz du dich nider legest und dich niena *) regest; und regest du dich me dz du disem menschen. N duost we, dodest du sinen Hb, sam mir der vil hailig tag, man lait lich bedi in ain grab, in gottes namen. amen.

Hs. 5/34, auf BI. 53 von einer Hand des vierzehnten Jahrhunderts. hernmuofer ist Colik; vgl. Konrad von Megenberg S. 578.

VII. Geistliche Lieder und Hymnen.

Die Handschrift 4/25 (4. Papier), im Jahre 1372 von den fratres Walther und Johannes Grebler und Walther Stouflfacher geschrieben (BI. 75), enthält zum größten Theile lateinische Hymnen mit Musik- noten, aber auch mehrere deutsche geistliche Lieder, worunter einige unbekannte. Zunächst BI. 4 (alter Zählung, BI. 1 3 fehlen)

Ein liet uff des monschen hinvart, mit Musiknoten.

(1*) Wol uf der von! die zit ist hie, der herre der wil rechnung han umb alles dz er dir beuolhen hat. Het ich dem wol gedienot ie, 5 so stunde ich frolich uflF der ban:

sus furcht ich leider dz mir schach un mat Gesprochen werd umb grosse hab, die ich nit Trider rechnen kan. er welle mirs den lassen ab , 10 80 bin ich iecz ein vellig man:

*) niema. 4 deo.

ALT- UND MITTELHOCHDEUTSCHES AUS ENGELliERG. 53

die urteil gib ich selber dar.

hilf, Maria, die got gebar. (2*) Ich ruef dich an, wand es tut not,

ich mag gewichen niemand me. 15 genade vol, erzog an mir din kraft.

Ich leben noch und bin och tot :

süss ist mir beide wol und we,

wenn ich gedenk an die giselleschaft

Die do ze himelriche lebt 20 in ganzen fruden eweklich,

und ich da wider han gestrebt

und ir nit volgt, dz rüwet mich,

und wolte dz es anders wer.

bitt für mich, magt, den du geben 25 (3*) Die zit die hat verlouffen sich

und alle minen jungen tag,

darinne ich solte got gedieuet han.

Ach herre, erbarm dich über mich,

wond ichs nit widerbringen mag: 30 vast zittrend muos ich vor gerichte stan.

Nu list man, herre, von dir dz

wie dz du solt gesprochen han :

wen hie dem sünder wirdet nass

sin oug, du wellest in nüt lan, 35 und er ersüfczet umb sin schult,

da mit erwerb er wol din huld. (4*) So bitt ich, süsser ihc, dich,

sun des lebenden gottes, Crist,

verlieh mir rüw und bicht vor mine end, 40 Und du des, herre, gewerest mich,

wond du sin wol gewaltig bist,

ze spise mir din fronlichamen send,

Und ouch ze trank din heilig bluot:

so bin ich werlich wol bewart 45 und ist sei unde lib behuot,

gerichtet uf die rechten vart,

und mag kein sach geschaden mir.

xpc, min geist beuil ich dir, (5*) Als du tet dinö vatter zart, 50 da du hiengt an des crüzes stam,

gar ungetrost von al der weite schar.

m* recht eilend^ sterben wart,

den du tet, Crist, gutlicher nam,

zder rechten band des Schachers nempt du war, 55 Dz machet sin bekennen groß,

dz er hat umb die schulde sin:

15 gnade. 29 mag fehlt.

54

K. BARTSCH

da von do wart er fri und loß

und lidig von der helle pin.

darzuo lud inn in süser wis 60 mit dir hin in das paradis. (6') Ob nit mis rüwen ist genuog

umb all die schulde die ich han

uff mich geladen ietz gar langi zit,

Doch hat din liden all unfuog 65 gewegen nider sunder wan:

in dim verdienen unser selde lit.

Ein trophli het gemachet los

vil me den hundert tusent schar,

dz von dim zarten libe flos: 70 nu wollest dus vergiessen gar.

da von so bin ich unverzagt.

bis min geuert, Maria magt. (7') Ein scheiden hie geschehen wil

bedi an sei und och an lip 75 von eine , der ist üch gar wol erkand.

Nieman kan werben fürbas zil,

dz hörend beidi man und wib:

such den biderben, so ist er genand.

Got hab die sei in siner huot 80 und ouch die liebe muoter sin,

und dz hie werd ein ende guot,

des hilf, Maria künegin.

nu suoch ich den biderben recht,

den herren selb und nit den knecht. 85(8*) Sid ich dich, herre, gesuochet han,

vatter, sun, geist, ein warer got,

so hilf mir ouch dz ich bi dir belib.

Niemande anders ich mich gan ,

du fuer mich in des himels rott, 90 von miner sei all mine viend trib.

Sid du gebenediget bist

in diner hohen maiestat , (5) vatter und geist, sun ihs crist,

ein wesen in der trinitat, 95 la mich von dir nit durch die magt,

die dir ze muoter wol behagt. (9') Das userweite reine vas

man ich mit fliss und och mit ernst,

so min Vernunft best kan geraten mir, 100 Und och den schätz der dar inn waß,

got vatter ert si aller gemst

und ouch der heilig geist mit stetter gir.

62 schuld, 63 mich fehlt. 68 tuseng.

ALT- UND MITTELHOCHDEUTSCHES AUS ENGELBERG. 55

Du las mich armen si'mder nicht durch diner höchsten namen dri. 105 ab mir uf erden hie du rieht, so stau ich vor gerichte fri. ich gloub, din liden für all schuld mir hab erworben ewig huld.

Bl. 5*. Ein lied von unser frouwen, die erste Stroplie mit Musik- noten : 'Herz un sinne raiige dicli , dasselbe dreistrophige Lied, welches in der Kolmarer Hs. unter Meister Meffrides Namen steht (m. Meister- lieder S. 550 f.). Der Engelberger Text hat folgende Varianten. 2 min- nenklich. 3 die userweiten. 5 Ir lob ist alles lobs ein tach. 6 ir lob kein munt nie vol gesprach. 7 und wirt ouch niemer me v. 9 leygen phaffen. 10 dar ob ir lob hoch in den lüften. 11 könd sie noch vol- loben. 12 ob. 13 der froide fruchteberendes ris das uns genade br. 16 an dir. 17 üz] der. 18 Magt hochgeloptes. 19 von yesse ein brunn maria meit. 21 [magt] der Hechte 1. 22. 23 mit 24 -26 ver- tauscht, aber durch a und b an richtige Stelle verwiesen. 23 Maria din lob kein zung nit mag volsprechen. 25 Magt hochgeloptes. 26 dri- ualt. 27 das ris was gar driualteklich und wolt. üf fehlt. 27 30 und 31 34 vertauscht. 27 wart. 29 magt] du. Statt edel steht ccol. 31 lopt dich magt der. 32 din minne schuof. 33 driualteklich uf reine vart. 34 zuo dir in warer. 35 Du werd ie gottes höchste arch. 36 got] er. 37 du nu tochter und muoter. 38 uns den waren Crist. 39 das er uns tüg genaden schin dz wir von sünden keren.

Bl. 6^ In die parasceue super Rex christe factor omnium. Von diesem Hymnus (Wackernagel, Kirchenlied 1, 74) gibt es eine freie Verdeutschung des Mönchs von Salzburg (Wackernagel 2, 455). Das hier folgende Lied ist von jener ganz unabhängig und nicht sowohl eine Übersetung als freie Dichtung mit Benutzung einiger Gedanken des Originals.

Ach got und herrd i^ crist, durch lins din hertz verseret ist. von angst von sinem Übe floss bluotvar der sweis mit trophen gross. 5 Sin gütlich Hb geuangen wart, gebunden und geschlagen hart, verschulten und verspuwen ser wart er von dem judenschen her. Si schlugen in mit geislen gross, 10 dz bluot von mengen wunden floss.

108 huld] rieh etc.

56 K. BARTSCH

sin zartes houbt gedruket wart mit einer krön von dornen hart.

Owe dz crütz er selber truog, dar an man in mit naglen schlug, 15 durch hend durch fiiss sin zarten lip, des weinent hüt man unde wib.

Owe der engstelichen not , do er ruoft hely, do wz er tot. longinus in sin siten stach , 20 dar us floss bluot recht als der bach.

Nu vallend nider uf viuri knü und bettend pater noster drü und bittend got durch sinen tod das er lins helf uss aller not.

Bl. 7 fehlt; Bl. 8 beginnt mitten in der Sequenz des Mönchs von Salzburg 'Ich grüess dich gerne meres steme lucerne aller cristenheit, welcher Anfang auf 8'" am obern Rande steht. Es fehlen 1 3, 11 des Textes von Wackeraagel (Kirchenlied 2, 448 f.), der Text beginnt mit von himel fuort in triiwen den alten und den niiwen. Folgendes sind die Abweichungen von dem Texte der Nürnberger Handschrift (Er- lösung S. 293—296), mit welchem dieser Engelberger am meisten stimmt. 30 aller] der. 31 der siechen stab her moab. 36 der L 37 der alte man. 39 der fehlt, wie auch in N. 45 din reinü. 50 die kle. 53 boschs der gruene. 55 in] nach. 56 wert statt ver- richte. 57 lins des himelbrotes iemer me. 58 wnnen. 59 brunnen. 64 gift, und so auch wohl N. 67 nahe. 68 das wir wirdenklichen crist. 71 b. und beschücht nahe (reine fehlt wie in N.). 72. 73 Hör lins wol frouwe gnaden vol. 74 dir nicht verziehen sol. 77 du verlihe. 79 brunnen. 82 din gotlich w. 83 wel dir. 88 den fehlt. Beide Handschriften stammen offenbar aus derselben Quelle; da nun die Engelberger aus dem Jahre 1372, also älter als eine der übrigen ist (Wackernagel 2, 409), so wird man kaum die Nürnberger Redaction, wie Wackernagel (2, 449) that, als eine sehr entstellte Überlieferung bezeichnen dürfen. Wichtig ist die Datierung der Hs. für die Lebens- zeit des Mönchs von Salzburg. Man setzt ihn an den Schluß des 14. Jahrhunderts; ist die Übersetzung des Ave Maria und die gleich folgenden des Ut queant laxis und Fange lingua von ihm, dann wer- den wir ihn bis 1360 hinaufrücken dürfen.

Nach dem bekannten lateinischen 'Dictamen de prespiteris' 'Multi sunt prespiteri qui ignorant quare folgt Bl. 10* *üt queant laxis verbo

20 rech. 21 I. iuriu.

ALT- UND MITTELHOCHDEUTSCHES AUS ENGELBERG. 57

et melodia' in deutscher Übersetzung des Mönchs von Salzburg (Wacker- nagel 2, 426) mit folgenden Abweichungen. 1, 1. 2 klimme stimme.

3 zu klenke. 4 din wunder. 6 gnade. 2, 1 fründbott. 5 nam amptn*" leben. 7 dem. 3, 2 was der zwiuelere. 3 er bald. 5 sine gebürte. 6 nwr] im. 4, 1 amme. 2 wamrae. 7 da offen wrden.

6, 1 In jungen. 2 erkoren. 3 fliehend die gmeine. 6 icht kein leit an handel. 7 nienter. 6, 2 kemh. 4 huff. 7, 2 nwr] vor. 3 verre.

4 herre. 5 du zeigst. 8, 1 als der weide. 2 wart nie. 3 heiligers.

5 der den da louffet. 9, 2 niener. 3 unwissend. 4 schäm. 10, 1 Drig- ualtig. 7 prisent. 11 , 2 wie so fiirste. 3 weichst. 4 siinde.

6 vinstre] unser. 12, 2 heiler. 5 bis. 13^ 1 got den grisen. 2 lob dem sune wisen. 4 lobe. 5 blib eine. 6 gedriten.

Auch dieser Text enthält manche bessere Lesart als der bei Wackernagel, namentlich auch eine reinere Orthographie. Daß die österreichische Mundart freilich auch die Vorlage der Engelberger Hs. hatte, beweist der Schreibfehler dem (V. 2, 7) für dein.

Bl. 10^ Fange lingua per omnia verbo et melodia, ebenfalls vom Mönch von Salzburg (Wackernagel 2, 433) mit folgenden Varianten. 1, 1 zune: des eren. 2 licham. 3 und des bluotes kostberlichen.

5 dins libes. 2, 2 wandeis. 3 in der weit giwandlet. 4 sam sins libes fr. 3, 1 dem lösten. 4 was von dem gesetzte was. 5 spist die zwelfen. 6 mass. 4, 1 Wart ein fleisch ein luters brote. 2 da zuo fleisch mit wort er macht. 3 bluotes rote. 4 zwifels kraft. 5 drate.

6 genueg fehlt, sacht. 5, 2 wirdig wir diemueteklich. 3 wiss und 1er behendet. 4 nüwe sitte schon. 5 auch fehlt. 6, 2 sey fehlt. 3—6 d^ar zuo wirt kraft und heil gesworen. si und riches lobes dus. dem geist von den zwein erkoren, stett geliches lob alsuss.

Der Text stimmt am meisten mit D^ welche Hs. Wackernagel ungebührlich vernachlässigt hat. Die Lesarten des Engelberger Textes verdienen meist Beachtung.

Bl. IV. In der langen wis frouwenlobs als adam den ersten man den. Ein lied von priester wirdikeid. 'So wol dir priester hoch gelopter gottes knecht' fünf Strophen, von denen die ersten beiden und die letzte mit Kolm. Meisterl. X übereinstimmen. Die Strophe, auf welche die Überschrift anspielt, beginnt Adam den ersten menschen den betreue ein wip (EttmüUer S. 102; Hagen 3, 355"; Kolmarer Hs. 95^). Die Abweichungen jener drei Strophen sind folgende. 3 ze] uf. 4 Untugend. 5 hochgeerter. 7 Du bringest in mit werten her des muos ich. 9 got selbe in dinen henden. 11 der für uns an dem crüze hieng menschlich. 12 des wol in wart wer got us. 13 rüwe. 14 er

58 K- BARTSCH

fehlt, bicht nach sines. 15 dem. 16 rilichü. 17 die frod die. 19 wand wiss dz got sin reines bluot. dur dich. 20 AVel priester teglich misset den got alhie. 21 den got der ie. 22 mit trüwen uns. 23 so fehlt. 24 des höchsten gotz priesterlicher hört an im. 25 dz den sin munt hie twinget. 26 Vor ougen messig Sprüchen. 27 da sich die dry. 28 driet. 29 ir einer wart gebiet. 30 ir lust hat getan, das si gelobet, das gebenediet. 31 wenn got allhie al us dem tron in priesters hend sich bringet. 32—38 Allfür in in ein teglich brot. der sich fiir unser schulde bot. in soliche not. sin bluot so rot. verseret wart wir waren tod. er bsorget uns fruo und spat, gottes raarter und sin bitter tod band uns die not beringet. 39 du solt über alle. 41 argi' gesiebt. 42 dz sich kein valsch. 43 kom in dis herzen gir gedenk dz dich gotz. 44 vor alle, vestekliche. 48 sunder arge. 49 dienst erscheine. 50 din tag din zit und dine. 51 hend die sen dir sin. 52 vor valche griffen gar unfruot. 55 got selber und sin reines. 56 got aller gut ein. 57 geleitet sin zuo.

Die dritte und vierte Strophe lauten:

Wie vil ein arger priester siind hat getan ,

si muos in lan

wenn er sich gegerwet

und also schon geserwet:

so stat er luter als ein glancz als einer der geverwet

von keinen dingen nie nüt wart: dz merke wer es künne.

Wenn er an sich geleit den edlen klaren schilt,

uf sich gespilt,

der kunt von edlen bliken,

so kan sich wol in striken

got in ein lebendiges brot umb unser heil zu schiken :

so dient im zuo der selben stund der höchsten engel wuune.

Priester, du solt in tugenden leben,

das dinem schopfer kome eben,

der mönschlich leben

(dir) hat gegeben.

dur dich wolt er in tode streben,

das er dich brecht im glich eneben;

und tuost du das, so bist du gar alr tugende gar ein brunne.

4* Wer priester eret und ouch reini werde wib, des muot, des lib nach hohen eren wirbet. ob im der lib erstirbet,

ich weis das siner seiden hört vor gotte nit verdirbet. nu wissent das in beiden hat got lobes vil gemessen. Ir reinen frouwen, dur die magt die got gebar, ir nement war

ALT- UND MITTELHOCHDEUTSCHES AUS ENGELBEHG.

59

WZ üwer leben swende.

den priester tuo nit sehende,

sid dz sich linser höchster trost git in eins priester hende.

einiger nam , du solt dich ir lobes nit vergessen.

Der reinen priestern tugenden zil

ich niemer tag verswigen wil,

wan gottes spil

lit an in vil,

der frouwen lob ich nit verhil.

er ist ein diep wer eim da stil.

die zwei die band mit iro zucht den höchsten pris besessen.

Nacli diesem begegnet ein deutsches Lied erst wieder auf Bl. 89* Sicut letabundus verbo et melodia (mit Noten durchgängig). Es ist eine Übersetzung der bekannten Sequenz des h. Beruhard 'Laetabun- dus exultet fidelis chorus alleluia', verschieden von der einzigen bisher bekannten Verdeutschung Heinrichs von Laufenberg (Wackernagel 2, 586) und älter als diese, auch in der Form gewandter*).

Vrot lieh alle geloubigii lüte mit schalle lobeliche. Ein magt renn 5 birt künig aller künig einii wnderlichen.

Boten der ze rate wirt aller weld si kiischü birt, Sterne smineu. 10 Sunn an allen nidergank, Sternen lachtet ane wank wol mit wnnen.

Als der sterne birt den schin , also birt ein kindelin 15 magt mit eren.

Noch den sternen mag sin schin noch die magt ir kindelin mag fürseren.

Der cederboun uf Libano 20 wirt gelich dem ysopo

uf unser erde.

Des höchsten wort an sich genomen hat litklich fleisch , dar in er komen ist nach werde.

25 Esayas hat geseit,

das weis wol du iudensheit,

doch si in ir blindenkeit

noch belibet.

Ob si geloubt ir buochen nicht, 30 gloubt an heidenschu gedieht,

wie du wisii sibille gicht,

dii so schribet.

Armer Jude, fürder dich, du verdirbest sicherlich , 35 gloub dien alten prophecien. Sich das kind an mit gir, de du Schrift zeiget dir: das ist geborn uns von Marien.

*) Über lateinische und romanische Nachahmungen dieser Sequenz vgl. meine lateinischen Sequenzen S. 223 ff.

4 1. reinü. 7 1. ze rate. 11 1. liichtent. 26 1. judescheit. 27 1. blinde- keit. 30 1. gloub.

60 K. BARTSCH

Zunächst folgt auf Bl. 131 Surrexit cristus hodie mit einer deut- schen Übersetzung von jüngerer Hand (des 15. Jahrhunderts), zwischen den lateinischen Text geschrieben. Die Übersetzung weicht von den sonst bekannten (bei Wackernagel 2, 733 735) ab und ist älter als sie.

Erstanden ist der heiig Crist, der aller weit ein luser ist.

Er hat erlitten grosse not

um uns und ouch den bittern dot.

5 Es kamen drje frouwen gan, die woltent Crist gisalbet hau.

Ein engel sachens, der was wis, der kunt in frod mit ganczem flis.

Ir frouwen , ir sönd balde gan 10 gein Galile an allen wan.

Den jungren kundent uf diser frist: erstanden ist der heiig Crist.

An disem österlichem tag

ein ieklich mensch got loben mach.

Die, letzte Zeile ist durchstrichen und dafür geschrieben : den got nieman voUoben mag.

Bl. 172'' steht folgendes dreistrophige Gedicht, das mir aus anderen Handschriften nicht bekannt ist.

Uff gottes brüst ein adeler entschlieff, der wart verzuket,

uf swang er in des himels tron, engelschen don hört er mit lobes wnne. 5 In richer kust sach er ein wib, der lob nie wart verdruket,

ob allen frouwen us gezelt, von got erweit, bekleit hat si der sunne, Mit zwelf Sternen durlüchtet gar 10 ir houbet was gezieret,

ir sei, ir lib, ir muot was klar

mit küscheit durehflorieret.

secht, uf dem mane stat si mit ir fuessen

gewalteklich , da von ze vil

1 rpc. 6 xpc. 8 flis fehlt; die Zeile endet mit ganczem. 12 xpc.

3 den.

ALT- UND MITTELHOCHDEUTSCHES AUS ENGELBERG. 61

15 nieman kan si geloben noch gegruessen. si git, wer von ir nemen wil, gnade ane zil, si ist erbermd ein brunue.

Den höchsten pris hast du beiagt, Maria raagt, alleine.

20 got selb ist din und du sin watt:

beklaret hat

dich sines geistes ziinder.

Mit hohem flis du trinitat bekroenet hat dich reine

mit tugenden die dir zimmend vvol, 25 der du bist vol

. . . ich ir bcsunder.

Kuscheit erbermd dir nit gebrist,

trüw hat dich umbevangen.

das du gottes drut worden bist, 30 dz hat diemuot begangen,

gemesheit, kraft, zucht er und wäre minne,

wisheit, frid und din luterkeit

gewirket band das du bist küniginne

des himmels und der weite breit. 35 trib von uns leit,

in tugenden mach uns munder.

Die himel nie den mochtend noch die dement geuahen,

der barg sich zuo dir, frouwe zart,

dz doch nie wart 40 din luterkeit entgenzet.

Uf erde hie soltest du in gar ane mass enphahen,

recht also gancz ein luter glas

belibet, das

des sunnen schin durchglenzet. 45 In dir wuochs ünsers heiles ast,

Jhesus der seidenbare,

din reiner Hb den hohen gast

truog und gebar ane swere.

des lass uns, magt, Maria zart, gemessen. 50 verein uns mit der engel schar,

lass din erbermde, herre, zuo uns fliessen,

hilf durch die magt, die dich gebar,

das werdend gar

der sünde band zerschrenzet.

Diese Strophen gehören noch guter Zeit an und man wäre be- rechtigt, sie in die reinen Formen mittelhochdeutscher Sprache um- zuschreiben.

24 tugend. 25 Lücke in der Hs. 33 künginne. 42 als so.

62 K. BARTSCH

Bl. 173* findet sich folgender Anfang eines Liedes:

Ach zarter got,

all iiuser not

setzen wir, berr, in din gebot,

lass uns den tag in gnaden uberschinen.

diu . .

Damit scliließt 173*, die Rückseite des Blattes ist leer. Es ist der Auffing des bekannten dem Grafen Peter von Arberg beigelegten Tageliedes, welches nach der Kolmarer und Straßburger Hs. in meinen Meisterliedern Nr. 181 gedruckt ist, nach der Straßburger und einer niederrheinischen Pergamenths. des 14. Jahrhunderts bei Wackernagel, Kirchenlied 2, 329 ff. Wir besitzen demnach dieß Lied jetzt in drei Handschriften und einem Fragmente.

Das letzte Deutsche, was die Hs. enthält, ist folgendes gereimte Gebet auf Bl. 178\

(D)er megde sun, la dich erbarmen

über Marien die vil armen,

die muoter und ouch maget ist.

la dich erbarmen, ihesu crist, 5 dz si nu worden ist eilende.

von iamer windet si ir hende,

dz dich so iemerlich verriet

Judas der boesen iudeschen diet.

owe wie mit so grosser not 10 suochte si dich, herre got.

dez laz si geniezen, Crist,

und troest si, wand si trurig ist,

Maria, himelischü brut,

sich wa Crist din liebes trut, 15 den din trurig herze meinde

und nach im bitterlichen weinde.

Diese Verse stammen aus einer Vorlage des 13. Jahrhunderts; der Schreibfehler lach für laz (V. 11) ist aus der nur noch im 13. Jahrh. üblichen Form des z zu erklären, welche einem h ähnlich sieht.

Dieselbe Handschrift nun enthält auf Bl. 171'' f zwei lateinische Lieder, welche nach Form und Inhalt mit dem übrigen lateinischen Inhalt der Hs. nichts gemein haben und nach beiden Seiten Beachtung verdienen. Die erste Strophe beider Lieder ist mit Musiknoten ver- sehen.

9 owe zweimal. 10 sucht. 11 lach. IS himelschlichn. 15 raeind.

16 weind.

ALT- UND MITTELHOCHDEUTSCHES AUS ENGELBERG.

63

Dictamen de fraude mundi.

Cautim grus

vulpem invitavit,

laucius

quem per vitrum pavit, 5 in quod jus

fuderat hec grus.

Vulpis , die

quit pro tua parte?

modo sie 10 vallitur ars arte.

illic bic,

alius vult sie.

Vis vim vi ,

fr aus repellit fraudem. 15 illi qui

vanam querunt laudem

prebet si

quitquid hiis adplaudem,

nam uon 20 sunt inconstantes dyy.

Audias

vulpis causam ibi:

si quit das

dabiturque tibi , 25 ubi stas

hodie vel cras.

Dare res

pro rebus solemus;

sonans es 30 ex verbis habemus.

fellit spes:

hinc ne fidem des.

Fuge hos

qui mel gerunt ore. 35 sepe flos

splendidus colore

putris glos

intus est. ex more

socios 40 odit rodens os.

Unus nam

si posset ambire, » cuncta jam

vellet deglutire. 45 dixit clam,

audias palam.

Igne plus

ardens cor avari

suum crus 50 nescit quietari.

tanto plus

crescit tumulus,

Quantum hiis

gravis instat causa. 55 quando vis,

bone doctor, pausa,

vulpis sis

... in clausa.

multum scis 60 quando dives sis.

Item aliud dictamen.

Quidam pater familias sie filium suum docebat quem habebat :

Mi fili, tibi primum do consilium quod est sublime. deum time

5 A quo procedunt omnia. mi fili, vita sompnia, fomenta viciorum. In verbis sis virilicus nee ulli sis dampnificus 10 dum veneris ad forum.

Bene loquaris cunctis mulieribus,

pro laude Christi te confer pauperibus ,

quomodo , audite. qui est dator vite,

3 lancius.

16 vanum. 18 quit q. 22 ca.

23 qt.

39 socius.

ß4 K. BARTSCH

bonitatem , disciplinam [et] scientiam thesauriza in animam 15 per carnis abstinenciam.

Super aiirum et omnem pulehritudinem

mores morales curiales elige, mi fili.

Ebrietatis spernas egritudinem,

modcste vive, sta cum cive pro jure civili.

20 In manu fortitudinis

Stateram rectitudiuis

cunctis palam teneto.

Injustas violencias

perjuiia sententias 25 ne facias caveto.

Quod tibi non vis nunquam tu fac aliis,

superbitatem non vestire paliis.

sie nato suo loquebatur sapiens.

si decus laudis queritas, 30 tunc, fili mi, sis paciens.

Fili, muudus non quasi mundus dicitur,

nam litus aras, sie te paras mundo te servire.

Ejus dulcorem quicunque annectitur

sub fano mellis hamum fellis glutit mortis dire.

35 In mundo non est sanitas,

sed vanitatum vanitas

et omnia sunt vana.

Si, fili, non credideris,

salvus esse non poteris 40 nee regula est plana.

Fili, patris qui non tulit Imperium,

quod cunctis in properium ,

sie nempe, fili, curris hie in glacie:

cur post et ante clamita: 45 subveni, mater gracie.

Bei den lateinischen Liedern Bl. 168 ff. finden sich am Rande

deutsche Bemerkungen, welche leider durch Beschneiden der Blätter

verstümmelt und unverständlich geworden sind. Bei dem folgenden Liede

(168'') Veni sancte spiritus. Da dona fari cetibus

illustra cecam meutern , catervamque presentem ,

ut plebs devota maneat, numen tuum ne deserat. per te sit homo lepidus R. Veni s.

ad filii parentem.

R. Veni.

steht am Rande

18 Ebrietat( spemes. 25 facies. 2G vis nüc fac.

ALT- UND MITTELHOCHDEUTSCHES AUS ENGELBERG. 65

Sol m(aw?)

dienst

sin(^6«?).

Es scheinen also Bemerkungen über die Bestimmung der Lieder gewesen zu sein. Bei der folgenden Strophe

0 virgo, pelle vicia Duo nos ab hac tristicia

nobisque sis propicia, eolorisque leticia,

alleluia, alleluia,

tuum placando filium. fruamur post exilium.

Da virtutum inicia, IC. virgo

concordium mundicia,

alleluia.

R. Virgo.

steht am Rande

Dis pa

ich us;

Bl. 168'' bei 0 stirpe regis filia (de S. Maria)

dich alle so bin ich ;

169* bei Salve virgo margaretha

Ein wild uf gen;

169'' De angelis: Congaudent omnes angeli

wilduaug e genade

169'' bei Ave Stella maris maria

niuipt mir 1 d fröd

Die letzteren Randbemerkungen scheinen mehr auf deutsche Liedertexte zu gehen, die dieselbe Melodie hatten. Schließlich will ich folgende auf Bl. 168' stehende Versus in dedicatioue super deus in adiutorium in primis vespere mittheileu.

De supernis affero nunciuin,

deum esst consiliarium ,

deum fortem , principem gencium.

0 quam festa dies. 0 tu cantor , qui debes canere, aut iucipe vel fac mcipere. jam tempus est psallendi vespere.

0 quam. NuUum, frater, tibi sit tedium, runpe moras, rüpe silencium et die : Deus in adiutorium. GEKMANU. Neue Reihe. VI. (XVÜI.) Jahrg. 5

66 K. RARTSCM

VIII. Lateinisch deutsches Vocabular.

Die Handschrift 6/8 i^perg. 8.), im 14. Jahrhundert geschrieben, enthält auf BL 1 109* ein alphabetisches Vocabular oder Glossar; 109' steht Explict glose. Hierauf folgt zunächst eine Art Briefsteller. Bl. 114* Incii)it aliud vocaboloriuni, sachlich geordnet, beginnt: Caput houbt. crinis har, und schliel.U mit capsia lutersalcz. Bl. loo"* Item incipit nliud vocabularium, alphabetisch geordnet, enthält meist ab- stracte und philosophische Begriffe, beginnt: Abstractum abgeczogen. Bl. 139* Aliud vocabolariuni, wieder sachlich geordnet, und im Wesent- lichen mit dem zweiten (Bl. 114 ff.) übereinstimmend, aber unvoll- ständig, beginnt: caput houbt. crinis har. Unter diesen vier Glossaren nimmt das erste nach Umfjinfi: und Inhalt die bedeutendste Stelle ein. Die Sprachformen haben noch vielfach althochdeutschen Charakter, und wenn auch in der schweizerischen Mundart sich volle Endvocale (a, 0, u) durch das ganze Mittelalter hindurch bis auf den heutigen Tag erhalten haben, so weist doch manches darauf hin, daß dieses Glossar nur Abschrift eines viel älteren ist. Ich theile im nachfolgenden aus den Excerpten, die ich mir gemacht, eine Anzahl bemerkens- werther Worte und Wortformen mit.

(P) abbacia aptigiia. abbatissa eptiscina. abellana nespela. abenas lora thec (d. h. theutonice) ziecho line. abortivus theutonice verworfene. (2') abusio. i. unguahet. (3^') adulacio ambicio gesilchsuunge (1. gelichs- nunge). (4*) attestor ich chilsin un zügon. (4') afflueuter überflüsit (aus ubei-flusic verschrieben), ager aker vel glede. (ö'') ailia vermis robe. i. wibela. alea schafzabelbret vel wrfezabilbret. (5'') alietus theat. eringries. altilia mastvogil. alveolum trügelin. (6*') amolum mülistüppe. ampulla theü. ampella. (7") ancile schirmschilt, andela brantreita. (7') anologium. theut. lecf'ir. (10") arida gluotphanna. arciotida wecol- tilberi. ascolonium eseheloche. asciola thehsila. (11") auella vel suber- loüft. (12*) auricula aurigol. (12^') azimus panis. i. unkebilot brot. i. sincerus vel non ferraentatus. (13^') aricia argilla terra, i. ruherda.

baienala lectulus qui in itinere baiulatur. i. vartbetli. balanice uve. i. hulus drubin. (15*) bittumen hertlein. bibex plaga ex vga. i. suacca. bibliotheca buochcaraera. (16'') bootes ohsinera (1. ohsinare). (17") blate svirstela (1. fuirstela).

crater napfo. caddarium ilebeschessi. (17*") calamanla tvichila. (18') calcem kalche vel versenna. (18'') capitale houbithüssi (l.-chüssi). capitolium richinse. (19*) canistrum binchar. (20*) capetuli lecti fune- bres anpogi. (20'') cardone. i. krata. (21*) carruca. i. reitwagen, cas- sula. i. messachel. (22=^) caupilus scafa. (22'') celia theut. gruzzit.

ALT- UND MITTELHOCHDEUTSCHES AUS ENGELBERG. 67

(23") celidouia herba. i. schelwrza vel grimtwrza. centauria herba. i. matrene. (23^') cepe vlanza teut. (24'') cicendula klena. cidonia. i. cbut- tuma. chilindrum. i. welliblech. cilinm. i. tegnclli. cinis. i. ei?cha, vel est incendium per agros inutilem humorem exudans tbeut. asanc. (27") coagilator walkare. coclee wendilstein alte et rotunde turres vel t'stega. (27') colaphiso halssclilegilon. (28") commercia negoeia opcöes. chofeschazzot vel mergitha. (29'') confideneia zowsicli '•■'-) (30'") coliim- bar tuochhus. coraula cantator theiit canzare vel inimus. conopcum est rete quo culices excluduntur in modum tentorii. i. mucgun nezeze (sie). (31") conpliiit bereginot. (3P) consul. i. scnthe. consultatio rat- fragunga. (32'') copadium walthawachs. coritus teca sagittarum. i. bogia. (33') cornus arlis boim. (34"') crustiila kriische. (34") crustinia pira wingiftinua vel genus oliue.

(37') delirus awiccicge. (39'') dext' cum opus. i. weberwerche. (42") diversorium reeeptorium ubi viator callem divertit. i. schöpfe vel schiira. (42*") donativum rittergaba.

(44") elleborum herba est theut, sicirwrcz. (45^) emticius. i. koufschalcb. (52'') exil vel misellus ovenschüssel.

(53") fascialis i. windinck. (54") fastidium Dausia. i. maslede. (55") filiolus fillon. filiola phillolin. fimus miste vel teische (55'') fiscus. i. vronkopf. fluctus was wette r. forcipula cluppa. (56') frixorium roste- pfanna. (56") fui-firio auis dornadregel.

(5V") galanga i. galgan.

(59") heresis chezeria. (57") horologium horlegia. (58") hostorium stri ha.

(ßO^) ingerum iughhiitta.

(62") labrusca winttrola. (63") ligones weginsa. (64'') lippus suroge. litura rulchin. lolium lülche. loguacitas klacheit. (64") luria lürra.

Macellum mecia. (65'') unter mensis die Namen der Monate : iar- raanot, hornug, nierzo, abbrello oder ostermanot, meio, brachmanot, hoimanot, ogstemanot, herbstmanot, wdemanot, wintermanot, herte- manot. mergices garba vel bozün. i. fasces spicarum. (06'j militat riterschot. (♦•7') moneta trunna vel müniza. (67'') muscosi foutes ge- miesot brunneu.

nauclerus schifherro. (68") nequam ungengc. (68") nucifraga nuscebrecha. nugas lugina. (69") nugigerulus lugetrager.

(70') oeccanus wendermer (1. wendclmcr). occellus oguli. (71") ora-

*) z kann auch h sein.

5^=

ii8

K. BARTSCH

rium oiigfanno. osanua id est lieilant vcl wilcliomo. (71^) ouilia schaf- festiga. ouilliim sohaffostigli.

palatimis pfiülinzegrauo. palate. i. conmeste. (72") palearia in biibus. i. brustelappa. panifex brotbekko. papiliones pfiffoltra. papirum. pinzo. paraclvtus trostegeist. paradigma reterscha. (72') parrochianus kilchherro. pastinaca gerole vel morha. passus V. pediim schritmal. (73*) patrissat vatterlott. (73") pelex geilla. pellexit wrvntoch. pelitatus wrvutriioch. (74") perpendiculum murwaga. (74') pestilentia schabiio. pihim pluola. pisalis pisal phiesül. pilatium blezzo. (75") phitoues lachnera. phitonissa lachnera. (75') plaiido hautschlegolon. polimita giggilveh roch. (76") pobles knürra. pori svezlokiir. (78") privilegia bantfestiua. (80'*) pudeutia schamheit geltaba. (80'') pappis posterior pars navis est pflihta.

(82") quisquilie geraspe.

(82'') raptim kripfelich. reeiprocacio wideraugeuangunga. (83'') re- gula autreti. (84^) retinacula lora giezalne. rima scrunda. (85'') ros marinum grensinc. rubia rizza.

(Sß") saccutum vinum sakwin, salix salsa. saguisuga egula. sario gitto vel hako. satyrus waltsrato. satisfaccio wolbenugimga.

IX. Geistliche Prosawerke.

Die Handschrift 6/20 (perg. 8.) aus dem vierzehnten Jahrhundert enthält auf Bl. 1 8 ein kleines geistliches Prosawerk, aus dem ich Anfang und Schluß so wie einige bemerkenswerthe Worte und Wen- dungren mittheile.

Des almehtigen gottes frid si getrCdich mit allen dien die dis gegenwrtig büchlin mit andaht lesent und mit zühten hörend lesen und geb in eweclich sin genad an sei und au lip. amen.

Wan der mensch in dis eilend als der gedultig Jop gesprochen hat ze arbeiten geborn ist und oucli darinne lüzel zites lebt. Ach da von so ermanot uns sanctus Paulus das es uu ist ein zit der erbarm- herzigen genad gottes. und wan dis gezit steteclich hinflüzet und doch nit gewisses end hat. da von sol der mensch alle stund flis haben wie er es nach siner sei ewige heil mit volkomnen tugenden in gottes liebsten willen loblich vertrib. owe wan dis eilend leben zergat alles mit bitterkeit und mit we und ist alles sin wesen nit wan ein bitter- keit des todes in einer gelichniist. gen dem ewigen leben. Das bewert der hoch lerer sanctus Gregorius und sprichet alsus in siner schrift. Ach swenn man dis zitlich leben dem ewigen gelichet so heisset es billicher tot denn leben, aber in dem ewigen so tötet das leben den

ALT- UND MITTELHOCHDEUTSCHES AUS ENGELRERG. 69

tot. und da von sol der tugenthaft mensch emsigen flis haben das alle sin gedenk anvang sinii wort mitli und sinii werk end nement in dem genadfliessenden Ursprung des lebenden brunnen.

Es bricht Bl. 8'' ab mit den Worten: mit siner hohen gotheit als er sich cleit in mariun.

Bemerkenswerthe Stellen und Worte:

bigelin, Bienchen. nach des deinen bigelins gewonheit 4*.

bluotswizzende. in bluotswizzender angst 2'',

entschöphen. das antlüt. . entzieret wart und entschophet 3\

entzieren, der Zier berauben s. entschöphen.

erfitndeln, erfahren, erforschen, erfündel (imp.) ouch an den zwein lungern 4".

gunlichi (= guotlichi?). die arch der guenlichi 7^ din lop und din gunlichi 7^.

himelfürstinne. der himelfürstinnen 7^

cleinfuge. des cleinfugen meisters Liconiensis 4^ der cleinfueg meister heimo 5^.

contemplierer. der hoch contemplieror. s. Dionysius 4*.

cristane. o cristanii sei 2".

mettizitlich. den mettizitlichen sterii 5''.

minnbant. mit dem starken minnbant 2^.

minnhungrig, die minnhungrigen herzen 4".

minntrehen. gus mit ir uf die fues siner erbernd hizzig minntrehen süntlicher rüwe 2^

minnvähig. alle minnend selan und minnvahigii her/.en 4*.

nachvolgerinne. diser iuncfrowen nachvolgerinan 8*.

pelkit. wind in (den gestorbenen Christus) in das pelkit schlehter einvaltekeit 3\

rihthüs 2^

rilichi stf. von der fruht diner minneclicher rilichi 7^.

niwerinne. mit der minnenden riiwerinun ^lariun Magdalenun 2^.

schnatte. grife mit Thoma in die schnatten siner fiinf wndon 4*.

susreder. der süsreder S. Bernhardus 4^

tretten, prät. tratte. tratte den man under ir fusse 8*.

trostlos, bi der trostlosen gebererinun Mariun 2'.

tugendzwigende. vrag mit ir (Magdalena) den tugendzwigenden gartner o^.

überedel, das du uns ze überedel bist 7*.

überwunneclich. in siner überwnneclichen glori 6*.

understüzzen. understüzzent (imp. plur.) mich mit bluomon (citat

70 K. BAETSCH

aus der minn buocli) 3^

unsäglich, do erkaud si neiswas unsäglicher süskeit 5*".

uusiunrich. uusinnrichen und verkereudan herzen (dat. plur.) 4*.

vatterlieimuot. in die obrostin hohi der ewigen vatterheimuet 6^.

vereinberen. so wirdet got und der mensch in zarter wolnüst geistlich vereinbert 2".

vergellen, vergiftet und vergellet ist (der weit schoni) 3*.

wolnüst s. vereinberen.

Bl. 9 23 eine andere Hand. Anfang:

Almechtiger iewesender und ewiger got. ich armer krancher un- wirdiger mensche, lopen und eren dich, und danken dir aller der ge- naden und gute etc. Lob Gottes, schließt: des helf uns der vater und der sun und der heilig geist. amen amen amen.

Bl. 24 ist ein einzelnes deutsches Blatt ebenfalls geistlichen In- halts. Der Rest der Handschrift ist lateinisch.

Ein Pergamentdoppel blatt in kl. 8 aus dem 14. Jahrh. enthält Bruchstücke eines geistlichen Werkes aus dem Kreise der Mystiker. Die Vorderseite des ersten und die Rückseite des zweiten Blattes sind sehr verwischt.

Der größte Theil der Rückseite des ersten Blattes enthält fol- gendes :

daz man sprichet. er si ein trieger oder ein smeher. so danket gotte. daz er im git. daz unser herre selber gehaben hatte, wan un- seren herren ihesu cristo dicke wart smacheit gebotten. umb sine tagende. (D)er ahtede kneht. der nimt nieman sinen guten lümeden. durch daz er nieman tode in sime herzen. Der het einen raeister über in. der ist alle .zit bereit leren und bredigen. die lere und daz leben unsers herren ihesu xpi. durch daz daz lob gottes. gemeret und ge- breitet werde, in aller menschen herzen. (Djer nünde kneht u. s. w.

Die äußere Seite des zweiten Blattes:

halten, und sich vor dem minsten als vor dem meisten hüten. Güten lüten heinlich sin. andehtig gebet, heilige betrahtunge. himelsche wort han. ze allen ziten. rehten ernst üben, und allen stunde nuwes lichtes warten, und in geistlicher frode ruwen.

(D)is sint fünf weslich tageweide. durch die fünf wunden unsers herren. in dem jubeln iar. zuo dem gotlichen Rome. daz ist minne in gotlicher einekeit. Der weg durch die wunden des linken fuoszes ist in begirlicher st^rbunge. vichliches natürliches und alles creatürliches gelustes. untz in die gebrechliche lustekeit gottes. Der weg durch die wunden des rehten fuoszes. ist ein stark krcftig durchtringen. alle

ALT- UND iMlTTELHOCHDEUTSCHES AUS ENGELBERG. 7]

Aviderwertekeit. mit gedultiger volhcrtlicher hingbeitichcit in daz über- weslich guot. daz got selber ist. Der weg durch die wunden der linken hant ist in aller wiirklicher tugende ein demuotiger gehorsamer under- wurf sin . . .

X. Verschiedenes.

Ich verzeichne im Nachfolgenden die tibrigen Handschriften, welche Deutsches" enthalten, auf die ich aber nicht näher einzugehen Anlaß fand.

2/4. 15. Jahrh. pap. fol. Lateinisch- deutsches Vocabular.

2/27. pap. 15. Jahrh. Deutsche Episteln und Evangelien. Anfang: In gottes namen amen. Hie vohent an epistelen und ewangelien an sunnentagen mittewochen und fritdagen durch daz gantze jore. Prü- dere wisßent daz die stunde ist ietz daz wir uff' standent u. s. w.

4/24. 14. Jahrh. pap. 4. Lateinische Hymnen mit deutscher Inter- linearübersetzung in Prosa.

5/13. Hinten von einer Hand des 14. Jahrhs. Recepte: Das ist von der luugen so das harn luter und rot ist u. s. w.

5/25. 15. Jahrh. pap. 4. Lateinisch- deutsches Vocabular (Hugwicii catholicon).

5/32. 15. Jahrh. pap. 4. Suso's Buch der ewigen Weisheit. Bl. 2 beginnt das Register. Hie hebet sich an ein register des buoches der ewigen Weisheit und ist colligeret usser anderen büchei-n das es ge- rechet ist allen dingen und Wie ettliche menschen unwi ssiglichen von gotte werdent gezogen. IUI. Bl. 4. Dis ist des süsen buuch. Es stund ein prediger zuo einer zitte, u. s. ^v.

6/21. enthcält auf Bl. 6 ff", das von Graff" in der Diutiska 2, 288 bis 291 herausgegebene Gebet einer Frau, wahrscheinlich einer Nonne, denn es war in Engelberg von Alters her auch ein Nonnenkloster, bereits im 12. Jahrhundert. Der Abdruck bei Graff'ist ziemlich genau; ich bemerke 288, 3 gopferait. 6 irscinen, über c steht em Zeichen f-. 7 heilekheit. 9 cristenehit. 16 brachtost. 290, 13 Hecht. 291, 2 mit- tinen. 6 sathane.

6/31. pap. 15. Jahrh. 8. enthält einige deutsche Glossen. Item liquor sutikcit. lymus w'^ leim. o. erde, lippus schilcnder. zelus lieb oder has u. s. w.

6/34. 15. Jahrh. pap. 8. Lässer liab ein fryen muot

und halt dich dennocht in guter huot.

Ein ader ist ze aller vorderst an der Stirnen etc. Beschreibung der Adern im Körper mit anatomischer Zeichnung.

6/35. 15. Jahrh. pap. 8. Vom Leiden Christi.

79 K. BAKTSCH. ALT- UND MITTELHOCHDEUTSCHES AUS ENGELBERG.

Anfang: Inspice et fac sccundum exercplar Exodi XX^ Also re- det der ewio^ got zuo sime dieuer moyses iiil sprach sich es an un tuo nach dem bikluer. AVer nu mit dem seligen moyses ansehende ist u. s. w.

Schhiß : der süÜe minnende ihs der mit dem vatter und mit dem heiliiren meiste richset von ewen zuo ewen. amen.

6/36. 14. Jahrh. perg. 8. Gebete zu Christus und Maria, von einer Frau. Anfi\n£j:

Herre ich manon dich der betrübte die du herre ihü xpe hattost an dem hohen donrstag.

Ein Pergamentdoppelblatt des 14. Jahrhunderts in kl. 4. von einem Bücherdeckel abgelöst, enthält Bruchstücke eines deutschen Lectionariums. Ich gebe eine kurze Probe von Bl. 1"

an dem zigestage lucas ew"gel (roth). In der zit do ihc' in ierl'm do wart alle die stat beweget und wart gesprochen wer ist dirre do sprachen etteliche u. s. w.

Der Katalog führt außerdem in Hs. 5/17 (pap. 15. Jahrh.) auf 'Methodus promulgandi in diebus festis iingua vernacula', allein dieser

Theil der Hs. fehlt.

Eine Waltharius-Handschrift war gleichfalls vorhanden (12. Jahrh. 4: vi,^l. Katalog S. 493), ist aber jetzt nicht mehr da. S. 502 führt der Katalog unter C. 8 ein Vocabular des 14. Jahrhunderts auf Per- irament in 8 auf, auch diese Hs. ist nicht mehr vorhanden.

In einer Anzahl von Handschriften liturgischen Inhalts sind die Überschriften und Anweisungen in deutscher Sprache. So in 5/34 (13. Jahrh.), 3/34, 3/35, 4/22, 4/26 aus dem 14. Jahrhundert. Ich will von denselben nur ein paar aus 5/34 anführen. Bl. 61' alsus sprich vespera an dem samiztage so der advent vahit; 61^ ze vespere an dem sunnintage ub^ i^^ag. 6P' an dem mentage ze pnme. 6^ an dem cigis- tage üb' mag ä . . an der mitewochen ub^ bn, ä . . an dem samiz- tage . . lis vespere alus (sie!) an dem samistage. 61*^ lis antifene v' alse davor an dem werchtage. unz an den heiligen abent. an dem men- tage vV bn ä. . . an dem zistach . . an der mitewochen . . an dem dunrestage. 62 an dem frigitach . . an dem samiztage. 62* an der froni fastin ze raeti sprich dise collecte. zen anderen tageziten sprich diso collecte aurem tuara. 63"^ sprih dise vesper du hie gescribin ist stetichliche unz an die octave des zwelftin tages. swaz du ioh andirs lesist. 64' chome dise tage an einen sunnentach so sprich dise ä ze meti ä Dum medium silentium. aide chome in dise oct' ein sunnen- tach so sprich si ouch. Die so eingerichteten Handschriften waren ohne Zweifel für den Gebrauch der Engelberger Nonnen bestimmt.

ALFRED HOLDER. ALTHOCHDEUTSCHE GLOSSEN ZU HORAZ.

73

ALTHOCHDEUTSCHE GLOSSEN ZU HORAZ.

Zu Horaz sind alid. Glossen meines Wissens noch nicht zu- sammengestellt; nur einzelne wenige sind von Docen im 7. Bande von Aretin's Beiträgen, in Grafts Althochdeutschem Sprachschatz und in C. Kirchueri Novae Quaestiones Horatianae (Xuinburgi 1847) bekannt gemacht. Im Nachstehenden veröffentliche ich die ahd. Glossen zweier jetzt in München aufbewahrten Handschriften und eines Dessauer Codex, die den Text des Horatius mit Schollen enthalten, sowie eine einzelne durch Herrn Professor W. Hartel gütigst mitgetheilte Wiener Glosse.

I.

Münchener Pergamenths. Lat. 375 aus dem Anfange des XH. Jahrhunderts in 4^, ohne Zweifel aus Freysing bei ^lünchen stammend;, wenigstens findet sich auf der ersten Seite des 2. Blattes das Freysinger Wappen, der Mohrenkopf auf silbernem Felde, und auf dem linken Deckel steht St. C. n. 34 eingeschrieben, wodurch wahrscheinlich der hl. Corbinianus als Besitzer des Buches bezeichnet wird. In Text nebst Schoben folgen sich die einzelnen Dichtungen in nachstehender Reihe: carmina, ars poetica, epodoe, Carmen saeculare, epistulae und endlich sermones.

CARjM. I.

25, 11 f inter Lunia] wedal quia tunc terapestates concitantur (Blatt 14^).

31, 1(3 malue.j pappulun {l'i').

CAKAf. III.

4, 12 palumbes] columbae. hege-

tubun (35"). 8, 10 Corticem] pil. opertorium

(3r). ä 17, 11 Eurus dicitur quod ab eoo. i. Oriente flat coniunctus subso- lano. et dicitur ostsunderer (44"").

CARM. IUI.

4, 18 uiudelici] wertähe*) i^ß""). 7, 9 zephyris] lubrecche (59").

Vgl. auch zu epist. I 7, 13 unter Nr. 28.

12, 5 hythin] filius progne. et di- citur taha. uel (dann pro, aber ausradiert) pirihhön uel. auis italica quae fasan dicitur (62"").

ARS POETICA.

22 urceus] giezuaz (66'').

121 inexorabilis] ungeuueriger

(680. ^

122 nndtü] guotlicho (680-

219 Sortilegis] lozchiesigen (70'")- 403 exacuit] erpaldte (74'"). 411 coniurat] geeinot (74'). 1^419 preco] putil (740. 453 morbus regius] gelesuht (75""). 473 Clatri sunt fustes rotundi

10

*) Die "NVertach, Nebenfluß des Lech.

ALFRED HOLDER

qiiibus obfirmatur cavca. vel qiiod vvlpfo dicitur Lanne (75').

EPOD.

1. 1 liburuis] flozschef (75').

2, 32 piagas.] Plajre proprie sunt ftmes quibiis retia tenduiitur. Über Plage proprie steht runi- stranch (76''). Genaueres findet sich zu epist. I 6, 58: Plagae proprie dieuntur funes illi qui tenduntur circa imam et sum- mani partem retis.

^2. 57 lapathi] Latouhc (77'-). 2. 58 ^ralue] pappulvn (77''). 4. 14 mannis] bruningen (78'") ;

vgl. Xr. 29. 12. 11 subaudo] proprie porcorum

est subare .i. prumin (83"'). 17. 61 toxicum] eiterwurz (BS"").

EPIST. =^-i I.

^ 1, 28. Hie liuceus tarn acutum uisum habuit ut ipse rome positus. naues de affrica pro- cedentes uideret. vel de lince bestialoquitur que uvlgo dicitur Ivhs (90'). 2, 52 podagram] fuozsuht insa- naVjilis morbus est (93'").

6, 58 uenabula] weidemezzer . (96').

7,13 zephyris] loprecchen (97"'); ^'gi* -^^r. i. g,|ui sunt

7, 77 mannis.^

30 8, 10 ueterno

brunixgen (98"). i. rito f98').

10, 22 nutritur] wirtkehain (99").

11, 18 Penula] chotzo (ICyr). 13, 10 lamas] horelachun aOl'"). 13, 14 glomosj cliuvueli (101').

3-^4, 19 tesr.ua] struzhahe (102'"). 16, 19 pruna] phrumun (l()V). 18, 7 commendatj geluibet (106").

EPIST. IL 1,114 habrotanv] sitteruvrz (112"). 2, 161 occat] eget (1190- 40 2, 170 populus] albare (lUf).

SERMON. I.

1, 29 caupo] zaphfenare (121").

2, 9 opsonia] zuomose (123"); vgl. Nr. 57.

3, 44 strabonem] schelocan schi- lehenten (126").

3, 45 petum] zuinchogen (127''). 45 3, 73 tuberibus] masere (127"). 3, 74 uerrucis] uvarzzun. (127"). 3, 119 scutica]. i. keisila. qua

percuciuntur pueri ( 128''). 3, 127 crepidas] peinperga vel

aliud genus calciamenti (128").

5, 30 colliria] ochsalbun (132"). 50 6, 106 Mantica] maiaha (136'').

6, 116 echinusj glasauaz (136''). 8, 48 caliendrum]. i. capillamen-

tum und darüber Hoteli (138""). gireip. (139").

10, 4 defricuit 10, 31 mare ci (1400.

;ra] disehalp meres

SERMON. IL

55 1, 27 Pugnis.] cestibus plichol- ben (1420. 2, 13 discus] wela (143"). 2, 41 obsonia] zuomoise (144''). 74 turdis] brahuogele (144'"). 117 perne] paccho (145"). Ii9 Blatta'rü] fledermuse (148"). 144 trulla] chella (149''). 161 cardiacus] tebediger (149""). 245Luscinias]nahtegelun(151''). 69 bacca] olebere (1.540. 89 ador] amer (159"). 114 molossis] canibus grecis. i. rüden (160'').

2 2

3 3 3 4

65 6

6

*) übrigens fand der Schreiber der Scholien eine andere Reihenfolge der hora- zischen Gedichte in .seiner Handschrift vor, vgl. schol. epist. II 2, 68: 'cubat] cgrotat. nt superius 'rierm. T M. »8) trans tiberim longe cubat', woraus folgt, daß in dem Exem- plare, welches ihm vorlag, die Episteln auf die Sermunon folgten.

ALTHOCHDEUTSCHE GLOSSEN ZU HORAZ.

75

8, 8 Rapula] riioppe und darüber 7o 8, 10 acernam] de acerno faetam.

vel rafanum (102"). i. mazaltrine (162";.

8, 9 Peruellunt stumacliuni]. i. 8, 42 murrena] lantfVida (Ißo""). mouent ad opeziii. i. ad come- 8, 91 merulasl amfsela (164''). dendum (162"). 8, 91 palübes.J hegetubun (164'-).

8, 9 allec] liarinch (162").

In derselben Handschrift finden sieb noch fol»,^ende geogra))hische und mittenateinische Glossen, welche interessant sind, nämlich: Carm. I. 35, 9 Daci sunt nord- Carm. IUI. 2, H6 sygambros.]. i.

manni. gens aspera bellis. dacum fluvium inhabitans (18').

35, 40 Massagetas] gens est traciae. Dicti massagete. quasi graues. i. fortes getae (18").

Carm. II 20, 18 dacusj nortman- nus (31").

Carm. III. 6, 14 dacus] north- mannus (38""). rtu

8, 18 Daci dieuntur no,raanni. quia sicut dammae uultum ca- pitis exporrigunt. inde enim no- men habent (39").

12, 4 Qualus metonoraicos pro laneticio ponitur. Est autem qua- lus in quo pensa vel trama (vgl. Diefenbach, Nov. Glossar. S. 369) ponitur. quod rustice canestellum dicitur (42'").

24, 11 gcthe] gothi uel traces (47^).

27, 7 Manni dieuntur equi piisilli. quos vulgo brünicos uocant (49") ; vgl. Isidor orig. XII 1, 55: 'man- nus vero equus brevior est, quem uulgo brunicum (uar. buricum) uocant.'

francos (54").

4, 17 retii] gens galliarum (56').

4, 18 Uindelicus est amnis ab ex- tremis galliae erumpens. iuxta quem fluuium habitasse nomen- que inde traxisse dieuntur wan- dali (56'-).

12, 17 Onix uero genus est ain- pulle marmoreae. quod uulgo staupum dicitur (63').

14, 51 sicämbri] gens galliae. i. franci (64'').

15, 22 gethe], i. gothi (65'). Epist. I 1, 95 subucula] camisia

(91").

13, 12 ala]. i. ascella (101").

Serm. II 6, 53 dacis] nortmanni

(158") 6, 85 acinü] botrum (159"). 8, 43 patina] scutella. (163'). 8, 55 patinam] scutellam (163"). 8, 86 Mazonomo] magna scutella.

Mazonomus est genus scutelle

in qua ponuntur escae et est

simile grandi salsari.

II.

Münchener Handschrift (Lat. Nr. 146-^5) aus St.'Emmcram iu Regensburg^ aus dem XI. Jahrhundert.

Zu Hör. Epist. I 1, 79 in uiuariaj r ad retia ad nasas. hec nas. (84"").

I 7, 65 scruta. Quas uulgo grutas uocant.

Beide Glossen finden sich ganz gleich in dem Pariser Horazeodex Nr. 7975 aus dem XL Jahrhundert . aus Fontainebleau, nur daß die Pariser Handschrift t vor ad an der ersten Stelle weglässt. Zu Hör. serm. II S, 42 murena] lantfrida.

76 L- niEFEBNACH

III.

In dem Horazcodcx A der herzoglichen Bibliothek in Dessau, in der Abtei Nienburg gegen Ende des IX. Jahrhunderts geschrieben. Zu Hör. carm. I 9, 8 Diota.] uinarium uasculü. Chüofa. sine. Chrüoc.

Wiener Hs. nr. 145 (X. Jahrh.) zu Ars Poet. 476 Bl. 17: yrudo] .i. Cirila.

CARLSEUHE, den 31. Heumonats, 1872. Dr. ALFRED HOLDER.

AUS DER STADTBIBLIOTHEK ZU FRANK- FURT AM MAIN.

I.

^laßniann und Graff haben die ahd. Glossen der Canones Con- ciliorum (Codex Xr. 64 resp. Kr. 50 der Dombibliothek) verzeichnet; vgl. Maßmann, Denkmäler S. 83 flf. Graff, Ahd. Sprachschatz I S. XXXVIII. Graff hat die Hs.^ soweit sich mein College Dr. Haueisen erinnert, nie persönlich eingesehen und mag die Glossen nach Maßmanns Excerpten gegeben, mitunter willkürlich verändert haben; indessen fehlt eine von ihm mitgetheilte {elicor, s. u.) in Maßmanns Drucke, und ebenso Grafts richtige Angabe, daß einige (unten angegebene) Glossen interlineare sind. Meine Revision ergab folgende Nachlese und Correctur mehrerer Angaben Beider nebst ihrer Vergleichung. Darneben mögen einige ander- weitige Bemerkungen Raum finden. Die vorgesetzten Ziffern bezeichnen, die Seiten der Handschrift, die Abkürzungen M. und Gf. die genannten Forseher.

1. gemist confecta bezieht sich auf 10. arhe'ote^ d. i. arhiote mit punk- die Stoffe des Meßopfers. tirtem = gelöschtem e (arhe'ote

5. indiguloj Marginal zu commen- M. arVjiote Gf ).

daticias litteras ist eine nirgends 12. cele (lateinisch?) steht ohne

verzeichnetePluralform vonmlt. Einfügungszeichen über dem

indiculum, kaum ein ahd. Fremd- zu (quod non debeant hereti-

wort, wie etwa u. nilla. corum baptismata) conprobari

6. uuonanti raoratus {imonanf ]\I. gehörigen Marginal Corona. Gf.). 15. forher'm (forbere"n M. forheran elicor prr.rsus (Gf. I 237. fehlt Gf ).

bei M.). 16. wnuuiftom pussillanimitate; ft

7. purgio fideiussorem (fehlt M. ähnelt sf, wie umgekehrt o. q. v. Gf ). consti.

9. consti. st gleicht zwar ß^ je- gelwnf'flicko. Das übergeschrie-

doch auch in einigen sicheren bene Zeichen unterscheidet

lateinischen Wörtern der Hs. sich einigermaßen von dem

AUS DER STADTBIBLIOTHEK ZU FRANKFl'KT AM MAIN.

77

gewöhnlichen ebenfalls piiiikt- losen für i\ Gf. gibt hier gilum- fliho neben fjilumßlcJio. Vgl. die folgende Glosse.

17. geriche Marf::inal zu optineat und geri'che Interlinear zu ob- tinuit, letztere wiederum mit dem übergeschriebenen Zei- chen der vorjrenannten Glosse {geriche zweimal bei ]\L, vier- mal bei Gf. II 387).

18. situ habitu (fehlt M. Gf.); ent- sprechende Glossen s. bei Gf. VI 1(30 ff.

33. in domo (lat.) Marg. zu in idolo, d. i. im Götzentempel (indomo? M.).

38. imiz'igun Interlinearglosse über diuinationes.

40. frumunga (so M. ; frummungu Gf. j ; über dieser Marginalglosse steht lu.

48. elimosina (eher deutsch als lateinisch, vgl. verwandte Glos- sen und Formen bei Gf. I 239) agapas (fehlt M. Gf.).

56. hehti ist Interlinearo-losse über possessionesque.

58. missazema (episcopos) dissidere (fehlt M. Gf.), vgl. missezimet Gf. V 662, auch missazunfton dissonent ib. 667.

69. tnigesce (ohne Verlust eines Buchstabens) indifferenter (un- gesce'ydlicho) M. unqisceidlicho Gf.).

S6, odil patrimoniorum {edil M. edil? Gf.). Ein andres vermuth- licli umgedeutetes odil hat un- sere Pergameuths. (Rollo) eines Passionsspieles aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrh. in dem

Scheltworte odil crage, vgl. mhd. der ode krage, auch nhd. geizkragen u. dgl. Einer spä- teren VeröffentHchung vor- greifend bemerke ich, daß diese (mangelhaft in Fichards Frankf. Archiv III 131 ff ab- gedruckte) Handschrift das Interjectionalsuffix ä stets als nach dem zubehörigen Worte getrennt stehendes a schreibt. 90. forun conuolarunt (facientes ^ forun M.; fehlt Gf.).

117. hrlfa (prestet) diligentiam (fehlt M. Gf.).

119. niuuicomo (das erste o ähnelt dem rt) neolitus (niuuicumo M. niuuicumo Gf).

135 thera frihhidagirida. Marginal zu auariciae cupiditas; ein nicht ganz deutHches (ver- mutiilich zweites Einfügungs-) Zeichen über dem ersten a {u) las M. irrig in seiner Ab- schrift thera frihhidoi girida (so Gf.), das wenigstens gra- pliisch einheitliche Wort tren- nend.

139. aruuertitin (sicher r, nicht s) deprauati (so Gf. I 958; M. in Note aruuersitin?).

140. sagen inculcentur hat Tinte und Schrift des Textes, nicht der übrigen Marginale.

144. in (m)eginfrahari kann m durch den Buchbinder abgeschnitten sein. 145. uilla (nicht etwa uillas) Marginal zu praedia pl. acc. ; mag deutsch sein, obgleich es die Wörterbücher nicht kennen.

85

II.

Die vorher von Germanisten nirgends genannten ahd. (nieder- rheinischen?) Glossen einer, Arators Werke und Prospers Sinnsprüche enthaltenden, auch an lateinischen Glossen reichen Handschrift (Nr. 139 unserer Dombibhothek) habe ich in meinem Novum Glossarium latino-

78

L. DIEFENRACII

germanicum (Frankf. 1867) uutcr Nr. 48 excerpicrt, aber keineswegs vollständig und mitunter fehlerhaft. Ich gebe sie im Folgenden voll- ständig, "u^edermn mit einigen Zuthatcn und Fragen. Die Ziffern be- deuten die Verszeilen beider Bücher von Arators Apostelgeschichte und die (wenigen) Nummern von Prospers Epigrammata nach den Aussraben von ^lio-ue Patrolos^ia latina Voll. 51. 68.

De actibus Apostolorum Liber I.

302. clageh'cha lacrimosa n. pl. o9o. ö s))iIdego predige.

394. coufu commercia.

395. gn-h'cho ambiciose.

403. ficxidkcxxesf ^IfirAnal zu de- bere (f;\cis), d.i. sculdicmierg?

967. spretunga uclamina (vexilla, brachia crucis) ; vgl. gispreitit exteusum velum Gf VI 394.

968. ?V5fozn//fa Marginal, zunächst vor subjungensque monet, kann aber Tdurch ein Zei- chen) mit der Marginalglosse interrogat 967 correspon- dieren.

1018. tmdngit prouocat (über sti- mulatj.

inderu fmminahti in nocte profunda.

1023. bihihti inter diem et noctem reiht sich am Rande an te- nebre lumen Christum, welche Worte über crepuscula solem stehn.

1033. {olim ?) ziiohaffa (lateri) sub- nexuit; ft gleicht st, ist aber sicher, vgl. Gf IV 752.

1036. scafan generata sleihti pro- pago.

1047. uvichun cessere, vgl. II 1212 foriinichendan (uelis) ceden- tibus, da^cegen Prosperi Epigr. XVll (in adversis) irpAchit über frangit (trepi- dos), vgl. u. a. giuueichan frangere Gf. I 712 ff.

1C49. slozzun claustris.

1058. uohta celebrauit Tdivinum opus).

1059. II m Pr. Ep. XXVIII Z. 6 mina (mla) gratia; Ep. XVI mine gratiae; II 154 mma affectu (so minna öfters bei Graff glossiert, nicht gratia).

1061. cosida loquitur.

1062. furneman sensisse: (rhode 'über puella 1058. 1062 ist Frauenname 1058).

1071. umhifangedu circumdat

vgl. Migne ad

Liber IL

1

L.

ckerzun lucerna.

6. hurada sich incipit (über pergit adire paphum); vgl. 154 gihurida contigit. unfron über olim, nach luxu- riis, Glosse über amoribus; die mögliche Lesung unsron stimmt nicht zu den Bezie- hungen dieser Wörter; aber was ist unfron?

7. linorlusdi (vgl. Gf II 290) libidinis; hiernach über an- trum die Glosse huorhus lupuuar, vgl. 713 lupanar id. heidinera i. ueneris. Marginal zu sacrilege, worüber in- munde steht.

9. irvvuos procedit (apex, dar- über celsitudoj ; vgl. Gf 1086.

12. statda materia (est adjecta).

19. uuirdeniuendi retorquens, durch Punktierung des ersten r gebessert in uuider-\ da- gegen ungeändert 1142 wio^- dargeholita repetita, neben 1250 uaidazcdduon repetitan,

AUS DER STADTBIBLIOTITEK ZU FRANKFl'IiT AM MAIN.

79

20.

27.

28. 53.

54.

55.

58.

67.

81.

105. 109.

115. 124. 126.

138.

142. 147.

170.

172. 174.

183,

vgl. Formen und Glossen

Gf. I 635. 758. 762.

histanderi bellator (ecclesie

paulus); vgl. \n\\{\. hütender,

ahcl. ih histüonf propiiü:navi

Gf. VI 602.

analenidi (gressibus) instet.

irhannendi miseratus.

aderon uenis.

uirsperrent reserant.

icazzerlichon aequorreos gici-

hun laciis.

qifluzkla uadum (vgl. Gf. III

753).

anagewassinu innata (sc. lex;

vgl. anaganuahsan innata

Gf. I 686).

ler monstrat {leren monstrare

Gf. II 256); 74 ler sabbata.

cihrengine ponere; 1138 hren-

gm auferre.

aidaro humilis; 147 niderer

inferior.

durida pretium (libertatis).

hisigilan signare (cum lapide

sepulcrumj.

clingan resonare.

dritage triduo.

urä stellt über (de) lege;

wenn vram(?), zu de gehörig.

samammga (gentiles stu-

puere) globi; vgl. 506 gise-

mini agmina.

gimelduda prodidit.

hinderer breuior.

c l h df dm deflent.

egeleizimo gange frequenti

gressu (über motuque^ pro-

greditur claudus).

mittunt modo (so aucli Gf. II

666).

hohifgeheinde Coronas florum

(über deserta ministrant, vgl.

houpufguhentüi sortis Gf. III

138).

sprateliun am Ende der über

mactare (greges) fibrasque

tepentes stehenden Glossen

sacrificare uenas calidas (vgl.

184. 196. 204. 211.

218.

225.

248.

258.

280.

335.

456. 507.

spratalon palpitare Gf VI

392).

raff rage consulcro.

scadahafda dampnosa.

zuc captura.

ferro gelegenun (in) longin-

qua; bCA) f error gelegenun

ulteriora.

icercmesdar artifex (über ar-

chitectus).

ringi orbes (oculorum).

hilidi species.

hordumes iuris (apostolici);

1 '22Q herduom caput (mundi)^

1232 honor; 1218 herduomun

culmina (rome).

(in) froniski formositas, über

lux baptismate (mundatj.

hisidida (cenoque) grauati.

sin ingenn.

533.

548.

565. 569.

645.

886. 894. 937. 992.

1002.

1017. 1021. 1023. 1034. 1052. 1055.

spilestetin gymnasiis.

znimeriscun bimaris(que Co-

rinthi).

gegin kerif ingerit (oculos

radiisj.

uuerhan uersare (manu in

cithara).

iagonfi (pisces Petrus) agens.

umhifaranan lustratis (finibus

arua); vgl. umpipifaran con-

lustrare Gf. III 563.

anagefarinan peruasum flo-

cum hominem) ; vgl. ana-

giuaran pervadere Gf. 1. c.

locheta mulcet.

roum cannis.

aharefemo repetito.

imlisglegle suppliciis (vgl.

Gl. vi 773).'

anagenamun sili inposuere

sibi.

manageren plures.

scaron maniplis.

ersam honeste.

cuisca modesta n. pl.

lanc bardun (ad) latium.

ich bannun (ad cesaris solium

uosj prouoco.

80 K. MEYER. BRUCHSTÜCKE MITTELHOCHDEUTSCHER DICHTUNGEN.

105G.

1057. 1058.

10G9. 1072.

1073.

1078. 1083 1086. 1089.

qidingun appello [gidingo id. Gf. V 189).

duom stuol tribimal ; 1235 cheisar stol id. spanendeni stimulante (raetu) ; vol. u. a. gispuoii iustif^asset Gf. VI 339. spgeles iieli(que). doi'en Seen über incaudiiit in dem Verse : Rupta qies polagi tumidisque iucanduit undis^ über dessen vier ersten Wor- ten: est tranquillitas maris eleuatis.

stilli trugiUcha pax iicta (ma- ris) uuotda furit (öfters deut- sches Praeteritum neben lat. Praesens).

OK sfin steht über presidiis. sturnageles claui. hisuere obruat. nuangan (nicht uuagan) (hec solis radiis sub nubibus emi- cat) axis.

1092.

1098.

Jlll. 1122. 1157. 1172. 1175.

1176. 1177. 1195.

1210. 1225.

1233.

1248.

anagelizun sich indulsere

(cibis); vgl. gute indulsit Gf.

niissihuri ruina (vgl. Gf. III

168).

nzwerflinga iactura.

gefangenemo arrepta (tellure).

spachun sarmenta.

hiuundun probant.

cliuli cigangan glacies tepe-

facta.

cifuor soluitur (in cineres).

liizzun uapores.

meren (plenius, Gl. mani-

festius, in) clari (cernenda);

vgl. mari clarus Gf.

uuunnisamen nitidi (ueris).

hiuange (Petrus in ecclesie

surrexit) corpore (princeps);

vgl. Gf. III '413.

cheiserlichan corone , am

Schlüsse des Verses; darauf

folgt 1234 Cesareas.

diese h§c.

LORENZ DIEFENBACH.

BRUCHSTUCKE MITTELHOCHDEUTSCHER DICHTUNGEN AUS DER MITTELALTERLICHEN

SAMMLUNG ZU BASEL.

Im ersten Bande der Bruchstücke und Nachbildungen von Hand- schriften auf S. 73 befinden sich zwei mit 7.3 c und d bezeichnete Pergamentblättchen , welche Sprüche Reinmars von Zweter enthalten. Sie sind der Sammlung von Herrn Dr. ^lax Rieger in Darmstadt ge- schenkt worden und stammen, wie die von Crecelius in Haupts Zeit- schrift (X, 273 ffj mitgetheilten, aus dem Isenburgischen Archiv zu Schoenrain. Auf Format. Schrift, Interpunktion, Initialen u. s. w. passt das von Crecelius a. a. O. bemerkte so vollkommen, daß ich es hier nicht zu wiederholen brauche; die Blätter gehörten ohne Zweifel der- selben Hand.-5chrift an wie die dort mitgetheilten.

BRUCHSTÜCKE MITTELHOCHDEUTSCHER DICHTUNGEN. 81

Reinmar v. Zweier Spr. 89, 88, 90, 91, bei v. d. Hagen Ms. H, 193

73c S. 1. Sunden angesigt. wanne sunde sint ge- meine daz nieman lebet der gar on sun de si. des mag man alles sich erholn. wan dem der rehte gelaube vz sinem herze wirt verstoln. von den kristen dieben die vns mit falscher lere slichent bi. daz ist ein lere die also tiefFe gründet, daz sie mit sun den nieman vber sundet. nu wachet edele kristen wachet, daz vns der leiden ketzer rat. iht scheide von der trinitat. do mit wir sin zu kristenheit geraachet.

feunden,*) gclust mit widerw'. swer do mite ist behaft der stritet wid* ein kreftig her. wanne in vil sere anvihtet Sunden glust. mit kamphe manige stüt. Sunden gelust ist sunde niht. swenne er wirt sigelos vnd daz mit widerw* geschiht. Sunden gelust mit widerw'. tut croneb^n kemphen kunt. sunden gelust der din er lozzen were. daz der alle sunde gar v^bere. daz were niht ein marf crone. dem hung* 73c S. 2. nimm*" we getut. nimt got des vasten wol

vgut. daz ist ein dinc des got im selbe lone.

fewem**) liep geschiht vn doch nit wol. sw* des gan sinem frunde der gan im anders danne er sol. wan dru liep gesche he sint nit so gut alsam ein wol geschehen. er dunket mich ein wise man. der liep ge schehen vnd wol geschehen relit erkene kan. wanne liep geschehen vnd wol gesche hen die laut sich dicke sunder spehen. ' liep geschehen vil lute in kümer vellet. wol im zu dem sich wol geschehen gesel let. der ist der drier dinge lere, daz sunde

*) Initiale blau, roth verziert.

**) Initiale roth u. s. w. ; blaue und rothe Initialen wechseln regelmäßig mit

einander ab.

GERMANIA. Neue Reihe. VI. (XVni.) Jahrg. 6

30 K. MEYER. liRUCHSTÜCKE MITTELHOCHDEUTSCHER DICHTUNGEN.

1056.

1057. 1058.

lOGll 1072.

1073.

1078. 1083 1086. 1089.

gidingun nppello {gidingo id. Gf. V 189).

duom stuol tribunal: 1235 cheisar stol id. spanendem stimulante (metu) ; Vi::!, u. a. gispuon iustiij^asset Gf. VI 339. segeJes ueli(que). doren seen über incanduit in dem Verse : Rupta qies polagi tumidisqiie iucaiiduit undis, über dessen vier ersten Wor- ten: est tranquillitas maris eleuatis.

sfilli fnigih'cha pax licta (ma- ris) uuotda furit (öfters deut- sches Praeteritum neben lat. Praesens).

ou sfin steht über presidiis. sturnageles claui. hisuere obruat. uuangan (nicht uuagan) (hec solis radiis sub nubibus emi- cat) axis.

1092.

1098.

JllL. 1122. 1157. 1172. 1175.

1176. 1177. 1195.

1210.

1233.

1248.

anagelizun sich indulsere

(cibis); vj^l. gilie indulsit Gf.

missiburi ruina (vgl. Gf. III

168).

Kzicerßinga iactiira.

gefangenemo arrepta (telhire).

spachun sarmenta.

hf'mmdun probaut.

chull cigangan glacies tepe-

fixcta.

cifuor sohiitur (in cineres).

hizzini uapores.

meinen (plenius, Gl. mani-

festius, in) clari (cernenda);

vgl. mari clarus Gf.

uuunnisamen nitidi (ueris).

hiuange (Petrus in ecclesie

surrexit) corpore (princeps);

vgl. Gf. III '413.

cheiserlichan corone , am

Schlüsse des Verses; darauf

folgt 123^

diese hec.

folgt 1234 Cesareas.

LORENZ DIEFENBACH.

BRUCHSTÜCKE MITTELHOCHDEUTSCHER DlCHTUXGf:X AUS DER MITTELALTERLICHEN

SAMMLUNG ZU BASEL.

L

Im ersten Bande der Bruchstücke und Nachbildungen von Hand- schriften auf S. 73 befinden sich zwei mit 73 c und d bezeichnete Pergamentblättchen, welche Sprüche Reinmars von Zweter enthalten. Sie sind der Sammlung von Herrn Dr. Max Rieger in Darmstadt ge- schenkt worden und stammen, wie die von Crecelius in Haupts Zeit- schrift (X, 273 fi"; mitgetheilten, aus dem Isenburgischen Archiv zu Schoenrain. Auf Format, Schrift, Interpunktion, Initialen u. s. w. passt das von Crecelius a. a. 0. bemerkte so vollkommen, daß ich es hier nicht zu wiederholen brauche; die Blätter gehörten ohne Zweifel der- selben Handschrift an wie die dort mitgetheilten.

BRUCHSTÜCKE MITTELHOCHDEUTSCHER DICHTUNGEN. gl

Reinmar v. Zweier Spr. 89, 88, 90, 91, bei v. d. Hagen Ms. 11, 193

73c S. 1. Sunden angesigt. wanne simde sint ge- meine daz nieman lebet der gar on sun de si. des mag man alles sich erholn. wan dem der rehte gelaube vz sinem herze wirt verstoln. von den kristen dieben die vns mit falscher lere slichent bi. daz ist ein lere die also iieSe gründet, daz sie mit sun den nieman vber sundet. nu wachet edele kristen wachet, daz vns der leiden ketzer rat. iht scheide von der trinitat. do mit wir sin zu kristenheit geraachet.

feunden,*) gelust mit widerw'. swer do mite ist behaft der stritet wid* ein kreftig her. wanne in vil sere anvihtet Sunden glust. mit kamphe manige stüt. Sunden gelust ist sunde niht. swenne er wirt sigelos vnd daz mit widerw' geschiht. Sunden gelust mit widerw'. tut croneb^n kemphen kunt. sunden gelust der din er lozzen were. daz der alle sunde gar v^bere. daz were niht ein marf crone. dem hung* 73c S. 2. nimm*^ we getut. nimt got des vasten wol

vgut. daz ist ein dinc des got im selbe lone.

fewem**) liep geschiht vii doch nit wol. sw* des gan sinem frunde der gan im anders danne er sol. wan dru liep gesche he sint nit so gut alsam ein wol geschehen. er dunket mich ein wise man. der liep ge schehen vnd wol geschehen reht erkene kan. wanne liep geschehen vnd wol gesche hen die lant sich dicke sunder spehen. liep geschehen vil lute in kümer vellet. wol im zu dem sich wol geschehen gesel let. der ist der drier dinge lere, daz sunde

*) Initiale blau, roth verziert.

**) Initiale roth u. s. w. ; blaue und rothe Initialen wechseln regelmäßig mit einander ab.

GERMANIA. Neue Beihe. VI. (lYUl.) Jalirg. 6

82 K. MEYER

schände schade si. daz wol geschehen ist wandeis \Ti. daz liep geschehen ist dicke

VTeluckes rat ist sinewel. [wandelbere. im leuffet manig' nach doch ist ez vor im gar zu snel. vnd let sich doch erhiufe willecHch. den ez betriegen wil. sw' stiget vi geluckes rat. der darf wol gut' sinne, wie er behalte geluckes stat. daz ez vnd' Tod S. I. on ere geil, ir abent spil lip vn sele vneret. Ms. 11^ 198.

JJie haut die muzze selig sin. da mil te vnd eilen beide schone habent gehuset in. der zweier tugende mac ein selig man. von schulden wesen geil, ist aber eilen vberladen. mit erge in ein haut daz tut an wirde grozzen schaden, eile bi der erge erwirbet selten gutes mannes heil, sw^o milte vnd eilen sich behuset beide, daz ziert den lip alsam d' kle die beide, bot aber milte sich behuset. in zagen haut daz sol man klagen, so muz der schänden bürde tragen, vii wirt ir lop in schänden hol vercluset.

(jTerne gew n vngerne biten. sw' die zwei an im vindet lat. daz kümet von edeln siten. nider geheizzen vii hohe leisten die zwei sint gar lobelich. ein munt riehen worten vol. do bi ein itel herze die kleident niht zu sämen wol. do sint die hende müzzic bi des li 73d S. 2. be wolt ich schämen mich, der also gehen det geherzet were. get vz her lip ir lip ir sint \Timissebere. sin vngeneme wölke

e

gusse. ez si ein iuncfrawe od ein wip. di also missewenden lip. an sinen munt im

Uie milte [mer sloffende küsse, manigen herre hat. ir knehte d' weiz ich lutzel an min herze mir daz gat. gut leben wa.> bi ir knehten. nu ist die wile bi ir herre laug, ii herre sint so here gar.

BRUCHSTÜCKE MITTELHOCHDEUTSCHER DICHTUNGEN. 33

daz sie in ir keines herze nimm' woi enku met dar. wil sie mit ir iht wVben des müz sie warten vnd* einer banc. vn ob ir ein' lihte des geruchet. daz er sie durch guden wiHen suchet, d' stunde muz sie dän varen. des taten uiht ir knehte do. die envvur den nimm' fro. biz an die wile swenne

V ro milte [sie in ir dienste waren, ir sit vnd sit doch niht. die zwei vnd' einer wete des man iu d' wund' gibt, daz ir so werben kunnet. ich sage vch wie.

II.

Vier Pergamentblätter fol. von einer Hand des XIV. Jahrhunderts sauber und deutUch geschrieben, Blatt 2 und 4 sind vollständig er- halten, 1 und 3 hingegen sind am äußern Rande beschnitten. Den Inhalt der Blätter bilden Bruchstücke aus dem Kriege von Wartburg, welche im ganzen wie im einzelnen der Jenaer Handschrift nahe stehen. Ich habe die einzelnen Strophen daher nach Ettmüllers Ausgabe mit eingeklammerten Zahlen numeriert. Jede Seite enthält zwei Spalten, jede Spalte 3fe Zeilen; jede Spalte ist horizontal liniert und außerdem von zwei senkrechten Linien eingeschlossen.

Innerhalb einer Strophe sind die einzelnen Verse nirgends durch neue Zeilen hervorgehoben, wohl aber durch einen Punkt. Es finden sich ferner dreierlei Majuskeln. Erstlich am Anfang einer jeden Strophe abwechselnd rothe oder blaue große Initialen. S. 1 beginnt mit rothem H, und auf der verstümmelten S. 2 ist das einzige H ebenfalls roth; S. 3 beginnt mit blauem D, und S. 4 endigt mit rothem E; S. 5 be- ginnt wiederum mit blauem D, während S. 6 in Folge der Verstümm- lung bloß rothes V und blaues S enthält. S. 7 und 8 wiederum voll- ständig, beginnen mit rothem V und endigen mit blauem W. So- dann zweitens kleinere ebenfalls abwechselnd rothe oder blaue Initialen innerhalb der einzelnen Strophen. In den Strophen, welche im Thüringer Herrenton gedichtet sind, also S. 1 4, beginnt regelmäßig der fünfte, neunte und dreizehnte Vers mit einer solchen Initiale; die erste der- selben, S. 1 Sp. 1 Z. 1 ist blau, auf S. 2 (Str. 10) folgen hingegen zwei blaue (D und I) unmittelbar auf einander; auch auf S. 4 Sp. 1 Z. 4 ist das S roth statt blau. In den Strophen des schwarzen Tones hin- gegen, S. 5 8, beginnt die vierte, siebente und achte Zeile mit einer solchen kleinem Initiale. Die erste, das D, S. 5 Sp. 1 Z. 6 ist roth;

G*

34 K- :meyer

nur Str. 26 Z. 4 fehlt dieselbe (D) ganz, und Str. 27 sollten die beiden W blau und das N roth sein, während sich die Sache in Wirklichkeit o-erade umsekehrt verhalt. Der Punkt, welcher sonst am Schlüsse der einzelnen Verse steht, fehlt vor diesen gemalten Initialen regelmäßig. Drittens endlich mit Tinte geschriebene ^Majuskeln zu Anfang jedes Verses, der nicht mit einer gemalten Initiale beginnt. Diese letztern sind übrigens häufig von den Minuskeln f:ist gar nicht zu unterscheiden; ich habe jedoch in der Regel in unsichern Fällen die Majuskel gesetzt, da dieselbe von dem Schreiber jedesfalls beabsichtigt war.

Die Namen der Sänger stehen auf S. 1 4 roth gemalt rechts über den ihnen zugeschriebenen Strophen, hinter den letzten Worten der vorhergehenden.

Was die Orthographie dieser Bruchstücke betrifft, so ist das vor e und i fast überall für g gesetzte gh sehr auffallend; auch dh für d kommt vor, jedoch bei weitem weniger häufig als jenes. Statt z steht im Anlaut überall tz. Auf dem Gebiete des Vocalismus findet sich mehr- mals o statt u (wordhen = wurden u. s. w.), ferner sehr häufig y statt i und i (myr; vry, by), ey statt ei (heynrich, reymar). Das i trägt öfters einen Strich (i), jedoch keineswegs überall. Einiges, namentlich das so häufige gh, ist sonst dem Niederländischen eigenthümlich. Da aber im allgemeinen die Sprache der Handschrift die mittelhochdeutsche ist, so mag jenes bloß der Individualität des Schreibers zuzuschreiben sein.

Bei den beschnittenen Blättern (S. 1 und 2, 5 und 6) habe ich an die Stelle aller nur unvollständig erhaltenen Buchstaben einen Punkt gesetzt, auch wo dieselben aus dem Zusammenhange leicht zu errathen waren.

S. 6 Sp. 2 ist durch einen großen Tintenfleck ein Wort unleserlich geworden.

III, 145, S. 1. danc vnde setzet swen er wil Daz kvnst vur

saget ir wol an keiser otten da scouwen b

von brvneswich. Den schiet er Swen ich g

von me riebe vnde tete in mani- tac. alrest.

ger eren vry. heynrich von öfter- nymmer

dinghen swich. Vnde miz sie ke vursten g

ghen eyn ander nicht daz vn- singhen i

ghemezzen sy Swelich leite- Von ysen

hvnt wil suchen vnrechte vart. ber vns.

des sit ghemant. eyn straf ym syme swe

wart. By myner tzit von synes an vnser

meisters hant. Ofterdinge Swem m.

(7) n er scriber ir noch vwer hant vür bite. .

H

BRUCHSTÜCKE MITTELHOCHDEUTSCHER DICHTUNGEN.

85

(8)

die mvghent myn meistcr nicht

p^hesyn als uwer ravnt vur iach. (9)

Reymar von tzwcten si dar tzv

benant vnde der von eschenbach.

Her Walter den ich itzv sach.

Swaz Singer leben in divsdischen

landen hie oder anders wa. Eyn

kra tzv eynem edhelen valken

spracli. her guckuc sit ir da Der

selben kra der habet ir wol ^he

tan an myr ghelich. Her scriber

do ir von dem leitehvnde kvnden

saghen. Ich byn v. doch tzv kvns-

ten rieh. Ja mvzet ir in welfes

wise div wider verte iagen Myn

ticht daz ist von meister kvnsten

siecht. Ich wil vch weren. Rup

hart myn knecht. Müz uwer

hat ^) den toren gheliche scheren.

Nv wirt ghesvngen. scriber. ane vridhe. Synt uwer kne- cht myn reytez har sol toren ghe- liche scher. He walter komet bal (10) de mit der widhe. Den haher brin- ghet her. So tzeig ich waz min

U:

ze le.

on d bei. Lobet den edhel vurstcn s Wen er i Vvolt i Wes phli des wirt edhelen ghewant kleyt De heym tz. hant. Da chen mv rieh, her Wa vind tughend. ter kvnst ouch. Na mer gou lob mit.

JiiHch sprich et

III, 145, S. 2. vz osterrich (10) at. Der ir strebet, by ym . vninghe lebet. Die nt. Div so der pres en. senende ruwe set. n vlüt De ners büz .r edhele

tzorn wil lenger swighen nicht her scriber daghet mir. Ich sie ein