RUDOLF STEINER GES AMTAUSGABE

SCHRIFTEN UND VORTRAGE ZUR GESCHICHTE DER ANTHROPOSOPHISCHEN BEWEGUNG UND DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT

RUDOLF STEINER GES AMTAUSGABE

VEROFFENTLICHUNGEN ZUR GESCHICHTE UND AUS DEN INHALTEN DER ESOTERISCHEN SCHULE

1904 BIS 1914

Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914

Briefe, Rundbriefe, Dokumente und Vortrage Bibliographie-Nr. 264

Anweisungen fur eine esoterische Schulung

Aus den Inhalten der Esoterischen Schule Bibliographie-Nr. 245

Grundelemente der Esoterik

Notizen von einem esoterischen Lehrgang in Form von 31 Vortragen, gehalten in Berlin vom26. September bis 5. November 1905 Bibliographie-Nr. 93a

Die Tempellegende und die Goldene Legende

als symbolischer Ausdruck vergangener und zukiinftiger Entwickelungs- geheimnisse des Menschen. Aus den Inhalten der Esoterischen Schule

Zwanzig Vortrage, gehalten in Berlin zwischen dem 23. Mai 1904 und dem 2. Januar 1906 Bibliographie-Nr. 93

Zur Geschichte und aus den Inhalten der erkenntniskultischen Ab- teilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914

Briefe, Dokumente und Vortrage Bibliographie-Nr. 265

RUDOLF STEINER

Zur Geschichte und aus den Inhalten der erkenntniskultischen Abteilung der Esoterischen Schule 1904 - 1914

Briefe, Dokumente und Vortrage aus den Jahren 1906 - 1914 sowie von neuen Ansatzen zur erkenntnis- kultischen Arbeit in den Jahren 1921 - 1924

1987

RUDOLF STEINER VERLAG DORNACH/SCHWEIZ

Herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung Die Herausgabe besorgte Hella Wiesberger

1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1987

Bibliographie-Nr. 265

Motiv auf dem Einband von Rudolf Steiner, Schrift von Benedikt Marzahn Zu den Zeichnungen und Faksimiles siehe Seite 514

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz © 1987 by Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz Satz: Kooperative Diirnau, Diirnau Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt

ISBN 3-7274-2650-0

ZU DIESER AUSGABE

Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft bil- den die von Rudolf Steiner (1861 - 1925) geschriebenen und veroffentlich- ten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche Vortra- ge und Kurse, sowohl offentlich wie fur die Mitglieder der Theosophi- schen, spater Anthroposophischen Gesellschaft (siehe die Ubersicht am SchluB des Bandes). Die Bezeichnung «Theosophie» wurde von ihm immer im Sinne seiner anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft verstan- den. Darum nannte sich die deutsche Sektion der Theosophischen Gesell- schaft, als sie sich 1912/13 zu einer selbstandigen Gesellschaft umbildete, auf seinen Rat hin «Anthroposophische Gesellschaft». Neben der Publika- tions- und Vortragstatigkeit lehrte Rudolf Steiner auBerdem in seiner Eso- terischen Schule. Diese bestand vom Jahre 1904 an in drei Abteilungen, bis sie durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Sommer 1914 eingestellt wurde. Erst zehn Jahre spater ging er daran, wiederum eine Esoterische Schule einzurichten. Sie sollte als «Freie Hochschule fur Geisteswissen- schaft am Goetheanum» mit drei Klassen und verschiedenen wissenschaftli- chen und kunstlerischen Sektionen aufgebaut werden. Zufolge seines friihen Todes konnte er seine Absichten jedoch nur noch teilweise verwirklichen.

Mit der Verwaltung der stenographischen oder sonstigen Mitschriften seiner vielen Vortrage und der fiir die Herausgabe notwendigen Durch- sicht der Texte hatte er von Anfang an Marie Steiner-von Sivers (1867- 1948) betraut und sie auch testamentarisch zur Erbin seines literarischen Nachlasses eingesetzt. Sie begrundete einige Jahre vor ihrem Tode fiir die Weiterfuhrung ihrer Aufgabe die «Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung», die vor allem die notwendige Rudolf Steiner-Gesamtausgabe schaffen sollte. Nach den von ihr dafiir gegebenen Richtlinien ist auch das esoterische Lehrgut in die Gesamtausgabe einzugliedern, mit dessen Veroffentlichung sie selbst noch begonnen hatte. Die bereits erschienenen Bande zu diesem Thema sind in der Ubersicht auf Seite 2 aufgefiihrt. Ein Erganzungsband zu GA 245 «Anweisungen ...» mit Aufzeichnungen von esoterischen Stunden ist geplant.

Die vorliegende Dokumentation gilt der auBeren und inneren Geschichte von Rudolf Steiners erkenntniskultischem Arbeitskreis, der die zweite und dritte Abteilung seiner Esoterischen Schule 1904 bis 1914 bildete. Wahrend

in der ersten Abteilung die Anweisungen fiir die individuelle innere Ent- wicklung vermittelt wurden (siehe den Band «Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914», GA 264), lag hier das Wesentliche in den rituellen Handlungen. Die Zugehorig- keit zur Esoterischen Schule setzte jedoch immer eine vertraute Kenntnis der Anthroposophie als Geisteswissenschaft voraus.

Die Dokumentation umfaBt alle im Archiv der Rudolf Steiner-NachlaB- verwaltung vorliegenden einschlagigen Niederschriften von Rudolf Steiner, Marie Steiner-von Sivers und anderen, sowie jene Teilnehmernotizen aus den Lehr-, den sogenannten Instruktionsstunden, die sich auf den Erkennt- niskult als solchen beziehen. Die Einfiigungen in den Texten, die in run- den ( ) Klammern stehen, finden sich so in den Vorlagen. Einfiigungen, die in eckigen Klammern [ ] stehen, gehen auf den Herausgeber zuriick. GA = Rudolf Steiner Gesamtausgabe, Bibl.-Nr. ... Die reiche Fiille des Materials vermag zwar einen tiefen Einblick in diese esoterische Arbeits- weise, jedoch nicht deren vollig liickenlose Rekonstruierung zu vermitteln, da gewisse Bindeglieder und auch fiir den praktischen Ablauf der Handlun- gen notwendige Angaben nicht erhalten geblieben sind. Darum wurde ver- sucht, durch die ausfiihrliche Einfuhrung und die Kommentare den histo- rischen und sachlichen Zusammenhang mit den Grundintentionen Rudolf Steiners, wie sie sich aus seinem Gesamtwerk ergeben, herzustellen. Dabei naher auf das Wesen und die Geschichte der Freimaurerei einzugehen, weil Rudolf Steiner aus Grunden der okkult-historischen Kontinuitat an eine Gesellschaft der Hochgradmaurerei angekniipft hatte - der Kreis bildete nominell ein Kapitel der Memphis-Misraim-Maurerei -, lag jedoch nicht im Rahmen dieser Aufgabe. Denn Rudolf Steiners geistige Quellen - wenn auch die Symbole seines Erkenntniskultes aus von ihm klargelegten Grun- den mancherlei Beruhrungen mit den traditionellen freimaurerischen Kult- elementen hatten - lagen nicht in diesem traditionellen Okkultismus, son- dern in seinem personlichen Erkenntnisverhaltnis zu der Welt des lebendi- gen Geistes. Dies geht aus den Dokumenten dieses Bandes wie aus dem iibrigen Werk klar hervor.

Drei Punkte sind besonders hervorzuheben:

1. Rudolf Steiners Grundtendenz war, das Esoterische, auch der Kult- symbolik, der Welt neu verstandlich zu machen. Einen Tag, nachdem durch seinen und Marie von Sivers' (Marie Steiners) AnschluB an die Mis- raim-Stromung die Kontinuitat zu dieser hergestellt worden war, sprach er

ihr von der Aufgabe, das der Kultsymbolik zugrunde liegende geistige Le- ben «neu zu gebaren» und dafiir «neue Formen» zu schaffen: «Dies sollte unser Ideal sein: Formen zu schaffen als Ausdruck des inneren Lebens. Denn einer Zeit, die keine Formen schauen und schauend schaffen kann, muB notwendigerweise der Geist zum wesenlosen Abstraktum sich ver- fliichtigen (...). So muB die Arbeit nach der Zukunft dahin gehen: religiosen Geist in sinnlich schoner Form zu gestalten.» (S. 81). In diesem Sinne wur- den Schritt fiir Schritt neue esoterisch-kunstlerische Formen geschaffen (siehe «Bilder okkulter Siegel und Saulen. Der Miinchner KongreB, Pfing- sten 1907 und seine Auswirkungen», GA 284; «Vier Mysteriendramen», GA 14; die architektonisch-plastisch-malerischen Formen des Goethe- anumbaues; «Wege zu einem neuen Baustil», GA 285 u. a.). Die Geheimnisse der Sprachlaute, die bis 1914 Lehrgut der hoheren Grade waren, wurden in den Goetheanum-Buhnenkunsten Sprachgestaltung und Eurythmie kiinst- lerisch, in der Heileurythmie als therapeutisches Mittel ausgestaltet.

2. Den Weltkrieg von 1914-1918 wertete Rudolf Steiner von Anfang an als tief einschneidende Veranderung des ganzen ZeitbewuBtseins. Aus die- sem Erkenntnishintergrund heraus erklarte er bei Ausbruch des Krieges im Sommer 1914, daB die Zeit fur die bisher gepflegte Art der erkenntnis- kultischen Arbeit abgelaufen sei (S. 109). Was er damit meinte, wird aus der folgenden AuBerung iiber Freimaurerei deutlich: «In der heutigen Zeit sind eigentlich alle solche Dinge nicht mehr zeitgemaB. Denn was miissen wir denn heute an solchen Dingen hauptsachlich ablehnen? Wir miissen die Absonderung ablehnen. Es entsteht dadurch auch bald eine geistige Aristokratie, die es nicht geben soil. Und das demokratische Prinzip, das immer mehr und mehr zur Geltung kommen muB, das widerstrebt eigentlich durchaus dem Freimaurerbund ebenso wie den geschlossenen Priesterschaften» (Vortrag fiir die Arbeiter am Goetheanum-Bau, Dornach, 4. Juni 1924).

3. Damit war jedoch keineswegs gemeint, daB iiberhaupt nicht mehr symbolisch-kultisch gearbeitet werden konne. Denn zwei Jahre nach der Auflosung des erkenntniskultischen Arbeitskreises bezeichnete er es als zu den Aufgaben der Zeit gehorig, in die Kultsymbolik mit Verstandnis ein- zudringen, damit die Dinge der Menschheit nicht ganz verlorengehen und spater wiederum Menschen kommen konnen, die dasjenige, was dem Wort nach aufbewahrt ist, auch verstehen werden (Berlin, 20. Juni 1916). Wieder- um zwei Jahre spater fiel das Wort: «Um die Kontinuitat der Menschheits-

entwickelung aufrecht zu erhalten, dazu ist heute noch notwendig, an Ritual und Symbolik gewissermaBen anzukniipfen» (Dornach, 20. Dezem- ber 1918). Jedoch die Formen sollten sich zeitgemaB wandeln. Dies nahm er in Angriff, als er mit der Jahreswende 1923/24 daran ging, die anthropo- sophische Gesellschaft und die esoterische Schule neu aufzubauen.1) Durch seine schon im September 1924 einsetzende schwere Erkrankung, die am 30. Marz 1925 zu seinem Tod fiihrte, war es ihm jedoch nicht mehr mog- lich geworden, die symbolisch-kultische respektive erkenntniskultische Arbeitsweise in eine dem modernen ZeitbewuBtsein entsprechende Form zu metamorphosieren.

1) Siehe «Die Weihnachtstagung zur Begriindung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft 1923/24», (GA 260), sowie «Die Konstitution der Allgemeinen Anthropo- sophischen Gesellschaft und der Freien Hochschule fur Geisteswissenschaft. Der Wieder- aufbau des Goetheanums» (GA 260 a).

INHALT

Zur Einfuhrung:

Vom geisteswissenschaftlichen Sinn des Kultischen (Hella Wiesberger) 1 1

I

DOKUMENTE ZUR GESCHICHTE DER ERKENNTNIS KULTISCHEN ABTEILUNG DER ESOTERISCHEN SCHULE 1904 - 1914

Vorbemerkungen des Herausgebers 45

Briefe und Dokumente 67

Erganzung des Herausgebers 100

II

DOKUMENTE AUS DEN INHALTEN DER ERKENNTNIS KULTISCHEN ABTEILUNG DER ESOTERISCHEN SCHULE 1904 - 1914

Vorbemerkungen des Herausgebers 119

Dokumente und Vortragsnotizen 143

III

DOKUMENTE VON NEUEN ANSATZEN NACH DEM ERSTEN WELTKRIEG BIS 1923/24

Vorbemerkungen des Herausgebers 439

Dokumente und Vortragsnotizen 449

AUSKLANG

Marie Steiner: Aufzeichnungen fur eine Feier zur ersten Wiederkehr

von Rudolf Steiners Todestag 485

Einzelne Hinweise 491

Personenregister. 507

Chronologisches Register der im Text angefiihrten Vortrage, mit

bibliographischen Nachweisen 509

Detailliertes Inhaltsverzeichnis 515

Aus Rudolf Steiners Autobiographie «Mein Lebensgang» 523

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 525

Zur Einfiihrung

VOM GEISTES WIS S ENS CH AFTLICHEN SINN

DES KULTISCHEN

(Hella Wiesberger)

Um das Verhaltnis von Rudolf Steiners erkenntniskultischer Arbeitsweise, von der die in diesem Band vorgelegten Dokumente sprechen, zu seinem Gesamtwirken sachgemaB bestimmen zu konnen, ist es notwendig, im Fol- genden nicht nur die auBere Geschichte dieses Wirkenszweiges, sondern vorgangig seine Auffassung vom Sinn und der Bedeutung des Kultischen als solchem zu benicksichtigen.

Nach den Erkenntnissen der Anthroposophie lebte die Menschheit in alten Zeiten in dem instinktiv-hellsichtigen BewuBtsein, daB alles Welt- und Menschenleben bewirkt, gestaltet und getragen wird durch die Schopfer- krafte einer gottlich-geistigen Welt. Dieses BewuBtsein wurde im Laufe der Zeiten immer schwacher, bis es sich durch das einzig auf die physischen Weltgesetze gerichtete Verstandesdenken der Neuzeit vollig verlor. Es war dies notwendig, weil nur so der Mensch von der schopferischen Geistigkeit des Universums bewuBtseinsmaBig unabhangig werden und sich dadurch den Freiheitssinn erobern konnte. Nunmehr besteht die Aufgabe der menschlichen Entwicklung darin, aus dem freien, von der Weltgeistigkeit nicht bestimmten Intellekt sich das BewuBtsein vom Zusammenhang mit der Weltgeistigkeit neu zu erringen.

Diese Erkenntnis war es, die es zu einem Grundanliegen Rudolf Steiners werden lieB, dem modernen Verstandesdenken einen ihm gemaBen Weg zur Geist-Erkenntnis zu bahnen. Darum beginnt der erste anthroposophi- sche Leitsatz: «Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg, der das Geistige im

Menschen zum Geistigen im Weltall fiihren mochte.»l) Die konkreten Mit- tel zum Beschreiten dieses Weges finden sich im Gesamtwerk vielfach dar- gestellt, paradigmatisch in den Grundwerken «Die Philosophic der Frei- heit» und «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?».

War es den alten Kulturen selbstverstandlich, dasjenige, was von kosmi- scher Geistigkeit innerlich erlebt werden konnte, im auBeren Leben durch Symbol und Kultushandlungen zu pflegen und dadurch das soziale Leben zu gestalten, so muBte mit dem Dahinschwinden des BewuBtseins, mit der gottlich-geistigen Welt existentiell verbunden zu sein, auch das Verstandnis fur den Sinn des Kultischen verlorengehen. Und so konnen dem modernen abstrakten Verstandesdenken, das insbesondere im Verlaufe des 20. Jahr- hunderts zu der mehr und mehr die ganze Welt beherrschenden geistigen Macht geworden ist, die iiberlieferten Kultformen eigentlich nur noch als unverstandliche Relikte vergangener Zeiten gelten. Gleichwohl vorhande- ne kultische Bedurfnisse kommen ja nicht aus dem Intellekt, sondern aus anderen Schichten der menschlichen Seele.

Somit stellt sich die Frage, welche Griinde Rudolf Steiner als einen durch und durch modernen Denker bewogen haben konnen, in seiner Eso- terischen Schule Kultformen zu pflegen und spater auch fiir andere Zusam- menhange Kultformen zu vermitteln. Um diese Frage vollgiiltig beant- worten zu konnen, muBte die ganze tief- und weitgespannte Fiille seiner geisteswissenschaftlichen Darstellungen vom Wesen und der Aufgabe des Kultischen fiir die Menschen-, die Menschheits- und die Erdenentwicklung aufgezeigt werden. Da dies hier nicht moglich ist, kann nur auf einige im Zusammenhang mit der vorliegenden Publikation wesentliche Aspekte hingewiesen werden.

1) Siehe «Anthroposophische Leitsatze», GA 26

Kultusverstdndnis urstdndet im geistigen Schauen

Wir brauchen zu unserem komplizierten sozialen Leben, das iiber die Erde hin ein Chaos zu verbreiten droht... die Harmonie zwischen Erkenntnis, Kunst, Religion und Sittlichkeit.1)

Rudolf Steiners Grundauffassung vom Kultischen wurzelt in seinem mit modernen Erkenntnismitteln geschulten geistigen Schauen, dem sich der geistige Weltinhalt als «Urgrund und Prinzip alles Seins»2) offenbart und dessen Natur ein gleichermaBen erkennendes, kunstlerisch-fuhlendes und religios-verehrendes Erleben hervorruft. Solange die Menschheit in einem instinktiven Hellsehen lebte, waren die Kulturen von solchem einheitlich wissenschaftlich-kunstlerisch-religios gestimmten geistigen Schauen ge- tragen : «Was der Mensch erkannte, dem bildete er den Stoff ein; er machte seine Weisheit zur schopferisch kunstlerischen. Und indem der Mysterien- schuler das, was er lernte, in seiner Lebendigkeit als das die Welt durchwal- tende Gottlich-Geistige empfand, brachte er ihm seine Kultushandlung dar, gewissermaBen die geheiligte Kunst zum Kultus umgeschaffen.» }

Der Menschheitsfortschritt forderte, daB dieses einheitliche Erleben sich in die drei selbstandigen Stromungen Religion, Kunst und Wissenschaft auseinandergliederte. Im weiteren Entwicklungsgang haben sich die drei immer weiter voneinander entfernt und jegliche Verbindung zu ihrem ge- meinsamen Ursprung verloren. Das fiihrte dazu, daB das kulturelle und soziale Leben immer chaotischer geworden ist. Damit wieder richtung- gebende Aufgangskrafte wirksam werden konnen, miissen die drei «uralt heiligen Ideale», das religiose, das kunstlerische und das Erkenntnis-Ideal aus moderner Geist-Erkenntnis neu gestaltet werden. Dies betrachtete Rudolf Steiner als vornehmstes Anliegen der Anthroposophie, worauf er insbesondere bei wichtigen Anlassen in der anthroposophischen Bewegung hinwies, so zum Beispiel bei der Eroffnung der ersten Veranstaltung im Goetheanum-Bau.4)

1) Ilkley, 5. August 1923

2) «Die Ideenwelt ist der Urgrund und das Prinzip alles Seins», Beginn des «Credo. Der Ein- zelne und das All», abgedruckt in «Wahrspruchworte», GA 40.

3) Berlin, 5. Miirz 1922

4) Dornach, 26. September 1920

Im Sinne des bei dieser Gelegenheit ausgesprochenen Wortes: «Wem die Natur ihre offenbaren Geheimnisse durch geistiges Schauen zu enthiillen beginnt, so daB er sie ideengemaB ausdriicken und kiinstlerisch gestalten muB, den drangt das Innerste seines Gemutes danach, das Erschaute und in Gestaltung Festgehaltene mit religiosem Sinn zu verehren. Fur ihn wird Religion das Folgeerlebnis von Wissenschaft und Kunst»!), hatte es ihn von Anfang an dazu gedrangt, die Ergebnisse seines geistigen Schauens nicht nur nach der wissenschaftlichen, sondern auch nach der kunstlerischen Sei- te hin auszugestalten: nach der Seite einer Bildhaftigkeit, die geistige Reali- taten enthalt. Denn «Bilder liegen hinter allem, was uns umgibt; diese Bil- der haben alle gemeint, die von geistigen Urgrunden gesprochen haben» (Berlin, 6. Juli 1915). Weil es ihm gerade im Hinblick auf das soziale Leben notwendig schien, das Wesen des Geistigen nicht nur wissenschaftlich, son- dern auch bildlich anschaubar auszugestalten, darum sollte alles dasjenige, was die Anthroposophie als Weltanschauung charakterisiert, durch ihren Reprasentanten, den Goetheanumbau, auch im Bilde da sein (Dornach, 23. Januar 1920). Nachdem durch den Baubrand in der Silvesternacht des Jahres 1922 diese bildhafte Ausgestaltung der Anschauung verlorengegangen war, brachte er das, was er mit dem Goetheanum hatte vor die Welt hinstellen wollen, in der gewissermaBen lapidaren Formel zum Ausdruck:

«Das Goetheanum war empfunden als ein korperhaftes Zeichen fur die Gestaltung, welche die drei Hauptinteressen der Menschheit in den Tiefen der Menschenseele gegenwartig erstreben. Diese Hauptinteres- sen sind das religios-moralische, das kunstlerische und das Erkenntnis- Interesse.»2)

Die Ausgestaltung des erkenntnismaBigen und kunstlerischen Interesses liegt klar zutage. Wie aber steht es mit Bezug auf das religiose Interesse ? Wenn dies nicht in derselben klaren Weise wahrnehmbar ist, so ergibt sich das zum einen aus der Charakterisierung der Religion als «Stimmung» der Menschenseele fur das hinter dem Sinnlichen liegende Geistige (Mann- heim, 5. Januar 1911), zum andern aus der des ofteren zu findenden Aus- sage, daB das in sich religios-moralisch wirkende Wesen der Anthroposo- phie nicht im konfessionellen Sinne religionsbildend auftreten konne, daB

1) Autoreferat der Ansprache vom 26. September 1920 zur Eroffnung des ersten Hochschul- kurses am Goetheanum, geschrieben fur die «Waldorf-Nachrichten», III. Jg. Marz 1921.

2) In einem Entwurf zu einem Artikel liber das niedergebrannte Goetheanum.

geisteswissenschaftliche Bestrebimgen nicht «ein Ersatz» fiir religiose Ubimg und das religiose Leben sein sollten, daB man die Geisteswissen- schaft «nicht zur Religion» machen sollte, obwohl sie «in hochstem MaBe» eine «Stiitze», eine «Unterbauung» des religiosen Lebens sein kann (Berlin, 20. Februar 1917). Anthroposophie als Wissenschaft vom Ubersinnlichen und die Anthroposophische Gesellschaft als deren Gemeinschaftstrager sollten nicht an ein bestimmtes Religionsbekenntnis gebunden sein, da die Anthroposophie ihrem Wesen nach interreligios ist. Auch ihre zentralste Erkenntnis, die Erkenntnis von der Bedeutung des Christus-Geistes fiir die Menschheits- und Erdenentwicklung, beruht nicht auf derjenigen der christlichen Konfessionen, sondern auf der Einweihungswissenschaft, aus der alle Religionen einmal hervorgegangen sind. In diesem Sinne charakte- risiert er es einmal als einen «Grundnerv» der geisteswissenschaftlichen Forschungsaufgaben, den alien Religionen gemeinsamen ubersinnlichen Wahrheitsgehalt herauszuarbeiten und dadurch «gegenseitiges Verstandnis der einzelnen aus den Initiationen hervorgehenden religiosen Stromungen iiber die Erde zu bringen» (Berlin, 23. April 19 12)1. Daraus ergibt sich als logische Folge, daB von der Anthroposophie her gesehen praktische Reli- gionsausiibung innerhalb einer Konfession Privatsache des Einzelnen sein muB. Das findet sich auch in den Statuten der Gesellschaft von Anfang an ausgednickt.2)

1) Dies gehorte auch schon zu den Zielen der Theosophischen Gesellschaft. (Punkt 2 der drei Grundsatze lautet: «durch Erforschung des Wahrheitskernes der Religionen, Wissen- schaften und Weltauffassungen aller Zeiten und Volker den Menschen zu einer hoheren Erkenntnis zu fiihren.»)

2) Schon in den Statuten der Theosophischen und dann auch in denjenigen der Anthropo- sophischen Gesellschaft findet sich von Anfang an, daB die Mitgliedschaft nicht an ein Religionsbekenntnis gebunden ist.

Das Ideal von der Sakramentalisierung des ganzen Lebens

Sakramentalismus ist ein Ausdruck dafiir, daB die menschliche Handlung von Heiligkeit durchgliiht ist.1)

Was bloB auf dem Kirchenaltar vollzogen wurde, das muB die ganze Welt ergreifen.2)

Die Fahigkeit, erleben zu konnen, wie im Kultischen geistig Wesenhaftes auf sinnenfallige Weise vollzogen wird, muBte dahinschwinden, weil es nun einmal entwicklungsgesetzlich bedingt ist, daB Krafte verlorengehen miissen, um auf anderer Stufe neu erobert werden zu konnen. Dazu muB jede Entwicklung in einem siebengliedrigen Rhythmus verlaufen: von der ersten bis zur vierten Stufe evolutiv, von der fiinften bis zur siebenten Stufe dagegen involutiv, also rucklaufig. Das heiBt: Die dritte, zweite und erste Stufe miissen als fiinfte, sechste und siebente nochmals durchlebt werden, aber nun mit dem, was bis zur vierten Stufe als Neues errungen worden ist. Fur die Erdenmenschheit besteht das neu zu Erringende in der Sonder- oder Ichheit, die sich in der Phase der Evolution physisch aus Geburt und Tod entwickelt und in der Phase der Involution sich zu Freiheit und Liebe vergeistigen soil. Letzteres aber erfordert, den zur Entwicklung der Son- derheit und des Freiheitssinnes notwendig gewesenen Egoismus zu opfern.

Auf dieses Grundgesetz der mikro-makrokosmischen Entwicklung fin- det sich im Gesamtwerk vielfach hingewiesen. Besonders anschaulich, weil in Diagrammen (S. 17 und 18) und Meditation gebracht, kommt es in den folgenden Aufzeichnungen zum Ausdruck:

Handschriftliche Eintragung in einem Notizbuch aus dem Jahre 1903 (Archiv- nummer 427)

Schreitend bewegst du durch des Denkens Macht dich auf den Fluten des Sonderseins und folgst sieben Richtkraften unter der Wahrheit Fiihrung: Lust zieht dich hinab, die Richtkrafte stellend in des Unglaubens Gewalt; Geist zieht dich hinan, die sieben hebend zu der tonenden Sonne.

1) Koln, 27. Dezember 1907

2) Dornach, 27. November 1916

Notizblatt Archivnummer 593

Zjff**

I'M**

0n 1

Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:265 Seite: 18

1. In dem Sondersein entdecke das Gesetz: denn das Gesetz wob der erste der Sieben in den Stoff.

2. In der Bewegung entdecke das Leben: denn das Leben goB der zweite der Sieben in den Stoff.

3. In dem Verlangen entdecke die Person: denn die Person pragte der dritte der Sieben in den Stoff.

4. In dem Gedanken entdecke dich: denn dem Ich schenkte der vierte der Sieben sein Selbst.

5. In deinem Verlangen entdecke die Entsagung: denn durch die Ent- sagung opferte sich der fiinfte der Sieben, auf daB du Selbst seiest.

6. In deiner Bewegung entdecke die selige Rune: denn die selige Ruhe opferte der sechste der Sieben, auf daB du als Selbst lebend dich bewegst.

7. In deinem Sondersein entdecke dein ewiges Gesetz: denn als ewiges Gesetz hat der siebente der Sieben dein Selbst in Sonderheit geschaf- fen, und wird es als ewiges Gesetz aus der Sonderheit fiihren.

Die Kraft zur Ruckentwicklung wurde der Menschheit geboren, als der den kosmisch-menschheitlichen Evolutions-InvolutionsprozeB bewirkende Weltengeist Christus historisch in Erscheinung trat und durch das groBe Opfer auf Golgatha zum fuhrenden Geist der Erde wurde:

«... DaB der Mensch sich wieder zuruckentwickeln kann zu einem Be- wuBtsein von seiner geistigen Beziehung [zum Kosmos], das verdankt man dem Mysterium von Golgatha. Aber man muB das, was man dem Mysterium von Golgatha verdankt, aus freiem inneren Antrieb heraus suchen. Das Christentum setzt Freiheit voraus.» (Dornach, 11. Februar 1920)

Nachdem von unserem Zeitalter an diese BewuBtseins-Ruckentwicklung einzusetzen hat, ergibt sich als notwendig, daB das christliche Freiheits- element auch dem Wesen des Kultus, dem Sakramentalismus einverleibt werden muB. Das heiBt, daB zunehmend nach der Zukunft hin nicht mehr der eine fur die anderen alle das Opfer zu vollbringen haben wird, sondern daB der eine mit dem anderen gemeinschaftlich das Gleichwerden der Men-

schen gegeniiber dem Christus, der als Sonnenwesen auf die Erde herunter- gestiegen ist, erleben soil (Dornach, 23. Dezember 1922). Freiheit, Indivi- dualismus im Religiosen, im Sakramentalismus, bedeute aber fiir die Gei- steswissenschaft nicht, daB jeder Mensch seine eigene Religion haben solle - das miiBte nur zur volligen Zersplitterung der Menschheit in einzelne Indi- viduen fiihren -, sondern daB durch das Aufnehmen geisteswissenschaftli- cher Erkenntnisse eine Zeit kommen wird, «wenn sie auch noch so feme liegt», in der die Menschheit immer mehr und mehr von der Erkenntnis der innerlichen Wahrheitswelt ergriffen werden wird. Und dadurch werde dann «trotz aller Individualitat, trotzdem jeder die Wahrheit einzeln in sich finden wird, Ubereinstimmung herrschen»; unter volliger Wahrung von Freiheit und Individualitat wird man sich dann in freien Zusammen- hangen zusammenschlieBen (Berlin, 1. Juni 1908).

In diesem Sinne wurde immer wieder darauf hingewiesen, daB dasjenige, was bisher bloB auf dem Kirchenaltar vollzogen wurde, die ganze Welt er- greifen muB, daB alle menschlichen Tatigkeiten ein Ausdruck des Uber- sinnlichen werden sollen. Insbesondere seit dem ersten Weltkrieg ist im- mer starker betont worden, wie wichtig es fiir das ganze soziale Leben ist, sich wieder in ein harmonisches Zusammenleben mit dem Universum hin- einzufinden, da die Menschheit sonst dazu verurteilt ist, «immer mehr und mehr die Disharmonie im sozialen Zusammenleben zu entwickeln, und immer mehr und mehr Kriegsstoff iiber die Welt auszusaen». Zu aufstei- genden Kulturkraften wird man nicht wieder kommen, solange man vor allem in Wissenschaft und Technik neben einer abgesonderten Religion nur dem menschlichen Egoismus dient, solange man am Laboratoriums- und Experimentiertisch ohne das verehrende BewuBtsein fiir das «groBe Weltgesetz» forscht und experimentiert. «Der Laboratoriumstisch muB zum Altar werden», ist eine Formel, der man immer wieder begegnet.J)

DaB es dazu noch eines langen Weges bedurfen wird und darum Tole- ranz geiibt werden sollte, sowohl von seiten derer, die die alten Formen weiterzupflegen haben, wie von seiten derer, die das Zukunftige erstreben sollten, geht aus den folgenden AuBerungen hervor:

«Freilich, so wahr es ist, daB in bezug auf das spirituelle Leben ein ganz neues Zeitalter anbricht, so wahr ist es auch, daB der Weg zu dem Chri-

1) Heidenheim, 29. April 1918. Siehe auch «Die geistige Fuhrung des Menschen und der Menschheit» (1911) GA 15; Dornach, 27. November 1916; Zurich, 9. Oktober 1918; Dornach, 30. Dezember 1922.

stus, der fur viele Jahrhunderte der richtige war, es auch fiir viele Jahr- hunderte noch bleiben wird. Die Dinge gehen nach und nach ineinander uber. Aber das, was friiher richtig war, wird sich nach und nach in ein anderes verwandeln, wenn die Menschen dafiir reif werden.» (Karlsruhe, 13. Oktober 1911)

«Gleich wie derjenige - der dadurch, daB er den Geist des Mysteriums von Golgatha, den Christus, in seinem Innern so tief ergriffen zu haben glaubt, daB er unmittelbar, man mochte sagen <Zwiesprache> mit diesem Christus pflegen kann - mit Verstandnis hinblicken muB auf die, welche die positiven Satzungen eines Bekenntnisses brauchen, welche den Chri- stus-Diener brauchen, der ihnen immer wieder und wiederum Trost mit den Worten gibt: Deine Siinden sind dir vergeben - sollten auf der ande- ren Seite tolerant sein diejenigen, welche sehen, daB Menschen da sind, die schon mit sich selbst fertig werden. Das mag alles ein Ideal sein im Erdendasein, aber wenigstens der Anthroposoph darf zu einem solchen Ideal aufblicken.» (Norrkoping, 16. Juli 1914)

Aber nicht nur auf die Bedeutung des Kultischen fiir die individuelle, sondern auch fiir die ganze Menschheits- und Erdenentwicklung wurde hingewiesen. In Vortragen, die in der Zeit gehalten wurden, in denen sich die religiose Erneuerungsbewegung «Die Christengemeinschaft» begrunde- te und in denen das Wort fiel, daB in dem Kultus die Mysterien stecken, die sich «in ihrer vollen Bedeutung» erst in der Zukunft offenbaren werden, «eben die Mysterien der kommenden Zeit», wurde ausgefuhrt, daB eine Zeit kommen werde, in der die Erde nicht mehr sein wird; alles, was heute an Stoffen die Naturreiche und die Menschenleiber ausfiillt, wird im Wel- tenall zerstaubt sein. Auch alle durch die maschinelle Technik bewirkten Vorgange werden der Vergangenheit angehoren. Aber dadurch, daB durch «richtige» Kultushandlungen, die aus einem «richtigen Erfassen der geisti- gen Welt» hervorgehen, in diese untergehenden Natur- und Kulturprozesse elementar-geistige Wesenheiten, die mit der Fortentwicklung der Erde zu tun haben, hereingerufen werden konnen, werde die Erde aus der Vernich- tung neu auferstehen (Dornach, 29. September 1922).

Eine andere tief in die Gesamtentwicklung von Menschheit und Kosmos hineinleuchtende Begnindung fiir das Wort, daB in dem Kultischen die Mysterien der Zukunft liegen, ergibt sich aus jenem geisteswissenschaftli- chen Forschungsergebnis, wonach das Gottlich-Geistige des Kosmos durch das freie, aus dem Ich-BewuBtsein heraus selbstverantwortlich gewordene

Menschentum in der Zukunft ein anderes Wesen als bisher offenbaren werde: «Nicht mehr dieselbe Wesenheit, die einst als Kosmos da war, wird da durch die Menschheit aufleuchten. Das Gottlich-Geistige wird im Durchgang durch das Menschentum ein Wesen erleben, das es vorher nicht offenbarte.»1} Fur diese neue Offenbarungsweise des kosmischen Geistwe- sens werden somit auch erst in der Zukunft die entsprechenden Kultfor- men entstehen konnen, da das Wesen eines echten Kultus darin besteht, «daB er das Abbild ist von demjenigen, was in der geistigen Welt vorgeht» (Dornach, 27. Juni 1924).

Voraussetzung zu all dem ist die Spiritualisierung des Denkens. Erst davon ausgehend wird man dazu kommen konnen, nach und nach alle Lebensbetatigungen zu sakramentalisieren. Dann werden sich aus der Er- kenntnis der geistigen Wirklichkeiten heraus auch die alten Zeremonien andern, weil es da, wo man Wirklichkeiten hat, keiner Symbole mehr bedarf (Karlsruhe, 13. Oktober 1911, und Arbeitervortrag Dornach, 11. September 1923).

Mit dem Andern der Zeremonien sind hier die christlichen Sakramente gemeint, in denen fur die traditionelle christliche Anschauung der Sinn des Christentums enthalten ist, deren Ursprung aber bereits in den antiken Mysterien zu suchen ist. Erst im 16. Jahrhundert - mit der durch das Triden- tinum 1546 als allein authentisch erklarten Bibeliibersetzung, der Vulgata- trat an die Stelle des griechischen «mysterion» das lateinische «sacra- mentum». Der Begriff der Sakramente findet sich im kirchlichen Sprachge- brauch jedoch schon seit dem Kirchenvater Tertullian im 2. Jahrhundert. Hinsichtlich der Anzahl, Bedeutung und Wirkung war die Auffassung allerdings schwankend, bis die romisch-katholische Kirche auf dem Konzil von Ferrara-Florenz 1439 ihre Anzahl auf sieben festsetzte (Taufe, Abend- mahl, BuBe, Firmung, Ehe, Ordination, letzte Olung) und zum Dogma erhob, daB die Sakramente von Christus eingesetzte, aus einem sichtbaren Element (materia) und rituellen Worten (forma) bestehende Handlungen sind, durch die die heiligmachende Gnade iibertragen wird.

Wenn dagegen die evangelische Kirche nur zwei Sakramente, die Taufe und das Abendmahl, anerkennt, so riihrt dies nach Rudolf Steiners Darstel- lung im Vortrag Stuttgart, 2. Oktober 1921, davon her, daB man in der Zeit der Reformation schon keinen Sinn mehr fur die innere Zahlenkonsti-

1) Siehe «Anthroposophische Leitsatze» (Aufsatz «Menschheitszukunft und Michael-Tatig- keit»), GA 26.

tution der Welt gehabt hat. Denn der Gedanke der sieben Sakramente sei urspriinglich aus der alten Erkenntnis hervorgegangen, daB die Gesamtent- wicklung des Menschen von Evolutions- und Involutionsprozessen be- wirkt wird. Mit den sieben Sakramenten sollte darum den sieben Stadien, durch die der Mensch im Leben einschlieBlich des Sozialen geht und in de- nen er teils evolutive, teils involutive Werte entwickelt, die entsprechenden Gegenwerte hinzugefugt werden. Die sieben Stadien im menschlichen Le- ben sind: Geburt, Starke (Reife), Nahrung, Zeugung, Wiedererlangung, Rede, Verwandlung. Sie werden wie folgt charakterisiert. Die den Geburts- kraften innewohnende Involution ist der mit dem GeburtsprozeB einset- zende SterbeprozeB; er sollte geheiligt werden durch das Sakrament der Taufe. Der gesamte ReifeprozeB einschlieBlich der Geschlechtsreife sollte geheiligt werden durch das Sakrament der Firmung (Konfirmation). Mit dem als «Nahrung» bezeichneten ProzeB ist die Verleiblichung des Geistig- Seelischen im Physisch-Leiblichen gemeint, das heiBt, zwischen Geistig- Seelischem und Physisch-Leiblichem muB der richtige Rhythmus herge- stellt sein, damit das Seelisch-Geistige nicht in das Tierische hinuntersinkt, aber auch nicht in weltenfremde Geistigkeit sich verliert. Die diesem Evo- lutionsprozeB innewohnende Involution sollte geheiligt werden durch das Sakrament des Heiligen Abendmahles. Verbunden mit diesem rhythmi- schen SchwingungsprozeB zwischen Seelisch-Geistigem und Physisch- Leiblichem ist die Moglichkeit, auch in der Zeit immer wieder zuriick- schwingen zu konnen durch das Erinnerungsvermogen. Zur vollstandigen Entwicklung bedarf es der Erinnerung an vorhergehend erlebte Erdener- fahrungen. Die dem aus dem menschlichen Wesen evolvierenden Erinne- rungsvermogen innewohnende Involution sollte geheiligt werden durch das Sakrament der BuBe, das die Gewissenserforschung, die Reue und den Vorsatz einschlieBt, die begangenen Fehler abzulegen und entsprechende durch sich selbst oder den Priester auferlegte Vergeltung auf sich zu neh- men, so daB der Erinnerungsvorgang durchchristet und zugleich ins Mora- lische hinaufgehoben wird. Mit diesen vier charakterisierten Prozessen sind die Evolutionsvorgange seit der Geburt des Menschen erschopft. Der Erinnerungsvorgang stellt schon eine starke Verinnerlichung dar, die Evo- lution nahert sich bereits der Involution. Ein natiirlicher Involutionsvor- gang ist der Tod. Das entsprechende Sakrament ist die letzte Clung. So wie vordem durch die entsprechenden naturlichen Lebensvorgange das phy- sisch-leibliche Wesen angeregt worden ist, so soil nun durch den Olungs- vorgang - der in alter Naturerkenntnis als ein Verseeligungsvorgang ange-

sehen wurde -, das geistig-seelische Leben angeregt werden. «Es soil, im Rhythmus ausgedriickt, beim Tod das Physisch-Leibliche wieder ver- schwinden, das Geistig-Seelische wiederum Form gewinnen.» Das ist, was «Wandlung» genannt wird.

Da sich mit dem Tod das individuelle Leben des Menschen erschopft, beziehen sich die beiden noch fehlenden Stadien und Sakramente auf et- was, was nicht mehr individueller Natur ist. Es ist einmal das Wechselver- haltnis des Menschen mit dem Himmlisch-Geistigen, wie es unbewuBt bei jedem Menschen vorhanden ist. Ware das nicht der Fall, konnte man den Weg nimmermehr zuriickfinden. Aber es sei ein tief im Menschen verbor- gener Involutionsvorgang, «noch verborgener als dasjenige, was im Men- scheninnern geschieht, wenn er mit seinem Organismus durch den Tod geht», ein ProzeB, der im Verlauf des individuellen Lebens iiberhaupt nicht zum BewuBtsein komme. Den diesem InvolutionsprozeB entsprechenden Evolutionsvorgang hatte man gesehen in dem Sakrament der Priesterweihe, das dem entspricht, was «Rede» genannt wird.

Das, was als Siebentes in Frage komme, sei das Abbild des Geistig-Seeli- schen im Physisch-Leiblichen, wie es in Mann und Weib zum Ausdruck komme: «Man miiBte sagen, das Heruntersteigen in das irdische Leben wiirde durch eine gewisse Grenze bezeichnet. Das Weib erreicht diese Grenze nicht vollstandig, der Mann aber iiberschreitet sie. Darin besteht ei- gentlich der Gegensatz im Physisch-Leiblichen. » Weil beide also eine ge- wisse Unvollkommenheit in sich tragen, bestehe zwischen ihnen ein natur- gegebener Spannungszustand. «Wenn dazu der sakramentale Evolutions- wert gesucht wird, so haben wir den gegeben im Sakrament der Ehe.»

Dieser Grundgedanke der christlichen Esoterik in bezug auf den Sakra- mentalismus - daB der Mensch als unvollkommenes Wesen ins Leben tritt, teils evolutive, teils involutive Werte entwickelt, denen, um ihn zu einem sich vollstandig entwickelnden Wesen zu machen, auf sakramentale Weise die Gegenwerte hinzugefiigt werden sollen - sei schon nicht mehr verstan- den worden, seitdem man begonnen hatte - «selbstverstandlich wiederum mit Recht» - iiber das Sakramentale zu diskutieren. Heute jedoch hatten wir wiederum sehr notig, zu Involutionswerten zu kommen.

Spirituelles Denken als geistige Kommunion, als Beginn eines der Menschheit der Gegenwart gemafien kosmischen Kultus

DaB all dasjenige, was unser Verhaltnis zur Welt ist, zunachst sich als kosmischer Kultus erkennt im Menschen, das ist der erste Anfang dessen, was ge- schehen muB, wenn Anthroposophie ihre Mission in der Welt vollziehen soll.1)

Wenn Rudolf Steiner mit der Vergeistigung der Sakramentsformen bei der Kommunion ansetzt, so zeigt sich dies wiederum entwicklungsgesetzlich bedingt dadurch, daB im Sakrament der Kommunion der involutive Ge- genwert zu der Verleiblichung des Seelisch-Geistigen im Physischen des Menschen liegt. Nachdem die letzte Stufe des Verleiblichungsprozesses die Bindung des Denkens an das physische Gehirn gewesen ist, muB mit der Ruckentwicklung, der Wiedervergeistigung, auch bei diesem physisch ge- wordenen Denken, der Intellektualitat, eingesetzt werden.

Schon in seiner ersten eigenen Buchpublikation, in der Schrift «Grund- linien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung» (1886) setzte er an diesem Punkte ein, indem er erkenntniswissenschaftlich be- grundete, wie im reinen, das heiBt sinnlichkeitsfreien Denken eine Vereini- gung mit der Weltgeistigkeit vollzogen wird, was dann auch ein Jahr spater mit dem sakramentalen Ausdruck «Kommunion» bezeichnet wird, wenn es heiBt:

«Wer dem Denken seine iiber die Sinnesauffassung hinausgehende Wahr- nehmungsfahigkeit (zuerkennt), der muB ihm notgedrungen auch Ob- jekte zuerkennen, die iiber die bloBe sinnenfallige Wirklichkeit hinaus liegen. Die Objekte des Denkens sind aber die Ideen. Indem sich das Denken der Idee bemachtigt, verschmilzt es mit dem Urgrunde des Wel- tendaseins; das, was auBen wirkt, tritt in den Geist des Menschen ein; er wird mit der objektiven Wirklichkeit auf ihrer hochsten Potenz eins. Das Gewahrwerden der Idee in der Wirklichkeit ist die wahre Kommunion des Menschen. Das Denken hat den Ideen gegeniiber dieselbe Bedeutung wie das Auge dem Licht, das Ohr dem Ton gegeniiber. Es ist Organ der Auffassung.»2)

1) Dornach, 31. Dezember 1922

2) Siehe «Goethes naturwissenschaftliche Schriften», herausgegeben und kommentiert von Rudolf Steiner, Vorrede zu Band II, S.IV (1887), GA lb; die Einleitung allein siehe GA 1.

Da der Inhalt der Anthroposophie nichts anderes ist, als was auf diese Weise aus der Welt der ideellen, der geistigen Wirklichkeit erforscht wer- den konnte und was seiner Natur nach moralisch-religiosen Charakters ist, versteht es sich von selbst, daB auch in deren Anfangszeit ausgesprochen wurde, daB durch ihre Lehren bewirkt werden soil, das ganze Leben bis in seine alleralltaglichsten Verrichtungen hinein zu heiligen, zu sakramentali- sieren, ja daB darin sogar einer der tieferen Griinde fur ihr Auftreten liegt (Berlin, 8. Juli 1904). Auch wird durchsichtig, warum es in den fur den hier betrachteten Zusammenhang so gewichtigen Vortragen iiber «Die geistige Kommunion der Menschheit» heiBt, daB die im spirituellen Denken zu er- lebende geistige Kommunion der «erste Anfang» dessen ist, was geschehen muB, wenn Anthroposophie «ihre Mission in der Welt» vollziehen soil (Dornach, 31. Dezember 1922).

Wie durch die im Geistigen vollzogene Kommunion aus dem Symbo- lum des Abendmahles Wirklichkeit werden kann, wird im Vortrag Kassel, 7. Juli 1909, so charakterisiert: Die Menschheit ist erst im Anfange der christlichen Entwickelung. Deren Zukunft liegt darin, daB die Erde als Korper des Christus erkannt wird. Denn durch das Mysterium von Gol- gatha wurde in der Erde ein neuer Lichtmittelpunkt geschaffen; bis in ihre Atome hinein wurde sie mit neuem Leben erfiillt. Darum konnte Christus beim Abendmahl, als er das Brot brach, das aus dem Korn der Erde kommt, sagen: «Dies ist mein Leib!», und indem er den Rebensaft gab, der aus dem Saft der Pflanzen kommt, konnte er sagen: «Dies ist mein Blut!» Wortlich heiBt es weiter: «Weil er die Seele der Erde geworden ist, konnte er zu dem, was fest ist, sagen: Dies ist mein Fleisch - und zu dem Pflanzen- saft : Dies ist mein Blut!, so wie Sie zu Ihrem Fleisch sagen: Dies ist mein Fleisch - und zu Ihrem Blut: Dies ist mein Blut! - Und diejenigen Men- schen, welche imstande sind, den richtigen Sinn dieser Worte des Christus zu fassen, die machen sich Gedankenbilder, die anziehen in dem Brot und in dem Rebensaft den Leib und das Blut Christi, die anziehen den Christus- Geist darinnen. Und sie vereinigen sich mit dem Christus-Geist. So wird aus dem Symbolum des Abendmahles eine Wirklichkeit. »

Jedoch, so heiBt es weiter: «Ohne den Gedanken, der an den Christus ankniipft im menschlichen Herzen, kann keine Anziehungskraft ent- wickelt werden zu dem Christus-Geist beim Abendmahl. Aber durch diese Gedankenform wird solche Anziehungskraft entwickelt. Und so wird fur alle diejenigen, welche das auBere Symbolum brauchen, um einen geistigen Actus zu vollziehen, namlich die Vereinigung mit dem Christus, das

Abendmahl der Weg sein, der Weg bis dahin, wo ihre innere Kraft so stark ist, wo sie so erfiillt sind von dem Christus, daB sie ohne die auBere physische Vermittelung sich mit dem Christus vereinigen konnen. Die Vorschule fur die mystische Vereinigung mit dem Christus ist das Abend- mahl - die Vorschule. So miissen wir diese Dinge verstehen. Und ebenso wie alles sich entwickelt vom Physischen zum Geistigen hinauf unter dem christlichen EinfluB, so miissen sich zuerst unter dem Christus-EinfluB heranentwickeln die Dinge, die zuerst da waren als eine Briicke: vom Physischen zum Geistigen muB sich das Abendmahl entwickeln, um hin- zufiihren zur wirklichen Vereinigung mit dem Christus. - Uber diese Dinge kann man nur in Andeutungen sprechen, denn nur wenn sie aufge- nommen werden in ihrer vollen heiligen Wiirde, werden sie im richtigen Sinne verstanden.»

Im gleichen Sinne heiBt es im Vortrag Karlsruhe, 13. Oktober 1911, wie dann, wenn sich der Mensch durch das Kennenlernen der Erkenntnisse der hoheren Welten, durch Konzentrations- und Meditationsubungen in sei- nem Innern ganz mit dem Elemente des Geistes zu durchdringen vermag, die in ihm lebenden meditativen Gedanken «ebendasselbe sein (werden), nur von innen heraus, wie es das Zeichen des Abendmahles - das geweihte Brot - von auBen gewesen» ist. Friedrich Rittelmeyer berichtet in seinem Erinnerungsbuch «Meine Lebensbegegnung mit Rudolf Steiner», daB er auf die Frage: «Ist es nicht auch moglich, Leib und Blut Christi zu empfangen ohne Brot und Wein, nur in der Meditation zur Antwort erhielt: «Das ist moglich. Vom Riicken der Zunge an ist es dasselbe.»

Im Vortrag Dornach, 31. Dezember 1922 wird mit den Worten, daB spi- rituelle Erkenntnis «der Beginn eines der Menschheit der Gegenwart gema- Ben kosmischen Kultus» ist, der «dann wachsen kann», angedeutet, daB die Vereinigung mit dem Weltengeiste weiter vertieft werden kann. In anderen Zusammenhangen findet sich darauf hingewiesen, wie es dazu eines be- stimmten darzubringenden Opfers bedarf, durch das man iiber das allge- meine Erleben der geistigen Kommunion hinaus dann zu wirklich konkre- ten kosmischen Erkenntnissen gelangen kann. Was dabei zu opfern ist, wird mit dem terminus technicus «Opfer des Intellektes» bezeichnet. Dar- unter sei jedoch keineswegs der Verzicht auf das Denken als solches, son- dern vielmehr der Verzicht auf den Egoismus, den Eigenwillen im Denken zu verstehen, der im willkiirlichen Verbinden der Gedanken bestehe. Aus- fuhrungen dariiber enthalten zwei Vortrage aus dem Jahre 1904 und zwei Vortrage aus den Jahren 1923 und 1924.

Die beiden Vortrage aus dem Jahre 1904 sind allerdings nur in einer mangelhaften Nachschrift iiberliefert und deshalb bis heute ungedruckt. Darum sei hier das in Frage Kommende wortlich angefiihrt. In dem Vor- trag vom 1. Juni 1904 heiBt es, daB es zum Lesenkonnen in der Akasha- Chronik, zum Erforschen der kosmischen Evolution, gewisser Vorbedin- gungen bedarf, deren eine darin bestehe,

«daB man seine eigenen Gedanken zur Verfiigung stellt diesem Prinzip, dieser Kraft und diesen Wesenheiten, die wir in der theosophischen Sprache die Meister nennen.1} Denn letzten Endes muB uns der Meister die notigen Anweisungen geben, um die Akasha-Chronik lesen zu kon- nen. Sie ist geschrieben in Symbolen und Zeichen, nicht in Worten einer jetzt bestehenden oder einer der bestanden habenden Sprachen. Solange man nur die Kraft anwendet, die der Mensch gewohnlich anwendet beim Denken - und jeder Mensch, der nicht ausdriicklich daraufhin gelernt hat, wendet diese Kraft an -, kann man nicht in der Akasha-Chronik lesen.

Wenn Sie sich fragen: <Wer denkt ? >, so werden Sie sich sagen miissen: <Ich denke>. Sie verbinden Objekt und Pradikat miteinander, wenn Sie einen Satz bilden. Solange Sie selbst es sind, der die einzelnen Begriffe verbindet, so lange sind Sie nicht imstande, in der Akasha-Chronik zu lesen. Sie sind nicht imstande zu lesen, weil Sie Ihre Gedanken mit dem eigenen Ich verbinden. Sie miissen aber Ihr Ich ausschalten. Sie miissen verzichten aufjeden eigenen Sinn. Sie miissen lediglich die Vorstellungen hinstellen, um die Verbindung der einzelnen Vorstellungen durch Krafte auBerhalb von Ihnen, durch den Geist, herstellen zu lassen.

Es ist also der Verzicht - nicht auf das Denken, wohl aber darauf, von sich aus die einzelnen Gedanken zu verbinden - notwendig, um in der Akasha-Chronik zu lesen. Dann kann der Meister kommen und Sie lehren, durch den Geist von auBen Ihre Gedanken zusammenfiigen zu lassen zu dem, was Ihnen der universelle Weltengeist iiber das, was in der Geschichte sich vollzogen hat, zu zeigen vermag. Dann urteilen Sie nicht mehr iiber die Tatsachen, sondern dann spricht zu Ihnen der universelle Weltengeist selbst. Und Sie stellen ihm Ihr Gedankenmaterial zur Ver- fiigung.

1) Tiber die Meister siehe den Band «Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abtei- lung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914», GA 264.

Nun muB ich etwas sagen, was vielleicht etwas Vorurteil erweckt. Ich muB sagen, was heute vorbereitend notwendig ist, urn zu der Ausschal- tung des Ich zu kommen, um in der Akasha-Chronik lesen zu konnen. Sie wissen, wie es eine heute verachtete Sache ist, was die Monche im Mittelalter gepflegt haben. Sie haben namlich gepflegt das <Opfer des Intellekts >. Der Monch hat nicht so gedacht, wie der heutige Forscher denkt. Der Monch hatte eine bestimmte heilige Wissenschaft, die heilige Theologie. liber den Inhalt hatte man nicht zu entscheiden. Man sprach deshalb davon, daB der Theologe im Mittelalter seinen Verstand dazu zu gebrauchen hat, die gegebenen Offenbarungen zu erklaren und zu verteidigen.J) Das war, wie man sich auch heute dazu stellen mag, eine strenge Schulung in der Hinopferung des Intellektes an einen gegebenen Inhalt. Ob das nun nach modernen Begriffen etwas Vorzugliches oder etwas Verwerfliches ist, davon wollen wir absehen.

Dieses Opfer des Intellektes, das der Monch des Mittelalters brachte, fiihrte zu der Ausschaltung des von dem personlichen Ich ausgehenden Urteils, es fiihrte ihn dazu, zu lernen, wie man den Intellekt in den Dienst eines Hoheren stellt. Bei der Wiederverkorperung kommt dann das, was damals durch dieses Opfer hervorgebracht wurde, zur Aus- wirkung und macht ihn zum Genie des Anschauens. Kommt dann das hohere Schauen hinzu, dann kann er die Fahigkeit anwenden auf die Tat- sachen, die in der Akasha-Chronik zu lesen sind.» (Berlin, 1. Juni 1904)

In dem einige Wochen spater gehaltenen Vortrag heiBt es:

«... Je weiter man auch auf dem Erkenntnisweg vorwartsdringt, um so mehr wird man sich auch Devotion aneignen miissen; man wird immer devotioneller und devotioneller werden. Aus dieser Devotion flieBt dann die Kraft zu den hochsten Erkenntnissen. Wer es dazu bringt, darauf zu verzichten, seine Gedanken zu verbinden, der gelangt zu dem Lesen der Schrift in der Akasha-Chronik. Eines ist aber dabei notwendig: das personliche Ich so weit ausgeschaltet zu haben, daB es keinen Anspruch darauf macht, die Gedanken selbst zu verbinden.

Es ist gar nicht so leicht, das zu verstehen, denn der Mensch macht darauf Anspruch, das Pradikat mit dem Subjekt zu verbinden. So lange

l)Uber die beiden Wahrheitsarten - die Erkenntnis- und die Offenbarungswahrheiten - in der modernen Geisteswissenschaft siehe den Vortrag Liestal, 16. Oktober 1916 in «Philo- sophie und Anthroposophie», GA 35, sowie die Studie von Hans Erhard Lauer «Erkenntnis und Offenbarung in der Anthroposophie», Basel 1958.

er das aber tut, ist es ihm unmoglich, wirklich okkulte Geschichte zu studieren. Wenn er in Selbstlosigkeit, aber auch in BewuBtheit und Klar- heit die Gedanken aufsteigen laBt, dann tritt ein Ereignis ein, welches, von einem gewissen Gesichtspunkte aus, jeder Okkultist kennt, namlich das Ereignis, daB sich die Vorstellungen, die Gedanken, die er friiher nach seinem personlichen Standpunkte zu Satzen, zu Einsichten geformt hat, jetzt durch die geistige Welt selbst formen, so daB nicht er urteilt, sondern in ihm geurteilt wird. Es ist dann so, daB er sich hingeopfert hat, auf daB ein hoheres Selbst geistig durch seine Vorstellungen spricht.

Das ist - okkult aufgefaBt - das, was man im Mittelalter das <Opfer des Intellektes> genannt hat. Es bedeutet das Aufgeben meiner eigenen Mei- nung, meiner eigenen Uberzeugung. So lange ich selbst meine Gedanken verbinde, und meine Gedanken nicht hoheren Gewalten zur Verfiigung stelle, die auf der Tafel des Intellektes dann gleichsam schreiben, so lange kann ich nicht okkulte Geschichte studieren. » (Berlin, 25. Juli 1904)

In den beiden Vortragen Penmaenmawr, 31. August 1923, und Prag, 5. April 1924 tritt der Begriff «Opfer des Intellektes» wieder auf, und zwar im Zusammenhang mit dem Forschungsergebnis iiber eine verlorengegangene episch-dramatische Dichtung aus den ersten vier christlichen Jahrhunder- ten. Diese Dichtung sei durch die Mysterienlehrer jener Zeit geschaffen worden, weil sie voraussahen, daB die Menschen in der Zukunft mehr und mehr den Intellekt entwickeln werden, der ihnen zwar die Freiheit brin- gen, aber auch das Hellsehen nehmen werde, wodurch eine schwere Krise iiber sie kommen miisse, weil sie mit ihrem Verstandnis nicht mehr hinauf- reichen werden zu jenen Regionen, aus denen die eigentlichen tieferen Grundlagen der Erden- und Menschheitsentwicklung und die kosmische Bedeutung des Christentums verstanden werden konnen. Diese Voraus- sicht habe bei jenen Mysterienlehrern die groBe Sorge erzeugt, ob die Menschheit sich wirklich werde reif machen konnen fur dasjenige, was durch das Mysterium von Golgatha in die Welt gekommen ist und darum kleideten sie die Lehre, daB es des Opfers des Intellektes bedarf, um den Christus in seiner kosmischen Bedeutung verstehen zu konnen, in ein «Mysteriendrama»l) in dieses verlorengegangene epische Drama. In ergrei- fender Weise sei darin dargestellt worden, wie sich ein junger Held durch

1) Den Ausdruck «Mysteriendrama» hat sich Rudolf Steiner bei seinen Notizbucheintra- gungen zu dem Vortrag Prag, 5. April 1924, notiert. Notizbuch-Archivnummer 336.

seine Bereitschaft, das Opfer des Intellektes zu bringen, die Hellsichtigkeit fiir die kosmische Bedeutung des Christentums erworben habe. Und jene Mysterienlehrer hatten mit dieser Dichtung - es sei die groBte gewesen, die das Neue Testament hervorgebracht habe - wie eine Art Testament die Aufforderung vor die Menschheit hinstellen wollen zu dem «Sacrificium intellectus». Denn wenn die Verbindung mit dem, was durch das Myste- rium von Golgatha in die Menschheit hineingekommen ist, gefunden werden soil, dann miiBte dieses Sacrificium im Grunde genommen von alien, die zum Geistesleben, zur Gelehrsamkeit streben, geiibt werden: «Uber jeden gelehrt werdenden, weise werden wollenden Menschen miiBte kultische Haltung, Opferhaltung kommen.» (Penmaenmawr, 31. August 1923, und Prag, 5. April 1924). Denn «Opfer ist das Gesetz fiir die geistige Welt» (Berlin, 16. Februar 1905); «Opfer muB sein, ohne Opfer gibt es kein Werden, keinen Fortschritt», heiBt es in Notizen von einer Instruktions- stunde in Basel am 1. Juni 1914.

Kunstlerisch gestaltet findet sich das «Opfer des Intellektes» im dritten Mysteriendrama «Der Hiiter der Schwelle». In einem geistdramatischen Augenblick leistet darin die Geistesschulerin Maria - unterstiitzt von dem Geisteslehrer Benediktus, der charakteristischerweise in diesem im Geist- gebiet spielenden Bild im Priestergewand auftritt - vor Luzifer, dem Repra- sentanten der egoistischen Krafte, das Gelobnis, in Zukunft von allem Wissen die Eigenliebe stets fernzuhalten:

Niemals will ich kunftig Von jener Seligkeit mich finden lassen, Die Menschen fiihlen, wenn Gedanken reifen. Zum Opferdienst will ich das Herz mir riisten, DaB stets mein Geist nur denken kann, um denkend Des Wissens Fruchte Gottern hinzuopfern. Erkenntnis wird mir dann zum Weihedienst.

Aus den angefiihrten Vortragen vom Jahre 1904 wird deutlich, daB das Opfer, das die Geistesschulerin Maria zu bringen gelobt, dem gleichkommt, was dort als «Opfer des Intellektes» charakterisiert ist.

AuBer den Hinweisen auf die Spiritualisierung des Sakramentes der Kommunion im spiritualisierten Denken, finden sich auch noch Hinweise auf die Spiritualisierung des Sakramentes der Taufe. Diese weist, im Gegen- satz zur geistigen Kommunion als einem individuellen Geschehen im Inne- ren des Menschen, auf die Spiritualisierung der auBeren Arbeit. Anfange

dazu konnten heute schon in Erziehung und Unterricht gemacht werden, wenn einmal jedes Menschenkind unter dem Gesichtspunkt betrachtet werden wird, daB es auf seine ganz personliche Art die Kraft des Christus- Geistes in die Welt mit hereinbringt. ) In einem anderen Zusammenhang findet sich die Bemerkung: «Dasjenige, was friiher als Symbolum des Sa- kramentes der Taufe in den Mysterien vollzogen wurde, sollte heute ins au- Bere Geschehen, in die auBere Tat eingefiihrt werden. Spiritualisierung der menschlichen Arbeit, Sakramentalisierung im auBeren Geschehen, das ist die wahre Taufe. »2)

Die fur verschiedene Gemeinschaften geschaffenen Kultformen

Kultus bindet die Menschen, die im Kultus sich vereinigen, aneinander.3)

Inwiefern Kultus gemeinschaftsbildend wirkt, wurde eingehend im Jahre 1923 behandelt, als durch verschiedene seit dem Ende des ersten Weltkrie- ges entstandene Tochterbewegungen und durch den Brand des Goetheanum eine grundlegende Neuorganisierung der Anthroposophischen Gesell- schaft notwendig geworden war. Das Problem «Gemeinschaftsbildung» war damals besonders aktuell geworden, einerseits durch die in die Gesell- schaft hereinstromende Jugend, die groBtenteils aus der damaligen mit dem Gemeinschaftsideal ringenden Jugendbewegung (Wandervogelbewegung) kam, andererseits durch die im Herbst 1922, kurze Zeit vor dem Baubrand, begrundete religiose Erneuerungsbewegung «Die Christengemeinschaft». Diese Bewegung hatte sich gebildet, nachdem um 1920/21 junge Theolo- gen, zumeist noch Studenten, an Rudolf Steiner mit der Frage herangetre- ten waren, ob er nicht auch ihnen in ihrem Bedurfnis nach einer geistigen Erneuerung des religiosen Berufes raten und helfen konne. Seine Antwort ging dahin, daB er selbst die Geisteswissenschaft zu bringen habe und nicht irgendwie religionsbegrundend wirken konne; wenn sie jedoch mit einer Schar von 30 bis 40 Gleichgesinnten das durchfiihrten, was sie vorhatten,

1) Dornach, 27. November 1916.

2) In Notizen von einer esoterischen Stunde, Hamburg, 28. November 1910.

3) Dornach, 3. Marz 1923.

so wiirde das etwas ganz GroBes ftir die Menschheit bedeuten.1) Denn er war iiberzeugt, daB fur diejenigen Menschen, die den Weg zum Geistigen uber das religiose Praktizieren suchen wollen, die Erneuerung des christ- lich-religiosen Lebens eine tiefe Notwendigkeit sei. Und so leistete er dieser jungen Bewegung - allerdings nicht als deren Begriinder, sondern wie er sagte, als «Privatmann» - auf das Tatkraftigste die erbetene Hilfe. Er gab in Vortragen die Grundlagen fiir das, «was eine kunftige Theologie braucht» und gab vor allem «einen giiltigen und spirituell kraftigen, spirituell von Wesenheit erfiillten Kultus», denn eine Gesundung des religiosen Lebens miisse durch eine gesunde Gemeinschaftsbildung entstehen, die wiederum nur in einem Kultus gegeben sei (Dornach, 31. Dezember 1922, und 3. Marz 1923).

Nachdem durch die Begrundung der «Christengemeinschaft» in der Anthroposophischen Gesellschaft eine gewisse Unsicherheit in bezug auf das Verhaltnis der beiden Bewegungen entstanden war, sah er sich veran- laBt, das Thema Gemeinschaftsbildung und Kultus zu behandeln. Ausge- hend von der Frage, ob die Gemeinschaftsbildung, die durch die «Christen- gemeinschaft» aufgetreten ist, die in der Gegenwart einzig mogliche sei, oder ob sich innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft auch eine an- dere Moglichkeit finden lieBe, stellte er die zwei Pole der durch den Kultus moglichen Gemeinschaftsbildung dar. Wahrend der bekannte Pol im religi- osen Kultus darin liege, daB durch Wort und Handlung Wesenheiten der iibersinnlichen Welten auf den physischen Plan heruntergeholt werden, handle es sich bei dem anderen Pol um einen «umgekehrten» Kultus, der dann entstehen konne, wenn man sich in anthroposophischen Arbeitsge- meinschaften durch gemeinsame Erkenntnisbemuhung zu den iibersinnli- chen Welten hinauf erhebe. Wenn eine Menschengruppe sich zusammen- finde, um gemeinsam dasjenige zu erleben, was aus der iibersinnlichen Welt heraus durch Anthroposophie geoffenbart werden kann, «dann ist dieses Erleben in einer Menschengruppe eben etwas anderes als das einsame Erleben». Wenn dies in der richtigen Gesinnung erlebt werde, so bedeute das einen ProzeB des Aufwachens an der anderen Menschenseele und ein Sich-Erheben zur Geistgemeinschaft: «Wenn dieses BewuBtsein vorhanden ist und solche Gruppen in der Anthroposophischen Gesellschaft auftreten, dann ist in diesem, wenn ich so sagen darf, umgekehrten Kultus, in dem anderen Pol des Kultus, etwas Gemeinschaftsbildendes im eminentesten

1) Emil Bock in «Wir erlebten Rudolf Steiner. Erinnerungen seiner Schiiler», herausgegeben von M. J. Kriick von Porturzyn, 1. Auflage Stuttgart 1956.

Sinne vorhanden» und daraus konne diese «spezifisch anthroposophische Gemeinschaftsbildung» erwachsen (Dornach, 3. Marz 1923).

Diese ohne auBeres Zeremoniell mogliche Form kultischen Erlebens liegt offensichtlich in der Linie des durch spirituelle Erkenntnis erlebbaren kos- mischen Kultus. Gleichwohl hatte Rudolf Steiner, wenn er noch langere Zeit hatte wirken konnen, auch einen auBerlich zu vollziehenden Kultus geschaffen, gewissermaBen als eine wirksame Hilfe auf dem schweren We- ge zu dem im rein Geistigen zu suchenden kosmischen Kultus. Denn das Erleben des kosmischen Kultus als geistig-mystische Vereinigung des Men- schengeistes mit der Weltgeistigkeit sollte wohl immer angestrebt werden, kann aber, wenigstens heute noch, sicherlich nur selten wirklich erlebt werden. Das deutete auch Rudolf Steiner einmal mit den Worten an: «Ich erinnere daran, daB ein groBer Mystiker der alexandrinischen Schule in ho- hem Alter gestand, daB er nur wenige Male im Leben jenen groBen Augen- blick erlebt habe, in dem die Seele sich reif fiihlt, so sich zu vertiefen, daB der Geist des Unendlichen wach wird und jener mystische Augenblick ein- tritt, wo der Gott in der Brust vom Menschen selber erlebt wird. Das sind Mittagsaugenblicke, wo die Sonne des Lebens am hochsten steht, in denen so etwas erlebt werden kann, und fiir diejenigen, die immer mit ihren ab- strakten Ideen zur Hand sein wollen, daB sie sagen: Wer einmal richtige Gedanken hat, dann muB ihn das zum Hochsten fiihren - fiir die sind solche Mittagsstunden des Lebens, die man als Gnade des irdischen Lebens ansehen muB, keine Zeit, zu der sie gerne reisen wollen;1} fiir solche Ab- straktlinge muB jederzeit der Augenblick da sein, die Weltratsel zu losen.» (Heidelberg, 21. Januar 1909).

DaB Rudolf Steiner im Jahre 1923, dem Jahr der Neugestaltung der An- throposophischen Gesellschaft, in Betracht zog, auch wieder eine anthro- posophische Kultusform zu gestalten, ergibt sich aus zwei seiner AuBerun- gen im Fruhjahr 1923. Die eine fiel bei der Schilderung des «umgekehrten» Kultus als einer spezifisch anthroposophischen Form der Gemeinschafts- bildung. Da fiigte er zu der Ausfiihrung, daB viele Menschen zur Anthro- posophischen Gesellschaft kommen und nicht nur die anthroposophische Erkenntnis in abstracto, sondern eben aus dem Drang unseres BewuBt- seinsseelenzeitalters heraus auch entsprechende Gemeinschaftsbildungen suchen, die Bemerkung hinzu: «Man konnte nun sagen: die Anthropo- sophische Gesellschaft konnte ja auch einen Kultus pflegen. GewiB, das

1) Bezieht sich auf eine Redewendung der Irrlichter in Goethes «Marchen von der griinen Schlange und der schonen Lilie», dem dieser Vortrag gait.

konnte sie auch; das gehort aber jetzt auf ein anderes Feld» (Dornach, 3. Marz 1923). Die andere AuBerung war die Antwort auf eine ihm in einem personlichen Gesprach gestellte Frage nach einem Kultus fiir die anthro- posophische Bewegung. Der Fragesteller, Rene Maikowski, hat dieses Gesprach wie folgt festgehalten und zur Wiedergabe zur Verfiigung gestellt:

«Nach der Begriindung und beim Aufbau der <Freien Gesellschaft >, die auf Anregung von Rudolf Steiner nach der Delegiertenversammlung Ende Februar 1923 in Stuttgart entstanden war und zu deren Comite ich gehor- te, war hier, wie auch anderorts in der Bewegung, vielfach iiber das Ver- haltnis unserer Arbeit zu derjenigen der Christengemeinschaft gesprochen worden, insbesondere nach Rudolf Steiners Vortrag vom 30. Dezember 1922. Es kam in unserem Mitarbeiterkreis zu einem Gesprach iiber unsere Aufgaben und unsere Arbeitsweise. Von einigen wurde festgestellt, daB die Christengemeinschaft es mit ihrer Arbeit leichter habe, da sie durch ihren Kultus eine tragende spirituelle Substanz habe und dadurch dem Bedurfnis nach unmittelbarem Zusammenhang mit dem Geistigen entgegenkommen konnte, mehr als durch die Vortragstatigkeit, auf die sich unsere Arbeit vor allem beschrankte. So tauchte bei einigen Freunden die Frage auf, ob es wohl denkbar ware, daB fiir die Gesellschaft auch einmal ein Kultus gege- ben werden konnte. Die Meinungen waren geteilt. Ich wandte mich darauf- es war im Fruhjahr 1923 - mit dieser Frage an Dr. Steiner selbst, den ich wiederholt auf Reisen begleiten durfte. Zu meiner Uberraschung ging er auf den Gedanken einer kultischen Arbeit fiir die Gesellschaft als durchaus positiv ein. Er erklarte, daB es ja vor dem Kriege auch ein Kultisches gege- ben habe. In der Zukunft werde das aber eine andere Gestalt erhalten miis- sen. Es kame auch nicht die Form der Christengemeinschaft in Frage. Er charakterisierte darauf die andersartigen Grundlagen von Anthroposophie und Christengemeinschaft. Beide Bewegungen stellten einen verschiedenen Weg dar und hatten zum Teil verschiedene Meister. Eine kultische Arbeit in der anthroposophischen Bewegung miisse aus demselben geistigen Strom hervorgehen wie die Schulhandlungen, gewissermaBen eine Fortset- zung dessen werden, was in Form und Inhalt in der Opferfeier der Schule gegeben wurde. Und er deutete an, daB er darauf zuruckkommen werde, nachdem er danach gefragt worden sei.»

Zu dieser neuen Gestaltung des anthroposophischen Erkenntniskultus ist es allerdings nicht mehr gekommen. Nach seinem Tode versuchte Marie Steiner eine Art Ersatz zu schaffen durch die Art, wie sie den am Goethe-

anum veranstalteten Feiern, insbesondere der Jahresfeste, einen kiinstle- risch-kultischen Charakter gab.

Riickblickend zeigt sich, daB durch die an Rudolf Steiner herangetrage- nen Bediirfnisse verschiedener Lebenskreise eine Fiille von Ritualtexten entstanden ist.

Als erste entstanden die Texte fur die Ritualien des interreligiosen Er- kenntniskultus, wie er innerhalb der Esoterischen Schule vom Jahre 1906 bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges im Sommer 1914 gepflegt worden war.

Kurz vor oder unmittelbar nach dem Ende des Krieges (Ende 1918) war er um eine Neugestaltung kirchlicher Ritualien gebeten worden. Diese Bitte kam von einem schweizerischen anthroposophischen Freund, Hugo Schu- ster, der von Rudolf Steiners Christus-Darstellungen so tief ergriffen worden war, daB es ihn zum Priesterberuf gedrangt hatte. Und nachdem er im Som- mer 1918 innerhalb der altkatholischen Kirche - in der man schon damals die Ritualien in deutscher Sprache las - geweiht worden war, erhielt er von Rudolf Steiner um die Jahreswende 1918/19 ein Ritual fur Bestattungen und im Verlaufe des Fruhjahres 1919 eine Neuiibertragung der «Messe».1)

Auch andere im Priesterberuf stehende oder gestanden habende Freunde der Anthroposophie erhielten auf entsprechende Ansuchen hin Ritualtexte. Pastor Wilhelm Ruhtenberg, der an der 1919 begrundeten Freien Waldorf- schule in Stuttgart Lehrer geworden war, erhielt 1921 ein Tauf- und ein Trau-Ritual. Wie es dazu gekommen war, wurde so iiberliefert:

«Schon 1921 wurde < Pastor Ruhtenberg > haufig von anthroposophischen Freunden gebeten, sie zu trauen und ihre Kinder zu taufen. Darauf bat er Rudolf Steiner um ein Taufritual. Nachdem er es erhalten hatte, empfand er den schwarzen Talar mit den weiBen Baffchen als nicht mehr angemes- sen und fragte nach einem neuen Gewand. Rudolf Steiner zeichnete ihm das Gewiinschte auf und gab dazu die Farben an. Mit dem Trauritual ver- hielt es sich nach Ruhtenbergs Bericht folgendermaBen: <Als einmal ein Brautigam zu mir kam und sagte, Dr. Steiner, den er um die Trauung gebe- ten hatte, habe ihn zu mir geschickt, wollte ich den Mann nicht eine Fehl- bitte tun lassen und traute ihn. Danach aber ging ich zu Dr. Steiner und sagte zu ihm: 'Herr Doktor, wenn Sie mir jemanden schicken, den ich trauen soil, dann, bitte, geben Sie mir auch ein Ritual.' Einige Wochen spa- ter, als ich bei meiner Klasse in der Eurythmiestunde saB, offnete sich die Saaltiir; Dr. Steiner kam auf mich zu, ubergab mir einige Blatter und sagte:

l)Naheres siehe unter «Einzelne Hinweise».

'Hier bringe ich Ihnen das Trauungsritual.' Ich setzte mich sogleich hin, urn mit brennender Neugier mich in das Ritual zu vertiefen. Nach der Stunde, im Sprechzimmer, fragte ich nach dem Gewande fiir diese Hand- lung. Ich trug noch die Skizze vom Taufgewande bei mir, und Dr. Steiner schrieb dazu die Farben fiir die Trauung, die Form des Gewandes blieb die gleiche. »l)

Vordem hatte auch schon ein anderer Lehrer, Johannes Geyer, der frii- her ebenfalls Pfarrer gewesen war, fiir die Taufe eines Kindes, um die er von einem anthroposophischen Freund gebeten worden war, ein Taufritual erhalten.

Auch fiir den freien christlichen Religionsunterricht der Waldorfschule waren Ritualien gestaltet worden, nachdem man an Rudolf Steiner die Fra- ge herangetragen hatte, ob nicht fiir die Schuler des freien Religionsunter- richtes an den Sonntagen eine religiose Feier eingerichtet werden konnte. Die Antwort lautete, daB dies dann schon ein Kultus sein miiBte. So ent- stand noch vor Neujahr 1920 das erste Ritual, die «Sonntagshandlung». Auf weitere Fragen gestaltete er die drei anderen Handlungen: in der Weih- nachtszeit 1920 die «Weihnachtshandlung»; 1921 die «Jugendfeier» - fiir die kirchliche Konfirmation stehend; im Fruhjahr 1923 fur die beiden oberen Klassen die «Opferfeier» - fiir das MeBopfer stehend.

Die «Opferfeier» war entstanden, nachdem Rudolf Steiner in einer Bespre- chung mit den Religionslehrern am 9. Dezember 1922 berichtet wurde, daB eine Schulerin der oberen Klassen gefragt habe, ob diese nicht eine Sonntags- handlung erhalten konnten, die iiber die Jugendfeier hinaus weiterfuhre. Er habe diese Anregung besonders nachdenklich aufgenommen und sie als von weittragender Bedeutung bezeichnet; er wolle sie weiter erwagen. Eine Messe wolle er in die mit dem freien Religionsunterricht verbundenen Handlungen nicht hereinnehmen, aber «etwas Messe-Ahnliches» konne man machen. Wenige Monate spater, im Marz 1923, wurde der Handlungstext ubergeben und am Palmsonntag, den 25. Marz 1923, konnte die «Opferfeier» fiir die Schuler der elften Klasse und die Lehrer zum erstenmal gehalten werdend

Auf einen in der Lehrerkonferenz vom 16. November 1921 geauBerten Wunsch nach einer besonderen Sonntagshandlung nur fiir die Lehrer, ist er allerdings nie zuruckgekommen.

1) Aus der biographischen Skizze «Wilhelm Ruhtenberg» in «Der Lehrerkreis um Rudolf Steiner in der ersten Waldorfschule», Stuttgart 1977, S. 210 f.

2) Maria Lehrs-Roschl in «Zur religiosen Erziehung. Wortlaute Rudolf Steiners fiir Waldorf- padagogen», Stuttgart 1985.

Als durch das Wirken der im Herbst 1922 begriindeten «Christenge- meinschaft» in der Schule die Frage aufgekommen war, ob denn der freie Religionsunterricht und die «Handlungen» nunmehr noch berechtigt seien, habe sich Rudolf Steiner unmiBverstandlich dahingehend ausgesprochen, daB beide Arten von Religionsunterricht, der freie christliche wie derjenige der «Christengemeinschaft», ihren eigenen Charakter, ihre eigenen Ziele und voile Berechtigung fur die Zukunft hatten. Als einige Eltern wiinsch- ten, ihre Kinder sollten an beiden Unterrichtsarten teilnehmen, lieB er - sofern es nicht gesundheitsbelastend werde - auch dieses gelten. (Damals wurde der Religionsunterricht der Christengemeinschaft nicht in der Schu- le, sondern in deren eigenen Raumen erteilt.) Die immer gleichbleibende Grundhaltung groBtmoglicher Toleranz in religiosen Fragen spricht auch aus der Art, wie er den Unterschied in der Zielsetzung der beiden Arten des Religionsunterrichtes charakterisierte: «Der innere Sinn unserer Ju- gendfeier ist, daB der Mensch ganz allgemein in die Menschheit hineinge- stellt wird, nicht in eine bestimmte Religionsgemeinschaft; die <Christen- gemeinschaft> aber stellt ihn in eine bestimmte Religionsgemeinschaft hin- ein». Doch - und das habe er mehrfach betont - «eine Diskrepanz zwischen beiden in inhaltlicher Beziehung kann es eigentlich nicht geben».1} Und als ihm von seiten der «Christengemeinschaft», der das Ritual der «Jugendfei- er» auch fiir ihren Aufgabenbereich (Konfirmation) zur Verfiigung gestellt worden war, die Frage gestellt wurde, ob dieses Ritual fiir ihren sakramen- talen Zusammenhang nicht einiger Anderungen bediirfe, habe er in «tem- peramentvoller» Weise entwickelt, daB es gerade «lehrreich» sei, das gleiche Ritual «als den Ausdruck verschiedener Lebenszusammenhange» verwen- det zu wissen.2)

Ahnlich auBerte er sich im Zusammenhang mit der «Opferfeier». Maria Lehrs-Roschl berichtet a.a.O., wie nach dem ersten Vollzug dieser Hand- lung Lehrerkollegen darum ersuchten, die Feier fiir die Lehrer allein zu wiederholen. Da die Ausfiihrenden der Handlung zu der Auffassung neig- ten, die Handlung solle nur fiir Schuler unter Teilnahme von Lehrern und Eltern stattfinden, sei sie gebeten worden, Rudolf Steiner dariiber zu befra- gen: «Ich fragte ihn in einer Formulierung, die bereits zeigte, ich sei der Meinung, es gehe nicht an, die Opferfeier anders als fiir Schuler zu halten.

1) Siehe «Konferenzen mit den Lehrern der Freien Waldorfschule in Stuttgart 1919 bis 1924», Band I (Einleitung von Erich Gabert), GA 300, S. 41.

2) Auf die spater nochmals gestellte Frage, hat er dann die gewiinschten Anderungen vorge- nommen. Von Emil Bock den Priestern der «Christengemeinschaft» iiberliefert.

Rudolf Steiner aber blickte mich mit weit geoffneten Augen an (ich kannte diese Geste als seinen Ausdruck iiberraschten, leicht miBbilligenden Er- staunens) und sagte: <Warum nicht ? Diese Handlung kann iiberall gehalten werden, wo Menschen sind, die sie wiinschen!

Fur den Aufgabenbereich der «Christengemeinschaft» waren, auBer dem vollig neu gestalteten MeBopfer «Menschenweihehandlung» und den ihr ubergebenen schon friiher entstandenen Ritualien, nach und nach die noch fehlenden entstanden. Das zuletzt gestaltete Ritual war dasjenige ftir die Einsetzung des Erzoberlenkers. Es entstand noch kurze Zeit vor Rudolf Steiners Tod.

Die Fiille der so entstandenen Ritualien ist um so erstaunlicher, als Ru- dolf Steiner selber einmal auBerte, daB es schwierig sei, Kultus zu gestalten: «DaB das Kultusartige an sich schwierig zu gestalten ist, konnen Sie schon daraus ersehen, daB seit langer Zeit man alles Kultusartige darauf be- schrankt hat, das Traditionelle zu iibernehmen. ... Alle Kultformen, die man heute hat, sind eigentlich uralt, nur in dem einen oder anderen etwas umgestaltet.» (Stuttgart, 14. Juni 1921).

Daraus folgt, daB derjenige, der Kultus zu gestalten unternimmt, wenn dieser ein wahres Spiegelbild von Vorgangen in der geistigen Welt werden soil, in einem souveranen Verhaltnis zur Geistwelt stehen muB. Er wird je- doch auch iiber kunstlerisches Gestaltungsvermogen verfiigen miissen. Denn Kultformen als Spiegelbilder geistiger Vorgange sind keineswegs Photographien gleichzusetzen, sondern sind auf physischen Mitteln beru- hende selbstandige Gestaltungen. Eine erganzende Erklarung hierfiir scheint in der folgenden Aussage gegeben zu sein: «Indem sich der Mensch in die nachste Stufe des Daseins hinauferhebt, ergeben sich ihm Bilder, die wir aber jetzt nicht mehr so anwenden wie unsere Gedanken, so daB wir fragen: wie entsprechen diese Bilder der Wirklichkeit? -, sondern die Din- ge zeigen sich in Bildern, die aus Farben und Formen bestehen; und durch die Imagination muB der Mensch selber die Wesenheiten, die sich ihm so symbolisch zeigen, entratseln.» (Berlin, 26. Oktober 1908). Konkret findet sich dies einmal am Beispiel des Totenkultus veranschaulicht und daran die Bemerkung geschlossen: «Er konnte noch komplizierter sein, aber in sei- ner Einfachheit, so wie er jetzt ist, kann ja schon dasjenige, was dadurch er- obert werden soil, fur die Menschheit erobert werden. » (Dornach, 27. Juni 1924). Der Ausdruck «erobern» deutet wiederum darauf hin, wie schwierig es sein muB, Kultus zu gestalten.

Die Einfachheit - ein auffallendes Merkmal aller seiner Ritualien - be-

grundete er einmal damit, daB ein komplizierter Kultus die Menschen von heute nicht befriedigen wiirde und man ihn deshalb «auBerordentlich ein- fach» gestalten miisse (Stuttgart, 14. Juni 1921). Aber gerade die Einfachheit zeugt wiederum von einem starken kunstlerischen Gestaltungsvermogen. Nun sind auch Kunst und Kultus ihrem Ursprung nach eng miteinander verwandt, da sie beide in der gleichen geistigen Region urstanden: «Mit der Menschheitsevolution entwickelt sich der Ritus, lebendiges Bild der geisti- gen Welt, bis hin zu den Spharen der kunstlerischen Produktion. Denn die Kunst geht gleicherweise aus der Astralwelt hervor - und der Ritus wird Sch6nheit.» (Paris, 6. Juni 1906). Eine fur diesen Zusammenhang interes- sante Begebenheit wurde von Emil Bock iiberliefert: «Als ich so im Friih- jahr 1923 das Kinderbegrabnis-Ritual von ihm entgegennehmen durfte, strahlte er selbst vor Begliickung iiber diese besondere Art des Schopfer- tums, das zugleich die hochste Kunst des Empfangens war. Zweimal trat er an jenem Tage - es war bei Gelegenheit einer Tagung - auf mich zu mit den Worten: <Ist der Text nicht schon!»>1)

Ein anderes Charakteristisches ergibt sich aus dem esoterischen Prinzip der Kontinuitat, einem seiner wesentlichsten Leitmotive:

«Das Kiinftige ruhe auf Vergangenem / Vergangenes ertrage Kimftiges / Zu kraftigem Gegenwartssein» .2)

Wo immer es moglich war, kniipfte er um des kontinuierlichen Fortganges der Entwicklung willen das neu Erforschte an das iiberlieferte Alte an. So auch fiir seine Ritualgestaltungen. DaB es notwendig war, die Vergangen- heitsstromung zu berucksichtigen, findet sich einmal so formuliert: «Um die Kontinuitat der Menschheitsentwicklung aufrecht zu erhalten, dazu ist heute noch notwendig, an Ritual und Symbolik gewissermaBen anzukniip- fen» (Dornach, 20. Dezember 1918), ist darin doch etwas bewahrt, was wie- der auferweckt werden kann und auch wieder auferweckt werden wird, wenn man einmal den Weg gefunden haben wird, um die Kraft, die von dem Mysterium von Golgatha ausgeht, wiederum in alles menschliche Tun hineinzubringen (Dornach, 29. September 1922). Und auf die sich in der Gegenwart erst anfanglich offenbarende Zukunftsstromung deuten die Worte: «In unserer Zeit ist es nur moglich zu Symbolen zu kommen, wenn man sich ganz liebevoll vertieft in die Weltgeheimnisse; und eigentlich

1) Emil Bock in «Wir erlebten Rudolf Steiner. Erinnerungen seiner Schiiler», herausgegeben von MJ.Kriick von Porturzyn, 1. Auflage Stuttgart 1956.

2) Aus «Zw61f Stimmungen» in «Wahrspruchworte», GA 40.

kann nur aus der Anthroposophie heraus heute ein Kultus oder eine Sym- bolik erwachsen.» (Stuttgart, 14. Juni 1921). Im gleichen Sinne heiBt es in einem Vortrag iiber verschiedene Kulte, daB heute in einen Kultus hereinge- bracht werden miisse, was durch moderne geisteswissenschaftliche Schulung an Gesetzen der Weltgeistigkeit wahrgenommen werden kann, und daB man mit dem Aufbau eines solchen Kultus «hochstens wieder am Anfange» stehen konne (Dornach, 11. September 1923, Vortrag fiir die Arbeiter am Goetheanumbau) .

Auf die Verbindung von Vergangenheits- und Zukunftselementen in der Gestaltung der «Menschenweihehandlung» fiir die «Christengemeinschaft» wurde einmal wie folgt hingewiesen: «Dieser Kultus berucksichtigt durch- aus die historische Entwicklung der Menschheit, tragt daher in vielen sei- ner Einzelheiten und auch in vielem, was in seiner Totalitat auftritt, eine Fortfiihrung des Historischen in sich; aber er tragt uberall auch die Ein- schlage desjenigen, was sich erst heute dem iibersinnlichen BewuBtsein aus der geistigen Welt offenbaren kann.» (Dornach, 3. Marz 1923). 1} In ahnli- cher Weise auBerte er sich zur Ubertragung des Messetextes fiir Pfarrer Schuster, der ihn gebeten hatte, «einiges aus den gangbaren katholischen Ritualien nicht in der sonderbaren Ubersetzung zu bringen, in der man es heute vielfach genieBt, sondern in eine Form zu bringen, die eigentlich ur- sprunglich darin lag»; und dann sei, obwohl es sich nur um eine Uberset- zung gehandelt habe, doch eigentlich «etwas Neues» daraus geworden. Auch vom Bestattungsritual sagte er in demselben Zusammenhang: «Na- tiirlich muBte man ankniipfen an die gewohnlichen Bestattungsrituale. Aber dadurch, daB man das gewohnliche Ritual nicht lexikographisch, son- dern richtig iibersetzt hat, ist etwas anderes herausgekommen.» (Stuttgart, 14. Juni 1921)

Auf ein Charakteristisches der Ritualien weist auch der folgende iiberlie- ferte Ausspruch: «Man kann in einer Zeit nur einen Kultus rechtmaBig aus der geistigen Welt herunterholen.» } Die Frage, wie die verschiedenen Kult- formen mit diesem einen moglichen Kultus ubereinstimmen, diirfte dahin- gehend beantwortet werden konnen, daB die fiir verschiedene Lebenskreise gegebenen Kulte - Erkenntniskult der Esoterischen Schule, Handlungen

1) Mit diesem Hinweis auf die historische Entwicklung sind offenbar die vier Teile des christlichen MeBopfers - Evangelium, Opferung, Wandlung, Kommunion - gemeint, die «den Weg des Einzuweihenden aus den alten heidnischen Mysterien» darstellen (Dornach, 11. Januar 1919; Munchen, 4. November 1906).

2) Carl Unger, «Zur Frage des Verhaltnisses der Christengemeinschaft zur Anthroposophi- schen Gesellschaft» in «Schriften II», Stuttgart 1964.

fur den freien Religionsunterricht der Waldorfschule, kirchlicher Kultus fiir die «Christengemeinschaft» - mit diesem «einen» Kultus im Tieferen wesensgleich sein miissen. Es scheint sich dies zu bestatigen durch eine an- dere von Emil Bock uberlieferte Aussage, wonach mit der «Opferfeier» ver- sucht worden sei, das der Menschenweihehandlung der «Christengemein- schaft» Entsprechende zu geben, soweit es durch Laien, das heiBt durch nicht zum Priester Geweihte, ausgeiibt werden konne. Maria Lehrs-Roschl kniipft daran a.a.O. die Bemerkung: «Was in der Entwicklung der Chri- stenheit als Sehnsucht und Streben nach Laienpriestertum immer wieder erstand - allerdings auch immer wieder verfolgt und schlieBlich zum Ver- schwinden gebracht wurde -, das hat hier [mit der Opferfeier] durch Ru- dolf Steiner eine neue Keimlegung erfahren.» Aus all dem kann offensicht- lich werden, daB fiir Rudolf Steiner esoterischer Erkenntniskult, freireligi- oser Kultus und kirchlicher Kultus in keinem Widerspruch zueinander standen. Einmal weil ihm, wie iiberall, so auch in religiosen Fragen, die Freiheit des Einzelnen als oberstes Gebot gait und als rechtes Christentum nur das, welches «absolute Religionsfreiheit» moglich macht (Zurich, 9. Oktober 1918). Zum andern, weil nur durch die Ausweitung des Kulti- schen in alle Lebenszweige hinein der Weg zu dem hohen Ideal, das ganze Leben zu sakramentalisieren, beschritten werden kann. Die notwendige Voraussetzung dazu ist allerdings, daB spirituelle Gedanken und Empfin- dungen «ebenso weihevoll das Innere durchdringen und durchgeistigen, wie in dem besten Sinne der inneren christlichen Entwickelung das Abend- mahl die Menschenseele durchgeistigt und durchchristet hat». Wenn dies moglich werde, und nach Rudolf Steiner wird es moglich werden, dann sei man in der Entwicklung wiederum um eine Etappe weitergeschritten und es werde dadurch «wieder der reale Beweis geliefert werden», daB das Chri- stentum groBer ist als seine auBere Form (Karlsruhe, 13. Oktober 1911).

I

DOKUMENTE ZUR GESCHICHTE DER ERKENNTNISKULTISCHEN

ABTEILUNG

Ich hatte immer Achtung vor dem historisch Gegebe- nen. In ihm lebt der Geist, der sich im Menschheitswer- den entwickelt. Und so war ich dafiir, daB, wenn irgend moglich, Neu-Entstehendes an historisch Vorhandenes ankniipfe. («Mein Lebensgang», 36. Kapitel)

Wer gleich mir seine eigenen Wege wandelt, muB man- ches MiBverstandnis iiber sich ergehen lassen. (Vorrede zur l.Auflage 1901 der Schrift «Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens und ihr Verhaltnis zur modernen Weltanschauung», GA 7)

Vorbemerkungen des Herausgebers

Zur Geschichte der erkenntniskultischen Abteilung

So wie der Band «Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abtei- lung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914» dokumentiert, daB und warum Rudolf Steiner die erste Abteilung seiner Esoterischen Schule aus Grunden der historischen Kontinuitat anfanglich an die bestehende Schule der Theo- sophischen Gesellschaft anschloB, ebenso dokumentiert der vorliegende Band, warum und in welcher Weise auch fiir deren zweite und dritte Abtei- lung - den erkenntniskultischen Arbeitskreis - die historische Kontinuitat zu einem bereits bestehenden mit Kultsymbolik arbeitenden Zusammen- hang gewahrt wurde.

Nachdem bekannt geworden war, daB es sich dabei um die sogenannte agyptische Maurerei gehandelt hatte^ wurde er von gewissen Seiten in ab- traglichem Sinne zum «Freimaurer» gestempelt. Zu diesem Vorwurf nahm er selbst zweimal Stellung. Einmal in dem kurze Zeit nach dem formellen AnschluB geschriebenen Brief an den Theosophen und Freimaurer A.W. Sellin vom 15. August 1906 und dann in dem eine Woche vor seinem Tode niedergeschriebenen Abschnitt seiner Autobiographic «Mein Lebensgang» (36. Kapitel). Den nach seinem Tode erfolgten Angriffen von seiten natio- nalsozialistischer Publizisten entgegnete Marie Steiner-von Sivers, die Mit- begrunderin und Mitleiterin des Arbeitskreises, mit einem Aufsatz, dem sie den Titel gab: «War Rudolf Steiner Freimaurer?» Alle diese und andere Dokumente sind in dem ersten Teil des vorliegenden Bandes zusammenge- faBt und zwar in chronologischer Reihenfolge, ausgenommen der Brief an Sellin, der seines grundsatzlich aufklarenden Inhaltes wegen an den Anfang gestellt wurde.

Durch die Frageform, die Marie Steiner-von Sivers dem Titel ihres Auf- satzes gab, ist bereits darauf hingewiesen, daB hier in der Tat ein Problem besteht. Denn diese Frage ist sowohl bejahend wie verneinend zu beant- worten. Bejahend, wenn nur auf die auBerliche Tatsache des Anschlusses geschaut wird und nicht auch auf die Griinde, die Rudolf Steiner dazu be- wogen haben. Verneinend, weil er sich selbst trotz des formellen Anschlus- ses nie als «Freimaurer» im iiblichen Sinne verstand, keinerlei Verbindun-

1) Siehe unter «Einzelne Hinweise».

gen zur regularen Freimaurerei hatte und von dieser - da die agyptische Maurerei als irregular gilt - auch nie als zu ihr gehorig betrachtet worden ist.

Um diesen scheinbaren Widerspruch zu klaren und die Tatsache des An- schlusses verstandlich werden zu lassen, soil zuerst auf die Frage, warum gerade an die agyptische Maurerei angekniipft wurde, eingegangen werden.

Warum an die agyptische Maurerei angekniipft wurde

Wir konnen die ganze moderne Kultur durchneh- men: sie erscheint uns als eine Erinnerung des alten Agyptertums. ... Das sehen wir selbst in dem Ein- weihungsprinzip. 1}

Die agyptische Maurerei fiihrt sich ihrer Ursprungslegende gemaB auf den legendaren ersten agyptischen Konig Menes - hebraisch Misraim - zuriick, der ein Sohn des biblischen Noah-Sohnes Harn gewesen sei, das Land in Besitz genommen, ihm seinen Namen gegeben (Misraim = alter Name Agyptens) und die Isis-Osiris-Mysterien eingerichtet habe. Zu Beginn der christlichen Zeitrechnung habe der vom heiligen Markus zum Christen- tum bekehrte agyptische Priesterweise Ormus die agyptischen Mysterien mit denen des neuen Gesetzes vereinigt. Seitdem seien sie als altagyptische Maurerweisheit bewahrt worden. In diesem Sinne wurde sie von denen, die den Misraim-Ritus im Beginne des 19. Jahrhunderts von Italien nach Frankreich brachten, als «Wurzel und Ursprung aller freimaurerischen Riten» erklart.2) Nach Rudolf Steiner wurde Konig Misraim, nachdem er Agypten erobert hatte, in die damaligen agyptischen Mysterien eingeweiht, deren Geheimnisse noch aus der alten Atlantis stammten. Von da an habe

1) Stuttgart, 16. August 1908. In diesem Sinne liegen auch in Rudolf Steiners vier Mysterien- dramen, in den beiden Einweihungsszenen in einem agyptischen Tempel (7. und 8. Bild von «Der Seelen Erwachen») die Ausgangsmotive fiir die Schicksalsverbundenheit der Personlichkeiten, die als moderne Geistsucher in den Mysteriendramen gestaltet sind, in der agyptischen Zeit. Siehe auch Vortrag Dornach, 27. Dezember 1918.

) Lennhoff/Posner, Internationales Freimaurer-Lexikon, Artikel «Misraim-Ritus»; vgl. auch Rudolf Steiners Ausfiihrungen Berlin, 16. Dezember 1911 auf Seite 94 dieses Bandes. Auch der Freimaurer loseph Schauberg weist in seinem Hauptwerk «Vergleichendes Handbuch der Symbolik der Freimaurerei mit besonderer Riicksicht auf die Mythologien und Myste- rien des Altertums», Schaffhausen 1861 in Band II die kulturgeschichtliche Richtigkeit vom agyptischen Ursprung der maurerischen Symbolik nach.

es eine fortdauernde Tradition gegeben. Die neue Freimaurerei bilde nur eine Fortsetzung dessen, was damals in Agypten begriindet worden sei (Berlin, 16. Dezember 1904).

Zu den Geheimnissen der alten Mysterien gehort die Erfahrung von der Unsterblichkeit des menschlichen Geistes1} und auch die okkulte Freimau- rerei wollte diese Erfahrung vermitteln. In dieser Richtung diirfte wohl die tiefere Begrundung fiir das Wort Rudolf Steiners (S. 67) liegen, wonach er an den Memphis-Misraim-Orden deshalb ankniipfte, weil dieser «vorgab», sich in der Richtung der okkulten Freimaurerei zu bewegen. In dessen «Manifest» von 1904 hieB es namlich, daB er im Besitze von aus alten My- sterien uberlieferten praktischen Mitteln sei, durch die man schon in die- sem irdischen Leben in Stand gesetzt wiirde, sich «Beweise reiner Unsterb- lichkeit zu verschaffen.2)

Wenn Rudolf Steiner darum, der esoterischen Verpflichtung zur Konti- nuitat folgend, an diese Stromung angekniipft hatte, so dachte er gleich- wohl nicht im geringsten, in deren Sinne zu wirken. Vertrat er doch von Anfang an auf das nachdrucklichste, daB die moderne Zeit nach einer ihr gemaBen neuen Weisheit zu suchen habe, die aus der Erkenntnis der Bedeu- tung des Mysteriums von Golgatha erflieBt und daB ein reales Wissen von der Unsterblichkeit heute nur iiber ein tieferes Verstandnis des Mysteri- ums von Golgatha erworben werden konne (Berlin, 6. Mai 1909).

Die Notwendigkeit einer neuen Weisheit charakterisierte er bei einer seiner Darstellungen der alten agyptischen Weisheit einmal wie folgt:

«... Unsere Zeit muB nicht eine uralte Weisheit gebaren, sondern eine neue Weiheit, die nicht nur in die Vergangenheit hineinweisen kann, sondern die prophetisch, apokalyptisch wirken muB, in die Zukunft hinein. Wir sehen eine uralte Weisheit bewahrt in den Mysterien der vergangenen Kulturepochen; eine apokalyptische Weisheit, zu der wir den Samen legen miissen, muB unsere Weisheit sein. Wir brauchen wie-

1) Es ist in diesem Zusammenhang interessant, daB nach Rudolf Steiner gerade das «agyptische Totenbuch» das einzige Dokument der alten Mysterienweisheit darstellt, das fast voll- standig erhalten geblieben ist. So miindlich uberliefert von dem Agyptologen Gregoire Kolpaktchy, der auf Anregung Rudolf Steiners das agyptische Totenbuch iibersetzte, denn das konne nur einer, der nicht nur den hieroglyphischen, sondern auch den okkulten Schliissel habe. Siehe «Das agyptische Totenbuch», iibersetzt und kommentiert von Kolpaktchy, Otto Wilhelm Barth Verlag, 1970.

2) Siehe Vortrag Berlin, 9. Dezember 1904, in dem das Manifest des GroBorients der «Ver- einigten Schottischen, Memphis-Misraim-Maurerei» im Zusammenhang mit der Unsterb- lichkeitsfrage besprochen wurde.

derum ein Einweihungsprinzip, damit die urspriingliche Verbindung mit der geistigen Welt wieder hergestellt werden kann. Das ist die Aufgabe der anthroposophischen Weltbewegung.» (Stuttgart, 5. August 1908)

AufschluBreich ist auch noch jenes geisteswissenschaftliche Forschungs- ergebnis, wonach von der dritten nachatlantischen Kulturepoche, der agyptisch-chaldaischen, geheimnisvolle Kanale zu der fiinften, der gegen- wartigen nachatlantischen Kulturperiode, gehen:

«Wir konnen die ganze moderne Kultur durchnehmen: sie erscheint uns als eine Erinnerung des alten Agyptertums. ... Das sehen wir selbst in dem Einweihungsprinzip. Denn als das moderne Leben ein Einwei- hungsprinzip erhalten sollte in dem Rosenkreuzertum, was war es? ... Jener harmonische Zusammenklang von agyptischer Erinnerung in der Weisheit mit dem christlichen Kraftimpuls.» (Stuttgart, 16. August 1908)

An anderer Stelle wird von der Anthroposophie direkt als von der neuen Isis-Weisheit des neuen Zeitalters gesprochen. Sogar eine neue Isis-Legende wird entwickelt und im Zusammenhang damit angedeutet, daB hinter der Holzskulptur «Der Menschheitsreprasentant zwischen Luzifer und Ahri- man», die im ersten Goetheanumbau an zentraler Stelle aufgestellt werden und dem Besucher den Grundimpuls der Anthroposophie kunstlerisch ge- staltet anschaubar machen sollte, sich noch ein anderes, ein «unsichtbares» Standbild finde: die neue Isis, die Isis eines neuen Zeitalters (Dornach, 6. Januar 1918). Auch auf eine tiefe Beziehung zwischen dem Isis-Mysterium und dem Gralsmysterium, welches das verchristlichte Wiederauftauchen des agyptischen Mysterienwesens einschlieBe, sowie zu der Parzival-Gestalt als einem «Vorbild fur unsere spirituelle Bewegung» wird hingewiesen (Dornach, 6. Januar 1918; Berlin, 6. Februar 1913; Berlin, 6. Januar 1914).

Eine weitere Begrundung dafiir, warum gerade an die agyptische Maure- rei angeknupft wurde, erhellt aus dem Forschungsergebnis, wonach die heutige Menschheit sich in entgegengesetzter Lage wie die altagyptische befinde. Denn so, wie einst die spirituell orientierte altagyptische Mensch- heit, indem sie die Menschenform mumifizierte, weltgeschichtlich die In- tellektualitat, das an das physische Gehirn gebundene Denken vorbereitete, so miisse die heutige Menschheit sich zur Intellektualitat wiederum die Spi- rituality aneignen und zwar auf dem Umwege iiber eine der agyptischen Mumie analoge Erscheinung, namlich die alten Kultformen. Diese seien deshalb eine den agyptischen Mumien analoge Erscheinung, weil im Ge-

gensatz zu alten Zeiten, in denen wahrgenommen werden konnte, wie durch ritusmaBige Handlungen geistige Wesenhaftigkeiten angezogen wur- den, dies heute weder in Logen noch in Kirchen mehr der Fall sei. In deren Handlungen sei heute ebensowenig mehr geistiges Leben, wie in der agyp- tischen Mumie das Leben dessen war, den man mumifiziert hatte. Trotzdem sei in diesen mumifizierten Riten etwas bewahrt, was wieder «auferweckt» werden konne und auch wieder auf erweckt werden wiirde, wenn man einmal den Weg gefunden haben werde, um die Kraft, die von dem Myste- rium von Golgatha ausgeht, in alles menschliche Tun hineinzubringen (Dornach, 29. September 1922).

Schon diese wenigen angefiihrten geisteswissenschaftlichen Forschungs- ergebnisse durften geniigend verstandlich werden lassen, warum Rudolf Steiner fiir seine erkenntniskultische Arbeit gerade an die agyptische Maurerei angekniipft hatte.

Zur aufieren Vorgeschichte

Ich will meinen Schritt bloB vom Standpunkte ok- kulter Loyalitat betrachtet wissen.!)

Das Jahr 1902 wurde fiir die theosophischen Zusammenhange von drei Er- eignissen gekennzeichnet. Rudolf Steiner und Marie von Sivers iibernah- men die Leitung der in Grundung befindlichen deutschen Sektion der 1875 durch H.P.Blavatsky u.a. gegrundeten Theosophischen Gesellschaft. Annie Besant, die Nachfolgerin Blavatskys in der Leitung der Esoteric School of Theosophy - jedoch damals noch nicht Prasidentin der Theoso- phischen Gesellschaft - wurde in die sogenannte gemischte Freimaurerei aufgenommen.2) John Yarker, Ehrenmitglied der Theosophischen Gesell- schaft und GeneralgroBmeister der agyptischen Maurerei, des Ordens der Alten Freimaurer vom Memphis- und Misraim-Ritus fiir GroBbritannien und Irland, erteilte Theodor ReuB, Heinrich Klein und Franz Hartmann, die in England sowohl der Freimaurerei wie auch der Theosophischen Gesell- schaft angehorten, eine Stiftungsurkunde dieser Lehrart fiir Deutschland.3)

1) Brief an Sellin vom 15. August 1906.

2) Siehe unter «Einzelne Hinweise».

3) Siehe unter «Einzelne Hinweise».

Wenn es in Rudolf Steiners Autobiographic heiBt, daB man ihm und Marie von Sivers einige Zeit nach der Grundung der deutschen Sektion 1902 die Leitung einer mit Kultsymbolik der alten Weisheit arbeitenden Gesellschaft angetragen habe, so kam dieser Vorschlag nicht, wie angenom- men werden konnte, von dem Hauptvertreter der deutschen Memphis- Misraim-Gesellschaft, Theodor ReuB, sondern, wie Marie Steiner in ihrem Aufsatz «War Rudolf Steiner Freimaurer?» berichtet, von einer Personlich- keit, die von Rudolf Steiner den Eindruck gewonnen hatte, daB er von gei- stigen Dingen mehr verstiinde als alle Maurer. Privat auBerte sie dazu noch, daB es sich um einen Tschechen gehandelt habe. DaB dieser mit der Memphis-Misraim-Maurerei verbunden gewesen sein muB, ergibt sich aus der Bemerkung im «Lebensgang»: «Hatte sich das Angebot von seiten der angedeuteten Gesellschaft nicht eingestellt, so hatte ich die Einrichtung einer symbolisch-kultischen Betatigung ohne historische Ankniipfung getroffen.»

Das Angebot diirfte um 1903/04 gemacht worden sein. Denn seit Mai 1904 wurde bereits durch eine Reihe entsprechender Vortrage eine sym- bolisch-kultische Arbeitsweise vorbereitet. Am 15. September 1904 lernte Rudolf Steiner in Hamburg bei einem Vortrag, den er dort zu halten hatte, den Freimaurer A.W.Sellin kennen. Bei diesem muB er sich nach dem deutschen Memphis-Misraim-Orden erkundigt haben, wie aus dessen Be- richt vom 12. Dezember 1904 hervorgeht. Aber schon bevor dieser erste Bericht Sellins eingetroffen war, hatte Rudolf Steiner ReuB von sich aus aufgesucht. Denn in seinem Berliner Vortrag vom 9. Dezember 1904, in dem er iiber Hochgradmaurerei und den Memphis-Misraim-Orden sprach, wurde bereits aus dessen Organ «Oriflamme» zitiert, wahrend sich Sellin noch darum bemuhen wollte. Rudolf Steiners erstes Gesprach mit ReuB muB somit zwischen dem 15. September und 9. Dezember 1904 stattge- funden haben. Die weiteren Gesprache lassen sich nicht datieren. Am 24. November 1905 traten Rudolf Steiner und Marie von Sivers dem Memphis-Misraim-Orden bei. Die Verhandlungen iiber die Modalitaten fiir den Charter zur selbstandigen Fiihrung eines Arbeitskreises zogen sich jedoch bis Anfang 1906 hin. Der Vertrag wurde am 3. Januar 1906 ab- geschlossen.

Das Faktum, daB Rudolf Steiner in seiner Autobiographic nicht den Namen ReuB, sondern nur den Namen Yarker genannt hat, wird von geg- nerischer Seite gerne so ausgelegt, als ob er seine Beziehung zu ReuB hatte verschleiern wollen, weil dieser bald darauf in Freimaurerkreisen als Ok-

kultist in schlechten Ruf geraten war. Dies kann jedoch schon deshalb nicht der wirkliche Grund gewesen sein, weil zur Zeit der Niederschrift der Autobiographic langst offentlich bekannt gewesen ist, daB das Doku- ment von ReuB ausgestellt worden war. Vielmehr diirfte auch hier das Mo- tiv der historischen Kontinuitat bestimmend gewesen sein. Denn Yarker - schon im Vortrag vom 16. Dezember 1904 als «bedeutsamer Charakter» und «ausgezeichneter Maurer» bezeichnet - war damals der fur Europa maBgebende Reprasentant der agyptischen Maurerei und auch im Verhalt- nis zur Theosophischen Gesellschaft eine zentrale Gestalt. Er war deren Ehrenmitglied, offenbar deshalb, weil er an der Begrundung im Jahre 1875 entscheidend beteiligt gewesen ist, wie es in der in Rudolf Steiners Biblio- thek befindlichen Schrift des Italieners Vincenzo Soro «La Chiesa del Para- cleto» (Todi 1922, S. 334) heiBt: «Bei der Grundung der Theosophischen Gesellschaft hatten die erlesensten Haupter der internationalen Freimaure- rei zusammengewirkt, unter ihnen hervorragend John Yarker, engster Freund von Garibaldi und Mazzini.»1)

Die Theosophische Gesellschaft, ursprunglich mit ausgesprochen westli- chem Charakter, sollte die Bahnbrecherin fur die der modernen Zeit not- wendige Popularisierung iibersinnlicher Wahrheiten werden. Durch das er- ste groBe Werk ihrer Begrunderin, H. P. Blavatsky, «Die entschleierte Isis» («Isis Unveiled», 1877) war eine Fiille von Erkenntnissen des alten abend- landischen Okkultismus publik geworden. Sie erhielt dafiir von Yarker den hochsten Adoptionsgrad der agyptischen Maurerei. 2) Auch verhandel- ten beide miteinander iiber die Einrichtung eines Rituals fiir die Theoso- phische Gesellschaft.3* Dieser Plan wurde jedoch damals nicht realisiert. Als Blavatskys Nachfolgerin, Annie Besant, spater im symbolisch-kulti- schen Arbeitsbereich aktiv wurde, geschah dies innerhalb einer anderen maurerischen Str6mung.4)

Rudolf Steiner hatte somit gute Griinde, in seiner Autobiographic nur den Namen Yarkers zu nennen, denn nur dieser - nicht ReuB, der lediglich

1) Der italienische Freiheitskampfer Giuseppe Garibaldi (1802 - 1882) soil nach Robert Ambe- lain «ceremonies et rituels de la maconnerie symbolique», Paris 1978, im Jahre 1881 GroB- meister der Memphis-Misraim-Maurerei in Italien geworden sein. Giuseppe Mazzini (1805-1872). Uber beide siehe Rudolf Steiners Vortrag Stuttgart, 9. April 1924.

2) Am 24. November 1877. Vielleicht war es ein bloBer Zufall, aber tatsachlich vollzogen Rudolf Steiner und Marie von Sivers ihren personlichen AnschluB an die Misraim-Stro- mung ebenfalls an einem 24. November (1905).

3) Josephine Ransom, A short History of the Theosophical Society, Adyar 1938, S. 99f.

4) Vgl. hierzu unter «Einzelne Hinweise».

als Vertreter des Ordens in Deutschland an einem Platz stand, der fur die Absichten Rudolf Steiners nicht zu umgehen war - reprasentierte alles dasjenige, was im Hinblick auf die gebotene historische Kontinuitat maBgebend war.

Zur inneren Vorgeschichte

Man erhalt keine Belohnung, sondern eine schwere Aufgabe.^

Ein besonders Zeugnis davon, wie fiir Rudolf Steiner einzig und allein die eigene innere Situation entscheidend gewesen ist, gibt der wenige Tage nach dem Eintritt in die Memphis-Misraim-Maurerei an Marie von Sivers gerichtete Brief vom 30. November 1905. Daraus geht hervor, daB er nicht aus personlichem Gutdunken, sondern in Ubereinstimmung mit den «ok- kulten Machten», das heiBt mit der geistigen Welt, handle und daB er, da «vorlaufig es alien okkulten Machten wertlos erscheint», fiir seinen einzu- richtenden Arbeitskreis an diesen Orden anzukniipfen, er noch nicht sagen konne, ob die Sache iiberhaupt gemacht werden konne. Diese Frage scheint sich ihm erst in den letzten Wochen des Jahres geklart zu haben. Denn am 2. Januar 1906 wurde mit dem nunmehr ersten fiir Manner und Frauen ge- meinsam gehaltenen Vortrag iiber die konigliche Kunst in neuer Form die innere Konstituierung des Kreises abgerundet. Wenn es in diesem Vortrag heiBt: «... und kann man auch heute die Freimaurerei nur als eine Karika- tur der groBen koniglichen Kunst bezeichnen, so diirfen wir doch nicht verzagen in dem Bemuhen, die in ihr schlummernden Krafte wieder aufzu- wecken; eine Arbeit, die uns obliegt auf einem Gebiete, das mit der theoso- phischen Arbeit parallel lauft», so erhalt diese Aussage eine nahere Begriin- dung durch ein Wort aus einem kurze Zeit spater, am 9. April 1906 in Bre- men gehaltenen Vortrag iiber Freimaurerei. Demnach besteht eine innere Beziehung zwischen der Theosophie und dem Freimaurertum insofern, als die Theosophie mehr die ideelle, die studierende und das Maurerisch- Kultische mehr die praktische Seite des esoterischen Arbeitens darstelle. Wahrend man aber in der freimaurerischen Welt die Zeremonien und die

1) Von Marie Steiner-von Sivers und Klara Walther uberlieferte personliche AuBerung Rudolf Steiners.

Wirksamkeit der Ritualformen nicht mehr verstehe, konne die Theoso- phie wieder von der inneren Wahrheit dieser Zeremonien, von dem Geist, der den Zeremonien und Symbolen zugrundeliegt, sprechen.^

Ein weiteres Zeugnis dafiir, daB er nicht willkiirlich handelte, ist seine uberlieferte miindliche AuBerung, daB ihm die Aufgabe, den Misraim- Dienst fiir die Zukunft zu retten, aufgrund seiner damaligen okkulten For- schungen iiber den Regenbogen geworden war; man erhalte keine Beloh- nung, sondern eine schwere Aufgabe.

Worin die Schwere dieser Aufgabe gelegen haben mag, hat er offenbar nicht direkt erklart. Sie diirfte aber wohl in Zusammenhang gesehen wer- den mit jener gewichtigen Aussage in den Vorbereitungsvortragen: «Ich habe mir vorbehalten, eine Einigung zu erzielen zwischen denen aus Abels und denen aus Kains Geschlecht,» (Berlin, 23. Oktober 1905, Vortrag fiir Manner). Diese Intention - die im Ur sprung der Erdenmenschheit erfolgte Polarisierung in die beiden entgegengesetzt strebenden Hauptstromungen durch den Christus-Impuls zu iiberwinden - lag aber nicht nur der erkennt- niskultischen Arbeit, sondern seinem ganzen Wirken zugrunde.

Die AuBerung, daB ihm die Aufgabe aufgrund seiner Regenbogen- forschung geworden war, wird in gewisser Weise begrundet durch deren Erwahnung in Vortragen, die in der Zeit, in der der erkenntniskultische Arbeitskreis vorbereitet wurde, gehalten worden sind. Da heiBt es:

«Der Regenbogen hat eine besondere Bedeutung in der okkulten Weis- heit. Sie kennen den Regenbogen, der nach der Sintflut erscheint. Jetzt finden wir dieses Symbol wiederholt in den nordischen Mythen. [Ein Regenbogen fiihrt von Walhall zur Erde.]

Es bedeutet das den Ubergang aus der atlantischen in die nachatlanti- sche Zeit. In der atlantischen Zeit war die Luft viel dichter, das Wasser viel diinner als heute; ein Regenbogen war in jener Zeit nicht moglich. Es war in Wahrheit ein Nebelreich, ein Niflheim. Im Norden wachst das Menschengeschlecht aus Nebelmassen heraus. Aus diesem Nebelreich sollten sich die Wassermassen bilden, die den Kontinent Atlantis iiber- fluteten. Einen Regenbogen gab es also nicht im atlantischen Zeitalter. Die okkulte Forschung hat es erforscht, was diese Erklarung bedeutet.» (Berlin, 5. Mai 1905)

Und in einer Fragenbeantwortung nach einem halben Jahr spater

1) Nach stichwortartigen Notizen von Marie Steiner-von Sivers, vgl. S. 137.

gehaltenen Vortrag heiBt es auf die Frage, ob iiber Noah und die Sintflut noch weiteres gesagt werden konne:

«Die Frage beziiglich Noah hangt zusammen mit meinen allerletzten okkulten Forschungen. Niemand wird im Luzifer^ etwas finden, was ich dazumal, als ich die Artikel schrieb, noch nicht gewuBt habe. Jetzt aber weiB ich etwas mehr. Jetzt sind mir die klimatischen Verhaltnisse klar und anschaulich geworden. Ich habe etwas verstehen gelernt, was ich dazumal schon angefiihrt hatte, wenn ich es dazumal schon verstan- den hatte. Die Stelle von Noah habe ich damals allegorisch genommen. Sie war mir ein Bild fur die tiefe seelische Bedeutung. Nun aber weiB ich, daB dieser Regenbogen in der Bibel einer wirklichen Tatsache entspricht.

Auf der alten Atlantis waren andere klimatische Verhaltnisse. Die Verteilung von Luft und Wasser war anders so daB man findet, daB auf der alten Atlantis die Bildung eines Regenbogens noch nicht moglich war. Solche Verhaltnisse sind erst moglich geworden, als die Atlantis iiberflutet wurde und die neuen Kontinente emporstiegen. Nun wird [in der Bibel] angedeutet, wie der Regenbogen hervorgeht aus der Sintflut.» (Berlin, 22. Oktober 1905, Fragenbeantwortung)

Stellt man sich die Frage, was die Aufgabe, den Misraim-Dienst zu retten, mit der Regenbogenforschung zu tun haben kann, so ergibt sich eine Ant- wort, wenn die Charakterisierung des Misraim-Dienstes als «das Bewirken der Vereinigung des Irdischen mit dem Himmlischen, des Sichtbaren mit dem Unsichtbaren» (Berlin, 16. Dezember 19112)) in das Bild einer Briicke iibersetzt wird. Dann wird der Zusammenhang von Regenbogenforschung und Misraim-Dienst sofort einsichtig. Gilt doch zum einen der Regenbo- gen seit jeher als Symbol dieser Briicke vom Unsichtbaren zum Sichtbaren, und zum andern ging Rudolf Steiners Grundintention von allem Anfang an dahin, ftir alle Gebiete solche Bracken zu bauen.

Wie das Bruckenbauen auf dem Gebiete der Kunst im Zusammenhang mit dem neuen Misraim-Dienst in Angriff genommen werden sollte, geht aus dem Brief an Marie von Sivers vom 25. November 1905 hervor, in dem es iiber den tags zuvor vollzogenen AnschluB an die alte Misraim-Stromung heiBt: «Es ware nun die Aufgabe, das maurerische Leben aus den verauBer-

1) Gemeint ist die Zeitschrift «Luzifer», spater «Lucifer-Gnosis» und die darin erschienenen Aufsatze «Aus der Akasha-Chronik», GA-Nr. 11; siehe den Artikel «Unsere atlantischen Vorfahren».

2) Vgl. auf Seite 94.

lichten Formen aufzufangen und neu zu gebaren (...), religiosen Geist in sinnlich-schoner Form zu gestaltenV)

Die erste Gelegenheit dazu ergab sich bald darauf, als zu Pfingsten 1907 die Durchfiihrung des jahrlichen Kongresses der Foderation europaischer Sektionen der Theosophischen Gesellschaft der deutschen Sektion oblag und dieser nun nach Rudolf Steiners Modellen, Skizzen und Angaben so gestaltet wurde, daB ein harmonisches wissenschaftlich-kimstlerisches-reli- gioses Erleben vermittelt werden konnte. Auch der Regenbogen trat in den nach Rudolf Steiners Skizzen gemalten Siegelbildern der Apokalypse des Johannes in Erscheinung, und zwar gegeniiber deren traditionellen Wieder- gaben als ein neues Element. Und mit der Auffuhrung des «Heiligen Drama von Eleusis», das ja kulturhistorisch die Geburt der dramatischen Kunst in Europa bedeutet, sollte, wenn auch in noch so schwacher Form, eine «Anknupfung an das alte Mysterienwesen» gegeben werden. )

Dieser letztere Hinweis erhalt eine besondere Nuance durch die Uberlie- ferung, daB durch den Misraim-Ritus die eleusinischen Mysterien wieder erneuert werden sollten.3) Die Stifterin dieser beruhmtesten Mysterien des Altertums, die Gottin Demeter, personifizierte fiir die Griechen ja dasselbe wie die Isis fiir die Agypter.

Wenige Jahre nach dem Munchner KongreB von Pfingsten 1907 ent- stand Rudolf Steiners erstes Mysteriendrama und man ging daran, dafiir ei- nen eigenen Bau zu errichten. Nachdem dafiir in kurzer Zeit eine Fiille von neuen Kunstformen geschaffen worden waren, wurden auch diese, genauso wie die Geisteswissenschaft selber, als «Synthese zwischen Himmels- und Erdenauffassen» charakterisiert.4) Also wiederum - bildlich genommen - als Briicke. Spater gebrauchte er sogar selber das Wort vom Bruckenschla- gen. Bei der Darstellung dessen, wie gerade die Kunst eine hervorragende Reprasentantin fiir das Bruckenschlagen zwischen dem Unsichtbaren und dem Sichtbaren sei, weil sie dasjenige, was sonst innerlich seelisch bleibt, auBerlich verkorpert anschaubar macht, sagte er, riickblickend auf sein zwanzigjahriges Bemuhen, gemeinsam mit Marie Steiner-von Sivers «die okkulte Stromung in die Kunst einlaufen zu lassen», wortlich: «Alles dasje- nige, was in der anthroposophischen Bewegung da entstanden ist, ist aus

1) Siehe den Brief auf Seite 80.

2) Siehe «Bilder okkulter Siegel und Saulen. Der Munchner KongreB Pfingsten 1907 und seine Auswirkungen», GA 284.

3) Vgl. Karl Heise in «Entente-Freimaurerei und Weltkrieg», Basel 1919, S. 115.

4) Vortrag Dornach, 20. September 1916.

dem Impuls heraus entstanden, die Briicke zu schlagen heriiber vom Geisti- gen ins Physische.» 1}

Lag demnach sowohl hinter der Anthroposophie als Wissenschaft vom Geiste, wie hinter der aus ihr erbildeten kiinstlerischen Formensprache die Intention, die Briicke vom Unsichtbaren zum Sichtbaren zu schlagen, so stand diese auch hinter den Bestrebungen, das soziale Leben auf neue Er- kenntnisse zu bauen. Es laBt sich dies gerade an den Fakten zur Konstituie- rung des neuen Misraim-Dienstes ablesen.

Zur Konstituierung des neuen Misraim-Dienstes

Es hat also, was ich begrundet habe, selbst mit dem nichts zu tun, was friiher in Deutschland vorgab, «Memphis-Misraim-Grade» zu tragen.2)

Die Konstituierung vollzog sich vollig unabhangig von den Verhandlun- gen, die mit ReuB iiber die legale Ermachtigung zur selbstandigen und vol- lig unabhangigen Fiihrung eines Arbeitskreises gefuhrt wurden. Wenn die Verhandlungen zu keinem Ergebnis gefuhrt hatten, so hatte Rudolf Steiner auch ohne Rucksicht auf die historische Kontinuitat seinen Arbeitskreis eingerichtet. Mit der Vorbereitung hatte er ja schon geraume Zeit vor Be- ginn der Verhandlungen - namlich unmittelbar nachdem er Mitte Mai 1904 die auBeren Belange in bezug auf die erste Abteilung seiner Esoteri- schen Schule mit Annie Besant in London geregelt hatte - begonnen: durch eine Reihe von Vortragen, die sich vom 23. Mai 1904 bis zum 2. Januar 1906 erstreckten («Die Tempellegende und die Goldene Legende», GA 93), und einen von September bis November 1905 gehaltenen esoterischen Lehrgang von 31 Vortragen («Grundelemente der Esoterik», GA 93 a).

Wann und wie Rudolf Steiner die Mitglieder der deutschen Sektion iiber seine Absicht, eine erkenntniskultische Arbeitsweise einzurichten, orien- tierte, dariiber liegen keine Unterlagen vor. Lediglich aus dem Brief eines Leipziger Mitgliedes3) vom 17. Februar 1905 ist zu entnehmen, daB er die- sem davon gesprochen hatte, «daB [er] in nachster Zeit versuchen wiirde, die okkulten Lehren der Theosophie in die Freimaurerei einzufiihren»,

1) Vortrag Torquay, 20. August 1924.

2) Brief an Sellin.

3) Rudolf Jahn, von 1905 bis 1908 Vorsitzender des Leipziger Zweiges.

womit selbstverstandlich die Freimaurerei als Sache und nicht als Organisa- tion gemeint war. Hatte er doch schon in seinem Berliner Vortrag vom 16. Dezember 1904 geauBert: «Wenn Sie etwas iiber deutsche Memphis-Mis- raim-Richtung horen, so diirfen Sie nicht glauben, daB dies heute schon eine Bedeutung fiir die Zukunft hat. Es ist nur der Rahmen, in den einmal ein gutes Bild hineingesetzt werden kann.» Im weiteren findet sich festge- halten, daB er am SchluB seines Berliner Zweigvortrages vom 16. Oktober 1905 ankiindigte, bei der fiir den 22. Oktober festgesetzten Generalver- sammlung der deutschen Sektion iiber Fragen im Zusammenhang mit der Freimaurerei sprechen zu wollen und daB man deshalb so viel wie moglich auch auswartige Mitglieder einladen moge. In der Generalversammlung kiindigte er dann an, daB er am nachsten Tag «nach altem Usus», der erst in der theosophischen Weltanschauung iiberwunden werde, fiir Herren und Damen getrennt iiber okkulte Fragen im Zusammenhang mit der Freimau- rerei sprechen werde. Daraufhin sprach er, damit das Thema des nachsten Tages vorbereitend, iiber das grundsatzliche Verhaltnis der Theosophi- schen Gesellschaft zum Okkultismus. Am andern Vormittag (23. Oktober) folgte zuerst fiir Manner, dann fiir Frauen ein Vortrag iiber Freimaurerei und Menschheitsentwicklung.

Zwei Tage spater, am 26. Oktober 1905, wurde - zwar nicht in auBerli- chem, aber um so mehr in innerlichem Zusammenhang mit den Intentio- nen der erkenntniskultischen Arbeit - zum ersten Male und zwar in einem offentlichen Vortrag das soziale Hauptgesetz der Zukunft entwickelt: daB die Arbeit einerseits befreit werden miisse von ihrem Warencharakter, in- dem sie von der Entlohnung getrennt werde, und andererseits dadurch ge- heiligt werden konne als ein Opfer des Einzelnen an die Gesamtheit. In der Zukunft werde gearbeitet werden um der Mitmenschen willen, weil sie das Produkt unserer Arbeit brauchen.1)

Der Zusammenhang zwischen dem offentlichen Hinstellen dieses sozia- len Hauptgesetzes der Zukunft und dem Beginn der erkenntniskultischen Arbeit ergibt sich einerseits aus der Bedeutung des Bilddenkens fiir das soziale Leben, andererseits aus dem der erkenntniskultischen Arbeit zu- grundeliegenden Motiv, zu selbstlosem sozialen Handeln aus moralischer

1) Vortrag Berlin, 26. Oktober 1905 iiber «Die soziale Frage und die Theosophie», abgedruckt in «Beitrage zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe» Nr. 88. In dem Aufsatz «Theosophie und soziale Frage» (heute «Geisteswissenschaft und soziale Frage»), der in der Oktobernummer 1905 der Zeitschrift «Lucifer-Gnosis» begann, wird das soziale Hauptgesetz erst in der dritten Folge behandelt, die erst ein Jahr spater, im September 1906, erschienen ist.

Selbstverantwortung zu impulsieren, so wie einstmals aus den Mysterien die Anweisungen fiir das moralische Leben gegeben wurden. So lassen sich im Sinne des Goethe-Wortes «Nichts ist drinnen, nichts ist drauBen, denn was innen, das ist auBen», die Konstituierung des neuen Misraim-Dienstes und die gleichzeitige Veroffentlichung des sozialen Hauptgesetzes der Zu- kunft als zwei Pole ein und desselben Impulses erkennen. Die Intention zum Bruckenschlagen kann hier deutlich wahrgenommen werden.

Mit dem am 2. Januar 1906 fiir Manner und Frauen gemeinsam gehalte- nen Vortrag iiber die konigliche Kunst in neuer Form wurde die innere Konstituierung abgerundet. Anderntags erfolgte die schriftliche Vereinba- rung mit ReuB, wonach Rudolf Steiner berechtigt war, einen selbstandigen symbolisch-kultischen Arbeitskreis einzurichten. Fiir die Aufnahme von Frauen wurde Marie von Sivers autorisiert, jedoch waren in Rudolf Stei- ners Arbeitskreis von Anfang an Frauen und Manner immer gleichberech- tigt. Hierzu findet sich in Notizen vom Vortrag iiber Freimaurerei in Bre- men am 9. April 1906, die sich Marie von Sivers gemacht hat, die folgende aufschluBreiche Notiz: «Weil der Freimaurer die Frau an die Familie ge- bannt wissen wollte, schloB er sie von der Loge aus. Auf hoheren Planen geschah etwas, was zu einer Notwendigkeit macht, daB jetzt die Frau zu aller Kulturarbeit herangezogen wird. Im okkulten Zusammenarbeiten von Mann und Frau liegt die zukiinftige Bedeutung der Freimaurerei. Die Auswiichse der Mannerkultur miissen zuriickgestaut werden durch die okkulten Krafte der Frau.»1)

Vom Beginn des Jahres 1906 an wurde nun auch uberall, wo sich esoteri- sche Schuler Rudolf Steiners befanden, erkenntniskultisch gearbeitet. Die ersten Logen, die eingerichtet wurden, waren die in Berlin, Koln, Leipzig, Miinchen und Stuttgart. Nach der Aufnahme des hundertsten Mitgliedes Ende Mai 1907, ging vereinbarungsgemaB die Leitung des Misraim-Ritus in Deutschland auf Rudolf Steiner iiber. Von da an reprasentierte er geistig und historisch legal ganz allein den Misraim-Dienst, bis er ihn nach Aus- bruch des ersten Weltkrieges im Sommer 1914 fiir aufgelost erklarte. Bis dahin waren rund 600 Mitglieder aufgenommen worden.

1) In einem Brief (ohne Datum) von Paula Moudra, einer Schriftstellerin aus Bohmen, die im November 1907 in Prag mit Rudolf Steiner wegen ihrer Aufnahme gesprochen hatte und von ihm aufgefordert worden war, ihm noch eine schriftliche Anfrage zu stellen, heiBt es: «Sie deuteten auf ein wichtiges Ereignis in der astralen Welt im November 1879, nach dem die Frau jetzt zur Einweihung zugelassen wird. Ich halte es fiir hochst wichtig, daB meine Annaherung zu Ihnen und meine Bitte um Annahme gerade im November 1907 geschah.»

«Einschlafen» des Arbeitskreises durch den Ausbruch des ersten Weltkrieges und die kriegsbedingte Stellungnahme gegen die Freimaurerei

Eine Sache, die der ganzen Menschheit ohne Rassen- und Interessen-Unterschiede dienen sollte, wird aus einer guten eben eine schlechte, wenn sie zur Macht- grundlage einzelner Menschengruppen gemacht wird.1'

In der Schilderung, die Rudolf Steiner in seiner Autobiographic «Mein Lebensgang» von der erkenntniskultischen Einrichtung gibt, heiBt es, daB diese mit dem Ausbruch des Krieges im Sommer 1914 einschlief, weil sie, obwohl nichts von einer Geheimgesellschaft vorlag, doch fur eine solche genommen worden ware. Marie Steiner berichtet in ihrem Aufsatz «War Rudolf Steiner Freimaurer?», daB er damals die Einrichtung fiir aufgeho- ben erklarte und zum Zeichen dafiir das darauf beziigliche Dokument zer- rissen habe.2) Letzteres offensichtlich deshalb, weil ihm durch den Kriegs- ausbruch offenkundig geworden war, daB durch gewisse westliche Geheim- gesellschaften die Freimaurerei als eine «urspriinglich gute und notwendige Sache», die ohne Unterschiede der ganzen Menschheit dienen sollte, in den Dienst des «Volkeregoismus und der eigensiichtigen Interessen einzelner Menschengruppen» gestellt worden war.3)

Es war dieser MiBbrauch fiir politische Sonderzwecke, den er fiir die ka- tastrophale Entwicklung, die durch den Weltkrieg 1914 eingeleitet wurde, mitverantwortlich machte und streng verurteilte. In Vortragen der Kriegs- jahre 1914 bis 1918 findet sich dies eingehend dargelegt.4) Es lag ihm damals ungeheuer viel daran, soviel als moglich zu einer Urteilsbildung iiber die okkulten Hintergrunde, die zum Ausbruch des Krieges fiihrten und vor al- lem zu einer offenen Klarlegung der Kriegsschuldfrage beizutragen. Darum schrieb er auch ein Vorwort zu der Schrift «Entente-Freimaurerei und der

1) /3) Aus Rudolf Steiners Vorwort zu Karl Heise «Entente-Freimaurerei und der Weltkrieg»,

Basel 1919, wieder abgedruckt in «Beitrage zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe» Nr, 24/25 Ostern 1969.

2) Nicht zu verwechseln mit dem «Vertrag und briiderliches Ubereinkommen» auf S. 82 in vorliegendem Band.

4) Siehe die siebenbandige Reihe «Kosmische und menschliche Geschichte», insbesondere «Zeitgeschichtliche Betrachtungen. Das Karma der Unwahrhaftigkeit». Erster und zweiter Teil, «Mitteleuropa zwischen Ost und West» und «Die geistigen Hintergrunde des Ersten Weltkrieges», GA 170ff.

Weltkrieg» von Karl Heise, als er von diesem darum gebeten worden war. Wie gut oder schlecht diese Schrift auch sein mag, sie war jedenfalls der erste Versuch, die von Rudolf Steiner aufgezeigten Tendenzen durch auBere Dokumente zu belegen.

Die damalige scharfe Verurteilung der politischen Sondertendenzen ge- wisser westlicher Geheimgesellschaften bezog sich selbstverstandlich nicht auf die maurerische Sache als solche. Es bestatigt sich dies zum Beispiel auch dadurch, daB er kurz nach Beendigung des Krieges einem Mitglied sei- ner «eingeschlafenen» symbolisch-kultischen Einrichtung dazu riet, sich in die Freimaurerei aufnehmen zu lassen. Das geht aus dessen Brief an Rudolf Steiner vom 25. Februar 1919 hervor, in dem es u.a. heiBt: «Am 13. Fe- bruar habe ich mich nun, ebenfalls Ihrem Rate folgend, in den Freimaurer- orden aufnehmen lassen. Und zwar bin ich der zum Verbande der GroBen National-Mutterloge in den PreuBischen Staaten gen. <2u den drei Welt- kugeln gehorigen Johannisloge <Vom Fels zum Meer> beigetreten, dersel- ben Loge, der auch unsere Freunde A. W. Sellin und Kurt Walther, sowie Hacklander in Wandsbeck angehoren. Ich hoffe, daB es mir im Laufe der Zeiten vergonnt sein wird, in diesem Kreise das Interesse fur den anthropo- sophisch orientierten Okkultismus zu wecken und wach zu halten. Unter diesem Gesichtspunkt habe ich den Schritt unternommen. Mochte sich nun bald auch in unserer okkulten Gemeinschaft die Wiederaufnahme der Zusammenkunfte ermoglichen lassen!»1)

Die Toleranz gegeniiber der maurerischen Sache kam einige Jahre spater nochmals zum Ausdruck, als 1923 anlaBlich der Bildung der englischen Landesgesellschaft die Frage auftauchte, ob der als Generalsekretar vorgese- hene Mann fur dieses Amt wirklich in Frage kommen konne, da er Frei- maurer sei, und Rudolf Steiner darauf folgenderart antwortete:

«(...) Ich habe immer gesagt, wenn es sich darum gehandelt hat, ob man aus irgendeiner anderen Bewegung - also in diesem Falle war die Frei- maurerei gemeint - hereinkommen soil in die anthroposophische Bewe- gung: Es handelt sich wirklich nicht darum, was jemand in einer anderen Bewegung ist, sondern darum, daB, wenn er in diese anthroposophische

1) Johannes Geyer, damals Pastor in Hamburg, von Herbst 1919 an Lehrer an der Freien Wal- dorfschule in Stuttgart. Von 1912 an der Esoterischen Schule Rudolf Steiners zugehorig. Nach der Lebensskizze in «Der Lehrerkreis um Rudolf Steiner in der ersten Waldorfschu- le», Stuttgart 1977, soil er in freimaurerischen Zusammenhangen zahlreiche Vortrage iiber die geistigen Urspriinge der Freimaurer-Symbolik vom Gesichtspunkte der Anfhroposo- phie Rudolf Steiners gehalten und dadurch hohe Anerkennung gewonnen haben.

Bewegung hereinkommt, er ein guter Anthroposoph ist. Es handelt sich also wirklich nicht darum, ob einer, sagen wir, einer Schusterinnung oder Schlosserinnung noch auBerdem angehort. Ich vergleiche nicht, ich sage nur das Prinzipielle: Es braucht ja gar nicht dadurch, daB er einer Schuster- oder Schlosserinnung und so weiter angehort, in irgendeiner Weise zu beeintrachtigen dasjenige, was anthroposophisch in ihm ist. Wenn er ein guter Anthroposoph ist, so ist das fiir die anthroposophi- sche Bewegung das, worauf es ankommt. Ob er ein guter oder schlechter oder mittelmaBiger Freimaurer auBerdem ist, geht ja die Anthroposo- phische Gesellschaft gar nichts an. (...) Es ware ein unverstandiges Ur- teil, wenn man uberhaupt den Wert eines Mitgliedes als Anthroposoph davon abhangig machte, ob es nun Freimaurer ist oder nicht.

Ich habe [friiher schon einmal] gesagt, daB eine Anzahl gerade der altesten und wertvollsten Mitglieder Freimaurer sind. Ich kann mir gar nicht denken, woraus ein Hindernis erwachsen sollte aus irgendeiner Form der Freimaurerei fiir das Angehoren zur Anthroposophischen Ge- sellschaft. Ich kann mir das gar nicht denken. Ich finde, die anthroposo- phische Bewegung will selber etwas sein. Nicht wahr, sie wiirde eben nicht fruchtbar sein konnen in der Welt, wenn sie nicht aus sich heraus - lassen Sie mich den Ausdruck gebrauchen -, aus ihrem eigenen Samen heraus positiv wirkte. Darauf kommt es an, was sie positiv wirkt. Wie das sich nun ausnimmt, wenn man es mit dem einen oder anderen ver- gleicht, darauf kommt es doch nicht an. Wenn ich mir einen Anzug kaufe, so handelt es sich darum, daB er meinem Geschmack entspricht, aus meinen Intentionen hervorgeht. Was hat das damit zu tun, daB einer kommt und sagt: Der Anzug schaut ja nicht so aus, wie derjenige, den der andere anhat. Es handelt sich ja wirklich gar nicht darum, daB man den Anzug des anderen anziehen soil, sondern seinen eigenen. Man zieht doch nicht, wenn man Anthroposoph wird, die Freimaurerei an. Also es ist eigentlich ganz unmoglich, dieses Urteil zu fallen.

Aber etwas anderes ist naturlich hinter einer solchen Sache. Es wird - verzeihen Sie, daB ich das so sage -, es wird meiner Meinung nach die Anthroposophie gerade auch nicht immer von den Mitgliedern hoch genug eingeschatzt. Es ist eine solche Tendenz in der gegenwartigen Menschheit, daB man immer dasjenige, was alter ist, was mehr Getue an sich hat, was mehr geheimnisvoll tut und so weiter, nun hoher schatzt, und daB man das, was offen und ehrlich einfach auftritt, dann abschatzt nach dem MaBstab des Getues und dergleichen, was sich so ein Ansehen

gibt in einer unbestimmten Weise. Es ist eine Art von Herabwiirdigung der anthroposophischen Bewegung, wenn man sie so taxiert, daB man sagt, sie kann geschadigt werden dadurch, daB dieses oder jenes Mitglied aus dieser oder jener anderen Bewegung herkommt. Sie muBte doch furchtbar schwach sein, wenn sie geschadigt werden konnte durch solche Dinge!»1}

Warum Rudolf Steiner seinen Kreis nicht als «Geheimgesellschaft»

verstanden wissen wollte

«Eine Geheimgesellschaft war damit nicht ge- schaffen.»2)

Es handelte sich ftir Rudolf Steiner dabei nicht in erster Linie um das Prin- zip des Geheimhaltens, vielmehr um den grundsatzlichen Unterschied zwi- schen seiner Art des symbolisch-kultischen Arbeitens und derjenigen in den sogenannten «Geheimgesellschaften». Er sah eine Hauptforderung dar- in, daB das, was Symbole, Zeichen, Griff und Wort usw. ausdnicken, durch entsprechende aus realer Geistesanschauung stammende Erklarungen auch verstanden werden konne. Unter «erklaren» sei aber nicht zu verstehen, daB man sage, dieses Symbol bedeute das und jenes Symbol bedeute dies, «denn da kann man jedem jedes Zeug vormachen», sondern der Unterricht miisse so geartet sein, daB man «zunachst aus dem Gang der Erden- und Menschheitsentwickelung die Geheimnisse enthullt und dann daraus die Symbolik entstehen laBt», das heiBt, daB man zuerst das begriffen haben muB, was der Verstand erfassen kann: den Inhalt der Geisteswissenschaft.

Dagegen sei das Arbeiten mit bloBer Anschauung der Symbolik, wie sie heute in den okkulten Gesellschaften in der Regel gepflegt werde, eine nicht mehr berechtigte Fortsetzung dessen, was in fruheren Zeiten berech- tigt gewesen sei. Denn da verfiigte der Mensch iiber eine starkere Sensitivi- tat seines Atherleibes, wodurch er zu einem entsprechenden inneren Erle- ben kommen konnte. Dem Menschen des modernen BewuBtseinsseelen- zeitalters, fur den anstelle des sensitiven Atherleibes der an das physische Gehirn gebundene Verstand maBgebend geworden sei, muBten Symbole,

1) London, 2. September 1923.

2) «Mein Lebensgang», siehe auf Seite 95 im vorliegenden Band.

Zeichen, Griff und Wort etwas AuBerliches bleiben; er kann sie nicht mit seiner BewuBtseinsseele verbinden. Trotzdem aber wirkten sie auf den Atherleib, d. h. auf das UnbewuBte. Auf das UnbewuBte zu wirken, ohne zuerst iiber das BewuBtsein zu gehen, sei aber in unserer Zeit nicht erlaubt. Denn die Folge davon sei, daB man

«wenn man will, die Leute zu gefiigigen Werkzeugen fur allerlei Plane machen kann, ganz selbstverstandlich. Denn wenn Sie den Atherleib be- arbeiten, ohne daB der Mensch es weiB, so schalten Sie dieselben Krafte, die er sonst in seinem Verstande hatte, aus, wenn Sie nicht dann dem Verstande etwas geben, was heute Geisteswissenschaft sein muB. Die schalten Sie aus, und Sie machen dann solche Bruderschaften zu einem Werkzeug fur diejenigen, die ihre Plane, ihre Ziele verfolgen wollen. Sie konnen dann solche Bruderschaften gleichzeitig irgendwie dazu verwen- den, irgendwelche politischen Ziele zu verfolgen, oder Sie konnen das Dogma aufstellen, <Alcyone> sei der auBere physische Trager des Chri- stus Jesus.1* Und diejenigen, die also prapariert sind, werden sich zu In- strumenten machen, um das in die Welt hinauszutragen. Man braucht dann nur in der entsprechenden Weise unehrlich und unrechtschaffen zu sein, dann kann man alles mogliche auf diesem Wege erreichen da- durch, daB man sich zunachst Instrumente schafft.

Und nun - nicht wahr, die Dinge folgen ja alle aus der wirklichen Erkenntnis -, wer das weiB, wie sich derfiinfte nachatlantische Zeitraum vom vierten nachatlantischen Zeitraum unterscheidet - und das wird bei uns immer wieder und wiederum gesagt -, der weiB eben, warum es so sein muB, daB zuerst Bekanntschaft mit der Geisteswissenschaft vorhan- den sein muB und dann erst Einfuhrung in die Symbolik gegeben werden kann. Da, wo es wirklich ehrlich gemeint wird mit einer geisteswissen- schaftlichen Bewegung, wird selbstverstandlich dieser Gang eingehalten. Denn derjenige, der auch nur dasjenige kennengelernt hat, was zum Bei-

1) Alcyone = Ordensname fur Jiddu Krishnamurti (1895-1986), fiir den 1911 von Annie Besant und C. W.Leadbeater der Orden «Star of the East» begriindet worden war. Der damals ganz junge Krishnamurti wurde zum Trager der zu erwartenden Neugeburt Christi als kommender Weltlehrer proklamiert. Der Orden breitete sich rasch iiber die ganze theosophische Welt aus. Nur Rudolf Steiner lehnte dies als okkulten Unfug energisch ab. Darum wurde 1913 die von ihm geleitete deutsche Sektion aus der Theosophischen Ge- sellschaft offiziell ausgeschlossen. Krishnamurti loste im Jahre 1929 dann selbst den Orden auf und distanzierte sich offentlich von der ihm zugedachten Rolle. Auch seine Verbin- dung zur Theosophischen Gesellschaft loste er, da nach seiner Auffassung fiir die geistige Entwicklung jede Organisation nur hindernd sein konne.

spiel in meiner <Theosophie> oder in der <Geheimwissenschaft> steht und versucht hat, es zu begreifen, der wird niemals einen Schaden durch irgendwelche Uberlieferung von Symbolen nehmen konnen.» (Berlin, 4. April 1916)

Hinter der Abneigung unserer Zeit gegen die sogenannten «Geheimge- sellschaften» diirfte somit instinktiv das berechtigte Empfinden liegen, daB es nicht rechtens ist, zeremonielle Wirkungen fiir Sonderzwecke auszuniit- zen. Rudolf Steiner hat dies stets streng verurteilt, dabei aber immer auch betont, daB dies keineswegs fiir alle, sondern nur fiir gewisse okkulte Ver- bindungen zutreffe.

Aufgrund des Angefiihrten und der Tatsache, daB in seiner symbolisch- kultischen Tatigkeit alles auf das allgemeine Menschliche und das vollbe- wuBte Durchdringenkonnen der Kultsymbolik ausgerichtet war - daher auch die Bezeichnung «Erkenntniskult» -, kann einsichtig werden, warum er seinen Kreis trotz der Geheimhaltungsverpflichtung nicht als «Geheim- gesellschaft» verstanden wissen wollte.

Briefe und Dokumente

Rudolf Steiner an A.W. Sellin

Berlin W 30, 15. August 1906 MotzstraBe 17

Sehr verehrter Herr Direktor!

Endlich ist es mir moglich, Ihnen den vor langer Zeit angekiindig- ten Brief zu schreiben. Vor alien Dingen aber bitte ich Sie - ich be- ziehe mich auf einige Satze Ihres letzten Briefes - bei mir nie voraus- zusetzen, daB ich durch irgend etwas verletzt sein konnte. Streichen Sie bitte dieses Wort ganz aus dem Lexikon unseres Verkehres.1}

Und nun will ich, ohne weiteres, zur Sache ubergehen. Die von Ihnen geauBerten Bedenken in bezug auf einen Teil meiner okkulten Tatigkeit beruhen auf ganz irrtumlichen Voraussetzungen. Und ebenso sind die Dinge falsch, die Sie wohl von andern haben er- zahlen horen.

Reden wir ganz offen: In meine okkulte Tatigkeit war ich geno- tigt vor kurzem etwas aufzunehmen, was man nach gewissen Vor- aussetzungen bezeichnen konnte als sich in der Richtung der okkul- ten Freimaurerei bewegend. Ich bitte Sie nun jedes meiner Worte und meiner Wendungen ganz genau zu nehmen. Ich gebrauche ge- wisse Wendungen nicht, um etwas zu verklausulieren, sondern um ganz genau die wirklichen Tatsachen zu schildern.

Nun gab es in Deutschland einen sogenannten «Memphis- und Misraim-Orden», der vorgab so zu wirken, wie es in der angegebe- nen Richtung liegt. Dieser Orden bezeichnete sich als freimaureri- sche Organisation. Und er «bearbeitete» «Grade», von denen die drei ersten mit der anerkannten Freimaurerei ubereinstimmten.2) Mit dieser «anerkannten» Freimaurerei haben meine okkulten Bestre- bungen zunachst nicht das geringste zu tun. Sie konnen und wollen ihr nicht ins Gehege kommen. Die Freimaurerei hat nicht den ge- ringsten Grund, sich irgendwie zunachst mit diesen Bestrebungen zu befassen.

1) Sellin hatte um Aufklarung in der Misraim-Angelegenheit gebeten (siehe seinen Brief an Marie Steiner vom 9. April 1925). Der von Rudolf Steiner erwahnte Brief Sellins liegt nicht vor.

2) Die drei Johannesgrade.

Als ich nun anfangen wollte, in der angegebenen Richtung zu wirken, oblag es mir fur gewisse Vorgange der hoheren Plane bei de- nen, die solches suchten, ein Ritual einzufuhren. Dieses Ritual kann kein anderes sein, als das Spiegelbild dessen, was Tatsache der hohe- ren Plane ist. Dieses Ritual ist kein anderes als dasjenige, welches der Okkultismus seit 2300 Jahren anerkennt, und das von den Meistern der Rosenkreuzer fur europaische Verhaltnisse zubereitet worden ist. Wenn in diesem Ritual sich etwas findet, was in die drei Johan- nesgrade herubergekommen ist, so beweist das nur, daB diese Johan- nesgrade etwas aus dem Okkultismus aufgenommen haben. Meine Quelle sind nur der Okkultismus und die «Meister».1)

Nun hatte ich zwei Wege. Entweder den sogenannten Orden ganz zu ignorieren, oder mich mit ihm auseinanderzusetzen. Das er- stere ware nur in einem einzigen Falle moglich gewesen: wenn der Orden eine Verstandigung zuriickgewiesen hatte. Im andern Falle ware es im Sinne gewisser historischer Konzessionen, die der Okkul- tismus machen muB, illoyal gewesen.

Was ich nun getan habe, sage ich Ihnen in der Voraussetzung Ihrer volligen Verschwiegenheit.

General-GroBmeister jenes Ordens war ein gewisser Theodor ReuB. Was dieser nun sonst getan hat, gehort nicht in die Diskus- sion. Es mag, was immer, sein. In Betracht kam nur die Tatsache, daB er General-GroBmeister jenes Ordens war, der vorgab, in der angegebenen Richtung zu wirken. Mit dieser Tatsache hatte ich mich auseinanderzusetzen. Ich muBte zu diesem Zwecke den ge- nannten Theodor ReuB aufsuchen, den ich vorher nie gesehen hatte, uber dessen Verhaltnisse nie etwas auf irgendeinem Wege [zu mir] gedrungen war. Es ware naturlich fur mich ein leichtes gewesen, mich viber diese Verhaltnisse zu informieren. Aber sie gingen mich absolut nichts an.

Herrn ReuB habe ich nun gesagt, was sich in die folgenden Satze formulieren laBt: Ich will nichts, aber auch gar nichts von Ihrem Or- den. Ich werde aber in einer Richtung wirken, von der der Orden

1) Siehe «Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914», GA 264.

vorgibt, daB es die seinige ist. Es kommt nun nur darauf an, daB der Orden fur sich, nicht fur mich, anerkennt, daB ich dies im Sinne der Grade tue, die der Orden als die seinigen in Anspruch nimmt. Ich mache zur Bedingung, daB der Orden mir nichts mitteilt von seinen Ritualien. Niemand soil je sagen konnen: ich habe von dem Orden etwas empfangen. Ich will meinen Schritt bloB vom Standpunkte okkulter Loyalitat betrachtet wissen. Und es darf niemand ein Recht empfangen, ihn je anders zu deuten.

ReuB sagte ziemlich kurz: das konne er nicht, denn dies mache ihn unmoglich in seinem Orden. Ich ging nun zunachst weg. Was sachlich geschehen ist, und noch geschehen wird, ist und wird ge- schehen, ob mit oder ohne den genannten Orden. Nach einigen Ta- gen forderte mich ReuB zu weiteren Unterhandlungen auf. Er stellte nun seinerseits keine anderen weiteren Forderungen, als daB ich rein geschdftlich im praktischen Sinne sein Recht anerkenne, fur jeden, der sich in die Richtung, die der Orden als die seinige betrachtet, be- gibt, eine Taxe - keine andere als die ubliche - zu empfangen. Alle weiteren Verhandlungen betrafen nun lediglich Formalien. Ich kon- stituierte, was zu konstituieren war, ohne daB Herr ReuB jemals da- bei - bei irgend etwas - gewesen ware. Herr ReuB hat seinerseits alles anerkannt, was ich getan habe. Ich aber habe sachlich den Or- den vollig ignoriert. Um, wie er sagte, nicht gegen seine Ordensregel zu verstoBen, hat mir ReuB Diplome und Ritualien gegeben. Das heiBt, er hat sie mir ins Haus gebracht. Ihm dies alles abzukaufen, ware, wenn auch kein anderer Grund dagegen vorlage, schon des- halb von mir die groBte Dummheit gewesen, weil in all dem Zeug nichts stand, was man nicht fur ganz geringes Geld bei jedem belie- bigen Antiquar kaufen konnte. DaB ReuB fur jedes Mitglied einfach die Taxe erhalt, die er rechtlich zu beanspruchen hat, ist lediglich eine loyale Anerkennung eines Rechts, das ihm einmal zusteht, gleichgultig, was sonst mit ihm «los» ist.

Was nun vorgeht in den «Logen», die konstituiert worden sind, das kann naturlich nur erfahren, wer ihr Mitglied ist.!) Ich selbst kann daniber nur einiges Wenige sagen. Aber dies ist objektiv ganz

1) Sellin wurde offensichtlich erst spater Mitglied.

geniigend. Erstens ist der Name ReuB in diesen Logen nie genannt worden. Zweitens kann niemand von mir Eingefuhrter ein Diplom aufweisen, das von ReuB herriihrte. Drittens ist nie etwas geschehen, was irgendwie die Loyalitat gegeniiber der Freimaurerei verletzte. Viertens ist jeder iiber das Vernal tnis der Sache zur Maurerei aufge- klart worden. Endlich junftens: sind innerhalb unserer «Logen» nur Theosophen. Wollten ehemalige Mitglieder des genannten Ordens bei uns eintreten, so mtiBten sie nachweisen, daB sie die Grade nicht nur tax- und diplommaBig zu Recht tragen, sondern daB sie sie «inner- lich» haben.

Es hat also, was ich begnindet habe, selbst mit dem nichts zu tun, was fruher in Deutschland vorgab, «Memphis- und Misraim-Grade» zu tragen. Und mich geht alles das auch nicht das geringste an, was sich um ReuB und seiner Genossen Orden herum abspielt. - Es sind sogar hieher naive Menschen ins Haus gekommen, um in geschafti- ger Weise anzubringen, was sie von ReuB wissen, oder gar mich zu «warnen». Aber das alles geht in Wahrheit mich nicht das allerge- ringste an. Auch das nicht, daB sich Leute, die sich fruher haben von ReuB «Grade» geben lassen, dupiert fuhlen, und jetzt erbost sind. Ich verstehe diese Erbosung; aber loyal ist es nicht, daB von dieser Seite ich uberhaupt ins Spiel gebracht werde1}

Sie sehen, verehtester Herr Direktor: wie sehr von meiner Seite alles in Ordnung ist. Ihnen habe ich geantwortet, weil Sie mich in loyal er Weise gefragt haben. Was mit den Leuten zu machen ist, die mir etwas anhangen mochten durch Erzahlung von Dingen, von denen sie nichts wissen konnen, mag die Zukunft zeigen.

Heute habe ich Ihnen nun auch etwas zu Ihren Ubungen zu

2)

Herzlichen GruB ganz Ihr

Dr. Rudolf Steiner

1) Siehe hierzu die Briefe von Emil Adryanij auf Seite 88.

2) Dieser Teil des Briefes ist enthalten in dem Band «Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914», GA 264.

Erganzung zu dem vorstehenden Brief an A.W.Sellin

Der vorstehend wiedergegebene Brief wurde vom Empfanger A. W. Sellin nach dem Tode Rudolf Steiners Marie Steiner zur Verfugung gestellt. In seinen Begleitzeilen vom 9. April 1925 heiBt es dazu:

... Es drangt mich, Ihnen anbei zwei Briefe des lieben Hingegangenen zur Verfugung zu stellen, die moglicherweise in der Zukunft eine Bedeutung fur die Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft erlangen werden. Jedenfalls sind sie bei Ihnen besser aufgehoben als bei mir.^

Der erste, am 15. August 1906 an mich gerichtete Brief beschaftigt sich mit der Entstehungsgeschichte der «Mystica aeterna»2) und ist die Antwort auf meine dieserhalb an den Doktor gerichtete Anfrage.3)

Diese Anfrage war fur mich, der ich damals mitten im deutschen Logen- leben stand, umso wichtiger, als ReuB so indiskret war, in Nr. 1, 5. Jahr- gang seiner Zeitschrift «Oriflamme» den Text seiner Erlaubniserteilung fiir die Grundung eines Kapitels und eines GroBrats der Adoptionsmaurerei unter dem Namen «Mystica aeterna» zu veroffentlichen und Dr. Steiner als stellvertretenden GroBmeister, Sie als GroB-Sekretarin dieser neuen Verei- nigung namhaft zu machen.4)

Diese Indiskretion des ReuB, der die genannte Nummer seiner Zeit- schrift an zahlreiche Freimaurerlogen geschickt hatte, hat mir spater groBe VerdrieBlichkeiten im Freimaurerbunde bereitet, welche ich nur allmah- lich auf Grund der vom Doktor in dem beifolgenden Brief gegebenen Auf- klarung habe iiberwinden konnen.

1) Der zweite Brief ist an einen anderen Adressaten gerichtet und gilt anderen Zusammen- hangen.

2) Offizieller Name des erkenntniskultischen Arbeitskreises.

3) Eine schriftliche Anfrage liegt nicht vor; es konnte auch mundlich gefragt worden sein.

4) Vgl. Seite 87.

A.W.Sellin an Rudolf Steiner

Drei Berichte uber Memphis-Misraim-Maurerei

I

Hamburg, 12. Dezember 19041}

Agyptische Maurerei

Als Begrunder der sogenannten agyptischen Maurerei gilt Cagliostro.2) Die- ser war nach seiner eigenen Behauptung in London in den Freimaurerbund aufgenommen worden, was aber nicht erwiesen ist.

Zu der Begriindung der genannten Lehrart soil ihm ein gewisser George Coston die erste Idee und die Papiere gegeben haben.

Cagliostro versuchte Logengrundungen im Haag und in RuBland, aber ohne Erfolg, dagegen gelang es ihm am 8. Oktober 1779 in StraBburg seine erste Loge vom Rite egyptien zu errichten. Dieselbe bestand bis 1783.

Im Oktober 1784 errichtete Cagliostro in Lyon mit 12 Mitgliedern der dortigen Freimaurerloge eine Mutterloge seiner agyptischen Maurerei unter dem Namen «La sagesse triomphante» und am 5. Juli 1785 eine solche in Paris.

Damals war Cagliostros Ansehen so gestiegen, daB der in Paris tagende Freimaurerkonvent alles aufbot, um von ihm Belehrung zu erlangen, ob- gleich er diese nur unter der Bedingung erteilen wollte, daB die Philalethen verpflichtet wiirden, ihr gesamtes maurerisches Archiv den Flammen zu opfern. Nach Erfullung dieser Bedingung wollte er den Freimaurern zei- gen, wie sie befahigt werden konnten durch Handlungen und Tatsachen, sowie durch Sinneswahrnehmungen zu erkennen, zu welcher Wissenschaft die wahre Maurerei die Symbole darbiete und den Weg andeute.

Am 21. November 1786 erfolgte Cagliostros Entlarvung in der Anti- quity-Lodge in London durch den Optiker Mach und damit der Zusam- menbruch des Systems, an dessen Spitze er als GroBkophta stand.

Dasselbe war Mannern und Frauen zuganglich, bestand aus einer Stufen- leiter von 90 Graden und verhieB Vollkommenheit durch physische und sittliche Wiedergeburt aller, die daran glaubten. (Vgl. Goethe, Neue Schrif- ten 1792, S. 243-284)

1) Ein Begleitbrief zu diesem Bericht liegt nicht vor.

2) Siehe Vortrag Berlin, 16. Dezember 1904.

Der Graf von Saint Germain hat in Beziehungen zu Cagliostro gestanden und dessen System, wahrscheinlich in umgemodelter Form, an deutsche Fiirstenhofe (Ferdinand von Braunschweig, Friedrich August von Braun- schweig, Carl von Hessen u. a.) gebracht. Namentlich Carl von Hessen, der den Grafen Saint Germain bis zu seinem Tode verpflegt hat, ist okkulten Studien mit groBem Eifer zugetan gewesen, wozu dieser die Anregung ge- geben hatte. Von ihm erschien u.a. im Jahre 1824 in Kopenhagen eine «Erklarung iiber den Zodiakalstein des Tempels zu Dendera».

Der Rite de Memphis oder wie er sich selbst nannte «der orientalische Freimaurerorden von Memphis» soil nach der Ordenssage von einem im Jahre 46 n. Chr. durch den HI. Markus zum Christentum bekehrten Ormus oder Ormuzd und einer unter ihm vereinigten Essenerschule herruhren. Er soil schon 1150 durch schottische Ritter nach Edinburg verpflanzt wor- den und der Vorlaufer der heutigen Freimaurerei gewesen sein.

In Edinburg selbst weiB man von dieser Geschichte nichts, dagegen ist be- kannt, daB ein gewisser SamuelHonis aus Kairo 1815 die erste GroBloge dieser Lehrart in Paris gegrundet hat, die aber nur bis 1816 von Bestand gewesen ist.

1838 wurde dort ein zweiter Versuch mit der Einfiihrung dieser Lehrart durch Begrundung der Loge Osiris gemacht, der aber wieder fehlschlug, denn schon 1843 wurde der Orden polizeilich aufgehoben.

1848 erfolgte der dritte Versuch, und zwar wurde der Orden dann in 90 «Grade des Wissens» eingeteilt. Der oberste Grad (das Sanctuaire) sollte auf die Verwaltung keinen EinfluB haben und ganz esoterisch sein.

1851 wurde der Orden in Frankreich verboten und der Sitz seiner Ver- waltung nach London verlegt. Dort machte er bessere Fortschritte und er- richtete Tochterlogen in Genf, Brussel, New York und Australien. Seine 90 Grade wurden auf 30 herabgemindert, und in dieser Gestalt suchte man ihn 1861 auch in Deutschland einzufiihren, was aber infolge des Widerspruchs der maurerischen Behorden der altpreuBischen GroBlogen miBlang.

In anderen Landern, wie in England, Irland, Schottland, Italien, Ruma- nien, Agypten, Ostindien, Kanada, den Vereinigten Staaten von Nordame- rika und Australien gelang seine Verbreitung, zumal seitdem er sich mit dem Rite de Misraim verschmolzen hatte.

Der Rite de Misraim oder auch Rite Egyptien wurde im Anfang des 19. Jahrhunderts durch den jiidischen Kaufmann Michel Bedarride von Italien nach Frankreich gebracht und dort ausgestaltet. Die Ordenssage behauptet, Misraim, ein Sohn Harns, sei nach Agypten gezogen, habe dasselbe in Besitz genommen und es nach seinem Namen benannt (Misraim, d.i. Agypten).

Von ihm habe sich eine uralte Geheimlehre iiber alle Lander und Zeiten verbreitet und sei an alien Philosophenschulen und mystischen Geheim- biinden, von den verschiedensten Religionen und Maurereivereinigungen, wenn schon mit mancherlei Anderungen benutzt worden, namlich die Lehre von der Isis und dem Osiris, der Natur und dem Schopfer.

Das System ist in vier Serien eingeteilt, von denen die erste die symboli- sche, die zweite die philosophische, die dritte die mystische und die vierte die hermetisch-kabbalistische benannt ist.

Man unterscheidet 17 Klassen und 90 Grade, die aber ungleich verteilt sind. Die Inhaber des 87.-89. Grades sind mit der Verwaltung der drei ersten bis zum 77. Grade reichenden Serie betraut. Der Souverain Prince des 78. Grades ist der Chef der vierten Serie, und den 90. Grad nimmt der unbekannte Souverain Grand maitre absolu puissant supreme de l'ordre ein.

Der Bankerott des Begrunders des Ordens in Frankreich, Bedarride, hat die weitere Verbreitung des letzteren nicht gehindert, was in der freimaure- rischen Literatur, in der man sonst fiir die inneren Einrichtungen nament- lich fiir die den Oberen zu erweisenden Ehrenbezeugungen nur Spott und Hohn iibrig hat, auf die mustergiiltige Einrichtung der Wohltatigkeits- iibung zuruckgefuhrt wird.

liber die Verbreitung des jetzt verschmolzenen «Ordens von Memphis und Misraim» ist schon an anderer Stelle die Rede gewesen.

In Hamburg ist er seit wenigen Jahren vertreten und wird im AdreBbuch folgendermaBen aufgefiihrt: A. & A. Schottischer (33°) und A. 8c P. Ritus von Memphis und Misraim (95°). Kapitel «Phonix zur Wahrheit» Nr. 3 im Tale von Hamburg.1) Arbeitsloge jeden zweiten Donnerstag im Monat. Symb. (St. Joh.) Loge «Ph6nix» im O. Hamburg. Arbeitsloge jeden ersten, dritten und vierten Donnerstag im Monat.

Arbeit und Jurisdiktion des GroBorients und des Souveranen Sanktuari- ums fiir Deutschland in Berlin. Freundschafts-Reprasentant fiir Amerika: Franz Held, Borgfelde, Henriettenallee 18. Anfragen sind zu richten an den ersten Sekretar M. Lupschewitz, DillstraBe 4 oder Schatzmeister A. Paasch, St. G. Steindamm 68/11.

Der Orden ist vom deutschen GroBlogenbunde nicht anerkannt, doch bemiiht er sich, einzelne Briider aus hiesigen Lehrarten zu sich heriiberzu- ziehen, namentlich durch Verteilung einer Zeitschrift, die fast lediglich Arbeiten von Dr. F. Hartmann enthalten soil. Ich werde versuchen, mir diese Zeitschrift zu verschaffen. A. W. Sellin

1) «Tal» = Bezeichnung fiir freimaurerische Behorden.

II

Hamburg, den 14. Dezember 1904

Sehr geehrter Herr Doktor!

Zunachst habe ich noch folgendes iiber die bewuBte GroBloge ermittelt:

Sie wurde vor etwa zwei Jahren unter dem Namen «Gro6-Orient des Schottischen und Angenommenen 33° Ritus und Souveranes Sanktuarium des Adler- und Pelikan-Ritus 95° von Memphis- und Misraim» in Berlin er- richtet und hat den bestehenden GroBlogen anderer Lehrarten ihre Konsti- tuierung ordnungsmaBig angezeigt, worauf diese aber nicht reagiert haben.

Aus ihrer offiziellen Kundgebung an die maurerischen Korperschaften Deutschlands geht folgendes hervor:

Der neue GroB-Orient ist auf Veranlassung deutscher Freimaurer, welche im Auslande in Logen dieser Lehrart aufgenommen, errichtet worden.

Der Souverane General-GroBmeister Br. John Yarker, 33°, 90°, 96° hat den Br. Dr. Franz Hartmann, 33°, 95° (aufgenommen in den Bund in der Washington-Loge Nr. 12, Orient Georgetown, Amerika), Heinrich Klein 33°, 95° (aufgenommen in den Bund in der Pilger-Loge Nr. 238 im Orient London) und Theodor ReuB 33°, 96° (aufgenommen in den Bund in der Pilger-Loge Nr. 238 in London) und den mit denselben verbundenen Brii- dern einen Freibrief zur Konstituierung eines GroB-Orient und Souveranen Sanktuarium des Ritus fur das Deutsche Reich ausgestellt.

Oberster geistiger Leiter und Ehren-GroBmeister desselben ist der Br. Dr. Carl Kellner, 33°, 90°, 96° (aufgenommen in den Bund in der Loge Humani- tas inWien), Direktorder Kellner-Partington Paper Pulb-Fabriken Hallein, Liverpool, Manchester etc. und Mitglied des K. K. Industrierates in Wien.

ReuB ist zu sprechen Berlin W. im Columbia-Bureau, Equitable-Palast, Leipzigerstrasse 101/102.

Die Mehrzahl der 33 respektive 95 Grade sind als «Erkenntnisstufen» zu betrachten, welche schriftlich bearbeitet werden und ein Studium der ver- schiedenen Religions- und Philosophie-Systeme bedingen. Beforderungsge- biihren werden nicht genommen.

In den Hochgraden dieser Lehrart sind, einem Manifest des GroB- Orients zufolge1), Geheimnisse vorhanden, «die auf den Orden durch

1) Dieses Manifest ist abgedruckt und von Rudolf Steiner besprochen im Vortrag Berlin, 9. Dezember 1904.

mundliche Uberlieferung von den Vatern aller wahren Freimaurerei, den weisen Mannern des Ostens iiberkommen und nur miindlich weiterge- geben werden.»

Selbstverstandlich - heiBt es in dem Manifest - hangt aber der Erfolg die- ses praktischen Unterrichtes zur Erlangung dieses Geheimnisses wiederum ganz vom Kandidaten selbst ab.

Diejenigen Brr., welche das Geheimnis gefunden hatten, bewahrten es als ein kostliches, selbsterrungenes Eigentum, und um von den Alltagsmen- schen nicht verkannt oder gar verspottet zu werden, verbargen sie es unter Symbolen, so wie wir das heute noch tun.

Unsere Hochgrade geben - mit Hilfe dieser Symbole - dem Bruder die Moglichkeit, einen sicheren Beweis fur die Unsterblichkeit des Men- schen zu erlangen. Er bedarf der Uberzeugung von seinem Fortleben nach dem Tode, um in diesem Leben wahrhaft gliicklich sein zu konnen. Daher haben auch die Mysterien aller Religionen und Weisheitsschulen sich mit dieser Frage als ihrer hochsten und vornehmsten Aufgabe beschaftigt. Die Kirche tut dies auch, aber sie verweist den Suchenden auf den Weg der Gnade. Unser Orden stellt es jedoch in die Moglichkeit eines jeden Su- chenden, mittelst praktischer Mittel sich mit dem WeltbewuBtsein, der Ur-Schopferkraft, bewuBt und selbst gewollt schon in diesem Leben zu vereinen.

Der neue GroBorient gibt eine Zeitschrift unter dem Titel «Oriflamme» heraus, die von Max Perl in Berlin verlegt wird. Dr. Franz Hartmann soil die meisten Beitrage dafiir liefern. Mir ist nur die «Historische Ausgabe der Oriflamme» vom Jahre 1904 bekannt geworden. Diese beginnt mit dem GruBe «Friede, Toleranz, Wahrheit!» und halt dann den Freimaurern ihre Unkenntnis betreffs der Entwickelung und des wahren Wesens der Frei- maurerei vor. Namentlich Findel sei als freimaurerischer Historiker ganz unzuverlassig; die fur den Beweis dieser Behauptung angefuhrten Beispiele sind jedoch wenig oder gar nicht stichhaltig.

Der Verfasser verwirft das Hervorgehen der Freimaurerei aus der alten Werkmaurerei, und fiihrt ihren Ursprung auf die Tempelritter zuriick. Protokollarische Beweise seien dafiir allerdings nicht zu erbringen, da es strengstens verboten gewesen, irgendwelche schriftliche Aufzeichnungen iiber die Versammlungen oder iiber die Zugehorigkeit zu den die Tradition der Tempelritterschaft pflegenden maurerischen und rosenkreuzerischen Korperschaften zu machen. Die fur diesen Zusammenhang mit den Temp- lern vorhandenen Beweise wiirden nur Eingeweihten mitgeteilt.

Die Richtigkeit dieser Behauptung ist natiirlich unkontrollierbar, und die Aufrechterhaltung solcher historischen Geheimniskramerei in unserer nach Offentlichkeit drangenden Zeit mindestens unverstandlich.

Gliicklicherweise wird die Entstehung des schottischen 33° Ritus, soweit dieselbe auf Dokumente Friedrich des GroBen zuruckgefuhrt wird (Char- lestoner System) als eine groBe Ordensliige bezeichnet, und die Erklarung abgegeben, daB man es in dem mit dem Orden Memphis und Misraim ver- bundenen System mit dem gesetzmaBigen System des Brs. Cerneau zu tun habe.1}

Da nun aber der neue Orden seinem innersten Wesen nach ein durchaus theosophisches Geprage tragt, so werde ich ihm eine ganz besondere Auf- merksamkeit zuwenden, und sogar direkte Fiihlung zu seinen Fiihrern suchen.

Sollte ich dabei die Uberzeugung gewinnen, daB er der theosophischen Bewegung zu dienen vermag, so kann ja die Frage, wie dies am besten ge- schehen kann, gelegentlich zwischen uns erortert werden2)

Beifolgend sende ich Ihnen meinen Logenvortrag «Furstliche Bruder», bitte aber um baldige Rucksendung desselben, da er ein Glied in einer gan- zen Serie von Vortragen ist, und ich wahrscheinlich auf ihn noch einmal zunickzugreifen habe.

Mit herzlichem GruiB Ihr ergebenster A.W. Seilin.

1) Sellin, dessen eigene Loge damals nach dem Cerneau-Ritus arbeitete, deutet hier auf den Gegensatz zwischen den beiden Schottischen 33°-Systemen (Cerneau und Charleston). Durch das um 1801/02 in Charleston/USA geschaffene System sollen durch gefalschte Dokumente die urspriinglichen auf Cerneau (1763-1829) zuriickgehenden Ritualien gean- dert worden sein. In der von Seilin angefuhrten «Historischen Ausgabe der Oriflamme», die von Yarker mitverfaBt wurde, heiBt es, daB man in bezug auf den Schottischen Ritus nach dem friiheren rechtmaBigen Cerneau-System arbeite.

2) Rudolf Steiner muB wohl Seilin mundlich dariiber orientiert haben, daB er in der Zwi- schenzeit schon selbst mit dem Orden Fiihlung genommen hatte. Daraus erklart sich auch, warum er im Brief vom 15. August 1906 auf die Bemuhungen Sellins von 1904 keinen Bezug nimmt. Vgl. hierzu auf Seite 50.

Ill

Hamburg, 20. Dezember 1904

Lieber Herr Doktor!

Unter Bezugnahme auf mein Schreiben vom 14.d.M. iibersende ich Ihnen anbei das letzte Heft der «Oriflamme», das einen Beitrag von Dr. Franz Hartmann enthalt, der fiir Sie Interesse haben diirfte.

Im Septemberheft von 1903 der «Oriflamme» finde ich folgende merk- wiirdige Mitteilung:

«In Nordamerika gehoren 50.000 Frauen dem nur aus Freimaurer- Frauen, Tochtern und Witwen bestehenden Orden vom Eastern Star an. In London ist in diesem Jahre durch die bekannte Theosophin Frau Annie Besant, die in Paris in den Freimaurerbund aufgenommen wurde, eine so- genannte <gemischte Logo gegrundet und von Paris aus gestiftet worden.»

Die letztere Notiz ist recht so zu verstehen, daB die von Frau Annie Be- sant in London gegrundete «gemischte Loge» von Paris her eine Stiftungs- urkunde erhalten hat.1)

Ist Ihnen daniber etwas bekannt?

«Gemischte Logen» gibt es erst seit 1893. Damals war es Maria Deraismes in Paris, welche am 14. Marz 16 Frauen in den Freimaurerbund aufnahm, und die Schottenloge «Le droit humain» grundete.

Diese «gemischten Logen» sind von unseren deutschen GroBlogen eben- sowenig anerkannt, wie die Memphis- und Misraim-Logen und die Adop- tionslogen, wie sie im Orden vom Eastern Star tatig sind.

Sehr lieb ware es mir, wenn Sie mir das beifolgende Heft, sowie die bei- den Bundesblatter und meinen Vortrag zurucksenden mochten. Hoffent- lich gestattet es Ihre Zeit bei Ihrer Anwesenheit im Januar, mir eine Zwie- sprache iiber personliche, meine innere Entwickelung betreffenden Fragen zu gewahren.

Mit bruderlichem GruB und besten Wiinschen fur das kommende Fest Ihr Sie hochschatzender und treu verbundener

A.W.Sellin

1) Vgl. unter «Einzelne Hinweise».

Quittung uber die Eintrittsgebiihr fur Rudolf Steiner und Marie von Sivers, Berlin 24. November 1905, ausgestellt von Theodor ReuB, unterschrieben von Max Heilbronner.

Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaitung Buch: 265 Seite:79

Rudolf Steiner an Marie von Sivers (Ausziige1))

I

Nurnberg, 25. November 1905

... Nun hast Du gestern selbst gesehen , wie wenig noch iibrig ge- blieben ist von den einstigen esoterischen Institutionen, die dock ein- mal ein physiognomischer Abdruck waren hoherer Welten. In Wahrheit sollten die drei symbolischen Grade: Lehrling, Geselle, Meister die drei Stufen ausdriicken, auf denen der Mensch im Geiste sich selber d. h. sein Selbst innerhalb des Menschentypus findet. Und die Hochgrade sollten die Erhebung stufenweise andeuten, durch die der Mensch ein Bauer am Menschheitstempel wird. Und wie der gewordene Menschenorganismus d.h. der astrale, atherische und physische Organismus ein Mikrokosmos der Vergangenheitswelt sind, so soil der von der Maurerei in Weisheit, Schonheit und Starke zu errichtende Tempel das makrokosmische Abbild einer inneren mikrokosmischen Seelenweisheit, Seelenschonheit und Seelen- starke sein.

Im Materialismus hat die Menschheit das lebendige BewuBtsein von alle dem verloren und die auBere Form ist vielfach an Menschen ubergegangen, die zum inneren Leben keinen Zugang haben.

Es ware nun die Aufgabe, das maurerische Leben aus den verau- Berlichten Formen aufzufangen und neu zu gebaren, wobei natiir- lich das wiedergeborene Leben auch neue Formen hervorbringen muBte. Dies sollte unser Ideal sein: Formen zu schaffen als Ausdruck des inneren Lebens. Denn einer Zeit, die keine Formen schauen und schauend schaffen kann, muB notwendigerweise der Geist zum we- senlosen Abstraktum sich verfluchtigen und die Wirklichkeit muB sich diesem bloB abstrakten Geist als geistlose Stoffaggregation gegen- uberstellen. - Sind die Menschen imstande wirklich Formen zu ver- stehen z.B. die Geburt des Seelischen aus dem Wolkenather der six-

1) Vollstandig in «Briefwechsel und Dokumente 1901-1925», GA-Nr. 262.

2) Beim Eintritt am 24. November 1905.

tinischen Madonna: dann gibt es bald fur sie keine geistlose Materie mehr. - Und weil man groBeren Menschenmassen gegeniiber Formen vergeistigt doch nur durch das Medium der Religion zeigen kann, so muB die Arbeit nach der Zukunft dahin gehen: religiosen Geist in sinnlich-schoner Form zu gestalten. Dazu aber bedarf es erst der Vertiefung im Inhalte. Theosophie muB zunachst diese Vertiefung bringen. Bevor der Mensch nicht ahnt, daB Geister im Feuer, in Luft, Wasser und Erde leben, wird er auch keine Kunst haben, welche diese Weisheiten in auBerer Form wiedergibt. ...

II

Karlsruhe, 30. November 1905

... Die Freimaurer-Sache wollen wir nur ja bedachtig, ohne alle Uberstiirzung machen. ReuB ist kein Mensch, auf den irgendwie zu bauen ware. Wir mussen uns klar daniber sein, daB Vorsicht so drin- gend dabei notig ist. Wir haben es mit einem «Rahmen», nicht mit mehr in der Wirklichkeit zu tun. Augenblicklich steckt gar nichts hinter der Sache. Die okkulten Machte haben sich ganz davon zu- riickgezogen. Und ich kann vorlaufig nur sagen, daB ich noch gar nicht weiB, ob ich nicht eines Tages doch werde sagen mussen: das darf gar nicht gemacht werden. Ich bitte Dich daher, doch ja nichts anderes, als etwas ganz vorlaufiges mit den Leuten zu besprechen.1} Wenn wir eines Tages sollten genotigt sein, zu sagen: da konnen wir nicht mit, so diirfen wir vorher nicht zu stark engagiert sein. Es sind bei der Sache zum Teil personliche, zum Teil Eitelkeitsmotive im Spiel. Und vor beiden fliehen die okkulten Machte. Sicher ist, daB vorlaufig es alien okkulten Machten wertlos erscheint, daB wir sol- ches tun. Doch ganz Bestimmtes kann ich auch heute noch nicht dariiber sagen. Bemerken wir bei der nachsten Unterredung mit ReuB etwas Unrichtiges, dann konnen wir immer noch das Ange- messene tun. ...

1) «Mit den Leuten» diirfte sich auf diejenigen Mitglieder beziehen, die von den Absichten in dieser Angelegenheit schon wuBten.

Vertrag zwischen Theodor ReuB und Rudolf Steiner

Wortlaut nach dem von ReuB handgeschriebenen Original, datiert Berlin, 3. Januar 1906

GROSS-ORIENT DES SCHOTTISCHEN A. & A. 33.° RITUS

SOUVERANES S ANKTUARIUM DES ORDENS DER ALTEN F R E I M A U R E R VOM MEMPHIS- U. MISRAIM-RITUS

Bureau des

General-GroBmeisters Berlin, S.W. 47, den 190...

Vertrag und bruderliches Ubereinkommen

Zwischen Theodor ReuB, Souveraner General-GroBmeister ad vitam, 33.° 90.° 96.° und alleiniger Vorstand des Ordens der Alten Templer Freimaurer des Schottischen, Memphis- und Misraim-Ritus fur das Deutsche Reich, und Br. Dr. Rudolf Steiner, Generalsekretar der Theosophischen Gesellschaft und President des Mystischen Tempels und Kapitel «Mystica aeterna» 30.° 67.° 89.° in Berlin, ist heute folgender Vertrag und bruderliches Uberein- kommen abgeschlossen und unterzeichnet worden.

Br. Dr. Steiner erhalt hiemit von Theodor ReuB, unter Einhaltung der in diesem Vertrag festgelegten Voraussetzungen, die Berechtigung, nach seiner Auswahl und ohne vorher die Genehmigung des Br. Theodor ReuB einholen zu miissen, eine unbegrenzte Anzahl von Mitgliedern der Theo- sophischen Gesellschaft oder auch von solchen Personen, die der Theoso- phischen Gesellschaft nicht angehoren, in seinem Kapitel und Mystischen Tempel «Mystica aeterna» in Berlin, in den Orden der Alten Templer Freimaurer vom Schottischen, Memphis- und Misraim-Ritus fiir das Deut- sche Reich aufzunehmen, und selbe bis zum 30. Grad A. & A. zu perfek- tionieren.

Br. Dr. Steiner verpflichtet sich dagegen fiir jeden Kandidaten, den er in den genannten Orden aufnimmt beziehungsweise in den Graden perfektio-

niert, an Br. Theodor ReuB eine Gebiihr von Vierzig Mark (40 Mark) zu bezahlen,1} wofiir der betreffende Kandidat, wenn er in den 18. Grad er- hoht worden ist, von Theodor ReuB ein Diplom dieses Grades ausgefertigt erhalt.2) Diese Gebiihr ist fallig und an Theodor ReuB zahlbar am Tage der Aufnahme eines Kandidaten. Diese Gebiihr kann in besonderen Fallen von Theodor ReuB gestundet werden. Ein Kandidat ist jedoch erst rechtmaBi- ges Mitglied des genannten Ordens, und hat erst Anspruch auf ein Grad- oder Mitglieds-Diplom, wenn die oben genannte Gebiihr an Br. Theodor ReuB tatsachlich auch bezahlt worden ist. Wiinscht ein Mitglied auBer dem einen Diplom fiir den 18. Grad auch noch andere Diplome fiir andere Gra- de, so kostet die Ausfertigung fiir jedes weitere Diplom je 10 Mark (zehn Mark), die vor der Ausfertigung an Br. Theodor ReuB zu zahlen sind. Uber die Verwendung der von Br. Dr. Steiner fiir sich oder fiir seine Kandidaten und Mitglieder an Theodor ReuB gezahlten Gebiihren oder Gelder steht weder Br. Dr. Steiner, noch den von ihm aufgenommenen oder seiner Or- ganisation angehorenden Mitgliedern eine Kontrolle nicht [sic!] zu, d.h. es steht denselben kein Recht zu, Rechnungslegung iiber die Verwendung zu verlangen. Br. Dr. Steiner hat kein Recht, selbstandig Diplome fiir den Or- den oder fiir Theodor ReuB auszustellen. Fiir die Zeit seiner Abwesenheit von Berlin ernennt Br. Theodor ReuB den Br. Dr. Steiner zum Stellvertre- tenden General-GroBmeister und General-GroB-Sekretar im Souveranen Sanktuarium. Diese Ernennung tritt an dem Tage in Kraft, an dem Br. Dr. Steiner vier Kandidaten dem genannten Orden zugefiihrt haben wird, und sein Kapitel gegriindet hat. Br. Dr. Steiner hat aber als Stellvertretender General-GroBmeister vorlaufig nur Jurisdiktion iiber die von ihm selbst dem genannten Orden zugefiihrten Mitglieder. Uber diese iibt er aber bis zum 30.° A. & A. die ausschlieBliche Jurisdiktion aus und erst, wenn selbe iiber den 30. Grad A. & A. steigen, fallen selbe unter die Jurisdiktion von Br. Th. ReuB. Wenn Br. Dr. Steiner fiir den hundertsten (100.) Kandidaten die in diesem Vertrage stipulierte Gebiihr von Vierzig Mark (40 M.) an Br. Theodor ReuB bezahlt haben wird, ernennt Br. Theodor ReuB den Br. Dr. Rudolf Steiner zum Amtierenden General-GroBmeister 33.° 90.° 96.° fiir das Deutsche Reich, mit Jurisdiktion iiber samtliche im Deutschen Reiche bestehenden Organisationen des Ritus und Ordens. Bei der Zusam- menrechnung der genannten Zahl von Hundert Kandidaten sollen auch die

1) Der iibliche Aufnahmesatz; fiir den Charter muBten laut Mitteilung in der Wiener Frei- maurerzeitung (1929, Nr. 7/8) 1.500 Mark bezahlt werden.

2) Solche Diplome sind nie vergeben worden, vgl. Seite 70.

dem Orden von Schwester v.Sivers und Br. Dr. Steiner zugefiihrten Frauen mitgezahlt werden. Alle gedruckten Rituale, Katechismen, Biicher, Logen- gegenstande miissen von Br. Dr. Steiner extra bezahlt werden. l)

Br. Dr. Steiner verpflichtet sich, die gesamte maurerische Bekleidung fiir seine Mitglieder ausschlieBlich von Fraulein Marta Gierloff zu beziehen, zu einer festgelegten Taxe. Br. Dr. Steiner verpflichtet sich, keine Personen, welche von der symbolischen GroBloge in Leipzig oder von Br. Theodor ReuB (S.S.) ausgeschlossen, ausgetreten oder suspendiert worden sind, auf- zunehmen oder anzunehmen. Ferner verpflichtet sich Br. Dr. Steiner keine Loge oder andere freimaureri.-. Organisation oder Behorde in Deutschland anzuerkennen oder mit selber in Verbindung zu treten, die vom S. Sanktua- rium, respektive von Br. Theodor ReuB aufgelost oder suspendiert ist, oder die sich vom S. S. bezw. von Br. Theodor ReuB losgesagt hat.

Br. Dr. Steiner verliert sofort alle Rechte und Grade im S.Sanktuarium und im genannten Orden, falls er diesen beiden letzten Bestimmungen ent- gegenhandelt. Selbstverstandlich steht dem Br. Dr. Steiner die Fiihrung eines Amtssiegels und die Beniitzung von Briefpapier mit dem Namen des Ordens zu, wie selbes von Br. ReuB selbst beniitzt wird. Als Amtssiegel fiihrt Br. Dr. Steiner das diesem Vertrag im Abdruck beigefiigte Siegel.

So geschehen, gelesen, genehmigt und unterschrieben am 3. Januar 1906, E.V. d.i. am dritten Januar neunzehnhundertsechs E.V. zu Berlin GroB-Lichterfelde

Theodor ReuB .-. 33.° 90.° 96.°

(Stempel) (Stempel)

Nachbemerkung des Herausgebers

Von all den Bedingungen dieses Vertrages kam fur Rudolf Steiner nur in Frage, daB er legal berechtigt war, Mitglieder nach seiner Wahl aufzunehmen, fur die die regulare Taxe zu entrichten war und daB nach Aufnahme des 100. Mitgliedes der Misraim-Ritus von ihm allein reprasentiert wurde. Vgl. hieriiber seinen Brief an A.W.Sellin vom 15. August 1906, Seite 67 im vorliegenden Band.

1) Vgl. hierzu Seite 69 f.

Copyright Rudoll Steiner Nachlass-Verwaitung Buch: 265 Seite: 8 5

Zur Aufnahme von Frauen durch Marie von Sivers

Nach einer handschriftlichen, nicht datierten und nicht unterzeichneten Vorlage von Theodor ReuB

ALTER ORDEN DER AGYPTISCHEN FREIMAUREREI

FUR FRAUEN

Ehrenprasidentin J.H. Prinzessin Maria de Rohan, Ehrenmitglied Frau Dr. Maria v. Kellner, GeneralgroBmeisterin Frau Oberst Alice Leighton Cleater, Generalsekretarin Fraulein Marie von Sivers Hauptquartier in Berlin

Nachdem durch die interessante Publikation der «Woche» (siehe Heft 33 Seite 1453) in Deutschland bekanntgeworden ist, daB in England, dem kon- servativen Mutterlande der modernen Freimaurerei, auch Frauen Aufnah- me in den Freimaurerorden finden, macht sich m deutschen Frauenkreisen der lebhafte Wunsch geltend, gleichwie in England, Frankreich, Spanien, Amerika, Indien usw. auch in Deutschland den Frauen Zutritt zur Frei- maurerei zu verschaffen.

Es wird daher hiedurch bekannt gemacht, daB Damen von Stand und Rang mit unabhangigem Einkommen Aufnahme in eine Hochgrad-Korper- schaft der Adoptionsmaurerei, genannt Alter Orden der Agyptischen Frei- maurerei fur Frauen, finden konnen, wenn selbe sich an Fraulein v. Sivers, MotzstraBe 17, Berlin W wenden. Dieser freimaurerische Frauen-Orden erteilt die gleichen Grade wie seine Schwesterorganisationen in Amerika, Frankreich, England etc. Mme. H. P. Blavatsky, die Grunderin der moder- nen theosophischen Bewegung in Europa, empfing am 24. November 1877 die Grade dieses Ordens. Anfragen miissen von einem frankierten adres- sierten Couvert begleitet sein.J)

1) Ob dieser Wortlaut publiziert worden ist, war nicht zu ermitteln.

Bekanntmachung des Ubereinkommens vom 3. Januar 1906 in der «Oriflamme»1)

KAPITEL UND GROSSRAT «MYSTICA AETERNA»

iT. v.BERLIN

Dem Br. Dr. Rudolf Steiner, 33.°, 95.°, in Berlin und den mit demselben verbundenen Briidern und Schwestern ist die Erlaubnis erteilt worden, in Berlin ein Kapitel und einen GroBrat der Adoptionsmaurerei unter dem namen «Mystica aeterna» zu grunden. Br. Dr. Steiner wurde zum stellver- tretenden GroBmeister mit Jurisdiktion iiber die von ihm aufgenommenen oder aufzunehmenden Mitglieder ernannt. Schwester Marie von Sivers wurde als General-GroBsekretarin fiir die Adoptionslogen eingesetzt.

Berlin Ostern 1906 E.V.

Theodor ReuB, 33.°,

Henry Klein, 33.°,

Max Heilbronner, 33.°,

Paul Kirmiss, 33.°,

Maximilian Dotzler, 33.°,

Ernst Pfreundtner, 33.°,

Dr. Lauer, 33.°,

Andreas Ullmer, 33.°,

Joseph Brucker, 33.°,

90.° 90.° 90.° 90.° 90.° 90.° 90.° 90.°

90.

96.° 95.° 95.° 95.° 95.° 95.° 95.° 95.° 95.°

1) «Amtliches Organ des Bundes der Alten Freimaurer vom Schottischen, Memphis- und Misraim-Ritus. GroBorient in Deutschland», 5. Jg. Heft 1, Januar- Juni 1906.

Rudolf Steiner an Michael Bauer (Auszug)

Berlin, 3. Juli 1906

... Wegen ReuB brauchte sich Adrianyj wahrlich nicht zu ereifern, wenigstens nicht, soweit ich dabei in Betracht kommen soil. Mich geht namlich ReuB ebensowenig an, wie mich die andern etwas an- gehen, die mit ReuB Logen gebildet haben. Ich habe mit dem alien gar nichts zu tun. Ich hatte mich nur mit ReuB in loyaler Weise aus- einanderzusetzen. Im ubrigen ist es hochst merkwurdig, daB jetzt die Leute iiber ReuB herfallen, die doch vorher sich fur gar nichts - ich meine naturlich damit nicht das Materielle - haben Grade er- teilen lassen. Es sollte aber von mir niemand glauben, daB ich mit solchem Gradhandel etwas zu tun habe. ...

Aus zwei Briefen von Emil Adrianyj an Rudolf Steiner

I

Niirnberg, 3. September 1906

. . . Ich bedaure herzlich, daB es Ihnen Ihre Zeit nicht erlaubt hat, mir gele- gentlich Ihrer wiederholten Besuche in Niirnberg eine kurze Zeit ungestort Gehor schenken zu konnen, was zu vermitteln ich Herrn Bauer gebeten habe. Ich hatte Sie gerne um Ihre offene und ehrliche Meinung iiber eine gewisse Angelegenheit befragt, die jetzt mit Ihrem Namen sehr haufig in Verbindung zu horen ist. Personlich bin ich iiber das, wie gewisse in be- stimmten Kreisen groBe Verwunderung erregende Vorkommnisse von Ih- nen beurteilt werden, sehr neugierig. Ebenso finde ich dafiir keine Erkla- rung, wie es moglich ist, daB der Leiter deris. S. der Theosophischen Gesell- schaft in Deutschland mit ahnlichen Leuten in Verbindung treten konnte,

1) Der Ungar Emil Adrianyj (* 1865) lebte von Beginn des Jahrhunderts an in Niirnberg. Freimaurer, Theosoph und kurze Zeit, bevor er sich mit ReuB iiberwarf, GroBsekretar des Memphis-Misraim-Ordens; spater namhafter freimaurerischer Schriftsteller.

deren Namen allein schon hochst kompromittierend ftir das Renomme einer «Theosophischen Gesellschaft» sein muB, da doch die Gesellschaft sich nicht gescheut hat, wegen ahnlicher Vergehen schwarzer Magie eines ihrer altesten und durch seine Werke iiberall bekannten Mitgliedes vor kurzer Zeit sang- und klanglos aus ihrer Mitte zu entfernen?1}...

II

Niirnberg, 8. September 1906

Ich bestatige mit bestem Dank den Empfang Ihres geschatzten Schreibens vom 4.d.M. und nehme von seinem Inhalt mit Vergniigen Kenntnis.2)

DaB Ihr Name seit dem Erscheinen des Heftes 1/6 der «Oriflamme» stets in Verbindung mit ReuB genannt wird und auch in der freimaurerischen Presse pertraktiert wurde, hat wohl seinen Grund darin, daB Sie laut Zeug- nis dieser «Oriflamme» doch dem Orden und seinem Sanctuarium, wie auch der «Mystica aeterna» angehoren. Welche Beurteilung seitens dieser Blatter der sonstige Inhalt der «Oriflamme» erfahrt, belieben Sie aus mitfol- gender Abschrift einer Notiz der Braunschweiger Logen-Korrespondenz zu ersehen.3)

Schon im Interesse der T. S. bedaure ich dies und wurde Ihnen gerne an- heimstellen, Ihre Erklarung, mit ReuB nichts gemeinsam zu haben, auch den maurerischen Blattern zuzustellen, zumal iiber ReuB demnachst wieder etwas zu lesen sein wird.

Es handelt sich dabei nicht nur um Ihr eigenes Prestige, sondern auch um den guten Ruf von Personen, die Ihnen mehr gelten miissen als die ReuB'sche Ordensmacherei, die Ihre Person als Referenz ausniitzt.

Da Sie so freundlich waren, mir Ihre biindigen Ansichten iiber das, wes- sen ReuB beschuldigt wird, anzudeuten, so will ich Ihnen mit derselben Offenheit als meine - sowohl aus alteren ReuB'schen Briefen, aus der neue- sten Erklarung Dotzlers, als auch aus einem grundlichen Studium des

1) Bezieht sich auf den sog. «Fall Leadbeater». Vgl. den Band «Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914», GA 264, S. 263 ff., sowie «The Eider Brother. A Biography of Charles Webster Leadbeater by Gregory Tillet», London 1982.

2) Dieser Brief Rudolf Steiners ist leider unbekannt.

3) Liegt nicht mehr vor.

Cerneau-, Memphis- und Misraim-Ritus - gewonnene Ansicht kundgeben, daB der ReuB'sche Orden selber absolut keine «Ubungen» kennt, besitzt oder zu vergeben hat, noch im Ausland vergibt. Die Ubungen, die ReuB einem von ihm ausgewahlten inneren Schiilerkreis bekanntgegeben hat, sind von ihm selber (angeblich nach Riicksprache mit Dr. Kellner) verfaBt beziehungsweise in Nachahmung der T. S. [Theosophical Society] mit dem jetzigen «A.Pr.Ritus» [Alter Primitiver Ritus] verquickt worden, wodurch die Reklame mit der «bewuBten Vereinigung mit der Ur-Sch6pferkraft» er- moglicht wurde.1} Eine tatsachliche Berechtigung zur Erteilung okkulter «t)bungen» hat ReuBens Orden nicht; nach der Richtung hin diirfte sich ein unwiderlegbarer Beweis schwer erbringen lassen. Jedenfalls aber bin ich der personlichen Meinung, daB die T.S. beziiglich solcher Ubungen der Mithilfe eines ReuB nicht bedurft hatte2) Da der Genannte seine «t)bun- gen» ohne jederlei Warnung (wie zum Beispiel jene der Mme. Blavatsky im Band III der «Secret Doctrine») und ohne auf die Notwendigkeit morali- scher Lebensfiihrung zu dringen erteilt hat (die jetzt dazu gehorige «An- sprache an die Schuler des Okkulten Grades» wurde auf dieses hin erst von mir verfaBt, um dieses Versaumnis gutzumachen) und sich seine Erfolge anstatt auf der devachanischen, vorerst auf der Astralebene durch eine Art medianime Erscheinungen manifestieren, so bin ich bald nach Erhalt der ersten «Ubung» zur Vermutung gekommen, daB ReuB auch auf diesem Ge- biet entweder ein Ignorant oder ein fiirchterlich leichtsinniger Patron ist. Dazu kommt, daB bei vielen moralisch sehr hochentwickelten Personen die Ubungen selbst nach Monaten keinerlei Erfolg hatten. ...

1) Davon ist im Manifest der Historischen Ausgabe der «Vereinigten Schottischen, Memphis- und Misraim-Maurerei» die Rede. Siehe den Text im Vortrag Rudolf Steiners Berlin, 9. Dezember 1904, in dem Band «Die Tempellegende und die Goldene Legende», GA Nr. 93, S. 97 f.

2) Adrianyj wuBte offenbar nicht, daB Rudolf Steiner es nicht notig hatte, Ubungen von irgendeiner Seite entgegenzunehmen.

Bekanntmachung von Theodor ReuB iiber die Trennung der Vereinigten drei Riten (Schottische, Memphis, Misraim) in drei selbstandige Korperschaften

in «Oriflamme», 5. Jahrgang Nr. 2 Juli-Dezember 1906

EDIKT

des Souveranen General-GroBmeisters der vereinigten Riten der Schottischen, Memphis- und Misraim-Freimaurerei, 33.° = 95.°, in und fur Deutschland.

2.R.D.A. B.A.W.!U

Souveraner General-GroBrat der Alten Riten. Deus meumque jus. - Exitus acta probat. - Spes mea in Deo est.

Bruderlichen GruB auf alien Punkten des Triangels!

Wir, Albert Karl Theodor ReuB, 33.°, 90.°, 96.°, Souveraner General- GroBmeister ad Vitam des Ordens der vereinigten Riten der Schottischen, Memphis- und Misraim-Freimaurer in und fiir das Deutsche Reich, Souve- raner General-GroB-Kommandeur, Absoluter GroB-Souveran, Souveraner Pontif, Souveraner Ordensmeister der Orientalischen Templer-Freimaurer, Magus Supremus Soc.Frat. R. C, S.-. L.-. 33.°, Termaximus Regens I. O. u. s. w. u. s. w., tun hierdurch kund und zu wissen, daB Wiruns bewogen ge- funden haben, kraft der Uns anvertrauten und iibertragenen Gewalten und Machtbefugnisse, die Bearbeitung und die Verwaltung der unserer Jurisdik- tion in Deutschland und den deutschsprechenden Landern unterstellten drei freimaurerischen Riten voneinander zu trennen und die drei Riten zu drei selbstdndigen freimaurerischen Korperschaften zu erheben.

Vom 24. Juni 1907 E.V. ab werden daher unter unserer obersten Juris- diktion in Deutschland bestehen:

Der Oberste Rat des Schottischen, Alten und Angenommenen 33.° Ritus fiir das Deutsche Reich.

Der General-GroBrat (90.°) des agyptischen Ritus von Mizraim.

Das Souverane Sanktuarium (95.°) des Alten und Primitiven Ritus von Memphis.

Fiir jeden einzelnen Ritus ernennen wir je einen Amtierenden General- GroBmeister mit Jurisdiktion iiber die ihm unterstehenden Korperschaften.

1) = Zum Ruhme des allmachtigen Baumeisters aller Welten!

Die einzelnen GroBbehorden erlassen ihre eigenen Verwaltungsgesetze, welche den allgemeinen Grundgesetzen der Riten nicht zuwiderlaufen diir- fen. Der Souverane General-GroBmeister ad Vitam bleibt letzte Entschei- dungsinstanz in alien Ritual- und Personalfragen. Die GroBbeamten der einzelnen GroBbehorden werden jahrlich in geheimer Sitzung von den ver- sammelten Beamten der Kapitel und GroBrate mit Dreiviertelmajoritat ge- wahlt. Die Rechte und Pflichten der Amtierenden General-GroBmeister und alle weiteren Bestimmungen sind in der Konstitution vom 8. Septem- ber 1906 E.V. festgelegt.

Gegeben in unserem Sanktuarium am 10. Tage des Monats September A.D. 1906, A.O. 788.

(L.S.) TheodorReufi, N. P. U. 33.°, 90.°, 96.°.

S. G. G. M. ad Vitam fiir das Deutsche Reich

Ernennung Rudolf Steiners zum GeneralgroBmeister des Agyptischen Ritus von Misraim in Deutschland

Wortlaut der Originalhandschrift von Theodor ReuB, datiert 15. Juni 1907

Memphis and Mizraim Rite of Masonry Order of Oriental Templars and Esoteric Rosicrucians Z.-. R.-.D.-. A.-.B.-.A..W.-.!1}

Bruderlichen GruB auf alien Punkten des Dreiecks! An Alle die es angeht!

In Ausfiihrung der Bestimmungen des bruderlichen Ubereinkommens vom 3. Januar 1906 E.V. und des Ediktes vom 10. September A.D. 1906, A. 0.788, publiziert in der «Oriflamme», Heft 2, Jahrgang 5, 1906, E.V. ernenne ich hiermit Kraft der mir durch Patent vom 24. September 1902, E.V. verliehenen Rechte und Machtbefugnisse den

S.E.Br.-. Dr. Rudolf Steiner, 33.° 90.° 96.° in Berlin

Zum Ruhme des allmachtigen Baumeisters aller Welten!

zum selbstandigen

Amtierenden General Grofimeister des Obersten General Grofirates des agyptischen Rhus ( 90°) von Mizraim

in Deutschland

sowie der Adoptionslogen der agyptischen Freimaurerei in Deutschland mit dem Rechte und der Verpflichtimg, den Orden gemaB den Bestimmun- gen des Ubereinkommens vom 3. Januar 1906 E.V. zu leiten. Gegeben in unserem Sanktuarium am fiinfzehnten Juni A.D. 1907, A.O. 789 London und Berlin.

Theodor ReuB, 33.° 90.° 96.° Souveraner General GroBmeister ad Vitam Henry Klein 33.° 95.° General GroB Registrar

Rudolf Steiner zum Unterschied von Erkenntniskult und Freimaurerei

Aus TeiMehmer-Gedachtnisnotizen

von der Instruktionsstunde Berlin, 16. Dezember 1911

Man moge [konnte] meinen, daB man es hier zu tun habe mit einer Einrichtung desjenigen, was man im allgemeinen «Freimaurerei» nennt, aber es ist nicht so. Wie geheim auch die Freimaurerei in frii- heren Zeiten betrieben worden sein mag, sie ist dennoch zu alien Zeiten etwas AuBerliches gewesen. Denn tatsachlich ist die Freimau- rerei urspriinglich in die Welt getreten durch einen Verrat aus den Mysterienschulen und daher kommt es, daB man viele Symbole, die man in der Freimaurerei findet, auch hier antrifft. Aus den Myste- rienschulen sind diese Symbole durch Schiiler, die nicht geniigend von deren Wert und Bedeutung durchdrungen waren, in fur die Au- Benwelt zwar geheime Gesellschaften geraten, aber niemals haben jene Geheimgesellschaften, die man kennt unter dem allgemeinen Namen der Freimaurerei, die wahre Tiefe der Symbole begreifen

und erklaren konnen, weil die Heiligkeit der Symbole an sich es mit sich bringt, daB sie auBerhalb des okkulten Tempels nicht richtig verstanden werden konnen !)

Bis jetzt hat unsere okkulte Stromung fur die Welt noch den Na- men der Freimaurerei getragen, weil man aus okkultem Standpunk- te immer an das Bestehende moglichst ankniipfen soli, aber von jetzt ab soil dieser Name fur unseren Tempel in Wegfall kommen und sollen unsere Verrichtungen «Misraim-Dienst» genannt werden. Man moge dies, wenn man unseren okkulten Dienst andeuten will, mit den Buchstaben «M.D.» abkiirzen. Die Bezeichnung «F.M.» [Freimaurerei] soil jetzt endgiiltig verschwinden, und damit ist fur die AuBenwelt und fur alle Einrichtungen auf freimaurerischer Grundlage eine Freimaurerei in unserer Bewegung nicht vorhanden. Wenn bei uns angefragt werden sollte, ob zu unserer Bewegung auch eine Freimaurerei gehort, kann man, ohne eine Unwahrheit auszusprechen, dies verneinen. Was hier verrichtet wird, ist ein ok- kulter Dienst, genannt Misraim-Dienst, was so viel sagen will wie: das Bewirken der Vereinigung des Irdischen mit dem Himmlischen, des Sichtbaren mit dem Unsichtbaren.

Misraim-Dienst war schon bekannt im alten Agypten und gehor- te zu dem am meisten [geubten] okkulten Dienst in den Mysterien- schulen. Dieser selbe Dienst wird auch jetzt in unserem Tempel ver- richtet, unter Hinzufugung der Erganzungen und Reformen, die Markus bewirkt hat. Der Markus, der hier gemeint wird, ist jener Schuler des Petrus, einer der zwolf Apostel, der das Markus-Evange- lium geschrieben hat, als er als Bischof von Alexandrien in Agypten weilte. Zusammen mit einem agyptischen Eingeweihten hat er den okkulten Dienst (Kultus) neu geregelt, den wir jetzt kennen als Misraim-Dienst.

1) Erganzend hierzu die folgende Aussage aus dem Vortrag Koln, 27. Dezember 1907: «Sie wiirden ganz fehlgehen, wenn Sie die Vorzeit mit ihrer tiefen Weisheit in den okkulten Schulen verkennen wiirden, oder sie in irgendeiner Weise durch unsere moderne Weisheit fur iiberwunden halten wiirden. Wo Ihnen die okkulte Weisheit entgegentritt in Zeichen und Symbolen, da zeigt sie sich immer so, daB sie zu bestatigen ist durch unmittelbare okkulte Anschauung der Hellseher.»

Aus Teilnehmer-Gedachtnisnotizen von der Instruktionsstunde Munchen, 30. August 1911

Durch Markus und Ormus, beide Schiiler (Jiinger) des Christus nach seiner Auferstehung, wurden die Mysterien und Rituale umgestaltet.

Aus Teilnehmer-Gedachtnisnotizen von der Instruktionsstunde Basel, 25. September 1912

Was hier verstanden werden soil, das ist, daB diese okkulte Bewegung mit keiner anderen in der Welt verglichen werden kann. Unsere Gegenwart bringt es mit sich, daB es zahlreiche okkulte oder halb- okkulte Stromungen gibt, aber man soil doch einsehen, daB diese unsere Bewegung nicht auf eine Linie gestellt werden darf mit ande- ren Bewegungen und daB diejenigen, die sich in dieselbe aufnehmen lassen, die Verantwortung fuhlen mussen fur die Aufgabe, die ihnen damit auferlegt ist.1}

Rudolf Steiner zur Geschichte der erkenntniskultischen Abteilung

Aus «Mein Lebensgang» (XXXVI. Kapitel)2)

Nicht eigentlich in den Rahmen dieser Darstellung gehort eine Ein- richtung, die innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft so entstanden ist, daB dabei an einen Zusammenhang mit der Offent- lichkeit gar nicht gedacht worden ist. Sie soil nun doch charakteri- siert werden, weil auch von ihr her der Inhalt zu Angriffen auf mich genommen worden ist.

1) Die hier noch folgenden Notizen von Ausfiihrungen im Zusammenhang mit den damali- gen Schwierigkeiten mit der Theosophical Society sind abgedruckt in dem Band «Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914», GA 264.

2) Erstmals als LXVIII. Folge in der Zeitschrift «Das Goetheanum» Nr. 12 vom 22. Marz 1925, eine Woche vor Rudolf Steiners Tod, erschienen.

Einige Jahre nach dem Beginne der Tatigkeit in der Theosophi- schen Gesellschaft trug man von einer gewissen Seite her Marie von Sivers und mir die Leitung einer Gesellschaft von der Art an, wie sie sich erhalten haben mit Bewahrung der alten Symbolik und der kul- tischen Veranstaltungen, in welchen die «alte Weisheit» verkorpert war. Ich dachte nicht im entferntesten daran, irgendwie im Sinne einer solchen Gesellschaft zu wirken. Alles Anthroposophische soll- te und muBte aus seinem eigenen Erkenntnis- und Wahrheitsquell hervorgehen. Von dieser Zielsetzung sollte um das Kleinste nicht ab- gegangen werden. Aber ich hatte immer Achtung vor dem historisch Gegebenen. In ihm lebt der Geist, der sich im Menschheitswerden entwickelt. Und so war ich auch dafiir, daB, wenn irgend moglich, Neu-Entstehendes an historisch Vorhandenes ankniipfe. Ich nahm daher das Diplom der angedeuteten Gesellschaft, die in der von Yarker vertretenen Stromung lag. Sie hatte die freimaurerischen Formen der sogenannten Hochgrade. Ich nahm nichts, aber auch wirklich gar nichts aus dieser Gesellschaft mit als die rein formelle Berechtigung, in historischer Ankniipfung selbst eine symbolisch- kultische Betatigung einzurichten.

Alles was in den «Handlungen» inhaltlich dargestellt wurde, die innerhalb der von mir gemachten Einrichtung gepflogen wurden, war ohne historische Anlehnung an irgendeine Tradition. Im Besitze der formellen Diplomierung wurde nur solches gepflegt, das sich als Verbildlichung der anthroposophischen Erkenntnis ergab. Und ge- tan ist dies worden aus dem Bedurfnis der Mitgliedschaft heraus. Man strebte neben der Verarbeitung der Ideen, in die gehullt die Geist-Erkenntnis gegeben wurde, etwas an, das unmittelbar zur An- schauung, zum Gemut spricht. Und solchen Forderungen wollte ich entgegenkommen. Hatte sich das Angebot von Seite der angedeute- ten Gesellschaft nicht eingestellt, so hatte ich die Einrichtung einer smybolisch-kultischen Betatigung ohne historische Ankniipfung getroffen.

Aber eine «Geheimgesellschaft» war damit nicht geschaffen. Wer an die Einrichtung herantrat, dem wurde in der allerdeutlichsten Weise gesagt, daB er keinem Orden beitrete, sondern daB er als Teil-

nehmer von zeremoniellen Handlungen eine Art Versinnlichung, Demonstration der geistigen Erkenntnisse erleben werde. Wenn ei- niges in den Formen verlief, in denen in hergebrachten Orden Mit- glieder aufgenommen oder in hohere Grade befordert wurden, so hatte auch das nicht den Sinn, einen solchen Orden zu fuhren, son- dern eben nur den, geistiges Aufsteigen in Seelen-Erlebnissen durch sinnliche Bilder zu veranschaulichen.

DaB es sich dabei nicht um die Betatigung in irgend einem beste- henden Orden, oder um Ubermittelung von Dingen handelte, die in solchen Orden ubermittelt wurden, dafur ist ein Beweis der, daB an den von mir eingerichteten zeremoniellen Handlungen Mitglieder der verschiedensten Ordensstromungen teilnahmen und in ihnen eben ganz anderes fanden als in ihren Orden. !)

Einmal kam eine Personlichkeit, die zum erstenmal eine Hand- lung bei uns mitgemacht hatte, unmittelbar nach derselben zu mir. Diese Personlichkeit war in einem Orden hochgraduiert. Sie wollte, unter dem Eindrucke des Miterlebten, mir ihre Ordens-Insignien ubertragen. Denn sie vermeinte, sie konne nun, nachdem sie einen wirklichen Geist-Inhalt erlebt habe, weiter das im Formellen Stek- kenbleibende nicht mehr mitmachen. Ich brachte die Sache in Ord- nung. Denn Anthroposophie darf keinen Menschen aus den Lebens- zusammenhangen, in denen er ist, herausreiBen. Sie soil zu diesen Zusammenhangen etwas hinzufugen, abernichts von ihnen nehmen. So blieb denn die betreffende Personlichkeit in ihrem Orden und machte im weiteren bei uns die symbolischen Handlungen mit.2)

Es ist nur zu begreiflich, daB im Bekanntwerden von Einrichtun- gen wie die geschilderte, sich MiBverstandnisse einstellen. Es gibt eben viele Menschen, denen gerade die AuBerlichkeit des Hinzuge- horens zu etwas wichtiger erscheint als der Inhalt, der ihnen gege-

1) Dabei handelte es sich aber immer um Personlichkeiten, die mit der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners verbunden waren.

2) Es kann sich nur um Herman Joachim (+ 1917 Berlin, Sohn des beriihmten Geigers Joseph Joachim und Patenkind von Herman Grimm) gehandelt haben, der in der GroBen Landes- loge der Freimaurer von Deutschland eines der hochsten leitenden Amter inne hatte. Siehe Rudolf Steiners Nachruf in «Unsere Toten», GA 261.

ben wird. Und so wurde auch von manchen Teilnehmern von der Sache gesprochen, als ob sie einem Orden angehorten. Sie verstan- den nicht zu unterscheiden, daB ihnen bei uns ohne Ordenszusam- menhang Dinge demonstriert wurden, die sonst nur innerhalb von Ordenszusammenhangen gegeben wurden.

Es wurde bei uns eben auch auf diesem Gebiete mit den alten Tra- ditionen gebrochen. Es wurde gearbeitet, wie man arbeiten muB, wenn man in urspninglicher Art den Geist-Inhalt erforscht aus den Bedingungen des vollbesonnenen Seelen-Erlebens.

DaB man spater in Bescheinigungen, die von Marie von Sivers und mir bei der Anknupfung an die historische Yarker-Einrichtung unterschrieben worden sind, hat die Ausgangspunkte fur allerlei Verleumdungen nehmen wollen, ist etwas, das, um solche Verleum- dungen zu Schmieden, das Lacherliche mit der Grimasse des Ernstes behandelt. Unsere Unterschriften waren unter «Formeln» gegeben. Das Ubliche war eingehalten worden. !) Und wahrend wir unsere Unterschriften gaben, sagte ich mit aller Deutlichkeit: das alles ist Formalitat, und die Einrichtung, die ich veranlasse, wird nichts herubernehmen von der Yarker-Einrichtung.

Es ist selbstverstandlich nachtraglich leicht, Erwagungen dariiber anzustellen, wieviel «gescheiter» es doch gewesen ware, nicht an Einrichtungen anzukniipfen, die sich spater von den Verleumdern mit gebrauchen lieBen. Aber ich mochte, in aller Bescheidenheit, be- merken, daB ich in dem Lebensalter, das hier in Betracht kommt, noch zu den Leuten gehorte, die bei andern, mit denen sie zu tun hatten, Geradheit und nicht Krummheit in den Wegen voraussetz- ten. An diesem Glauben an die Menschen anderte auch das geistige Schauen nichts. Dieses soil nicht dazu miBbraucht werden, die inne- ren Absichten der Mitmenschen zu erforschen, wenn diese Erfor- schung nicht im Verlangen der betreffenden Menschen selbst liegt. In andern Fallen bleibt die Erforschung des Innern anderer Seelen etwas dem Geist-Erkenner Verbotenes, wie die unberechtigte Off- nung eines Briefes etwas Verbotenes bleibt. Und so steht man Men-

1) Vgl. hierzu die «Erganzung des Herausgebers» auf Seite 100.

schen, mit denen man zu tun hat, so gegeniiber wie jeder andere, der keine Geist-Erkenntnis hat. Aber es gibt eben den Unterschied, den andern fur geradlinig in seinen Absichten zu nehmen, bis man das Gegenteil erfahren hat, oder der ganzen Welt harmvoll gegeniiber- zustehen. Ein soziales Zusammenwirken der Menschen ist bei der letztern Stimmung unmoglich, denn ein solches kann sich nur auf Vertrauen, nicht auf Mifitrauen aufbauen.

Diese Einrichtung, die in einer Kult-Symbolik gab, was Geist- Inhalt ist, war fur viele Teilnehmer an der Anthroposophischen Ge- sellschaft eine Wohltat. Da wie auf alien Gebieten des anthroposo- phischen Wirkens auch auf diesem alles ausgeschlossen war, was aus dem Rahmen des besonnenen BewuBtseins herausfiel, so konnte nicht an unberechtigte Magie, an Suggestionswirkungen und derglei- chen gedacht werden. - Aber die Mitglieder bekamen das, was auf der einen Seite zu ihrer Ideen-Auffassung sprach, auch noch so, daB das Gemut in unmittelbarer Anschauung mitgehen konnte. Das war fur viele etwas, das sie auch wieder in die Ideengestaltung besser hin- einfuhrte. Mit dem Kriegsbeginn horte dann die Moglichkeit auf, in der Pflege solcher Einrichtungen fortzufahren. Man hatte, trotzdem nichts von einer Geheimgesellschaft vorlag, die Einrichtung fur eine solche genommen. Und so schlief diese symbolisch-kultische Abtei- lung der Anthroposophischen Bewegung seit Mitte 1914 ein.

DaB aus dieser fur jeden, der die Sache mit gutem Willen und Wahrheitssinn ansieht, absolut einwandfreien Einrichtung heraus solche Personlichkeiten, die daran teilgenommen haben, zu ver- leumderischen Anklagern geworden sind, ist eine jener Abnormita- ten im Menschheits-Verhalten, die entstehen, wenn sich Menschen, die doch innerlich nicht echt sind, an Bewegungen mit echtem Geist- Inhalt heranmachen. Sie erwarten Dinge, die ihrem Trivial- Seelen- leben entsprechend sind, und indem sie solche selbstverstandlich nicht finden, wenden sie sich gegen die Einrichtung, der sie sich - aber mit unbewuBter Unaufrichtigkeit - erst zugewendet haben.

Eine Gesellschaft wie die Anthroposophische konnte nicht an- ders, als aus den Seelenbedurfnissen ihrer Mitglieder heraus gestaltet werden. Es konnte nicht ein abstraktes Programm geben, das da be-

sagte: in der Anthroposophischen Gesellschaft wird dies und das ge- tan, sondern es muBte aus der Wirklichkeit heraus gearbeitet wer- den. Diese Wirklichkeit sind aber eben die Seelenbediirfnisse der Mitglieder. Anthroposophie als Lebensinhalt wurde aus ihren eige- nen Quellen heraus gestaltet. Sie war als geistige Schopfung vor die Mitwelt getreten. Viele von denen, die einen inneren Zug zu ihr hat- ten, suchten mit andern zusammenzuarbeiten. Dadurch ergab sich eine Gestaltung der Gesellschaft aus Personlichkeiten, von denen die einen mehr Religioses, andere Wissenschaftliches, andere Kiinst- lerisches suchten. Und was gesucht wurde, muBte gefunden werden konnen.

Erganzung des Herausgebers

Die von Rudolf Steiner und Marie von Sivers unterschriebene iibliche «Formel» liegt im Original nicht vor. Das von ReuB weitergegebene Origi- nal ist nach dem Bericht einer Augenzeugin vernichtet worden. Da jedoch Abschriften davon existieren, so sei hier der unverbiirgte Wortlaut einer solchen Abschrift wiedergegeben, um nicht dem Vorwurf einer tendenzio- sen Auslassung ausgesetzt zu werden:

«Gelobnis und Verpflichtung. Ich der eigenhandig Unterzeichnende, ge- lobe und verspreche hiermit feierlich, die Gesetze und Gebrauche des Alten und Primit. Ritus von M.u.M. O. T.O. getreu zu halten und zu befolgen, den O. nach besten Kraften vertreten zu helfen, das iibliche Geheimnis streng zu bewahren, fur die Erhaltung der Souverainen Sektion fur das Deutsche Reich einzutreten und zu sorgen, und den Souv. Gen. GroB, ad vitam Dr. Th. ReuB als den sichtbaren Hiiter unseres .-. Geheimnisses, so- wie als oberste und letzte Entscheidungsinstanz in alien .-. Sachen riickhalt- los anzuerkennen. Ich gelobe ferner, daB ich niemandem erlauben werde, mich zu hypnotisieren, oder zu mesmerisieren, oder mich auf irgendeine andere Art in einen solchen passiven Zustand zu versetzen, daB irgend jemand, sei es eine profane oder andre Person oder Personen, Wesen oder Krafte, mich dadurch veranlassen konnten, die Kontrolle iiber meine Ge-

1) = Ordo Templis Orientis (Orientalischer Templer-Orden). Mit der spateren Entartung dieses Ordens Rudolf Steiner in Zusammenhang zu bringen, steht fur jeden, der sein Leben und Werk kennt, auBerhalb jeder Diskussion.

danken, meinen Willen oder meine Taten zu verlieren, damit die mir an- vertrauten Geheimnisse durch mein Verschulden und meine Schwache auch nicht auf diese Weise verraten werden. Sollte ich dieses mein Gelobnis jemals brechen, so moge meine Seele ruhelos wandern durch den unermeB- lichen Raum - Zeit - ohne Ende. Ewiger Jehova hore meine Worte und hilf mein Gelobnis erfullen. Berlin d. 24.11.05. Rudolf Steiner.»

Marie Steiner zur Geschichte der erkenntniskultischen Abteilung

Aus einem Gesprach mit Kurt Englert-Faye nach dessen Tagebuchaufzeichnung Dornach, 25. Februar 1933

Bei Frau Dr. Steiner. Ich bat sie, mir den genauen Sachverhalt zu erzahlen iiber das Verhaltnis Dr. Steiners zur Freimaurerei, da ich dariiber Klarheit haben miisse, um der Behauptung von maurerischer Seite entgegentreten zu konnen: Dr. Steiner sei Freimaurer gewesen und dann, nachdem er sich in den Besitz der «Geheimnisse» gesetzt, abgefallen, um sie zu bekampfen.

Sie gab mir die folgende Darstellung des Zusammenhanges:

In seinen Vortragen iiber die verschiedensten Gegenstande der Anthropo- sophie schilderte Dr. Steiner u. a. auch mancherlei Dinge, die in gewisser Weise auch in der freimaurerischen Uberlieferung enthalten sind, ohne Riicksicht oder Bezugnahme darauf, [sondern] aus seiner eigenen Geistes- forschung heraus; denn nur Ergebnisse seiner eigenen Forschungsarbeit hielt er sich fiir berechtigt vorzulegen. Nun gab es unter den vielerlei Leu- ten, die sich nach und nach in den Gruppen der Gesellschaft einfanden, auch Personlichkeiten, die Mitglieder von Freimaurerlogen waren, zum Teil sogar recht hohe Grade bekleideten. Diese erkannten die «Mundigkeit» an, kraft deren Dr. Steiner sprach und die Uberlegenheit seines Wissens. Sie gingen zu ihm und baten ihn, als ihr «Meister» auch das Geistesstreben gemaB der heutigen BewuBtseinsnotwendigkeiten zu erneuern, das als ur- sprunglicher Impuls in den freimaurerischen Uberlieferungen lebendig gewesen war.

Es trat also diese Forderung von auBen, von der Welt her, an Dr. Steiner heran, als eine karmische Aufgabe, die gelost sein wollte, nicht anders als

seinerzeit der Auftrag, am Goethearchiv in Weimar mitzuarbeiten und die naturwissenschaftlichen Schriften Goethes herauszugeben im Rahmen der groBen Weimarer Ausgabe.1^ Und ebenso wie Dr. Steiner in seiner Goethe- forschung nicht Goethephilologie trieb, sondern die Tendenzen, die den Goetheschen Ideen und Gedanken innewohnten, fortbildete und weiter- fiihrte in zeitgemaBer und bewuBtseinsgerechter geistiger «Erneuerung», so nahm er auch den Wesenskern des ehedem freimaurerischen Impulses und lieB dessen Formkrafte sich weiter entfalten, den geistigen Gesetzen unse- rer Zeit entsprechend. Wo immer Geisteswissenschaft in Anknupfung an Bestehendes einsetzt, so handelt es sich niemals um die Ubernahme einer Tradition, sondern um die Verwirklichung geistiger Sukzession. Die Ein- leitung der Erneuerung geschah auch diesfalls unter Einhaltung der gegebe- nen Formen, so wie dies ja auch der Fall gewesen war bei der Steigerung des Goetheanismus zur modernen Geisteswissenschaft. AuBerlich gesehen arbeitete Dr. Steiner ja in Weimar auf demselben Schauplatz und mit den- selben Mitteln wie die Goethephilologen, innerlich geschah aber etwas ganz anderes. Jene konservierten, er aber metamorphosierte. So wie Rudolf Steiner durch die Empfehlung Karl Julius Schroers sozusagen wissenschaft- lich fur Weimar legitimiert war (auBer durch seinen Doktortitel), so war es auch in bezug auf die Maurerei notwendig, an «Bestehendes anzukniipfen», wie er selber spaterhin ofters sagte. Das heiBt diesfalls, er erwarb einen Charter, die Berechtigung, die auBere «historische» Legitimation, um auf diesem Gebiete tatig sein zu konnen. (Ein Vorgang, auf seine Art vergleich- bar derErwerbung der Doktorwiirde an irgendeiner Universitat der Gegen- wart, um der samtlichen damit verbundenen Rechte teilhaft zu werden.)

Der Mittelsmann, von dem der Charter gekauft wurde, war nun ein ge- wisser ReuB. Es war eine Fiigung von realsymbolischem Charakter, daB die Dekadenz der historischen Freimaurerei sich auch personlich so prasen- tierte, wie dieser ReuB, der damals als offizieller Reprasentant, voll aner- kannt und bemundigt, die Institution vertrat.2) Erst spater wurde ReuB von den Freimaurern als Betruger und Charlatan in Acht und Bann getan.

Die Erwerbung des Charters war die einzige Beruhrung, die zwischen Dr. Steiner und der Gesellschaft der Freimaurer statt hatte. Rudolf Steiner selber ist nie Freimaurer gewesen und hat niemals irgendwelche Direktiven von der Seite empfangen.

1) Vgl. FuBnote 2) auf Seite 25.

2) Hier ist zu prazisieren, daB ReuB nur von Yarker, nicht aber von der regularen Freimau- rerei anerkannt war.

DaB die Freimaurer zum Teil den Hergang anders darstellen, andert nichts an den Tatsachen und mag seinen Grund darin haben, daB ihnen als Verwaltern einer iiberlieferten «toten» Weisheit, die geistige Autonomic und Souveranitat Rudolf Steiners ebenso zuwider geht, wie der zur Geistes- wissenschaft fortgebildete Goetheanismus den Verwaltern von Goethes literarischem NachlaB, die hinterdrein ebenfalls es sich haben angelegen sein lassen, die Leistung Dr. Steiners als Herausgeber der naturwissen- schaftlichen Schriften zu diskreditieren.

Marie Steiner an C.S.Picht in Stuttgart, den Herausgeber der Zeitschrift «Anthro- posophie», im Zusammenhang mit dem Aufsatz «War Rudolf Steiner Freimaurer?», Dornach, 11. Marz 1934

... Miissen denn alle Freimaurer Verrater sein? Wie ist es denn mit Fried- rich dem GroBen, Feldmarschall Bliicher, Wilhelm I. und Kaiser Friedrich, unzahligen anderen deutschen Fiirsten und Generalen? Sollen die alle an den Pranger kommen und mit ihnen die unzahligen noch Lebenden, die deutschen Freimaurerkreisen angehort haben?

Der erste, der gleich bei Ausbruch des Krieges die erhaltene Urkunde vernichtete, die ihm das Recht gab, selbstandig zu arbeiten, war Rudolf Steiner. Er erklarte diese Arbeit fiir unwiderruflich aufgelost. Worin hatte sie bestanden? In der geisteswissenschaftlichen Auslegung der Symbole und einiger grundlegender Ziige des Zeremoniells. Um das in ehrlicher Weise tun zu konnen, muBte er ein Recht dazu haben. Das Recht wurde ihm schicksalsmaBig entgegengebracht, weil einige Maurer meinten, da- durch eine Bereicherung ihres liickenhaften Wissens zu erlangen. Der den Titel des GroBmeisters tragende Herr, der das Recht hatte, eine solche Ur- kunde zu erteilen, war nicht darnach, daB Rudolf Steiner weitere Beziehun- gen mit ihm hatte aufrecht erhalten wollen. So war Rudolf Steiners Bedin- gung: keinerlei Beziehungen irgendwelcher Art, auBer der Auszahlung der pflichtgemaBen Gebuhren. Und das war dem Herrn sehr recht.

Was die Verleumder aber aus dieser Tatsache machen wollen, die im «Lebensgang» von Rudolf Steiner beschrieben wird, das ist die Zugehorig- keit zu solchen Verbanden, die politische Absichten haben, sogar solchen, deren Ziel die Vernichtung Deutschlands ist. Es ist eine schamlose, unver- antwortliche Luge. Was aber kann man anderes tun in einer Welt, wo die Luge so machtig ist, als sie mit ihrem eigenen Namen zu nennen?

Das einzige Mai, wo Rudolf Steiner eine maurerische Feier besuchte, war die Totenfeier fur Joachim,1) und da war so viel Militar dabei, aber auch Damen, daB dies wirklich nicht geniigt, um der iiberstaatlichen Ma- chenschaften angeklagt zu werden. (...)

Kann man Behauptungen widerlegen, die aus der Luft gegriffen sind? Ein Herr Huber nennt in seinem Buch den Herrn ReuB den Inspirator Rudolf Steiners. ) Wenn ich behaupten wiirde, daB Mephistopheles der Inspirator Herrn Hubers ist, so konnte er mir kaum die notigen Unterla- gen bringen, um mir zu beweisen, daB dies nicht der Fall sei. Die Wahr- scheinlichkeit liegt aber vor, daB dies bis zu einem gewissen Grade der Fall ist, nicht aber gab es je eine Inspiration Dr. Steiners durch Herrn ReuB.

Dr. Steiner hat sich das auBere Recht erwerben miissen, einen gewissen geistigen Inhalt, der in altehrwiirdigen Symbolen ausgedriickt war, vor der ganzlichen Korrumpierung zu retten dadurch, daB - sagen wir - Mephisto- pheles sich dieser Dinge durch Menschen, die seinem EinfluB unterliegen und in Freimaurerverbanden staken, bemachtigte. Jemand, der solche Din- ge durchschaut, versucht auch die Geistigkeit vor dem Raube durch bose Machte zu schutzen, und dazu bringt er viele Opfer. Rudolf Steiner hat als erster hingewiesen auf gewisse politische Absichten, die hinter gewissen Geheimbunden stecken, und denen die Mitglieder vieler sogenannter Ge- heimgesellschaften, wie zum Beispiel der Freimaurer-Orden, ahnungslos gegenuberstehen.3) Deswegen war objektive Aufklarung notig, nicht aber fanatische, verleumderische Hetze, die Gespenster sieht und selbst politi- sche Zwecke damit verfolgt.

Die meisten deutschen Freimaurer stehen ganz gewiB diesen ganz ver- borgenen Absichten weniger Kreise ahnungslos und unglaubig gegeniiber. Auch deren Gefiihl wird sich gegen Dr. Steiner wenden, weil er einige ern- ste mahnende Worte daniber ausgesprochen. So muB sich der Wissende

1) Vgl. FuBnote 2) auf Seite 97.

2) Engelbert Huber «Freimaurerei. Weltmacht hinter den Kulissen», Stuttgart 1934. Darin wird die Behauptung aufgestellt, Rudolf Steiner sei von Theodor ReuB beauftragt worden, ein Ritual fur den Memphis-Misraim-Orden in Deutschland auszuarbeiten. Dies widerlegt sich durch die Dokumente des vorliegenden Bandes von selbst. Erganzend hierzu ist die Bemerkung Rudolf Steiners im Vortrag Dornach, 11. Oktober 1915: «Auch das ist gesche- hen, daB okkultistische Briiderschaften mir diese oder jene Vorschlage machten; und namentlich als eine ganz angesehene okkultische Bruderschaft mir den Vorschlag machte, mich zu beteiligen an der Ausbreitung eines sich auch rosenkreuzerisch nennenden Okkul- tismus, lieB ich ihn unbeantwortet.»

3) Siehe insbesondere die Vortrage aus den Kriegsjahren 1916/17 «Zeitgeschichtliche Betrach- tungen», Zwei Bande GA 173/74.

dem HaB aller Kreise aussetzen, und das «Kreuzige ihn» iiber sich erschallen lassen.

Man wirft ja auch der Freimaurerei Blasphemie und Christus-Verleug- nung vor. Dr. Steiners ganzes Lebenswerk dient der Aufgabe, den Christus- Impuls dem menschlichen Verstandnis naherzubringen, ihn wieder leben- dig zu machen in einer Zeit, wo der Materialismus ihn zu ersticken drohte und die Gottlosen-Bewegung einsetzte. Darin liegt ja wohl ein Beweis gegen manche Behauptungen. Man muB sich aber die Miihe geben, solche Beweise zu studieren.

In einem ernsten und gewissenhaften Studium der Werke Rudolf Stei- ners liegt der schlagendste Beweis gegen alles, was an Unwahrheit iiber ihn von gehassigen Feinden aufgebracht wird.

Marie Steiner

Drei Entwiirfe zu dem Aufsatz «War Rudolf Steiner Freimaurer?»

I

Es ist sehr schwer, die Behauptung aufzustellen, daB Dr. Steiner nichts mit der Freimaurer-Bewegung zu tun gehabt hat. Dr. Steiner selbst sagt das da- fur in Betracht Kommende auf Seite ... seines «Lebensganges».

Die Freimaurer-Bewegung selbst ist eine in viele Organisationen zer- splitterte und in die Dekadenz gekommene Bewegung, die ursprunglich hervorgegangen ist aus jenen Stromungen, die noch eine Verbindung hat- ten mit der alten Mysterienweisheit. Der ursprungliche Strom ist in viele Nebenlaufe und Kanale abgeleitet worden. Sie haben alle ihre verschiede- nen Geschicke durchgemacht und sind zum Teil recht weit von ihrem ursprunglichen Ziele, dem Erkenntnisstreben, abgekommen.

Dr. Steiners Bestreben ist es nun gewesen, die reinen Quellen der esoteri- schen Lehren wieder aufzudecken, sie in ihrem geschichtlichen Verlauf vor unserem seelischen Blicke abfluten zu lassen, sie von dem Schutt zu befrei- en, der sich allmahlich in ihnen abgelagert hat, um zu zeigen, wie trotz Schutt und periodischer Triibung, die reinen Ur sprung skrafte sich immer wieder neue Bahnen gesucht haben, um ihre belebende, den Fortschritt be- dingende Wirkung, den Menschen zukommen zu lassen. In den Mittel-

punkt des menschheitlichen geistgeschichtlichen Werdens stellt Rudolf Steiner das Mysterium von Golgatha, mit der Kraft, die wir aus seinen Schriften und Vortragen kennen. Alle alte Mysterienweisheit tendierte zu diesem Hohepunkt hin; alle folgende neu belebte, durch diesen Kraftstrom wiedergeborene, der Abdammerung entrissene Mysterienweisheit rang urn die Mittel, bereitete die Wege, durch welche nicht nur in religioser Weise die Herzenssehnsucht der Menschheit gestillt, sondern auch allmahlich das Verstandnis fiir den Christus-Impuls innerhalb der Menschheit entwickelt werden konnte.

Dieser Aufgabe hat Rudolf Steiner in hochstem MaBe sein Leben gewid- met. Er hat auf alien drei Gebieten schopferisch und imputierend gewirkt, die friiher in der Zeit der durch die Mysterien inaugurierten Kulturen eine Einheit waren: dem religiosen, dem kunstlerischen, dem wissenschaft- lichen. Allen Menschen, die auf diesen Gebieten Rat und Hilfe fiir ihr Suchen und Streben erbaten, hat er diese gegeben, ohne Unterschied der sozialen Zusammenhange, aus denen sie gekommen sein mochten. Viele ernst strebende Freimaurer erkannten begliickt, daB in der von Rudolf Steiner vertretenen Anthroposophie ein Licht gegeben wurde, das ihnen ein Verstandnis eroffnete fiir manches, was ihnen in ihren Logen in Bild und Zeichen als traditionsmaBig iibernommenes Ritual geboten wurde. Sie fingen an besser zu verstehen, was damit gemeint sein moge. Es gab auch solche, die stark litten unter den Versuchungserscheinungen, in die manche Organisationen geraten waren, zu denen ihr Geschick sie gefiihrt hatte. Sie sahen sich nach Hilfe um. Aus einem solchen Impuls heraus trat die Bitte an Rudolf Steiner heran, den Versuch einer Griindung zu machen, die frei von allem durch die Jahrhunderte angehauften Wust, die reinen Grund- prinzipien des esoterischen Strebens herausarbeiten konne. Die Art, wie das geschah, ergab sich aus den bestehenden Verhaltnissen, die eben so stark unbefriedigend waren. Wenn Organisationen versumpfen, so tragt die Unzulanglichkeit der darin wirkenden Menschen die Schuld daran, be- sonders jener an ihre Spitzen gestellten. Das war in ziemlich abschrecken- der Weise hier der Fall, und Rudolf Steiner wollte nichts zu tun haben mit Verbanden, die unter solcher Fiihrung standen.

Das war die Bedingung, die er stellte, als er darauf einging, einen histo- risch dokumentierten AnschluB zu vollziehen, durch welchen er sich ver- pflichtete, finanzielle Beitrage zu leisten als Gegenleistung fiir absolute Freiheit und Selbstandigkeit in der Gestaltung einer Arbeit, die darauf aus- ging, allmahlich die verdunkelnden Schleier hinweg zu ziehen von den

symbolischen Brauchen, die jetzt von den hellen BewuBtseinskraften er- faBt werden sollten. Dasjenige also, was er durch seine Anthroposophie dauernd tat: in der allmahlichen Abstreifung mystischer Umhiillungen und im soliden Aufbau der durch Vernunft zur Weisheit sich steigernden Verstandeskrafte, die Erkenntnispflicht des Gegenwartsmenschen zu voll- ziehen.

Er tat dadurch etwas, was er der Menschheit gegeniiber als seine Pflicht erachtete. Fur inn selbst war es eine neue Belastung, ein dargebrachtes Opfer. Aber jedes Opfer hat ja auch im geistigen Sinne seine positive Wir- kung, indem sich neue Erkenntnisquellen dem willig die Last Uberneh- menden erschlieBen. Und vielleicht hatte Rudolf Steiner nicht so manches tief auf Wahrheit begriindete warnende Wort vor den Gefahren der heuti- gen Geheimorganisationen sprechen konnen, wenn er nicht in sein allge- meines Studium der heutigen sozialen Erscheinungen, wenn auch von fer- ne, so doch auch dieses einbezogen hatte. Es veranlaBte ihn, noch scharfer, noch deutlicher als vorher zu betonen, daB Geheimbiinde heute nicht mehr bestehen konnten, daB der gegenwartige Entwicklungszustand der Menschheit dies nicht mehr vertragt.

So wie jede Wissenschaft, so verlangt auch die Geisteswissenschaft einen allmahlichen Aufbau, eine stufenweise Entwicklung der Verstandeskrafte, um zur Geist-Erkenntnis zu fiihren. In diesem Sinne kann man nicht dem Anfanger und Neuling zumuten, ein Auffassungsvermogen fur die hohe- ren Stufen der Erkenntnis zu haben. Sie miissen sich seinem BewuBtsein allmahlich erschlieBen, wie die hoheren Gebiete der Mathematik, die dem Anfanger auch noch ein Geheimnis sind.

Rudolf Steiners Werk ist ein der Menschheit offentlich iibergebenes, das stufenweise zur hoheren Erkenntnis fiihrt. Es liegt ausgebreitet vor uns da in seinen Schriften, Vortragen und kimstlerischen Schopfungen und hat mit Geheimorganisationen nichts zu tun, auch nicht mit maurerischen. Langst sind die Erklarungen, die er fiir altehrwiirdige Zeichen und Symbo- le gab, iiberholt von den geistigen Forschungsergebnissen, die er in unzah- ligen Werken dem menschlichen VerstandesbewuBtsein und dem zur Wachheit aufgerufenen, die Wachheit wollenden Ich des Menschen hinter- lassen hat.

II

Wer sich die Miihe geben wiirde, vorurteilslos die Werke Rudolf Steiners zu studieren, der wird bald sehen, daB hier ein Wissen iiber geistige Dinge sich kundgibt, das wahrhaftig nicht nach andern Quellen zu suchen braucht als denjenigen, die sich dem eignen Innern erschlieBen. Das Schul- und Hochschulwissen wurde von ihm in umfassender Weise assimiliert, das Wissen iiber die mannigfachen Verhaltnisse des Lebens und seiner so- zialen Zusammenhange brachte das wache Auge fiir die Dinge des Lebens und die vielen Beziehungen, in die ihn das Leben hineinstellte. Sie kamen an ihn heran, er suchte sie nicht, brauchte sie nicht zu suchen, denn er wurde gesucht, weil er mehr zu geben hatte als andere, und weil er mit Liebe gab, niemals mit Uberhebung und Zuruckhaltung. Was an ihn her- antrat, wies er nicht zuriick; auch wenn es minderwertig war, «wog er allein das Gute in den Seelen und lieB das Bose seine Siihne finden im Lauf der Weltgerechtigkeit».J) Aber der Wirksamkeit des Bosen gegeniiber zog er eine scharfe Grenze und lieB es nicht die Kreise zersetzen, die er zu betreuen hatte.

Aus dieser Seelenhaltung erklart sich einerseits seine ungeheure Nach- sicht und Milde, seine Hilfsbereitschaft und uneingeschranktes Mitleid, und andrerseits seine eiserne Ablehnung aller beharrend schadlichen Elemente.

Mit diesem versuche ich anzudeuten, warum er nicht gleich jeden vor die Tiir setzte, der ihm moralisch nicht gefiel, doch soweit es an ihm lag, seinem EinfluB keinen Spielraum gewahrte. Im Gegenteil, er suchte auf dem Wege des positiven Wirkens in gute Wege heriiberzuleiten das, was auf Abwege geraten war oder zu geraten drohte. Deshalb belastete er sich mit dem Leben der Theosophical Society, und deshalb wies er die ihm auf Grund seines hoheren Wissens angetragene Begrundung eines selbstandi- gen Zweiges der Hochgradmaurerei nicht zuriick. Der GroBmeister jenes Ordens machte einen durchaus fatalen Eindruck; mit ihm konnte man nichts anderes zu tun haben als die in jenen Kreisen iiblichen Gebuhren zahlen. Es war eine kurze Zeremonie, nach welcher die Urkunde ausgestellt wurde, die Rudolf Steiner bei Beginn des Krieges zerriB.

Vielleicht hat ihm dieser nur auf Papier stattgefundene AnschluB doch die Moglichkeit gegeben, innerlich manches besser zu durchschauen, was

1) Worte des GroBmeisters in Rudolf Steiners zweitem Mysteriendrama «Die Priifung der Seele» (1911).

er dann wiederholt ausgesprochen hat in seinen Vortragen als Warnimg und um die Urteilsbildung in die richtigen Wege zu lenken. AuBerlich hat er nie in irgendeiner Verbindung gestanden zu irgendwelchen Orden; nie hat es eine gemeinsame Sitzung gegeben, nie eine gemeinsame Besprechung. Deshalb ist es eine objektive Unwahrheit, wenn in einem Buche, wie ... von Huber1} und in Hetzschriften niederen Kalibers auf die Verbindung Rudolf Steiners mit der Maurerei in tendenzioser Weise hingewiesen wird. Man zahlt all die groBartigen Titel auf. Nun gut, die hat er nicht erstrebt, das ist ja Maurersitte, sich mit den supremsten, souveransten, illustresten usw. Titeln zu bedenken, das gehort zur Tradition, zur Konvention und ist an sich heute drollig, besonders da ja fiir die meisten nur diese leere Schale iibriggeblieben ist. Aber gerade deshalb ist es einem ernsten Menschen und einem Wissenden darum zu tun, den Kern zu retten, der von dieser Schale erdriickt und petrifiziert wird. Es kam Rudolf Steiner nur auf den Kern an. Deshalb war ihm auch hochst gleichgiiltig, inwieweit die verschiedenen Orden sich anerkannten oder nicht; ob diejenige, die ihm die Urkunde antrug, eine sogenannte Nebenorganisation, Winkelloge war oder nicht. Er wollte mit keiner Organisation etwas zu tun haben. Das war die streng durchgefiihrte Bedingung, der sich der mit vielen Titeln geschmuckte Herr ReuB unterwarf, der durchaus seinem Charakter nach per Distanz und mit gewaschenen Handschuhen behandelt worden ist.

Rudolf Steiner hat vor den andern gewuBt, daB die Zeit der mittelalter- lichen und modernen Maurerei abgelaufen ist. Er ist mit der Enthullung okkulter Wahrheiten vor die Welt getreten, weil der Mensch sie braucht, und weil das Wirken im Verborgenen zu MiBstanden gefiihrt hat. In den altehrwiirdigen Symbolen liegt aber eine Kraft, und man braucht sie nicht wegen der auBeren Dekadenzerscheinungen preiszugeben. Man kann sie zum Beispiel retten und fiir die Menschheit erhalten durch die Kunst. Das hat Rudolf Steiner getan. In seinen Mysteriendichtungen, in seinem Bau, in manchen Werken seiner Schiller ist diese Metamorphose Leben geworden und so fiir die Menschheit fruchtbar gemacht. Darin besteht der Ewigkeits- wert der Wahrheiten, die gerettet werden miissen aus dem Verfall der auBeren Form. Im Wandel die Kontinuitat. Darin liegt die Berechtigung der Handlungsweise Rudolf Steiners, die ihm als Pflicht entgegentrat.

Das Tendenziose der Liigen, die mit dieser Verleumdungskampagne ver- bunden sind, liegt klar auf der Hand. Die Maurer mogen einen von ihrem

1) Engelbert Huber «Freimaurerei. Weltmacht hinter den Kulissen», Stuttgart 1934.

Standpunkt aus berechtigten Grund haben, gegen Dr. Steiner zu kampfen und haben es auch mit aller Macht getan. Die Umdrehung des SpieBes - vielleicht haben sie auch dabei ihre Hand im Spiel - ist ein geschicktes Ma- nover, das mancherlei dunklen Zwecken dienlich sein mag. Wir brauchen das voile Licht in dieser Sache nicht zu scheuen.

Ill

Wenn jemand zur richtigen Zeit erkannt und ausgesprochen, daB die Zeit fur die Freimaurerei vorbei sei, so ist es Rudolf Steiner. Nicht nur besagt dies sein Lebenswerk - die Anthroposophie -, nicht nur spricht er es kunstlerisch in seinem Drama aus (die Reprasentanten der okkulten Gesell- schaft iibergeben ihre Symbole und treten ab)1}, sondern in den ersten Tagen, nachdem der Weltkrieg ausgebrochen war, zerriB er die erhaltene Urkunde zum Zeichen und zur Bekraftigung dieser seiner Meinung, daB die Zeiten voruber seien, in denen die Maurerei noch anerkannt werden konne. Um auch vor seinem Gewissen das Recht zu haben zu solcher Ab- lehnung, hatte er die Pflicht, der Beruhrung mit ihr nicht aus dem Wege zu gehen. Und wie kurz ist diese Beruhrung gewesen - alsbald abgewiesen, als sie sich in ihrer Hohlheit entpuppte. Es sollen mit solchen Ausspruchen nicht die in den Reihen befindlichen schatzenswerten Mitglieder betroffen werden, die [hier bricht der Text ab].

1) Siehe Rudolf Steiners drittes Mysteriendrama «Der Huter der Schwelle», 10. Bild (1912).

MARIE STEINER

War Rudolf Steiner Freimaurer?]>

Das Werk Rudolf Steiners weist darauf hin, daB es in den alten Zeiten My- sterien gegeben hat, Einweihungen, durch welche die Menschenseelen her- aufgehoben wurden zu der Teilnahme an dem spirituellen Leben. Ihnen entstammen die Impulse, die in ihren Auswirkungen zu den uns bekannt gewordenen groBen Kulturen des Altertums fiihrten. Dort wurde das Ge- heimwissen gepflegt, die Wissenschaft des Geistes, die in jenen Zeiten in hoher Bliite stand und als auBeren Ausdruck die polytheistischen Religio- nen hatte. Die Berater der Konige und die zu neuen Kulturbildungen auser- sehenen groBen Fiihrerpersonlichkeiten gingen aus ihnen hervor. Inner- halb des Werdens und Vergehens und Aneinanderprallens der Volker bil- deten ihre Weisheitsschatze das einigende Band. Die Ergebnisse jeder Kul- tur wurden gehutet und fiir den Menschheitsfortschritt erhalten und von Generation zu Generation weiter gereicht. Sie bildeten eine zweite Stro- mung neben derjenigen, die unmittelbar aus geistigen Quellen herunter- floB, die aber fiir das BewuBtsein der Mehrzahl der Menschen in demselben MaBe abdammerte, als das Wissen von den physischen Dingen an Umfang und Prazision gewann. Die Seele verlor die Erinnerung an ihren Ursprung. Es kam die Zeit, wo nicht nur ein einzelnes Volk, sondern die ganze Menschheit in die Dekadenz gekommen ware, wenn nicht das Christus- Ereignis sich vollzogen hatte.

Die Bedeutung des Christus-Ereignisses fiir die Wiederbelebung der Menschheit in ihrem ganzen Umfange darzustellen, ist die Aufgabe, der Rudolf Steiner sein Leben gewidmet hat. Dazu muBte er alles Wissen her- anziehen, das sich die Menschen bis jetzt erobert haben, und in alle Gebiete dieses Wissens hereinleuchten, die offenbaren und auch die geheimen. Zum Geheimen gehorten die versunkenen alten Mysterien: hier muBte in bildli- chem Sinne der Schutt, unter dem sie lagen, ebenso hinweggeraumt wer- den, wie es die Archaologen bei den alten vergrabenen Tempelstatten tun. Vor allem wichtig war es aber zu retten, was noch an lebendiger Substanz hindurchzog in dem, auf alter Tradition beruhenden, aber in seinen menschlichen Reprasentanten immer mehr erstarrenden oder verfallenden

1) Erschienen in «Anthroposophie. Zeitschrift fiir freies Geistesleben», 16. Jg. Buch 3, April- Juni 1934, Stuttgart, herausgegeben von C.S.Picht.

Mysterienwissen. Uralte Weisheit ohne Wiederbelebung durch den christ- lichen Einschlag, ohne Verstandnis fiir dieses groBte der Mysterien, konnte im Laufe der Zeit nur in Verirrungen hinein fiihren.

Rudolf Steiner hatte durch die von ihm philosophisch begrundete und organisch entwickelte Geisteswissenschaft eine umfassende Einsicht in die- se Zusammenhange. Deswegen hat er es in unserer Zeit als seine Aufgabe betrachtet, in den Fallen, wo aus solchen Kreisen, die - traditionsmaBig oder auf Grund einer neuen Anregung - uralte Geheimwissenschaft pfle- gen, die Aufforderung an ihn herantrat, sein Wissen ihnen zuganglich zu machen, dieses Ansuchen nicht abweisend, sondern priifend behandelt. Er hat solche Kreise nie aufgesucht, aber da wo sie um Aufklarung und Unter- weisung baten, hat er sich nicht geweigert, sie ihnen angedeihen zu lassen. Dies war ihm Menschheitsdienst.

Die Bemuhungen von Vertretern der Theosophischen Gesellschaft, die ihn gern in ihren Reihen gesehen hatten, hat er zunachst mit Entschieden- heit abgelehnt, da die Theosophische Gesellschaft in einseitig orientalisie- render Richtung arbeitete, und in vielen Fallen in einem wissenschaftlich- dilettantischen oder psychisch-phanomenalistischen Fahrwasser sich be- wegte. Insbesondere aber fehlten ihr die Grundlagen zur Erkenntnis wah- rer christlicher Esoterik. Erst als die deutschen Theosophen eine selbstdndige Sektion grunden wollten unter seiner Leitung und damit auch auf der Basis abendlandischer christlicher Esoterik, fiihlte er die Verpflichtung, sich dieser Bitte nicht zu entziehen.

Als nach einer Reihe von Jahren die spatere Prasidentin der Theosophi- schen Gesellschaft, Annie Besant, dieses Wirken fiir ein lebendiges Chri- stentum zu verhindern suchte, erfolgte die Trennung und die Begrundung der Anthroposophischen Gesellschaft. Die Einzelheiten dieses Vorganges sind von Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein Lebensgang» geschildert.

Der andere Vorschlag kam von der Seite her, die traditionsgemaB mittel- alterliche christliche Esoterik pflegt auf der Grundlage alter Mysterienweis- heit. Sie legt Wert darauf, daB ihre historische Kontinuitat zuruckreicht bis in die Zeiten, wo in den alten agyptischen Tempeln das okkulte Wissen gepflegt wurde. In ihren im Laufe der Jahrhunderte entstehenden mannig- faltigen Verzweigungen haben dann diese Kreise von den verschiedensten mystischen Stromungen her das aufgenommen, was ihnen geistentsprechend und fordernd schien, besonders durch die Impulse der Kreuzziige, der Bau- huttenverbande usw. Sie erhielten sich unter verschiedenen Benennungen als

Freimaurer-Biinde, Illuminaten-Orden usw. Sie entfernten sich aber im Laufe der Zeit in ihrer Mehrheit immer mehr und mehr von ihrem Ursprungs- wissen und ihren Ursprungszielen, verfielen dann dem Rationalismus und oft dem Atheismus, und wurden allmahlich zum Teil politisierende, zum Teil geschaftliche, zum Teil Wohltatigkeitszwecken dienende Verbande. Immer groBer wurde die Enttauschung derjenigen, die sich in jenen Biinden aufnehmen lieBen, um Wissen vom Geiste dort zu erlangen. Immer wieder traten solche Enttauschte an Rudolf Steiner heran, um ihm zu sagen, daB sie erst jetzt durch seine offentlich vertretene Geisteswissenschaft den Zugang ge- funden hatten zu dem, was sich hinter den Symbolen, die niemand bei ihnen verstiinde, berge. Viele klagten, daB man der Unwahrheit diene, weil man althergebrachte Formeln hersage, die den Glauben an einen gottlichen Geist bekundeten, - dabei aber vollkommen skeptisch diesen Inhalten gegen- uberstimde. Und einer groBen Sehnsucht konnte man begegnen, etwas zu erleben von dem Ernst, der mit den alten kultischen Brauchen einst hatte verbunden sein miissen. Es zeigte sich die Freimaurerei als eine versinkende Vergangenheitsstromung, deren auBerer Organismus von Gegenmachten ergriffen werden konnte, ja, es zum groBen Teil auch schon war.

Aber das, was sich als Wahrheit in diesen Jahrtausende alten Bestrebun- gen erhalten hatte, ihr geistiger Gehalt, der ja nicht tot zu machen war, konnte und muBte in umgewandelter Form der Wiedererneuerung der Menschheit weiter dienen. Das war die Aufgabe, vor die sich Rudolf Steiner gestellt sah, als aus jenen Kreisen heraus der Vorschlag ihm gemacht wurde, durch historisch-legal dokumentierte Ankniipfung eine selbstandige Orga- nisation zu begrunden. Angeregt wurde dieser Vorschlag durch einen gei- stig strebenden Menschen, der die Meinung gewonnen hatte, daB Rudolf Steiner mehr von geistigen Dingen wiiBte als sie alle miteinander. Der Vor- schlag wurde dann offiziell gemacht von einer Seite her, die gewiB mehr auf praktischen Nutzen bedacht war und geistigen Gesichtspunkten gegen- iiber einen hochst gleichgiltigen Standpunkt hatte. Es war nicht Rudolf Steiners Aufgabe, in der Vergangenheit dieses Menschen zu schnuffeln, lag es doch nicht in seiner Absicht, Beziehungen zu ihm aufrecht zu erhalten. Als nicht wiirdig ihres Amtes erweisen sich ja oft nicht nur titulierte Ver- treter von Geheimgesellschaften, sondern auch von kirchlichen und ande- ren Institutionen. DaB sich - wie es aus ihren Schriften nun hervorgeht - die verschiedenen Freimaurer-Orden gegenseitig nicht anerkennen, ist eine Tatsache, die sie ja wohl auch mit andern menschlichen Grundungen ge- mein haben, und die zu untersuchen viel Zeit und Miihe und auch juristi-

sche Spitzfindigkeit erfordert. Rudolf Steiner aber hatte das in Betracht zu ziehen, was fur jeden Vertreter geistiger Wahrheiten von ausschlaggeben- der Bedeutung ist: historische Anknupfung an eine uralt-ehrwiirdige, wenn auch im Laufe der Zeiten in den Formen sich wandelnde Geistesstro- mung, urn diese nach MaB der Moglichkeit vor der Dekadenz zu schutzen. Ihr Wahrheitsgehalt konnte, wenn er einwilligte, zu neuem Leben wieder erweckt und, den Erkenntniskraften der Zeit entsprechend, dem Fortschritt der Menschheit dienstbar gemacht werden. In der Sprache der BewuBt- seinsseele konnten die alten Symbole wieder aufleben, in den Offenbarungs- moglichkeiten der Kunst die ganze Menschheit ergreifen.

Rudolf Steiner stellte eine Bedingung. Er wiirde den historisch-legalen AnschluB innerhalb des ihm angebotenen Grades vollziehen, durch den er selbstandig die Arbeit weiterfiihren durfte, - damit sollten aber die Bezie- hungen erschopft sein. Kein einziger weiterer Anspruch durfte gemacht werden, weder an Zusammenarbeit, noch an menschlichen, gesellschaftli- chen oder organisatorischen Beziehungen. Nichts als eine auBere, in keiner Weise verpflichtende Formalitat sollte vollzogen werden, keine einzige ge- meinsame Arbeit stattfinden! - Der neugegrundete vollkommen unabhan- gige Kreis, der sich aus solchen Theosophen rekrutierte, die Sehnsucht hat- ten, auch auf diese Art der abendlandischen Esoterik naher zu treten, wur- de mit den alten Symbolen bekanntgemacht, zunachst in ihrer bildhaften Bedeutung, dann immer mehr und mehr dem inneren Wesen nach, bis sie bewuBtseinsmaBig verarbeitet waren. Sie wurden so dem mystischen Dam- merempfinden entrissen und dem kunstlerischen und wissenschaftlichen Leben zuganglich gemacht. Als der Krieg ausgebrochen war, im August 1914, erkldrte Rudolf Steiner den so begriindeten Arbeitskreis, der unter dem Namen «Mystica aeterna» sich zusammengeschlossen hatte, fiir aufgehoben und zerrifi als Zeichen dafur das darauf beziigliche Dokument* Nie ist man in dieser Weise wieder zusammengekommen.

* Jedem in die freimaurerische Literatur Eindringenden, dem es um Wahrheit zu tun ist, miiBte doch auffallen, daB Rudolf Steiner uberhaupt nie darin herangezogen wird (von direkten Ablehnungen ganz abgesehen), wie auch seine Schriften in der groBen «Bibliogra- phie der freimaurerischen Literatur» von Wolfstieg, 4 Bde. 1911-1926, welche mit 54 320 Nummern die gesamten Bestande der freimaurerischen Logen-Bibliotheken erfaBt hat, nur mit drei Zufallsexemplaren vertreten sind (von iiber 200 seiner buchformigen Publika- tionen!) - Ebenso sollte ein «Sachverstandiger» Kenntnis davon haben, wie sehr solche Benennungen wie Misraim, Memphis, O. T. O (Orientalischer Templer-Orden) [vgl. «Ein- zelne Hinweise» unter «agyptische Maurerei»] u. dgl., die das erwahnte Dokument aufzahlt und die fur Rudolf Steiner ihres Wesens beraubte Hiillen waren, langst zu bloBen Namen geworden sind.

Hiermit ist genau dargelegt, was zugrunde liegt der scheinbar widerspre- chenden Tatsache: daB von einigen Menschen behauptet wird, Rudolf Stei- ner sei ein Hochgradbruder gewesen, von andern, daB er nie der Freimau- rerei angehort habe. Rudolf Steiner hat tatsachlich nie eine Beziehung zu Freimaurer-Orden gehabt. Er steht diesen Gemeinschaften vollkommen fremd gegeniiber und wird sogar von ihnen stark bekampft, denn er hatte ja vom Anfange seiner theosophisch-anthroposophischen Wirksamkeit an in seiner Lehre das enthullt, was jene als ihre Geheimnisse betrachten, die ihnen Gewicht und Ansehen geben. Er enthullt das esoterische Wissen, weil die Menschheit es braucht, weil es ein Zeitbedurfnis ist. Er schliefit aber zugleich das Verstandnis daftir auf. Um in berechtigter Weise in einem an die historische Stromung ankniipfenden und formell konstituierten Arbeits- kreise die alten Symbole mit neuem Leben zu erfiillen, vollzog er einen auBeren Kontrakt und stand ganz abseits von dem Verkehr mit irgend- welchen Freimaurer-Brudern. So ist das Wort Hochgradbruder, mit dem die Feinde gern herumwerfen, seitdem es ihnen nicht mehr moglich ist, ihn zum Juden zu machen, de facto irrefiihrend. Da Rudolf Steiner in gar kei- nen Beziehungen zu irgend einem Freimaurer-Orden gestanden hat, diese Benennung aber den Anschein erwecken soil, als ob er zu diesen Organisa- tionen gehort hatte, ist eine stimmungmachende Tauschung damit be- zweckt. Durch diese Tauschung soil erreicht werden, daB die Menschen sich nicht mit der von Rudolf Steiner begrundeten und entwickelten Gei- steswissenschaft auseinandersetzen. Wiirden sie dies namlich tun, so ware der Gegensatz zu dem Freimaurertum alsbald offenbar. Rudolf Steiner hat aus der Erkenntnis, daB die heutige seelische Verfassung der Menschen das Geheimwesen nicht mehr innerlich bejahen kann und daB das Geheimnis offenbar werden muB, seine Geisteswissenschaft in voller Offentlichkeit dargelegt.

In ihr hat er ein wahres Verstandnis fiir das Christentum ermoglicht und den Weg und die Methode gegeben, mit der der heutige Mensch durch ein Erkennen der geistigen Tatsachen seine Lebenspflichten erfiillen kann. Es wird fiir das Schicksal der nachsten Zeitlaufe von entscheidender Bedeu- tung sein, wie diese Geisteswissenschaft Rudolf Steiners, die nicht in gehei- men Kreisen und unter machtpolitischen Gesichtspunkten, sondern in voller Offentlichkeit gepflegt wird, im BewuBtsein der Gegenwart Auf- nahme findet.

Marie Steiner, geb. v.Sivers

II

DOKUMENTE AUS DEN INHALTEN DER ERKENNTNISKULTISCHEN

ABTEILUNG

Ritualtexte

Erlauterungen zu den Ritualien, der Einrichtungssymbolik, der Tempellegende und der Goldenen Legende

Folgende zwei Punkte miissen stets im BewuBtsein sein:

1. Jede okkulte Lehre ist gegriindet auf die Korrespon- denz zwischen dem Makrokosmos und dem Mikro- kosmos. Darum stehen viele Lehren in engem Zusam- menhang mit dem physischen Leib des Menschen.

2. Alle Rituale und Zeremonien spiegeln wider:

a) Die kosmische Geschichte des Menschen seit Le- murien.

b) Die menschliche Entwicklung seit der vorgeburt- lichen Zeit.

c) Die geistige Entwicklung des Menschen, als ein Ab- stieg in die Holle und sein Aufstieg zu den Bergen Gottes.

(Aus Teilnehmernotizen ohne Orts- und Datumangabe)

Vorbemerkungen des Herausgebers

Zum Sinn und der geistigen Herkunft des Erkenntniskultes

Es ist ganz unmoglich, wirkliche Fortschritte in be- zug auf das Vordringen in hohere Welten zu machen, ohne durch die Stufe der imaginativen Erkenntnis hindurchzugehen. )

Das Motiv des Tempels bei Goethe wie bei Rudolf Steiner ist es, GefaB zu sein des iibersinnlichen Kul- tus, den Goethe von den drei Konigen vollziehen laBt, den Rudolf Steiner an den drei Altaren sprechen laBt.2)

Ein entscheidender Grund dafiir, warum iiberhaupt mit Kultsymbolik ge- arbeitet wird, liegt in dem ursprunglichen Wissen, daB sich die Geschehnis- se in der unmittelbar an die physische angrenzenden hoheren Welt - der astralen oder imaginativen - in symbolischen Bildern ausdnicken, die den astralen Tatsachen ebenso entsprechen, wie dasjenige, was in der physi- schen Welt gesehen wird, physischen Tatsachen entspricht. In diesem Sin- ne ist symbolisch-kultisches Arbeiten als ein praktisches Hilfsmittel zu werten, um mit der astralen Welt vertraut werden zu konnen. Rudolf Stei- ner betont einmal nachdrucklich, daB auf keine andere Weise als iiber sym- bolische Vorstellungen in die hoheren Welten eingedrungen werden kann. Wortlich heiBt es: «Es herrscht in den verschiedenen okkulten Stromun- gen der Gegenwart vielfach die Meinung, als ob es in unserer Zeit auch auf anderem Wege, als durch die Anwendung imaginativer und symbolischer Vorstellungen, ein Aufsteigen in die hoheren Welten geben konne. Und es ist bei den Menschen der Gegenwart mit einer gewissen Furcht, ja sogar Aversion verbunden, in die astrale Welt mit Hilfe symbolischer Zeichen oder sonstiger okkulter Erziehungsmittel aufzusteigen. Wenn man die Fra-

1) Aus «Die Stufen der hoheren Erkenntnis», GA 12.

2) E. A. Karl Stockmeyer, ein Angehoriger des erkenntniskultischen Arbeitskreises, in seinem Aufsatz «Uber die Einheit von Tempel und Kultus im Zusammenhang mit der Goethe - anum-Bauidee», enthalten in «Bilder okkulter Siegel und Saulen. Der Miinchner KongreB Pfingsten 1907», GA 284.

ge aufwirft: Sind solche Furchtzustande berechtigt? -, so kann man sagen: Ja und Nein. - In einer gewissen Beziehung sind sie berechtigt, in einer an- deren Beziehung sind sie ganz und gar nicht am Platze, weil in die hoheren Welten niemand wirklich hinaufkommen kann, ohne durch die astrale Welt hindurchzugehen.» (Koln, 29. Dezember 1907).

Zu der AuBerung iiber die geistige Herkunft des Erkenntniskultes im Brief vom 15. August 1906 (S. 68): «Dieses Ritual kann kein anderes sein, als das Spiegelbild dessen, was Tatsache der hoheren Plane ist», findet sich eine wesentliche Erganzung in Vortragen aus dem Jahre 1924, in denen die- se Tatsache der hoheren Plane so geschildert wird: «Am Ende des 18. und Beginn des 19. Jahrhunderts schwebt, eigentlich unmittelbar angrenzend, ganz in der Nahe - natiirlich ist das qualitativ gemeint - der physisch- sinnlichen Welt, ein iibersinnliches Geschehen, das darstellt iibersinnliche Kultushandlungen, machtige Bilder-Entwickelungen des geistigen Lebens ...», die in Miniaturbildern in Goethes Geist hereinleuchteten und von ihm zu seinem «Marchen von der griinen Schlange und der schonen Lilie» gestaltet wurden (Dornach, 16. September 1924). Eines der zentralsten Mo- tive dieses Marchens ist der Tempel mit den drei Konigen, den Reprasen- tanten von Weisheit, Schonheit, Gewalt oder Starke; von Rudolf Steiner auch als Reprasentanten der Einweihung charakterisiert: der goldene K6- nig fiir das Vorstellungsvermogen, der silberne Konig fiir das Erkenntnis- vermogen des objektiven Gefiihls, der eherne Konig fiir das Erkenntnisver- mogen des Willens (Berlin, 24. Oktober 1908). Damit ubereinstimmend sind die drei Altare mit ihren Dienern sowohl im Erkenntniskult wie in den Tempelszenen der Mysteriendramen. Und wenn es in dem Brief vom 15. August 1906 weiter heiBt, daB das vom Okkultismus seit 2300 Jahren anerkannte Ritual^ fiir europaische Verhaltnisse von den Meistern der «Rosenkreuzer» zubereitet worden ist, so scheint der Zusammenhang mit dem iibersinnlichen Kultus aus den folgenden Worten auf: «Die Rosen- kreuzer (sagten): Gestalte die Welt so, daB sie in sich enthalt Weisheit, Schonheit und Starke, dann spiegelt sich in uns Weisheit, Schon- heit und Starke. Hast du die Zeit dazu benutzt, dann ziehst du selbst aus dieser Erde hinaus mit dem Spiegelbild von Weisheit, Schonheit und Starke. Weisheit ist das Spiegelbild des Manas; Schonheit, Frommigkeit, Giite ist das Spiegelbild der Budhi; Starke ist das Spiegelbild des Atma. ... Nicht durch muBige Beschaulichkeit gelangt der Mensch auf der Erde weiter,

1) Nach einer Aufzeichnung von Giinther Schubert auBerte Rudolf Steiner, daB das Ganze auf Melchisedek zuriickgehe.

sondern indem er der Erde Weisheit, Schonheit und Starke einverleibt» (Berlin, 25. Oktober 1905).

Goethes Ratselmarchen, wie es vielfach genannt wurde, erschien am Ende des 18. Jahrhimderts (1795). Ein Jahrhundert spater, 1899, als das so- genannte Kali Yuga, das geistig finstere Zeitalter zu Ende ging und wieder ein geistig lichtes Zeitalter beginnen sollte, faBte Rudolf Steiner im Sinne des fiir das ganze Geschehen im Goetheschen Marchen entscheidenden Wortes «Es ist an der Zeit!» den weittragenden EntschluB, das Esoterische, das in ihm lebte, zu offentlicher Darstellung zu bringen.^ Und getreu dem esoterischen Gesetz, Kontinuitat zu wahren, kniipfte er an das Marchen von der griinen Schlange und der schonen Lilie an, mit dessen Bildern er seit 20 Jahren meditativ gelebt hatte. Zu Goethes 150. Geburtstag am 28. August 1899 veroffentlichte er den Aufsatz «Goethes geheime Offenbarung» und ein Jahr spater, im Herbst 1900, fiihrte er die darin begonnene Interpreta- tion der Goetheschen Apokalypse in einem vor den Berliner Theosophen gehaltenen Vortrag weiter und wurde nun «ganz esoterisch».2) Zwanzig Jahre spater, am Vorabend der ersten Veranstaltung im ersten Goetheanum- bau, dem sogenannten ersten Hochschulkurs, bezeichnete er - zuriick- blickend auf die Entwicklung der anthroposophischen Bewegung - diesen Vortrag als deren «Urzelle» (Dornach, 25. September 1920).

Damit diirfte gewiB nicht nur gemeint gewesen sein, daB mit diesem Vortrag die anthroposophische Bewegung ihren auBeren Anfang genom- men hat, sondern unausgesprochen auch, daB damals mit der Realisierung der im Mittelpunkt des Goethe-Marchens stehenden Forderung begonnen worden war, die Mysterien - der Tempel - aus dem Verborgenen ins voile Licht des Tages, das heiBt der Offentlichkeit, zu bringen. Denn in diesem tieferen Sinne war die anthroposophische Geisteswissenschaft als Verkiin- derin des fur die Menschheit angebrochenen geistig lichten Zeitalters ent- wickelt worden. Und darum fiel im letzten Jahr seiner Vortragstatigkeit von Rudolf Steiner das im Zusammenhang mit der Schilderung des iiber-

1) und 2) «Mein Lebensgang» (30. Kapitel), GA 28. Marie Steiner notierte in einem Notizbuch (Archivnummer 21): «Als Rudolf Steiner zum erstenmal unter die Menschen trat mit der Absicht, die Schleier von der Esoterik hinwegzuheben, nahm er Goethes Marchen zum Ausgangspunkt und sprach iiber die Altare der Weisheit, Schonheit und Starke. Sie stellte er hinein in die Tempel seiner Mysteriendramen und sprach zu uns erneut und vertieft von ihrer Bedeutung. Und wieder stellte er sie hinein in unsere esoterische Schule und lieB uns immer wieder hinantreten an die verschiedenen Aspekte von Denken, Fiihlen und Wollen, die ein Ausdruck sind dieser Altare. »

sinnlichen Kultus so schwergewichtige Wort: «Was ist die Anthroposophie ihrer Realitat nach? Ja, meine lieben Freunde, wenn Sie alle wunderba- ren majestatischen Imaginationen durchschauen, die als ein iibersinnlicher Kultus in der ersten Halfte des 19. Jahrhunderts [auch schon am Ende des 18. Jahrhunderts] dastanden, und das in Menschenbegriffe ubersetzen, dann haben Sie Anthroposophie» (Dornach, 8. Juli 1924).

Somit fiihrt eine gerade Linie von der Wahrnehmung des Kultus in der iibersinnlichen Welt - der zweifellos mit dem von den Meistern der Rosen- kreuzer fur europaische Verhaltnisse zubereiteten uralten Ritual zusam- menhangt - iiber das Goethe-Marchen zur Ubersetzung dieser Bilder geisti- gen Lebens in die wissenschaftlichen Begriffe der Anthroposophie und zur Gestaltung des Erkenntniskultes.

In diesem Sinne wurde von Rudolf Steiner der Erkenntniskult mit seinen drei Altaren, nach Marie Steiner Zeichen und Siegel seines Wirkens, «aus den Tiefen des Tempels, in denen sie gestanden haben, seitdem es Myste- rien gegeben hat», herausgeholt, und «der Menschheit» ubergeben (S. 486).

Warum der Erkenntniskult in bruderschaftlichem Zusammenschlufi gepflegt wurde

Es ist nicht der eine und der andere und der dritte, sondern etwas ganz Neues, was durch die Vereini- gung entsteht.!)

Fur eine Antwort auf die Frage, warum mit Kultsymbolik in bruderschaft- lichen Vereinigungen gearbeitet wird, miissen bestimmte geistige Tatsachen beriicksichtigt werden. Die eine ist das Wesen solcher Vereinigungen, das Rudolf Steiner in seinem Vortrag iiber Bruderschaft und Daseinskampf, der in Berlin am 23. November 1905, einen Tag vor seinem Eintritt in die Memphis-Misraim-Maurerei gehalten wurde, so charakterisiert:

«Vereinigung bedeutet die Moglichkeit, daB ein hoheres Wesen durch die vereinigten Glieder sich ausdruckt. Das ist ein allgemeines Prinzip in allem Leben. Fiinf Menschen, die zusammen sind, harmonisch mitein- ander denken und fiihlen, sind mehr als 1 + 1 + 1+1 + 1 , sie sind nicht

1) Aus Vortrag Berlin, 23. November 1905.

bloB die Summe aus den funf, ebensowenig wie unser Korper die Summe aus den fiinf Sinnen ist, sondern das Zusammenleben, das Ineinander- leben der Menschen bedeutet etwas ganz Ahnliches, wie das Ineinander- leben der Zellen des menschlichen Korpers. Eine neue, hohere Wesen- heit ist mitten unter den fiinfen, ja schon unter zweien oder dreien. <Wo zwei oder drei in meinem Namen vereinigt sind, da bin ich mitten unter ihnen.> Es ist nicht der eine und der andere und der dritte, sondern etwas ganz Neues, was durch die Vereinigung entsteht. Aber es entsteht nur, wenn der einzelne in dem andern lebt, wenn der einzelne seine Kraft nicht bloB aus sich selbst, sondern auch aus den andern schopft. Das kann aber nur geschehen, wenn er selbstlos in dem andern lebt. So sind die menschlichen Vereinigungen die geheimnisvollen Statten, in welche sich hohere geistige Wesenheiten herniedersenken, um durch die einzelnen Menschen zu wirken, wie die Seele durch die Glieder des Korpers wirkt.

In unserem materialistischen Zeitalter wird man das nicht leicht glau- ben, aber in der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung ist es nicht bloB etwas Bildliches, sondern im hochsten Grade Wirkliches. Daher spricht der Geisteswissenschafter nicht bloB von abstrakten Dingen, wenn er von dem Volksgeist oder von der Volksseele oder von dem Familiengeist oder von dem Geiste einer andern Gemeinschaft spricht. Sehen kann man diesen Geist nicht, der in einer Vereinigung wirkt, aber da ist er, und er ist da durch die Bruderliebe der in dieser Vereini- gung wirkenden Personlichkeiten. Wie der Korper eine Seele hat, so hat eine Gilde, eine Bruderschaft auch eine Seele, und ich wiederhole noch einmal, es ist das nicht bloB bildlich gesprochen, sondern als voile Wirklichkeit zu nehmen.

Zauberer sind die Menschen, die in der Bruderschaft zusammen wir- ken, weil sie hohere Wesen in ihren Kreis ziehen. Man braucht sich nicht mehr auf die Machinationen des Spiritismus zu berufen, wenn man mit Bruderliebe in einer Gemeinschaft zusammenwirkt. Hohere Wesen manifestieren sich da. Geben wir uns in der Bruderschaft auf, so ist dieses Aufgeben, dieses Aufgehen in der Gesamtheit eine Stahlung, eine Kraftigung unserer Organe. Wenn wir dann als Mitglied einer sol- chen Gemeinschaft handeln oder reden, so handelt oder redet in uns nicht die einzelne Seele, sondern der Geist der Gemeinschaft. Das ist das Geheimnis des Fortschritts der zukunftigen Menschheit, aus Gemein- schaften heraus zu wirken. Wie eine Epoche die andere ablost und jede

ihre eigene Aufgabe hat, so ist es auch mit der mittelalterlichen Epoche im Verhaltnis zu der unsrigen, mit unserer Epoche im Verhaltnis zu der zukiinftigen. Im unmittelbaren praktischen Leben, bei der Grundlegung der niitzlichen Kiinste haben die mittelalterlichen Bruderschaften ge- wirkt. Ein materialistisches Leben haben sie erst gezeigt, nachdem sie ihre Fruchte erhalten hatten, ihre BewuBtseinsgrundlage, namlich die Bruderlichkeit, aber mehr oder weniger geschwunden war, nachdem das abstrakte Staatsprinzip, das abstrakte, geistige Leben anstelle wirklichen Ineinanderfiihlens getreten war. Der Zukunft obliegt es, wieder Bruder- schaften zu begrunden, und zwar aus dem Geistigen, aus den hochsten Idealen der Seele heraus. Das Leben der Menschen hat bisher die man- nigfaltigsten Vereinigungen gezeitigt, es hat einen furchtbaren Daseins- kampf hervorgerufen, der heute geradezu an seinem Gipfelpunkte ange- kommen ist. Die geisteswissenschaftliche Weltanschauung will die hoch- sten Giiter der Menschheit im Sinne des Bruderschaftsprinzips ausbil- den, und so sehen Sie dann, daB die geisteswissenschaftliche Weltbewe- gung auf alien Gebieten dieses Bruderschaftsprinzip an die Stelle des Da- seinskampfes setzt. Ein Gemeinschaftsleben miissen wir fiihren lernen. Wir diirfen nicht glauben, daB der eine oder der andere imstande sei, dieses oder jenes durchzufiihren.

Es mochte wohl ein jeder gerne wissen, wie man Daseinskampf und Bruderliebe miteinander vereinigt. Das ist sehr einfach. Wir miissen ler- nen, den Kampf durch positive Arbeit zu ersetzen, den Kampf, den Krieg zu ersetzen durch das Ideal. Man versteht heute nur noch zu we- nig, was das heiBt. Man weiB nicht, von welchem Kampf man spricht, denn man spricht im Leben iiberhaupt nur noch von Kampfen. Da ha- ben wir den sozialen Kampf, den Kampf um den Frieden, den Kampf um die Emanzipation der Frau, den Kampf um Grund und Boden und so weiter, iiberall, wohin wir blicken, sehen wir Kampf.

Die geisteswissenschaftliche Weltanschauung strebt nun dahin, an die Stelle dieses Kampfes die positive Arbeit zu setzen. Derjenige, der sich eingelebt hat in diese Weltanschauung, der weiB, daB das Kampfen auf keinem Gebiete des Lebens zu einem wirklichen Resultate fiihrt. Suchen Sie das, was sich in Ihrer Erfahrung und vor Ihrer Erkenntnis als das Richtige erweist, in das Leben einzufiihren, es geltend zu machen, ohne den Gegner zu bekampfen. Es kann natiirlich nur ein Ideal sein, aber es muB ein solches Ideal vorhanden sein, das heute als geisteswissenschaft- licher Grundsatz in das Leben einzufiihren ist. Menschen, die sich an

Menschen schlieBen und die ihre Kraft fiir alle einsetzen, das sind dieje- nigen, welche die Grundlage abgeben fiir eine gedeihliche Entwickelung in die Zukunft hinein. Die Theosophische [respektive Anthroposophi- sche] Gesellschaft will selbst in dieser Beziehung mustergultig sein, sie ist deshalb nicht eine Propagandagesellschaft wie andere, sondern eine Brudergesellschaft, In ihr wirkt man durch die Arbeit eines jeden einzel- nen der Mitglieder. Man muB das nur einmal richtig verstehen. Derjeni- ge wirkt am besten, der nicht seine Meinung durchsetzen will, sondern das, was er seinen Mitbrudern an den Augen ansieht; der in den Gedan- ken und Gefiihlen der Mitmenschen forscht und sich zu deren Diener macht. Der wirkt am besten innerhalb dieses Kreises, der im praktischen Leben durchfiihren kann,