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GRIECHISCHE

GESCHICHTE

VON

KARL JULIUS BELOCH

ZWEITE NEUGESTALTETE AUFLAGE

DRITTER BAND

BIS AUF ARISTOTELES UND DIE EROBERUNG ASIENS

ERSTE ABTEILUNG

BERLIN UND LEIPZIG 1922 VEREINIGUNG WISSENSCHAFTLICHER VERLEGER

;W ALTER DE GRUYTER & Co. VORM. G. J. GÖSCHENSCHE VERLAGSHANDLUNG J. GUTTENTAG VERLAGSBUCH- HANDLUNG — GEORG REIMER KARL J. TRÜBNER VEIT & COMP.

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Alle Rechte, besonders das Recht der Uebersetzung, sind vorbehalten.

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VORWORT.

Das Manuscript des vorliegenden Bandes, auch der zweiten Abteilung, war im Sommer 1914 vollendet; der Druck hätte im Herbst beginnen sollen. Da kam der Weltkrieg; und so hat die Ausgabe, die für Ostern 1915 in Ausicht genommen war, sich um 7 Jahre verzögert. Natürlich habe ich das Manu- script noch einmal durchgearbeitet unter Berücksichtigung der inzwischen erschienenen Literatur. Bei den heutigen Verhältnissen wird mir von dieser manches entgangen sein; ich glaubte aber den Band, der schon seit so vielen Jahren vergriffen ist, nicht noch länger zurückhalten zu dürfen. Freundliche Zusendung etwa übersehener Arbeiten wäre im Interesse der Sache sehr erwünscht; sie würden in der zweiten Abteilung nach Möglichkeit Berücksichtigung finden.

Die Inschriften sind nach dem Inscriptiones graecae {IG.) zitiert, soweit sie bereits darin enthalten sind, sonst nach Dittenberger, Sylloge, und nur, falls sie auch dort fehlen, nach anderen Publikationen. Über die Echtheit der platonischen Dialoge, der Privatreden im demosthenischen Corpus usw. in jedem Falle zu urteilen masse ich mir nicht an. Ich habe also die Namen der Verfasser nur da in Klammern gesetzt, wo die Unechtheit handgreiflich und allgemein anerkannt ist; daraus folgt aber keineswegs, dass ich nun alles übrige für echt hielte.

Die erste Auflage dieses Bandes ist in Strassburg er- schienen. Ich habe das feste Vertrauen, dass die dritte Auflage wieder in Strassburg erscheinen' kann.

Karl Julius Beloch.

INHALT.

I. Abschnitt.

Der Spartanische Krieg.

Aufgaben der Politik Spartas 1. Lysandros 1. Organisation des Reiches 2. Die oligarchische Restauration 4. Die Dreissig in Athen 5. Kritias 6. Die Schreckensherrschaft 7. Theraraenes' Hinrichtung 7. Alkibiades' Ermordung 8. Die Verbannten 8. Thrasybulos in Phyle 9, Sturz der Dreissig 10. Spartanische Intervention 11. Pausanias in Attika 11. Versöhnung der Parteien in Athen 12. Die neue Verfassung 13. Wiedervereinigung mit Eleusis 14. Lysandros' Sturz 15. Krieg gegen Elis 17. Vertreibung der Messenier aus Naupaktos 19. Klearchos in Byzantion 20. Soziale Revolution in Thessalien 21. Archelaos von Make- donien 23. Makedonische und spartanische Intervention in Thessalien 24. Agesilaos König von Sparta 26. Lysandros' Reformpläne 26. Verschwörung Kinadons 28.

II. Abschnitt.

Der Befreiungskrieg.

Thronwechsel in Persien 28. König Artaxerxe« 29. Abfall Aegyptens 29. Kyros' Rüstungen 30. Sein Zug gegen Artaxerxes 32. Rückzug der Zehntausend 33. Thibron in Kleinasien 34. Derkylidas 35. Ver- handlungen mit Persien 36. Euagoras von Salamis 37. Persische Flotten- rüatung 38. Feldzug in Karien 39. Konon in Kaunos 39. Agesilaos in Asien 40. Abfall von Rhodos zu Konon 41. Sturz der Diagoriden 43. Schlacht bei Sardes 45. Tissaphernes' Sturz 46. Agesilaos' Zug nach Phrygien 46. Ergebnis 47. Soziale Reformen in Syrakus 49. Die Tyrannenburg 49. Revolution gegen Dionysios 50. Die neue Verfassung 51. Eroberung der chalkidischen Städte 52. Rüstungen gegen Karthago 53. Kriegserklärung 54. Befreiung der Griechenstädte 54. Einnahme von Motye 55. Karthagische Offensive in Sicilien 56. Einnahme von Messene 56. Schlacht bei Katane 57. Belagerung von Syrakus 57. Vernichtung des Belagerungsheeres 59. Folgen der Katastrophe 60.

VI Inhalt.

III. Abschnitt.

Der Korinthische Krieg und der Königsfrieden.

Stimmung in Griechenland 61. Boeotien 62. Korinth 63. Athen 63. Verhältnis zu Sparta 65. Dorieus und Timokrates 66. Ausbruch des Krieges 67. Schlacht bei Haliartos 68. Koalition gegen Sparta 70. Pausanias abgesetzt 71. Agesilaos zurückgerufen 72. Schlacht am Nemea- bach 72. Schlacht bei Koroneia 73. Der Seekrieg 74. Schlacht bei Knidos 76. Folgen der Schlacht 77. Konon in Griechenland 77. DemokrHtische Revolution in Korinth 79. Schlacht beim Lechaeon 80. Friedensverhandlungen 80. Die Volkspartei in Athen. Agyrrhios 82. Verwerfung des Friedens 83. Konons Verhaftung und Tod 84. Spar- tanische Offensive am Isthmos 85. Iphikrates' Sieg beim Lechaeon 86. Agesilaos in Akarnanien 86. Krieg in Kleinasien 87. Neuschöpfung der athenischen Flotte 88. Aufstand des Euagoras 89. Wiederaufrichtung des athenischen Reiches 90. Thrasybulos' Absetzung und Ende 91. Kämpfe vor Aegina 92. Kämpfe am Hellespont 92. Friede zwischen Sparta und Persien 93. Antalkidas am Hellespont 94. Der Königsfrieden 94. Die Griechen in Asien 95. Persischer Angriff auf Aegypten 96. Krieg gegen Euagoras 97. Abfall des Glos 99. Zerstörung von Mantineia 100. Der Chalkidische Bund 101. Thronwirren in Makedonien 101. Beginn des Chalkidischen Krieges 103. Besetzung der Kadmeia 104. Unter- werfung Olynths 106. Belagerung von Phleius 107. Machtstellung Spartas 107. König Agesilaos 108.

IV. Abschnitt.

Die Militärmonarchie in Sicilien und am Pontos.

Neuordnung Siciliens 110. Krieg mit Rhegion 111. Frieden mit Karthago 112. Der Italiotische Bund 113. Krieg mit den Italioten 114. Schlacht am Eleporos 115. Fall von Rhegion 116. Dionysios' Intervention in Griechenland 117. Kolonien am Adriatischen Meere 118. Expedition nach Etrurien 120. Zwist im syrakusischen Herrscherhause 121. Dritter Karthagerkrieg 122. Schlachten bei Kabala und Kronion 123. Frieden mit Karthago 124. Tarent an der Spitze des Italiotischen Bundes 125. Hilfsendungen nach Griechenland 125. Letzter Karthagerkrieg 126. Dionysios' Tod 127. Sein Charakter 127. Die Thronfolge 129. Dionysios der jüngere 129. Dion 131. Die Tyrannis am Pontos 132. Das Bospo- ranische Reich 132. Leukon und seine Söhne 134. Verfassung des Reiches 135. Sinope 136. Klearchos von Herakleia 137. Seine Nachfolger 139.

V. Abschnitt.

Die Wiedererhebung der Demokratie.

Sparta und die öffentliche Meinung 140. Athen nach dem Königs- frieden 140. Iphikrates und Chabrias 142. Timotheos 143. Beziehungen

Inhalt. VH

zu Persien und Spai-ta 144. Befreiung Thebens 144. Kleombrotos in Boeotien 146. Zug des Sphodrias 147. Bruch zwischen Athen und Sparta 147. Agesilaos vor Theben 148. Der dritte Attische Seebund 149. Neubau der athenischen Flotte 152. Schlacht bei Naxos 153. Timotheos im Ionischen Meere 154. Kämpfe in Boeotien 155. Friedensschluss 155. Wiederausbruch des Krieges 156. Timotheos' Prozess 158. Entsatz von Kerkyra 159. Fortschritte der Thebaner 161. Der Frieden 162. Theben nimmt den Frieden nicht an 162. lason von Pherae 164. Spartanische Offensive nach Boeotien 166. Schlacht bei Leuktra 167. lason in Boeotien 169. Seine Ermordung 170. Die Thronfolge in Thessalien 170. Aus- breitung Thebens in Mittelgriechenland 171.

VI. Abschnitt.

Das Übergewicht Thebens.

Grundlagen der Machtstellung Spartas 172. Zerfall des Peloponnesischen Bundes 173. Demokratische Bewegung im Peloponnes 174. Der Pöbel- aufstand in Argos 173. Einigung von Arkadien 175. Agesilaos in Ar- kadien 176. Epameinondas vor Sparta 177. Wiederherstellung Messenes 179. Athen im Bündnis mit Sparta und Syrakus 179. Epameinondas' zweiter Zug in den Peloponnes 180. Pelopidas in Thessalien und Make- donien 180. Epameinondas' Prozess 181. Friedenskongress in Delphi 181. Thronwirren in Makedonien 182. Krieg gegen Alexandros von Pherae 182. Aufschwung Arkadiens 183. Die tränenlose Schlacht 185. Gründung von Megalepolis 186. Epameinondas' dritter Zug in den Pelo- ponnes 187. Euphron von Sikyon 187. Friedensverhandlungen in Susa 188. Kongress in Theben 189. Oropos fällt von Athen ab 189. Der oropische Prozess 190. Bündnis zwischen Athen und Arkadien 190. Korinth schliesst Frieden mit Theben 191. Euphron ermordet 191. Wirren in Korinth 192. Agesilaos in Asien 193. Samos von Timotheos ge- nommen 194. Krieg um Amphipolis 194. Epameinondas' Flottengründung 196. Epameinondas im Hellespont 197. Schlacht bei Kynoskephalae 198. Frieden mit Alexandros von Pherae 200. Zerstörung von Orcho- menos 200. Krieg zwischen Arkadien und Elis 201. Schlacht in der Altis 203. Spaltung im Arkadischen Bunde 204. Intervention Thebens 204. Epameinondas' letzter Feldzug 205. Schlacht bei Mantineia 206. Der Frieden 208. Epameinondas als Staatsmann 209.

VII. Abschnitt.

Der Zerfall der hellenischen Grossmächte.

Persischer Angriff auf Aegypten 211. Aufstand des Datames 212. Aufstand des Ariobarzanes 213. Der grosse Satrapenaufstand 213. Agesi- laos in Aegypten 214. Zusammenbruch des Aufstandes 215. Revolution

VIII Inhalt.

in Aegypten. Agesilaos' Tod 216. Athen im Kriege mit Alexandros von Pherae 217. Das Odryserreich 218. Krieg Athens gegen Kotys; Chari- demos 219. Fortgang des Krieges um Amphipolis 220. Strategenprozesse in Athen, Kallistratos' Ende 220. Euboea wieder athenisch 222. Zerfall des Odryserreiches 222. Anarchie in Makedonien 224. Philipps Anfänge 225. Sein Sieg über die lUyrier 226. Alexandros von Pherae ermordet. Die Söhne lasons 227. Philipp erobert Amphipolis 229. Krieg mit Athen 230. Krieg um Krenides 231. Philipp nimmt den Königstitel an 232. Das Fürstentum Karien 233. Hekatomnos. Maussollos 234. Halikarnassos 236. Der Bundesgenossenkrieg 237. Angriff auf Chios. Chabrias' Tod 238. Schlacht bei Embata 239. Der Feldherrenprozess 240. Chares 241. Ochos König von Persien. Aufstand des Artabazos und Orontes 242. Athen im Bunde mit Artabazos 243. Frieden mit den Bundesgenossen 244. Theben und Phokis 245. Ursprung des Heiligen Krieges 246. Besetzung von Delphi 247. Kriegsbeschluss der Amphiktionen 248. Philo- melos' Siege. Sein Tod 249. Pammenes in Asien 250. Die Militär- diktatur in Phokis 251. Onomarchos' Eroberungen 252. Philipp in Thessalien 253. Onomarchos auf der Höhe seiner Macht 254. Republi- kanische Opposition in Syrakus 255. Dion in der Verbannung 255. Seine Rückkehr nach Sicilien 257. Kämpfe in Syrakus 259, Dion Tyrann von Syrakus 260. Seine Ermordung 261. Anarchie in Sicilien 262.

VIII. Abschnitt.

Die Bevölkerung.

Die Bevölkerung als Machtfaktor 263. Wachstum im V. Jahrhundert. Kriegsverluste 264. Revolutionen. Epidemien. Auswanderung 266. Bürgerlisten. Zählungen. Aufgebote 267. Besitzende und Nichtbesitzende 268. Bürgerzahl 269. Verhältnis der Geschlechter 269. Altersaufbau 270. Metoeken. Sklaven 272. Athen 273. Megaris 274. Korinth 275. Sikyon. Phleius 276. Die argolische Akte. Aegina 277. Argos 278. Arkadien 279. Achaia 280. Eleia 281. Lakonien 282. Messenien 285. Gesamtbevölkerung des Peloponnes 285. Boeotien 286. Euboea 287. Phokis 288. Lokris. Doris 289. Aetolien 290. Akar- nanien. Leukas. Ambrakia 291. Die westgriechischen Inseln 292. Epeiros. Athamanien 293. Thessalien 293. Makedonien 295. Gesamtbevölkerung der griechischen Halbinsel 297. Die Inseln des Aegaeischen Meeres 299. Kreta 300. Die kleinasiatische Westküste 301. Die thrakische Südküste. Hellespont und Pontos. Kypros 302. Kyrenaike 303. Sicilien 303. Italien 306. Massalia 308. Gesamtbevölkerung der griechischen Welt 308. Das Spartanische Reich 309. Athen und der Seebund 310. Der Thebanische Bund 311. Das Reich des Dionysios 312. Das Reich Philipps 312.

Inhalt. IX

IX. Abschnitt.

Die wirtschaftliche Entwickelung seit dem Peloponnesischen

Kriege.

Folgen der Kriege 313. Landwirtschaft 315. Industrie 317. Grossbetrieb 318. Eentabilität 319. Fabriksklaven 321. Kleingewerbe 323. Mittelpunkte der Industrie 323. Einfuhr: Rohstoffe. Nahrungs- mittel 324. Industrieprodukte 325. Ausfuhr: Öl und Wein, Industrie- produkte 326. Betrag der Handelsbewegung 327. Zölle 328. Be- schränkungen der Handelsfreiheit 328. Seeraub 329. Frachten 330. Zinsfuss 330. Seezins 331. Bankwesen 332. Steuerpacht 334. Berg- bau 335. Münzwesen 338. Steigen der Preise 339. Arbeitslöhne 340. Sold 341. Lebenshaltung 342. Feste und Festgelder 343. Verteilung in Athen 344. in Sparta 345. Die Übervölkerung 345. Söldnerwesen 347. Die Verbannten 348. Die Heilmittel 350.

X. Abschnitt.

Literatur und Kunst.

Geistiges Leben im IV. Jahrhundert 350. Rhetorik 351. Thrasy- machos. Lysias 351. Polykrates und seine Schule 352. Alkimachos 353. Isokrates 353. Demosthenes 356. Aeschines 358. Hypereides 359. Andere Redner 360. Der Dialog 360. Dichtkunst 351. Dramatische Aufführungen 362. Tragödie 363. Komödie 364. Epos: Choerilos 365. Antimachos 366, Musik 366. Ausübende Künstler 367. Bildende Kunst 368. Mittelpunkte der Kunsttätigkeit 369. Tempelbauten 369. Tlieater 372. Paläste. Das Maussolleion 373. Götterbilder 374. Ehren- statuen 375. Skopas 376. Praxiteles 376. Die attische Bildhauer- schule 377. Grabreliefs 378. Lysippos 379. Malerei 380. Theba- nisch-attische Schule 381. Sikyonische Schule 381. Apelles 382. Vasenmalerei 383. Kleinkunst 383. Realismus in der Kunst 384.

XL Abschnitt.

Der Ausbau der Wissenschaft.

Erkenntnistheoretische Zweifel 385. Sokrates' Prozess 386. Folgen des Prozesses 387. Antisthenes 388. Piaton : Bildungsgang 389. Reli- giöser Glaube 391. Staatslehre 392. Metaphysik 395. Lehrtätigkeit 396. Fortleben der Sophistik 397. Aristippos 397. Geschichtsforschung 398. Ktesias 399. Philiatos 400. Kratippos 400. Xenophon 401. Theopompos 401. Kallisthenes 404. Boeotische Gesehichtschreiber 405. Anaximenes 405. Ephoros 406. Erdkunde 408. Astronomie 409. Mathematik 410. Eudoxos 411. Medizin 412. Die Akademie nach

Inhalt.

Piatons Tode 414. Aristoteles: Leben 415. Organisation der wissenschaft- lichen Arbeit 417. Logik, Rhetorik, Zoologie, Physik 419. Metaphysik 420. Psychologie 421. Ethik 422. Staatslehre 423. Die Politien 426. Das aristotelische System 426.

XIL Abschnitt.

Die Gesellschaft und ihre Organisation.

Verbreitung der wissenschaftlichen Bildung 427. Der Staat und die Wissenschaft 427. Ethischer Fortschritt 428. Verfall des kriegerischen Geistes 429. Gemeinsinn 430. Humanität 431. Die Frauen 432. -r Auffassung der Ehe 433. Hetaeren 434. Athen geistiger Mittelpunkt 435. Buchhandel 437. Gymnastik 437. Demokratie und Oligarchie 438. Die ,, gemischte" Verfassung 439. Reformen in der Rechtspflege 440. Gesetzgebung 441. Finanzwesen 442. Monopole und indirekte Steuern 442. Direkte Steuern 443. Leiturgien 445. Säkularisierung der Tempelschätze 447. Anleihen, Konfiskationen 448. Folgen der finan- ziellen Bedrängnis 449. Finanzämter 450. Finanzielle Kapazitäten 451. Finanzwissenschaft 451. Kriegswesen 452. Reiterei 452. Leichte Truppen. Peltasten 453. Die makedonische Phalanx 454. Taktik 455. Reformen Xenophons 455. Die schiefe Schlachtordnung 456. Taktik der verbun- denen Waffen 457. Belagerungskrieg 459. Geschütze 457. Befestigungs- kunst 460. Seekrieg 460 Strategie 462. Die Condottieren 463. Xenophon 463. Kriegswissenschaftliche Literatur 464. Politische Folgen 465. Der monarchische Gedanke 466.

XIIL Abschnitt.

Die neue Grossmacht im Norden.

Die nordgriechischen Landschaften 468. Staatsverfassung 469. J^in- dringen griechischer Bildung 470. Reform der Verwaltung 471. Der Epeirotische Bund 472. Einigung von Makedonien 473. Ziele der make- donischen Politik 474. Philippos 474. Schlacht auf dem Krokosfelde 476. Sturz der Tyrannis von Pherae 477. Philipp Herr von Thessalien 478. Philipp an den Thermopylen 479. Krieg im Peloponnes 480. Kämpfe in Lokris. Phayllos' Tod 481. Artabazos aus seiner Satrapie ver- trieben 482. Fortgang des Heiligen Krieges 483. Athen unter Eubulo«' Verwaltung 483. Rhodos, Kos und Chios unter karischer Herrschaft 486. Athen und Persien 487. Athen im Bündnis mit Kersebleptes. Einnahme von Sestos 489. Philipp in Illyrien, Epeiros, Thrakien 490. Olynthischer Krieg 492. Bündnis Olynths mit Athen, Abfall Euboeas 494. Fall von Olynth 496. Beginnender Umschwung in Athen 498. Demosthenes 498. Philipps Feldzug nach Thrakien 500. Wirren in Phokis 501. Eröffnung der Friedensverhandlungen 591. Athenische Gesandtschaft in Pella 503.

Inhalt, XI

Der Frieden des Philokrates 504. Philipp unterwirft Kersebleptes 505. Verhandlungen in Pella 506. Demostiienes' politische Ziele 507. Ratifi- zierung des Friedens 509. Ende des Heiligen Krieges 509. Haltung Athens 510. Neuordnung der Dinge in Phokis 511. Athen im Konflikt mit Philipp 513. Athen gibt nach 514. Ergebnis 515,

XIV. Abschnitt.

Die griechische Einheit.

Der Stadtstaat 515. Synoekismos 516. Bundesstaaten 517. Die Bundesverfassungen 518, Folgen dieser Entwickelung 519. Einheits- bewegung im Geistesleben 520. Der politische Einheitsgedanke 520. Iso- krates 522. Isokrates und Philippos 524. Ochos' Niederlage in Aegypten 525. Aufstand in Phoenikien und Kypros 526. Die politische Lage 527. Philipp in lUyrien 527. Neuordnung Thessaliens 528. Prozess gegen Timarchos 532. Die delische Sache 532. Die Perser auf Kypros 533. Einnahme von Sidon 535. Unterwerfung Aegyptens 536. Vertrag Philipps mit Persien 538. Peloponnesische Wirren 539. Philipp und Athen 540. Revolution in Elis 541. Philipp gewinnt Eretria und Oreos 541. Megara im Bund mit Athen 542. Prozess gegen Aeschines 543. Arybbas aus Epeiros vertrieben 545, Bündnisse Athens mit den peloponnesischen Staaten 545, Halonncsos 547, Philipp erobert Thrakien 548, Demosthenes treibt zum Kriege 549. Diopeithes im Chersoncs 550. Kriegsvorbereitungen Athens 551. Befreiung Euboeas 552, Terrorisierung der Friedenspartei in Athen 553, Hellenischer Bund gegen Philipp 554. Belagerung von Perinthos 555. Kriegserklärung Athens 555. Belagerung von Byzantion 556. Philipp an der Donau 557. Demosthenes' finanzielle Reformen 558. Stimmung in Theben 559. Amphissa 560. Philipp besetzt Ela- teia 563. Theben im Bund mit Athen 564. Friedensverhandlungen 565. Kämpfe in Phokis 566. Philipps Sieg bei Amphissa 567. Schlacht bei Chaeroneia 568. Unterwerfung Thebens 569. Eindruck in Athen 570. Demades 571. Friedensschluss 572. Philipp im Peloponnes 574. Der Korinthische Bund 575. Einigung Griechenlands 576, Widerstreben der grösseren Staaten 579. Weltgeschichtliches Ergebnis 580.

XV, Abschnitt.

Die Freiheitskämpfe der Westhellenen.

Anarchie in Sicilien 580. Korinthische Intervention 581. Haltung Karthagos 581. Hiketas nimmt Syrakus 582. Timoleon in Sicilien 582. Dionysios' Abdankung 583. Timoleon nimmt Syrakus 584. Schlacht am Krimisos 585. Koalition gegen Timoleon 586. Frieden mit Karthago 587. Sturz der Tyrannen 588. Neuordnung Siciliens 589. Verfassung

XII Inhalt.

von Syrakus 589. Der Sikeliotische Bund 591. Timoleons Rücktritt und Ende 592. Die Brettier 593. Arehidamos in Italien 594. Alezandros von Epeiros 591.

XVI. Abschnitt.

Die Eroberung^ Asiens.

Das Perserreich im IV. Jahrhundert 599. Das persische Heer 600. Persien und Griechenland 601. Eröffnung des Perserkrieges 601. Thron- wirren in Persien 603. Beginnender Abfall in Kleinasien 604. Philipp und Olympias 604. Philipps Ermordung 605. Die Schuldigen 606. Die Thronfolge 607. Athen nach dem Frieden 608. Lykurgos 609. Finanzverwaltung 610. Reformen im Kriegswesen 610. Alexander in Griechenland 612. Attalos' Ermordung 613. Alexanders Zug an die Donau 614. Erhebung Thebens 615. Einnahme von Theben 616. Ein- druck in Griechenland 618. Abkommen mit Athen 618. Der Krieg in Kleinasien 619. Aufbruch Alexanders zum Perserkrieg 620. Das Heer Alexanders 621. Haltung Athens 622. Übergang über den Hellespont 626. Schlacht am Granikos 624. Folgen der Schlacht 626. Einnahme von Milet 626. Belagerung von Halikarnassos 627. Eroberung Klein- asiens 628. Offensive der persischen Flotte 629. Alexander in Kilikien 631. Offensive des Grosskönigs 632. Schlacht bei Issos 633. Auflösung der persischen Flotte 634. Friedensverhandlungen 636. Dareios' Rüstungen 638. Alexander in Syrien 638. Belagerung von Tyros 639. Alexander in Aegypten 640. Zug zum Tempel des Ammon 641. Kämpfe in Klein- asien 641. Vormarsch gegen Dareios 642. Schlacht bei Arbela 643. Einnahme von Babylon und Susa 645. Krieg gegen Sparta 646. Schlacht bei Megalepolis 648. Unterwerfung Spartas 649. Eroberung von Persis 649. Eroberung von Medien 650. Ende des Perserreiches 650. Ein- druck auf die Zeitgenossen 651.

!ll2l Aufgaben der Politik Spnrtas. Lysandros.

I. Abschnitt. Das Spartanische Reich.

Das attische Reich lag in Trümmern; die Städte, die ihm angehört hatten, erkannten ohne Widerspruch Sparta als Vorort an \ Zum ersten Male, seit es eine Geschichte gab, war Hellas geeinigt 2. Freilich um teuren Preis. Die kleinasiatischen Griechen städte waren zum grössten Teil den Persern ausgeliefert, und in Sicilien hatte Karthago sein Gebiet bis fast an die Tore von Syrakus vorgeschoben. Welche gewaltige Aufgabe für Sparta, wenn das Programm, mit dem es in den Krieg eingetreten war, die Freiheit aller Hellenen, zur Wahrheit werden sollte.

Und nicht weniger wichtige Aufgaben harrten im Inneren ihrer Lösung. Es galt all das Unrecht gut zu machen, das Athen während des letzten halben Jahrhunderts an hellenischen Gemeinden verübt hatte, soweit begangenes Unrecht sich überhaupt gut machen lässt ; es galt die Hege- monie Spartas auch da zur Geltung zu bringen, wo der Partikularismus ihr die Anerkennung noch weigerte; es galt endlich und vor allem, der Nation eine feste politische Organi- sation zu geben, die bei möglichster Schonung der Freiheit der Einzelstaaten doch ihre militärischen und finanziellen Kräfte für den Fall des Bedarfs dem Vororte zur Ver- fügung stellte.

Es konnte nicht fehlen, dass die Lösung dieser Auf- gaben zunächst in die Hände des Mannes gelegt wurde, dem Sparta mehr als irgendeinem andern seine jetzige Machtstellung zu verdanken hatte. Lysandros stand jetzt

1 Vergl. Xen. Anab. VI 6, 12—15, Hell. III 1, 5.

Denn von 480 478 hatte Sparta wohl die Führnng im Kriege gegen Persien gehabt, zu einer staatsrechtlichen Einigung der Nation aber war nicht «inmal ein Anfang gemacht worden.

Belocli, Griech. Geschichte III. 1

2 I. Ahj=chnitt. Das Spartanisohe Reich. [HSJ

im vollen Glänze seiner Siege, auf der Höhe seiner Po- pularität. Da eine Wiederwahl zum Nauarchen verfassungs- mässig nicht statthaft war (oben II 1, S. 423 und 2, § 115), wurde diese Würde seinem Bruder Libys übertragen, und damit tatsächlich der Befehl über die Flotte und die über- seeischen Besitzungen auf ein weiteres Jahr (404/3) in Lysan- dros' Hände gelegt K Auch sonst wurden ihm die verdienten Ehren in reichstem Masse zuteil. In der Statuengruppe, die Sparta zum Gedächtnis des Sieges an der heiligen Stätte von Delphi errichten liess, stand neben den Dioskuren, Zeus, ApoUon und Artemis auch Lysandros, von Poseidon be- kränzt, von seinen Offizieren umgeben 2. Die Ephesier er- richteten ihm eine Bildsäule im Tempel ihrer Stadtgöttin Artemis, ja in Samos, wo man zur Dankbarkeit allerdings ganz besonderen Grund hatte, ging man so weit, das Haupt- fest der Stadt, das bisher zu Ehren der Hera begangen worden war, fortan zu Ehren Lysandros' zu feiern ^. Hier und in anderen befreiten Städten wurden ihm Altäre ge- weiht, und wie einem Heroen Opfer gebracht und Hymnen gesungen *. Noch nie hatte ein Mann in Griechenland solches Ansehen besessen und eine solche Machtfülle in seinen Händen vereinigt.

Zunächst wurden nun die Bewohner von Aegina, Melos Oreos, Poteidaea, Skione zurückgeführt, die einst durch die Athener von Haus und Hof vertrieben worden waren ^

* Xen. ffell. II 4, 28. Dass die Ephorenwahlen unter diesen Umständen nicht gegen Lysandros ausfallen konnten ist klar, auch haben ja die Ephoren bis tief in den nächsten Sommer hinein dessen Politik unierstüizt. Wenn wir dann, etwa im August 403, 3 Ephoren auf der Gegenseite finden (Xen. Hell. II 4, 29; die beiden anderen standen aL-o auch jetzt zu Lysandros), so gehören sie wahrscheinlich bereits dem Kollegium des neuen Jahres an, das eben um diese Zeit ins Amt trat, s. oben II 2, S. 270, unten 2. Abt. § 82.

" Pomtow, Athen. Mitt, XXXI, 1906, S. 492 ff., Fouilka de Delphea III 1, S. 24 ff., Paus. X 9, 7-10.

' Paus. VI 3, 14. 15, vgl. He^ych. AoadvSpeto.

* Duris bei Plut. Lys. 18 und Athen. XV 6ii6e {FGH U. 484 f.).

" Xen. Hell. II 2, 9, Plut. Lya. 14. Die Aeginct« n eind wohl schon während der Belagerung Athens zurückgeführt worden (oben II 1 S. 426); dl#

j||4l Lysandros. Organisation des Keiohes. 3

Die öffentliche Meinung in Griechenland rief lauten Beifall; aber Lysandros wusste nur zu gut, dass mit bloss mora- lischen Mitteln ein grosses Reich nicht zu behaupten ist. Er hatte vom Feinde gelernt; und in dem Augenblick, wo er die athenischen Kleruchien vernichtete, lenkte er selbst in die Bahnen ein, die Athen gewiesen hatte. Als Sestos nach der Schlacht bei Aegospotamoi sich den Peloponnesiern er- geben hatte, war mit den athenischen Kolonisten auch die altansässige Bevölkerung der Stadt vertrieben worden ; Lys- andros siedelte jetzt ausgediente Mannschaften seiner Flotte an dem Platze an, der eine strategische Bedeutung wie wenige besass. Der erste Schritt zu einem überseeischen Kolonialsystem war getan K

Auch die peloponnesischen Besatzungen, die während des Krieges in die wichtigeren Butidesstädte zu deren Ver- teidigung gegen die Athener gelegt worden waren, Hess Lysandros dort stehen; ja das Netz wurde jetzt noch durch weitere Garnisonen ergänzt. Es war das nötig, ebenso sehr zur Aufrechterhaltung der spartanischen Herrschaft, wie zur Stütze der provisorischen Regierungen, die durch Lysandros' Einfluss in den Städten des früheren athenischen Reiches eingesetzt worden waren (oben II 1, 432), und es waren denn auch eben diese Regierungen selbst, welche die Besatzungs- truppen herbeiriefen, oder ihr Verbleiben in den Städten verlangten. Sie hatten daher die Kosten für den Unterhalt der Garnisonen zu tragend Selbst die Tribute, die Athens Herrschaft so verhasst gemacht hatten, wurden beibehalten, wenn auch, soviel wir sehen, in weniger drückender Höhe, und nur für den Fall wirklichen Bedarfes in Kriegszeiten. Es gab in der Tat kein anderes Mittel, um Sparta die Unter- haltung einer Flotte zu ermöglichen, wie es sie zur Be- übrigen athenischen Kleruchien können doch er^t durch den Frieden in die Gewalt Spartas gekommen sein.

^ Plut. Lys. 14. Auf dorn griechischen Festlande hallen die Spartaner bereits 426 die Kolonie Herakleia gegründet (oben II 1, S. 325) und dann, um 421, Neodamoden in Lepreon angesiedelt (Thuk. V 34,1).

» Xen. Hell.. II 3, 13.

1*

4 I. Abschnitt. Das Spartanische Reich. [1151

hauptung seiner Stellung an der Spitze von Hellas bedurfte ^ Natürlich waren auch die neuen Bundesgenossen, ebenso wie die peloponnesischen Staaten, Sparta gegenüber zur Heeres- folge verpfichtet.

Dass die Neuordnung aller politischen Verhältnisse nicht ohne vielfache Härten durchzuführen war, liegt in der Natur der Sache. Revolution wie Reaktion sind selten frei von blutigen Ausschreitungen; wie hätte es jetzt daran fehlen können, wo die Leidenschaften durch den langjährigen Partei- kampf aufs tiefste erregt waren? Waren doch die neuen Regierungen zum grossen Teil aus ehemaligen Verbannten zusammengesetzt; und nur zu oft diente die „politische Not- wendigkeit" als Deckmantel persönlicher Rache. Dazu kam die zerrüttete Finanzlage der meisten Gemeinden infolge des langen Krieges und der Ansprüche der zurückgekehrten Verbannten auf Wiedereinsetzung in ihre konfiszierten Güter. War es zu verwundern, wenn die Oligarchie zu dem Mittel griff, das die Demokratie sie gelehrt hatte, und nun ihrerseits zur Einziehung des Vermögens der poli- tischen Gegner schritt? Auch die Befehlshaber („Harmo- sten") der lakedaemonischen Garnisonen waren sehr häufig ihrer verantwortlichen Stellung nur wenig gewachsen. Jetzt

^ Aristot. AH. 39, 2, Isokr, Parteg. 132, Polyb. VI 49, 10, [Herodes] itepl TtoXtteia? 24. Eine Liste solcher Beiträge itit x6v it6Xe|j.ov ist IG. V 1 (Inscr. Lacon.J, 1. Die Erwähnung von Chios und Epheaos schliesst den Archidamischen, die von Melos den Dekeleiischen Krieg aus; es bleibt also nur der Perserkrieg von 400 394. Fränkel, der den Stein wieder aufgefunden hat, setzt die Ur- kunde nach der Schrift „nicht vor das Ende des V. Jahihunderts"; es ist klar, dass sie ebensogut einige Jahre später, an den Anfang des IV. gesetzt werden kann. Tü>v Xccuv xol (piXot (Z. 9) ist im Gegensatz zu den chiischen Verbannten in Atarneus (Xen. Hell. III 2, 11) gesagt; unsere Liste fällt also in 399 oder 398. Nach Diod. XIV 10 hätte die Summe dieser Tribute sich auf jährlich 1000 tal. belaufen, was wohl sehr übertrieben ist, da wir gerade über diesen Punkt aus der Zeit der spartanischen Hegemonie keine Klagen hören (vergl. x. B. Isokr. Panath. 67—69, wo Athen Sparta gegenüber wegen der Erhebung der Tribute verteidigt wird). Man nannte das oovteXeiv ei5 xb oujxjiaj^txov (Aristot. a. a. O.) Übrigens hatte Sparta schon im ersten Perserkriege solche Beitrage erhoben (Plut. Arist. 24) und dann wieder im Dekeleiischen Kriege (Diod. XIII 70, 1, XIV 17, 5, Xen. Hell. I 6, 8 ff.).

[1161 ^'® Restaurationsherrschaft. Die Dreissig in Athen. 5

rächte sich die einseitige Pflege der körperlichen Aus- bildung, wie sie die lykurgische Verfassung bedingte. Denn der Durchschnittsspartiate war wohl ein tapferer und tod- verachtender Krieger, aber zugleich voll geistiger Beschränkt- heit und Brutalität, und ohne den sittlichen Halt, den nicht der blosse militärische Drill, sondern nur wahre Geistes- bildung zu geben vermag. So behandelten viele der sparta- nischen Harmosten die Bündner, wie sie es zu Hause mit ihren Heiloten gewohnt waren; oder sie machten sich ohne jede andere Rücksicht zu Werkzeugen der Machthaber in den Städten und dachten daneben nur an ihre eigene Be- reicherung. Der spartanische Erbfehler, die Habsucht, von der schon ein alter Spruch sagte, dass sie dereinst Sparta verderben würde, zeigte sich in der widerwärtigsten Weise*. Wenn Lysandros diese Übergriffe auch missbilligte und ihnen hier und da zu steuern suchte ', er war in der Haupt- sache machtlos dagegen; er musste eben seine Werkzeuge nehmen, wie es sie fand. Auch scheint es, dass er seinen Freunden mehr durchgehen Hess, als gut gewesen wäre. Ihm selbst sollte das bald verhängnisvoll werden.

Natürlich war es Athen, der Hauptsitz der Demo- kratie und die grösste Stadt in Hellas, wo die Reaktion am gewaltsamsten und zerstörendsten auftrat ^. Die provisorische

^ Plut. Lys. 19, Isokr. Paneg. 110—114, Diod. XIV 10.

» Plut. Lys. 15.

Hauptquellen Xen. Hell. II 3 4, die Eeden de« Lysias (besonders gEratoath. und gAgoratos), Aristot. Au. So— 40, Diod. XIV 4-6. 32—3, Instin. V 8—10. Katalog der Dreissig bei Xen. Hell. II 3, 2, interpoliert, aber authentisch. Vergl. Scheibe, Die oligarchische Umwälzung zu Athen am Ende des Pelop. Krieges, Leipzig 1841, meine Attische Politik S. 95 ff. 340 ff., Boerner, De rebus a Graecis inde ab anno 4IO usque ad annum 4OS a. Chr. n. gestis quaestiones historicae, Dissert. Göltingen 1894. Die Angaben des Augenzeugen Xenophon müssen selbstverständlich allen anderen Berichten vor- gehen, auch denen des Lysias, der zwar ebenfalls diese Ereignisse mitdurch- lebt hat, aber als Advokat schreibt und noch dazu in eigener Sache. Noch weniger können die abweichenden Angaben des Aristoteles in Betracht kommen (gegen Wilamowitz, Aristot. I 1G6, und Busolt, Hermes XXXIII, 1898, S. 71 ff.). Weiteres unten 2. Abt. § 81. 82.

Q I. Abschnitt. Das Spartanische Reich. [117]

Regierung der dreissig Männer, die hier von Lysandros eingesetzt war (oben II 1, S. 430), begann damit, aus zu- verlässigen Parteigenossen eine neue Ratsversammlung von 500 Mitgliedern zu berufen, der auch die Kriminaljuris- diktion anvertraut wurde. Zunächst kam nun der Prozess gegen die Teilnehmer an der demokratischen Verschwörung zur Verhandlung; die Schuld der Anklagten lag klar am Tage, und demgemäss fällte der Rat das Todesurteil ^. Doch die neuen Machthaber fühlten sich in ihrer Stellung noch keineswegs sicher; um also auf alle Fälle einen festen Rückhalt zu haben, nahmen sie eine lakedaemonische Be- satzung von 700 Mann in die Akropolis auf 2. Jetzt konnte das Reformwerk beginnen.

Indess das Regierungskollegium selbst war keineswegs einig über die anzustrebenden Ziele. Theramenes wollte eine gemässigte Oligarchie, wie sie nach dem Sturze der Vierhundert auf kurze Zeit bestanden hatte, bei der dem Mittelstande die Ausschlag gebende Stellung im Staate zu- gefallen wäre. Die heimgekehrten Verbannten dagegen waren überzeugt, dass eine solche Verfassung in Athen un- möglich Dauer haben könne und bei der ersten Gelegen- heit wieder zur radikalen Demokratie ausarten würde; viel durchgreifendere Massregeln seien nötig, wenn die Herr- schaft der „Besten" begründet und der Pöbel im Zaume gehalten werden solle. An der Spitze dieser Partei stand Kritias, der Sohn des Kallaeschros, aus einer der ersten Familien Athens, ein hochbegabter Mann, gleich ausge- zeichnet als Philosoph, Dichter und Redner. Von Hause aus keineswegs ein schroffer Reaktionär, so wenig wie seine Freunde Theramenes und Alkibiades, war er infolge sein^ Verbannung durch Kleophon nach Alkibiades' Sturze zum unversöhnlichen Feinde des Demos geworden; und er war

^ Lys. 13, 35 ff. ; 18, 4 f. ; 30, 14.

* Xen. Hell. II 3, 13 f., DIod. XIV 4, 3 f., Aristot. Au. 37, 2, der aber die Aufnahme der Besatzung erst nach Theramenes' Tod setzt, was gegenüber den ausdrückliehen Angaben Xenophons (aaO. und II 3, 42) nicht richtig sein kann, und offenbar tendenziöse Fälschung ist.

11181 ^'® Schrpckenshermchaft. Theraraenes' Hinrichtuner. ^

entschlossen, die Macht, die jetzt in seine Hände gelegt war, in der rücksichtslosesten Weise zu brauchen \

In politisch bewegten Zeiten wird in der Regel der entschiedenen Richtung über die gemässigtere der Sieg bleiben. So geschah es auch hier; Theramenes sah sich mehr und mehr bei Seite geschoben, und Kritias gelangte in der Regierung zu leitendem Einfluss. Jetzt begann in Athen eine Schreckensherrschaft. Alle hervorragenden Männer von demokratischer Gesinnung wurden hingerichtet, soweit es ihnen nicht gelang, sich durch die Flucht über die Grenze in Sicherheit zu bringen ; selbst ein so gemässigter Mann wie Nikeratos, der Sohn des Feldherrn Nikias, musste sterben, weil er sich der herrschenden Oligarchie nicht hatte anschliessen wollen. Das Vermögen der Verurteilten oder Geflüchteten wurde natürlich für den Staat eingezogen; ja mancher soll bloss wegen seines Reichtums auf die Pro- skriptionsliste gekommen sein. Und die Verfolgung blieb bei den Bürgern nicht stehen; auch eine Anzahl der reich- sten Metoeken wurde zum Tode geführt, und ihr Vermögen konfisziert, um die leeren Kassen zu füllen K

Vergebens hatte Theramenes das alles zu hindern ver- sucht. Und ebenso vergeblich suchte er sein Reformpro- gramm durchzusetzen; statt allen, die imstande waren, als Hopliten zu dienen, wie Theramenes wollte, wurden nur

* Über Kritias Blass, Att. Bereds. V 263 ff., Wilainowitz, Aristot.l 131. 174 ff., der ilim aber niciit gerecht wird; Nestle, N. Jahrb. f. d. kl. Altert. XI, 1903, S. 81 ff. 178 ff.; vgl. oben II 1, S. 245. 248, unten S. 21 Anm. 3; über seine Verbannung Xen. Hell. II 3, 15. 36, Aristot. Rhel. I 1375. Die Elegie, aus der fr. 4 stammt (bei Plut. Alk. 33), ist doch offenbar bei Alki- biades' Rückkehr zu dessen Begrüssung gedichtet; also ist Kritias erst nach dieser Zeit verbannt worden.

' Die Zahl der von den Dreisaig hingerichteten Bürger soll 1500 be- tragen haben (Isokr. Areop. 67, gLochit. 11, Aesch. gKtea. 235, Schol. Aesch. gTim. 39 (wo tp' xal ,a zu lesen ist), Aristot. All. 35, 4), was ohne Zweifel sehr übertrieben ist, und höchstens als Gesamtzahl der Opfer der Revolution gcfasst richtig sein kann. Nach Lysias bei Sehol. Aeschin. aaO. wären va 2500 gewesen. Über Nikeratos Lys. 18, 6; 19, 47, Hinrichtung der Metoeken Lys. 12, 5 ff., Xen. Hell. II 3, 21. 40.

8 I. Abschnitt. Das Spartanische Reich. [119]

3000 der zuverlässigsten Bürger die vollen politischen Rechte zuerkannt. Und als Theramenes auch jetzt in seiner Op- position fortfuhr, im Vertrauen auf seine Popularität bei den besitzenden Klassen, trug Kritias kein Bedenken, ihn als Verräter an der oligarchischen Sache vor dem Rat auf den Tod anzuklagen. Es zeigte sich nun freilich, dass die Majorität dieser Körperschaft noch immer hinter Theramenes stand. Aber Kritias schreckte auch vor dem Äussersten nicht zurück. Eigenmächtig, mit offener Verletzung aller gesetzlichen Formen, Hess er den Gegner durch seine Schergen ergreifen und zur Hinrichtung führen; und keine Hand regte sich gegen die unerhörte Gewalttat*.

Von innen heraus schien jetzt keine Gefahr mehr für den Bestand der Oligarchie; in Athen herrschte die Ruhe des Grabes. Um so bedenklicher war die grosse Zahl der Verbannten. Der politisch bedeutendste darunter war Alki- biades, der nach dem Fall Athens auf seinen Schlössern am Hellespont sich nicht mehr sicher gefühlt hatte und zu Pharnabazos geflüchtet war. So nahe Kritias ihm früher gestanden hatte, jetzt sah er, und mit vollem Recht, in der Rückkehr seines alten Freundes eine Gefahr für den Be- stand der Oligarchie ; er erliess demgemäss ein Verbannungs- dekret gegen Alkibiades und erreichte durch Lysandros'^ Einfluss, dass Pharnabazos seinen Gastfreund ermorden Hess (Herbst 404)1

Gegen die übrigen Verbannten erwirkte man ein Dekret der Ephoren, wonach sie im ganzen Umfang des Sparta- nischen Reiches an die athenische Regierung ausgeliefert werden soUten^; was denn natürlich für die Sparta feind-

1 Xen. Hell. II 3, 15 ff., Aristot. AH. 36 f., Diod. XIV 4, 5 ff.

•^ Plut. Alk. Zlt., Isokr. 16 (itspl to5 CeoTO^O ^0, Diod. XIV 11, I. Hepos Ale. 9 f., lustin. V 8, 12, vgl. Xen. Hell. II 3, 42. Nach Ephoros bei Diod. aaO. hätten dagegen Kritias und Lysandros dabei die Hand nicht im Spiele gehabt und Pharnabazos aus eigenem Antriebe gehandelt. Eine dritt« Version bei Plut. Alk. am Ende. Ermordet wurde er in dem phrygischeu Dorfe Melissa, zwischen öynnada und Metropolis (Athen. XIII 574e}.

» Diod. XIV 6, 1, lustin. V 9, 1.

M191 I*i« Verbannten. Thrasybnlos in Phyle. 9

lieh gesinnten Staaten wie Argos ein Grund mehr war, die Verbannten mit offenen Armen aufzunehmen. Auch Boeotien, wo man mit Besorgnis auf die gewaltige Machtstellung Spartas zu blicken begann, gewährte den flüchtigen Demo- kraten sichere Zuflucht; und die unter boeotischem Einfluss stehenden Gemeinden Oropos, Megara und Chalkis folgten diesem Beispiel^. Ja Theben wurde geradezu das Haupt- quartier für die attische Emigration ; und die dortige Regie- rung leistete den Vorbereitungen derselben zur Rückkehr mit gewaffneter Hand im geheimen jeden möglichen Vor- schub ^.

Die Zwietracht unter den oligarchischen Machthabern musste die Hoffnungen der Emigration neu beleben. Durch sein Vorgehen gegen Theramenes hatte Kritias die ge- mässigten Elemente seiner eigenen Partei sich entfremdet; und je ärger die Schreckensherrschaft in Athen wurde, um so mehr Aussicht bot der Versuch, die Demokratie mit Waffengewalt wieder herzustellen. Man beschloss also, das Unternehmen zu wagen. An die Spitze trat Thrasybulos von Steiria, der angesehenste unter den geflüchteten Demo- kraten, der einst in Samos die Bewegung gegen die Olig- archie der Vierhundert geleitet und dann an Alkibiades' Seite fünf Jahre lang die athenische Flotte befehligt hatte. Mit 70 Gefährten überschritt er noch im Spätherbst 404 die attische Grenze und besetzte die verfallene Bergfeste Phyle, auf den waldbedeckten Vorhöhen des Parnes. Ein Angriff, den die Dreissig auf die starke Stellung unternahmen, wurde mit leichter Mühe abgeschlagen, und nun fand Thrasybulos rasch Zulauf. Bald war er stark genug, seinerseits zum Angriff vorgehen zu können; die spartanische Besatzung Athens, die gegen ihn ins Feld gerückt war, wurde durch

* Plut. Lys. 27, Pelop. 6, Diod. XIV 6, Lys. gPherenik. fr. 78, last. V 9, 4, Dcinarch. gDem. 25 (Boeotien), Diod. XIV 6, 2, Demosth. Ekod. 22 (Argos), Lys. 25 (für den Invaliden), 25 (Chalkis), Xen. Hell. II 4, 1 (Megara), Lys. 31 (gPhilov), 9. 17 (Oropos).

^ Diod. XIV 32, 1. Ohne die Konnirenz der boeotisehen Regierung wÄre die Besetzung von Phyle nicht möglich gewesen.

10 !• Abschnitt. Das Spartanische Reich. [1201

unvermuteten Überfall mit empfindlichem Verluste in die Flucht getrieben. Mit seiner inzwischen auf 1000 Mann an- gewachsenen Schar zog Thrasybulos dann in einem kühnen Nachtmarsche nach dem Peiraeeus und setzte sich auf dem Hügel Munichia fest, der die Hafenstadt strategisch be- herrscht. Der Sturm, den die Dreissig nun mit ganzer Macht auf die Stellung der Demokraten unternahmen, führte nur zu einer neuen Niederlage ; Kritias selbst fand in diesem Kampfe den Tod.

Jetzt räumten die Dreissig den Peiraeeus, der nun so- gleich von Thrasybulos besetzt wurde. Noch wichtiger waren die moralischen Folgen des Sieges. Die Herrschaft der Dreissig brach mit dem Tode ihres Führers in sich zusammen. Das Rathaus leerte sich, die Versammlung der Dreitausend erklärte die Dreissig für abgesetzt und wählte statt ihrer ein neues Regierungskollegium von 10 Männern, aus den Anhängern des Theramenes, darunter auch Pheidon, einen der Dreissig^; ein anderes Mitglied der gestürzten Regie- rung, Eratosthenes, blieb als Privatmann in der Stadt zurück. Die noch übrigen Dreissigmänner verliessen Athen mit den wenigen Anhängern, die ihnen auch jetzt noch treu blieben, und zogen nach Eleusis, wo sie schon vorher, in Voraus- sicht der kommenden Ereignisse alle unzuverlässigen Bürger hatten hinrichten lassen.

Zu einer Verständigung mit den Demokraten im Peiraeeus kam es freilich auch jetzt nicht, und so begannen diese gegen Athen selbst vorzugehen 2. Die stark befestigte Stadt zu nehmen waren sie allerdings ausser stände; aber die Oligarchen kamen doch allmählich in so bedrängte Lage, dass ihnen nichts übrig blieb, als sich nach Sparta um Hilfe zu wenden (Sommer 403). Die Dreissig in Eleusis taten denselben Schritt; und so bekam es den Anschein, als ob Thrasybulos' Unternehmen gegen Sparta selbst ge- richtet sei. Dort zögerte man denn auch nicht, die Zehn-

* Lys. gEratosth. 54 f.

■^ Xen. Denkw. II 7, Isokr. 16 (nepl to5 CeoT°'*?) ^3.

fl211 Sturz der Dreissig. Spartanische Intervention. H

männer in der Stadt als die rechtmässige Regierung Athens anzuerkennen und ihnen die erbetene Hilfe zu gewähren. Unter L)'^sandros* Vermittelung wurde ihnen eine Anleihe von 100 Talenten aus dem Staatsschatz bewilligt, der Nauarch Libys wurde mit 40 Schiffen zur Blockade des Peiraeeus abgesandt, während gleichzeitig Lysandros selbst bei Eleusis ein peloponnesisches Hoplitenkorps sammelte K Das Schick- sal der demokratischen Erhebung schien damit besiegelt; denn wenn nichts anderes, musste schon 6as Abschneiden der Zufuhr zur See den Peiraeeus in kürzester Frist zur Übergabe zwingen.

Indess, es gab in Sparta eine grosse Partei, die voller Besorgnis auf den Sieger von Aegospotamoi blickte, vor dessen Ruhm selbst das Ansehen des Königtums zu er- blassen begann. Und die Gelegenheit schien günstig, einen Schlag gegen den allmächtigen Feldherrn zu führen. Denn die blutigen Greuel, die in Athen und überall im Umkreis des ehemaligen athenischen Reiches durch die von Lysan- dros eingesetzten Regierungen verübt wurden, mussten wie im übrigen Griechenland, so auch in Sparta die öffentliche Meinung mit Entrüstung erfüllen. Nicht deswegen war der siebenundzwanzigjährige Krieg geführt worden, um die Ge- waltherrschaft des athenischen Volkes durch eine noch schlimmere Gewaltherrschaft zu ersetzen 2. Unter Benutzung dieser Stimmung gelang es König Pausanias, von den Ephoren einen Befehl zu erwirken, durch den ihm selbst die Ordnung der Wirren in Athen übertragen wurde ^. Nun wurde das peloponnesische Bundesheer aufgeboten; an seiner Spitze überschritt der König die attische Grenze und über- nahm statt Lysandros den Befehl gegen die Aufständischen im Peiraeeus. Bei Gelegenheit einer Rekognoszierung kam

^ Xen. Hell. II 4, 28 f., Lys. 12, gErafosth. 58 ff.

^ Diod. XIV 33, vgl. Lys. 18 (6nlp S-^fteüoeo)? t&v toö Nmciou &8eXfo5), 11.

^ Offenbar handelt es sich um die neugewählten Ephoren, die eben um diese Zeit ina Amt traten, s. oben II 2, S. 270.

12 I. Abschnitt. Das Spartanische Reich. [1221

es zum Kampfe, und wie es nicht anders zu erwarten stand, wurden die Demokraten völlig geschlagen. Jetzt war Thrasybulos zu unterhandeln bereit, und auch in der Stadt wurde durch Pausanias' Einfluss die Regierung der Zehn- männer gestürzt, die von keiner Versöhnung mit den Demo- kraten etwas wissen wollte, und durch eine neue Regierung ersetzt^. Beide Parteien unterwarfen sich der spartanischen Vermittelung.

Daraufhin kam aus Sparta eine Kommission von 15 Mit- gliedern, um zusammen mit König Pausanias den Bürger- krieg in Athen beizulegen. Sie entledigte sich ihrer Auf- gabe mit grösster Unparteilichkeit, Alles Vergangene sollte vergeben und vergessen sein, niemand wegen einer Hand- lung zur Rechenschaft gezogen werden können, die er während oder vor der Revolution begangen hatte. Aus- genommen waren nur die Mitglieder der oligarchischen Regierungen: die Dreissig, die Zehnmänner, die unter den Dreissig den Peiraeeus verwaltet hatten, und die Zehn- männer, die in Athen auf die Dreissig gefolgt waren ; ausser- dem die Elfmänner, die unter den Dreissig die Exekutionen geleitet hatten. Auch diese alle sollten in Athen bleiben dürfen, falls sie über ihre Verwaltung vor Gericht Rechen- schaft ablegten. Eleusis sollte neben Athen, wie es bereits tatsächlich der Fall war, einen selbständigen Staat bilden, und es jedem Athener freistehen, innerhalb einer bestimmten Frist dorthin überzusiedeln. Nachdem diese Punkte von allen Parteien beschworen waren, löste Pausanias das pelo- ponnesische Bundesheer auf, die lakedaemonische Besatzung räumte die Akropolis, und die Demokraten hielten ihren

* Über die Einsetzung dieses zweiten Zebumänner-Kollegiums (von Ed. Meyer [V S, 40] mit Unreoht angezweifelt), Aristot, AU. 38, 3, Androt. fr. 10. Bei Xenophon steht nichts davon, da aber die Zehnmänner, die nach den Dreissig ins Amt getreten waren, später von der Amnestie ausgeschlossen wurden (Aristot. 39, 6, Nepos Thratyb. 3), so ist klar, dass sie nicht mehr im Amt sein konnten, als die Versöhnung mit dem Demos geschlossen wurde. Ich hatte das bereits in der 1. Auflage gesagt, Schoeffer in Pauly-Wissowa IV 3410 hat es dann näher aufgeführt.

(1231 Versöhnung der Parteien in Athen. Die neue Verfassung. 13

Einzug in die Stadt, am 12. Boedromion, im September 403. Die Revolution war beendet^.

Es blieb noch die Aufgabe, die Verfassung des Staates zu ordnen^. Die lakedaemonische Kommission hatte über diesen Punkt nichts bestimmt, scheint aber den Wunsch aus- gesprochen zu haben, dass die unbeschränkte Demokratie nicht wieder hergestellt werden möchte. Dasselbe erstrebten natürlich die Anhänger der gestürzten Oligarchie, die „Bürger aus der Stadt", wie sie von jetzt an genannt wurden; und selbst unter denen, die an Thrasybulos' Seite gekämpft hatten, gab es manche, die ebenso dachten. Es war einer dieser Männer, Phormisios, der den Antrag stellte, das aktive Bürgerrecht solle auf die Grundbesitzer beschränkt bleiben, womit das politische Ideal des Theramenes im wesentlichen verwirklicht worden wäre. Der siegreiche Demos aber war keineswegs gewillt, sich den schwer errungenen Kampfpreis verkümmern zu lassen; und da Sparta sich in die Frage nicht einmischte, wurde das allgemeine Stimmrecht wieder hergestellt ^. Ja Thrasybulos machte sogar den Versuch, das Bürgerrecht allen Fremden und Schutzverwandten zu ver- schaffen, die für die Sache der Freiheit gekämpft hatten ; im ersten Enthusiasmus wurde der Antrag auch angenommen, dann aber auf Archinos' Einspruch vom Gericht kassiert, da die wackeren Demokraten inzwischen zu der Erkentnis ge- kommen waren, dass es viel besser sei, die materiellen Vor- teile, welche das Bürgerrecht gab, mit möglichst wenig Kon- kurrenten zu teilen*. Aus demselben Grunde wurde auch

* über die Bedingungen der Versöhnung gibt Aristoteles den besten Be- richt (An. 39), vgl. ausserdem besonders Andok, vdMyst. 81 ff. Das Datum der Rückkehr des Demos bei Plut. vRuhme Athens 7 S. 349. In dem Rechen- «ehaftsprozesse eines der Dreissig ist Lysias' Rede gegen Eratosthenes gehalten.

^ Vgl. meine Attische Politik S. 342 f.

" S. Lysias' Rfde von der Verfassung, und Dionysios' Hypothesis dazu. tTber Phormisios Aristot. AH. 34, 3, und meine Attische Politik S. 110, 2.

* Aristot. An. 40, 2, Aesch. gKtes. 195, Lehen der X Redner, Lysias 835 f. Nur den Metocken, die mit in Phyle gewesen waren, scheint das Bürger- recht verliehen worden zu sein (IG. II' 1, 10, aus 401/0; eine befriedigende Hentellung des Textes ist noch nicht gelungen). Über Archinos unten Cap. III.

J4 Abschnitt. Das Spartanische Reich. 11241

das in der Pestzeit aufgehobene Gesetz des Perikles wieder erneuert, wonach niemand Bürger sein sollte, der nicht von Vater- und Mutterseite bürgerlicher Abstammung wäre; doch ging man nicht so weit, diesem Gesetze rückwirkende Kraft zu gebend

Eine Beschränkung der absoluten Demokratie war jetzt nur in untergeordneten Punkten noch möglich. Die Formen wurden hier und da geändert, der Inhalt blieb. Um so ernster war man bemüht, den Beweis zu liefern, dass auch die Demo- kratie mit innerer Ordnung verträglich sei, und namentlich jede Verletzung des Amnestievertrages unmöglich zu machen. Ein von Archinos beantragtes Gesetz gewährte allen denen^ die bei den Ereignissen des letzten Jahres kompromittiert waren, neue und wirksame Garantien gegen gerichtliche Verfolgungen 2. Natürlich blieben die Beziehungen zu den Oligarchen in Eleusis im höchsten Masse gespannt. Es kam endlich zum Kriege; das athenische Aufgebot zog gegen die Nachbarstadt, die oligarchischen Strategen wurden durch Verrat gefangen genommen und sogleich hingerichtet, und nun Hessen die nach Eleusis ausgewanderten Bürger

^ Die Zeugnisse am besten bei Otto Müller, Untersuchungen zur Geschichte des attischen Bürger- und Eherechts, Fleckeis*ens Jahrb. Suppl. XXV, Leipzig 1899. Nur irrt der Verf., wenn er, mit Berufung auf Aristoph. Vögel 1641 ff., meint, das Gesetz des Perikles sei erst nach der sicili^chen Kata>irophe aufgehoben worden. An der angeführten Stelle handelt es sich um das Erbrecht der v6d-0(, nicht um d;is Bürgerrecht; vielmehr wird ausdiücklieh gesagt, dass Herakles, ob- gl.ich vo'a-o? (v. 1650) und sogar ^svYj? Yovatxo? (v. 1652), docli vom Vater hätte in die Phratrie eingeführt werden können (v. 1669 f.). Also stand den Söhnen von Bürgern und fremden Frauen damals das Bürgerrecht offen. Es wird ja auch bei Plut. Per. 37 ausdrücklich gesagt, dass Perikles nach seiner Wiederwahl zum Strategen im Jahr 429 den Antnig gestellt hat Xo9-?jvat tiv nepl TÄv v69-ü)V vojxov, ein Gesetz, das er einst selbst eingebracht halte. Das hätte dann lebhafte Opposition hervorgerufen, schliesslich aber sei Perikles do<-h ge.^'tattet worden, &itoYpä^j/aad'at tov voö'OV (den Sehn von Aspasia) el? Too« «ppdxopa? ovo|xa fl-sjievov a6xoü. Es i-^t klnr, dass das kein Privileg für Perik- les gewe>^en sein kann, da sieh infolge der Pect ohne Zweifel sehr viele Bürger in derselben Lage befanden; das Gesetz ist also aufgehoben worden, was ja durch die Stelle der Vögel bestätigt wird.

" Isokr. gKallim. 2, Aristot. aaO.

I 125] Wiedervereinigung mit Elpusis. Lysandros' Sturz. 15

gegen Zusicherung voller Amnestie sich bereit finden, wieder in den athenischen Staatsverband einzutreten. Sparta erhob keinen Widerspruch, und so war Attikaaufs neue geeinigt (401,0)1.

Lysandros aber war nicht gewillt, die Niederlage hinzu- nehmen, die er in der athenischen Sache erlitten hatte; und keineswegs allein aus persönlichen Gründen. Die gemässig- ten Obligarchen die in Athen nach dem Sturze der Dreissig zur Regierung gelangt waren, hatten an der Schreckens- herrschaft keinen Anteil genommen, ihr vielmehr die schärfste Opposition gemacht, und ihr bester Mann war als Opfer in diesem Kampfe gefallen. Es lag also gar kein Grund vor, gegen diese Partei vorzugehen, auf die sich Sparta verlassen konnte, schon weil sie nur mit dessen Unterstützung imstande war sich zu halten. Statt dessen hatte Pausanias diese Männer „wie bissige Hunde an die Kette gelegt" ^ und den unversöhnlichen Feinden Spartas das Heft in die Hand ge- geben. Schon die nächste Zukunft sollte zeigen, welch schwerer Fehler das gewesen war, und wie richtig Lysandros die Lage beurteilt hatte. Und es gab sehr viele in Sparta, die das erkannten, allen voran König Agis; auch zwei der Ephoren standen auf Lysandros' Seite ^ So wurde denn vor dem Rat der Alten ein Hochverratsprozess gegen Pausanias angestrengt; indess die Anklage vermochte nicht durchzudringen, und Pausanias wurde, wenn auch nur mit Stimmengleichheit, freigesprochen ^ Der Sturz des von

* Xen. ffell. 11 4, 43, Aristot. All. 40, 5 (unter Xenaenetos) vgl., Plat. Menex. 243 c.

' Xen. Hell. II 4, 41 uiarcep tou<; Sctxvovta? xuva? xXo'.Cj) 8*fjoavxes napa- 8i86aotv, oütu) xixelvoi (ol Aaxe5a'.}i6vioi) 6}xä(; (xooi; ex xoö aoxeo)? avSpa;) KapaSiSovTSS tu) Y]?txY)(i.£vu) Toüx«) 8-fjfiü) oT^^ovrat ärttoyte?.

» Paus. III 5, 2, Xen. Hell. II 4, 29.

* Paus. III 5, 2 TEoaaps? jiev 8-»j xal SIxa t&v Yspovxcuv, Ijtl 8i aSxoI? 'Aft? & t^C Ixjpa? olxta? ßao'.Xeü? ä?ixslv xöv flaocjaviav xaxJYvcuoav th 8fe £XXo irtlfvu) B'.xasxTjpiov. Da aber nur 3 Ephoren Pausanias' Intervention in Athfu gebilligt hallen (Xen. Hell. II 4, 29), werden die beiden anderen ehen- falls gegen ihn gebtimmt haben. Die Gerusia zählte 28 Mitglieder, es stimmten

X6 L Abschnitt. Das Spartanische Reich. [126]

Lysandros begründeten Regierungsysstems war damit ent- schieden. Die Militärkolonie in Sestos wurde aufgehoben und die Stadt ihren früheren Bewohnern zurückgegeben ; die Dekarchien in den Bundesstädten wurden aufgelöst und die „althergebrachten Verfassungen" wieder eingeführt. Lysandros selbst wurde aus dem Hellespont zurückgerufen, wohin er zur Ordnung der dortigen Angelegenheiten an der Spitze der Flotte abgegangen war. Freilich, den Mann vor Gericht zu ziehen, der seinem Staate so unermessliche Dienste ge- leistet hatte, wagte man doch nicht; aber sein Freund und Kampfgenosse Thorax, der den wichtigen Posten eines Be- fehlshabers der spartanischen Garnison von Samos bekleidete, wurde seiner Stelle entsetzt und unter der Anklage, dass er dem alten lykurgischen Gesetze entgegen edles Metall in seinen Besitz gebracht habe, zum Tode verurteilt^.

Lysandros ertrug es nicht, unter diesen Umständen in Sparta zu bleiben. Ein Gelübde, das er dem Amnion ge- leistet, gab ihm den Vorwand zu einer Reise nach Libyen, wohin seine Familie enge Beziehungen hatte. Die Zeit musste kommen, wo Sparta der Dienste seines fähigsten Mannes wieder bedürfen würde 2.

Hatte Lysandros' Sturz eine völlige Umkehr in der Reichspolitik Spartas zur Folge gehabt, so wurde die aus-

also 17 Richter für schuldig, und ebenso viele für nichtschuldig. Der Prozes« gehört ohne Zweifel in den Winter 403/2.

^ Plut. Lys. 14. 19—21. Thorax, Harmost von Samos: Diod. XIV 3, 5. Über die Aufhebung der Dtkarchien auch Xen. Hell. III 4, 2. 7, vgl. Flut. Ages. 6, Nepoa Lys. 3, 1. Für die Chronologie ist der Bericht Plutarchs ganr unbrauchbar, wie sich jeder aus der darauf gegründeten Darstellung bei Judeich, Kleinas. Stud. überzeugen kann. Bis zu Pausanias' Intervention in Athen war Lysandros' Einflu^s in Sparta noch massgebend; folglich kann die Auflösung der Dekarchien erst nach dieser Zeit erfolgt sein. Lysandros' Fahrt nach dem Hellespont, von der er auf Pharnabazos' Beschwerde durch die Ephoren zu- rückherufen wurde, muss also in den Herbst 403 gesetzt werden. Bei dieser Gelegenheit wird Lysandros auch die Verbältnisse an der thrakischen KÜJ^te ge- ordnet haben (Plut. Lys. 20, Paus. III 18, 3, Nepos Lya.2, Polyaen. I 45,4); ich sehe wenigstens keine andere Zeit dafür.

' Plut. Lys. 20 f. Lysandros' Bruder hiess Libys (oben 8. 1), der Vater mag also Proxcnos von Kyreue gewesen sein.

p26] Krieg gegpn Elis. 17

wärtige Politik in seinem Geiste weitergeführt. Die Aufgaben lagen hier so klar vorgezeichnet, dass eine Abweichung von dem richtigen Wege kaum möglich war. Das Dringendste war es, im eigenen Hause, im Peloponnes, Herr zu werden. Das schien nicht schwer; standen doch hier nur zwei Staaten ausserhalb des spartanischen Bundes allerdings die wichtig- sten, Argos und Elis.

Man begann mit der leichteren Aufgabe, der Unter- werfung von Elis, An Gründen zum Krieg war kein Mangel; denn Elis war nach dem Nikiasfrieden aus der Peloponnesischen Symmarhie ausgetreten, hatte mit Argos und Athen Bündnis geschlossen und während mehrerer Jahre Krieg gegen Sparta geführt (oben 11 1 vS. 345 ff.) ; auch nach dem Frieden mit Sparta hatte es sich geweigert, an dem Kriege gegen Athen teilzunehmen \ Am meisten aber hatte es in Sparta verletzt, dass die Eleier im Jahre 420 die Lakedaemonier von der olympischen Festfeier ausgeschlossen, und später während des Dekeleiischen Krieges König Agis verhindert hatten, in Olympia ein Opfer zu bringen, weil es gegen den heiligen Brauch sei, den Gott in einem Kriege gegen Hellenen um Beistand anzuflehen. So stellte Sparta jetzt an die Eleier die Forderung, ihren untertänigen Siädten die Freiheit zu geben; und als die Eleier im Vertrauen auf die Heiligkeit ihres Landes dieses Ansinnen zurückwiesen, zog König Agis gegen sie ins Feld. Er hätte gern unnötiges Blutvergiessen vermieden, und als nun, nachdem er eben die Grenze über- schritten hatte, ein Erdbeben eintrat, ergriff er den Vorwand, um das Land zu räumen und sein Heer zu entlassen (Früh- jahr 402)2. Doch die Demokraten, die in Elis das Heft in der Hand hatten, sahen darin nur ein Zeichen der Schwäche, und dachten jetzt weniger als je an Unterwerfung. Agis musste sich nun doch entschliessen, im nächsten Sommer

^ Diod. XIV 17, 5, vgl. Thuk. VIFI 3, 2.

" Dass Agis das Lancl schonen wolllte, und das Erdheben nur als Vor- wand nahm, zeigt sein späteres Verhalten auf diesem Fehlzuge (Xen, Hell. III 2, 27 rrjv 8e nohv [die Hauptstadt Elis] evöjAioav ahxbv fi-rj ßouXeGd-ai fjLöXXov TTj (!."}] Stivaafl'ai IXetv),

Beloch, Griech. Geschichte III. 2

18 !• Abschnitt. Das Spartanische Reich. [127]

(401) den Einfall zu wiederholen. In Elis hatte man sich in- dessen vergeblich bemüht, in Griechenland eine Erhebung gegen Sparta zustande zu bringen; nur die Aetoler sandten ein kleines Truppenkorps, sonst blieb Elis vollständig isoliert. Dagegen erfolgte ein allgemeiner Abfall der Perioekenstädte \ ohne Widerstand zu finden, drang Agis nach Olympia vor, und weiter in die reiche Ebene am Peneios, das eigentliche eleiische Gebiet, das seit Jahrhunderten keinen Feind mehr gesehen hatte. Unermessliche Beute fiel hier in seine Hand ; es hätte nur von ihm abgehangen, die unbefestigte Haupt- stadt des Landes mit Sturm einzunehmen. Aber er wollte die Dinge nicht zum Äussersten treiben; und als eine ölig- garchische Erhebung in der Stadt ohne Erfolg blieb, befahl er den Rückzug. Zum Schutze der übergetretenen Perioeken- städte wurde in Epitalion an der Alpheiosmündung eine Truppenabteilung zurückgelassen, zugleich mit der Aufgabe, dem Feinde durch Verheerungszüge den möglichsten Ab- bruch zu tun. Das hatte denn auch den gewünschten Er- folg; im nächsten Frühjahr (400) bat Elis um Frieden. Es musste wieder in den Peloponnesischen Bund eintreten, seine Kriegsschiffe ausliefern und die Freiheit der Perioekenstädte anerkennen. Elis verlor damit die gute Hälfte seines Ge- bietes, die Landschaften Triphylien, Pisatis und Akroreia, und sank zum Kleinstaat herab, der nicht mehr daran denken konnte, eine selbständige Politik zu verfolgen. Doch behielt es sein altes Recht, die olympischen Spiele zu leiten, ob- gleich Olympia selbst jetzt von seinem Gebiete getrennt lag; aber die unbedeutenden Gemeinden der Pisatis wären nicht imstande gewesen, dies Ehrenamt in würdiger Weise zu versehen. Eine Änderung in der bestehenden Verfassung wurde den Eleiern nicht zugemutet, doch hat die Demokratie

^ Nach Xen. Hell. III 2, 25 wäre damals auch Lepreon von Elis abge- fallen. Das ist absr ein bloss'es Versehen, denn der Abfall von Lepreon war schon vor dem Nikiasfrieden erfolgt (Thuk. V 31), und da die Eleier auch im Bunde mit Argos, Mantineia und Athen nicht imstande gewesen sind, die Stade zu unterwerfen (Thuk. V 62, 1), so ist nicht abzusehen, wie es ihnen später ge- lungen sein sollte, nur mit ihren eigenen Kräften Sparta die Stadt zu entreissen

[1281 Krieg gegen Elis. Vertreibung der Messenier. 19

ihre Niederlage nicht lange überlebt und bald einer Oligarchie Platz gemacht ^

Sparta konnte nun den nordgriechischen Angelegen- heiten seine Aufmerksamkeit zuwenden. Die Messenier, jene alten, unversöhnlichen Feinde Spartas, die von den Athenern in Naupaktos und auf Kephallenia angesiedelt worden waren, wurden aus ihren Städten vertrieben; sie

* Xen. Hell. III 2, 21—31, Diod. XIV 17. 34, Paus. III 8, 3—5. Ich bin Xenophon gefolgt; über die Abweichungen in dem Bericht Diodors Ed. Meyer, Theop. Hell. S. 114. Über die Chronologie oben I 2 S. 185 f. Nach Paus. III 8, 5 ist der Krieg xpixtp eiei nach Agis' erstem Einfall beendigt worden; dasselbe ergibt sich aus der Darstellung Xenophons (nepuovTC h\ xq» iyiaoT(f>, Hell. III 2, 25, heisst „im nächsten Jahre", s. oben II 2 S. 219). Da der Krieg im Frühjahr 400 zu Ende gegangen ist, hat er also 402 begonnen ; ganz richtig setzt ihn Diodor iu 402/1 und 401/0. Über die ünverletzli<hkeit des eleiischen Gebietes Ephoros fr. 15, Diod. VIII 1, XIV 17, 2 (wahrschein- lich auch nach Ephoros), Polyb. IV 73, Phlegon FHO. III 604, und Busolt, Lakedaemonier I 189 f. Durch förmliche Verträge war den Eleiem die Asylie allerdings nicht gewährleistet; aber das Zeugnis des Ephoros beweist, dass die öffentliche Meinung des IV. Jahrhunderts ditses Recht anerkannte. Nach Xen. § 30 hatte eine der Bedingungen gelautet ofpea? tb xb xtly^oi; itepteXelv xa^ KuXXyjvtjv, und so hat bereits Paus. III 8, 5 oder seine Quelle gelesen : toö Äoteo? xatepeltj^at xb xely^oq. Da aber die Stadt Elis nach Xen. Hell. VII 2, 27 damals äiei^toto? war, auch der überlieferte Lesart sprachlich anstössig j;8t, so hat Dindorf mit seiner Emendation 4>£a^ ohne Zweifel das Rechte ge- troffen. Pheia muss also den Eleiem geblieben sein, obgleich es nach Thuk. II 25, 3 zum Perioekengebiete gehört zu haben scheint. Busolt, LakedaC' monier S. 188 meint, Elis hätte den Besitz der östlichen Pisatis mit Olympia behalten, Swoboda in Pauly-Wissowa V II, 2400 stimmt zu. Das i-t aber schon ans geographischen Gründen sehr unwahrscheinlich, da dies Gebiet, nach der Abtretung von Letrinoi, Margana, Amphidoloi und der Akioreia, höchstens durch einen ganz schmalen Strich mit der KuiXt] 'HXi? in Verbindung gestanden haben könnte; auch hätten in diesem Falle die umliegenden Kleinstädte überhaupt auf die Prostasie in Olympia keinen Anspruch mehr erheben können {Hell. III 2, 31). Der Tempelbezirk feigst ist natürlich, als Enklave in der Pisatis, unter eleiischer Verwaltung geblieben. Dass die Verfassung von Elis 365 obligarchisch war, ergibt sich aus Xen. Hell. VII 4, 15; dasselbe ist für 362 durch IG. II' 1, 112 bezeugt. Diese Oligarchie kann nicht erst nach der Schlacht bei Leuktra eingeführt sein, sie hat also schon vorher bestanden, und dann offenbar seit bald nach dem Frieden mit Sparta.

2*

20 I- Abschnitt. Dns Spartanische Reich. [12^1

fanden Aufnahme in Kyrene und zum Teil in Sicilien *. Nach Byzantion, das von den umwohnenden Thrakern be- drängt wurde, und wo ausserdem innere Unruhen ausge- brochen waren, war schon etwas früher (402) Klearchos ge- sandt worden, der bereits im Dekeleiischen Krieg dort befehligt hatte (oben II 1 S. 399 f.), Er hatte sich damals durch seine Strenge verhasst gemacht ^, und die spartanische Regierung erkannte denn auch schon sehr bald, dass die Er- nennung ein Fehler gewesen war. Doch Klearchos leistete dem Befehl zur Rückkehr keine Folge; er schaltete in Byzantion als Gewaltherrscher, Hess alle, die ihm entgegen waren, hinrichten, zog ihr Vermögen ein und warb aus diesen Mitteln ein Söldnerkorps. So war Sparta gezwungen, mili- tärisch einzuschreiten. Klearchos konnte sich jetzt in Byzan- tion nicht mehr halten und warf sich in das benachbarte Selymbria, w^o er von den spartanischen Truppen belagert wurde. Auch hier vermochte er sich nicht lange zu be- haupten und entfloh nach Sardes zu Kyros, der eben sein Unternehmen gegen Artaxerxes vorbereitete, und den er- fahrenen Offizier sogleich in seine Dienste nahm ^.

Vor allem aber galt es, in Thessalien Ordnung zu schaffen. Hier hatten die Spartaner schon vor einem Menschenalter durch die Gründung der Kolonie Herakleia am Oeta einen festen Stützpunkt gewonnen und den Pass der Thermopylen in ihre Hand gebracht; dann, im Winter 413/2, hatte König Agis von Dekeleia aus in das den Thcss'alern untertänige Phthiotische Achaia einen Zug unter- nommen und die dortigen Städte zur Zahlung von Kon-

1 Diod. XIV 34 (unter dem Jahr 401/0), vgl. XIV 78; Paus. IV 26, 2. In Kranioi auf Kephallenia waren die Messenier aus Pylos nac-h dem Nikias. frieden von den Athenern angesiedelt worden (Thuk. V 35); bei Diodor XIV 78 5 st.ht dunh ein Verschen Zakynlhos statt Kephallenia.

" Xen. Bell. I, 3, 19.

» Diod. XIV 12, Polyaen. II 2, 1. 5—10, Frontin. III 5, 1. Xen. Anab, II 9; 3, 4; II 6, 2 verschweigt alles für seinen Freund Klearchos un- günstige. — Da Lysandros bis wenigstens zum Spätsommer 403 am Hellespont gewesen, und Kyros i.n Frühjahr 401 von Sardes aufgebrochen ist, muss die Sendung Klearchos' nach Byzantion in 402 fallen; Diodor setzt sie in 403/2.

^1291 Klearchos in Byzantion. Revolution in Thessalien. 21

tributionen und zur Stellung von Geiseln gezwungen K Doch hatte der Krieg gegen Athen Sparta seitdem an der weiteren Verfolgung dieser Pläne gehindert.

Thessalien begann eben damals aus seiner langen Lethargie zu erwachen. Der Adel wandte sich mit Be- geisterung den neuen sophistischen Lehren zu, Gorgias selbst nahm in Larisa seinen dauernden Aufenthalt und fand zahl- reiche Schüler. Auch andere Koryphäen der sophistischen Bewegung, wie Thrasymachos, unterhielten enge Beziehungen zu Thessalien; und als Sokrates in Athen angeklagt wurde, bot man ihm in Thessalien ein Asyl an *. Dies alles konnte auf die verrotteten politischen und sozialen Zustände des Landes nicht ohne Rückwirkung bleiben. Und wie es nicht anders zu erwarten stand, begann die Reformbewegung in Pherae, das durch seine Hafenstadt Pagasae den Verkehr der thessalischen Ebene mit der übrigen griechischen Welt vermittelte; infolge dessen musste sich hier ein kräftiger Bürgerstand entwickeln, und die Ideen der neuen Zeit leichter als sonst Eingang finden. Um das Ende des Peloponnesi- schen Krieges stürzten Prometheus und Lykophron das Adelsregiment und riefen dann auch in den umliegenden Gemeinden die leibeigenen Bauern zur Freiheit und zum Kampfe gegen ihre Herren, die das Land so lange be- herrscht und ausgebeutet hatten ^ Für die Demokratie war Pherae freilich noch nicht reif, auch erforderte der Kampf gegen den Adel eine einheitliche Leitung, und so warf sich

1 Thuk. VIII 3, 1 ; über Hcrakleia oben II 1 S. 325.

Piaton im Eingang des Mcnon, Isokr. Antid. 155. Thrasymachos «ohrieb eine Rede für die Larisaeer, 8. unten S. 25 A. Über Sokrates Piatons Kriton S. 45 c.

" Xen. Hell. II 3, 36, Denkw. I 2, 24. Über einen Mordversu<h auf Prometheus Plut. vNutzen der Feinde 6 S. 89. Es ist bezeichnend, dass einer der hervorragendsten Sophisten der Zeit, der athenische Verbannte Kritias, sich lebhaft an dieser Bewegung beteiligte. Er handelte dabei ganz konsequent; die starre ihessalische Adelsherrschafi lag seinen politischen Idealen ebcnsc» fern, wie die unbeschränkte Volksherrschaft in Athen. Wer freilich Kritias noch immer als „Aristokraten" (im politischen Sinne) betrachtet, wird da» niemals verstehen.

22 !• Abschnitt. Das Spartanische Reich. [1301

Lykophron zum Diktator auf. Um diese Zeit starb der Tagos Daochos aus Pharsalos (oben I 2 S. 208), und jetzt streckte Lykophron seine Hand nach der Herrschaft über ganz Thessalien aus. Das führte zu einem Konflikt mit Medeios von Larisa und den mit ihm verbündeten Führern der Aristo- kratie in anderen thessalischen Städten. In einer blutigen Schlacht bei Pharsalos besiegte Lykophron das Heer seiner Gegner (404) \ und jetzt brach in Larisa selbst innere Zwie- tracht aus: der Aleuade Aristippos erhob sich gegen Medeios* und fand Unterstützung in Pharsalos, der nach Larisa be- deutendsten Stadt im inneren Thessalien. So kam Medeios in sehr bedrängte Lage, und es blieb ihm nichts übrig, als sich seinem mächtigen Nachbar im Norden in die Arme zu werfen.

In Makedonien war König Perdikkas im Jahr 413 ge-

* [Xen.] ITeU. II 3, 4. Der Datum steht sicher durch die Sonnenfinstemi« vom 3. Sept 404. ist diese Schlacht, auf die sich die Angabe bei Aristot Thiergesch. IX 31 bezieht (daraus ¥\im\xi Natur geach. X 33). Ed. Meyer, der mir ß. d. A. V S. 56 in diesem Punkte gefolgt war, stellt das Theop. Hell. S. 254, 1 in Abrede. Aber f Xenophon] sagt von der Schlacht im Jahre 404, dass Lyko- phron noXXou( äinlxTeive, und Aristoteles sagt, daß alle Raben aus Griechen- land nach Pharsalos geflogen seien, als die Söldner des Medeios dort auf dem Schlachtfelde lagen. Also war es eine ganz besonders blutige Schlacht, und Ed. Meyer selbst hebt hervor, dass „grössere Kämpfe mit zahlreichen Er- schlagenen in Griechenland, auch in Kriegszeiten, sehr selten" gewesen sind. ist also höchst unwahrscheinlich, dass die Larisaeer zweimal innerhalb weniger Jahre eine solche Niederlage erlitten hätten.

* Aristippos ging «teCojievos 6itö tdiv otxot otaoccutdiv zu Kyros nach Sardes und erhielt von diesem Geld zur Anwerbung eines Söldnerkorps (Xen. Anab, I 1, 10). Dass er ein Aleuade war, sagt Plat. Menon 70 a. b; ob auch MedeioH diesem Geschlecht angehörte, wissen wir nicht ; jedenfalls aber kann, nach dem Gesagten, nur er der Gegner des Aristippos gewesen sein. Dieser hat dann, als Kyros die Söldner zu dem Zuge gegen Artaxerxes brauchte, mit der Gegen- partei seinen Frieden gemacht (Xen. Anab, I 2, 1). Da der Pharsalier (Diog. Laert. II 50) Menon die Söldner nach Asien führte, auch Pharsalos später durch eine spartanische Besatzung gegen Medeios verteidigt wurde (Diod. XIV 82, 6), scheint die Stadt auf Aristippos' Seite gestanden zu haben. In welche Zeit die von Gorgias verspottete Massenverleihnng des larisaeischen Bürgerrechtes ge- hört (Aristot. Polit. III 1275b), wissen wir nicht; sie mag aber mit diesen inneren Wirren zusammenhängen.

[131] Archelaos von Makedonien. 23

Sterben, mit Hinterlassung eines unmündigen Sohnes; die Vormundschaft übernahm dessen älterer Halbbruder Arche- laos, ein Sohn des Perdikkas aus einer illegitimen Verbin- dung. Der rechtmässige Erbe der Krone starb bald daraufi wie man meinte, von Archelaos aus dem Wege geiäumt, und dieser selbst bestieg nun den makedonischen Thron. Perdikkas* Bruder Alketas und dessen Sohn Alexandros, die als Prätendenten zu fürchten waren, wurden ebenfalls bei Seite geschafft \ das abgefallene Pydna, die wichtigste Seestadt des Reiches, mit athenischer Hilfe unterworfen (410) *. Auch später hat Archelaos mit Athen freundschaftliche Be- ziehungen gepflegt, ohne doch deswegen an dem Kriege gegen die Peloponnesier sich zu beteiligen '. Vielmehr wandte Archelaos seine Tätigkeit hauptsächlich auf die Ent- wickelung der inneren Hilfsquellen seines Reiches; er hat in dieser Beziehung, nach Thukydides* Urteil, mehr geleistet, als alle seine Vorgänger zusammengenommen. Kunst- strassen wurden gebaut, eine Reihe fester Plätze angelegt, das Heer reorganisiert, und namentlich ein reguläres schwer- bewaffnetes Fussvolk geschaffen *. Auch die geistigen Inter- essen fanden eifrige Pflege. Schon Perdikkas hatte Dichter und Gelehrte an seinen Hof gezogen, wie den berühmten Dithyrambenkomponisten Melanippides und den grossen Arzt Hippokrates von Kos^ Archelaos ging auf diesem Wege weiter ; Makedonien wurde unter seiner Regierung zu einem Mittelpunkte des geistigen Lebens der Nation. An der heiligen Stätte von Dion in Pierien, am Fuss des Olympos, wo die Musen ihren Lieblingssitz hatten und Orpheus be- graben lag, wurden gymnastische und musikalische Wett- kämpfe eingerichtet, nach Art der grossen hellenischen

* Piaton Gorgias 471. Köhler, Makedonien unter König Arehelao9, Berl. SB. 1893 S. 489 ff. Über die Chronologie unten 2. Abt. § 21.

« Diod. XIII 49, 1, vgl. oben II 2 S. 245. ' [Herodes] icepl TCoXwsta«; 4.

* Thuk. II 100, 2. Die Ansicht Köhlers (aaO. S. 494 f.) von den Heeres- reformen des Archelaos halte ich für nnhistorisch.

' Suidas MeXavinni^v]^ (nach Plat. gEpik. 1095 d hätte er am Hofe de» Archelaos gelebt) und 'Ii:«oxpdr»]C.

24 !• Abschnitt. Das Spartanische Reich. [1321

Nationalfeste ^ Der Reformator der Musik Timotheos von Milet, der Epiker Choerilos von Samos, der Tragiker Agathön von Athen, liessen sich bestimmen, zu längerem Aufenthalt nach Pella überzusiedeln'^. Auch der greise Dichterfürst Euripides hat die letzten Jahre seines Lebens am Hofe des Archelaos geweilt; zu Ehren seines könighchen Gastfreundes hat er hier den „Archelaos" verfasst, und auch die Bakchen sind für das Theater von Pella oder von Dion gedichtet. Ebenso fand die bildende Kunst Pflege; die Fresken, mit denen Zeuxis den königlichen Palast schmückte, bildeten eine viel bewunderte Sehenswürdigkeit der makedonischen Hauptstadt ^

So begann Makedonien in den Kreis der griechischen Kulturstaaten einzutreten; es bedurfte nichts weiter, um das Land auch politisch die Stellung einnehmen zu lassen, zu der es bei seiner weiten Ausdehnung, seiner starken und kriegstüchtigen Bevölkerung, seinen reichen natürlichen Hilfsquellen, berechtigt war. War noch König Perdikkas' ganzes Streben darauf gerichtet gewesen, seinem Staate die Unabhängigkeit zu erhalten und sich von dem Drucke der athenischen Macht zu befreien, die ihn von der Seeseite her umklammert hielt, so konnte Archelaos gegen das Ende seiner Regierung bereits daran denken, seinen Einfluss nach aussen hin geltend zu machen. Den Anlass gaben die thessalischen Wirren; makedonische Truppen rückten nach Thessalien, ein Teil der festen Plätze des Landes wurde besetzt, und Larisa selbst musste die Oberhoheit des Königs anerkennen. Der Politik Makedoniens war damit der Weg vorgezeichnet, der diesen Staat nach Verlauf eines halben Jahrhunderts an die Spitze von Hellas führen sollte*.

* Diod. XVII 16, Steph. Byz. Alov, Dion Chrysost. II 73 R., Arr. Anab. I 11, 1.

* Plutarch Apophth. Archel. S. 177, Aelian Verm. Gesch. XIII 4, Schol. Aristoph. Frösche 83, Suidas Xo'lptXoi;, Istros bei Athen. VIII 345 d.

* Aelian Verm. Gesch. XIV 17.

* Vgl. die unter Herodes' Namen überlieferte Rede irspl uoXiteta^, *, unten 2. Abt. § 7. Dass Arehclaos einen Teil Thessaliens besetzt hielt, sagt

riHOl Makedonische und spartanisohe Intervontion in Thossnlipn. 25

Vorerst freilich war es noch zu früh. Medeios' Gegner wandten sich um Hilfe nach Sparta, und hier zögerte man nicht, in Thessalien einzugreifen, um so weniger, als man mit Archelaos noch wegen seiner zweideutigen Haltung im Dekeleiischen Kriege abzurechnen hatte K Lykophron von Pherae schloss sich sogleich an Sparta an, ebenso das wichtige Pharsalos^; in Herakleia an den Thermopylen, wo zwischen den peloponnesischen Kolonisten und den alteingesessenen Trachiniern Unruhen ausgebrochen waren, wurde die Ord- nung wieder hergestellt und die Trachinier aus der Stadt vertrieben (399) '\ Zum Kriege gegen Makedonien aber kam es nicht, da Archelaos eben um diese Zeit auf einer Jagd seinen Tod fand; wie es hiess, ermordet von seinem Günst- linge Krateuas, dem er die Hand seiner Tochter verweigert hatte. Den makedonischen Thron bestieg jetzt Archelaos' Junger Sohn Orestes, unter der Vormundschaft des Aäropos*. Der neue Regent hatte genug zu tun, um seine eigene Stellung zu befestigen, und zog seine Truppen aus Thessa- lien heraus; die Spartaner ihrerseits begnügten sich damit, Pharsalos besetzt zu halten, ohne einen ernstlichen Versuch zu . machen, Medeios aus der Herrschaft über Larisa zu

die Rede § 6 nnd 29 ; an letzterer Stelle ist offenbar zn lesen : evO' o5?el(; eßpTjxe mu AaxsSaifJLOvtov apyovTa (im Peloponnes nämlich), &zKep IvSdSs Maxe^ova, statt des überlieferten üianep 068' Iv9ct5e. Auch Geiseln hat Larisa ihm stellen müssen 33). Vgl. die Worte des Thrasymachoi« in seiner Rede für die Larisaeer 'Ap^eXacp 8ouXeu30|i£v, "EXXfjve^ ovie? ßapßapu) (Clem; Strom. VI 2, 17) und die Angabe bei Aristot. Polit. 1311b, dass der Larisaeeif Hellanok ratcs sich an der Verschwörung zur Ermordung des Archelaos beteiligte, weil ihn der König nicht in seine Vaterstadt zurückgeführt hatte; um das zd können , mu.«ste Arihelaos in Larisa Herr sein. Weiteres bei Ed. Meyer, Theopompa Hellenika S. 249 ff.

' Thrasyma.hos aaO., [Ilerodes] nspX noXtxetai; 19.

' Dio i. XIV 82, 6. Über Lykophrons freundliche Beziehungen zu Sparta Xen. Hell. VI 4, 24 (falls Lykophron hier gemeint ist, s. unten 2. Abt; § 32), vgl. Diod. XIV 82, 5.

" Diod. XIV 38, 4-5 (unter dem Jahre 399/8), vgl. 82, 7; Polyaen. II 21. Es ist doch kaum zweifelhaft, dass diese Massregeln in Herakb-la mit der lakedaemonischen Intervention in Thessalien in Zusammenhang stehen.

* Diod. XIV 37, 6, Aristot. Polit. V 1311b, Plat. Alk. II 141 d.

26 I- Abschnitt. Das Spartanische Reich. [134]

verdrängend Denn Spartas Aufmerksamkeit war während der nächsten Jahre durch dringendere Sorgen in Anspruch genommen.

König Agis war, schon hochbejahrt, bald nach Be- endigung des Eleiischen Krieges gestorben (400). Die Thronfolge war umstritten; denn Agis' einziger hinter- lassener Sohn Leotychidas galt in der öffentlichen Meinung als unecht, obgleich ihn der König vor seinem Tode aus- drücklich anerkannt hatte. So trat Agis' Halbbruder Agesi- laos mit dem Anspruch auf die königliche Würde hervor; Lysandros, der inzwischen aus Libyen zurückgekehrt war, erklärte sich für ihn, und dank dieser Unterstützung wurde AgesÜaos zum König erhoben \

Lysandros gewann damit einen Teil seiner verlorenen Stellung im Staate zurück. Er soU sich mit weitgehenden Plänen zur Verfassungsänderung getragen haben; und es mag sein, dass seine Reise nach Libyen den Zweck hatte, die Unterstützung des Orakels des Ammon für diese Pläne zu gewinnen. Einem Staatsmanne von seinem Scharfblick konnte es nicht zweifelhaft sein, dass die spartanischen Zu- stände der Reform aufs dringendste bedürftig waren. Denn die Bürgerschaft Spartas bildete an und für sich nur eine kleine Minorität unter der Bevölkerung Lakoniens; von der Bürgerschaft selbst aber war etwa die Hälfte so gänzlich verarmt, dass sie ihre Beiträge zu den gemeinschaftlichen Mahlzeiten nicht mehr zu leisten vermochte und in Folge dessen vom vollen Bürgerrecht ausgeschlossen war^. Diese Zurücksetzung wurde um so schwerer empfunden*, als es

^ Das ergibt sich aus Diod. XIV 82, 5 6. Perrhaebiea acheint übrigenif seit dieser Zeit von Larisa unabhängig geblieben zu sein. Tgl. Diod. XV 57, 2.

' Xen. Hell. IIL 3, 1—4, PJut, Lys. 22, Aget. 3, vgl. Alk. 23, Paus. III 8, 7 ff.

^ Über diese Verhältnisse vgl. unten Abschn. VIII und meine Bevölkerung S. 136 ff.

* Xen. Hell. III 3, 5 xal e?Xu>ac xal veoSafxwSsoi xal toc( 6no{ittoot xal Toi< iceptoixoii; * 8nou y^^P ^^ xoutot^ tic Xo-foc •{i'^oixo nspl Snapnatcnv, «')Stva Suvasdai xpuntecy xb p.7] o^x "fjSecuc Sv xal u»{i(üy iod'ietv ahxütv.

[135] Agesilaos König von Sparta. Lysandros' Reformpläne. 27

gerade die nicht privilegierten Stände waren, denen der Staat seine jetzige Machtstellung zu verdanken hatte. Denn seit Sparta Seemacht geworden war und überseeische Be- sitzungen hatte, war es gezwungen gewesen, die Heiloten in immer ausgedehnterem Masse zum Kriegsdienst heran- zuziehen. Die Truppen in den auswärtigen Garnisonen, die Mannschaften der Flotte bestanden zum grössten Teil aus solchen freigelassenen Leibeigenen, „Neodamoden", wie sie genannt wurden; die vollberechtigte Bürgerschaft reichte kaum aus, die Offiziere zu stellen. Welche Gefahren dieser Zustand für Sparta barg, sollte nach der Schlacht bei Leuktra ganz Hellas offenbar werden. Und auch die Verfassung entsprach keineswegs den Anforderungen, welche die Führer- schaft Griechenlands an den Staat stellte. Das erbliche, durch das Ephorat beschränkte Doppelkönigtum hatte alle Nachteile der Monarchie, ohne dafür durch einheitliche Leitung und Stetigkeit der Politik Ersatz zu geben. Ein unfähiger König war auch in in dem Sparta dieser Zeit noch mächtig genug, um heilsame Massregeln zu durchkreuzen oder in der Ausführung zu verderben; wenn aber einmal ein tüchtiger Mann auf den Thron kam, so sah er seine Tätigkeit auf allen Seiten gehemmt. Es wäre eine preis- würdige Tat gewesen, hier Wandel zu schaffen und die ver- rotteten Zustände über den Haufen zu werfen. Aber es war eine Aufgabe, die selbst die Kräfte eines Lysandros über- stieg; und wenn er sich wirklich mit solchen Plänen ge- tragen hat, so hat er doch zu ihrer Ausführung keinen Schritt getan. Es sollten noch fast zwei Jahrhunderte ver- gehen, die Missstände sollten bis zum Unerträglichen an- wachsen, ehe die Reform der spartanischen Verfassung ge- lang. Dann freilich war es für Sparta und für Hellas zu spät K

* Aristot. Polü. V 1301b (vgl. 1306 b), der die Sache mit einem ^aot Ttve? erzählt, dann ausführlich Ephoroa fr. 127 bei Plut. Lys. 25 und 30, Diod. XIV 13, Nepos Zy«. 3; weiteres Plut. Lyt. 24. 26, Da Lysandros mit seinen Plänen nicht öffentlich hervorgetreten ist, ist zuverlässiges darüber nicht be- kannt geworden. Xenophon schweigt; aber er kann dazu seine guten Gründe gehabt haben (vgl. Plut. Lys. 30).

II. Abschnitt. Der Befreinngskrieg. [1361^

Wenn aber Lysandros vor der Reform zurückschreckte, fehlte es dafür in den unteren Schichten der Gesellschaft nicht an Männern, die bereit waren, einen Umsturz auf ge- waltsamem Wege herbeizuführen. An ihre Spitze trat Kinadon, ein junger Spartiate aus der ärmeren Klasse, der im Gefühle seiner militärischen Tüchtigkeit nur mit Unwillen seine untergeordnete Stellung ertrug. Indess der Anschlag wurde den Ephoren verraten, und Kinadon mit einer Anzahl seiner hauptsächlichsten Anhänger ergriffen und hingerichtet (3U9)^. Wie noch stets, war die Revolution an der militärisch-straffen Organisation des spartanischen Staates gescheitert; es sollte sich jetzt zeigen, ob diese Organisation auch den Anforde- rungen gewachsen sein würde, die von aussen her an die hellenische Vormacht herantraten.

IL Abschnitt. Der Befreiungskrieg.

Der gemeinsame Gegensatz zu Athen hatte Sparta und Persien zusammengeführt; aber das unnatürliche Bündnis musste sich lösen, sobald der Zweck erreicht, und die athenische Macht zertrümmert war. Im Drange der Not hatte Sparta die asiatischen Griechenstädte dem Grosskönig ausliefern müssen; jetzt, wo es an der Spitze von Hellas stand, konnte es nicht dulden, dass die Brüder jenseits des Meeres noch länger unter der Fremdherrschaft blieben.

Um die Zeit, als Athen Lysandros die Tore öffnete, war König Dareios gestorben (Frühjahr 404) 2. Nicht lange

> Xen. Hell. III 3, 4—11, Aristot. Polit. V 1306 b, Polyacn. 11 14, 1. Di* Vcrfchwörung wurde entdeckt und unterdiückt ooicto tviauxöv ovto^ Jv Tf ßaatXetot 'Af-rjacXaGt) (Hell. VII 3, 4).

» S. unten 2. Abt. § 51.

(1371 Kinadon. Artaxprxes Kftnie von Porsipii. Äbfnil Aesyptens. 29

vorher hatte er seinen Sohn Kyros wegen eigenmächtigen Verhaltens in seiner Satrapie Sardes an den Hof zurück- gerufen (Sommer 405); die Königin Parysatis bot alles auf, diesem ihrem Lieblingssohne die Nachfolge zu verschaffen, vermochte es aber nicht zu hindern, dass der älteste Sohn Arsakes, oder wie er sich als König nannte, Artaxerxes den Thron bestieg, der ihm nach dem Recht der Erstgeburt zu- kam \ Er war damals ein Mann von etwa 23 Jahren ^, milden Sinnes, der den Frauen des Harems, und namentlich seiner herrschsüchtigen Mutter mehrEinfluss gestattete, als gut war' aber es fehlte ihm nicht an kriegerischem Mut, und wo es galt, wusste er kraftvoll zu handeln ^ Vor allem besass er die könig- liche Kunst, die rechten Männer zu Ministern und Feldherren zu wählen. So hat er es vermocht, das Reich in schwieriger Zeit zusammenzuhalten , und ihm eine Machtstellung ver- schafft, wie es seit Xerxes nicht mehr gehabt hatte. Jetzt freilich, bei seiner Thronbesteigung, war er noch unerfahren; als Kyros beschuldigt wurde, wahrscheinlich mit Recht, einen Mordversuch auf ihn geplant zu haben, liess er ihn zwar gefangen setzen, gab ihn aber dann auf die Bitten der Mutter frei, ja er liess sich sogar bestimmen, ihn wieder in seine kleinasiatische Satrapie einzusetzen. Er sollte seine Schwäche bald genug zu bereuen haben.

Um dieselbe Zeit ging Aegypten dem Reiche verloren. Hier hatte sich, seit dem Aufstande nach Xerxes' Tode, in den Sümpfen des Delta Amyrtaeos gegen die Perser be- hauptet (oben II 1 S. 173), die endlich seinen Sohn Pausiris

* Xen. Anab. I 1, 3, Ktes. 57, Plut. Artox. 2. 3, Dio<1. XIII 108, iustin. V 11, 2. Über die Motive von Kyros' Zurüekherufnng [Xen.] Hell. II 1, 8; in der Anabasis schweigt Xenophon mit Absicht darüber. Die Provinzen, die Kyros gehabt hatte, wurden an ihre früheren Satrapen zurürkgegeben, Lydien an Tiäsaphernes, Grossphrygien an Pharnabazos, s. unten 2. Abt. § 54. 61.

» S. unten 2. Abt. § 51.

' Die ungünstige Charakteristik bei Plutaroh (nach Deinon) ist bcein- flnsst von Sympathie für Kyros, und Abnpiguiig gegen den Uiheber des Königs- friedens. Die Neuera pflegen sie nachzuschreiben. Wir sollen aber einen Mann beurteilen nach dem, wa^^ er geleistet hat.

30 H. Abschnitt. Der Befreiungskrieg. [1371

als Vasallenfürsten anerkannten; dessen Sohn Amyrtaeos trat jetzt an die Spitze einer nationalen Erhebung, und es gelang ihm, die Perser aus dem Lande zu vertreiben und den Thron der Pharaonen wieder aufzurichten. Arta- xerxes konnte zunächst zur Wiederunterwerfung Aegyptens nichts tun, denn er kam bald in die Lage, um den eigenen Thron kämpfen zu müssen \

Kyros lag das Gefühl der Dankbarkeit ebenso fern, wie das Gefühl der Treue gegen den Chef seines Hauses; kaum wieder in seiner Satrapie angelangt, begann er gegen den Bruder zu rüsten. Zunächst legte er Besatzungen in die Städte an der ionischen Küste, unbekümmert darum, dass diese Städte vom König der Satrapie des Tissaphernes zu- geteilt waren 2. Nur Milet brachte Tissaphernes durch einen glücklichen Handstreich in seine Gewalt, mit Hilfe der ver- bannten Demokraten, die er zurückführte, während er die von Lysandros eingesetzten oligarchischen Machthaber ver- trieb. Diese suchten nun Zuflucht bei Kyros, der denn auch sogleich Truppen und ein Geschwader gegen Milet sandte, und die Stadt zu Lande und zu Wasser einschloss (402)''. Der König liess es geschehen; waren doch solche Grenzstreitig- keiten zwischen Satrapen etwas alltägliches. Kyros aber bot dieser Krieg den erwünschten Vorwand, in ganz Griechen- land ausgedehnte Werbungen zu veranstalten. Von der un- bedingten Überlegenheit griechischer Hopliten über asiati- sches Fussvolk war man an den Satrapenhöfen Kleinasiens längst überzeugt; und so fasste Kyros den Plan, ein möglichst

* Wir haben keinen Bericht über diese Erhebung; die Zeit ergibt sich aus der Königsliste bei Manethos, s. uaten 2. Abt. § 43. Es ist wahrschein- lich, dass das starke Heer {nokb otpateüfia, angeblich 300 000 Mann), das im Sommer 401 unter Abrokomas in Phoenikien stand (Xen. Anab. I 4, 5,^ Tgl. 4, 3) zur Unterwerfung Aegyptens bestimmt war.

» Xen. Anab. I 1, 6; 9, 9, über Ephesos 4, 2.

' Xen. Anab. I 1, 6—7, Polyaen. VII 18, 2. Die Demokraten waren im Frühjahr 405 durch Ly>andros vertrieben, und von Tissaphernes (bei Diodor steht hier, wie so oft, Pharnabazos) in Blauda angesiedelt worden (Diod. XIII 104, 5 f., Plut. Lys. 8, Polyaen. I 45, 1). Das sind die tpo^äSeS, die Tissa- phernes jetzt zurückführte.

[138] J^yros' Rüstungen. 31

zahlreiches hellenisches Söldnerheer zusammenzubringen, um mit dessen Hilfe seinen Bruder Artaxerxes vom Throne zu stossen. Leute, die bereit waren, in seine Dienste zu treten, gab es jetzt, wo in Griechenland Frieden herrschte, im Überfluss; und Kyros besass die Mittel, reichlich zu zahlen. So kam denn ein Söldnerheer zusammen, wie es die Welt in dieser Stärke noch nicht gesehen hatte. An der Spitze von 9—10000 Hopliten und über 2000 Peltasten konnte Kyros im Frühjahr 401 den Marsch gegen Artaxerxes antreten. Dazu kamen dann noch asiatische Truppen von denen aber nur die Reiterei militärischen Wert hattet

* Die Stärke des Heeres beim Aufbrach aus Kelaenae betrug nach den Angaben Xenophons über die Stärke der einzelnen Abteilungen 10 600 Hop- liten und 2300 Peltasten und Bogenschützen {Anab. I 2, 3. 6. 9), oder auf ganze Tausende abgerundet 11 000 Hopliten und 2000 Peltasten (Anab. I 2, 9). In Kilikien stiessen dann noch 1100 Hopliten zum Heere (I 4, 3); trotzdem gibt Xenophon die Gesamtstärke bei Kunaxa nur auf 10 400 Hopliten und 2500 Peltasten an (I 7, 10). Grössere Verluste hatte das Heer auf dem Marsche nicht gehabt; nur einmal waren 100 Hopliten zusammengehauen worden (I 2, 25); auch ist ja die Zahl der Peltasten bei Kunaxa noch die- selbe, oder sogar etwas höher, als bei Kelaenae. Es ist also klar, dass der Abgang an Hopliten nicht 1300 oder gar (wenn wir in Kelaenae 11000 Hop- liten rechnen) 1700 Mann betragen haben kann. Die Differenz erklärt sich vielmehr daraus, dass die Anabasis das Eintreffen des Sophaenetos mit 1000 Hopliten beim Heere zweimal erzählt (I 2, 3 und 9) und infolgedessen bei der Addition zweimal in Rechnung stellt. Ob das Versehen Xenophon selbst oder einem Interpolator zur Last fällt, ist hier für uns gleichgiltig. Vgl. Neubert, De Xenophontia Anabasi, Dissert. Leipzig 1881. Die Stärke der asiatischen Truppen gibt Xenophon auf 100 000 Mann an {Anab. I, 7, 10), die des könig- liche.i Heeres bei Kuiiaxa auf 900 000 (I 7, 12); er hatte eben, in den kleinen griechischen Verhältnissen aufgewachsen, keinen Begriff davon, was so grosse Zahlen bedeuten. Den Zug der Zehntausend schildert die Anabasis Xeno- phons. Auch Ktesias, der als Leibarzt des Artaxerxes die Schlacht bei Kunaxa mitmachte, hatte in seiner Persischen Geschichte die Erhebung des Kyros aus- führlich erzählt; daraus zum gröbsten Teil Plut. Artox. 1 19. Der Bericht über den Zug der Zehntausend bei Diod. XIV 19—31 geht mittelbar zum Teil ebenfalls auf Ktesias zurück, daneben auf Xenophons Anabasis, und wie ea scheint, auf die Erzählung noch eines anderen Teilnehmers am Zuge, viel- leicht des Arkaders Sophaenetos. Vgl. Volquardsen , Unters, über Diodor 8. 131 ff.. Kämmel, Schlacht bei Kunaxa (Philol. XXXIV, 1876, 516 ff. 665 ff., Friedrich, Jahrb. f. Philol. 1895 8. 19—40), Mess, Rh. Mus. LXI, 1906,

32 II- Abschnitt. Dor Refrciuiiffskrip?. [139]

Sparta, dem Kyros in dem Kriege gegen Athen so wesentliche Dienste geleistet, hatte diesen bisher unter der Hand jeden möglichen Vorschub gewährt und namentlich den Werbungen kein Hindernis in den Weg gelegt; jetzt trat es offen auf die Seite des Prätendenten. Der Nauarch Pythagoras"^ erhielt den Befehl, sich mit seinem Geschwader von 35 Trieren zu Kyros* Verfügung zu stellen; eine Ab- teilung von 700 Hopliten unter Cheirisophos wurde nach Kilikien eingeschifft, wo sie sich mit Kyros vereinigte, der inzwischen ohne Widerstand zu finden die Pässe des Tauros überschritten hatte. Auch dem Weitermarsch des Heeres durch Syrien und Mesopotamien legte der Feind keine Hindernisse in den Weg; die einzige Schwierigkeit bildete die Weigerung der Söldner, über den Euphrat zu gehen, als sie dort endlich erfuhren, dass der Zug gegen den König gerichtet sei. Indcss auch dieser Widerstand, an dem das ganze Unternehmen zu scheitern drohte, wurde glücklich überwunden, dank dem Eifer der Offiziere, vor allen Klearchos', der infolge dessen den Oberbefehl erhielt, und einer Sold- erhöhung, die Kyros bewilligte; und so gelangte das Heer, den Euphrat hinabziehend, im Herbst nach Babylonien. Erst hier, fast vor den Toren von Babylon, bei dem Dorfe Kunaxa'^, trat Artaxerxes dem Feinde entgegen. Der linke Flügel des königlichen Heeres unter Tissaphernes wandte sich vor dem Angriff der Hellenen fast ohne Schwertstreich zur Flucht; Kyros aber, der auf dem andern Flügel an der Spitze seiner Reiter gegen die weit überlegenen Massen seines Bruders kämpfte, fand im Handgemenge den Tod, seine asiatischen Truppen ergriffen die Flucht, sein Lager fiel in die Hände des Königs. Dieser wandte sich nun gegen die siegreichen Hellenen ; aber auch diesmal hielten die Per-

S. 362 ff., Marie Pancritiu", Studien über die Schlacht bei Kunaxa, Dissert. Berlin 1906, G. Cour<in, Cyrns le jeune en Asie Mineure, Paris-Nancy 1905, A. Bouchor, L' Anabase de Xenophon, Paris 19 13.

1 Xeii. Anab. I 4, 2; Hell. 111 1, 1 und Diod. XIV 19, 4 heisst er Samios, vgl. oben U 2 S. 27b.

* Über die Lage Ed. Meyer, Berh SB. 1912 S. 1099.

[1401 Kyros' Zug gegeu Artaxerxes. Bückzag der Zehntansend. 33

ser nicht stand, und als die Nacht hereinbrach, waren die Hellenen Herren des Schlachtfeldes (Spätsommer 401).

Aber der Sieg" blieb unfruchtbar; war doch das ganze Unternehmen mit Kyros' Falle gegenstandslos geworden. Die persischen Offiziere des Kyros und ihre Truppen unter- warfen sich dem König, und die Hellenen fanden sich isoliert im feindlichen Lande. Ihre Lage wurde beinahe verzweifelt, als es Tissaphernes kurz nach der Schlacht gelang, Klearchos und die meisten anderen Führer des griechischen Heeres durch Verrat in seine Gewalt zu bekommen. Aber die Hellenen Hessen auch jetzt den Mut nicht sinken; es wurden 'sogleich neue Feldherren gewählt, darunter der Athener Xenophon, ein tüchtiger Offizier, der in Sokrates' Schule auch philosophische Bildung erworben hatte. Seiner umsichtigen Führung zumeist war es zu danken, wenn dcis Heer nach einem Marsch von vier Monaten durch Assyrien und über die unwirtlichen Gebirge Armeniens endlich bei Trapezunt die Küste des Schwarzen Meeres erreichte (etwa im Februar 400) ; freilich war der Bestand von gegen 13000 Mann auf 8600 herabgesunken ^ Die Truppen zogen dann längs der Küste weiter nach Kotyora im Gebiet von Sinope, wurden dort eingeschifft und gelangten endlich im Herbst nach Byzantion.

Hier fand das Heer von Seiten der spartanischen Be- fehlshaber eine sehr kühle Aufnahme; denn man hoffte in Sparta noch immer, den Bruch mit Persien vermeiden zu können, und wies die Gemeinschaft mit Kyros' Truppen um so mehr von sich, je mehr man sich bewusst war, das Unter- nehmen zum Sturze des Artaxerxes gefördert zu haben. In- dess die Ereignisse waren auch diesmal stärker als der Wille der leitenden Staatsmänner. Tissaphernes war der erste ge- wesen, der dem Könige von Kyros' Rüstungen und deren Zwecke sichere Kunde gegeben hatte; er hatte dann bei Kunaxa wacker mitgekämpft, und war zum Lohn für seine Treue wieder in seine alte Satrapie Lydien eingesetzt worden. Sardes und die übrigen Städte des Inneren unterwarfen sich

* Xen. Anab. V 3, 3, vgl. VI 2 16. Beloch, Griech. Geschichte III.

34 II' Abschnitt. Der Befreiungskrieg. [141}

ihm ohne Widerstand; Kyros' Admiral Tamos, der lonien verwaltet hatte, flüchtete sich mit der Flotte nach seiner Heimat Aegypten. So waren die griechischen Städte an der Küste sich selbst überlassen; aber sie waren jetzt so wenig wie vor vier Jahren gewillt, Tissaphernes als ihren Herrn anzuerkennen. Sie wandten sich also um Hilfe nach Sparta; und dort wies man ihr Gesuch nicht zurück. Man dachte zunächst zu vermitteln; als aber Tissaphernes, ohne sich an Spartas Einspruch zu kehren, zum Angriff schritt und die Belagerung von Kyme begann, konnte Sparta nicht länger untätig zusehen. Noch im Herbst 400 ging der spartanische Feldherr Thibron mit 5000 peloponnesischen Hopliten und 300 athenischen Reitern nach Ephesos, zog dort weitere 2000 Mann aus den ionischen Städten an sich und besetzte dann Magnesia am Maeandros. Da die offene Stadt schwer zu ver- teidigen war, liess Thibron die Bürger nach den Vorhöhen des nahen Berges Thorax übersiedeln und gründete hier bei dem Tempel der Artemis Leukophryene ein neues Magnesia. Als dann aber Tissaphernes an der Spitze grosser Reiter- massen erschien, konnte sich Thibron im offenen Felde nicht halten und sah sich auf die Verteidigung der festen Plätze beschränkt. So nahm er im Frühjahr das Söldnerheer des Kyros in Dienst, das, noch etwa 6000 Mann stark, während des Winters in den Sold des thrakischen Königs Seuthes getreten war. Nun konnte Thibron wieder zum Angriff übergehen; Pergamon und die Nachbarstädte Teuthrania, Halisarna, Gambreion, Myrina traten zu ihm über, das aeolische Larisa aber leistete kräftigen Widerstand, und es blieb schliesslich nichts übrig, als die Belagerung der Stadt aufzuheben ^.

^ Xen. Bell. III 1, 3—7, Anab. VII 6—8, Diod. XIV 35-37. Dass die Berichte Xenof>hons und Diotiors sich nicht widersprechen, sondern vielmehr einander ergänzen, hat Pareti gezeigt {Enlaphia in memoria di E. Pozzi, Turin 1913, S. 48ff. gegen Ed. M«'yer, Theop. Hell. S. 106 ff.). Mir ist es nie zweifel- haft gewesen, vgl. die ob'ue Dar.-tellurg, die aus der ersten Auflage über- nommen ist. Über die Chronologie uoten 2. Abt §83. Über die Umsiedelung von Magnesia Diod. XIV 36, 4, Slrab. XIV 647, letzterer ohne Zeitangabe.

ri421 Thibron in Asien. Derkylidas. 35

Darüber war Thibrons Amtsjahr abgelaufen, und Derky- lidas übernahm den Befehl über das Heer in Asien (Herbst 399). Er stand in dem Rufe, einer der gewandtesten sparta- nischen Offiziere zu sein, und war vom Peloponnesischen Kriege her mit den asiatischen Verhältnissen vertraut. Der neue Oberfeldherr schloss sogleich Waffenstillstand mit Tissa- phernes und wandte sich dann gegen Pharnabazos, der von dem unerwarteten Angriff vollständig überrascht wurde. Acht Tage genügten, um die ganze Troas von der persi- schen Herrschaft zu befreien, und Pharnabazos zum Abschluss eines Waffenstillstandes bis zum Frühjahr zu nötigen. Die Winterquartiere nahm Derkylidas im Lande der Bithyner, um den Bundesgenossen mit der Verpflegung des Heeres nicht zur Last zu fallen K

Die Befreiung der kleinasiatischen Griechenstädte war damit im wesentlichen vollendet; denn die wichtigeren Plätze an der Propontis und am Hellespont, Kalchedon, Kyzikos, Lampsakos, Abydos waren überhaupt niemals unter Pharna- bazos' Herrschaft gekommen, und auch Knidos scheint seine Selbständigkeit gegen Tissaphernes behauptet zu haben \ Es

XenophoD übergeht die Sache, wie er überhaupt auf die Operationen Thibron» vor seiner Vereinigung mit den Kyreiem nicht näher eingebt. Wohl aber er- wähnt er die neue Stadi unter dem Namen Aeuxotppu; als eine der Iv tcj) Maiäv8pot> neBi(u itoXeti; {Hell. IV 8, 17), es kaon also kein Zweifel sein, dass auch III 2, 19, wo Ereignisse des Sommers 397 erzählt werden, mit Aeuxo^puf die Stadt ge- meint ist; da^s er bei dieser Gelegenheit den berühmten Artemi.stempel uod den See mit warmem Wasser als Merkwürdigkeiten anfihrt, ist doch kein Gfgengrund. Es liegt demnach kein Anlass vor, die Neugründung erst ins Jahr 391 zu setzen, wie Ed. Meyer will {Theop. Hell, S. 112). Bei den Auf^grabungen in Magnesia-Leukophrys ist nichts gefunden, was älter wäre, als der Anfang des IV. Jiihrhunderts. Über den Perserkrieg Spartas vor allem Ed. Meyer, Theo- pomps Hellenika, Halle 1909. Die früheren Arbeiten («uletzt Judeich, Klein' asial. Studien, Marburg 1892) sind jetzt durch die Auffindung der Hellenica Oxyr/iynchia zum grossen Teile veraltet.

1 Xen Bell. III 1,8—2,5, Ephoros fr. 130 (bei Athen. XI 500 b), Diod. XIV 38, 2-3.

" Kalclifdon: Xen. Anab. VI 7, 38, VII 1, 1 f., Kyzikos: Anab. VIT 2, 5, Hell. III 3, 10, Lampsakos: Anab. VII 8, 1; für Abydos ergibt es sich aus dem Schweigen Xenophons, da wo er die Feldzüge des Deikylidas eizählt;

3*

36 U. Abschnitt. Der BefreiunKskrieg. [143]

galt nun, das Errungene durch ein Abkommen mit dem Perser- könig zu sichern; der Waffenstillstaud mit Pharnabazos und Tissaphernes wurde also im Frühjahr 398 erneuert und eine spartanische Gesandtschaft zum Grosskönig geschickt K Indess ging Derkylidas nach dem thrakischen Chersonnes hinüber und schützte diese Halbinsel durch eine Befestigungslinie von Meer zu Meer gegen die Einfälle der räuberischen Thraker des Binnenlandes. Im Spätsommer, nach der Vollendung dieses Werkes, zog dann der spartanische Feldherr vor Atarneus, an der Mytilene gegenüberliegenden Küste, wo noch immer die chiischen Verbannten sich hielten, die einst von Kratesippidas vertrieben worden waren (oben II 1 S. 431) ; die Stadt leistete hartnäckigen Widerstand und konnte erst nach achtmonatiger Belagerung zur Übergabe gebracht werden (Frühjahr 397)2.

Am persischen Hofe aber war man von jeder Nach- giebigkeit weit entfernt. Die Erkenntnis, dass man zu Lande gegen die Hellenen nichts ausrichten könne, begann freilich nach der Erfahrung, die man bei Kunaxa gemacht hatte, auch hier durchzudringen. Um so grössere Aussicht auf Erfolg bot der Seekrieg; denn ein phoenikisches Kriegs- schiff war genau so viel wert, wie ein hellenisches, und bei den reichen finanziellen Hilfsquellen, über die er ver- fügte, musste es dem Könige leicht fallen, eine Flotte auf- zustellen, die der spartanischen an Zahl überlegen war. Alles hing davon ab, den Mann zu finden, der fähig war, diese Flotte zu befehligen; denn die persischen Grossen waren für eine solche Aufgabe in keiner Weise geeignet.

Knidos hatte im Jahr 411 die Besatzung des Tissaphernes vertrieben (Thuk. VIII 109) und ist 394 spartanisch; freilieh könnte die Stadt in der Zwischen- zeit von Tissaphernes genommen, und dann etwa von Pharax 397 zurückge- wonnen sein. Milet allerdings scheint Tissaphernes behauptet zu haben, da Kyros es 402/1 erfolglos belagert hatte (Xen. Anab. I 2, 1, oben S. 30) und eine Einnahme durch die Spartaner nirgends berichtet wird (Ed. Meyer, Theop. Hell. 8. 10).

^ Ktes. 33, vgl. Judeich, Kleinasiat. Studien S. 49.

» Xen, Hell. Ill 2, 6—11, Diod.XIV 38, 6—7, vgl. Isokr. Faneg. 144.

[144] Verhandlungen mit Persien. Euagoras von Salamis. 37

Es war Euagoras, der König von Salamis auf Kypros, der hier den richtigen Weg wies. Nach dem Verzicht der Athener auf Kypros im sogenannten Kimonischen Frieden war dort eine Reaktion des semitischen Elements gegen den Hellenismus erfolgt; in Salamis, der grössten Stadt der Insel, war das alte hellenische Fürsten geschlecht, das sich von Teukros und Aeakos herleitete, durch einen phoeniki- schen Minister vom Throne gestossen worden; der neue Herrscher bedrückte die griechische Bevölkerung in jeder Weise \ So blieb es ein Menschenalter, bis die phoenikische Dynastie in Salamis durch Abdemon, den Fürsten des be- nachbarten Kition, gestürzt wurde ^. Nun hielt ein Nach- komme des alten Teukridenhauses, Euagoras, den Augen- blick für gekommen, die Vaterstadt von den Barbaren zu befreien ; mit fünfzig Gefährten drang er nachts in die Stadt, Abdemon wurde vertrieben, und Euagoras bestieg den Thron seiner Väter (um 410). Salamis wurde jetzt wieder dem hellenischen Handel und der hellenischen Bildung geöffnet, zahlreiche Griechen aus dem Mutterlande strömten hierher, Kaufleute, Sophisten und solche, die durch politische Um- wälzungen aus der Heimat verbannt waren. Zu Athen, der wirtschaftlichen und geistigen Hauptstadt der griechischen Welt, trat Euagoros in enge Beziehungen '.

Der Grosskönig hatte Euagoras gewähren lassen, so- lange es sich um Salamis handelte; als Euagoras aber nun daran ging, seine Macht auch über die anderen Städte der Insel auszudehnen, war man am persischen Hofe keines- wegs gewillt, das zu dulden. Eben damals begann der Krieg für die Freiheit Kleinasiens; und es hätte Euagoras

*■ Isokr. Euag. 19 ff., Nikokles 28. Vgl. auch für das Folgende Judeich, Khinaaiat. Stud. S. 113 ff., Ed. Meyer, Gesch. d. AU. V S. 199, und unten 2. Abt. § 38.

« Isokr. Euag. 26 ff., Theop. fr. 101 Oxf. = 111 M., Diod. XIV 98,1, Abdemon (Isokr. aaO. verschmäht es, den semitischen Namen zu nennen, und sagt nur x«Jüv Bovaoxeoovxcov xt?) war nach Diodor (Ephoros) aaO. aus Tyros, nach Theopomp aus Kition; offenbar ist er identisch mit dem Ktxxtscov ßaatXeu^, der bei [Lys.] gAndok. 26 erwähnt wird.

' Isokr. Euag. 47 ff., näheres unten. 2 Abt. § 39.

38 II. Abschnitt. Der Befreiungskrieg. [145]

nahe gelegen, sich durch Anschluss an die hellenische Sache den Rückhalt zu schaffen, dessen er gegen den König be- durfte. Aber abgesehen davon, dass der Ausgang doch sehr zweifelhaft war, konnte es für Euagoras wenig Ver- lockendes haben, aus einem Vasallen des Grosskönigs ein Vasall Spartas zu werden. Es gab einen anderen Weg, auf dem sich voraussichtlich mehr erreichen Hess; Euagoras dachte dem Grosskönige so wichtige Dienste zu leisten, dass ihm zum Lohne die Satrapie von ganz Kyros übertragen würde. Er knüpfte also durch Artaxerxes' Leibarzt Ktesias mit dem persischen Hofe Verhandlungen an, bezeugte durch eine reiche Tributzahlung seine loyale Gesinnung und brachte dann als Befehlshaber der Flotte den Athener Konon in Vorschlag, der seit der Niederlage von Aegospotamoi in Salamis lebte und mit Euagoras enge Freundschaft ge- schlossen hatte ; Euagoras selbst versprach, ein starkes Kon- tingent an Schiffen zu dieser Flotte zu stellen^.

Noch nie hatte ein Hellene eine so hohe Stellung in persischen Diensten bekleidet ; aber die Not drängte, Pharna- bazos trat mit seinem ganzen Einfluss für die Ernennung Konons ein, und so wurden Euagoras* Vorschläge ange- nommen. Die kyprischen und phoenikischen Städte er- hielten Befehl, eine grosse Flotte auszurüsten, die nötigen Gelder (500 tal.) wurden aus dem königlichen Schatz an- gewiesen (Winter 398/7) \

So kehrten die spartanischen Gesandten (oben S. 36) un verrichteter Sache zurück und der Krieg musste von neuem beginnen. Derkylidas erhielt den Befehl, in Karlen einzurücken, wo Tissaphernes seine Domänen hatte, um hier den Satrapen endlich zum Frieden zu zwingen; die

'■- Ktesias 63 f. und bei Plut. Arlox. 21, Isokr, Phil. 63, Euag. 53 ff.

2 Diod. XIV 39, lustiu. VI 1, Xen. Hell. III 4, 1. Über die Chronologie unten 2. Abt. § 84, Nach Diodor wäre Pharnabazos selbst zum König hinauf- gereist, um die Sache zu betreiben, und hätte dann den Rückweg über Kypros genommen. Vom Frühjahr 398 (Abschluss des Waffenstillhtandes mit Derky- lidas} bis Frühjahr 897 hatte er dazu volle Zeit, s. unten 2. Abt. § 83. Eine Gegeninstanz liegt nicht vor.

[^145] Persische Flottenrüstung. Feldzng in Karien. 39

Flotte unter Pharax sollte mit dem Landheer zusammen wirken. Dem gegenüber vereinigten Tissaphernes und Pharnabazos ihre Streitkräfte; durch eine Diversion gegen lonien zwangen sie Derkylidas, wieder über den Maeandros zurückzugehen. In der Nähe von Magnesia traf er unver- sehens auf den Feind, der über weit überlegene Kräfte ver- fügte, grosse Reitermassen, persisches Fussvolk, karische Hopliten und griechische Söldner. Die Lage war sehr ernst, da der Feind zwischen Derkylidas und dessen Operations- basis Ephesos stand, die Schlacht also mit verkehrter Front hätte geschlagen werden müssen, so dass das griechische Heer im Falle der Niederlage verloren gewesen wäre. In- dess Tissaphernes hielt es nach der Erfahrung, die er bei Kunaxa gemacht hatte nicht für geraten, den Kampf zu wagen, und begann Unterhandlungen, auf die Derkylidas natürlich gern einging; das persische Heer zog sich infolge dessen auf Tralleis zurück, und die Griechen konnten un- gehindert in Magnesia einrücken, und so die Verbindung mit Ephesos wiedergewinnen. Am nächste Tage wurde dann ein Präliminarfrieden abgeschlossen; die griechischen Städte Kleinasiens sollten vom König unabhängig sein, die Spartaner aber ihre Besatzungen herausziehen. Bis zur Ratifizierung des Vertrages durch die beiden Regierungen sollte Waffen- stillstand bleiben (Mai 397) K

Natürlich wussten die Satrapen sehr wohl, dass der König niemals seine Ansprüche auf die griechischen Städte aufgeben würde. Noch vor Ablauf des Sommers (397) kam dann auch Konon mit 40 kyprischen Trieren nach Karien, und legte sich bei Kaunos vor Anker 2. Jetzt endlich erkannte man in Sparta, dass an einen Frieden mit Persien nicht zu denken war. Man trat also mit Aegypten in Bünd- nis', gleichzeitig wurde bei Rhodos eine Flotte von

* Xen. Hell. III 2, 12—20, Diod. XIV 39, 4—6.

' Diod. XIV 79, 5, Philochoros bei Didymos zu Demosth. 7, 35 (unter dem Jahr 397,6).

^ Diod. XIV 79, 4, lustin. VI 2, 1. Das Bündnis mit Aegypten muss üjiätestens im Früfaijalir 396 geschlossen sein, da König Nepherites im nächsten

40 il- Abschnitt. Der Befreiungskrieg, [146]

120 Trieren versammelt, mit der der Nauarch Pharax gegen Kaunos vorging, und hier Konon zur See und zu Lande belagerte. Doch kam diesem bald durch Pharnabazos Ent- satz, und Pharax musste nach Rhodos zurückgehen K

Auch der Landkrieg sollte mit stärkeren Kräften wieder aufgenommen werden. Man beschloss auf Lysandros' An- trag, den König Agesilaos nach Asien zu senden; sparta- nische Bürgertruppen für einen überseeischen Krieg zu verwenden, konnte man sich allerdings auch jetzt nicht ent~ schliessen ; aber man bewilligte doch Agesilaos 2000 Neo- damoden und 6000 Mann Bundesgenossen, im ganzen also 8000 Hopliten, die mit den etwa 10000, die bereits in Klein- asien standen, eine imponierende Macht bildeten 2. Einest freilich konnte man Agesilaos nicht geben, gerade das, was für den Krieg in einem Lande wie Kleinasien mit seinen ausgedehnten Ebenen das Nötigste gewesen wäre, eine der persischen überlegene oder auch nur annähernd gewachsene Reiterei. Das war denn auch wohl der Grund, weshalb Agesilaos bei seiner Ankunft in Ephesos auf Tissaphernes' Anerbieten einging, den im vorigen Jahre mit Derkylida.s. geschlossenen Präliminarfrieden zu erneuern; um die Ratifi- zierung seitens des Grosskönigs einzuholen, wurde ein Waffen- stillstand auf drei Monate vereinbart (Frühjahr 396) ^

Lysandros hatte Agesilaos nach Asien begleitet; aber wenn er erwartet hatte, die Leitung des Krieges in die Hand zu bekommen, sah er sich bitter enttäuscht, denn Agesilaos^ begann jetzt den König herauszukehren; er wollte selbst herrschen, und er war kleinlich genug, dem Mann, dem er den Thron und Sparta seine Machtstellung zu danken hatte, in jeder Weise zu demütigen. Lysandros vermochte das

Sommer einen Getreideiransport für Agesilaos nach Klcinnsien sandte (Diod. XIV 79, 4—7).

' Diod. XIV 79, 5, vgl. 39, 4. Die Stärke der griechischen Flotte be- trug nach Diodor 120 Trieren; Isokr. Paneg. 142 gibt in runder Zahl 100 aa,

' lieber die Stärke von Agesilaos' Heer Xen. Hell. III 4, 2, Plat. Age^. 6, Diod. XIV 79, 1, Ed. Meyer, Theop. Hell. S. 34 ff.

'• ^en. ^cW. III 4, 1—6 = Aget. 1, 6—12, Plut. Agea. 9

[149] Agesilaos in Asien. Abfall von Bhodos. 41

nicht zu ertragen, und liess sich nach dem Hellespont schicken, wo es ihm gelang, einen vornehmen Perser Spithridates mit einer Abteilung von 200 Reitern, die unter dessen Befehl standen, zum Abfall von Pharnabazos zu bringen ; für Agesi- laos eine sehr erwünschte Verstärkung*.

Tissaphernes hatte den Waffenstillstand nur zum Schein geschlossen; er benutzte die Frist, zu Lande und zur See Verstärkungen heranzuziehen; und stellte dann an Agesilaos die Forderung, Asien zu räumen. Der Krieg musste also aufs neue beginnen. Tissaphernes erwartete einen An- griff auf Karien, wie im Vorjahre, und konzentrierte dem- gemäss sein Heer im Maeandrostale ; Agesilaos aber wandte sich nach der anderen Seite und rückte in Pharnabazos' Satrapie ein. Der Feind war vollständig überrascht, und der König konnte ungehindert bis in die Nähe der Haupt- stadt Daskyleion vordringen, musste dann aber vor der über- legenen persischen Reiterei den Rückzug antreten *.

Agesilaos hatte den ganzen Sommer nutzlos verloren; er stand am Anfang des Winters genau da, wo er im Frühjahr gestanden hatte. Inzwischen hatte Konon seine Flotte auf 80 Trieren verstärkt ^ während die spartanische Flotte durch die Entsendung eines Geschwaders zur Unter- stützung des von den Karthagern belagerten Syrakus geschwächt worden war (s. unten S. 58); so konnte er mit dem Ablauf des Waffenstillstandes die Offensive er- greifen, und sich an der Küste des rhodischen Chersones vor Anker legen. In dieser Stellung beherrschte er den Kanal, der Rhodos vom Festlande trennt, und damit die Verbindung vom Aegaeischen Meer nach dem persischen Osten. Die drei Gemeinden, die auf der Insel bestanden, lalysos, Kamiros und Lindos hatten sich vor einigen Jahren (408/7) zu einem Staat zusammengeschlossen, und die neue Hauptstadt Rhodes erbaut, die dank der Gunst ihrer Lage

^ Xen. Hell. III 4, 2. 7—10, Plut. Ages. 6—8, Lys. 23 f. * Xen. Hell. III 4, 11—15 = Ages. I 13—22, Diod. XIV 79, 1-3,, Plat. Äget. ^* Dauer des Waffenstillstandes Xen. Ages. I 10. ' Diod. XIV ^Q. 6.

42 II' Abschnitt. Der Befreiungskrieg. [1491

bald zu einem Welthandelsplatze emporblühen sollte \ Schon jetzt war Rhodos einer der mächtigsten griechischen Mittel- staaten, und es ertrug infolgedessen nur widerwillig die Be- schränkung der Autonomie, wie sie durch die Zugehörigkeit zum spartanischen Reiche bedingt war. Der Augenblick schien gekommen, das Joch abzuschütteln. Die Rhodier knüpften also mit Konon an, vertrieben das peloponnesische Geschwader, das in ihrem Hafen lag, und gestatteten der persischen Flotte die Einfahrt (Sommer 396)^. Es war der erste grosse Erfolg, den die Perser bisher in diesem Kriege errungen hatten. Kurz darauf fiel Konon ein Ge- treidetransport in die Hände, den der aegyptische König Nepherites an Agesilaos abgesandt hatte, und der, ohne Kenntnis des inzwischen erfolgten Abfalls von Rhodos in den dortigen Hafen eingelaufen war^.

*■ Diod. XIII 75 unter dem Jahre 408/7, nach der chronologischen Quelle, also ohne Zweifel ungefähr richtig; natürlich ist auch Rhodos nicht an einem Tage erbaut worden (Strab. XIV 654 f.). Über die Verfassung des neuen Ge- samtstaates Kuhn, Städte der Alten S. 209 ff., Szanto, Griech. Bürgerrecht S. 140 ff., und besonders Van Gelder, Geschichte der Rhodier. Ausser den Ge- meinden auf Rhodos selbst und der rhodii^chen Peraca haben auch die kleinen Nachharinseln Chalke und Syme sich an dem Synoekismos beteiligt (die Münzen mit Sr aus der ersten Hälfte des IV. Jahrhunderts gehören wohl nach Syan- gela), Telos ist dagegen erst später beigetreten (Kupfermünzen mit THAI aus dem IV. Jahrhundert), ebenso Karpathos {IG. XII 1, 977 = Dittenb. SyU. " 129 [2 69]) und Kasos.

2 Diod. XIV 79, 6, vgl. Androtion bei Paus. VI 7, 6, Isokr. Philipp. 63, über die Zeit unten 2. Abt. § 85. Nach Diodor hätten die Rhodier IxßaXovxe? Tiv tü)V Aaxe8at|JL0v[u>v otoXov sich an Konon angeschlossen; man sieht nicht, wie das möglich gewesen sein soll, wenn die ganze peloponnesische Flotte vor Rhodos lag. Es bleibt kaum eine andere Erklärung, als dass Agesilaos den grösseren Teil der Flotte zur Unterstützung seines Feldzuges gegen Pharna- bazos nach dem Hellespont gezogen hat, in dem Vertrauen, dass Rhodos treu bleiben würde. Dass Xenophon nichts davon erzählt, wäre kein Gegengrund; Fehler, die man nicht beschönigen kann, ist es am besten, einfach totzu- schweigen. Agesilaos' plötzliche Umkehr vor Daskyleion, die durch das un- bedeutende Reitersoharmützel Xen. Meli. III 4, 13 14 in keiner Weise moti- viert ist, ist vielleicht eben durch den Abfall von Rhodos veranlasst worden. Sonst müssten wir annehmen, dass die peloponnesische Flotte Konon entgegen- gefahren war, und die Rhodier ihr dann den Hafen verschlossen hätten.

ä Diod. XIV, 79. 7, lustin. VI 2, 1.

[1491 Abfall von Rhodos. Sturz der Diagoriden. 43

Wir können nicht zweifeln, dass der Synoekismos, durch den Rhodos mit einem Schlage in die Reihe der wichtigsten griechischen Staaten trat, und den Grund zu seiner späteren Weltstellung legte, in der Hauptsache das Werk der Söhne des Diagoras war, der Nachkommen des alten Königshauses von lalysos (oben IIS. 217, 2; 2 S. 267 f.) Durch eine lange Reihe von Siegen bei den Nationalspielen war die Familie seit den Perserkriegen zu panhellenischem Ruhme gelangt, Diagoras selbst hatte in Olympia gesiegt (464), dann auch seine drei Söhne Damagetos, Akusilaos und Dorieus, letzterer sogar drei mal hinter einander (432. 428. 424), endlich Dia- goras' Enkelsöhne Eukles und Peisirrhodos ; die Siege an den anderen Festen waren kaum zu zählen^. Die adelsstolze Familie machte sich der Demokratie verdächtig, und so wurden um den Anfang des Peloponnesischen Krieges Diago- ras' Söhne von den athenischen Geschworenen des Hochver- rats schuldig erkannt und zum Tode verurteilt, doch konn- ten sie sich rechtzeitig in Sicherheit bringen und fanden eine neue Heimat in Thurioi \ Als dieses sich dann dem Bunde gegen Athen anschloss, wurde Dorieus an die Spitze eines Geschwaders von 10 Trieren gestellt, das den Spartanern zu

* Paus. VII 7, Aristot. fr. 569 R., Inschr. v. Olymp. 151. 152. Auf Diagoras' Sieg ist Pind. Ol. VII gedichtet. Die Zeit der Siege des Dorieus ist bestimmt durch Thuk. III 8.

2 Xcn. Hell. 1 5, 19, Paus. VI 7, 4, Anth. Pal. App. 77 (= [Simonid.] fr. 187 B.). Die Verbannung war lange (icdXat) vor 406 erfolgt (Xen. aaO.), und zwar, da Dorieus als Bürger eines athenischen Bundesstaates während des Archidamischen Krieges an den olympischen Spielen nicht hätte teilnehmen können, vor 428 ; dem ent<^precbend hat er sich in Olympia als Thurier aus- rufen lassen (Paus, und Anth. Pal. aaO.) ; 432 mag er noch als Khodier auf- getreten .sein (Van Gelder S. 75 ff.) Thurioi ist zwar von Athen aus ge- gründet, kam aber sehr bald zu diesem in schlechte Beziehungen (oben II 1, S. 202); es hat sich an dem sicilischen Kriege 427 424 nicht beteiligt, und auch 415 die grosse athenische Flotte nicht aufgenommen, erst 413 ist es auf die athenische Seite getreten, aber schon 412 wieder abgefallen. Wäre Dorieu« wie gewöhnlich angenommen wird (noch von Swoboda Art. Dorieus in Pauly- Wissowa V 2, 1560) erst nach dieser letzteren Umwälzung nach Thurioi gekommen, so hätte er nur gerade Zeit gehabt, sich auf dem nach den Aegaeitchen Meere bestimmten Geschwader wieder einzuschiffen, und kein Mensch würde ihm dessen Führung anvertraut haben.

44 il« Abschnitt. Der Befreiungskrieg. [149^

Hilfe gesandt wurde {Herbst 412, oben II 1 S. 403, 4); der Abfall von Rhodos, der gleich nach seiner Ankunft in den dortigen Gewässern erfolgte (oben II 1 S. 381), war offenbar zum grossen Teile sein Werk, und er hat dann die Dinge auf der Insel nach eigenem Ermessen geordnet (Sommer 411) i. Seitdem war der Einfluss der Familie des Diagoras dort un- bedingt massgebend l Sie glaubte jetzt den Rückhalt nicht mehr nötig zu haben, den ihr bisher Sparta geboten hatte. Kaum aber war der Parteiwechsel erfolgt, so begann die Demokratie wieder ihr Haupt zu erheben, von Konon ins- geheim unterstützt; denn nur als Vorkämpfer der demo- kratischen Idee konnte er hoffen, Spartas Herrschaft im Aegaeischen Meere zu stürzen. Schon im nächsten Sommer (395\ als Dorieus auf einer Gesandtschaftsreise nach Griechen- land abwesend war, kam es dann zur Revolution; Konons Unterfeldherren, die Athener Hieronymos und Nikophemos besetzten mit ihren Leuten den Hafen und die Strassen am Markte, während der Volksmann Dorimachos die Bürger zum Kampf gegen die „Tyrannen" aufrief. Diese waren voll- ständig überrascht, und wurden in ihrem Amtslokal nieder- gestossen. Sonst vollzog sich die Umwälzung fast ohne Blut- vergiessen, dank der militärischen Vorkehrungen, die Konon getroffen hatte, und nun wurde auf Rhodos wieder die Demo- kratie eingerichtet ^

Indessen war Agesilaos während des Winters bemüht gewesen, seine Reiterei durch Aushebungen in den klein- asiatischen Griechenstädten zu verstärken ; mit dem Anbruch der guten Jahreszeit ergriff er von neuem die Offensive. Diesmal sollte der Stoss in das Herz der feindlichen Macht

* Diod. XIII 38, 5, von Thukydides übergaDgtn, aber bestätigt durch Xen. HM. I 1, 2.

' Hell. Oxyrh. 10. Diagoras, ohne Zweifel ein Enkelsohii des Siegers von 464, befehligte neben Timarchos das rhodische Kontingent bei Aegospotamot (Paus. X9, 9); Damagetoa, Dorieus' ältester Bruder, erscheint auch in den Briefen des Pseudo-Hippokrates (14 und 17 Hereher) in leitender Stellung auf Rhodos. Van Gelder (S. 77 ff.) hat der Verdienst, diese Stellung der Diagoriden erkannt zH haben noch ehe sie durch die Hell. Oxyrh. ausdrücklich bezeugt wurde.

" Htll. Oxyrh. 10.

[147] Sehlacht am Paktolos. 45

geführt werden. Agesilaos rückte längs der Vorhöhen des Sipylon bis unter die Mauern von Sardes vor ; hier trat ihm der Feind mit grossen Reitermassen entgegen, die es zwar mit den griechischen Reitern aufnahmen, aber dem Stosse der Hopliten nicht stand hielten; auch das persische Lager fiel mit zahlreichen Gefangenen und reicher Beute in die Hände des Siegers. Sonst aber war der Verlust des Feindes gering (600 Mann), da die geschlagenen Reiter und leichten Truppen nur auf eine kurze Strecke verfolgt werden konnten. Immerhin war es der grösste Erfolg im offenen Felde, den die Griechen bisher in diesem Kriege errungen hatten. An eine Belagerung des festen Sardes war freiUch nicht zu denken, da ja das feindliche Heer im wesentlichen intakt geblieben war; aber Agesilaos konnte doch ungehindert durch Lydien weiter ziehen, da der Feind sich jetzt in respektvoller Ent- fernung hielt. So gelangte das Herr an die Grenze von Phrgyien. Sich noch weiter, mit dem Feinde im Rücken, von seiner Operationsbasis zu entfernen durfte Agesilaos nicht wagen; er zog also durch das Tal des Maeandros zurück nach Magnesia, das auch ohne Unfall erreicht wurdet

Am persischen Hofe war man indessen mit Tissaphernes' energieloser Kriegführung sehr wenig zufrieden gewesen. Die Königin-Mutter Parysatis bot aU ihren Einfluss auf, den Mann zu stürzen, der so viel getan hatte, das Unternehmen ihres Lieblings Kyros zum Scheitern zu bringen, und sie er-

* XcD. Hell. III 4, 15—24, Ages. I 23—34, Plut. Ages. 9—10, Hell. Oxyrh. 6, 7, und daraas indirekt Diod. XIV 80, 1—5, Paus. III 9, 6. Agesilaos in Magnesia am Maeandros : Hell. Oxyrh. 8, 1. Dugas, La campagne d'Agesilas en Atie Mineure S95 (Bull. Corr. Hell. XXXIV, 1910, S. 58ff ). Die Berichte der beiden zeitgenössischen Quellen stimmen in allem wesentlichen überein und ergänzen einander in den Nebenpunkten. Da aber Xenophon, um Tissaphernes' Katastrophe au die Schlacht bei Sardes anschliessen zu können, von Agesilaos' weiteren Vormarsch nichts sagt, entsteht der Anschein, als ob der König gleich nach der Schlacht den Rückzug augetreten hätte, sodass von einem grossen Siege nicht die Bede sein könnte, im Widerspruch zu der Angabe bei Diodor. Erst die Auffindung der Hell. Oxyrh. hat die Dinge in das rechte Licht ge- stellt. Die Verlustangabe bei Diodor (6000 Mann statt 600) fällt natürlich nicht Ephoroa zur Last, sondern Diodor selbst, oder den Abschreibern.

46 n. Abschnitt. Der Befreiuagf>krieg. [1481

reichte es endlich, dass Artaxerxes sich entschloss, den treuen Diener zu opfern, und an dessen Stelle den Befehl seinem ersten Minister die Griechen sagten Chiliarchen Tithraustes zu übertragen. Als der neue Statthalter in Kleinasien ankam, war eben die Schlacht bei Sardes ge- schlagen worden, die Tissaphernes' Ansehen bei seinen eignen Truppen stark erschüttert hatte. So war es Tithraustes nicht schwer, sich der Person des Satrapen durch Verrat zu be- mächtigen; er liess ihn sogleich hinrichten, und sandte das Haupt an den König.

Nun begann Tithraustes zu unterhandeln. Er erklärte sich im Namen des Grosskönigs bereit, die Unabhängigkeit der griechischen Küstenstädte anzuerkennen, unter der Be- dingung, dass sie an Persien ihren alten Tribut zahlten, und die Spartaner Kleinasien räumten. Agesilaos musste wenig geneigt sein, auf ein solches Abkommen einzugehen; er wollte es aber auf eigene Verantwortung nicht zurückweisen, und legte die Sache seiner Regierung vor. Inzwischen wurde wieder ein Waffenstillstand auf 6 Monate vereinbart; Ti- thraustes zahlte zum Unterhalt des peloponnesischen Heeres 30 Talente, und liess Agesilaos freie Hand gegen Pharna- bazos K

So brach der spartanische König gegen Ende des Som- mers nach dem hellespontischen Phrygien auf; bei dem Durchzug durch Mysien traten die kriegerischen Bewohner des Landes, die sich von der persischen Herrschaft frei ge- halten hatten, zum Teil auf seine Seite und verstärkten sein Heer. Pharnabazos war viel zu schwach, dem Feinde im offenen Felde entgegenzutreten, und Agesilaos konnte un-

* Xen. Rell.UIi, 25—26, JTell. Oxyrh. 8, Diod. XIV 80, 6-8, Polyaen. VII 16, 1, Plut. Ages. 10, Artox. 23. Dass auch Konon zu Tissnphernes' Sturz mitgewirkt hat (Nep. Con. 3) ist möglich, aber seine Reise zum Grosskönig fällt erst später, s. unten 2. Abt. § 85. Dass Tissaphernes' Absetzung wegen der verlorenen Schlacht bei Sardes erfolgte, sagt Xenopbon nicht und ist aus chronologischen Gründen kaum möglich. Bis die Nachricht nach Ekbatana kam, und Tithraustes in Kleina»ieu anlangen konnte hätten wenigstens 3 Monato vergehen müssen, und Agesilaos kann nicht wohl so lange untätig in Magnesia neben geblieben sein.

ri48] Tipsapbernes' Stnrz. Agcsilaos in Phrygien. 47

gehindert die ganze Satrapie durchziehen, bis hinauf nach dem phrygischen Hochland; nur die festen Plätze, wie Gor- dion, leisteten erfolgreichen Widerstand. An der Grenze Paphlagoniens angelangt, schloss er Bündnis mit dem Könige des Landes, Otys, der von seinem Oberherrn, dem Grosskönig, abgefallen war, und nun ein Hilfskorps von 1000 Reitern und 2000 Mann Fusstruppen stellte. Noch nie war ein griechisches Heer so weit ins Innere vorgedrungen. Darüber war es Spätherbst geworden, und Agesilaos zog nun in Eil- märschen nach dem Meer zurück ; die Winterquartiere nahm er in der Nähe von Pharnabazos' Residenz Daskyleion \

Agesilaos konnte auf glänzende Erfolge zurückblicken. Er hatte die persische Reiterei in einer grossen Feldschlacht geschlagen, hatte Kleinasien bis fast zum Halys nach allen Richtungen durchzogen, während das peloponnesische Heer bis dahin an der Küste geklebt hatte. Die Beute, die auf diesen Zügen gemacht worden war, im Wert von etwa 1000 Talenten, gab ihm die Mittel, den Truppen den Sold zu zahlen, ohne die Bundesgenossen durch Steuern drücken zu müssen 2. Und doch war mit dem allen sehr wenig er- reicht worden. Es war Agesilaos nicht gelungen, ausser Daskyleion auch nur einen einzigen festen Platz in seine Gewalt zu bekommen, und er hatte sich infolge dessen ge- zwungen gesehen, die besetzten Gebiete sogleich wieder zu räumen. Das persische Heer aber war trotz der Niederlage bei Sardes intakt geblieben, und die Überlegenheit der persischen Reiterei über die griechische blieb bestehen. Auch konnte die Art, wie Agesilaos den Krieg führte, mit Sengen und Brennen und Plündern, wobei die friedlichen

* Erst Kratippos {Hell. Oxyrh. 16 f.) verdanken wir eine lebendige An- schauung dieses Feldzuges. Xen. Bell. IV 1 gibt nur einige Episoden, in breiter Ausmalung; daraus Plut. Ages. 11. Vgl. Isokr. Panegyr. 144, Xen. Agea. I 35, Dugas aaO. Über das Verhältnis Paphlagoniens zum Groü^könig auch Xen. Anab. V 6, 8 ; über den Namen des paphlagonischen Königs Ed. Meyer, Theop. Hell. S. 26, 3.

" Xen. Hell. IV 3, 21, Age8. I 34; Verwendung zur Soldzahlung HeU. Oxyrh. 17, 4.

48 li. Abschnitt. Der Befreiungskrieg. [148]

Bauern zu Tausenden in die Sklaverei geschleppt wurden, ihm unmöglich in Kleinasien Sympathien erwerben. Der einzige wirkliche Gewinn aus dem Feldzuge war der An- schluss des Paphlagonenkönigs ; aber auch dies Ergebnis wurde sogleich wieder in Frage gestellt, da die paphlagonischen Hilfstruppen, erbittert über die brutale Behandlung durch einen spartanischen Offizier, noch im Winter das Heer ver- liessen \ Ein Versuch, Pharnabazos zum Abfall zu bringen, blieb natürlich ohne Erfolg, da der Satrap sehr wohl wusste, dass er sich ohne den Rückhalt an der persischen Macht in seiner Provinz nicht behaupten könnte ^. So blieb Agesilaos nichts übrig, als gegen Ende des Winters nach der Ebene von Theben am Südfusse des Ida zurückzugehen, und hier zu einem neuen Zuge in das innere Kleinasien zu rüsten, dessen Ziel Kappadokien sein sollte, um so den kleinasia- tischen Satrapen die Verbindung mit dem Grosskönig ab- zuschneiden ^. Dabei war offenbar auf die Mitwirkung der Flotte gerechnet, die unter dem Eindruck des Sieges bei Sardes ebenfalls Agesilaos* Befehl unterstellt worden war*. Endlich mussten doch die Perser des Kj-ieges müde werden, und sich zur Anerkennung der Unabhängigkeit der Griechen- städte verstehen.

Aber es war schon zu spät. Denn inzwischen hatten die Dinge in Griechenland eine Wendung genommen, die Sparta zwang, alle Kräfte zur Wahrung seiner dortigen Stellung einzusetzen, und auf eine weitere Offensive in Asien zu ver- zichten.

Während Sparta gegen Persien den Krieg für die Un- abhängigkeit der Griechen Kleinasiens führte, hatte auch in Sicilien der Freiheitskrieg gegen die Barbaren begonnen. Seit dem Frieden von 405 hatte Dionysios dieses Ziel be- ständig im Auge gehabt, und war unablässig bemüht ge- wesen, den grossen Entscheidungskampf vorzubereiten. Daa

» Xen. Hell. IV 1, 26 f, Plut. Agea. 11. ' Xen. Hell. IV 1, 29—40, Plut. Ages. 12. 13. » Xen. Meli. IV 1, 41, Hell. Oxyrh. 17, 4. Xen. Hell. III 4, 27—29.

n511 Soziale Reformen in Syrakus. Die Tyrannenburg. 49

Wesentlichste dazu war die Befestigung der eigenen Stellung an der Spitze des syrakusischen Staates; denn dass die Demokratie völlig ausser stände war, die Aufgabe zu lösen, die den sicilischen Griechen gestellt war, hatte der Feldzug von 406 nur zu deutlich bewiesen.

Dionysios verdankte seine Erhebung vor allem der be- sitzlosen Masse; er musste zunächst darauf denken, diese seine Anhänger zu befriedigen. Die Mittel dazu gewährte ihm der Aufstand der syrakusischen Ritterschaft. Diese Junker, die sich gegen ihren Feldherrn erhoben hatten, während der Feind gegen die Stadt heranzog, die in den kurzen Stunden, da sie die Herren in Syrakus waren, nichts besseres zu tun gewusst hatten, als ein wehrloses Weib mit viehischer Brutalität zu misshandeln (oben II 1 S. 412), sie hatten jeden Anspruch auf Schonung. verwirkt. Ihr Grund- besitz wurde jetzt eingezogen und in gleichen Losen ver- teilt an bedürftige Bürger, an ausgediente Söldner und an die hörige Landbevölkerung, die Kyllyrier (oben I 1, 305), die jetzt emancipiert und wenn auch zu minderem Recht, in die Bürgerschaft aufgenommen wurden \

Aber Dionysios wusste sehr wohl, dass seine Herrschaft in solchen Elementen eine dauernde Stütze nicht finden konnte. Um also für alle Fälle einen sicheren Rückhalt zu haben, wurde die Altstadt von Syrakus, die Insel Ortygia, durch eine Mauer von der übrigen Stadt abgesperrt; fortan sollten nur die Freunde und Söldner des Tyrannen hier wohnen dürfen. Auf dem Isthmos, der die Insel mit der eigentlichen Stadt verbindet, wurde ein festes Schloss er-

* Diod. XIV 7, 4. Dass es sich nnr um die Güter dieser Ritter handeln kann, liegt in der Natur der Sache; wie hätte Dionysios das Grundeigentum von Bürgern konfiszieien können, die sich nicht gegen ihn aufgelehnt hatten? Und die Hopliten, die sieh bei Erbessos gegen Dionysios erhoben, verdankten doch sicher nicht ihm ihren Grundbesitz. Unter den 4]Xcud-epu>|xevoi SoüXoi, cihi CKaXec veojtoXita?, sind wahrscheinlich die Kyllyrier zu verstehen, da diese später nicht mehr erwähnt werden (zuletzt, wie es scheint, während der atheni« echen Belagerung, F'olyaen. I 43, 1); vgl. meine Bevölkerung S. 280. Doch mag bereits Gelon einen Teil der Kyllyrier emanzipiert haben (oben II 1 8. 71 Anm. 1).

Beloch, Griech. Geschichte III. ^

50 II' Abschnitt. Der Befreiungskrieg. [152]

baut, dessen Befestigungen auch das Arsenal am kleinen Hafen mit einschlössen; hier schlug der Tyrann seinen Sitz auf^

Sobald die Verhältnisse in Syrakus einigermassen ge- ordnet waren, wandte Dionysios seine Waffen gegen die Sikeler, die im letzten Kriege die syrakusische Herrschaft abgeschüttelt hatten. Er begann mit der Belagerung von Erbessos, einer Stadt in den Bergen über Syrakus 2. Hier aber kam es zu einer Meuterei unter den syrakusischen Bürgersoldaten (404) : sie erschlugen ihren von Dionysios er- nannten Befehlshaber, wählten sich selbst Strategen, und riefen die Reiter zur Hilfe, die sich nach ihrer Vertreibung aus Syrakus in Aetna festgesetzt hatten^. Dem Tyrannen blieb nichts übrig, als mit seinen Söldnern eiligst auf Syrakus zurückzugehen. Die Empörer folgten ; sie besetzten die Höhe von Epipolae und begannen die Belagerung der Stadt. Rhegion und Messene sandten ihnen ihre ganze Flotte zu Hilfe; auch die Mutterstadt Korinth unterstützte den Auf- stand, und der Korinthier Nikoteles übernahm den Ober- befehl. Dionysios' Lage wurde nun so verzweifelt, dass er ernstlich an die Übergabe zu denken begann, und mit den Aufständischen Unterhandlungen anknüpfte. Die Erhebung schien also gesiegt zu haben; und damit kühlte sich der Eifer der Belagerer ab, von denen viele sich jetzt in ihre Besitzungen auf dem Lande zerstreuten. So gelang es Dio- nysios, Verstärkungen an sich zu ziehen, namentlich ein Korps von 1200 campanischen Reitern, die während des letzten Krieges im Solde Karthagos gestanden hatten. Mit diesen Truppen unternahm Dionysios einen Ausfall auf die Stellung der Belagerer in der Vorstadt Temenites; die

1 Diod. XIV 7, 1—3. 5.

' Erbessos lag nicht -weit von Leontinoi nnd Megara (Liv. XXIV 30), wahrscheinlich entspricht es dem heutigen Pantalica. Vibius Sequester Herbeto» jut et Endriut, oppido Alorino decurrit per fines Helori kann also nicht richtig sein.

* Diod. XIII 113, 3 (wo die Handschriften 'AxpaStv^v haben, was schon Wesseling in AXvrt\v verbessert hat), XIV 7, 7 ; 8, 1, [Xen.] Hell. II, 3, 5.

[153] I*i® Revolution, Die neue Verfassung. 51

Empörer wurden völlig geschlagen, doch fielen nur wenige, da der Tyrann, sobald der Sieg entschieden war, dem weiteren Blut vergi essen Einhalt tat. Ebenso sorgte er für ehrenvolle Bestattung der Gefallenen, und bahnte sich dadurch den Weg zur Verständigung mit den Gegnern. Das republi- kanische Heer löste nach dieser Niederlage sich auf; immer- hin fand ein beträchtlicher Teil davon, angeblich 7000 Mann, sich wieder in Aetna zusammen. Endlich kam unter sparta- nischer Vermittelung ein Vertrag zu stände, in dem Dio- nysios allen am Aufstand beteiligten volle Amnestie zusicherte (403). Der grösste Teil der Aufständischen kehrte jetzt in die Heimat zurück; die wenigen Unversöhnlichen, die noch in Aetna aushielten, wurden im nächsten Jahre mit leichter Mühe von dem Tyrannen vertrieben K

Die Verfassung von Syrakus wurde nun in der Weise geordnet, dass Dionysios die Militärgewalt blieb, die ihm im Sommer 405 durch Volksbeschluss übertragen worden war. Kraft dieser Kompetenz hatte er den Oberbefehl über das Heer und die Flotte des Staates; er ernannte die Offiziere, den Admiral (vaöap^^o?), die Kommandanten der Festungen {<fpobpap-/oi) und die Befehlshaber der einzelnen Truppenteile. Ebenso hatte er die Civilkompetenz, wie sie die Strategen in republikanischer Zeit gehabt hatten; die Vertretung des Staates gegenüber dem Ausland, den Vorsitz in der Volksversammlung, die Erhebung der zu Kriegszwecken ausgeschriebenen ausserordentlichen direkten Steuern. Ohne Zweifel floss auch ein Teil der ordentlichen Staatseinnahmen in seine Kasse. Daneben aber bestanden Rat und Volksversammlung nach wie vor; ohne ihre Zu- stimmung konnte der Herrscher weder Krieg erklären, noch direkte Steuern vom Vermögen der Bürger erheben. Wahrscheinlich sind auch die Civilbeamten zum grossen Teil durch Volkswahl bestellt worden. Überhaupt betrachtete

* Diod. XIV 7—10, die Einnahme Ton Aetna XIV 14; über die spartanische Vermittelung auch XIV 70, 3. Über die Chronologie, auch der folgenden Jahre, unten 2, Abt. § 151.

4*

52 II" Abschnitt. Der Befreiungskrlpg. [1541

sich Dionysios durchaus als den Vertreter des syrakusischen Volkes; er hat so wenig wie die älteren Tyrannen den Königstitel angenommen, und seine Münzen trugen den Namen der ^yrakusier^.

Jetzt liiöhnte Dionysios seine Erorberungspläne wieder aufnehmen ;*^nd diesmal mit besserem Erfolg. Die chalki- dischen Städte Naxos, Katane und Leontinoi fielen eine nach der anderen in seine Hand; die Bewohner wurden grösstenteils zur Übersiedlung nach Syrakus veranlasst, und erhielten das Bürgerrecht. Naxos wurde zerstört und das Gebiet den benachbarten Sikelern überlassen; in Katane wurden die campanischen Söldner angesiedelt (400). Ebenso mussten die Sikeler Dionysios' Oberhoheit anerkennen; um sie in Unterwürfigkeit zu halten, wurde am Westabhang des Aetna die Militärkolonie Adranon angelegt, so genannt nach einem sikelischen Gott.e dessen berühmtes Heiligtum sich hier erhob (400/399) ^ Mit Messene wurde ein Bündnis geschlossen (399); Rhegion allerdings wies alle Freundschafts- anerbietungen des Tyrannen zurück , der dafür bei den alten Feinden der Rheginer, den italischen Lokrern, um so bereitwilligeres Entgegenkommen fand^ Seit Hierons

^ Näheres unten 2. Abt. § 78 f. Leider ist unsere Kenntnis sehr lücken- haft; namentlich wissen wir nichts über die Ausübung der gesetzgebenden Ge- walt und die Organisation der Gerichte. Im wesentlii-hen mag diese Ver- fassung schon im Winter 405/4 eingeführt worden sein; ihre definitive Gestalt konnte sie doch erst nach der Niederwerfung der Revolution erhalten.

" Diod. XIV 14—15, Polyaen. V 2, 5; Unterwerfung der Sikeler Diod. XIV 58, Gründung von Adranon XIV 37, 4. Da Naxos nach Polyaen sich Dionysios gutwillig unterworfen hat, kann die Bevölkerung nicht in die Sklaverei verkauft worden sein, wie Diodor nach Timaeos berichtet; sie mag ebenfalls nach Syrakus übergesiedelt worden sein. Ein Teil der Bevölkerung von Katane scheint in der Stadt wohnen gebliebea zu sein, vgl. Diod. XIV 58, 2 mit 60, 7, wo mit Dindorf Katavatoi; zu lesen ist. Die Campaner sind einige Jahre später (397) nach dem nahen Aetna verpflanzt worden (Diod. XIV 58, 2). Dass aus Naxos wie aus Katane zahlreiche Bürger verbannt wurden, oder frei- willig in die Verbannung gingen, liegt in der Natur der Sache (Diod. XIV 87).

' Diod. XIV 40. 44, vgl. 107, 3 (»bweichender Bericht über die Gewin- nung Messenes bei Polyaen. V 2, 17). Demgemäss finden wir 397 die messe- nische Reiterei beim syrakusischen Heere (Diod. XIV 56, 4).

[1551 Eroberung der chalkidischen Städte. RüstuDgen gegpn Karthago. 53

Zeiten hatte Syrakus nicht mehr so mächtig dagestanden wie jetzt.

Und nun endlich konnte Dionysios an die grosse Auf- gabe seines Lebens herantreten, die Befreiung Siciliens von der karthagischen Fremdherrschaft. Die Rüfctangen be- gannen im grossartigsten Massstabe. Syrakus^^tien in ein grosses Arsenal verwandelt; überall, in den^öäulenhallen am Markt, in den Höfen der Paläste, selbst in den Tempeln wurden Waffen geschmiedet und Kriegsmaschinen gebaut. Am Hafen wurde der Bau von 200 neuen Kriegsschiffen in Angriff genommen, darunter Vier- und Fünfruderer, die hier zum ersten Male gebaut wurden; eine Neuerung von einschneidender Bedeutung für die Gestaltung des See- krieges i. Schon vorher war eine Erweiterung der Befesti- gungen von Syrakus begonnen worden (seit 402) ; auf der die Stadt beherrschenden Höhe von Epipolae wurde das Kastell Euryalos errichtet und durch zwei lange Schenkelmauem mit der Stadt verbunden l Eine Einschliessung von der Landseite her, wie sie im athenischen Kriege gedroht hatte, war damit zur Unmöglichkeit geworden; und da bei der Stärke der Mauern und der Beschaffenheit des Geländes ein gewaltsamer Angriff sehr wenig Aussicht auf Erfolg bot, war Syrakus jetzt eine fast uneinnehmbare Festung. In der Tat haben zwei Jahrhunderte hindurch alle feind- lichen Stürme sich an diesen Mauern gebrochen. Eine Ge- fahr lag allerdings in der weiten Ausdehnung der Befesti- gungen, die eine sehr zahlreiche Besatzung erforderte, und auch dann eine Sicherung gegen einen feindlichen Hand- streich sehr schwierig machte; und nur dadurch ist Syrakus endlich den Römern erlegen.

* Philistos fr. 34, Diod. XIV 41—44.

■•* Diodor XIV 18 spricht allerdings nur von der Nordmauer. Dass aber auch die Südmauer schon jetzt gebaut wurde, folgt aus der Geschichte der karthagischen Belagerung 397/6, und liegt überhaupt in der Natur der Sache, denn für sich allein wäre die Noidmauer ja nutzlos gewesen. Vgl. über diese Befestigungen Cavallari und Holm, Die Stadt Syrakus im Altertum, deutsch von Lupus, Strassburg 1887.

54 II' Abschnitt. Der Befreiungskrieg. [156]

Im Frühjahr 398 war alle Vorbereitungen vollendet. Dionysios berief jetzt eine Volksversammlung, und auf seinen Antrag wurde der Krieg gegen Karthago beschlossen, falls dieses nicht freiwillig auf die Herrschaft über die Griechenstädte im Süden und Westen der Insel verzichtete. Der Hass gegen die Phoeniker, der seit dem letzten Kriege sich in Sicilien angesammelt hatte, kam nun zu furchtbarem Ausbruch. Durch die ganze Insel begann die Semitenhetze. Überall wurde das Eigentum der karthagischen Kaufleute geplündert, in den Karthago unterworfenen Städten alle Phoeniker, die dem Volk in die Hände fielen, unter Miss- handlungen getötet; zur gerechten Vergeltung für die Barbareien, deren sich die Karthager selbst vor 10 Jahren schuldig gemacht hatten \

Dionysios hatte seine groüsen Rüstungen mit voller Offenheit betreiben müssen ; gegen wen sie gerichtet waren, konnte niemand zweifelhaft sein. Aber eine Pest, die seit einigen Jahren in Libyen wütete, hatte Karthagos Aktions- fähigkeit gelähmt, und man war dort völlig unvorbereitet. Jetzt freilich, nach dem, was in Sicilien geschehen war, blieb keine Wahl, als den Krieg anzunehmen. Man sandte also Werbeoffiziere nach Iberien und dem Keltenlande; aber ehe ein Heer versammelt war, mussten Monate hingehen, und inzwischen blieb Dionysios auf Sicilien Herr der mili- tärischen Lage^

Er eilte, seinen Vorteil zu benutzen. An der Spitze des gesamten Aufgebots seines Reiches rückte er über die karthagische Grenze, überall in den Griechenstädten als Be- freier begrüsst und mit allen verfügbaren Mannschaften verstärkt. Auch die Sikaner und die Elymer vom Berge Eryx unterwarfen sich ohne Widerstand. Nur die drei phoenikischen Kolonien Motye, Panormos, Solus und die Elymerstädte Segesta und Halikyae hielten noch fest an

^ Diod. XIV 45 - 46. Über die Chronologie unten 2. Abt. § 150 f. * Diod. XIV 47. Über die Pest in Afrika auch XIII 113, 2, XIV 41, 1 ; 45, 3.

[1571 Kriegaerklärang. Die Lage in Karthago. Einnahme von Motye. 55

der Treue gegen Karthago^; ausserdem Entella, das die aus dem Dienste des Dionysios entlassenen Campaner vor einigen Jahren in Besitz genommen hatten ^.

Dionysios wandte sich zunächst gegen Motye, den haupt- sächlichsten Stützpunkt der Karthager auf Sicilien. Die Stadt lag auf einer kleinen Insel (jetzt S. Pantaleo), inmitten einer Strandlag^ne nördlich vom Kap Lilybaeon, etwa einen Km. vom Ufer entfernt. Die syrakusische Flotte, gegen 200 Kriegsschiffe stark, lief in die Lagune ein, und nun be- gannen die Belagerer einen Damm nach der Insel hin auf- zuschütten, was bei der geringen Tiefe des Wassers keine Schwierigkeit bot. Bald war die Mauer erreicht, die Ma- schinen schlugen Bresche, und die Hellenen konnten in die Stadt eindringen. Aber auch jetzt setzten die Bürger in den Strassen den Kampf fort, wobei die nach phoenikischer Art hoch gebauten Häuser für die Angreifer ein schweres Hinder- nis bildeten. Doch so verzweifelt die Semiten sich wehrten, sie erlagen endlich der Überzahl; die reiche Stadt wurde dem Heere zur Plünderung überlassen, und was von den Be- wohnern dem Schwerte entronnen war, in die Sklaverei ver- kauft. Darüber war der Sommer zu Ende gegangen; Dionysios Hess also seinen Bruder Leptines mit 120 Schiffen zur Beobachtung des Feindes an der Westspitze Siciliens zurück und ging selbst mit der Hauptmacht in die Winter- quartiere nach Syrakus*.

Die Karthager hatten der Belagerung von Motye so gut wie untätig zusehen müssen; eine Flottendemonstration, die sie zur Rettung der Stadt versuchten, hatte keinen Erfolg gehabt. Erst im nächsten Frühjahr (397) waren ihre Rü-

» Diod. XIV 47. 48.

* Diod. XIV 9, 9; 61, 5, Ephor. fr. 124 bei Steph. Byz. s. v,, Münne« mit 'EvxeXXa? und KajJLitavüiv, freilich erst aus Timoleons Zeit, bei Head*

e. 137.

' Diod. XIV 48—53, Polyaen. V 2. 6. Über die Topographie Schubring, Hotye-Lilybaeon, Phüol. XXIV S. 49 ff., Holm, Gesch. Sic. II 434, Th. Fischer, Beiträge znr Geographie der MiUelmeerländer, Leipzig 1877, S. 18 ff., Meltzer -ff^cA. rf. Karth. I 512.

56 II. Abschnitt. Der Befreiungskrieg. [1581

stungen vollendet ; ihr König Imilkon, derselbe, der im vorigen Kriege Akragas und Gela genommen hatte, landete mit einem starken Heer im Hafen von Panormos. Dionysios hatte inzwischen wieder die Offensive ergriffen, Halikyae zur Unterwerfung gebracht und die Belagerung von Segesta begonnen. Wie nun aber Imilkon gegen ihn heranrückte, wagte er den überlegenen Kräften des Feindes gegenüber keinen Kampf und wich nach dem Osten der Insel zurück, um auf alle Fälle die Verbindung mit Syrakus sich zu sichern. Eryx, Halikyae und die Sikaner traten nun wieder auf die karthagische Seite, und auch Motye wurde von Imilkon zu- rückgewonnen ^ Die Stadt wurde nicht lange nachher wegen ihrer strategisch ungünstigen Lage von den Karthagern ge- schleift, und dafür jin geringer Entfernung die neue Stadt Lilybaeon gegründet, auf dem Vorgebirge gleichen Namens, der äussersten Westspitze Siciliens. Sie ist seitdem der wich- tigste Waffenplatz der Karthager auf der Insel geblieben \

Nach diesen Erfolgen führte Imilkon sein Heer längs der Nordküste der Insel gegen Osten. Thermae unterwarf sich ohne Schwertstreich, Lipara ergab sich der kartha- gischen Flotte, Messene wurde nach schwachem Widerstände mit Sturm genommen und vollständig zerstört. Nun fielen auch die Sikeler von Dionysios ab, und stellten ihr Kon- tingent zum karthagischen Heere. Da eine Eruption des Aetna die direkte Strasse längs der Küste ungangbar ge- macht hatte, zog Imilkon durch das Land der neuen Bun- desgenossen, den Berg links lassend auf Katane; dort sollte sich die Flotte wieder mit dem Heere vereinigen ^.

^ Diod. XIV 54—55, Polyaen. V 10, 2, Front. I 1, 2. Diodor erzählt Dionysios' Rückzug erst nach der Einnahme von Motye. Es scheint mir aber klar, dass Imilkon nicht längs der Küste (Diod. c. 55, 4) nach Westen mar- schiert sein kann, solange Dionysios 10 Km. landeinwärts bei Segesta stand, auch musste doch offenbar der Entsatz dieser Stadt Imilkons nächste Aufgabe sein. Also ist Dionysios zurückgegangen, als Imilkon von Panormos gegen Segesta heranzog.

' Diod. XXII 10, 4, vgl. XIII 54, 4.

« Diod. XIV 56—59.

[159] 1*16 Karthflger in Sicilien. Schlacht bei Katane. 57

Dionysios hatte zur Deckung' von Syrakus eine Defensiv- stellung am Berge Tauros in der Nähe des heutigen Augusta genommen^; er glaubte jetzt den günstigen Augenblick zu einem entscheidenden Schlage benutzen zu sollen. Er rückte also bis nach Katane vor und befahl seinem Bruder Leptines, der den Befehl zur See führte, den Angriff auf die von ihrem Landheer getrennte karthagische Flotte. Allerdings hatten die Karthager 250 Kriegsschiffe, die Syrakusier nur 180, doch dieser Unterschied in der Zahl wurde ausgeglichen da- durch, dass die griechische Flotte zum Teil aus Tetreren und Penteren bestand. Der karthagische Admiral Magon wünschte denn auch einer Schlacht auszuweichen; aber bald sah er sich von Leptines eingeholt, der mit seinen 30 besten Seg- lern dem Rest seiner Flotte weit vorausgefahren war. So hielten die Phoeniker notgedrungen stand; durch ihre Über- zahl wurde Leptines nach tapferem Kampfe zum Weichen gezwungen; die übrigen syrakusischen Schiffe, die ohne Ordnung heranfuhren, wurden mit leichter Mühe in die Flucht geschlagen und bei der Verfolgung zum grossen Teil genommen oder versenkt. Die Syrakusier verloren mehr als 100 Schiffe mit der ganzen Bemannung, über 20000 Mann; das am Strande aufgestellte Landheer war ohnmächtiger Zu- schauer der Niederlage (Aug. 397) l

Jetzt blieb Dionysios nichts übrig, als schleuniger Rück- zug auf Syrakus. Die Karthager folgten ; ihre Flotte fuhr in den grossen Hafen ein, das Landheer schlug sein Lager an der Mündung des Anapos auf, da wo 17 Jahre früher die Athener gelagert hatten. Bei dem nahen Tempel des olympischen Zeus nahm Imilkon sein Hauptquartier. Am Ufer

^ Er stand 160 Stadien (ca. 30 Km.) nördlich von Syrakus itepl xöv Taöpov xaXouftevov (Diod. 3. 58, 2), Der Tauros entspricht den Höhen über Angusta, die in das Kap Ö. Croce auslaufen (Ptol. I S. 399 Müller). In dem Hafen bei dieser Stadt, einem der besten Siciliens, lag wahrscheinlich die syrakusische Flotte. Dieser Tauros ist nicht zu verwechseln mit dem gleich- namigen Berge, an dem Tauromenion lag (Diod. c. 59, 1).

» Diod. XIV 59—60. Die Zahl der karthagischen Kriegsschiffe c. 62, 2 nach Timaeos, nach Ephoros wären es 400 gewesen (c. 54, 5).

58 II' Abschnitt. Der Befreiungskrieg. [159]

des Hafens wurden, als Stützpunkte für die Flotte, drei Kastelle erbaut, unterhalb des Olympieion, an der Bucht Daskon und auf dem Plemmyrion. An eine Einschliessung der Stadt war freilich seit der Befestigung von Epipolae nicht zu denken, und so begnügte sich der karthagische Feldherr damit, das syrakusische Gebiet durch seine überlegene Reiterei gründlich verheeren zu lassen. Auch die Vorstadt bei dem Tempel der Demeter und Köre wurde besetzt, aber gegen die Befestigungen der Stadt war nichts auszurichten, und bald machte der Winter weiteren Operationen ein Ende. Gleichwohl war die Lage sehr ernst, und wenn keine Hilfe kam, stand der Fall von Syrakus mit Sicherheit zu erwarten ^. Doch auch jetzt, wie zur Zeit der athenischen Belagerung, liess das Mutterland die bedrängte Stadt nicht im Stich; stand doch noch viel höheres auf dem Spiele als damals, die Existenz des Hellentums auf Sicilien. Schon unmittelbar nach der Niederlage seiner Flotte bei Katane hatte Dionysios seinen Schwager Polyxenos nach den Peloponnes geschickt, um Söldner anzuwerben, und in Sparta und Korinth um Hilfe zu bitten 2, Sparta war allerdings durch den Perser- krieg in Anspruch genommen ; aber im Frühjahr 396 schloss König Agesilaos einen Waffenstillstand mit Tissaphernes (oben S. 40), und nun war es möglich, ein Geschwader nach Sicilien zu schicken, dessen Befehl Pharax übernahm, der bis- her an der Spitze der peloponnesischen Bundesflotte in den asiatischen Gewässern gestanden hatte. Auch Koriuth und die Griechenstädte in Italien, die ja durch einen Sieg der Karthager zunächst bedroht waren, sandten Schiffe, doch waren es im ganzen nur 30 Trieren, mit denen Pharax zu An- fang des Sommers nach Syrakus in See ging \ Unterwegs fiel ein feindliches Geschwader von 10 Schiffen in seine Hand*, nach seiner Ankunft gelang es ihm, eine karthagische Flotten- abteilung von 40 Schiffen im grossen Hafen zu schlagen und

' Diod. XIV 61—63. Über die Clironologie unten 2. Abt. § 150.

'^ Diod. XIV 62, 1.

- Diod. XIV 63, 4, vgl. 69, 4—5 ; 75, 5. Über Pharax oben II 2 S. 277 L

' Polyaen. II 11, Frontin. I 4, 12.

riÖOl Belagerung von Syrakus. 59

zum grossen Teil zu vernichten. Die demokratische Opposi- tion gegen Dionysios, die sich nach diesem Erfolge zu regen begann, wurde durch Pharax' energische Haltung bald zum Schweigen gebracht. Über dem allen war der Spät- sommer herangekommen, und nun brach unter den auf engem Räume in der sumpfigen Niederung zusammenge- drängten karthagischen Truppen die Pest aus, deren Keime das Heer aus Libyen mitgebracht hatte, und der bald Tau- sende zum Opfer fielen*. Jetzt hielt Dionysios den Augen- blick zu einem combinierten Angriff auf die feindliche Stel- lung gekommen. Während eine Demonstration gegen das Lager die Aufmerksamkeit des Feindes ablenkte, wurden die KasteUe beim Olympieion und am Daskon in raschem An- sturm genommen, gleichzeitig warf sich die Flotte auf die am Ufer vor Anker liegenden karthagischen Schiffe, von denen viele versenkt oder genommen, zahlreiche andere in Brand gesteckt wurden. Indessen drängte sich auf den Mauern der Stadt die Bevölkerung, das schauerlich-schöne Schauspiel der brennenden Flotte zu sehen. Doch konnte das befestigte Lager des Feindes nicht genommen werden, und Dionysios führte am nächsten Tage die Truppen in die Stadt zurück Auf die Länge aber war die karthagische Stellung vor Syrakus jetzt nicht mehr zu halten. Ein Rückzug zu Land würde zu einer Katastrophe geführt haben, wie die am Assi- naros; Imilkon schiffte also in der vierten Nacht nach dem unglücklichen Kampfe die karthagischen Bürgertruppen auf den noch seetüchtigen 40 Trieren ein, und es gelang ihm auch, aus dem grossen Hafen zu entkommen, und mit dem Verluste nur weniger Schiffe, die von den verfolgenden Korinthiern in den Grund gebohrt wurden, die afrikanische Küste zu erreichen. Nun zerstreuten sich die sicilischen Bundeskontingente der Karthager in ihre Städte; die grosse Masse des Heeres, libysche Untertanen, iberische und

* Nach der Beschreibaug bei Diod. XIV 71 war es nicht etwa ein Snmpffieber, sondern eine Bubonenpest. In der Geschickte der Pest Ton Sticker (Gieesen 1908) wird sie mit keinem Worte erwähnt.

QQ II. Abschnitt. Der Befreiungskrieg. [1601

keltische Söldner, ergab sich dem Sieger. Die karthagische Expedition hatte ein ebenso furchtbares Ende genommen, wie siebzehn Jahre früher die athenische ^

Es war eine Entscheidung von weltgeschichtlicher Be- deutung. Syrakus war gerettet, und damit das Hellenentum auf Sicilien. Alle Eroberungen, die Karthago während des Krieges gemacht hatte, gingen verloren, Katane, Lipara,

* Diod. XIV 62 76, dessen Bericht hier ausführlicher, und darum auch besser ist, als gewöhnlich, nach Timaeos, lustin. XIX 2, 7 11, Cavallari- Holm-Lupus S. 177 ff., vgl. den Plan oben II 2 PI. 4. Dass auch das (pfoopiov *am xbv vscuv xoö Atoc; (Diod. XIV 63, 3; 72, 3 heisst es cppoopiov t-Jjv xaXoofxsvTjv Hokiyyav) am Meere lag, sagt Diodor an der ersten Sielle aus- drücklich, und ist selbstverständlich, da diese Kastelle der Flotte als Stütz- punkte dienen sollten, und Imilkon auf der Höhe beim Olympieion sein Haupt- quartier hatte; die Vorstadt Polichna dehnte sich von dem Tempel nach dem Ideere hin aus. Ohne Zweifel hat dies «ppoöptov an der Anaposmündung oder n deren Nähe gelegen. Das «ppouptov enl (xeooo toü Xi[i.ivoq (63, 3) oder icpi? t^ Acxoxcuvi (72, 3) muss auf der Punta Caderini gestanden haben ; Daskon ist die Bucht südlich davon, nach dem Plemmyrion hin (Diod. XIII 13, 3 tbv xoXitov TÖv Adoxbuva xaXoujievov). Wenn Holm trotz dieser klaren Zeugnisse meinte, Daskon müsse eine Lansdpitze gewesen sein, eben Punta Caderini, weil Thuk. VI 66, 3 lid tu) Aäoxcuvi sagt, was Holm jetzt in der Regel nachgeschrieben wird, so vergass er, dass Ijil mit dem Dativ nicht bloss „auf", sondern auch „an" heissen kann, z. B. H 133 in' («xurtöpcp KeXdSovtt, weitere Belege gibt jedes Lexikon. Nach Diod. XIV 75 hätte Dionysios die Karthager entfliehen lassen, gegen Auslieferung der Kriegskasse von 300 Talenten, mit der Motivierung, er hätte die Macht Karthagos nicht vernichten wollen, 8jtüj? ol Supaxöoioi 8ia töv äiti xoÜTüuv <p6ßov ji*fjTCOxe ox^oXtjv Xäßuioiv ävts/so^at xyjs IXeoSepta?, eine Beschuldigung, die, anders gewendet, auch sonst wiederkehrt. Dass das ganz kindisch ist, bedarf keiner näheren Ausführung. Vielmehr ist klar, dass wir es hier mit einer der vielen gehässigen Erfindungen der Feinde des Dionysios zu tun haben. Für Dionysios konnte es ja gar nichts vorteilhafteres geben, als eine vollständige Vernichtung des karthagischen Heeres, und auch die Kriegs- kasse würde damit in seine Hände gefallen sein. Imilkon konnte entkommen, weil das Kastell auf dem Plemmyrion noch in seinen Händen war, und eine Sperrung der Einfahrt in den Hafen durch die Syrakusier, wie bei der athenischen Belagerung, dadurch unmöglich wurde. Die syrakusische Flotte aber konnte doch nicht Tag und Nacht kampfbereit bleiben; und bis die Schiffe bemannt wurden, hatten die Karthager bereits einen solchen Vorsprung gewonnen, dass sie nicht mehr eingeholt werden konnten, um so weniger, als sie ohne Zweifel besser segelten.

fl891 Stimmung in Griechenland. 61

Thermae^ schlössen sich wieder an Dionysios an, die ge- flüchteten Einwohner von Messene konnten ihre zerstörte Stadt wieder aufbauen. Die ganze Nation, im Osten wie im Westen, war von der Fremdherrschaft frei, wie sie es vor dem Peloponnesischen Kriege gewesen war.

IIL Abschnitt. Der Korinthische Krieg und der Königsfrieden.

Sparta hatte gehalten, was es beim Eintritt in den Krieg mit Athen versprochen hatte. Damals hatte ihm die ganze Nation zugejubelt; aber noch war das Ziel nicht ganz er- reicht, als ein vollständiger Umschlag der Stimmung erfolgte. Die Schuld daran trugen zum grossen Teil die Ausschrei- tungen der oligarchischen Machthaber, die Lysandros ein- gesetzt hatte. Dann allerdings hatte die spartanische Re- gierung getan, was sie konnte, um diese Misswirtschaft zu beseitigen ; und nachdem einmal die Revolutionsperiode über- wunden war und wieder geordnete Zustände im Umkreise des ehemaligen athenischen Reiches hergestellt waren, war die Herrschaft Spartas bei weitem weniger drückend als früher die Herrschaft Athens. Aber freilich musste jedes wie immer geartete Band, das die Nation zur Einheit zusammen-

1 Was Polyaen. V 2, 9 von der Eroberung von Himera, d. h. Thermae, durch Dionysios erzählt, bezieht sich auf Rhegion, vgl. Diod. XIV 108, 1 3, Froniin. Strat. III 4, 3 4, der bereits das Richtige gesehen hat {idem et ad- versus Himeraeoa fedase dicitur). Wir finden aber einige Jahre später, un- mittelbar vor Leptines' Verbannung, also vor dem näthsten Karthagerkriege, Thermae in Dionysios' Besitz (Aeneias 10, 21 f.), er muss die Stadt also schon in diesem Kriege gewonnen haben, um so mehr, als Diod. XIV 78, 6 die Eroberung der Nachbarstädte Kcphaloedion und Solus im Anschluss au die Vernichtung des karthagi^chen Heeres vor Syrakus erzählt. Thermae hat sieb im Frühjahr 3^*8 (Diod. XIV 47, 6) freiwillig an Dionysios ange-<chlossen, war dann aber auf die Karthagische Seite zurückgetreten (Diod. XIV 56, 2).

62 III« Abschnitt. Der Korinthische Krieg und der Königsfrieden. [1901

hielt, den Einzelstaaten Beschränkungen in ihrer Souveränität auferlegen; und bei dem ausgesprochenen Individualismus, der nun einmal den Grundzug des griechischen Charakters bildete, wurden solche Beschränkungen nur mit Widerstreben ertragen. Und auch in den Staaten, die bisher ihre Un- abhängigkeit sich bewahrt hatten, begann man mit immer steigender Besorgnis auf die gewaltige Macht Spartas zu blicken.

Der politisch bedeutendste unter diesen Staaten war Boeotien. Man hatte hier Sparta während des langen Kampfes mit Athen treu zur Seite gestanden; gleich nach dem Siege aber begann man inne zu werden, welch schwerer Fehler es gewesen war, Sparta das unbedingte Übergewicht in Hellas zu verschaffen. Die Männer, welche den Staat während des Krieges geleitet hatten, Leontiadas, Koroetadas, Astias, wurden zurückgedrängt, und ihre Gegner, Ismenias und Androkleidas, traten an die Spitze der Regierung^. Infolge dessen hatte Boeotien den aus Athen vertriebenen Demokraten eine Zuflucht gewährt, und ihrer Rückkehr in die Heimat jeden Vorschub geleistet (oben S. 9); es hatte dann Sparta gegen die Demokraten im Peiraeeus, gegen Elis wie gegen Persien die Bundeshilfe verweigert, und als König Agesilaos, wie einst Agamemnon, vor der Abfahrt nach Asien in Aulis ein Opfer bringen wollte, hatten die Boeotarchen ihn daran mit Gewalt verhindert 2. Oropos, das im Peloponnesischen Kriege (411) mit boeotischer Hilfe sich von der athenischen Herrschaft befreit (oben II 1 S. 388} und seitdem einen selbständigen Staat gebildet hatte, wurde in den Boeotischen Bund aufgenommen ^. Sparta liess die

* Hell. Oxyrh. XII 1—2.

^ Xen. Hell. III 4, 4; 5, 5, Plut. Ages. 6, vgl. Pelop. 21, Paus. HI 9, 3—4.

* Diod. XIV 17, 1 3, der die boeotische Intervention in Oropos unter dem Jahr 402/1 erzählt. Die Einverleibung in Boeotien ist aber erst einige Jahre später erfolgt; %aX j^povoo? (tev nva^ etasav xa^' 06x005 itoXiteoBoS-ai, jieta 8i xaöTa Sovre? noXtxeiav -rijv )^u»pav Boiiotiav InofijoavTO, also vielleicht erst nach Ausbruch des Korinthischen Krieges.

[191] Boeotien. Korinth. Athen. 63

Sache hingehen, um nicht neben dem Kriege in Asien noch einen Krieg in Griechenland führen zu müssen.

Die Haltung Boeotiens musste auf die Nachbarstaaten zurückwirken. Lokris und die Gemeinden auf Euboea standen ohnehin ganz unter boeotischem Einfluss; ein sehr ernstes Symptom aber war es, dass selbst Korinth, seit einem Jahr- hundert die treueste Verbündete Spartas, dem Beispiele Boeotiens folgte und im eleiischen wie im persischen Kriege das schuldige Truppenkontingent unter nichtigen Vorwänden zurückhielt *.

Auch Athen stand seit der demokratischen Restaura- tion zu Boeotien in den engsten Beziehungen. Aber man war hier zunächst noch nicht in der Lage, diesen Sym- pathien durch die Tat Ausdruck zu geben. Galt es doch vor allem, die Wunden zu heilen, welche der Krieg und die Revolution dem Lande geschlagen hatten. Es schien eine verzweifelte Aufgabe. Der grösste Teil von Attika war zur Wüste geworden, Industrie und Handel lagen tief darnieder, der Verlust der auswärtigen Besitzungen hatte Tausende von Bürgern aller Subsistenzmittel beraubt \ Dabei stand der Staat am Rande des Bankerotts; die Einkünfte waren versiegt, der Schatz leer, dazu eine drückende Schulden- last'. Dass es trotz alledem gelang, die Krisis in wenigen Jahren zu überwinden, ist eine Leistung, die den Ruhm so manchen Sieges aufwiegt, und ein glänzendes Zeugnis für die Lebenskraft des athenischen Volkes.

Fast noch grössere Schwierigkeiten, als die wirtschaft- liche, bot die politische Wiedergeburt des Staates. Zwar hatte die Amnestie äusserlich die feindlichen Parteien ver- söhnt; aber die tiefe Spaltung, die durch die letzten Ereig- nisse in die Bürgerschaft gerissen war, Hess sich so leicht nicht verwischen. Der Gegensatz zwischen den „Bürgern aus der Stadt" und den „Bürgern aus dem Peiraeeus" hat

1 Xen. ffell. III 2, 25; 5, 5, Paus. III 9, 2,

» Thuk. VII 27. 28, Xen. Denkw. II 7 und II 8, 1. Mehr bei Büchsen- schütz, Besitz und Eruwrb 8. 600.

' Vgl. besonders Lysias gNikom. 22, Dem. gLept. 11 f.

64 ^^' Abschnitt. Der Korinthisehe Krieg und der Königsfrieden. [1921

noch lange Jahre hindurch das politische Leben Athens be- herrscht, bis eine neue Generation herangewachsen war, die an der Revolution keinen Anteil genommen hatte K Die Menge blickte nun einmal mit Misstrauen auf jene drei- tausend Männer aus den ersten und wohlhabendsten Familien, die unter den Dreissig allein das aktive Bürgerrecht aus- geübt, und bis zuletzt mit den Waffen in der Hand der Rückkehr zur Demokratie sich widersetzt hatten. Der Arg- wohn war sehr natürlich, wenn er auch, in der Hauptsache wenigstens, kaum gerechtfertigt war. Denn das Schreckens- regiment der Dreissig hatte mehr für die Sache der Demo- kratie gewirkt, als all das Grosse, das die Volksherrschaft im Laufe eines Jahrhunderts geleistet hatte. Die weit über- wiegende Mehrheit der Besitzenden war von oligarchischen Anwandlungen jetzt gründlich geheilt 2; durch achtzig Jahre ist kein Versuch mehr gemacht worden, die bestehende Staatsform umzustossen.

Die Männer, die an der Spitze der demokratischen Er- hebung gegen die Dreissig gestanden hatten, und seitdem den Staat leiteten, Thrasybulos, Anytos, Archinos, Aesimos*, erkannten sehr wohl, wie viel davon abhing, dass der innere Frieden wenigstens nicht offen gestört würde. Sie selbst gingen mit gutem Beispiele voran ; sie ertrugen ohne Murren den Verlust eines grossen Teiles ihres Vermögens und brauchten ihre Macht nicht dazu, Ersatz zu fordern von denen, die es während der Herrschaft der Dreissig für den

* Zum letzten Mal erscheint dieser Gegensatz lebendig in Lysias' Rede gegen Euandros 382.

* Man lese vor allem die Darstellung, die ein so gut konservativer Manu wie Xenophon von der athenischen Revolution gibt; weitere Belege in meiner Attischen Politik S. 114 A. 1.

=• Über Anytos W. Aly, iV. Jahrb. f. Philol. XXXI, 1913, S. 169. Isokr. 18 {gKallim.) 23 öpaoußooXo; ual "Avoto?. fisYiotov fiiv 8uva{ievot tuiv Iv T^ noXei; ebenso Xen. Apol. 29 von Anytos, über Archinos Demosth. 24 (gTimokr.) 135, wo seine „vielen Strategien" erwähnt werden, die meist in diese Zeit fallen müssen; über Aesimos Lys. 13 (gAgorat.) 80 82, Hell. Oxyrh. I 2. Weiteres bei Kirchner, Protop. Att.

[193] I^'ß Parteien in Athen. Verhältnis zu Sparta. 65

Staat eingezogen hatten \ Aber einem grossen Teil der Demokraten fehlte für eine solche Versöhnungspolitik jedes Verständnis; und wie immer gab es zahlreiche Renegaten aus der besiegten Partei, die ihre Bekehrung zur Demo- kratie nicht besser beweisen zu können glaubten, als durch Anfeindung ihrer früheren Gesinnungsgenossen ^ Machte nun auch der Amnestievertrag jede direkte Verfolgung wegen Teilnahme an der oligarchischen Bewegung unmög- lich, so gab es doch Mittel genug, das Ziel auf Umwegen zu erreichen; und hier war die Regierung der öffentlichen Meinung gegenüber nur zu oft ohnmächtig. Es kam so weit, dass den sogenannten „Bürgern aus der Stadt" tat- sächlich die Teilnahme am Staatsleben unmöglich gemacht wurde; und vor Gericht verfehlte der Hinweis, dass der An- geklagte einst zu den dreitausend Bürgern der Oligarchie gehört habe, nur selten bei den Geschworenen seine Wirkung. Unter diesen Umständen verzichtete Athen in den ersten Jahren nach dem Frieden auf jede selbständige äussere Politik. Man war bemüht, die gegen Sparta übernommenen Verpflichtungen loyal zu erfüllen; bei dem Feldzug nach Elis, wie beim Beginne des Perserkrieges stellte Athen sein Kontingent zu den peloponnesischen Bundesheeren ^ Als dann aber Konon an die Spitze der königlichen Flotte ge- treten war (oben S. 38), begann der radikale Flügel der Demokratie auf den Anschluss an Persien hinzuarbeiten*^ geführt von Kephalos aus Kollytos, einem Manne aus den Kreisen der Gewerbetreibenden, der jetzt dieselbe Rolle spielte, wie früher Ivleon oder Kleophon ^ Man sandte Konon

^ Isokr. gKallim,. 23.

' Lysias 18 (gPoliochos) 19.

" Xen. Hell. III 1, 4; 2, 25, Diod. XIV 17.

* Hell. Oxyrh. I 3.

' Hell. Oxyrh. II 1, xspapLeios Kaxp6i (Schol. Aristoph. Ekkl. 248 ff.), aus Aristoph. aaO. 252 f. ergibt sich, dass er das väterliche Geschäft weiter führte ; als p-rfuip evSo^oc bei Demosth. vKr. 219 erwähnt, als 8Y]|j.oTix(utaToc bei Aeschin. gKtes. 194. Von der Komödie angegriffen, Plat. fr. 185 (Kock I 852) ßooxei (nämlich b 8-^|i.o?) SoocuSirj KetpaXov, aloxtottjv vooov, Aristoph. Ekkl. 248 ff., meine Alt. Polit. S. 117.

Beloch, Griech. Geschichte III, 5

66 III. Abschnitt. Der Korinthische Krieg und der Königsfrieden. [1931

Waffen, warb in Athen Steuermänner und Bootsleute für seine Flotte, und schickte endlich auf eigene Hand Gesandte an den Grosskönig, die aber auf der Fahrt den Spartanern in die Hände fielen, und als Hochverräter an der hellenischen Sache hingerichtet wurden (397) \ Athen war schwer com- promittiert, und als die Opposition die Beziehungen zu Konon trotzdem aufrecht erhielt, erschien es der Regierung ge- boten, die Sache bei dem spartanischen Harmosten auf Aegina zu denunzieren, der darauf hin seine Gegenmass- regeln traf 2. Nach diesem Beweis der Loyalität konnte man es wagen, unter einem Vorwand die Heeresfolge zu weigern, als Agesilaos nach Asien ging^.

Nach dem Übertritt von Rhodos zu Konon wurden dann auch von persischer Seite mit den griechischen Mittelstaaten Verhandlungen angeknüpft. Dorieus, der leitende rhodische Staatsmann, ging selbst nach dem Peloponnes, wurde aber von den Spartanern gefangen genommen. Vor zehn Jahren hatten die Athener den berühmten Mann ungekränkt ent- lassen, als er im Peloponnesischen Kriege in ihre Hände gefallen war, trotz des Todesurteils, das das Gericht gegen ihn gefällt hatte ; die Spartaner waren von solchen sentimentalen Rück- sichten frei, und Hessen Dorieus zum Tode führen *. Besseren Erfolg hatte ein anderer Rhodier, Timokrates, der dann mit einer grossen Geldsumme, man sagte 50 Talenten, im persi- schen Auftrage nach Griechenland ging (Winter 396/5), Er nahm überall Fühlung mit den Sparta feindlichen Staats-

* Hell. Oxyrh. II 1, Isokr. Paneg. 142 (Konon) ^(poüjievos tal? 6nv]p8- oiai? Tai? it«p' 4j|Ji.iv; über die Ge8andt^<chaft Androtion und Philochoros bei Harpokr. 'Ä-(v'ia<;, Isaeos XI 8 (vHagn. Erbsch.), vgl. Demosth. 43 (gMakart.). Die Zeit ergibt sich daraus, dass Pharax damals Nauarch war (Hell. Oxyrh. aaO.).

" Hell. Oxyrh. I 3. III 1—2.

» Paus. III 9, 2.

* Androtion bei Paus. VI 7, 6. Dorieus' Gefangennahme gehört in die Zeit zwischen dem Abfall von Rhodos zu Konon und dem Sturz der Diagoriden, also in den Winter 396/5. Über das Verhalten der Athener Xen. Hell. I 5, 19. Doch war Dorieus' Schuld jetzt, wo er mit den Barbaren gemeinsame Sache gemacht hatte, viel schwerer.

[193] Dorieus und Timokrates. Ausbruch des Krieges. 67

männern, in Athen mit den Führern der Opposition, Kephalos und Epikrates, in Theben mit Ismenias und Androkleidas, in Korinth mit Timolaos und Polyanthes, in Argos mit Kylon und Sodamas; da er das Geld nicht sparte, und Subsidien in Aussicht stellte, fand er bereites Entgegenkommen ^. Auch war es ja klar, dass man nur mit persischer Hilfe hoffen konnte, die spartanische Vorherrschaft zu stürzen. Zum Losschlagen bereit war freilich nur die Regierung von Boeotien; aber auch hier wäre es unmöglich gewesen, vom Bundesrat einen Kriegsbeschluss gegen Sparta zu erlangen ^. So musste denn eine Grenzfehde zwischen Lokrern und Phokern den Vor- wand hergeben. Die Boeoter intervenierten zu gunsten der Lokrer; Sparta suchte zunächst zu vermitteln, musste dann aber, als die Boeoter trotzdem in Phokis einfielen (Ende Mai 395), zum Schutze der verbündeten Phoker zum Schwert greifen^. Bei den Siegesbotschaften, die aus Asien ein-

* Xen. Hell. III 5, 1, Hell. Oxyrh. II und XIII 1, Paus. III 9, 8, Plut. Ages. 15, Lys. 27, Plat. Menon 90 a (wo der persische Unterhändler durch ein Versehen Polykrates genannt wird). Nach Xenophon, Pau^tanias, Plut. Artox. 20 wäre Timokrates erst nach der Schlacht bei Sardes von Tithraustes nach Griechenland geschickt worden, was chronologisch kaum möglich ist, da der Krieg in Griechenland etwa um diese Zeit ausbrach ; nach Hell. Oxyrh. II 5 (daraus Polyaen. I 48, 3), ist er von Pharnabazos abgesandt worden, und zwar, wie Polyaen sagt, auf Konons Bat ^AffioiXdoo tyjv 'Aoiav nopfl-oövxoc, aber offenbar erst nach dem Scheitern der Mission des Dorieus, noch im Winter 396/5 oder im folgenden Frühjahr. Ueber Epikrates Aristoph. Ekkl. 71, Plaion Ilpsoßei? fr. 122 und 124 (Kock I 633), Lys. gEpikr. 9, Demosth. vdGea. 277, meine Att. Polit. S. 116.

" HM. Oxyrh. XIII 2.

» Xen. Hell. III 5, 3—5, Hell. Oxyrh. XITI, Diod. XIV 81, Paus. III 9, 9 11. Nach Xenophon wären es die opuntischen, nach den Hell. Oxyrh. (und Pausanias) die westlichen Lokrer gewesen, die mit Phokis in Krieg ge- rieten; da Delphi damals unabhängig war, und die westlichen Lokrer also, wenn überhaupt, nur auf eine ganz kurze Strecke an Phokis g«^grenzt habeu können, ist Xenophons Angabe offenbar richtig. Aber ebenso richtig wird es sein, was die Hell. Oxyrh. berichten, und Xenophon, der diese Dinge nur ganz kurz erzählt, übergeht, dass Sparta zunächst ein Schiedsgericht vorschlug; hatte es doch das höchste Interesse daran, nicht neben dem Krieg in Asien noch einen Krieg in Griechenland führen zu müssen. Dass Lysandros dann, als

F.*

^8 III. Abschnitt. Der Korinthische Krieg und der Königsfrieden. [194 1

liefen, schien von dort her keine Gefahr zu besorgen; und mit den Boeotern hoffte man ohne grosse Schwierigkeit fertig zu werden ^. So wurde Lysandros, der eben aus Asien zurückgekehrt war, nach Phokis gesandt, um hier und aus den umhegenden Landschaften ein Heer zu sammeln, und dann von Westen her in Boeotien einzufallen, während gleich- zeitig König Pausanias mit dem Gesamtaufgebot des Pelo- ponnesischen Bundes den Isthmos überschreiten sollte. Bei Haliartos, im Herzen Boeotiens, sollten sich die Heere ver- einigen K

Lysandros erledigte sich des ersten Teiles seiner Auf- gabe mit gewohntem Geschick. Orchomenos, die nach Theben bedeutendste Stadt des Boeotischen Bundes, trat so- fort auf seine Seite hinüber; ohne Widerstand zu finden, drang er bis Haliartos vor. Auch hier gab es eine Partei, die zum Abfall von Theben bereit war, und Lysandros hoffte, mit deren Unterstützung die Stadt durch einen Hand- streich zu nehmen, ehe Hilfe aus Theben zur Stelle wäre. Ohne also Pausanias' Ankunft abzuwarten, rückte Lysandros gegen die Mauern und begann den Sturm. Inzwischen aber war das thebanische Gesamtaufgebot im Eilmarsch herangekommen und warf sich sogleich auf den Feind, der dem unvermuteten Angriff nicht stand hielt. Lysandros selbst fiel; seine Truppen wichen nach den nahen Höhen zurück, wo sie sich gegen die Thebaner behaupteten, die mit starkem Verlust abgewiesen wurden^.

Es war nur ein verhältnismässig unbedeutendes Treffen, aber es wurde entscheidend für den ganzen weiteren Ver- lauf des Krieges. Sparta hatte den Mann verloren, dem es seine Stellung in Hellas zu danken hatte, den einzigen, der, an

Boeotien die Vermittelung abwies, auf energische Massnahmen drängte, steht damit keineswegs im Widerspruch.

* Xen .Hell. III 5, 5.

» Xen. Hell. III 5, 6—7.

' Xen. Hell. III 5, 17-21, Plut. Lys. 28. 29, Diod. XIV 81, Paus. III 5, 3—5, IX 32, 5. Über Orchomenos auch Andok. vFr. 20. Über die Chronologie unten 2. Abt. § 86.

ri95] Schlacht bei Haliartos. Athen im Bunde mit Boeotien. ()9

die Spitze der Flotte gestellt, vielleicht imstande gewesen wäre, die Seeherrschaft zu behaupten. Und zugleich war der Plan gescheitert, Boeotien durch einen combinierten An- griff von zwei Seiten her zu erdrücken. Als Pausanias bald darauf vor Haliartos erschien, war es bereits zu spät; Lysan- dros' Heer, durch den Tod des Führers tief erschüttert, hatte sich aufgelöst, und die Kontingente waren, noch in der Nacht nach dem Kampfe, in ihre Heimatsstädte zurückgegangen. Der König war auch für sich allein den Boeotern weit überlegen; aber er zögerte mit dem Angriff, und schon am nächsten Tage änderte sich die militärische Lage ^ Denn die Boeoter hatten, auf die Nachricht von den spartanischen Rüstungen, nach Athen um Hilfe gesandt, und hier liess, den vollendeten Tatsachen gegenüber, nun auch die Re- gierung alle Bedenken fallen ^. War es doch klar, dass jetzt oder nie der Augenblick gekommen war, die Abhängigkeit von Sparta abzuschütteln und vielleicht das alte Reich wieder aufzurichten. Wohl war es ein furchtbares Wagnis, ohne die Flotte und ohne die langen Mauern den Krieg gegen die hellenische Vormacht zu beginnen; Athen setzte seine ganze Zukunft auf einen einzigen Wurf. Aber zur See waren Sparta durch den Krieg mit Persien die Hände gebunden, und zu Lande glaubte man im Verein mit Boeotien den Peloponnesiern gewachsen zu sein. Es wurde also, auf Thrasybulos' Antrag, ein Definisivbündnis mit Boeotien ab- geschlossen; das athenische Aufgebot rückte sogleich über den Kithaeron und vereinigte sich gerade im rechten Augen- blick vor Haliartos mit den Thebanern^ Pausanias wagte nun keine Schlacht mehr und schloss einen Waffenstillstand,

» Xen. Hell. III 5, 21—22.

' Über Thrasybulos Xen. Hell. III 5, 16, Archinos hat später den in diesem Kriege Gefallenen eine berühmte Leichenrede gehalten (C. Müller, Fr. Orat. Alt. S. 249).

» Xen. Hell. III 5, 7—16, Plut. Lys. 29, Paus. III 5, 4. Andok. vFr. 25, Fragment der Urkunde des Bündnisses IG. II* 1, 14, vgl. Philoch. fr. 125. Über den Auszug Lys. 16, fMantith., 13, und die Eeden gegen Alkibiades (Lys. 14. 15), Demosth. vRr. 96, Phil. I 17.

70 III« Abschnitt. Der Korinthische Krieg und der Königsfrieden. [1951

in dem er sich zur Räumung Boeotiens verpflichtete. Der spartanische Angriff war völlig gescheitert (395, etwa im August) \

Die Folgen sollten sich sogleich zeigen. Korinth hatte schon Pausanias die Heeresfolge gegen Boeotien geweigert ', jetzt trat es mit seinen Kolonien Leukas und Ambrakia offen auf die boeotische Seite; Argos folgte dem Beispiel der Nachbarstadt; auch Megara, Euboea, das westliche Lokris, Akarnanien, die Chalkider in Thrake schlössen sich der Ko- alition gegen Sparta an ^ Zur Leitung der gemeinsamen An- gelegenheiten wurde in Korinth ein Bundesrat eingesetzt*. Die Verbündeten ergriffen nun die Offensive, zunächst in Thessalien, wo Medeios, der Herr von Larisa, sie gegen Lykophron von Pherae, den Bundesgenossen Spartas, zu Hilfe rief. Die spartanische Besatzung wurde aus Pharsalos vertrieben, und jetzt trat fast die ganze Landschaft auf die Seite der Verbündeten. Dann wurde die spartanische Kolonie Herakleia am Oeta erobert, die peloponnesischen Ansiedler aus der Stadt vertrieben, und die Trachinier in ihre alte

1 Xen. Hell. III 5, 22—24, Diod. XIV 81, 3. Paus. III 5, 5.

2 Xen. Hell. III 5, 17. 23.

* Diod. XIV 82, 3, vgl. Xen. Hell. IV 2, 17; 3, 15. Die Urkunde des Vertrages zwischen Athen und den Lokrern (welchen, wird nicht gesagt) IG. II' 1, 15, vgl. Köhler, Hermes V Iff. ; Vertrag zwischen Athen und Eretria 394/3 IG. [I^ 1, 16, über die Beziehuogen Athens zu Thessalien in dieser Zeit IG. II ^ 1, 26. 27. Dass auch Megara sich dem Bunde angeschlossen hat, folgt aus seiner Lage, vgl. Plat. Theaet. S. 142c; die dort vorausgesetzte Situation würde freilich allenfalls auch auf die Zeit nach Leuktra passen, wenn auch damals ein athenisches Bürgerheer nicht längere Zeit bei Korinth gestanden hat. Entscheidend ist, dass in Megara nach dem Königsfrieden die Demokratie herrschte (Diod. XV 40, 4); es ist klar, dass die 424 eingerichtete Oligarchie (oben II 1 S. 333) nicht gestürzt sein kann, solange die Stadt zu Sparta hielt (Thak. IV 74, 4 sagt nur, dass die Oligarchie lange bestanden hat, deutet aber mit keinem Worte auf ihren Sturz hin), also war die demokratische Um- wälzung, hier wie in Korinth, die Folge des Anschlusses an die Verbündeten. Was Isokr. vFr. 117 von der Neutralität Megaras sagt, geht auf eine viel spätere Zeit,

* Diod. XIV 82, 2. 10.

[1961 Koalition gegen Sparta. Pausanias' Absetzung. 71

Heimat zurückgerufen ^ Auf dem Rückmarsche schlug der boeotische Feldherr Ismenias die Phoker bei Naryx in Lokris ; doch hielt Phokis auch jetzt an dem spartanischen Bündnis fest 2. Sonst stand jenseits des Isthmos nur noch Orchomenos auf lakedaemonischer Seite; im Peloponnes dagegen blieb der Abfall auf Korinth beschränkt 3.

Inzwischen war in Sparta König Pausanias vor Gericht gestellt worden; bei seiner Feindschaft gegen Lysandros lag der Verdacht ja sehr nahe, dass er mit Absicht nicht recht- zeitig zur Stelle gewesen und so den Verlust des Feldzuges und den Tod von Spartas bestem Manne verschuldet habe. Auch seine Haltung gegenüber den athenischen Demokraten im Jahre 403 musste jetzt, nach dem Abfall Athens, in hoch- verräterischem Lichte erscheinen. Pausanias wartete denn auch den Spruch des Gerichtes nicht ab und ging in die Verbannung nach Tegea, wo er noch lange Jahre gelebt hat. Den Thron der Agiaden nahm sein junger Sohn Agesipolis ein, unter der Vormundschaft seines nächsten Verwandten Aristodamos *.

* Diod. XIV 82, 5 ff., vgl. Xen. HelL IV 3, 3 und über Herakleia Diod.

XIV 38, 5.

2 Diod. XIV 82, 8. » Diod. XIV 82, 4.

* Xen. Hell. III 5, 25, Plut. Lys. 30, Paus. III 5, 6 f., Diod. XIV 89,

XV 23. Pausanias hat seinen 381 gestorbenen Sohn Agesipolis überlebt (oben I 2 S. 178). Während seiner Verbannung soll er eine Schrift über die lykurgischen Gesetze verfasst haben, in der unter anderem die Orakelsprüche mitgeteilt waren, die Lykurgos in Delphi erhalten hatte (Strab. VIII 366, eine befriedigende Ergänzung der Stelle ist noch nicht gelungen) ; der Zweck konnte natürlich nur sein, die öffentliche Meinung zu gunsten der eigenen Eückberufung zu beeinflussen. Auf die Romane einzugehen, welche Neuere auf diese Angabe bei Strabon gebaut haben, ist hier nicht der Ort; was ich darüber denke, habe ich I 2 S. 255 augedeutet. Von einem Kampfe zwischen Königtum und Ephorat kann in dieser Zeit überhaupt keine Rede mehr sein, und Pausanias wäre am wenigsten in der Lage gewesen, einen solchen Kampf zu führen, bat er doch gegenüber seinen Mitkönigen Agis und Agesilaos immer nur eine untergeordnete Stellung eingenommen, wie schon sein Vater neben Archidamoa und Agis, und es scheint nach dem Zusammenhange bei Strabon, dass Pausanias' Jächrift vor allem gegen die Eurypontiden gerichtet war. Wenn also Aristoteles

72 Abschnitt. Der Eorinthiscbe Krieg und der Eönigsfrieden. [197]

Auch jetzt war Sparta der feindlichen Koalition mili- tärisch mehr als gewachsen. Man hätte also den Krieg in Asien sehr wohl weiterführen können, und Agesilaos rüstete denn auch im Winter zu einem neuen Zuge ins Innere*. Aber, wie gewöhnlich, dachte man in Sparta nur an das Nächstliegende. Man wollte vor allem den Krieg in Griechen- land beendigen; der konzentrische Angriff, der bei Haliartos gescheitert war, sollte im nächsten Sommer mit grösseren Kräften wiederholt werden. Agesilaos wurde also zurück- gerufen; schweren Herzens musste er auf die grossen Pläne verzichten, deren Verwirklichung er sich so nahe geglaubt hatte. Eine Abteilung von 4000 Mann blieb zum Schutze der asiatischen Griechenstädte zurück ; mit dem übrigen Heere ging der König, etwa Anfang Juni, über den Hellespont, und zog dann in möglichster Eile längs der thrakischen Küste nach Westen '^. Indess die Verbündeten kamen ihm zuvor; sie versammelten ihr Gesamtaufgebot bei Korinth, und ergriffen dann die Offensive. Doch sie waren erst bis Nemea gelangt, als das peloponnesische Bundesheer unter Aristodamos schon in ihrer Flanke bei Sikyon stand, und sie damit zwang, sich nach Norden zurückzuwenden. In der Ebene zwischen Korinth und Sikyon an den Ufern des Baches, der von Nemea herabströmt, kam es zur Schlacht,^ der grössten, die bisher von Griechen gegen Griechen ge- schlagen worden war (Juli 394). Auf jeder Seite standen gegen 20000 Hopliten; an Reiterei und an leichten Truppen waren die Verbündeten weit überlegen. Aber sie verstanden es nicht, sich diesen Vorteil zunutze zu machen; nach her- gebrachter Weise suchte man die Entscheidung in dem

an zwei Stellen der Politik (V 1301b 20, 1333 b 34) dem „König" Pausania» den Plan eines Staatsstreiches zuschreibt, so ist klar, dass er den Sieger von Plataeae meint (siehe oben 11 2 S. 158).

* Xen. Hell. IV 1, 41, oben S. 48. Man hat sich also in Sparta erat im Frühjahr entschlossen, Agesilaos zurückzurufen. Dies Zögern ist für den Ausgang des Feldzuges verhängnisvoll geworden.

^ Xen. Helh IV 2, 1—8, Diod. XIV 83. Über die Zeit des Zuges unten 2. Abt. § 86>

[198] Schlachten bei Eoriolh und Koroneia. 73

Stoss des schwerbewaffneten Fussvolks. In der That wandten sich die Bundesgenossen der Lakedaemonier nach kurzem Kampfe zur Flucht; die Lakedaemonier selbst aber, auf dem rechten Flügel, besiegten die ihnen gegenüberstehenden Athener und nun wurde das ganze Heer der Verbündeten von seinem linken Flügel her aufgerollt und unter grossen Verlusten auf Korinth zurückgeworfen. Es sollen 2800 Mann von den Verbündeten gefallen sein, während die Sieger 1100 Mann eingebüsst hätten^. Doch gelang es dem ge- schlagenen Heere, sich in seinem festen Lager bei Korinth zu behaupten. In der Stadt machte die Niederlage natürlich tiefen Eindruck ; man schloss den Verbündeten die Tore, und stand schon auf dem Punkte, mit dem Sieger in Verhand- lungen zu treten, was aber von der demokratischen Partei verhindert wurde '^. So brachte die Schlacht keine Ent- scheidung, und die Lage blieb, wie sie vorher gewesen war. Etwa einen Monat später, am 14. August, stand Agesilaos an der Grenze Boeotiens ^ Er hatte Thrakien und Makedonien fast ohne Hindernis durchzogen und auch in Thessalien, das grösstenteils auf Seiten der Feinde stand, keinen nennens- werten Widerstand zu überwinden gehabt *. Jetzt zog er die Aufgebote von Phokis und Orchomenos an sich, ferner die Hälfte des spartanischen Regimentes ([löpa), das in Orchomenos als Besatzung lag; ein weiteres spartanisches Regiment kam von dem Heere in Sikyon zu seiner Unterstützung herüber. Auf der anderen Seite sandten auch die Verbündeten einen Teil ihrer bei Korinth versammelten Truppen nach Boeotien ; bei dem Tempel der Athena Itonia im Gebiete von Koroneia,

> Xen. Hell. IV 2, 9—23, Diod. XIV 83, vgl. Lys. 16, (fMantüh.) 15. Über die Heeresstärken Klio V 1905, 344, und VI 34 ff. Die Verlustangaben nach Diodor, vgl. Xen. Seil. IV 3, 1, sehr übertrieben Ages. 7. Die Grab- »chriften der bei Korinth und Koroneia gefallenen athenischen Reiter IG. 11 1673. 2084.

» Xen, JETeU. IV 2, 23, Demosth. gLept. 52 f.

Xen. Hell. IV 3, 10. Das Datum steht durch eine Sonnenfinsternis sicher.

* Xen. Hell. IV 3, 1—9, Plut. Ages. 16t., Diod. XIV 83, Polyacu. II, 1, 17.

74 III- Abschnitt. Der Korinthische Krieg und der Königsfrieden. [1991

da wo die Vorhöhen des Helikon sich nach der Kopais- Ebene herabsenken, nahmen sie eine die grosse Strasse nach Theben deckende Stellung. Hier wurden sie von Agesilaos angegriffen und nach blutigem Kampfe auf die Anhöhen zurückgedrängt. Aber es war nur ein halber Sieg; das feindliche Heer war im wesentlichen intakt geblieben, und der König, der selbst verwundet war, hielt es nicht für ge- raten, den Sturm auf die Höhen zu wagen. Ein weiteres Vorrücken nach Boeotien hinein war damit unmöglich ge- worden, und es blieb nichts übrig, als das Heer nach Phokis zurückzuführen. Bald darauf wurden die Kontingente in ihre Heimat entlassen K

So war auch dieser zweite Feldzug, trotz zweier Siege, für Sparta strategisch und politisch erfolglos geblieben ; man stand am Ende des Sommers in Griechenland genau da, wo man im Frühjahr gestanden hatte. Inzwischen aber war zur See die Entscheidung gefallen. Konon hatte nach dem Über- tritt von Rhodos zunächst nichts weiter unternehmen können, da er zu einer Offensive auf dem Aegaeischen Meere zu schwach war. Er war allerdings im Frühjahr 395 durch ein phoenikisches Geschwader verstärkt worden \ aber seine

1 Xen mU. IV 3, 15—23, Plut. Ages. 18 f., Diod. XIV 84, 1—2, vgl. Lys. 16, (fMantüh.) 16. Die Heeresstärken sind nicht überliefert; jeden- falls waren sie beträchtlich geringer als bei Korinth. Agesilaos war an leichten Truppen überlegen, an Reitern und wohl auch an Hopliteu dem Feinde ge- wachsen (Xen. Hell. IV 3, 15 = Ages. 2). Der Verlust betrug nach Diod. aaO. auf spartanischer Seite 350, auf Seite der Verbündeten 600 Mann. Die Schlacht erfolgte wenige Tage nacö der Sonnenfinsternis des 14. August, kurz vor den Pythien (Plut. Aget. 19).

^ Hell. Oxyrh. IV 2. Nach Diod. XIV 79, 8 (unter 396/5) hätte diese Verstärkung 90 Trieren betragen, und die Herausgeber der Hell. Oxyrh. haben danach die dort weggebrochenen Zahlen eingesetzt. Wenn aber Konon bereite damals 170 Trieren hatte, so ist seine Untätigkeit unbegreiflich ; es scheint also, dass in dem Papyrus gesagt war, der grössere Teil der für Konon be- stimmten 90 Schiffe, und zwar diejenigen, die Akton aus Sidon heranführen sollte, sei noch nicht fertig gewesen. Bei Nepos Con. 4, 2 wird denn auch ausdrücklich gesagt, dass die Flottenrüstung erst nach Konons Reise zum Gross- könig (Winter 395/4) proxima aestate, also 394 fertig geworden ist. Das ergibt

[199] Der Seekrieg. 75

Kriegskasse war so vollständig erschöpft, dass er nicht im- stande war, den Sold zu zahlen. Er erhielt dann zwar, nach Tissaphernes' Sturz, aus dessen confisciertem Vermögen von Tithraustes 220 Talente, doch auch das reichte nur zu einer Abschlagszahlung, und darüber brach unter den kyprischen Kontingenten auf der Flotte eine Meuterei aus, die nur mit Mühe gedämpft werden konntet So entschloss sich Konon im Herbste, nach Babylon zum Könige hinaufzureisen. Hier erhielt er denn auch die nötigen Geldmittel; zugleich erging an die Könige der phoenikischen Städte der Befehl, die längst in Ausrüstung begriffene Flotte endlich segelfertig zu machen. Zum Oberbefehlshaber der ganzen Seemacht \yurde Pharna- bazos bestellt 2.

In Sparta unterschätzte man die maritime Leistungsfähig- keit des Gegners^; und bei der Art, wie Persien bis dahin den Seekrieg geführt hatte, ist das ja auch ganz begreiflich. Man erkannte allerdings die Notwendigkeit, die Leitung der Operationen zu Lande und zur See in eine Hand zu legen, und gab darum Agesilaos den Oberbefehl auch über die Flotte (Sommer 395). Der König war denn auch bemüht, die Flotte durch Neubauten zu verstärken; da er aber dabei auf den guten Willen der Bundesstaaten angewiesen war, wurde nicht viel erreicht*. Noch verhängnisvoller wurde es, dass der König, statt eines bewährten Seeoffiziers, seinen Schwager Peisandros an die Spitze der Flotte stellte, der wohl ein tapferer Mann, aber einer solchen Aufgabe in

sich auch aus Diod. XIV 81, 5, wo Konon vom Könige nicht nur /p-fjuata, sondern auch xvjv oXXyjv napaaxeUTjv fordert.

1 Hell. Oxyrh. XIV-XV, lu-tin. VI 2, 11.

2 Diod. XIV 81, 4—6 (unter 395/4), lustin. VI 2, 12—16 (nach der Meuterei), Nepos Con. 3, 2 4, 2 (setzt die Reise schon vor Tissaphernes' Sturz, was, wie die anderen Quellen zeigen, ein Irrtum ist), Paus. III 9, 2 (setzt die Reise gar vor Agesilaos' Abgang nach Asien).

=• Xen. Hell. III 4, 2.

* Xen. Hell. III 4, 27—29. Agesilaos forderte die Städte auf Tpi-ripei? not- tlad-ai 6n6aas exdoTYj ßooXowo; es wurden dann auch 120 neue Trieren ver- sprochen, fertig aber können nur wenige geworden sein, wie Xenophons eigene Angabe über die Stärke der Flotte bei Knidos zeigt (s. unten S. 77 A.).

76 Abscbnitt. Der Korinthische Krieg und der Königsfrieden. [1991

keiner Weise gewachsen war. Und endlich entzog Agesilaos* Abberufung nach Griechenland der Flotte den Rückhalt, den sie bisher an dem Landheer gehabt hatte.

Die Flotten lagen sich während der ersten Hälfte de« Sommers 394 untätig gegenüber, die hellenische bei Knidos, um den Feinden die Einfahrt in das Aegaeische Meer zu wehren, die persische im Hafen von Loryma, an der Strasse, die Rhodos vom Festlande trennt; offenbar warteten beide Teile auf das Eintreffen der Verstärkungen. Endlich, Anfang August, verliess Feisandros seine Stellung, und fuhr den Feinden entgegen, ohne Zweifel in der Absicht, Konon zur Schlacht zu zwingen, ehe die phoenikische Flotte unter Pharna- bazos herankäme, oder wenigstens die Vereinigung der beiden Flotten zu hindern. Doch diese Vereinigung war be- reits erfolgt, und Peisandros sah sich so unvermutet der ganzen feindlichen Flotte gegenüber, mit nur 85 Schiffen gegen etwa die doppelte Zahl auf Seiten des Feindes. Aber auch jetzt erkannte er die Lage noch nicht; denn die persische Flotte fuhr in zwei Treffen hintereinander, voran die zum grössten Teil aus kyprischen Schiffen bestehende Division Konons, da- hinter, und durch diese verdeckt, die phoenikischen Schiffe unter Pharnabazos. So glaubte Peisandros es nur mit Konon zui tun zu haben, dem er numerisch gewachsen war, und nahm die Schlacht an, die dieser ihm bot. Als dann aber die Phoeniker in das Gefecht eingriffen, wandte sich zuerst der griechische linke Flügel, dann die ganze Flotte zur Flucht. Peisandros selbst fand den Tod, 50 Schiffe, die den Hafen von Knidos nicht mehr erreichen konnten, wurden versenkt oder genommen, doch gelang es dem grössten Teile der Mannschaft, sich an die Küste zu retten (Anfang August 394) ^

' Ein genügender Schlachtbericht fehlt, doch haben Xenophon Hell. IT

3, 11 12 und Diod. XIV 83, 4. 7, die sich gegenseitig ergänzen, wenigsten« die wesentlichen Züge bewahrt. Instin. VI 3 gibt nur Phrasen, Nepos Con.

4, 4 nicht einmal die, Polyaen. I 48, 5 eine abgeschmackte Anekdote. Das sehr zerstörte Fragment des Philochoros bei Didym. zu Dcmoath. 7, 39 ff. bietet nichts neues. Die Stärke der persischen Flotte betrug nach den Einzelposten bei Diod. XIV 79, 6. 8: 170 Trieren, wozu noch das rhodische Kontingent

[200] Schlacht bei Knidos. 77

Mit diesem Siege war Konon Herr des Aegaeischen Meeres. Die spartanische Flotte, die seit Aegospotamoi das Meer beherrscht hatte, existierte nicht mehr; in Kleinasien standen^ nach Agesilaos' Abzug, nur noch 4000 Mann pelo- ponnesischer Landtruppen (oben S. 72). So brach denn die spartanische Herrschaft hier haltlos zusammen, um so mehr als Pharnabazos und Konon die Autonomie aller griechischen Gemeinden verkündeten, und versprachen, keine Besatzungen in die Städte zu legen. Eine nach der anderen traten die Inseln und Küstenorte zu den Persern hinüber, die lake- daemonischen Harmosten und Garnisonen wurden vertrieben, die Parteigänger Spartas erschlagen oder verbannt, und tiberall wieder demokratische Verfassungen eingeführt K Auf den Befreier Konon wurden die höchsten Ehren gehäuft*. Nur am Hellespont behaupteten sich die Spartaner. Hier hielt Derkylidas die beiden wichtigen Plätze Abydos und Sestos vom Abfall zurück ^ was dann zur Folge hatte, dass auch Byzantion dem Bündnis mit Sparta treu blieb*.

Jetzt galt es, den Verbündeten in Griechenland die Hand zu reichen. Im nächsten Frühjahr (393) gingen also die beiden persischen Admirale dorthin unter Segel; die meisten Ky- kladen fielen ihnen ohne Widerstand zu, und es kam nun

kommt ; wenn c. 83, 4 „mehr als 90" angegeben werden, so kann diese Zahl sich nur auf die Flottenabteilung Eonons bezieben, die nach c. 79, 6 ein- schliesslich des rhodischen Kontingents wirklich diese Stärke gehabt haben mnss. Peisandros hatte nach Diod. XIV 83, 5 : 85 Trieren, wozu Xenophons Angabe stimmt, dass er schwächer war („viel schwächer" ist Übertreibung) als das }itTa E6v(uvo( 'EXXyjvxov. lustin. VI 3, 1 sagt freilich ingentem elatsem. Katürlich kann Peisandros nicht so unverständig gewesen sein, gegen eine doppelte Übermacht die Schlacht anzunehmen ; sind also die Angaben über die Stärkeverhältnidse richtig, woran zu zweifeln wir keinen Grund haben, so muss der Hergang gewesen sein, wie er oben dargestellt ist. Über die Chronologie unten 2. Abt. § 83.

* Xen. Hell. IV 8, 1—3, Diod. XIV 84, 3-4.

* Statuen Konons in Samos und Ephesos : Paus. VI 3, 16, in Erythrae Dittenb. Syll." 126.

» Xen. Hell. IV 8, 4—6.

* Das ergibt sich daraus, dass die Oligarchie in Byzantion erst 389 durch Thrasybulos gestürzt worden ist (Xen. Hell. IV 8, 27).

78 in. Abschnitt. Der Korinthische Krieg und der Königsfrieden. [2011

auch hier zu denselben blutigen Greueln gegen diebesitzenden Klassen, wie im vorigen Herbst in Kleinasien. Dann wurde die lakonische Küste verheert und Kythera genommen, das durch eine Besatzung unter Konons Unterfeldherrn, dem Athener Nikophemos, gesichert wurdet Von da fuhr die persische Flotte weiter nach Korinth, wo dem Bundesrate Subsidien ausgezahlt wurden 2. Und jetzt endlich kehrte Konon in die Heimat zurück, der er so lange Jahre ferngeblieben war. Er kam im frischen Glänze des Sieges von Knidos; die Schmach von Aegospotamoi war ausgetilgt und der Druck der lake- daemonischen Seeherrschaft von Athen genommen. Es konnte nicht fehlen, dass dem Manne, der so grosses voll- bracht hatte, jetzt Ehren zuteil wurden, wie noch nie einem Bürger seit Harmodios und Aristogeiton ; wie diesen, wurde auch Konon eine eherne Statue errichtet „weil er den Bun- desgenossen der Athener die Freiheit gebracht habe", wie es in dem Volksbeschluss hiess^

Aber Konon dachte noch mehr zu tun; sein Ziel war die Wiederaufrichtung der athenischen Seeherrschaft. Vor allem galt es, die Befestigungen des Peiraeeus und die langen Mauern wieder aufzubauen, die einst Lysandros niederge- rissen hatte. Man hatte in Athen bereits damit begonnen; jetzt gewährte Konon aus der persischen Kriegskasse reiche Geldmittel und Hess die Mannschaft der Flotte an dem Bau arbeiten, doch dauerte es natürlich noch einige Jahre, bis das grosse Werk vollendet war*. Die Kleruchengemeinden auf Lemnos, Imbros und Skyros wurden jetzt aufs neue mit der

^ Xen. Hell. IV 8, 7—8, Diod. XIV 84, 4—5. Ein Bild der Vorgänge auf den Inseln gibt Isokrates' Aeginetikos, namentlich § 18 ff. Melos blieb Sparta treu: Isokr. aaO. 19. Über Nikophemos auch Lys. 19 (vAristoph.Verm ), Helh Oxyrh. X 1, Diod. XIV 81, 4; er war einer der vertrautesten Freunde Konons.

' Xen. Hell. IV 8, 6—8, Diod. XIV 84.

' Demosth. gMeid. 69 f., Isokr. Euag. 57, Paus. I 3, 2; 24, 4.

* Xeo. Hell. IV 8, 9—10, Diod. XIV 85, N. pos Conon 4, 5. Hrkunden über den Mauerbau IG. 112, 830—2; 5, 830b— e. Die älteste dieser Urkunden (5, 830 b) ist aus dem Skirophorion 395/4, also 1—2 Monate vor der Schlacht bei Knidos.

[202] Konon in Griechenland. Revolution in Korinth. 79

Mutterstadt vereinigt^, die Oberhoheit Athens über Delos wiederhergestellt ^ Mit Chios, M5^ilene, Rhodos, Kos, Kni- dos wurden Bündnisse abgeschlossen ^ Auch mit Dionysios von Syrakus wurden Beziehungen angeknüpft; und wenn es nicht gelang, den Herrscher Siciliens auf die athenische Seite herüberzuziehen, so wurde doch wenigstens erreicht, dass auch Sparta keine Hilfe von ihm erhielt*.

Zu Lande war der Krieg seit dem Tage von Koroneia so gut wie ganz zum Stehen gekommen ^ Die Lakedaemonier begnügten sich damit, in Sikyon und Orchomenos Besatz- ungen zu unterhalten, während andererseits die Verbündeten ein starkes Truppenkorps nach Korinth legten, um jeden Versuch des Feindes, den Isthmos zu überschreiten, unmög- lich zu machen. Unter dem Schutze dieser Truppen kam es in Korinth zu einer demokratischen Revolution; die an- gesehensten Männer der oligarisch-lakonischen Partei wurden getötet oder verbannt; Korinth verzichtete freiwillig auf seine Autonomie und trat in den argeiischen Staatsverband ein (Frühjahr 392) ^

Den Verbannten wurde jetzt Amnestie gewährt, und sie bewiesen sogleich ihre Dankbarkeit dadurch, dass sie dem

* Im Frieden von 404 waren diese Inseln ebenso wie alle übrigen aus- wärtigen Besitzungen Athens abgetreten worden (Andok. vFr. 12), die Kleruchen aber wohnen geblieben, da lieine ältere Bevölkerung mehr da war, die man hätte zurückführen können; bereits im Jahre 392 finden wir die Inseln wieder im Besitz der Athener (Xen. Hell. IV 8, 15).

' Im Jahre 390/89 war die Verwaltung des delischen Tempels wieder in der Hand der Athener {IG. II 2, 813 b).

* Aus dem athenischen Volksbeschluss für Agesarchos aus Karpathos, IG. XII 1, 977 ergibt sich, dass Rhodos, Kos, Knidos und offenbar auch Kiirpathos in dieser Zeit mit Athen verbündet waren ; vgl. für Rhodos Xen. Hell. IV 8, 20. Mylilene und Chios standen schon vor Thrasybulos' Zuge mit Athen im Bunde (Xen. Hell. IV 8, 28, Diod. XIV 94, 4), und müssen also ebenfalls durch Konon gewonnen worden sein. Vgl. auch Nepos Con. 5.

* IG. II* 18 aus dem Winter 394/3, Lys. vAristoph.Verm. 19 f.

* Über die Chronologie der folgenden Ereignisse bis zum Frieden s. unten 2. Abt. § 87-89.

« Xen. Hell. IV 4, 1—6, nach Diod. XIV 86, 1 Trären 120 Bürger cr- Bchlagen, 500 verbannt worden.

80 III- Abschnitt. Der Korinthische Krieg und der Königsfrieden. [203]

Feinde ein Tor der langen Mauern öffneten, die Korinth mit dem Meere verbanden. Es kam nun zwischen den Mauern zum Kampf, in dem die Argeier und ihre Verbündeten mit grossem Verluste geschlagen wurden; infolge dessen wurde auch die Hafenstadt Lechaeon von den Lakedaemoniern ge- nommen. Die Sieger gingen dann über den Isthmos, und nahmen Sidus und Krommyon ein, zwei korinthische Flecken am Saronischen Golfe, die nun durch Besatzungen gesichert wurden K

Korinth war damit vom Meere abgeschnitten, und der Weg nach Athen lag den Lakedaemoniern offen. Der athenische Stratege Iphikrates, ein junger Offizier von hervorragender Begabung, der mit einem Corps leicht- bewaffneter Söldner (Peltasten) bei Korinth stand, tat zwar sein möglichstes, den Feind durch kühne Streifzüge bis nach Arkadien hinein in Atem zu halten, war aber nicht stark genug, etw^as entscheidendes auszurichten. So rückten denn endlich die Athener mit ihrem ganzen Aufgebot ins Feld, gewannen Lechaeon zurück, und bauten die zerstörten Mauern wieder auf, doch wurden Sidus und Krommyon von den Spartanern gehalten; sonst standen beide Teile genau da, wo sie im Frühjahr gestanden hatten 2.

Jetzt begann man in Sparta ernstlich an den Frieden zu denken. Es war klar, dass gegenüber der Koalition der griechischen Mittelstaaten und des Persischen Reiches ein Erfolg nicht zu erwarten stand, und man war bereit, die vollendeten Tatsachen anzuerkennen, so schwer es den leitenden Männern, und namentlich Agesilaos auch fallen

^ Xen. Hell. IV 4, 5—13, Diod. XIV 86, Andok. vFr. 18. Nach Diodor hätte der Verlust der Verbündeten 1000 Mann betragen; dass er sehr beträcht- lich war, sagt auch Xen. Hell. IV 4, 12.

' Xen. Hell. IV 4, 14—18, Diod. XIV 91, 2—3, über Iphikrates' Streif- BÜge auch Polyaen. III 9, 24. 39. 49. 54. Die Wiedereroberung von Lechaeon erzählt Xenophon nicht, sie folgt aber daraus, dass Teleutias im nächsten Jahre ta VBUtpia einnimmt {Hell. IV 4, 19), die eben in Lechaeon gelegen waren. Auch wäre die Wiederherstellung der langen Mauern nicht möglich gewesen, solange Lechaeon von den Spartanern gehalten wurde. Krommyon und Sidus gehalten: Xen. Hell. IV 5, 19.

[2031 Kämpfe vor Korinth. Friedensverhandlungen. 31

mochte, die asiatischen Griechen dem Könige auszuliefern. So ging im Sommer 392 Antalkidas als Gesandter nach Sardes zu dem neuen Satrapen Tiribazos^), und bot die Abtretung des ganzen asiatischen Festlandes an Persien, während alle griechischen Staaten auf den Inseln und in Europa als autonom anerkannt werden sollten. Wie die Sachen jetzt lagen, war das die einzige Basis, auf der Griechenland ein dauernder Frieden gesichert werden konnte ; und wenn es eine Schmach für die Nation war, die Stammes- genossen in Asien den Barbaren preiszugeben, so traf die Verantwortung dafür wahrlich nicht Sparta, das für die Freiheit der asiatischen Griechen mit Persien den Krieg ge- wagt, sondern die Staaten, die mit dem Grosskönig gemein- same Sache gemacht hatten.

Tiribazos war sehr bereit, auf diese Vorschläge einzu- gehen, und er kam denn auch sogleich mit Antalkidas zur Verständigung. Die Koalition der Mittelstaaten aber war keineswegs gewillt, den Frieden auf dieser Grundlage an- zunehmen. Nicht dass ihnen an der Grösse und Freiheit Griechenlands gelegen gewesen wäre; wohl aber sahen sie sich durch die spartanischen Vorschläge in ihren Sonder- interessen bedroht. Athen hoffte sein altes Reich wieder aufzurichten; Argos wollte den Besitz des neuerworbenen Korinth nicht aufgeben, und Theben hätte bei der An- nahme der Autonomieklausel auf seine Hegemonie in Boe- otien verzichten müssen, die von der Mehrzahl der kleineren Städte der Landschaft nur mit Widerstreben ertragen wurde. Tiribazos kam also den Verbündeten einen Schritt entgegen ; Athen sollte den Besitz seiner drei alten Kleruchien Lemnos,

^ Der Chiliarch Tithraustes (oben S. 46) war überhaupt nur mit der Ordnung der kleinasiatischen Verhältnisse betraut gewesen und dann sogleich •wieder in sein hohes Hofamt zurückgetreten, schon im Herbst 395 (Hell. Oxyrh. XIV 3, vgl. Xen. Hell. IV 1, 27, Nepos Con. 3, 2). Bei seinem Weggänge übertrug er den Befehl an Ariaeos und Pasiphernes {Hell. Oxyrh. und Xen. aaO.), Tiribazos ist also frühestens im Sommer 394 nach Sardes gekommen, wahrscheinlich erst 392.

Beloch, Griech. Geschichte III. Q

82 n^' Abschnitt. Der Korinthische Krieg und der Königsfrieden. [2041

Imbros und Skyros behalten, Theben nur auf Orchomenos ver- zichten, das bereits abgefallen war {oben S. 68). In bezug auf Korinth aber blieb Tiribazos fest; war doch die Wiederherstel- lung der Unabhängigkeit der Stadt eine Lebensfrage für Sparta. Mit dem so ammendierten Friedensvertrage ging Antalkidas nach Sparta, wo nun die Gesandten der kriegführenden Staaten zum Kon gross zusammentraten. Natürlich wollte Argos von einem solchen Frieden nichts wissen; Boeotien dagegen war bereit, die Bedingungen anzunehmen, die Entscheidung stand also bei Athen. In der richtigen Erkenntnis, dass auch im besten Falle bei Fortführung des Krieges nicht mehr zu er- reichen sein würde, und dass der Frieden, auch so wie er war, Athen die Grundlage seiner Machtstellung wiedergab, unter- zeichneten die athenischen Gesandten den Vertrag, mit Vor- behalt der Ratifizierung durch die Volksversammlung (Winter 392,1)1.

In Athen aber war während der letzten Jahre die radikale Partei wieder emporgekommen. Ihre Führer waren jetzt Kephalos aus KoUytos (oben S. G5), und Agyrrhios aus demselben städtischen Bezirk, ein Mann, der schon unter Kleophon in der Finanzverwaltung tätig gewesen war; nach der demokratischen Restauration stand er eine Zeit lang an der Spitze der Gesellschaft zur Pacht des Zolls im Peiraeeus, dann wandte er sich wieder der Staatsverwaltung zu, und es war auf seinen Antrag, dass trotz der schlechten Finanz- lage Diäten für den Besuch der Volksversammlung einge- führt wurden, um auch den ärmeren Bürgern den Besuch

* Ueber diese Verhandlungen Xen. Hell. IV 8, 12 15, und vor allem die Rede, die Andokides in der Volksven-ammlung in Athen gehalten hat; die Echtheit, die nach Dionysios Vorgang lange bezweifelt worden ist, wird heute wohl von keiner Seite bestritten. Da Xenophon die Verhandlungen in Sparta als unwesentlich übergangen hat, ist uns das richtige Verständnis des Zu- sammenhaoges erst dunh Didymos zu Demosth. 7, 11 ff. erschlossen worden. Dass Tiribazos den Präliminarfrieden mit Sparta auf eigene Hand abgeschlossen hat, ohne Autorisation vom Hofe in Susa, ergibt sich aus dtn folgenden Er- eignissen, wenn auch Philochoros das Gegenteil sagt (bei Didymos aaO. "rijv elp-fjvYjv T-rjv 6rt' 'AvraXxiSoo xatenE{Ji({>8 ßaocXeu^, doch ist das vielleicht ein Missverständnis des Didymos).

[2041 I^'ß Volkspartei in Athen. Verwerfung des Friedens. 83

ZU ermöglichend So gewann er grosse Popularität, und ist endlich zur Strategie gelangt (unten S. 91), Auch sein Neffe Kallistratos aus Aphidna, ein glänzender Redner, begann in dieser Zeit politisch hervorzutreten 2. Weiter Thrasybulos, ebenfalls aus Kollytos, einer der Männer von Phyle, und der Opernkomponist (Dithyrambiker) Kinesias'*.

Aus der Katastrophe am Ende des Peloponnesischen Krieges hatten diese Männer keine Lehre gezogen ; wie einst Kleophon, wollten sie auch jetzt von einem P'rieden nichts wissen, der Athens Seeherrschaft nicht wiederherstellte, ob- gleich doch alles, was bisher erreicht worden war, nur der persischen Hilfe verdankt wurde, und Athen noch nicht einmal eine eigene Flotte besass. Die Tausende von Bürgern, die in den Kleruchien Grundbesitz gehabt hatten, und nun, zum grossen Teil in bitterster Armut, gezwungen waren, von ihrer Hände Arbeit zu leben ^, waren natürlich stets bereit, eine solche Politik zu unterstützen; zu verlieren hatten sie bei einer Weiterführung des Krieges ja nichts. Und die Phrase, dass die demokratische Freiheit in Gefahr sei, wenn man zur Verständigung mit Sparta käme, war ihrer Wir- kung auf die Menge gewiss ^ So verwarf denn die Volks-

^ Vor Aegospotamoi mit Archinos •Kpo'io'zä\i.tvoq ttJ? BviJiooiac tponlC"'!?: Schol. Aristoph. Frösche 367, &p)(U)vrj? tyj^ nsvrrjxoatTj? : Andok. vdMyst. 133; der }J.iad-6( lxxX'r]3taoTix6;, von Agyrrhios eingeführt, zunächst im Betrage von 1 ob., dann von Herakleides auf 2 ob., von Agyrrhios auf 3 ob. erhöht: Aristot. AH. 41, 3, Aristoph. Ekkl. 183 ff. 290 ff., damals (390/89) betrug er bereits 3 ob. Im allgemeinen Aristoph. Ekkl. 102. 176, Demoslh. gTimokr. 134.

^ Didymos ztt Demosth. 7, 25. Schwestersohn des Agyrrhioa: Demosth. gTimokr. 135.

* Thrasybulos aus Kollytos, Veteran von Phyle (Demosth. gTimokr. 134), Strateg 388/7 (Xen. Hell. V 1, 26), doch fällt der Höhepunkt seiner politischen. Wirksamkeit erst in die Zeit nach dem Königsfrieden (meine Attische Politik 8. 132). Über Kinesias Aristoph. Ekkl. 330, Lys. 21, 20, fr. 139. 140. Stratthis hat eine Komödie gegen ihn geschrieben (Kock, Fr. Com. AtU I S. 715).

* So z. B. Eutheros bei Xenoph. Denkw. II 8, 1 ; vgl. Andok. vFr. 15. 36.

"* Andok. vFr 1.

6*

84 III« Abochnitt. Der Korinthische Krieg und der Königsfrieden. [2041

Versammlung den Vertrag; die Gesandten, welche die Ver- handlungen geführt hatten, Andokides (oben II 1 S. 359), Epikrates (oben S. 67), und ihre Kollegen, wurden von Kallistratos des Hochverrats angeklagt, und gingen, ohne den Spruch des Gerichts abzuwarten, in die Verbannung i.

Das Beispiel Athens war auch für Boeotien massgebend, und so ging der Krieg weiter. Tiribazos wagte es nun doch nicht, ohne Autorisation durch den König die Partei zu wechseln, auf die Seite Spartas zu treten und die Verbündeten zur Annahme des Friedens zu zwingen. Im geheimen aller- dings zahlte er an Sparta Subsidien. Konon wurde unter einem Vorwande nach Sardes gelockt, und dort in Haft genommen, als Verräter an der persischen Sache; in der Tat war ja, was Konon in den letzten beiden Jahren getan hatte, viel mehr im Interesse Athens als im Interesse des Königs, in dessen Diensten er stand, und es hiess, mit Recht oder Unrecht, dass er noch viel weitgehendere Pläne im Sinne trüge, und damit umgehe, die asiatischen Griechen von Persien loszureissen. Natürlich wurde nun auch die Soldzahlung an die Flotte eingestellt, die Konon bisher be- fehligt hatte, und infolge dessen löste diese Flotte sich auf. Konon selbst gelang es übrigens, nach einiger Zeit aus dem Gefängnis zu entkommen; er ging nach Kypros zu seinem Freunde Euagoras, und ist dort etwas später an einer Krankheit gestorben ^.

Tiribazos reiste nun zum König hinauf, um seine Politik

^ Philoch. bei Didym. zu Dem. 7, 23 ff., Leben der X Redner, Andok. 12, S. 835 a. Aus Philoch. aaO. ergibt sich, dass die Verurteilung des Epikrates, von der Demosth. vdGes. 277, Ariateid. Panath. I S. 283 Dind. mit dem Schol. S. 277 Dind. sprechen, hierher gehört, nicht, wie wir geglaubt hatten, nach dem Königsfrieden, ebenso Lysiaa' Rede (27) gegen Epikrates. Die Gesandt- schaft des Epikrates und Phormisios zum Grosskönig (Piaton üpsoßeic, Plut. Pelop. 30, Hegesandros bei Athen. VI 251 a) gehört also in die Zeit gleich nach der Schlacht bei Haliartos oder bei Knidos.

* Xen. Hell. IV 8, 16, Isokr. Paneg. 154 (ItcI ö-avdct(j) ouXXaßelv ItoX- |j.Y]oav), Nep. Con. 5, 3 (in vincla coniectiis est, in quibus aliquamdiu fuit) ; über Konons Flucht Deinon bei Nepos Con. 5, 4, bestätigt durch Lysias vArittoph. Verm. 39. 41.

r2061 Konons Ende. Einnahme von Lechaeon. 85

dort persönlich zu vertreten. Doch die Erinnerung an alles, was die Spartaner dem Reiche zugefügt hatten, war noch zu lebendig, als dass man am persischen Hofe auf seine Vor- schläge hätte eingehen mögen. Eine Flotte wurde aller- dings nicht mehr aufgestellt, aber auch Tiribazos nicht wieder nach Kleinasien geschickt, und an seiner Stelle Autophra- dates zum Satrapen von Sardes ernannt; aus den griechischen Küstenstädten wurde die neue Satrapie lonien gebildet, an deren Spitze Struthas gestellt wurde mit dem Auftrage, im Einverständnis mit Athen den Krieg gegen Sparta kräftig weiter zu führen. Auch Karlen wurde jetzt zum selb- ständigen Verwaltungsbezirk, unter einem einheimischen Fürsten, Hekatomnos von Mylasa^

Spartas Antwort auf die Verwerfung des Friedens war eine energische Offensive in Griechenland und Kleinasien. Im Frühjahr (391) rückte Agesilaos in das Gebiet von Argos ein, das bisher aus religiösen Bedenken verschont worden war, und nun gründlich verheert wurde. Darauf zog der König über den Pass von Tenea vor Korinth, nahm die soeben von den Athenern wiederhergestellten langen Mauern, und dann, von einem Geschwader unter seinem Bruder Teleutias unterstützt, auch die Hafenstadt Lechaeon mit dem Arsenal und der ganzen dort liegenden Flotte. Der Weg nach Mittelgriechenland lag nun wieder offen ; doch begnügte sich Agesilaos für jetzt mit diesen Erfolgen, und führte sein Heer um Mittsommer nach Sparta zurück 2. Im nächsten

* Über Struthas Xen. Hell. IV 8, 17, Diod. XIV 99, 1 ; in der mile- sischen Inschrift Dittenb. Syll. ' 134 heisst er STpouoYj? Ilatö-pdifrjs 'ItoviTj?. Autophradates als Satrap von Lydien zuerst erwähnt Theopomp. fr. 101 Oxf. = 111 M., beim Beginn des Krieges gegen Euagoras, 390. Hekatomnos aus Mylasa (Strab. XIV 659, Vitr. II 8, 11, vgl. Dittenb. Syll.^ 167) wird in demselben Jahre als Kapia(; 8ovdax*r](; erwähnt (Diod. XIV 98, 3, vgl. Theop. aaO.); Isokr. Panegr. 162 nennt ihn Kapia^ Intoxafl'fJ.o?. Der Titel l^aifl-pdufjs ist erst für seinen Sohn Maussollos ausdrücklich bezeugt (Dittenb. Syll.^ 167). S. unten 2. Abt. § 56.

2 Xen. Hell. IV 4, 19, Diod. XIV 97, 5, Plut. Ages. 21 ; zu den Hya- kinthien (Juni, oben I 2 S. 147) war der König wieder in Sparta (Xen. AgeS' 2, 17). Die Argeier hatten bis dahin, unter dem Vorwande der UpojiTjvta

III. Abschnitt. Der Korinthische Krieg und der Königsfrieden. [207]

Frühjahr aber erschien er aufs neue vor Korinth, um die Zeit, als die Argeier eben die Spiele auf dem Isthmos ab- halten wollten (Mai/Juni 390). Die Verbündeten wagten keine Schlacht, und der König konnte es sich nicht versagen, durch die korinthischen Verbannten in seinem Heere die Wettkämpfe leiten zu lassen. Dann rückte er über den Isthmos und durch- zog verheerend die Gegend am Fusse der Geraneia. Schon kam aus Theben eine Gesandtschaft mit Friedensanträgen; da gelang es Iphikrates, in der Küstenebene bei Lechaeon ein spartanisches Regiment (|AÖpa) mit seinen Peltasten zu umstellen und zum grossen Teil aufzureiben. Es war ein Schlag, ähnlich dem von Sphakteria; denn wenn auch der materielle Verlust nur 250 Mann betrug, so hatte der Ruf der Unbesiegbarkeit, der die spartanischen Bürgertruppen umgab, doch wieder einen schweren Stoss erlitten, die Bundesgenossen fingen an schwierig zu werden, und Agesilaos sah sich gezwungen, den begonnenen Feldzug abzubrechen K Die von den Spartanern besetzten Ortschaften am Isthmos (oben S. 80) wurden jetzt von Iphikrates ge- nommen, nur in Lechaeon behaupteten sich die korinthischen Verbannten l Die spartanische Offensive in Griechenland war vollständig gescheitert.

Fortan beschränkten sich beide Parteien auf die Ver- teidigung ihrer Stellungen am Isthmos. Agesilaos zog aller- dings (389) wieder ins Feld, aber sein Ziel war diesmal Akarnanien. Denn die Achaeer, Spartas Verbündete, hatten Kalydon an der Südküste Aetoliens in ihren Staats verband aufgenommen und wurden hier von ihren Nachbarn, den Akarnanen, bedrängt, die, wie wir wissen, mit Athen und Theben im Bunde standen. Ohne nennenswerten Widerstand zu finden, verheerte Agesilaos das offene Land, vermochte

«ur Zeit des Karneienfestes, das sie jedesmal dann feierten, wenn ein spartanischer Einfall drohte, ihr Gebiet zu schützen gewusst (Xen. Bell. IV 7, 2, Andok. vFr. 27).

' Xen. Hell. IV 4, 19-5. 18, Ages. 2, 18—19, Diod. XIV 91, 2, PIuL Age». 21, 22.

« Xen. Hell. IV 5, 19.

[2051 Vernicht. d. Mora. Agesilaos in Akamanien. Krieg in Eleinasien. gj

es aber nicht, eine der befestigten Städte zu nehmen. Im nächsten Frühjahr sollte der Zug wiederholt werden ; doch die Akarnanen Hessen es nicht darauf ankommen und schlössen Frieden und Bündnis mit Spartak An der politischen und militärischen Lage in Griechenland aber wurde durch diese Kämpfe so gut wie gar nichts geändert.

Bessere Ergebnisse hatte die spartanische Offensive in Kleinasien. Dorthin war, bald nach Abbruch der Verhand- lungen mit Persien, ein Heer unter Thibron gesandt worden (391), der schon früher auf diesem Kriegsschauplatze befehligt hatte (oben S. 34). Ephesos, Priene, Magnesia traten so- gleich zu ihm hinüber, hatten sie doch seit der Schlacht bei Knidos Gelegenheit genug gehabt, zu erfahren, was die Autonomie unter persischer Oberhoheit besagen wollte*. So konnte Thibron sein Heer auf 8000 Mann verstärken, und war nun imstande, Einfälle in das feindliche Gebiet zu unter- nehmen. Auf einem dieser Züge wurde er von Struthas mit überlegenen Kräften angegriffen und völlig geschlagen; Thibron selbst fiel ^, aber die Städte, die er gewonnen hatte, hielten fest an dem Bündnis mit Sparta*.

Inzwischen war auch Knidos zu Sparta übergetreten und auf Rhodos ein Aufstand gegen die demokratische Re- gierung ausgebrochen, der allerdings in der Stadt selbst erfolglos blieb; doch behauptete sich die unterlegene Partei in einem Teile der Insel. Zu ihrer Unterstützung wurde der spartanische Nauarch Ekdikos mit einem kleinen Geschwader nach Kleinasien abgesandt (390), während Diphridas die Reste von Thibrons Heer sammelte und den Krieg gegen

^ Xen. Hell. IV 6; 7, 1, Äges. 2, 20, Plut. Ages. 22, Polyaen. II 1, 10.

* Xen. Hell. IV 8, 17, Diod. XIV 99, 1. Die „Emendation" KopYjooov (sie, es müsste doch wenigstens KopYjooov heissen) für das überlieferte Kopvtooov in unseren Diodortexten ist ganz verkehrt, da ja der Koressos unmittelbar bei Ephesos lag, nicht 40 Stadien entfernt, wie das opo5 6i}''*]X6v, von dem Diodor spricht.

3 Xen. Hell. IV 8, 18-19, Diod. XIV 99, 1—3. Hierher gehört wegen der Erwähnung des Thersandros (vgl. Xen. aaO.J Polyaen. VI 10; ob II 19 in diesen oder in Thibrons ersten Felditug gehört, ist nicht zu entscheiden.

* Xen. Hell. IV 8, 21 ; V 1, 6.

ßQ III. Abschnitt. Der Korinthische Krieg und der Königsfrieden. [2081

Struthas nicht ohne Erfolg weiterführte. Samos trat nun auf die spartanische Seite, aber um gegen Rhodos etwas ernst- liches auszurichten, war Ekdikos viel zu schwach. Es wurde also das Geschwader im Korinthischen Golfe unter Teleutias, der nach der Einnahme von Lechaeon dort entbehrlich ge- worden war, nach Kleinasien hinübergeschickt, und die dort liegende Flotte damit auf 27 Trieren gebracht, deren Befehl nun Teleutias übernahmt So hatte Sparta im Südwesten Kleinasiens aufs neue Fuss gefasst, und zum ersten Mal wieder seit dem Tage von Knidos eine Flotte in See, mit der die Gegner zu rechnen hatten.

Aber auch Athen war indessen bemüht gewesen, eine neue Flotte zu schaffen. Allerdings herrschte hier, seit die persischen Subsidiengelder versiegt waren, wieder die alte Finanznot; man schritt zur Ausgabe von Kupfergeld, und zur Erhöhung der indirekten Steuern, aber die Erträge blieben weit unter dem Voranschlag; man war gewungen, zur Erhebung schwerer direkter Kriegssteuern zu schreiten, und so mancher politische Prozess wurde angestrengt, bloss um aus dem confiscierten Vermögen der Angeklagten das Deficit im Budget decken zu können *. Endlich aber wurde das Ziel doch erreicht, und Athen Wcir, fünf Jahre nach der Schlacht bei Knidos, wieder in der Lage, eine bedeutende Flotte in See gehen zu lassen.

Eben damals aber war eine Wendung eingetreten, die für den weiteren Verlauf des Elrieges entscheidend werden sollte.

1 Xen. Hell. IV 8, 20—24, Diod. XIV 97, vgl. 99, 5. Nach Diodor wäre der Aufstand in Rhodos erfolgreich gewesen, was gegenüber den bestimmten Angaben bei Xenophon (besonders IV 8, 22. 25) nicht ins Gewicht fallen kann.

' Über die indirekten Steuern (Salzsteuer, tettapaxooff]) und die Kupfer- prägung Aristoph. Ekkl. 814 ff. (aufgeführt an den Lenaeen 393/2, s. unten 2. Abt. § 89). Dass die dort v. 825 erwähnte TextapaxootT] -^v Inopta' EöptittSirjc «ine indirekte Steuer war, hat schon Grote gesehen (IX S. 206 f., London 1869), Tgl. Rh. Mus. XXXIX, 1884, S. 48; es ist schwer zu verstehen, dass es noch immer Leute gibt, die das nicht begriffen haben, und die nevraxosia xakavxok bei dem Komiker wörtlich nehmen. Über die Vermögenssteuern Lys. 19, vAristoph. Verm. 29 ; über die Confiscationen, die zum System geworden waren, dort und in Lyslas' übrigen Keden aus dieser Zeit.

[2091 Neuschöpfung der athenischen Flotte. Aufstand des Euagoras. 89

Euagoras von Salamis hatte während der letzten Jahre auf Kypros immer weiter um sich gegriffen; jetzt war fast die ganze Insel in seiner Hand. Nur die beiden ungriechischen Städte Kition und Amathus, und das griechische Soloi leisteten noch Widerstand; aber sie waren Euagoras bei weitem nicht gewachsen, und wandten sich jetzt um Hilfe an den Grosskönig ^ Der hatte Euagoras bisher gewähren lassen; seit aber Konon als Verräter seiner Stelle entsetzt war, musste auch Euagoras dem persischen Hofe verdächtig werden. Es wurde also ein Heer unter Autophradates, dem Satrapen von Sardes, und eine Flotte unter Hekatomnos, dem Fürsten von Karlen, zum Schutze der bedrohten Städte nach Kypros gesandt (390) ^. Euagoras seinerseits schloss nun ein Bündnis mit König Akoris von Aegypten, und wandte sich um Hilfe nach Athen.

Hier fand man sich in einer eigentümlich verwickelten Lage. Formell bestand noch immer das Bündnis mit Persien ; man war im Kriege gegen denselben Feind, wenn auch seit einigen Jahren Athen keine direkte Unterstützung von Persien mehr empfangen hatte. Andererseits war es Euagoras, durch dessen Einfluss Konon an die Spitze der persischen Flotte gestellt worden war, und Euagoras' Schiffe hatten bei Knidos für die Befreiung Athens mitgefochten. Sein Erzbild stand auf dem Markte neben dem Konons; sollte man dem Freund in der Not jetzt mit Undank vergelten? Vor allem aber: war man der persischen Freundschaft denn sicher, wenn man Euagoras preisgab? Musste nicht der Konflikt mit Persien kommen, sobald man ernstlich daran ging, das Reich wieder aufzurichten? Diese Erwägungen gaben den Ausschlag; das Bündnis mit Euagoras wurde abgeschlossen und sogleich ein Geschwader von 10 Trieren zu seiner Unter- stützung gesandt (Herbst 390). Freilich fiel dieses Geschwader in den Gewässern von Rhodos den Lakedaemoniern in die

* Diod. XIV, 98, Ephoros fr. 134, bei Diodor wörtlich wiederholt; statt <uTtet(, wie in dem Ephoros- Fragment bei Steph. Byz. gelesen wird, ist natür- lich aus Diodor xtttsi? herzustellen, wie längst erkannt worden ist.

Theopomp. fr. 101 Oxf. = 111 M., Diod. XIV 98, 3. Über die Chrono- logie unten 2. Abt. § 90.

90 ni. Abschnitt. Der Korinthische Krieg und der Königsfrieden. [2101

Hände, was den offenen Bruch mit Persien noch einige Zeit hinausschob \

Das Erscheinen der spartanischen Flotte in den Ge- wässern von Rhodos zwang dann Athen endlich, auch seinerseits eine grössere Flotte aufzustellen (Frühjahr 389). Es waren 40 Trieren, unter dem Befehl Thrasybulos' von Steiria, des Befreiers, der jetzt, nach Konons Sturze, wieder der einflussreichste Mann im Staate war. Er wandte sich nach dem Norden des Aegaeischen Meeres; da keine feind- liche Flotte in diesen Gewässern lag, wurden fast spielend die glänzendsten Erfolge gewonnen. Thasos, Samothrake, Tenedos, der thrakische Chersones, Byzantion, Kalchedon schlössen sich an Athen an, mit den thrakischen Fürsten Seuthes und Medokos wurden Bündnisse geschlossen. So war die Verbindung mit dem Pontes wieder in athenischer Hand. Die Beziehungen zu Mytilene und Chios, die bereits durch Konon erneuert worden waren, wurden noch enger geknüpft, Antissa und Eresos auf Lesbos, Klazomenae in lonien erobert^. Athenische Besatzungen wurden in die militärisch wichtigsten Plätze gelegt; der Sundzoll am Bos- poros, der Hafenzoll von 5 % von allen ein- und ausgeführten Waren in den Bundesstaaten wurden für athenische Rechnung erhoben, wie vor der Schlacht bei Aegospotamoi ^.

Thrasybulos blieb den Winter auf Lesbos und segelte

^ Xen. Hell. IV 8, 24. Ob die bei Lysias vAristoph, Ferm. erwähnte Hilfs- seudung nach Kypros mit dieser identisch ist, muss dahingestellt bleiben.

* Xen. Hell. IV 8, 25—29, Diod. XIV 94. Über Thasos Xen. Hell. V 1, 7, Demosth. gLept. 59, IG. 11^ 1, 24, Wilhelm, Eranos Vindobon. S. 241 ff., Samothrake und Tenedos Xen. Hell. V 1, 6. 7, Chersones Diod. XIV 94, 2, Xen. Hell. IV 8, 26. 35. 39, V 1, 7, Byzantion und Kalchedon Xen. Hell. IV 8, 27 f. 31, Demosth. gLept. 60. Bündnis mit Seuthes IG. IP 1, 21. Nach Diod. XIV 94, 3 hätte Thrasybulos vor Eresos 23 Schiffe, also die gute Hälfte seiner Flotte, durch einen Sturm verloren. Man versteht dann nicht, wie er überhaupt die Operationen noch hätte fortsetzen können. Aber Lysias sagt da, wo er Thrasybulos sein Sündenregister vorhält {gErgokles 3), nichts von einer solchen Katastrophe, und erhebt nur den Vorwurf, die neuen Trieren, mit denen Thrasybulos ausgesegelt war, seien abgenutzt wiedergekommen,

« Xen. Hell. IV 8, 27. 31, IG. II ^ 1, 24. 28.

r211"j Thrasybulos in Thrakien und Kleinasien. 91

dann bei Beginn der guten Jahreszeit weiter nach Rhodos, das schwer vom Feinde bedrängt wurde; im Vorbeifahren wurde Halikarnassos gewonnen K Inzwischen aber hatten Thrasybulos' Gegner in Athen mit Erfolg an seinem Sturze gearbeitet. Die besitzenden Klassen waren schon längst erbittert über den immer wachsenden Steuerdruck; die Bundesgenossen klagten über Erpressungen; und das hoch- fahrende Benehmen, das der „Befreier" im Bewusstsein seiner Verdienste zur Schau trug, hatte ihm die Sympathien vieler seiner alten Freunde entfremdet. So beschloss das Volk die Absetzung Thrasybulos' und seiner Mitfeldherren und rief sie zur Rechenschaftslegung nach Athen zurück ^. Der Befehl der Flotte wurde dem Führer der radikalen Volkspartei, Agyrrhios, übertragen ^\

In Thrasybulos' Hauptquartier fehlte es nicht an Stimmen, die dazu rieten, sich mit Gewalt dem Beschlüsse des Demos zu widersetzen. Und Thrasybulos zögerte denn auch, dem erhaltenen Befehl nachzukommen; er blieb an der Spitze der Flotte und fuhr fort, von den Städten an der klein- asiatischen Küste Kontributionen zu erheben. Auf einem dieser Züge wurde er an der Mündung des Eurymedon in Pamphylien von den Aspendiern bei Nacht überfallen und in seinem Zelte erschlagen*. So blieb Athen das Schauspiel erspart, den Mann als Angeklagten vor dem Volksgericht erscheinen zu sehen, der die Stadt zweimal aus oligarchischer Missregierung gerettet hatte. Seine Gegner mochten auf- atmen; aber auch bei ihnen trat jetzt aller Hass zurück gegenüber dem Andenken an die grossen Verdienste des Toten ^ Thrasybulos' Mitfeldherren freilich wurde der Prozess

^ Xen. Hell. IV 8, 30, Lysjas gErgokles 12—17.

■■* Hauptquellen Lysias' Eeden gegen Ergokles und Philokrates. Über Thrasybulos' Selbstgefühl Lys. fMantit/ieos 15, Stratthis bei Schol Aristoph. Flutos 550, Schol. Aristoph. Ekkl. 203. Ob es sich um eine Apocheirotonie oder nur um eine Nichtwiederwahl handelt, ist bei der Beschaffenheit unserer Quelle (Lys. gErgokles 5) nicht zu entscheiden.

* Xen. Hell. IV 8, 31, Diod. XIV 99, 5, Piaton fr. 185 Kock.

* Xen. Hell. IV 8, 30, Diod. XIV 99, 4.

* Lysias gErgokle» 8.

92 Abschnitt. Der Korinthische Krieg und der Königsfrieden. [212]

gemacht, und wenigstens einer von ihnen, Ergokles, wurde zum Tode verurteilt und hingerichtet^.

Die Lakedaemonier hatten indes eine Flottenabteilung bei Aegina stationiert, die durch ihre Streifzüge auf dem Saronischen Golfe den Athenern bald sehr unbequem wurde. Ein athenisches Truppenkorps unter Pamphilos ging des- wegen nach der Insel hinüber und begann die Belagerung der Stadt (389), musste aber nach 5 Monaten unverrichteter Sache zurückgezogen werden. Nun wurden die lakedaemo- nischen Piraten kühner als je, eine athenische Flottenabteilung wurde beim Vorgebirge Zoster an der attischen Küste ge- schlagen (388), ja einmal gelang es dem Feinde sogar, in den Peiraeeus selbst einzudringen und eine Anzahl der im Hafen liegenden Lastschiffe nach Aegina hinwegzuführen (387). Erst der Frieden machte der fortwährenden Be- unruhigung der Athener von dieser Seite ein Ende 2.

Auch nach dem Hellespont ging ein lakedaemonisches Geschwader unter Anaxibios (388), der nun von Abydos aus dem athenischen Handel schweren Abbruch tat und mehrere Städte in der Troas zum Abfall von Pharnabazos bewog. Die Athener sandten infolge dessen Iphikrates mit 1200 Peltasten nach dem thrakischen Chersones; Anaxibios geriet denn auch bald in einen Hinterhalt, den ihm Iphi- krates bei Abydos gelegt hatte, und wurde mit einem Teil seiner Leute niedergemacht^. Jetzt gingen weitere lakedae- monische Verstärkungen nach dem Hellespont, wodurch das Geschwader im Hafen von Abydos auf 25 Trieren ge- bracht wurde; aber auch die Athener konzentrierten eine Flotte von 32 Schiffen in diesen Gewässern, die nun vom Chersones aus den Feind in Abydos blockiert hielt (387)*.

* Lysias gPhilokr. 2, nnd die Rede gegen Ergokles selbst.

* Xen. Hell. V 1, 1—24. In diese Zeit, ehe Iphikrates nach dem Helles- pont ging, könnte der Angriff auf Epidauros gehören, den Polyaen. III 9,48 erzählt. Jedenfalls nicht, wie man gemeint hat, in 372, denn damals hatte Iphikrates besseres zu tun.

« Xen. Hell. IV 8, 32—39.

* Xen. Hell. V 1, 6. 7.

[213] Kämpfe am Hellespont. Athen bricht mit Persien. 93

Inzwischen hatte die Spannung zwischen Athen und Persien sich immer mehr verschärft. Thrasybulos allerdings hatte sich bemüht, gute Beziehungen zu den persischen Satrapen zu pflegen ^ ; aber er hatte doch nicht umhin gekonnt, auf das asiatische Festland hinüberzugreifen, denn wer ver- mochte zu sagen, was hier unter persischer Herrschaft stand und was nicht? In Athen aber war indess ein Bündnis mit Akoris, dem Sohne und Nachfolger Königs Nepherites von Aegypten, abgeschlossen worden, der eben damals einem persischen Angriff entgegensah und darum bemüht war, die Hilfe Athens durch Zahlung reichlicher Subsidien zu er- kaufen (Winter 389/8) \ Im Frühjahr 387 ging dann eine neue Verstärkung nach Kypros, 10 Trieren und 800 Peltasten unter Chabrias, einem jungen Offizier, der sich im Kriege gegen Sparta bewährt hatte, und jetzt Euagoras sehr wesentliche Dienste leistetet Das alles führte zu einem Umschwung der persi- schen Politik gegenüber Athen. Pharnabazos, der alte Freund Konons, wurde unter einem ehrenvollen Vorwande nach Susa berufen ; er erhielt die Hand einer Tochter des Königs und eine hohe Stellung in der Centralregierung des Reiches*. Um dieselbe Zeit (388) wurde Tiribazos wieder als Satrap nach Sardes gesandt, und ihm auch die Verwaltung loniens übertragen, dessen Satrap, der athenerfreundliche Struthas, jetzt seiner Stellung entsetzt wurde. Infolge dessen erhielt nun auch in