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ZEITSCHRIFT

FÜR

DEUTSCHE PHILOLOGIE

BEGRÜNDET von JULIUS ZACHER

HERAUSGEGEBEN

VON

HUGO GERING UND FRIEDRICH KAUFFMANN

FUNFUNDDREISSIGSTER BAND

vk.i

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HALLE a. S.

VERLAG DER BUCHHANDLUNG DES WAISENHAUSES

1903.

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3 003 Sc/, 3f

INHALT.

Seite

"Wanderer und Seefahrer. Von R. C. Boer 1

Beiträge zur kritik und erklärung der Gudrun. II. Von Fr. Panzer . . . . 28

Über das lied vom Hürnen Seyfrid. Von Chr. A. Mayer 47. 204

Konrad Maurer. Von W. Golther 59

Beiträge zur mittelhochdeutschen syntax. Von E. Bernhardt . . . . 145. 343

Das Dorotheaspiel. Von Heinr. Schachner 157

Die entstehungszeit von Wolframs Titurel. Von Karl Helm 19G

Sigrdrifumäl und Helreiö. Von E. C. Boer 289

Über causalen ausdruck in Minnesangs frühling. Von James Hey mann . . 330

Aus deutschen handschriften der königl. bibliothek in Brüssel. Von R. Priebsch 362

Eine mittelhochdeutsche Übersetzung des Lebens der väter. Von Reinh. Nehert 371 Beiträge zur quellenkritik der gotischen bibelübersetzung. VI. Die Corinther-

briefe. Von Fr. Kauffmann 433

Über die quellen von c. 26 29 der Vojsunga saga. Von R. C. Boer . . . 464

Zur frage nach den quellen des Opus imperfectum. Von Fr. Kauffmann . . 483

Zu den quellen Heinrich Kaufringers. Von A. L. Stiefel 492

Die Berliner liederhandschrift vom jähre 1568. Von Arthur Kopp .... 507

Miscellen.

Die ersten versuche einer nachahmung des altdeutschen minnesangs in der neueren

deutschen litteratur. Von Rud. Sokolowsky 71

Zu Johann Oldekop. Von Karl Euling 80

Ein unbekanntes schwankbnch des 16. Jahrhunderts. Von A. L. Stiefel . . 81 Zur kenntnis der altd. litteratur (Ein lied aus den Carmina Burana; Eint' mhd. strophe; Zum Baum garten berger Johannes baptista). Von Konrad Schiff -

mann 86

Zum ahd. Heinrichsliede. Von F. Holt hausen 89

Zu Goethes gesprächen. Von Fr. Kauffmann 90

Klopstock, Gleim und die Anakreontiker als nach dichter des altdeutschen minne- sangs. Von Rud. Sokolowsky lMl'

Hartmanns kreuzlieder und MF 206, 10—19. Von P. Machule 396

Zur titteneinteilung des Heliand. Von Willi. Brückner 533

Zu Fischarts bilderreimen. Von Anton Englert

Zu Gottfr. Aug. Bürger. Von Erich Ebstein 540

Litteratur.

A. Wuttke, Der deutsche volksaberglaube der gegenwart, bearbeitet von E. H.

Meyer; von Fr. Kauffmann 90

E. Hoffmann-Kraycr, Die Volkskunde als Wissenschaft; von Fr. Kauffmann \<\

R. Andree, Braunschweiger Volkskunde2; von Fr. Kauffmann

E. Björkman. Seandinavian loan-words in Middle English; von 0. Binz . . 96

P. Herrmann, Deutsche mythologie; von Fr. kauffmann ld

G. Roethe, Die reimvorreden des Sachsenspiegels; von G. Ehrismann . , hr2 K. Drescher. Arigo der Übersetzer des Decamerone und des Fiore di virtfi;

von G. Ehrismann 106

H. Badstüber, Die nomina agentis auf -<sre bei Wolfram und Gottfried; von

G. Ehrismann 113

IV INHALT

Seite

P. Tr. Schulz, Typischei der Heidelberger liederhandi chrift; von G. Ehrismann 114

M. J.van der Meer, Goti ob ataxis I; von II. Reis 120

W. Meyer. Der gelegenheil dichter Venantius Fortunatus; von Fr. Kauf f mann 124

A. Schaer, Die altdeutschen Eechter und spii m W. Brückner . . . 125

II. G.Graf, Goetlio über sein- dichtungen; von ES. liruhn 127

A. Noltc, Der cingang des Parzival; von \. Leitzmann 129

L. P. Betz, La litterature comparee; von IL Drescher ... .... L38

A. Polzin, Studien zur geschichte des deminutivurns im deutschen-, von M. Jl.

Jellinefc 140

•I. <!. Schottelius, Friedens sieg hrg.von Fr. ES. Koldewey; von M.H. Jellinek 141 J. Zimmerli, Die deutsch -franz. Sprachgrenze in der Schweiz III; JI. Morf,

Deutsohi und Romanen in der Schweiz; Tappolet, I stand der

mundarten in der deutschen und französischen Bchweiz; von II. Suchier 142 0. Behaghel, Der gebrauch der Zeitformen im ennjunet. nebensatz des deutschen;

von 0. Men sing 224

E. Steinmeyer und E. Sie vers, Die ahd. glossen III. IV; von II. l'alander 230 AVolframs von Esehenbach, Parzival u. Titurel hrg. von E. Martin; von

A. Leitzmann 287

A. Beck, Die Amberger Parzivalfragmente; von A. Leitzmann ..... 244

Kudrun hrg.von E. Martin2; von Fr. Panzer 245

S. Benedict, Die Gudrunsage in der neueren deutschen litteratur; von Fr. Panzer 247

Laurin und der Kleine Rosengarten hrg.von G.Holz; von W. Uhl . . 248

E. Consentius, Lessing und die Vossische zeitung; von A. Schöne . . . 255 Friedrich der grosse, De la litterature allemande hrg. von L. Geiger2;

Justus Moser, Über die deutsche spräche und litteratur herausg. von

C. Schüddekopf; von Hashagen 259

R. Tombo, Ossian in Germany; von W. Golther 285

A. Olrik, Om Ragnarok; von Fr. Kauffmann 402

Fr. Gotthelf, Das deutsche altertum in den anschauungen des 10. und 17.

Jahrhunderts; von Fr. Kauffmann 407

H. May, Die behandlungen der sage von Eginhard und Emma; von Fr. Panzer 407 G. F. Benecke, Wörterbuch zu Hartmanns Iwein3 bes. von C. Borchling;

von Fr. Panzer 412

Luthers sprichtwörtersammlnng hrg. von E. Thiele; von A. E. Berger . . 413 Luthers vermischte Schriften weltlichen Inhalts hrg. von R. Neubauer2; von

A. E. Berger 418

M. Gorges, Mittelhochdeutsche dichtungen; von G. Rosenhagen ..... 419 E. Martin und H. Li en hart. Wörterbuch der elsässischen mundarten I; von

M. Erdmann 421

Joh. von Schwarzenberg, Das büchlein vom zutrinken hrg. von W. Scheel;

Johann Fischart, Das glückhafte schiff hrg. von G. Baesecke; von

A. Hauffeu 553

A. Ölinger, Deutsche grammatik hrg. von W. Scheel; von H. Wunderlich 556 Ang. Silesius, Heilige seelenlust hrg. von G. Ellinger; von L. Pariser . . 559 H. v. Kleist, Michael Kohlhaas hrg. von E. Wolff; von R. Schlösser ... 560

H. Roetteken, Poetik I; von Th. A. Meyer 562

Jean Pauls briefwechsel mit seiner frau und Chr. Otto hrg. von P. Nerrlich;

von R. M. Meyer 565

K. Burdach, Walther von der Vogelweide; von W. Golther 567

Fr. Vogt, Die schlesischen weihnachtsspiele ; von AV, C reizen ach . . . . 568

B. Patzak, Er. Hebbels epigramme; von R. M. Meyer 570

Nachträge und berichtigungen 429

Neue erscheinungen 286. 430. 571

Nachrichten 144. 288. 432

Register von W. Beese 573

WANDERER UND SEEFAHRER, I.

Analyse des 'Wanderers'.

Fünf zeilen sagen aus, dass der änhaga, der über das kalte meer fährt, des scböpfers hülfe von nöten hat. Das geschick ist sehr grau- sam (?). Z. 6 führt den eardstapa ein; er spricht: „Morgens klage ieh einsam meine not (8-9); es lebt keiner, dem ich mein innerstes mit- teilen kann (9 11). Ich kann aus eigener erfahrung sagen: das ist eine sitte, welche für einen eorl sich ziemt, dass er sein herz fest ver- schliesst, er möge denken, was es sei (11 14). Ein herz, welches der trauer sich hingibt, vermag dem geschick keinen widerstand zu leisten" (15—16). Über z. 17 18 vgl. unten. „So habe ich unglückseliger, meiner heimat beraubt, fern von meinen verwandten, oft mit fesseln mein gemüt verschlossen, nachdem vor langem die erde1 meinen2 herrn bedeckt hat und ich verachtet über das meer führ, den saal eines schatzgebers suchend, ob ich nah oder fern (einen solchen?) finden konnte, der in der halle an liebe dächte und mich armen trösten wollte (19 28). Wer das empfunden hat, weiss, welch ein grausamer gefährte der schmerz ist für denjenigen, der keine teuren freunde hat (29 31). Die Verbannung, kein goldschmuck, ein kaltes herz, kein erdenglück wird ihm zu teil (32 33) s. Er erinnert sich an den saal, die männer4, die schatzgebung, wie in seiner Jugend sein goldfreund ihn festlich bewirtete. Die herrlichkeit ist vorüber (34 36)." Über

z. 37 38 vgl. unten. „Dann wird der arme änhaga oft durch schlaf und schmerz überwältigt (39 40). Er glaubt seinen herrn zu streicheln und zu küssen, haupt und bände auf dessen knie zu legen, wie et früber

1) hruscm heolster biwräh, 1. hn'tse biivrdk?

2) Statt mine ist mit Ettmüller m'nnh zu lesen.

3) warafi hinc vn<<-l,isl usw. Anstatt hinr lese ich ki. Oder ist das richtige kirn (Rieger)?

4) sele, seegas, so Rieger und Gr. (Bibl.). Oder 1. selesecgas mit Gr. (Germ. 10) und Sweet? Der eardstapa wird kaum seine" vertfanäte*i als 'aulioos, domesticos' be- zeichnen (vgl. seleßegen). Dass z. (Ü2 von magitßög'rtäs redet, hat keine beweiskraft, vgl. unten s. 5fgg.

ZETTsrnmKT K. DEUTRCTTR PHTT.OT.OOTK. BD. XXXV 1

widerholt zu tun pflegte, wenn er in alten tagen geschenke empfieng (41 44)'. i);mii erwachl der wineUas guma; \<>r ihm breiten sich die falben wogen (45— 46)2; er sieht seevögel Bicb baden und die flügel ausbreiten (47); er aiebl reif und schnee fallen, mit bagel gemengt Dann worden die durch den verlust der teuren entstandenen schmerz- haften berzenswunden um so schwerer zu ertragen; die sorge kehrt zurück (49 50). Dann durchwühlt die erinnerung an die verwandten die brüst; er weint freudentränen8; eifrig schant er um sich (51— 52); die scliaar der freunde entschwindet widerum (dem blicke), die menge der schwimmenden, und sie bringen dort Dicht riele bekannten grüsse (53 bis 55a)4. Der schmerz erneuert sich dessen, der jedesmal Bein be- trübtes herz ofer wapema gebind senden muss (55b 57). a J'i> dahin erzählt nicht der dichter sondern der von ihm z. 6 eingeführte eardstapa.

i) Mit Thorpe 1. giefstöles anstatt giefstolas.

2) fealwe wegas i. e. wdegas, vgL Sweet in den anmerkungen; fealone wdg auch sonst, s. Gr. s. v. fealo.

3) greteS gliwstc&fum. gliwstcef, zeichen der freude: zum ausdrack vgl. nltn. grata hdstofnm. ce/pa hdstqfum.

4) Die nicht ganz richtig überlieforte stelle wurde von den herausgebern nicht verstanden und falsch interpungiert. secga geseldan, nom. oder acc. pl., 'aus männern bestehende genossen', d. h. 'schaar der freunde' (gesrlda, socius). Wenn secga geseldan subject zu swimmad ist, so ist geondsceaiceS intransitiv, 'schaut um sich'. Doch sind alle Zusammenstellungen mit geond- transitiv, s. Gr. I, 498; vgl. zumal das nahe- stehende gcondseon; auch geondsceawian an der einzigen stelle wo es ausser hier vorkommt, s. Bosworth- Toller 426a. Es liegt also auf der hand secga geseldan als object zu geondsceawad> aufzufassen: 'er blickt eifrig nach ihnen aus' (um die traum- bilder deutlicher zu sehen). Wenn das richtig ist, hebt der neue satz mit swimmad, nicht mit secga an. Dann folgt swimmad eft onweg. Das verbum swimman ist sehr richtig gewählt, denn das traumbild entschwindet über das meer, an dessen strande der wineleas guma sitzt (vgl. 46 48). cft, wie auch das bild des mondryhten entschwunden ist. Im folgenden fleotendra ferd ist ferä zu emendieren zu ferd, i. e. I'icrd, fyrd, agmen, exercitus. "Wer glaubt, dass geondsceawad absolut steht, und dass secga geseldan das subject zu swimmad ist, muss fleotendra ferd als appositiou dazu auffassen, fleotende heissen die männer, nicht weil sie im leben Seefahrer waren, sondern weil sie onweg swimmad. Das bild ist schön durchgeführt, bringet steht dann im singular durch anlehnung an das collectivum ferd. Doch glaube ich. dass fleotendra ferd subject, und dass sivimmad ein fehler ist für swimmeS, welcher sich aus einer irrigen auffassung des secga geseldan als subject erklärt. Auf keinen fall ist es richtig, mit "Wulker und Sweet nach omeeg semicolon oder sogar colon und zu gleicher zeit nach ferd nichts zu schreiben. fcla cüdra ewidegiedda, denn das traumbild spricht nicht. Ich lese demnach wie folgt:

georne grondsceatvad secga geseldan. SwimmeS eft onweg fleotendra ferd, peer fela hringed cüdra cw ideg iedda .

WANDBRER ÖNB SF.F.FAHKRR

Das object der erzählung ist der ivineleas guma (45), und zwar von z. 30 31 (l>äm Jjc htm lyt hafats Uofra geholena) an. Dieser ist frei- lich mit dem eardstapa identisch; der eardstapa aber hält ihn mit grosser epischer Selbständigkeit dadurch, dass er durchgehend von ihm in der dritten person redet, von sich fern. Auf einmal fällt nun der eardstapa z. 58 aus der rolle. Aus der dritten person geht er in die erste über, und zu gleicher zeit vernehmen wir nichts mehr von seinen noch von des ivineleas guma subjectiven empfindungen, sondern es folgen all- gemeine betrachtungen ,, Darum kann ich in der ganzen weit keinen grund finden, weshalb ich nicht betrübten herzens sein sollte, wenn ich das ganze leben der eorlas erwäge, wie plötzlich die mutigen helden starben." Wäre hier noch ein zweifei berechtigt, ob von allen eorlas ohne unterschied die rede ist, oder ob das praeteritum auf die ver- wandten des ivineleas guma deutet, das folgende (62 b 63) lässt nur eine auffassung zu. „So fällt diese weit jeden tag hin". Es folgt eine Schlussfolgerung, welche man kaum erwartet hätte. „Darum kann ein mann nicht weise Averden, bevor er einen (guten) teil der winter in der weit (erlebt) hat." Das klingt einigermassen sententiös, und unmittelbar daran schliesst sich eine reihe sprüche, welche lehren, welche fugenden ein wita besitzen soll, dass ein beorn nachdenken soll, bevor er spricht, dass ein vernünftiger mann erwägen soll, wie geistlich (er??) ist [(73) ist die absieht zu sagen: wie nur das geistliche bleibt?], wenn der weit Herrlichkeit vergeht; und dieser gedanke führt zu der z. 63 erwähnten tag für tag alternden weit zurück; z. 75fgg. heisst es: „so stehen nun an mehreren orten in dieser weit wälle, durch die der wind weht, mit reif bedeckt; häuser liegen in schutt; weinsäle verfallen; ihre besitzer liegen des glückes beraubt (tot) (79); alle stolzen krieger sind bei dem walle gefallen (80); einige nahm der kämpf fort; andere trug ein vogel [nach einigen interpretatoren 'ein schiff' (vgl. s. 6 anm.)] hin über das hohe meer; einige tötete (?) der graue wolf (vgl. s. 6 anm.); einige be- grub weinend ein eorl in ein grab (80 b 84). Auf diese weise hat der schöpfer diese wohnstätte (oder diese erde? pisne eardgeard) verödet, bis die alten riesenschöpfungen (die gebäude) der burgbewohner leer standen ohne jubel (85 87)." Hier lenkt die Überlieferung wider in die z. 58 verlassene spur ein. „Dieser betrachtet dann in seinem an er- fahrungen reichen gemüte1 diese ruine (pisne wealsteal) und dieses finstere leben, weise im gemüte (fröd in ferhe wise geflöhte) ; oft denkt er an die vielen schlachten zurück, und er spricht die folgenden worte (88 91): lWo kam das pferd bin, wo der mann, wo der schatz-

1) geflöhte verstehe ioh mit Grein als substantivum ; wise instr, -

1*

geber? Wo sind die festsäle geblieben, wo die freude in der halle V Ach, glänzender becher! acb, panzerkämpfer! ach, dem forsten dienende schiir! Wie ist die zeil vergangen, verschwunden unter der bulle der nacht, als wäre de niedagewesen! (92 96) Auf der spur der teuren schar (d.h. an dem orte, wo sie gefallen) steht jetzl ein wunderhoher wall (ein denkmal, vgl. s. 7), mit Schlangenbildern geschm ickl (97 98); die männer oabra die krafl der äpeere fort, die nach toten verlangenden waffen, das mächtige geschieh (99 -100); und stürme schlagen wider die steinmassen (101); tobendes wetter, des winters ungestüm, bält die erde in knechtschaftJ; dann kommt der beengende finstere schatten der Miicht und sendet vom norden her wilde hagelschauer, den helden zum höhn (anda, vexatio; 102 105). Das ganze erdenreich is< voller be- schwerdon; das geschick wendet die well unter dem himmei. Hier sind besitztümer vergänglich; hiev ist der freund vergänglich; hier i>t der mensch vergänglich; hier ist der verwandte vergänglich: dieser ganze erdenraum ist eitel' (106 109). So sprach der im gemüte weise; er setzte sicii abseits und sann (111)". Es fplgen noch einige spräche (112 115), welche mahnungen enthalten zur treue, zur mässigung in zornesäusserungen, falls keine aussieht auf räche vorhanden ist; schliess- lich eine Seligsprechung dessen, der sein glück beim himmlischen vater sucht, in dessen hand unser aller heil ruht.

Es ist klar, dass der wineleas guma, über den der eardstapa z. 31 zu reden anfängt, und den er z. 58 aus dem äuge verliert, gegen das ende des gedichtes wider auftritt. Z. 91 steht: päs word ucicih. und darauf folgt die klage über pferd, mann, schatzgeber usw., welche z. 110 mit der bemerkung über die eitelkeit alles irdischen schliesst. Hier sind zwei auffassungen denkbar. Entweder sind päs word äcitib worte des dichters und z. 92 110 werden vom eardstapa gesprochen, den er z. 6 7 sprechend einführte. Oder der eardstapa spricht päs word äcwfiS, und was folgt, sind worte des wineleas guma (z. 31. 45). Im ersteren fall hat der dichter selbst z. 58 den eardstapa, der erzählte wie dem wineleas guma bei seinen visionären träumen zu mute war, unter- brochen, und er hat es für notwendig erachtet, ihm von neuem das wort zu geben und zu motivieren, dass er zu reden anhebt. Die einzig

1) hrüse. 1. mit Sweet hrüsem. Die interpunetion ist: 101: and ßäs stdnhleopu stormas cnyssaÖ; hriS kn'osande hr/isan bindet, wintres wöma; ßonne ivon eymeS, nipeS nihtscua usw.

WANDERER UND SEEFAHHEK

richtige motivierung aber wäre diese, dass der dichter mit seinen eigenen beraerkungen fertig war; wir vernehmen statt dessen, dass der eardstapa zu reden anhebt, weil er einen wealsteal betrachtet, weil er über das düstere leben nachdenkt, und weil er sich an frühere schlachten erinnert. Das ist doch keine weise, jemand, den man selbst unterbrochen hat. seine rede fortsetzen zu lassen. Und was der eardstapa dann sagt, ist auch keineswegs eine mögliche fortsetzung seiner unterbrochenen rede. „Wo sind pfercl, mann usw. hingekommen?" Hat er denn zuvor pferd, mann usw. gesehen? Keineswegs. Also ist es auch nicht der eardstapa, der spricht: 'Hurer civom mearg' usw.; im gegenteil. die worte päs word äcivib sind worte des eardstapa, und damit führt er den wineleas guma, von dem er bisher in der dritten person gesprochen, redend ein. Dem widerspricht nicht, dass z. 110 mit der rede des wineleas guma auch die des eardstapa schliesst, denn dieser hat seiner erzählung von dem ivineleas guma, der ja niemand anders als er selbst ist, nichts hinzuzufügen, und er schweigt daher, sobald seine in der klage über die Vergänglichkeit alles irdischen culminierende erzählung zu ende ist. Nun sind z. 92 fgg. durchaus dazu geeignet, von dem ivineleas guma gesprochen zu werden. Denn diesem hat ein traum- gesicht sich gezeigt. Er glaubte seinen herrn zu sehen; er erwachte und sah nur badende seevögel. Er glaubte sodann seine verwandten zu sehen; er erwachte, und die erscheinung glitt über das meer fort, wo seine gedanken ihr folgen (56 57). Fürwahr, dieser mensch hat guten grund zu fragen: wo sind sie hingekommen, mann, pferd, herr. saal die ganze ausmalung ist nur eine weitere ausführung des vorher kurz skizzierten traumbildes. Aber das bewusstsein kehrt vollständig wider, und das hivcer civom, das sich im gegebenen Zusammenhang nicht direct auf die Wirklichkeit, sondern auf die Scheinwirklichkeit des traumes bezog, geht in ein ed 14/ über.

Es wäre nun in der tat höchst auffällig, wenn der eardstapa^ der das wesen des ivineleas guma so tief auffasst und so plastisch vor äugen führt, der es auch nicht für notwendig erachtet, der klage seines beiden ein einziges wort hinzuzufügen, seine erzählung auf ihrem höhenpunete unterbrochen hätte, um mitzuteilen, von welcher beschaffenheil der Lau! der weit ist, und wie ein wita und ein beorn sich zu betragen haben. Und doch muss man sich jene rerse, ';,"s s'<-> /u dem ursprünglichen gedichte gehören, als einen teil der rede des eardstapa verstellen: als directe äusserung des dichters haben sie gar keinen zweck und stören den Zusammenhang weit mehr, denn nicht nur die mitteiluug, dass der eardstapa zu reden aufhört, sondern auch die in solchem falle uneni-

6 BOBB

behrliche nachricht, dasa er wider anhebt, fehlt. Aufgrund diesei er- wägungen ist man, wie ich glaube, rollständig dazn berechtigt, /.. '^ bis 87 für einen jüngeren zusatz, für den in der Ökonomie des gedientes kein platz vorhanden ist. zu erklären1.

Di«' person, welche z. 88 w' genannt wird, isl also der ivineUas guma aus z. 31 57. Das pronomen genügt kaum zur bezeichnung einer person, von der in den letzten 30 /.eilen (58 87) nichl die rede war. A i m ■)■ es ist doch eine art hinweisung, und mau darf ruhig be- baupten, dass, wenn es unter diesen umstünden kein leichtes ist zu verstehen, auf wen z. 88fgg. sich beziehen, solches vollständig unmög- lich wäre, wenn das pronomen nicht dastünde. Wenn aber z. 58 87 ursprünglich nicht zu diesem gedichte gehörten, so war eine solche hervor- hebung einer person, welche das subject des unmittelbar vorhergehenden Satzes war, wenigstens überflüssig. Dass se tatsächlich ein zusatz des interpolators ist, der die anfangs- und Schlusszeilen von z. 58—87 schrieb, beweist nun der parallelismus im ausdruck mit den ursprüng- lich vorhergehenden zeilen.

] I Kino nähere betrachtung dieses absehuittes folgt in einem anderen zusammen- hange. Hier weise ich noch auf den Widerspruch, in dem z. 80 84 mit ihrer an- geblichen aufzählung von todesarten mit den echten zeilen 7 und 91 stehen. Die verwandten des wincleas guma sind im kämpfe oder sonst nirgends gefallen, vgl. auch z. 97 98 (z. 99 100, welche gleichfalls von mehreren todesarten nichts wissen, übergehe ich aus gründen, welche sicli später ergeben werden). Unter solchen um- stünden will es mir nicht einleuchten, weshalb der vogel z. 81 sutiu/c oßbeer, als ein schiff erklärt werden soll, bloss damit der interpolator nicht menschen von einem vogel über das meer tragen lasse, denn er gibt uns wol härtere nüsse zu knacken, und ein märchen dieses inhalts kann ihm leicht bekannt gewesen sein, wenn er auch niemals von Hagen, dessen Jugendgeschichte Wülker, Grundr. d. gesch. d. ags. litt. s. 206, ohne grund in diesem zusammenhange anführt, gehört hatte. Bezeichnend ist der umstand, dass der interpolator seiner eigenen aussage widerspricht, denn wenn (l)if)iii) eal gecrong wlonc bi ivealle (79b 80a), wer bliebe dann gespart, um auf eine andere weise sein leben zu verlieren? Übrigens glaube ich nicht, dass in diesem wirren gerede eine aufzählung aller denkbaren todesarten beabsichtigt worden ist; namentlich scheint mir die Übersetzung deaSe gedcelde 'übergab dem tode, tötete1, trotz Andreas 955 sehr zweifelhaft; auf den wolf angewendet, dem es um einen frass, nicht um ein opfer für den tod zu tun ist, ist das eine sehr verschrobene ausdrucks- weise, angenommen, dass sie an sich möglich ist. Ist vielleicht deade geddlde 'teilte mit dem tode' so zu verstehen, dass diesem die seele, dem wolfe der körper zufiel? Natürlich auf dem schlachtfelde. Dann müsste man vielleicht z. 80 ealle für stime lesen (eal geht z. 79 unmittelbar voran, und summe folgt z. 81. 82. 83), und der sinn der ganzen stelle wäre : alle nahm der kämpf fort (79) ; einige trug (nachdem sie gefallen) ein raubvogel (adler, rabe, meinetwegen der Seeadler) über das meer dahin; andere frass der wolf; einige (diejenigen unter den gefallenen, welche nicht von den raubtieren verspeist wurden) begrub ein eorl.

WANDERER USD SEEFAHRER

Der eardstapa erzählt die ernpfindungen des ivineleas guma in chronologischer reihenfolge; jedesmal wird die mitteilung mit demselben worte eingeleitet: z. 39: tonne sorg and slcep . . . earmne anhogan oft gebindat; z. 45: tonne onwcecnet; z. 49: ponne beot py heßgran heortan benne ; z. 51: ponne mäga gemynd mod geondhweorfeÖ1. Daran schliessen sich in völlig gleicher weise z. 88fgg.: ponne . . . geond- pe ncet, . . . oft gemon wcelsleahta worn. Dieser parallelismus liefert einen neuen beweis dafür, dass oben z. 58 87 mit vollem rechte aus- geschieden wurden.

Es sieht aus, als habe der interpolator an dieser stelle sich nicht damit begnügt, das pronomen se hinzuzufügen; er hat, wie es scheint, auch versucht einen gewissen Zusammenhang mit seiner interpolation zu stände zu bringen. Formelle einwendungen, welche sich wider z. 88 89 erheben lassen, werden ihre beweiskraft nur einer näheren betrachtung des ganzen entlehnen. In bezug auf den inhalt ist zu bemerken, dass die beiden Zeilen sich weder auf z. 57 noch auf das was folgt, sondern auf das unmittelbar vorhergehende beziehen, pisne wealsteal (88), „diese m auer statte " scheint eine ruine zu bezeichnen. Nun ist z. 86. 87 von einer ruine die rede, und auch z. 76fgg. beschreiben eine solche, aber das ursprüngliche gedieht weiss davon nichts. Der wineleas guma sitzt am meeresstrande (z. 57) und aus z. 98 lässt sich folgern, dass in der nähe ein grabmal sich befindet2, obwol er dasselbe erwähnen kann, auch wenn er nicht selbst am orte steht. Aber obgleich zweimal von wcelsleahtas die rede ist, dass die bürg des herrn zerfallen ist, wird nirgends berichtet. Man könnte fragen, ob pisne wealsteal nicht auf den iceal wundrum he'ah sich beziehen kann. Abgesehen davon, dass das eine wunderbare bezeichnung eines unversehrten grabmals wäre, verbietet auch pisne (88), welches auf das unmittelbar vorhergehende weist, eine solche auffassung. Z. 88 89 hängen also mit 58 87 zusammen. Das beweist nun nicht, dass 58 87 echt, sondern dass auch 88 89 unecht sind. Denn es ist auch zwischen 88 89 und 90 ein directer Widerspruch in der ausdrucksweise vorhanden. Aus z. 90 geht nämlich hervor, dass die betrübte Stimmung nicht ein einziges mal durch den einmaligen anblick einer bestimmten statte, sondern widerholt durch das verschwindende

1) Dieser parallelismus zeigt deutlich, welche iuterpunctiou des betreffenden abschnittes die richtige ist: jedesmal hebt mit ponne ein neuer satz an. Falls die herausgeber darauf aufmerksam gewesen wären, hätten sie nicht an einigen stellen ponne als unterordnende conjunetion aufgefasst.

2) Das grabmal kann ein am strande errichtetes weil sichtbares de*ukmal gewesen sein, wie ein solches im Beowulf beschrieben wird.

trau pibild erweckl wird, feor oft gemon wcehleahta wom\ da- oft be- finde! sich in bestimmtem Widerspruch mit pünt . steht aber in voll- ständigem einklang mit 39 57, vgl. 39; hoivne sorg and sldp .... änhqgan oft gebindet] vgl. aucli z 56 /»in/ j>e sendan eceal swlfti geneahht i oft)... we'rigne sefan (vgl. noch z. 8. 20), Die erinne- rung an die schlachten, wo die verwandten gefallen, Bchliessi sich ferner auf's beste an die bemerkung, dass, die träum gestalten verschwinden.

Angesichts dieser tatsachßn weise ich nur der Vollständigkeit halber auf das geschmacklose wUe gepöhte, eine unklare widerholung von fröd in ferhe, auf den schlechten stil, der geondpencet und feor oft gemon olino Verbindung nebeneinander stellt, und auf den Welt- schmerz, der z. 89 zum ausdruck kommt und zwar an die eingebildete weltklugheit des interpolators aber nicht an den positiven schmerz des wineÜas guma malint; dass dieser seine klage mit einer stilistisch sehr hoch stehenden allgemeinen bemerkung schliesst, ist eine ganz andere erspheinung. Das ergebnis ist, dass die fortsetzung von z. 57 ursprüng- lich lautete (88/90. 91): ponne froä in /erbe fear oft genton iral- sleahta ivorn and pds ivord dciviö.

Dieses resultat ist für die beurteilung der übrigen teile des ge- wichtes massgebend. Z. 29 36 wird der wineleas guma eingeführt: wer das erlebt hat, weiss, wie schwer sein geschick ist. Weder gold noch freuden, Verbannung und ferbloca freorig werden ihm zu teil. Er erinnert sich entschwundener Seligkeit. Darauf folgt z. 37 38: for- pon wdt se pe sceal his winedryhtnes leofes larcwidum lange forpolian. Dann die aufzählung von traumerscheinungen und empfindungen, mit- einander verbunden durch das widerholte ponne am anfange des satzes. Dieses ponne steht mit dem vorhergehenden in keinem syntactischen Zusammenhang. Man fragt nun: was bedeuten z. 37 38? Was weiss derjenige, der die lehren seines winedryliten lange . entbehren muss? Der text bleibt die antwort schuldig. Eben so unmöglich wie die con- struetion ist der sinn. Denn das einzige was folgen könnte ist, dass diese person weiss, wie schwer das leben ohne herrn und ohne ver- wandten ist. Aber das wissen wir schon lange. Das wurde z. 29fgg. mitgeteilt und mit derselben wendung eingeleitet: Wdt se pe eunnaft usw. Dort war die bemerkung am platze. Hier aber, wo von den vorstellungs- complexen jenes wissenden die rede ist, ist die mitteilung, dass er weiss, nicht nur überflüssig, sondern in hohem grade störend. Die beiden Zeilen lassen sich charakterisieren als ein äusserst ungeschickter versuch, deutlich zu sein. Mit einer gelehrten miene setzt sich der interpolator an die erklärung, forpon, 'desshalb' sagt er, und nun

WANDhHKK UMj SKKiAÜKER

widerholt er, was schon gesagt worden ist, bleibt aber mitten in seiner erklärimg stecken. Den winedryhten hat er aus dem yoldivine (35) und dem mondryhten (41) zusammengeleimt1. Eine ähnliche stelle ist z. 17 18. Z. 12fgg. sagt der eardstapa: „einem eorl ziemt es, dass er sein herz fest verschliesst, was er auch denken möge. Ein gemüt. das sich dem schmerze hingibt, vermag dem geschicke nicht zu wider- stehen." Die allgemeine Wahrheit wird dann z. 19 20 an der redenden person exemplificiert. „So musste auch ich unglückseliger verbannter oft mein herz mit fesseln binden." Zwischen der lehre und dem bei- spiele steht nun (z. 17 18): forpon dömgeorne dreoriyne oft in hyra breostcofan bindafi fceste. Der fall ist dem oben besprochenen voll- ständig analog. Der gedanke ist nur eine widerholung von z. 13 14. und dieselben Wendungen werden benutzt: bindaft fceste = z. 13 fceste binde; für Jiordcofan findet der exeget die geringe Variation breostcofa; das ganze wird, wie z. 37, mit forpon erklärend eingeleitet, und auch die grammatische ungeschicktheit fehlt nicht, denn das adjectivum dreoriyne schwebt in der luft, und das object möd oder hyge, zu welchem es als bestimmuug gedacht ist, muss aus dem vorhergehenden satze ergänzt werden. Es fällt auf, dass dieses forpon, welches zwei- mal die schlechte widerholung eines schon mitgeteilten gedankens ein- leitet, auch in der grossen interpolation (z. 58 87) zweimal begegnet, das erste mal sogar gleich am anfang. Und beide male gleichfalls ohne jede bedeutung. Denn man versteht in der tat nicht, wesshalb der sich erneuernde schmerz desjenigen, der seine gedanken ofer wapema gebind sendet, für einen anderen einen grund abgeben kann um mehr als sonst der fall sein würde, traurig gestimmt zu werden, wenn er an das ganze leben und den tod der eorlas denkt (58 62 a), und noch weniger leuchtet es ein, wie aus der Vergänglichkeit der weit sich er- geben soll, dass ein mann nicht weise werden kann, bevor er alt ist (64 65a). Die frage, wie jemand auf den gedanken kommen konnte, so viele unnütze bemerkungen mit forpon einzuleiten, lässt sich von dem bisher gewonnenen Standpunkte aus noch nicht beantworten; doch genügt das forpon, um für die vier stellen einen ein/igen nichts weniger als genialen dichter zu constatieren. Zu gleicher zeit verdient es beachtung, dass ein weiteres forpon in dem gedichto nicht vor- kommt.

lj Damit soll wie sich versteht nur gesagt »m. woher das übrigens öftor begegnende wort an dieser stelle stammt. Das verfahren des mterpolators an

anderen stellen (vgl. unten) und auch am anfang dieser zeile berechtigt zu dioser annähme.

10 BOEU

Noch eine stelle in der ersten bälfte « 1 « gedientes ist mir sein' verdächtig, nämlich z. 24b 29a. So lange man die ganze Über- lieferung mit all ihren Zusätzen als eine einheil betrachten konnte, Gelen diese zeilen nicht besonders auf, da ihr Inhal! doch einigermassen dem stoffe des gedientes sich fügt. Nachdem aber der gedankeng des dichters als ein sehr subtiler und ein sehr logischer sich hat, ist <I<t nachweis, dass sieden Zusammenhang stören, kein schwie- riger. Der eardstapa hat gelernt sein herz zu verschli essen, ><-it die erde seinen herrn deckt und er Geringschätzung erduldend von dannen gieng (19 24a). Wer das erlebt hat, kennt die sorge dessen, der keine freunde hat (29b fgg.). Der herr und die verwandten leben in der erinnerung fort (34 fgg.). Was stellt nun zwischen 24a und der fortsetzung? Der eardstapa ging von dannen:

ofer wapema gebiml 25 söhte sele dreorig sinces bryttan,

hivccr ic feor öppe neah fmdan meahtc,

Pone pe in meoduheaUe mine ivisse

oppe mec freondledsne frefran ivolde

wenian mid wynnum. Dass der eardstapa sofort einen Stellvertreter seines herrn sucht, stimmt schlecht zu der Stimmung unseres visionärs. Doch hätte dieser einwurf bloss den wert eines subjeetiven Urteils, wenn nicht sprach- liche und stilistische erwägungen hinzukämen. Das antecedens zu pone pe (27) kann nur sinces bryttan sein der aecusativ pone im anschluss an z. 26 und unter dem einfluss von söhte denn wenn man pone mit findan verbindet, so steht in den zeilen, dass der eardstapa den saal eines bestimmten schatzgebers sucht, um zu sehen, ob vielleicht irgend einer (der anwesenden etwa) ihn zu trösten bereit sei; ohne die nähere bestimmung in z. 27 wäre nur der plural sinces bryttena am platze. Wenn aber z. 27 zu z. 25 [gehört, wo ist dann das objeet von z. 26? Wie man die stelle auffasst, der ausdruck bleibt verschroben. Und was soll es heissen, dass der eardstapa jemand sucht, „der von liebe weiss denn mine kann nur = myne sein oder mich freundlosen trösten wollte"? Dazu kommt der uns schon zur genüge bekannte mangel an Originalität des ausdrucks. 24b: ofer wapema gebind = 57 a. 25: sele . . . sinces bryttan vgl. 34: sele . . . and sinepege. 29: wenian mid ivynnum, vgl. 36: ivenede wiste. 28: freondleasne , vgl. 45: wineUas guma. 25: dreorig zeugt bloss von armut des ausdrucks, denn dreorigne (17) stammt aus derselben feder. Zu 24b ist noch zu bemerken, dass ausser der einleitung, über welche

WANDERER UND SEEFAHRER 11

unten s. 21 fg. zu vergleichen ist, nur an dieser stelle berichtet wird, dass der eardstapa über das meer fuhr; z. 56 sendet er bloss seine gedanken in jene richtung; z. 97 scheint er am grabe seiner verwandten, also wahrscheinlich auch wol in ihrem lande, zu stehen. Es kommt noch der metrische fehler (27b) mine (= myne) wisse hinzu, der schon mehrere emendationen hervorgerufen hat, der aber nur ein nicht alleinstehendes zeugnis des metrischen Ungeschickes unseres interpola- tors ist. Der richtige anschluss ist demnach:

23b. 24a/29b:

and ic hean poiion wöd wintercearig. Wdt se pe cunnah usw. ; wadan ohne Ortsbestimmung in der bedeutung 'meare, progredi', be- gegnet auch sonst, z. 6. By. 130.

Dass in der rede des wineleas yuma z. 99 100 ein zusatz sind, lässt sich kaum bezweifeln. Zwar fehlt ein so direktes äusseres zeichen der interpolation, wie an mehreren der oben behandelten stellen. Aber der satz stört den direkten Zusammenhang von 98/101, welche von dem denkmal reden, um zu widerholen, was man lange weiss, dass die männer, für welche ein denkmal errichtet wurde, tot sind. Die aufzählung asca firyfte usw. erinnert an z. 80fgg.; namentlich ist wyrd seo märe verdächtig (vgl. unten s. 21); zu den eorlas ist z. 60 und auch 84 zu vergleichen; der eardstapa nennt seine verwandten mit herzlicheren namen; noch unmittelbar vorher heissen sie leof dugufy und ähnlich an allen anderen stellen, wo er sio erwähnt.

Auch z. 112 115 gehören nicht zu dem ursprünglichen ge- dichte; das zeigt der direkte Zusammenhang mit 65bfgg. Der inhalt der Sprüche steht dem gedichte durchaus fern; der hinweis auf diu himmel (z. 115) lässt sich überall anbringen. Mit einem gewissen geschmacke sind hier schwellverse, welche allerdings auch z. 74 a. 75a vorliegen, für den schluss gewählt worden, vielleicht im anschluss an die letzte feierliche zeile des ursprünglichen gedichtes1.

Die längere interpolation z. 58 87 lädt zu einer genaueren be- trachtung ein. Zwei demente lassen sich in ihr deutlich unterscheiden. Zunächst die ausführungen über die eorlas, welche plötzlich starben, über die täglich alternde weit, über die in trümmem liegenden wein- säle und was damit zusammenhängt; sodann die Sprüche, die mit den denksprüchen derselben (Exeter-) handschrift eine enge Verwandtschaft

J) Als einen schwellvers des dichtere fasso ich auch z. 107 a auf. liier ist der aulass dazu derselbe wie 111, eine gehobene stimmuug, welche einen entsprechenden ausdiuek sucht; vgl. auch die form der y- 108 9. A.uoh LlOa ist bo zu verstehen,

zeigen, welche unten Doch klarer zu tage treten wird. Die frage, ob die sprüohe von demselben oder von einem jüngeren interpolator wie die übrigen zusätze herrühren, von einem alteren kann nicht die rede sein, da die spräche inmitten der grossen Interpolation angebracht worden sind ist oiehl leicht zu beantworten. Gegen die Identität der Verfasser der Interpolationen 1 und II1 scheinen mehrere gründe ZU reden: I dichtete selbst3, denn v igt, bezieht sich auf den

inhalt des gedientes; die rerse haben ausserhalb dieses zusammenhai niemals existiert. II nimmt verse auf, welche er nicht Berber gedichtet hat, aus seinem gedäcbtnisse oder, weniger wahrscheinlich, aus einem geschriebenen buche. Ferner ist es a priori nicht Behr wahrscheinlich, dass I seine predigt über die Vergänglichkeit dieser erde unterbrochen haben würde, um Sprüche aufzunehmen, deren inhalt seinem gedanken- gange gerade so fern steht wie dem des alten gedichtes. Demgegen- über ist daran zu erinnern, dass wir von I nicht genug wissen, um mit Sicherheit zu entscheiden, wozu er im stände gewesen sein kann. Dass der Zusammenhang bei ihm zuweilen manches zu wünschen übrig lässt, kann aber nicht geleugnet werden. Es fragt sich somit, ob eine scharfe grenzlinie zwischen I und II gezogen werden kann. Zu I ge- hören 58 63. 75 87; zu II 65b 72; fraglich bleiben 64— 65a; 73 74. Letzteres verspaar: ongietan sceal gleaiv hcele, hu gdstlw biö, po?i?ie ealre pisse worulde wela iceste stondeft, zeigt einen einigermassen gnomischen Charakter und stimmt auch darin mit den vorhergehenden Sprüchen überein, dass es eine Vorschrift enthält. Der verseingang: verbum oder substantivum mit folgendem sceal ist dem von 65b. 70 gleich. Andererseits mahnt der schlechte stil das subjeet des satzes

1) Wo die Unterscheidung notwendig ist. nenne ich die beiden interpolationen- gruppen I und II und deute mit diesen zahlen auch ihre Verfasser an. ohne dadurch über die frage, ob tatsächlich zwei verschiedene Verfasser anzunehmen sind, zu präjudicieren. Zu I gehören z. 58 87 mit ausschluss der Sprüche, ferner 16 17. 24b 29a. 37 38. 99 100; zu II die Sprüche in der grossen interpolation und z. 112 115.

2) Damit wird ihm keine dichterische Selbständigkeit zugesprochen; Originalität des ausdrucks geht ihm völlig ab. Wo er nicht dem gedichte selbst seine formein entlehnt, benutzt er andere quellen, vgl. unten s. 21 fg., wo mehrere beispiele an- geführt werden. Z. 87 enta geiveorc stammt ferner aus Euine 2; eine andere ent- lehnung aus demselben gedichte unten s. 17; schwächere anklänge finden sich in dem vorliegenden passus (58 87) au mehreren stellen. Hierher gehört auch die von Rieger hervorgehobene stelle Wa. 75 'Der menschen geschicke' 64 5 [Swä missenlice . . . geond eorßan sceat). Sume . . . swnne usw. (z. 80 fgg.) findet sich durch dasselbe gedieht durchgeführt, aber auch anderswo (z. b. in "Des menschen gaben'.

WANDERER UND SEEFAHRER 13

hu gdstlic bib fehlt an I; und der inhalt klingt wenigstens un das folgende swld ml . . . winde biiväune iceallas stondab an. Freilich lässt sich das auch daraus erklären, dass die folgenden zeilen II an einen sprnch über die Vergänglichkeit mahnten, und der schlechte stil könnte in diesem falle auf mangelhafter Überlieferung beruhen. Eine entschei- dung ist hier schwer zu treffen1. Die fortsetzung zu 63 bildet aller- dings 75, nicht 73, aber auch das beweist nichts, da auch dann, wenn man 73 74 zu II stellt, doch 64 65a noch 63 von ihrer natürlichen fortsetzung trennen. Denn dass diese l1* Zeilen, welche einerseits den Zusammenhang zwischen 63 und 75 stören, andererseits, obgleich sie einen gnomischen Charakter tragen, doch den folgenden Sprüchen, welche alle in einer und derselben weise anheben, formell fernstehen, zu I gehören, beweist das forpon am anfange. Auch hier wäre also die entscheidung unsicher, wenn nicht ein äusseres kennzeichen (forpon) zur hilfe käme. Das würde darauf weisen, dass tatsächlich eine scharfe grenzlinie nicht vorhanden ist, und zu dem Schlüsse führen, dass I und II von einem interpolator herrühren. Aber gerade an dieser stelle wird eine naht sichtbar. Während überall, auch in den Sprüchen, eine gewisse regelmässigkeit des Versbaues wenigstens angestrebt worden ist. steht man bei z. 65: wintra dcel in woruldrice. Wita sceal gepyldig vor einem metrischen ungeheuer. Die zeile ist überfüllt: ihre erste hälfte kann gar nicht zwei- und schwerlich dreihebig gelesen werden; es hat den anschein, als bilde diese hälfte eine volle langzeile. Wenn I blos diese hälfte schrieb, so war das freilich keine tadellose langzeile. aber das liesse sich doch recht wol verstehen. Er hatte eine vollständige langzeile wie Gen. 1185 wintra gebidenra on woruldrice im gedächt- nisse. Als er nun nach dem muster von gebidenra </>>'l eine erste halb- zeile schrieb, wurde diese um eine silbe zu kurz: aber ein dichter der unmittelbar vorher (64) einen vers schreiben konnte wie:

forpon ne mag iceorjum wis wer. cer //'•' äg<

wird auch kein bedenken gehegt haben, z. 65 on sui ersten halbzeile zu stellen. Die zweite halbzeile: woruldrice steht dann metrisch auf

1) Das steht aber fest, oh man nun für z. 73 74 and 75fgg. einen zwei dichter annimmt, dass z. 7.~> ein neuer satz anhebt und nach 74 punctum nicht semicolon, wie die herausgebe! schreiben stehen muss. Der Zusammenhang zwischen 63 und 75 ist vollständig klar, und durch die gewaltsame Verbindung von 73 74 und 75 zu einem safze wird zwar 75 verständlich, 7S— 74 bleiböi unklar wie zuvor.

2) Man beachte auch die durchaus sprachwidrige verebetouung ».58, " /.. 59, wo min die hauptatäbe sind.

I I B01 K

einer linie mit der von demselben interpolator gedichteten z. 27b: mim wisse. Als nun darauf die Sprüche in den texl aufgenommen werden sollten, Iml) der erste spruch -- wie viele andere— mit einer zweiten balbzeile an, und nun wurde z.65 für die anknüpfung verwendet

Da wir bisher bei I keiner zeile begegneten, welche bis zu dem grade wider die metrischen regeln Verstoss! wie diese, liegt der ge- danke an einen zweiten interpolator nahe. Indessen ist doch zu er- wägen, dass die zeile, auch wenn sie ganz aus der feder von I stammt, doch in gewissem sinne einen ausnahmefall darstellt Denn wo es galt, etwas fertiges wie einen spruch aufzunehmen, war die metrische Schwierigkeit grösser als da, wo es bloss darauf ankam, den eigenen ge- danken oder die eigene gedankenlosigkeit weiterzuführen.

Unser vorläufiger schluss ist, dass einige, freilich nicht zwingende gründe für zwei interpolatoren reden, dass aber, falls im weiteren laufe der Untersuchung gründe für eine entgegengesetzte auffassung sich er- geben würden, die verschiedenen zusätze des 'Wanderers1 sich auch als arbeit eines einzigen interpolators erklären' lassen.

IL

Untersuchung des 'Seefahrers'. Das gegenseitige Verhältnis zwischen 'Wanderer' und 'Seefahrer'.

Mit Kluge (Engl. Stud. 6, 312 fgg.) nehme ich an, dass z. 64b— 124 ein jüngerer zusatz sind. Es ist aber leicht zu ersehen, dass das gedieht ursprünglich nicht mit 64a aufhörte; die Überlieferung ist also an dieser stelle fragmentarisch, und kein grund ist vorhanden, die möglichkeit zu leugnen, dass sie auch an anderen stellen lückenhaft ist. Ferner glaube ich mit Rieger (Zschr. 1, 330), dass das, was dem zusatze vor- hergeht, ein dialog ist, wobei ich nicht entscheide, ob derselbe von zwei personen geführt wird, oder ob eine person mit sich selbst redet. Ich kann aber nicht die ganze erste hälfte des überlieferten gedientes (1 64a) für einen dialog halten, und zwar aus folgenden gründen: 1. die grenzlinien zwischen rede und gegenrede sind über- all scharf gezogen. Rede und gegenrede sind durchgehend ungefähr gleich lang. Die reiselustige person spricht 33b 38 (= S'/i z.) über 39 43 vgl. unten der, welcher von der reise abhält, 44 47 (= 4 z.). Die übrigen Zeilen verteilen sich in folgenderweise: 48 52 (5 z.). 53 57 (5 z.). 58 64a (6 Vi z-)- Dazu steht nun in keinem proportionellen verhältniss, dass derjenige, der die reise wider- rät, mit einer rede anfängt, welche länger ist als alles, was folgt (32x/2 z.

WANDERER UND SFFFAHRER 15

gegenüber 32 z. im dialog). 2. die person, der das reisen keine freude macht, spricht z. 1 33a in einem ganz anderen tone als später. 2.1 33a teilt er seine persönlichen erlebnisse mit; die besch werden und gefahren, welche er persönlich erfuhr, erfüllen ihn ganz; kein wort von allgemeinerer bedeutung, nicht einmal der rat zu hause zu bleiben, wird vernommen. Demgegenüber malen z. 44 47. 53 57 in ganz allgemeinem sinne die entbehrungen des seemannslebens aus, der See- fahrer aber, der aus eigener erfahrung spricht, ist verschwunden; der ton der zeilen ist ausschliesslich adhortativ von einer klage keine spur. 3. das, was die reiselustige person z. 33b fgg. aussagt, ist keines- wegs eine antwort auf das, was vorhergeht. „Darum treibt mich mein herz dazu an, dass ich selbst den hohen meeresstrom1 kennen lerne." Warum? Weil es einem anderen dort unbehaglich zu mute geworden? Was ist das für eine logik?

Der dialog besser: der uns bekannte teil des dialogs hebt also z. 33b an; die ersten worte zeigen, dass etwas vorangegangen, dass also am anfang wie am ende ein stück fehlt. Was vorhergeht, ist ein anderes gedieht, die klage eines Seefahrers, gleichfalls fragmentarisch, welches auf grund der ähnlichkeit des inhaltes mit dem dialogischen gedichte verbunden wurde. Inhaltlich steht es in der mitte zwischen 'Wanderer' und dialog. Der mann klagt über seine einsamen reisen. Die einsamkeit teilt er mit dem eardstapa des 'Wanderer', die seereise als hauptinhalt ist der berührungspunkt zwischen 'Klage' und dialog.

Betrachten wir zunächst noch den 'Seefahrer' als ganzes, so zeigt sich mit dem 'Wanderer' nicht bloss stoffliche Übereinstimmung, sondern auch gleichheit des ausdrucks. Das haben auch andere bemerkt. Zu welchen Schlüssen aber berechtigen diese Übereinstimmungen? Weisen sie darauf, dass beide gedichte aus einer schule stammen, wo bestimmte gefühle und stereotype gefühlsausdrücke zur manier geworden waren? Oder hat während der mündlichen oder schriftlichen tradition eines der beiden gedichte das andere beeinflusst, sei es durch irrtümliche Über- führung von motiven, sei es durch absichtliche Umarbeitung? Wenn die gleichheit aus der schule stammt, lässt sich erwarten, dass die Übereinstimmungen einigermassen gleicbmässig über das ganz»' verteilt sein werden. Auch wird mehr ähnlichkeil als vollständige gleichheit sich zeigen. Hingegen weisen gruppenweise auftretende Übereinstim- mungen, zumal bei starker ähnlichkeit, auf direkte beeinflussung. Wie verhält sich in dieser hinsieht der 'Seefahrer' zum 'Wanderer'?

1) hean streamas 1. mit Kumulier heahstreamas. Oder hin striamas^

I <) BUKK

An anklängen, welche aus der ähnlichkeit der dichtungsart sich leicht erklären, linde ich:

Se. 12 mertw&rig. 29 icrr'xj. Wa. 57 Uüirig \e sefdn. 15 wirig möd.

[2 55 /ra / se wow (se beorn) ne wät. Wa. 11 7c ftj sdj5«

//v/7. 29 Wät sr />r cunnat vgl. ::7 (interjwl. I). Wät

/>r sceal usw.

Sc. l i earmceärig (Vgl. 5 ökatseld). Wa. 2 mödeeärig. 20 earm-

iriiriij. 21 irinlercearig. Von grösserer bedeutung sind die folgenden zum teil schon von Riegef verzeichneten Übereinstimmungen, welche ich in vier grnppen teile (über eine fünfte gruppe s. die amtierkung zu s. 24).

1. Se. 23 Stormas pcer stänclifu böotan. Wa. 101 /V/n stänhleopu

stör ums enyssaft. Se. 31 JV/y; nihtscüa. Wa. 104 w^eö nihtscüa. Se. 31 norpan snhvde. Wa. 104 5 norptm onsendeÜ farSo h&glfare. Se. 32 /////// hrusan band. Wa. 102 3 hf&saft bindet! tbintres wörtiä. Se. 32 luegl feol on eorpan. Wa. hrio hcejflfeers, vgl. auch 102

hrib hreoscnde. Falls Se. 26 mit Gr. und Rieger frefran statt feran zu lesen ist, kommt noch hinzu: Se. 25 b 26 nd?iig hleötncega

feasceaftig ferb frefran meahte.

Wa. 28 oppe mec freondleasne frtfmn ivolde.

2. Se. 65 66 pis deade lif lehne on lande. Wa. 108 9 lnJjr InCs

fe'oh lerne usw.

3. Se. 14 iscealdne sä. Wa. 4 krimeealde sce.

Se. 15 ivunade ivrceccan lästum. 57 pe pd lurcecldstas ividost leegab. Wa. 5 wadan ivrcecldstas.

4. Die Sprüche Se. 106fgg., vgl. Wa. 112: dazu der schluss. der in red- seliger weise dazu auffordert, den himmel zu suchen, vgl. Wa. 114b 115.

Es fällt sofort auf, dass die Übereinstimmungen nicht gleichmässig verteilt sind, sondern gruppenweise auftreten. Zumal zeigt sich das deutlich an gruppe 1, auf welche allein in einem räume von 10 zeilen von den 9 bis 10 in den grnppen 1 3 enthaltenen stellen 5 bis 6 fallen, während in 32 aufeinander folgenden zeilen (33 64) keine einzige Übereinstimmung mit dem Wanderer vorhanden ist. Jene zehn zeilen mit fünf bis sechs parallelstellen zum Wanderer stehen nun gerade am Schlüsse des ersten gedichtes, der 'Klage': es stehen sogar vier der genannten stellen in direktem zusammenhange miteinander in den letzen 21/, zeilen. Die folgerung, dass diese zehn zeilen in der

WANDKRKR UND SKKFA11RER 17

vorliegenden gestalt die arbeit jenes compilators sind, der die "Klage' mit dem dialoge zu einem ganzen vereinigte, und dass dieser bearbeiter dabei den "Wanderer benutzte, liegt auf der hand. Vorläufig constatiere ich, dass wenigstens z. 31 33a ganz von ihm herrühren.

Die zweite gruppe enthält nur eine stelle: Se. 65 6. Wa. 108 9. Welches gedieht hier der entlehnende teil ist, kann nicht zweifelhaft sein. Die prächtige lyrik des Wanderers ist im Seefahrer zu albernem gerede benutzt worden1. Die worte stehen an einer ähnlichen stelle wie gruppe 1, nämlich unmittelbar hinter dem dialogfragmente am anfange der hinzugefügten langen predigt; die einleitungsphrase musste widerum der Wanderer hergeben; derselbe pfuscher schrieb diese zeilen 'und jene. Die erkenntnis aber der Umarbeitung resp. der unursprüng- keit der z. 22 33a und 64bfgg. führt zu der entdeckung einerneuen, sehr wichtigen Übereinstimmung, welche auch über die person des mn- arbeiters ein licht aufgehen lässt. Denn an beiden stellen begegnen wir dem unglückseligen aus den Zusätzen des Wanderers schon zur genüge bekannten forpon. Der Zusammenhang lässt keinen zweifei daran übrig, dass derselbe interpolator I, der die mit forpon anhebenden teile des Wanderer schrieb, auch Se. 27 und 64 niedergeschrieben hat. Se. 27 fgg. liefert sogar ein vollständiges analogon zu Wa. 17 18. 37 38. Was lange vorher erzählt worden ist, wird noch einmal widerholt und obgleich es nichts erklärt, mit einem erklärenden forpon eingeleitet. Z. 12 fgg. heisst es: „das weiss ein glücklicher mensch nicht, wie ich unglücklicher im winter auf dem kalten meere mich aufhielt". Es folgt eine beschreibung der Situation: reif, hagel, wasservögel; und dann: „darum (!) weiss ein glücklicher mensch nicht, welches elend ich auf dem meere erduldet habe''. Zum ausdruck ist zu bemerken, dass wlonc and wingäl (29 a) aus Ruine 35 a stammt. Gerade so ein- fältig steht forpon z. 64 da. „Mein gemüt reizt mich unwiderstehlich über das meer zu reisen, darum (sie!) mache ich mir mehr aus des herrn jubel als aus diesem toten, vergänglichen leben auf dem lande" (oder „auf der erde"? es ist gerade so deutlich wie es Wa. 61 ist, ob von bestimmten oder von allen eorlas die rede ist).

Man sieht leicht, dass eine und dieselbe nicht sehr gewissenhat'u- person den Wanderer und den Seefahrer umgearbeitet hat. Es ist der-

1) leene als adj. zu Vif begegnet oft; in diesem falle beweist die grosse zahl der Übereinstimmungen den Zusammenhang. Auch im 'Traumge&iohi \"m \u z. 138 steht diese Verbindung; da aber der Wanderei mit dem Iraumgesioht nichts gemein hat (ein genügender gnuid, um den behaupteten zusammenhao beiden gedichte zu leugnen)* beweist liier die öfter belegte Formel niohts.

ZEITSCHRIFT V. DRUTSCITE PHTT.OT.OQtR. BD. XXXV. _'

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selbe, der die Fragmente der "Klage' und des dialoges zu einem ganzen vereinigte, und mit diesen beiden ein drittes stück, von dem man sogar mit grund annehmen kann, dass er es selbst gedichtel bat Wenigstens ist ein bruchslück dieser stabreimenden homilie sein mach werk; das zeigt u. a. ein weiteres fordern z. 72. „Ton diesen drei dingen eines: krank; heit, alter oder das schwort ist stets die arsache des todes der men- schen1, darum (ist) für jeden (\cv eorlas das lob derjenigen, die nach ihm leben und nach seinem hingange über ihn reden, das beste der nach- reden (lästworda) " ; der ausdruck isl so stümperhaft wie der gedanke; in Übereinstimmung mit seiner gewohnheit hisst überdies der dichter widerum einen unentbehrlichen satzteil, diesmal die copula, fort.

Der dialog hat mit dem Wanderer wenig "der nichts gemein und scheint, soweit überliefert, ziemlich gut erhalten zu sein. Abgesehen von seinem eigenen werte, hat er auch für die jüngere geschichte der Über- lieferung seine bedeutung. Er belehrt uns darüber, wie der interpolator zu seinem forpon gelangt ist. Denn das wort begegnet im dialuge zweimal an durchaus richtiger stelle. Die eine steht gleich' am anfang. Die reiselustige person antwortet. Man muss annehmen, dass der andere auf die besebwer- den der seereise hingewiesen hat. Allein nicht bloss achtet er dieselben nicht, im gegenteil treiben sie ihn zur fahrt an: ein 'darum' hat also guten grund. Gerade so 58: „der glückliche mensch weiss nicht, was diejenigen leiden, welche die wege der Verbannung ziehen. Gerade deshalb verlangt mein herz nach dem meere." Das ist tadellos. Aber nicht für einen nüchternen bücherwurm, der nicht versteht, wie gerade drangsal und gefahr mit magischer gewalt das herz anzuziehen vermögen. Unser interpolator verstand von dem gediente nicht mehr als dass widerholt eine vollständig heterodoxe behauptung mit fotpon eingeleitet wurde dass das gedieht ein dialog war, scheint er nicht einmal gesehen zu haben und er machte nun selbst von dem von ihm entdeckten stilmittel einen freien gebrauch. Überall wo es ihm einfiel, etwas zu schreiben, was mit dem vorhergehenden nicht im geringsten Zu- sammenhang stand, oder wo er doch die logische entwicklung der ge- danken durch eine widerholung oder eine unerwartete wendung unter- bricht, da schob er sein forpon, welches ja im ursprünglichen gedichte in für ihn gleich unverständlicher weise verwendet wurde, dazwischen..

Im forpon des dialoges zeigt sich Stilgefühl. Es ist darin etwas refrainartiges, welches die widerholten ausbrüche des Verlangens charak- terisiert. Aber es wurde mit feinem geschmack benutzt. Nicht alle

1) Statt gehwylce (68) lese ich gehwyleum. Aber was bedeutet rir his t'ul dgd ?

WANDKRKR UND SERFAHRER 19

reden des reiselustigen mannes beginnen mit diesem werte. Z. 48 hebt er einfach an: „die bäume blühen, die maulbeeren sehnnicken sich". "Wo aber einmal forjjon refrainartig zur Charakterisierung des gefühls der reiseinst verwendet wird, ist die möglichkeit ausgeschlossen, dass auch die andere person, welche vor der reise Avarnt, ihre rede auf dieselbe weise anfangen wird. Doch hat der interpolator auch das zu stände gebracht. Nachdem z. 33 b 38 das verlangen nach der reise zum ausdruck gekommen ist, malt der erfahrenere mann die entbeh- rungen, welche der reisende erduldet, in beredten worten aus. Vier zeilen (44 47) erwähnen die harfe und die ringe, frauenliebe und weltfreude; alles das existiert für den reisendeD nicht; "immerfort wird der, welcher auf dem meere fährt, von verlangen heimgesucht". Zwischen rede und gegenrede sind fünf zeilen eingeschoben, mit denen sich nichts anfangen lässt. „Darum" (also weil der erste redner gerne reisen will!) „ist kein mann auf erden so stolz noch so vom glücke begünstigt, noch in seiner jugend so tüchtig, noch in seinen taten so stark, noch ist ihm sein herr so hold, dass er auf dem meere nicht stets in sorge verkehren müsse, wohin (auch?) sein herr ihn senden (?) will". Wer das versteht, dem ist wol keine stelle der Überlieferung unverständlich. Soll das ein teil des ursprünglichen gedichtes sein, so können die worte nur zu der rede dessen, der von der reise abrät, gehören. Aber welch eine spräche! Der interpolator erleichtert uns widerum die beurteilunu der stelle durch den gebrauch seines gewohnten flickwortes, welches er diesmal vollständig im sinne des Originals anzuwenden glaubte. Unser urteil wird, sofern das noch nötig ist, durch die ausserordentlich stümper- hafte metrische form der z. 40 41, von denen 41 den höhepunkt der missgestaltung erreicht, bestätigt. Abgesehen von diesem zusatze und von geringern fehlem der Überlieferung halte ich 33b 64a für ein gut erhaltenes fraginent, lang genug, um eine ästhetische Würdigung zuzulassen. Der poetische wert ist nicht gering anzuschlagen. Drei- mal wird die äusserung der reiselust widerholt Gegenüber dieser, einigermassen monotonen, refrainartigen widerholung steht auf der seit.' des warnenden ein Verständnis für das was gesagt wird und ein weh- mütiges eingehen auf die worte des ersten redenden. Am schönsten kommt diese Stimmung z. 53fgg. zum ausdruck. Der jubel über das frühjahr wurde erwähnt: bäume blühen, maulbeeren schmücken -ich. die flur gewinnt ein Liebliches aussehen ; das alles fordert /.um schleunigen aufbrach auf. Die antwort zeigt, dass die rede verstanden wurde; auch der warnende hört die stimme der oatur: „aber gleichfalls singt der kuckuck,* der böte des sommers mit klagendem rufe: er kündi

20 BOKR

bitter im herzen". Ich kann Sweet nicht beistimmen, der im kucku gesang einen ruf Bieht, der zum aufbrach mahnt, und die ,atriking

parallel' welche er (Reader7 223) aus Kennan's Siberia anführt, scheint mir dem gedanken der stelle durchaus fern zu stehen.

Über die form des dialoges ist noch einiges zu bemerken. ESs zi sich schon, dass rede und gegenrede in ungefähr gleich langen perioden aufeinander folgen. Eine rede besteht aus 4 Zeilen, zwei aus 5, 6ine am anfange aus 5x/2, eine am Schlüsse aus 61/, zeilen. Das steht auf der grenze der strophischen form1. Die ähnlichkeil mit mehreren dialogischen Eddaliedern, in denen es gleichfalls rege! ist, dass jeder der redenden jedesmal eine Strophe spricht, und wo häufig, wenn die Strophe für den gedanken nicht ausreicht, eine zeile hinzugefügt wird, lässt sich nicht verkennen. Unser gedieht scheint darin eine alte tradition fortzusetzen. Dass die freie strophenform beim dialog bewahrt blieb, während sie dem epos ich sage nicht verloren ging, sondern - abgeht, erklärt sich aus der natur der verschiedenen dichtungsarten. Auf teilung in formell markierte abschnitte weist im vorliegenden gediente auch eine eigen- tümliche erscheinung bei der alliteration. In den beiden fünfzciligen reden zeigt nämlich die letzte zeile doppelalliteration; 52: on flodwegas feor gewltan; 57: pe pd wrcecldstas widost leegab. Ist eine Schluss- markierung der überfüllten strophe oder bloss die hervorhebung des Schlusses der rede beabsichtigt? Die widerholung der erscheinung an der entsprechenden stelle ist wol nicht zufällig'2.

Ich unterziehe nun die 'Klage' einer näheren betrachtung und untersuche zunächst die dritte der oben angeführten gruppen von Über- einstimmungen mit dem Wanderer. Se. 14 iscealdne sä. Wa. 4 hrim- cealde (vgl. noch Se. 17 hrimgicelas).

Se. 15 tvunade ivrceccan lästum (vgl. 57)

Wa. 5 wadan wrcecldstas.

Die beiden stellen nebeneinander schliessen, wenn man in be- tracht zieht, wie gruppe 1. 2 zu stände kamen, den zufall aus; das wahrscheinlichste ist, dass hier derselbe interpolator an der arbeit ge- wesen ist wie dort. Aber auch im Wanderer stehen die beiden stellen

1) Obgleich einzelne reden sich kürzen Hessen . ohne dass dadurch der Zusammen- hang gestört würde, fehlt die berechtigung zu einem solchen verfahren, wo äussere und innere kennzeichen mangeln.

2) Im Wanderer zeigt sich die erscheinung am schluss des gedichtes z. 108 9, wo freilich eine starke Wirkung der feierlichen rede beabsichtigt wird, aber die doppel- alliteration wird hier durch die widerholung des Wortes laue bedingt.

WANDERE« UND 8EKFAHREK 21

unmittelbar nebeneinander, und die frage erhebt sich, welches der beiden gedichte hier die quelle des anderen ist1.

Im ,Wanderer' können die einleitenden Zeilen , welche die erwähnten ausdrücke enthalten, leicht entbehrt werden; das gedieht hebt dann mit z. 6 an. Auffälligerweise teilt die einleitung etwas mit, wovon das gedieht, soweit ursprünglich, sonst nichts weiss, nämlich, dass der dnhaga, d. i. der eardstapa auf dem meere fährt. Das wird sonst nur noch in der interpolierten z. 24b gesagt. Der name eardstapa deutet eher darauf, dass er zu fuss reist. Doch ist darauf kein grosser wert zu legen. Auf jeden fall wäre es aber auffallend, dass jede weitere andeutung der seereise dem ursprünglichen gedichte fehlen würde, wenn die reise dem wanderer solche grosse beschwerden verursacht, wie z. 3 5 aussagen. Die Vorstellung, dass der eardstapa auf dem meere fuhr, kann der interpolator dem 'Seefahrer' entlehnt haben, aus dem auch die ausdrücke stammen, in denen die fahrt mitgeteilt wird. Auch die metodes milts sieht unecht aus, vgl. Wa. 114 115 und die ganze predigt in der zweiten hälfte des Seefahrers, namentlich z. 116 -\ Formell lassen sich z. 1 5 leicht beseitigen; z. 6 bildet einen der schlusszeile 111 vollständig entsprechenden anfang.

In der 'Klage 'sind die Zeilen (12 b 15) unentbehrlich. Der bericht. dass der mann, welcher die klage spricht, auf dem meere fährt, ist in voll- ständigem einklang mit dem inhalte des gedichtes. Sodann beginnt der passus in der cäsur, und wenn man ihn ausscheidet, ist an 12 a kein anschluss zu finden. Ist die stelle ein zusitz, so ürass wenigstens etwas verloren sein. Ferner wurde s. 17 gezeigt, dass z. 27 30 eine nachbildung von zeile 12b 15 sind, welche also älter sein müssen, als die von demselben interpolator (I), von dem hier die rede ist, gedichteten z. 27 30. Das einzige, was wider z. 12b 15 zeugen könnte, ist der parallelismusmit einer stelle im dialoge, Se. 55fgg. : peet se beom (mon 12) ne wdt (= 12) estradig (vielfach angenommene conjeetur für efteadig, deren richtigkeit durch 13 J>e him <>n foldam. feegrost Umyeh bewiesen wird) secg, hwat J»i &time dm>gn(s pt wrcecldstas ividost leegab (I: 14 15 hu ic earmeeang Iscealdm - ivinter wunade ivrccccan Idstitm). Zwischen diesen beiden stellen muss

1) Wa. 32 ivaraö hine (?) torcBcldst, welches Etiegex zu Se. 11 stellt, trenne ich von diesen beiden stellen, sowol auf grund des grösseren Unterschiedes, als weil die stelle Wa. 32 isoliert steht. Das wori wreecldst ist auch sonst mehrfach belegt 2) Der interpolator des 'Wanderer' erwähnl /.. 2 tnetud: t. 10» wijrd, wu dasselbe ist; Seef. 115 116 stehen beide zusammen: wyrd biö Btotör«, mtotud vieahtigra usw.

22 HOKK

ein Zusammenhang existieren. Aber auf die wirksamkeil des inter- polators kann derselbe nicht zurückgefübrl werden. Denn beide stellen

sind in ihrem zusan mhange unentbehrlich. Ich glaube daher, d

beide von anfang an dort gestanden haben, wo sie stehen, und dass die Übereinstimmung in diesem MI aus der schule erklärt werden muss, was auch die möglichkeit einschliesst, dass eines der beiden . Klage oder dialog -- bei seiner entstehung von dem andern beein- tlusst worden ist. Jedweder dichter hat den gleichen gedanken in seinem eigenen stile ausgearbeitet, der der Klage erzählend in der ersten person des praeteritams, der des dialogs sententiös in der dritten person plur. des präsens1.

Wanderer 1 5 ist also die arbeit des interpolators J und die Klage des Seefahrers ist das von ihm benutzte vorbild. Unter solchen um- ständen ist auch wol mödcearig (Wa. 2) zunächst unter dem einfluss von S. 14 earrncearig geschrieben worden, obgleich earmcearig auch Wa. 20 begegnet: vgl. noch Wa. 24 wintercearig; zu z. 3 vgl. Andreas 314 jW/// pe lagoldde langa cunnap; zu z. 4 (neben Se. 14) Metra 27, 3 b 4 swä swd mereflödes yha hreraü iscalde sce.

Andererseits hat der bearbeiter auch die Klage mit Zusätzen ver- sehen und dabei den Wanderer benutzt. Auf wrceccan lästum (z. 15) folgt winemcegum bidroren. Das ist ein halber vers; die andere hallte fehlt. Die herausgeber ergänzen, vollständig willkürlich, wynnum biloreii. winemcegum bidroren ist ein deutlicher zusatz, dessen quelle Wa. 7 ist, wo der eardstapa sich winemcega hryre erinnert. Die halbe zeile alli- teriert mit der vorhergehenden (15), und so liegt hier ein beispiel vielleicht ein zweites, vgl. oben s. 13 fg. vor, dass der bearbeiter an einer stelle, wo er eine Verbindung macht, aus drei kurzzeilen eine langzeile zusammensetzt. Dass der Seefahrer der freunde beraubt war. steht im ursprünglichen texte eben so wenig zu lesen, als dass der eardstapa:, der ivineleas guma im Wanderer zur see fuhr; beides hat der bearbeiter hinzuphantasiert und dadurch eine ähnlichkeit der beiden ge- dichte zu stände gebracht, welche weder dem einen noch dem anderen zum segen gediehen ist; z. 17 schliesst sich vortrefflich an 15.

Unter diesen umständen ist es auch nicht unwahrscheinlich, dass Se. 25b 26 vom interpolator verfasst worden sind, in welchem fall die richtige lesart wol ferb~ frefran ist (vgl. oben s. 16). In diesem fall enthält die zeile eine ähnliche klage wie z. 16. Doch muss bemerkt

1) Eine ähnliche stelle, welche vielleicht auf eine tiefere Verwandtschaft von 'Klage' und dialog weist, ist z. 6 (Klage) atol yßa gewealc, z. 46 (dialog) ypa gewealc. Übrigens begegnet diese forniel öfter, s. Gr. s. v. gewealc.

WANDERER UND SEEFAHHER 23

weiden, dass, wo die hs. ferft feran hat, die ernendation von ferft zu ferd eine geringere änderung erheischt als die von feran zu frefran; sie würde aber wol die änderung feasceaftig > e nach sich ziehen. Übrigens ist die ganze stelle 23 33 a, sofern sie noch etwas ursprüng- liches enthält, bis zur unverständlichkeit verderbt. Da steht zunächst z. 23a, eine nachbildung von Wa. 101 (vgl. s. 16). Dann singt der siearn, der isigfepera ist; dann der earn, der ürigfepera ist. Dann folgen die un- verständlichen z. 25b— 26, wobei zu beachten ist, dass z. 25b metrisch an das vorhergehende sich nicht anschliesst, die alliteration fehlt. Dann zum schluss z. 27 33a, welche zugesetzt sind (s. oben s. 17). "Was soll man glauben? Ist der ganze passus von 23 an ein fabrikat des bearbeiters? Aber sonst versucht er doch immer, der metrik einiger- massen gerecht zu werden. Und die singenden vögel z. 23 b fg. setzen den gedanken von z. 22 fort. Doch können isigfepera und ürigfepra nebeneinander nicht bestehen. Auch kann man fragen, auf was pect (ful oft peet earn bigeal) sich bezieht; die übrigen vögel singen, der adler besingt lpcet\ Ich glaube, dass z. 23 ursprünglich lautete (in un- mittelbarem anschluss an 22): ficer him earn onewafo isigfepera, und dass damit das fragment schloss. Der interpolator fügte nun erst nach z. 22 hinzu: Stormas peer stänelifu beotan. Vielleicht sollte das eine langzeile werden, wie auch die entsprechende stellt' im Wanderer eine langzeile füllt. Aber das benutzte material reichte dazu nicht aus, und der interpolator entschloss sich einen teil der folgenden zeile für seine langzeile zu benutzen; aus dem earn machte er dann einen siearn. So entstand das metrische ungeheuer z. 23. Nun begann der folgende vers mit dem worte isigfepera. Der reim erforderte in der zweiten halbzeile ein vocalisch anlautendes wort, und da eartt dem inter- polator noch frisch im gedächtnis war. schrieb er: ful oft peet earn bigeal. Im ursprünglichen gedichte hiess es earn isigfepera. I>a> wort hatte er schon benutzt; er wählte nun das ihm aus anderen ge- dienten bekannte iirigfejjera. Dann aber wusste er sich nicht weiter zu helfen und liess eine halbzeile ohne Stabreim folgen. Hie mög- lichkeit wird zugegeben, dass z. 25b 26 ein verderbter resl des ursprünglichen gedichtes sind. Eine hallte /eile ist dann verloren ge- gangen. Das fehlen der alliteration erklärt sich daraus, dass der interpolator für 25a kein wort mit dem anlaut, den der im voraus fertige Stabreim forderte, finden konnte und darum nur ein wen schrieb, welches durch association an das vorhergehende isigfepera ihm eingefallen war. Noch eine gruppe (1) von Übereinstimmungen zwischen 'Wanderer'

und 'Seefahrer' lenkt unsere aul iuciks;ini U< 1 1 aut sieh. Es sind die Sprüche

24 BOER

in der mitte und am Schlüsse des ersten und gegen den schluss des zweiten gedichtes. Die Übereinstimmung besteht hier weniger im Wortlaut als in der tatsache, dass spräche aufgenommen worden sind, und in der art und der form jener spräche. Man sieht sofort, das ausspräche wie:

TU bip se pe Ins In'owe geheafdeti (\V;i. L12) und Dol bip se pe Ins dryhien ne ondreedeb (Se. 106) einer und derselben kategorie angehören. Da nun diese spräche nicht früher als die übrigen Interpolationen aufgenommen sein können (aueh im Seefahrer stehen sie mitten in einem zugesetzten stücke), und da eine schicht von interpolationen, welche nicht jünger als die sprüche sind, in beiden gedienten der Wirksamkeit eines und desselben bear- beiters ihre entsteh ung verdankt, müssen wir auch die aufnähme der sprüche in beide gedachte einem einzigen interpolator zuschreiben. Die sprüche im Seefahrer stehen den s. 1 1 fg. erwähnten denksprüchen noch näher als die im Wanderer; z. 106 ist wörtlich = Denkspr. Ex. hs. 35; mit z. 107a vgl. Denkspr. 37. 109a = Denkspr. 51a. Das erhebt die ausgesprochene Vermutung, dass die sprüche, wenigstens zum grossen teil, nicht vom interpolator verfasst wurden, sondern dass er sie aus dem gedächtnisse niederschrieb, zur Sicherheit1.

Wir treten nun mit neuen erfahrungen an die frage heran, ob die interpolatoren I und II identisch sind. Der Seefahrer bietet für die beurteilung der frage die folgenden data. Die zweite hälfte des gedichtes von z. 64b an ist ein zusatz. Ihr anfang ist ganz gewiss die arbeit von I. Die sprüche darin gehören zu IL Einen dritten bearbeitet' zwischen I und II anzunehmen, der etwa den grössten teil dieser sehr verwirrten homilie gedichtet hätte, hiesse die frage nur complicierter machen; es wäre auch unmöglich, seine Wirksamkeit (I und II gegen- über) zu begrenzen, noch abgesehen davon, dass man auch im Wan- derer vergebens die spuren davon suchen würde. Also sind z. 64 b 124 auf I und II zu verteilen. Da der hauptgrund II von I zu trennen der ist, dass II sprüche mitteilt, und auch im Wanderer nur die sprüche ihm zugeteilt 'werden können, wird man hier in gleicher weise ver-

1) Eine fünfte gruppe von Übereinstimmungen lässt sich nach dem vorher- gehenden in wenigen worten abtun: Wa. 78b 79 (dazu Beow. 1113), vgl. Se. S6; "Wa. 75, vgl. Se. 90. Die beiden stellen im "Wa. stehen in der grossen interpolation und wurden als I zugehörig erkannt. Die beiden stellen im Se. stehen in der am ende hinzugefügten homilie, welche gleichfalls zum grossen teil wenigstens zu I gehört. Die Übereinstimmung beruht hier^also auf der identität des Verfassers. Zu gedroren (Se. 8(1) und dreäme bidrorene (Wa. 78) vgl. auch noch das oben besprochene winemeegum bidroren (So. 16), welches von demselben verfasset' herrührt.

WANÜKKEK UND SEKFA11RER 25

fahren müssen. Nur ist es im Seefahrer noch schwieriger als im Wanderer zu entscheiden, wo die spruchdichtung anfängt und wo sie aufhört. 105 111 gehören ohne zweifei dazu; 103 wol auch. Aber 103 steht doch aussprüchen wie 115b fg. nicht fern. Gehören auch die zu II? Trennt man 103 von 115b 116 auf grund der freien metri- schen form ersterer zeile, wozu sich die metrische form der Sprüche im Wanderer vergleichen liesse, was muss man dann von 104 5 denken, welche syntactisch zu 103 gehören, aber vollständig regel- mässigen versbau zeigen? Auch bei 111 115a ist zweifei möglich. Wie dem aber sei, man wird nicht umhin können wenigstens 64b 102 und 115b 124 dem autor von I zuzuweisen1. Diese verse beleuchten sehr deutlich sein verfahren, wo er nicht einzelne oder wenige zeilen hinzufügt, deren inhalt und ausdruck er anderen stellen des gedichtes entlehnt, sondern wo er sich gehen lässt; sie zeigen, dass er in der tat nur selten mehrere zeilen nacheinander einen gedanken festzuhalten oder fortzuführen versteht. Die stillosigkeit und der mangel an Zu- sammenhang gehen viel weiter als die längere interpolation des „Wan- derers1' auch nur vermuten liess. Darum haben wir keinen grund eine oder mehrere zeilen zu verwerfen, weil sie einen bei ihm vermuteten Zusammenhang unterbrechen; der hauptgrund, II von I zu trennen, fällt somit hin. Schwache berührungen zwischen I und II sind noch die folgenden. In den Sprüchen des Seefahrers begegnet zweimal das bei I beliebte forpon. Doch bedeutet das nicht viel, denn z. 103 (meotudes egsa, forpon hl seo molde oncyrred) ist pon mit Rieger als pronomen, for als praeposition aufzufassen; z. 108 bedeutet forpon auch nicht , darum', sondern ,weil', und es ist an dieser stelle kein flickwort wie sonst bei I. Mehr bedeutet es, dass auch I, was II mehrfach tut, an die denksprüche der Ex. hs. wenigstens an einer stelle deutlich anklingt: Se. 70: ddl oppe yldo oppe ecghete (die stelle gehört ganz sicher zu 1, vgl. oben s. 18), vgl. denkspr. 9b— 10a: ne hine mht drecep, ddl ur ijldu. Zu beachten ist auch, dass der erbauliche schluss des Seefahrers, der doch inhaltlich und formell zu I gehört, von der schlusszeile des Wanderers sich auf grund des inhalts nicht trennen Lässt, während doch die vier letzten zeilen des Wanderers ohne zweifei einem ein- zigen bearbeiter zugewiesen werden müssen, der widerum nur II sein kann. Schliesslich muss noch einmal die naht Wa. 65 betrachtet wer- den. An und für sich scheint dieselbe dafür zu zeugen, dass 1 und 11

1) Seine directe spur wunle übrigens oben i>is z. 90 nachgewiesen, die folgen- den zeilen, wenigstens bis 94, lasson sieb von 90 nicht trennen.

2G BOKK

zu trennen seien; sie liess jedoch auch eine andere erklärung zu, Nach- dem wir min im ,Seefahrer' auf zwei vollständig analoge fälle (15. 2 welche nur I zugeschrieben werden können, gestossen sind, legt auch W'u. 65 zeugnis dafür ah. dass 65b nicht eine interpolation zweiten grades beginnt, sondern dass die überfüllte zeile durch «las zusammen- stossen eigenen machweikes von I und von ihm vorgefundenen fertigen materials entstanden ist.

Wenn es mir gelungen ist, die spur der Überlieferung richtig aufzu- decken, so enthalten die unter den titeln 'Wanderer' und 'Seefahrer' be- kannten dichtungen reste dreier alter gedieh te. Im ersten beklagt ein eard- stapa den verlust seines teuren herrn und seiner verwandten und er teilt in der dritten person seine visionären träume mit. Das gedieht umfasst Wa. 6—16. 19 24a. 29b - 36. 39 57. 90 (mit ponne aus 88)— 98. 101 110. Es sieht danach aus, als sei es ohne schaden, bloss in interpolierter gestalt, auf uns gekommen-.' Das zweite gedieht ist die klage eines Seefahrers, der auf dem meere viel leid und mühsal er- duldet hat. Es ist ein fragment und umfasst Se. 1 15. 17 22; eine zeile aus 23 24a. [25b 26?]. Das dritte ist ein dialog, in dem abwechselnd dem verlangen zu reisen und dem schrecken vor den ge- fahren der reise ausdruck gegeben wird; er umfasst 33b 38. 44 64a und ist in einigermassen freien Strophen gedichtet.

Der stil dieser drei gedichte ist einfach und klar, an mehreren stellen gehoben und voll tiefer empfindung. Von dem überlieferten formelschatz machen die dichter einen geschmackvollen gebrauch. Mehrere anah, leyofieva, nicht archaistische, sondern aus dem vorhan- denen poetischen Sprachmaterial richtig gebildete Wörter, zeigen die fähigkeit der dichter zu selbständiger behandlung der dichterischen

1) AVa. 65 wintra dal in woruldrice | Wita sceal geßyldig (oben s. 13 fg.). Se. 15 icinter icunade icrc&ccan Idstum \ ivinem&gum bidroren (s. 22). Se. 23 Stormas ßcer stdnclifu beotan | ßc&r Mm stearn oneured (s. 23).

2) Die berührungen des 'Wanderers' und zwar des echten gedicktes, nicht der interpolation. mit GuSläc 131S fgg. , auf welche Bieger hingewiesen hat. lassen sich nicht mit Wülker (Gmndriss s. 206) auf nichts reducieren, doch sind sie entfernt nicht derart, dass sie dazu berechtigen, auf einen gemeinsamen Verfasser zu schliessen. Ich gehe auf diese frage nicht ein, bemerke aber, dass es mir wahrscheinlicher ist, dass die stelle des GuSläc, welche im gedichte allein steht, vom Wanderer beeinflusst worden ist, als dass das umgekehrte der fall ist. Kurz vorher z. 1310 mahnt gnornsorge weeg häte cet heortnn an Se. 10 11.

WANDEKER UND SEEFAHRER 27

spräche '. Im gegensatze zu dem überlieferten interpolierten texte fehlen widerhohmgen fast ganz, und die, welche nicht ganz bedeutungslos sind, sind auch nicht zufällig, sondern haben einen stilistischen zweck-. Alles übrige ist das machwerk eines einzigen interpolators, der die Klage und den dialog miteinander verband und weitere zusätze aus folgenden dementen zusammenstellte: 1. widerholung. 2. Überführung von Vorstellungen aus einem gedichte in das andere, wobei der in beiden gedienten (Klage und dialog zähle ich für eines) vorhandene formelschatz stark benutzt wurde. Dem dialog entlehnte er ein von ihm nicht verstandenes forpoii als einleitung zu zwecklosen eigenen bemerkungen. 3. Sprüche, welche er zum teil wörtlich anderswoher aufnahm, zum teil vielleicht nach fremden mustern selbst dichtete oder seinen bemerkungen anpasste. 4. frommes gerede.

In der handschrift sind 'Wanderer' und 'Seefahrer' durch 'Des vaters lehren' (Bibl. I2, 353) und 'Des menschen gaben' (Bibl. III2, 140) voneinander getrennt. Inhaltlich sind diese gedichte mit jenen nicht verwandt und ihre Überlieferung zeigt auch keine spur einer solchen Umarbeitung wie jene sie erfahren haben. Man muss annehmen. dass ' Wanderer' und 'Seefahrer' zu der zeit, da sie so grausam misshandelt wurden, noch nicht durch jene beiden dichtungen voneinander getrennt waren, sondern dass sie in einer handschrift, von welcher die Über- lieferung der Exeterhs. stammt, unmittelbar aufeinander folgten. Es ist sehr wol möglich, dass derjenige, der sie zuerst aus mangelhaftem gedächtnis aufschrieb, sie interpoliert hat.

1) Der 'Wanderer' hat die folgenden an. ).ty. mafrpwfngifa; wyrmlic; hrim- ceald. Die 'Klage': gesivinedagas; merewerig; hrimgicel; hurilpe] isgicel. Der dialog: hringpegu; ('(s)teadig; ä/nfloga.

2) Der (ursprüngliche) 'Wanderer' zeigt die folgenden widerin düngen:

a) beabsichtigte: mödsefan mirme z. 10. 19. Der gegeusatz äseegan: sdlwn

zum ausdruck kommen.

wcelsleahta 6. 91. Dieselbe erinnerung treibt z. 6 den eardstapa, ■/.. 91 den

wineleas giima zum reden an.

sorg (cearo) biS geniivad 50. 55. Die widerholung des ausdruoks malt die

erneuerung des tiefen Schmerzes, b. wie es scheint unbeabsichtigte, alle geringfügig:

wirig 15. 57. goldwine 22. 35. hriese 23. 102. gemon 34. 90. Die 'Klage' hat:

iscealde sd& (wäg) 14. li), vgl. auoh isigfeßera 24. Die widerholui

darauf, dass die kälte diesem diohter als das grösste der Bohreoknisse der

meeresfahrt erschien. Der dialog hat:

SG&ltyßa 35 ppa 46. hwales c/>el 60, vgl. hwalto»,

28 PANZBB

Dass sie jemals in schriftlicher Überlieferung ohne jene zutaten existiert haben, Lässt sieh nicht erweisen. Die veranlassung, sie zusammen aufzuschreiben, war ohne zweifei ihre inhaltliche rerwandtechaft. Aber der bearbeite)' hat sie nicht wie die 'Klage' und den dialog, deren wahres Verhältnis ihm vielleicht unbekannt war, zu einem ganzen ver- bunden; das beweist der umstand, dass sie später widerum getrennt werden konnten. Das zeigt auch der fromme schluss, den er dem 'Wanderer' anhängte und der deutlich als ein schluss beabsichtigt ist.

AMSTERDAM. R. C. I50KK.

BEITRÄGE ZUR KRITIK UND ERKLÄRUNG DER GUDRUN. 2. Zur kritik und erklärung des textes1.

1,4 hatte C. Hofmann, MSB. 1867, 2,223, das überlieferte so gexam dem riehen ivol ir minne gebessert in dem ricke = dem könige. Martin hatte die sehr ansprechende conjeetur ursprünglich aufgenommen, jetzt aber wider fallen lassen vermutlich von Sijmons einwand bekehrt, dass riche in diesem sinne nur „mit bestimmter beziehung auf den deutschen kaiser" gebraucht werde. Das ist aber doch nicht richtig. Füetrer erzählt im Merlin, dass der herzog von Tintayol in der nacht Uterpandragons hof heimlich verlässt, ohne vom könig Urlaub genommen zu haben. Da heisst es str. 197, 1 meiner ausgäbe: Dy fit raten all geleiche massen sein gähe flucht an vrlaub von dem reiche zu spät vnd zu lästerlicher vnzucht. Hier ist von dem reiche = vom könig von Britannien. Die stelle beweist ja zunächst nur fürs 15. jh.; aber gerade diese Verwendung von riche ruht, wie das gotische und die ver- wandten sprachen beweisen, doch wol auf uraltem gründe.

Zu 10, 1 In magetlichen eren, die ir da vuoren mite, si brähtens im ze lande bemerkt Martin vdie ir da vuoren mite ist armselig aus 9, 4 widerholt." Ich weiss aber nicht, ob eine solche Interpretation der stelle (die auch Bartsch und Piper teilen) richtig ist. Nach der Wort- stellung bezieht man die ungezwungener auf eren und hat dann zu er- klären: „in den jungfräulichen ehren, die ihr eigen waren, brachten sie ihm die prinzessin in sein land." Es ist das wol eine nachahmung Wolframscher ausdrucksweise, vgl. aus den von Kinzel, Zeitschr. 5. 18 gesammelten stellen bes. Parz. 54, 24 der frouwen herze nie vergaz im enfüere ein iverdiu joolge mite, an rehter lausche iviplich site, ebenda

1) Vgl. Zeitschr. 34, 425.

beiträgt: ztjtl kritik tjn*d Erklärung der ottdrun 29

116, 13 wipheit, d/n ordenlicher site, dem rerf und fuor ie triuwe mite. Eine ähnliche auffassung zeigen in unserem gedichte 7, 4 nach sines vater töde volgte im beide vröude und michel iciinne und 1324. 3 si /ras die naht dt eine gescheiden von ir sichre, wo gemütszustände als gefolge und gesellschaft gedacht werden. An unserer stelle liest man vielleicht am richtigsten die ir ie vuoren mite; die hs. hat die ye da v. vi. Zu v. 3 die si da sahen gerne, die begnnden Heil bemerkt Piper: vdä ist nicht lokal, sondern verstärkt das relativum: wer neu- gierig war sie zu sehen, eilte herbei". Das ist gewiss nicht richtig. Vielmehr ist da wirklich lokal und die si sahen gerne bedeutet nicht ,die neugierig waren sie zu sehen', denn das müsste heissen die si scehen gerne oder die si da sehen ivolden (vgl. 328, 4. 1175, 4). Die stelle besagt: eilig machten diejenigen sich auf, welche sie hier, im lande des bräutigams, mit freuden sahen, willkommen hiessen (vgl. 46, 1); gemeint ist dabei in erster linie Sigeband und seine Umgebung.

48, 3 kann man hinter verdriexen doch wol nicht punkt setzen, wie alle herausgeber tun, sondern nur komma. da doch nicht v. 2. sondern v. 4 das logische subjeet zu verdriexen enthält: „was auch die ritter um Sigeband taten, die fahrenden Hessen sich dabei keine mühe verdriessen (diese spiele etc. der ritter durch ihre kunst zu verschönen). Das auffällige für uns ist nur, dass v. 4 wie so oft paratactisch fort- gefahren wird statt hypotactisch.

57, 4 Zu den von Martin gesammelten parallelstellen vgl. noch Merigarto 41 dax, ist ouh ein ivunter, dax sertbe ivir liier unter. Rol. 5986 er gefrumete umbe sih, thax man ivole uone ime scriben malt unxe an then jungisten tah, ebd. 8236 er gefrumeti unter PaUganes mannen, thax- man ix iemer scriben mah unxe an tfnn jungisten tah. ebenda 6237 thiu siniu manigiu wunder scriben stt tkie heithenen, j. Tit. 3064, 4 dax solt man immer für ein wunder schriben, ebenda 4549, 2 geschriben und geprüeft (? 1. gebrieft) ist unser strifen, Dietrich und der Wunderer 242 (v. d. Hagens heldenb. 2, 531) die konig vnd fursten gut das wunder (Dietrichs kämpf) liesents sekriben. I>a<s auf- zeichnung in annalen und dergl. gemeint ist. zeigen Spiegel 1S2, 3-1 man wirt dax ivunder sohriben in (in coronick noch, und besonders deutlich j. Tit. 2680 die höhen niht Hexen beltben: durch sagebeeriu /runder si hiexen alle schrtben den strit iegltcher in sin tun/ besunder an si/t geh ü 'gdebuoch , und si de» jähen, ihr. e; unglaublich wäre ivan (Hahn: von) allen, die <r\ horten oder sähen. Dagegen hat mündliche tradition im äuge Klage B 317 für /runder so/ uiun: immer sagen > tkttt so vil helede wart erslagen VOn eines tri lies \orne.

30 l'ANZKI;

Str. N:") erzähli den Schiffbruch der pilger; zu v. 4 die eilenden meide heten ungemüeies deste mire fragt Martin: „Sahen die Jungfrauen dem Untergang- der flotte mit schrecken zu?" Das ist doch wo! nicht die meinung; die bemerkung will vielmehr sagen: das leid der Jungfrauen wurde durch den Untergang der flotte umso grösser, weil hiermit die möglichkeit ihrer errettung aus dem Greifenlande zerstör! war, die sieb eben mit dem nahen dieser schiffe so glücklich gezeigt hatte.

116, 2 kann diu ungewonheite nicht „die ungewohnte Umgebung" (Bartsch) meinen oder „das tragen fremder kleider" (C. Hofmann), sondern das tragen männlicher kleidung (denn nur solche hatten die pilger natür- lich an bord); vgl. die auch in der missbilligenden beifügung des dichters der unsern vollkommen anlöge stelle 1233, 2 fg.

Dass 118, 4 die herstellung von Bartsch min vater, er lebete, da ich kröne leider nimmer mer gewinne das richtige trifft, erhält von aussen bestätigung. Unsere königstochter aus India ist mit vielem anderen dieses abschittes aus dem Herzog Ernst entlehnt (Hilde-Gudr. s. 197); von ebendaher stammt auch unser vers nach wort und ge- danken. B 3536 erzählt ausführlich, wie der vater der Jungfrau in ehren könig war die wile daz er mohte leben, dann wird er getötet und seine tochter sollte als sein einziges kind das reich erben: 3562 von rehte sol da nieman tragen kröne wan daz houbet min. Aber das ist durch ihre entführung unmöglich geworden: daz ist leider anders gewant. ich muoz diz eilende lant büwen unz an den suontac.

193, 4 schreiben alle herausgeber ausser Bartsch genendieliche und Martin erklärt: „da gieng es ihr so, dass sie stolz sein durfte". Eine solche Verwendung und ausdeutung des wortes, das überall sonst nichts anderes als „mutig, kühn" bedeutet, hängt ganz in der luft. Das über- lieferte gencedecliche gibt einen vollkommen befriedigenden sinn; vgl. besonders 957, 2, wo Gudrun von Ludwig aufgefordert, den Kormannen gencedic zu sein, mit. der geistigen und sinnlichen bedeutung des wortes spielend, antwortet: ivem mohte ich sin gencedic1? wan diu genäde min von der bin ich so verre leider gescheiden. Unsere stelle besagt umgekehrt, dass die Jungfrau nach langem leiden wider zu genäde, zu ruhe und behagen, gekommen ist.

246, 4 sollte doch die herstellung Ziemanns der sol selbe entriuwen mit mir dulden aus den ausgaben verschwinden, da sie das überlieferte in jedem betracht verschlechtert. Unser gedieht kennt kein absolutes dulden (vgl. 157, 2. 408. 3. 979, 3. 1047, 3) und der ausgesprochene gedanke ist im munde Wates unmöglich. Das überlieferte der sol die

BffTTRAOK ZUR KRITIK UND ERKLÄRUNG PER GTTPRTW 31

selben triuwe von (so mit C. Hofmann statt mit1) mir dulden, bringt vortrefflich den in gegenwart des königs mühsam zur ironie gemässigten zorn Wates zum ausdruck.

249, 4 liest die hs. von silherweysse spangen suUen seule werden geslagen. Sijmons behält das bei und erklärt: „es sind hier wol die mastbäume gemeint, vgl. Mies sül Ernst 3328;" ich muss aber gestehen, dass ich mir nicht vorstellen kann, was „aus silberspangen geschlagene mastbäume" sein sollten. Martin liest mit silberwizen spangen suln sie (nämlich die ciperboume) werden beslagen, aber dagegen muss man doch wider einwenden, dass nicht die cypressenbäume, sondern höchstens die aus ihnen verfertigten schiffsplan ken beschlagen werden müssen. Die stelle muss wol aufgefasst werden in hinblick auf 264, 4 und danach darf man als das richtige vermuten: mit silberwixen spangen suln du siten werden beslagen, d. h. also die schiffswände (so wird Site von der arche Noah gebraucht: Mhd. wb. 2, 2. 336b). In 264, 4 die weneU auo den steezen wurden icol mit silber gebunden ist wider das %uo den steexen eine wahre crux interpretum. W. Grimm will darin „die balken, das gerippe des schiffes" erkennen, nach Ettmüller bedeutet stdz den ort, „wo die langseiten des schiffes zusammenstossen " ; aber beide deutungen schweben in der luft, da stöx weder in dem einen noch dorn andern sinne je vorkommt und schwerlich so vorkommen kann. Man muss doch wol mit Bartsch „die stösse derweilen" darunter verstehen, dann aber wol xuo in gein ändern. Denn dagegen werden schiffe ge- spengt oder gebunden wie der term. tech. lautet in Wirklichkeit mit eisen, hier phantastisch, nach dem vorbild von Salomos schiff, mit silber, wie 1109, 3 mit messing. Das zeigt klar eine stelle wie j. Tit. 2533, 2 (In wende gein icazzer volle man spengtt wol und zwar mit eisen, wie 2538, 3 lehrt: weern die kiel mit tsen niht gebunden nach des talfins lere, ir ivcere keiner nimmer lebendic funden. In demselben abschnitte des j. Tit. findet sich auch noch stdxen vom anprall der wollen: 2536, 1 man sach die ünde stözen sam berge tobendi slüegen.

Zu der redensart 280, 4 vergleiche mau ausser den von Martin citierten beispielen noch j. Tit. 2379, 1 swes mau eines gerU . der wirt het den knallen, so dax er sie mir ein* ><■<>/ vieriu werte.

302, 4 sol ieman l<>[> erkoufen, der gäbe muosen si do habe// rre könnte eine nachbildung sein von Parz. 404, 2 I sol wtplich ere sin geivin, des houfes het si iil gepflegt n

1) Vielleicht Hesse auch mit sich verteidigen. Es müsste dann der seUx oft noch im mhd., nicht ii lein . sondern rein deiktisch genommen nnd erklär! werden: der soll diesen seinen -treuen" rat mit mir ausbaden.

32 PANZER

303, 4 werden die xwelf Schilde gevaxxet mit golde doch wol rich- tiger mit Bartsch (und Piper) gegen das MM. wb., C. Hofmann und die übrigen erklärer als „Schilde mit gold gefüllt" aufgefasst. Denn wenn auch goldene, vergoldete oder mit goldenen bilden] geschmückte sohilde nicht selten erwähnt werden (der I'im-cksaga c. 180 gelten sie gar als abzeiohen adlicher geburt, vgl. c. 81 und 175), so führt doch str. 308 unbedingt auf die auffassung von Bartsch: die hier erwähnten (Mlt'lsteingeschmückten ,vaz' von silber und gold waren offenbar in jenen Schilden gebracht worden. Denn der schild ist das alte mass des freigebigen fürsten für auszuteilendes gold und gestein (beides natürlich verarbeitet) und lebt als solches in den gedienten der heldensage fort; vgl. zu den beispielen, die Jacob Grimm, Kl. sehr. 2, 202 fg.1 und Heyne im DWb. s. v. geben, noch Orendel 2195 einen schilt hiex si dar strecke?! und den mit rotem gold bedecken, Alph. 201, 2 sirer suochen ivil die warte, der neme riehen solt, golt und edel gesteine, sivax üf schade mac geligen, Dietrichs flucht 8078 Exel hiex üf den ho f tragen manegen wol geladen schilt. Exel der ivart nie so milt xe geben mit dem guote, Wolfd. A 559, 1 ex wurden sicherlichen Schilde dar getragen mit schätze für den recken, Nib. 317, 1. 358,2 (gesteine). 1487,1. 2025, 3. 2130,2; Ortnit 175, 4 bringt Alberich die goldbrünne im schild. In den höfischen epen ist die redensart selten, doch wol weil sie den alten grossen schild (tragen dar sin golt üf den breiten Schilden Nib. 1487, 1) voraussetzt, nicht den kleineren des modernen ritters; ausser Lanz. 7707, Wig. 11251, j. Tit. 4258, die schon Grimm anführt, vgl. noch j. Tit. 3019 golt und edel gesteine mixxet er niht kleiner niur bi dem Schilde.

Sehr wichtig wäre für die geschichte der sage die str. 288, wenn wir sie nur verstünden. Sie lautet in der hs. :

Sy het wol tausent meyle das wasser dan getragen hin xe Hagenen purg xe Baliane so wir heeren sagen da er herre weere xe Polay lasterliche

sy liegent tobeliche es ist dem meer nicht geliche.

Aus v. 4 geht klar hervor, äass der dichter hier eine von der seinigen abweichende darstell ung der sage bekämpft; vergl. die von Martin (Zeitschrift 15, 209) aus anderen dichtungen beigebrachten parallelen. Worin aber bestand die abweichung? Offenbar kommt alles an auf das richtige Verständnis von v. 3b. Polay ist nichts, muss also jedenfalls geändert werden. Haupt (Zs. f. d. a. 2, 383) setzte

1) Vgl. auch den friesischen klippschilling und verwandtes RA3 77 fg. ; der nach- druck liegt hier aber auf dem klänge der in den schild geworfenen~nüinzen.

BEITRÄGE ZUR KRITIK UND ERKLÄRUNG DKR GUDRUN 33

dafür Baijan und sämtliche herausgeber, Martin, Sijmons, Bartsch and Piper haben sich diesem vorschlage angeschlossen1. In diesem falle richtet sich die polemik natürlich nur gegen das lasterliche, d. h. gegen eine darstellung der sage, nach der Hagen lasterliche geherrscht habe. Wilmanns (s. 231), dem Sijmons (Beitr. 9, 94 fg.) und Martin (Zeitschrift 15, 209) sich anzuschliessen geneigt sind, meint. Hagen sei dort als ., schlimmer herr" („grausamer herrscher", „tyrann" sagt Sijmons) dar- gestellt gewesen. Wie unser dichter dagegen mit solchen kraftausdrücken hätte polemisieren können, ist mir unverständlich ; hat er seinen Hagen, den välant aller künege, der als knabe schon im zorne einem ganzen schiffe voller männer furchtbar wird, der als könig in einem jähr mehr als achtzig enthaupten lässt, der alle freier seiner tochter tötet, ihre boten sogar aufhängen lässt, der im kämpfe wie ein berserker tobt, denn weniger als einen schlimmen herrn und tyrannen gezeichnet? Das läster- liche müsste schon auf einen Vorwurf anderer, moralischer art gehen und ich möchte denken, dass jene sagenfassnng vielleicht das Hilde - Gud. s. 218 besprochene incestmotiv verwendet, also Hagens verhalten gegen die freier damit motiviert hätte, dass er seine tochter selbst heiraten wollte; dazu würde auch die ebenso heftige als unbestimmte, den kern der sache verhüllende art passen, in der unser dichter da- gegen polemisiert.

Ich kann mir freilich nicht verhehlen, dass die Vermutung Polay sei für Baijan verschrieben, nicht ohne bedenken ist; der name steht einen vers vorher richtig und ist auch sonst (161, 2. 293, 1. 441. 1. 559, 4) nie verschrieben. Sijmons berufung auf den fehler Gottelint statt Gerlint 629, 4 ist nicht danach angetan, die sache wahrschein- licher zu machen, denn wer den Schreibfehlern der hs. im zusammenha nachgeht, sieht leicht, dass eigennamen regelmässig nur dahin ver- schrieben sind, dass statt des richtigen namens ein anderer gesetzt ist. nie aber ein sinnloses wort (Hagnen statl Hetelen 548, 1. Morlanden und Sturmlannde statt Schinde 718, 3. 733, :'>, Horant und Hartman statt Hartmuot 892, 1. 1650,4, Normandine statt Nortlande L678, 1. Hilde statt Küdrün [citat verluren |). Höchstens findet ganz geringe entstellung statt wie Gelinde statt Gerlinde 746. :: oder Horlant statt Hortlant 1417,4. So steht auch C. Hofmanns Polan (Münch. SB. L867, 2,230 dem überlieferten Polay sehr nahe8; ich würde dann lesen:

1) Unbrauchbar, weil reine willkür and mii den sonstigen angaben der diohtuog

nicht übereinstimmend, ist Haupts weitere änderung der riehen statt lasterliche. Martin, der ihr früher gefolgt war, bat sie aufgegeben.

2) Eofmanns berufung auf dir paläogr. bräuohe des L5. jhs. musa natürli I strichen werden, denn dir vorläge unserer lis. wai

ZKITSCIllfIBT F. DEUTSCHIC PHILOLOQIU. HI'. . \ \ V

34 I-AN'/tR

Si het wol tüsent mite da: waxxer dan getragen

hin :r Hagenen burc z,e Baijan1, so wir huren sagen,

daz er herre weere ze Polän lasterliche:

si liegent tobeltche; e% enist dem meere niht geliche.

Der hauptsatz si liegent I. ist anakoluthisch angeknüpft (eigentlich braehylogisoh : „wenn sie das sagen, so ist das nichl wahr, sondern Sie lügen"). Bei dieser lesart richtet sich die polemik des dichters natür- lich gegen eine lokalisierung Hagens in Polen, Eine solche hätte, wie die Walthersage beAveist, nichts auffälliges. Nur der gedanke, dass sie lasterliche sei, möchte für das mittelalter, dem die polnische Wirtschaft noch nicht sprichwörtlich geworden war, sonderbar erscheinen. Aber man erinnere sich, dass bei Walthcr ,Polä?i' wirklich als verächtliche bezeiohnung für einen „obskuren kerl " gebraucht wird, vgl. 80, 30 und Wilmanns anm.

Zu 301, .'! purpur unde baldekin hete man da unwert fanden vgl. En. 12 940 die kolter van samite, van pelle end van dimtte lieht ende menichvare. man nam da vel luttel wäre op ein Hellte baldehin ende op ein kateblatin end op ein verbleiten gewant.

314, 2. 3 ist wol mit engem anschluss an die Überlieferung und constr. dreb v.oivov zu lesen: .sin kraft und ouch sin eilen sint starc und ouch sin haut hat uns gemachet eine maneger fröuden guot.

Str. 316 stimmt sehr genau zu Bit. 6118 fg., wo Günther dem Rüdeger, da er ihn von Ezel vertrieben wähnt, anbietet: nu sult ir mich daz ivizxen län, ob ir ivelt beliben hie; so gap in der künic nie von Hinnen landen also vil; fünvär ich iu daz sagen ivil, ich gibe iu dristunt mere.

321, 4 fand Hildebrand, Zeitschr. 2, 469, den gedanken unvoll- ständig und wollte lesen dann si sus gelückes nach der scheenen Hilden solden biten. Aber die ergänzung ist wol unnötig, denn der nachdruck liegt auf gelückes, das schon den gegensatz zu v. 3 enthält: sie hätten den erfolg lieber im kämpfe gesucht und also ihrer persönlichen kraft verdankt als der günstigen gelegenheit. Zu dem seltsamen nach der scheenen Hilden lässt sich etwa die fügung in Hermann und Dorothea (1,42) vergleichen: Macht ich doch auch in der hitze nach solchem Schauspiel so weit nicht laufen und leiden.

Dass 323,2 eine erinnerung an das FröSa mjgl vorliegt (Hilde- Gud. s. 314) hat, wie ich jetzt sehe, schon Unland bemerkt (Schriften 3, 338).

1) xe Baijan darf, wie Klee, Germ. 25, 398 richtig bemerkt, des kontrastes wegen nicht gestrichen werden; vgl. anch 161,2 xuo der hure xe Baijan. 293,1 ron der burc xe Baijan.

BEITRÄGE ZUR KRITIK UND ERKLÄRUNG DER GUDRUN 35

331, 4 ist die Überlieferung lückenhaft. Die herausgeber ergänzen gnoten und lesen : ja mohte man in selben einen guoten swertdegen rinden. Bartsch (und danach Piper) erklärt swertdegen .einer, der mit dem Schwerte umgehen kann', aber das bedeutet das wort nie in der Gud., die den ausdruck nur in seinem ritterlich -technischen sinne kennt1. Martin constatiert denn sehr richtig, dass swertdegen eine für Wate sehr passende bezeichnung sei, und man wird weder die erklärung von Sijmons plausibel finden, dass die bezeichnung hier ironisch zu ver- stehen sei, noch die von Klee (Germ. 25, 399), sie sei scherzhaft schon im hinblick auf den Zweikampf mit Hagen gebraucht, in dem Wate sich 361, 4 als gelehriger schermknabe erweist. Zudem wird man guot schwerlich irgendwo als epitheton bei swertdegen finden. Offenbar ist der vers anders herzustellen und da im vorangehenden und folgenden von der kleidung der Hegelingen die rede ist, so hat wol auch liier nichts anderes gestanden als ja mohte man in selben gekleit (oder geziert) als einen swertdegen vinden, d. h. Wate war so kostbar angezogen als sollte es zur schwertleite gehen, vgl. 305, 3 si wären so gekleidet, sam si des tages swert nemen solden.

Zu 339,4 vgl. auch Trist. 643 dar zwo /ras in der ouwe manet ander schoeniu frouwe, der iegelichiu mohte sin von scheene ein ricJiin künigin.

Für die 341. 3 erwähnte haartracht hat Hertz, Paizival anm. 185 nachweise gegeben, die Martins bemerkungen ergänzen und richtig aut den orientalischen Ursprung dieser sitte verweisen; nachzutragen ist eine interessante stelle aus Heinrichs von Neustadt Apollonius, die gerade diesen punkt bestätigt. Dort (Strobl s. 60) trägt der alte Candor edel- steine in sein haar gerigen nach der heidenscJ/en ort.

342, 1 vor ir gesidele stuonden die wcetlichen man hat anstoss erregt, weil die Hegelingen ja 341, 4 (si hiez si sitzen beide Waten und ron Tenemarke Fruoten) ausdrückliche aufforderung sich zu setzen er- halten haben. Hierin liegt aber durchaus nichts auffälliges; denn es ist im mittelalter genau so sitte gewesen wie noch heutzutage trotz er- haltener aufforderung zum sitzen höflich stehen zu bleiben (und stuonden 342, 1 ist perfectiv: sie blieben stehen). Nachdem Gawan auf Schastel- marveile sich im bette ausgeruht hat Parz. 581, 25 > r riht sich üf und\ saz, mit guoten freuden er az. ril manec frouwe vor im stuont, gehl dies dem galanten manne wider den strich und er bittet dir alte königin: , frouwe, ex- krenkt mir mine xuht, ir meget >»ir\ jehen vür ungenuht,

1) Für den allgemeinen gebrauch von swertdegen held sind mir qui

beispiele aufgesessen : Lampr. \l»'\. 3668 and Wolffl, D \ II. ~'~. l

36 PANZER

suln dise frouwen vor mir stän. gebiet in, daz si sih.cn gen oder heizt si mit mir exxen'. Die königin leimt das ab: ,ulhi<: ivirt niht gesezzen von ir enkeiner um an mich, her, si mähten schämen sich, soltens iu niht dienen viV und die damen wünschen selbst stehen bleiben zu dürfen: ir süezen munde in bäten da stenes unx er geeze, dax ir enkeiniu seeze. Wie hier die jungen damen vor Gawan, so stehen sonst die raänner in gegen wart vornehmer trauen. Hartmann von Aue be- klagt sich über die ermüdende etiquette MSR 216, 35 Li rrouuwn Inner ich nicht vervän wan dax ich müede vor in stän, galanter denkende halten sie fest, trotz ausdrücklicher erlaubnis sichs bequem zu machen. So Meleranz im gedichte des Pleiers v. 894 fgg. Der Tydomie ir herxe steet gap den rät, ze dem juncherreu sprach si sän: Juncherre, ir sali sitzen gän, ir habt gestanden hie gennoc'. sprach der junc- herre klaoc: jfrouwe, lät mich bi ivitzen. solt ich vor in sitzen, des weer mir armen kneht ze vil. immer ich daz dienen teil, dax ir mir günnt der zühte min'. Tydomie muss ihre aufforderung widerholen und begründen, dass sie wolanstehendes verlange (ein gast tuon sol, swax im geblutet sin ivirt; ist dax er sin gebot verbirt, daz ist un- gezogenlich), dann erst setzt sich Meleranz. Eine ähnliche scene spielt sich ebd. 1181 fgg. ab. Ebenso verhält der ritter sich in einem gedichte Hermanns von Sachsenheim, Hätzl. II, 14, 557 fgg. Er führt die dame an einen quell: nider sitzen ich sy bat. sy sprach: das tun ich geren. ich ivill aber nit emperen, ir müszt auch sitzen nider. ich stund still und sprach hinwider: ,genad, fraw edel unde scheen' usw. Auch Dietleib ist ein so züchtiges junkerlein. Als er mit seinem vater, nach- dem ihre abkunft erkannt ist, von Etzel und Helche feierlich empfangen wird, Bit. 4442 danete vlizeclichen her Biterolf und ouch sin hint dem künege und ouch froun Heichen sint. si bätens sitzen neben in. der knabe niht hete den sin, daz er sitzen solde. der künec niht enwolde enbern erne seeze nider. Konrad von Haslau im Jüngling tadelt solches zieren v. 653: so ist manc kneht in den toitzen, so in der herre heizet sitzen, so sprichet er: 'ja sten ich woV. der tuot ouch niht als er sol. Umgekehrt hat der Seifr. Helbl. IV, 258 sich über lümmelei zu beklagen: ze hove hän ich daz gesehen: der herzog stuont, sie säzen, so sie sin verwäzenf saz er bi in, si lernten, da mit si bescheinten ir unzuht: daz tvas unreht. Dass höfische sitte in Deutsch- land schon im 11. Jahrhundert den höflichen verpflichtete, in gegen- wart von respectspersonen stehen zu bleiben und erst auf ausdrückliche aufforderung sich zu setzen, zeigt Kuodl. Y, 43 alter rex surgens huic dignas dicere grates a nostro vetitus residet. Und so bleiben also auch

BKITRÄGh; ZUR KRITIK UND ERKLÄRUNG DER GUDRUN 37

die Hegelingen, denen der dichter durchweg (Hilde-Gfud. s. 123) und nochmals nachdrücklich hier, v. 2a, nachrühmt, dass sie manege zuht künden, vor ihren stuhlen stehen oder zunächst stehen, bis die auf- forderung zum sitzen vermutlich dringender widerholt war. Denn 343, 3. 344, 2 sind sie doch wol sitzend gedacht. Die zwischen den beiden acten erfolgte Sinnesänderung ist nicht ausdrücklich erwähnt: eine stilistische eigen tümlichkeit des gedieh tes, die Hilde- Gud. s. 118 mit weiteren bei- spielen belegt und in den gehörigen Zusammenhang gerückt ist.

Zu den mannigfachen parallelen, die für die fechtscene 354 fgg. zu- sammengetragen sind, gesellt sich noch eine (in Sonderheit dem Seghelyn verwandte) episode im prosaroman Ysaye le Triste. Dort bittet der held seinen erzieher, den einsiedler, ihn fechten zu lehren. Sie fechten zuerst mit Schwertern, dann mit baumzweigen. In beiden fechtarten zeigt sich Ysaye überlegen; vgl. Zs. f. rom. Phil. 25, 184.

365, 4 sivaz man sach ir sterke, doch hete ir Hagene da bezeiget mere Avill Sijmons Beitr. 9, 95 fg. (im anschluss an Wilmanns) statt Ilagene einsetzen Wate, „denn hätte Hagen die grössere kraft gezeigt. so wäre kein grund zu einem mühsam verhaltenen zorne da gewesen." Richtig verstanden ist die Überlieferung aber, wie ich glaube, voll- kommen in Ordnung und viel feiner als die vorgeschlagene änderung. Der dichter will offenbar sagen, Hagen habe bei diesem ersten gange bereits mit dem aufwände aller kraft gefochten, während Wate solches noch nicht nötig hatte, noch listig zurückhalten konnte.

381, 2 schreiben Sijmons und Piper nach C. Hof mann die säxen linde loseten, da diu vogellin vergäxen ir dopne, denn „die zuhörer können unmöglich auf das verstummen der vöglein horchen." Sollten sie wirklich nie erfahren haben, dass mim eine überraschende stille tatsächlich hört, dass man ihr recht eigentlich lauschen kann? Goethe wusste es offenbar, als er denn von ihm wird das lied doch sein sang: Horch, Philomelens kummer schweigt heule still.

398, 1 ist %e lobe eine unnütze änderung des überlieferten u hove, das hier wie 397, 4 natürlich bedeutet: vor der königstoehtei . Vgl. darüber Hildebrand Zeitschr. 2, 469.

449, 2 mutet das überlieferte erglixen der phantasie doch allzu- viel zu. Von den rüstungen der zum wasser dringenden mannen Hagens konnten allenfalls die wollen, aber doch wahrhaftig nicht der mei boden erglänzen; zum überfluss können die leute Eagena der ganzen Situation nach gar keine rüstungen angehabt halten. Man muss also wol lesen: der grund begunde erdiexen; strtten wart getan, was ja auch sonst betont wird, vgl. ."»67, 2 der sal begunde diexen von w

38 PANZER

beider siegen, 515, 1 di> sluoc Wate der alte, dar, im erwäget der wert, 1394, 2 dax im der wert erwagete und im der war erddz, Roth. 4223.

481, 4 wird der , gesuchte' aüsdrack ir lop man mähte kroznen ja gewiss erst dem caesurreimer verdankt, ist aber doch nicht gerade unerhört. Sie gfelt mir wol, ir lob ich krön sagt Hans Sachs, Giiselua v. 668, ir hoher preis mus immer ivesen gekrönt in allen ecken Dietr. ausfahrt, Stark 448, 9. Das gewöhnliche und natürliche ist freilich einen mit lobe kromen, Wilmanns zu Walth. 40, 24.

508, 3 nimmt Martin an dem ausdrucke mit disen werden gesten anstoss: er könne nicht Hagens leute bezeichnen, da die von Irrtche davon unterschieden werden, auf die Hegelingen aber passe er umso- weniger, als diese sich ja in ihrem lande befinden. Es ist nun wol möglich, dass der ausdruck erst dem caesurreimer verdankt wird; aber erklären lässt er sich schon. Es sind damit die eben aus der fremde in die heimat zurückgekehrten Hegelinge gemeint, die ebenso 470, 4 geste genannt sind. Auch die aus Hegelingen in die heimat zurück- gekehrten Normannen heissen 974, 1 geste.

644, 3 daxhete si xongenweide soll nach Martin ironisch gemeint sein, „da Gudrun die feinde nicht mit begehrlichen äugen ansehen konnte". Von begehrlichem anschaun ist bei ougenweide aber auch keine rede; der ausdruck bedeutet hier wie sonst , Gudrun freute sich daran", weil, wie v. 4 erklärt, tapferkeit den frauen immer eine wonne ist, auch am feind. "Wirklich ironisch gebraucht ist der ausdruck 756, 4.

Auch 649, 4 ist bei Martin nicht richtig aufgefasst. In der ersten aufläge stand ir vater und dem gaste si wünschte des si gedähte in beiden und das wurde erklärt: ,da wünschte sie ihrem vater und dem fremden, was sie auch gegen beide aussprach', was denn freilich ein sehr wunderlicher ausdruck wäre. In der zweiten aufläge ist der überlieferte text (im anschluss an Erdmann, Zeitschr. 17, 227) geändert zu ir vater und dem gaste si wünschte des si in gedähten beide und erklärt: „sie wünschte ihnen, was sie beide erwarteten." Aber zu einer änderung der Überlieferung liegt gar kein anlass vor, da sie richtig interpretiert einen vollkommen befriedigenden, ja den für den Zusammen- hang allein möglichen sinn gibt: Gudrun wünschte dem vater und dem freunde, was sie ihnen beiden zudachte; d. h. sie wünschte beiden gelückes oder dax in möhte gelingen wie es 727 heisst. Denn ihrem vater ist sie durch kindliche liebe, dem fremden durch die Zuneigung, die seine tapferkeit ihr abgerungen, zu solcher Sympathie verpflichtet, und so wird ihr Herwigs sieg beide liebe unde leide, macht sie gexweiet in ir muote, wie es 654, 2 (nach der allein möglichen lesung) heisst.

BKITRAÜK ZUK KBlTIli UND KKliLÄllUNG DEU GUDRUN ?/.)

Gudrun steht also den kämpfenden parteien, indem sie beiden gutes wünscht, genau so gegenüber wie Wolfram dem kämpfe Parzivals mit Feirefiz; er drückt das in seiner originelleren art so aus (Parz. 742, 14): gut ner da Gahmuretes leint! der wünsch wirt in beiden, dem getoußen und dem Jieiden: die nante icli e für einen.

Zur beurteilung des Herwig 667, 2 erteilten rates vgl. 2. Büch- lein 512 fgg. und Zeitschr. 31, 544.

681, 4 überliefert die hs. den überladenen halbvers si klaget e dax verloren weere ir laut und ir vre. Martin und Sijmons schreiben nach Müllen hoff si klagete, vlorn weere laut und vre. Aber das ir kann unmöglich fehlen, da darauf aller nachdruck liegt, wirklich ja auch nur ihr, d.h. ihr und Herwigs land verloren ist, nicht das, in dem sie weilt: vgl. 685, 3 wo sie ihrem vater melden lässt, man sliiege ir die Hute und breeche ir bürge uiteu. Bartsch schreibt si klagete vlorn ir lant und ir vre, richtiger ist vielleicht si klagete ir land und ir vre, vgl. 887, 4. 901. 2. 902, 2. 927, 3. 939, 2. 1471, 2. 1478, 4 u. ö.

Zu 685. 1 von sedele stuont Küdrün bemerkt Martin: ,um zum könige zu gehen'. Aber diese ausdeutung wird dem tieferen sinn der stelle keineswegs gerecht. Nicht umsonst hat der dichter 682, 1 ausdrücklich bemerkt: mit triuivvu tele si dax, dax diu maget vil edele weinende sax: Gudrun sitzt, weil der trauernde nach mittelalterlicher gebärdensprache sich niedersetzt und wenn sie 685, 1 aufsteht, so will der dichter damit sagen, dass sie jetzt ihre trauer unterdrückt, um kraftvoll das notwendige zu tun. Zum beweis ein paar belege für viele: sach sie bi der scharte, dax ex Tristrant uns. nedir saxte sie sich an dax gras: gröxir jämir sie b&vtng Eilli. Trist. 1884. alre herre sinne st vergat; onsachte si bi lieni gesät, si weinde rele En. 2015, nach klägelichen suchen gesa: er riuwecltchen nider G. Trist. 1436, er sax vor leide der nider Strickers Karl 1814, wie sitxent ir so trürecUch? Virg. 511, 1, oivv, ir vreuden si vergäxen, mit jämer si uf dax gras nidersäxen Rabenschi. 983, 5, von jt&merlichem leide sau er üf dax gras, er muost vor grdxem leide sich legen üf <l<r. taut Wolfil. I) IX. 70, 2, wie sin wir versexxen zwischen vröuden nider an die jämmerlichen stat Walth. 13, 19, pe"oden uribltße scet Beow. 130 usw.

Zu 720, 1. 2 führt Zingcrle, Z. f. d. a. 44, 143 fgg. aus, die be- festigang, in die Sifrid mit seinem beere sich wirft, hätte niemand als warte bezeichnen können und will dahei lesen: si wichen von dem strfte w einem waxxer dan, da te einer Site ein grdxer phlüm in ran. Er muss nun erklären, dass mit waxxer „das raeer, eine meeres- bucht" gemeint sei, was schwerlich jemand glaubwürdig finden wird.

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Gewiss hat Martins besscrung ze einer warte das richtige getroffen; in v. 2 aber ist keine notwendigkeit, das überlieferte hin ran aufzugeben. Ich glaube Hilde-Gud. s. 346 fgg. nachgewiesen zu haben, dass Sifrids kämpf gegen Herwig und Hetel auf den geschichtlichen ereignissen der jähre 881/882, speziell den kämpfen um Elslow an der Maas beruht. Ebd. s. 348 ist bereits betont, dass die sage auch das historische lokal dieser geschehnisse, die befestigung am iluss. genau festgehalten hat. Sie kann warte heissen, weil sie den Normannen wirklich als solche diente; denn es war keine eigentliche bürg, sondern lediglich ein befestigtes lager. Sifrid von Morland befolgt genau die kriegsführung der Normannen, die bei ihren einfallen sich stets einen befestigten Stützpunkt aussuchten, von dem sie das land verwüsteten, wohin die beute zusammengeschleppt wurde, auf den sie beim nahen eines heeres rasch zurückfallen konnten. So hatten ihnen besonders Gent und Kortrijk lange gedient, 863 setzten sie sich in Nimwegen fest, 882 in Conde im Hennegau, 883 in Duisburg, 883/84 in Amiens, 884 in Löwen, 885 in einem befestigten lager an der Seine, später vor Paris usw., vgl. Dümmler 3, 129 fgg., 148 fg., 209, 228. 222, 229 fg., 232. 247, 263 fg. usw.

737, 4 heisst es von Gerlind si ivunschte daz si hähen solden beide Waten unde Fruoten. Da der Gudrundichter das Rolandslied nach- weislich gekannt hat, so ist auch dieser vers vielleicht angeregt durch Rol. 3590, wo Marsilie von Roland und Olivier wünscht: thie sehen gesellen beide scolten billichen hangen, so wäre min xcille icol er- gangen.

Für den uns seltsamen ausdruck in dax vierde laut 805, 1 hat Martin mehrere parallelen gesammelt; vgl. noch Ottokar, Ost. reimchr. 87901 sin tohter ist diu schmnist magt, di man ze diser stunde in vier landen vunde, Rol. 8183 ther ime sin spise hete gesant über einlif lant, "Willeh. 342, 5 von Halzebier an sin selbes her über fünf laut diu her ze helfe im wären benant, ebd. 339, 2 etzlicher (von den heiden- königen) über daz fünfte mer mit maneger rotte dar was komm, ebd. 377, 7 sus prüeve ich Poydjuses her, daz dar kom über daz fünfte mer, Eckenlied 81, 5 do vuortenz zivei wildiu getiverc ivol durch niun künecriche. Nicht selten finden sich ähnliche bestimmungen im nor- dischen Volkslied. DGF. 1, 49. str. 20 antworten die Burgunden dem Wächter Grimilds auf die frage, woher sie seien: hid saa ere ici kommen äff trinde tyde land, d.h. aus weiter ferne; ebd. 2, 200 str. 35 räflnen sluo synn wynnger offner thrinde konnge-rygge; Isl. fornkv. nr. 8, str. 7 sagt die mutter zu ritter Stig siglir d pn'Sja pjööland (d. h.

BEITRÄGE ZUR KRITIK USD ERKLÄRUNG DER GUDRUN 41

sehr weit), i nätt gisiir Regisa pina sceng. In einem slavischen Volks- lied (A. Grün, Volkslieder aus Krain, s. 35) heisst es: „trinket, fresset, meines bruders rösslein! Dann heisst's laufen bis zum neunten lande, dort zu finden meines bruders liebste." Dem Volksmärchen ist die be- stimmung noch sehr geläufig. Bei Wolf DHM., s. 280 trägt das treue füllchen den beiden „über drei königreiche weg ins vierte", ebd. s. 316 liegt das haus des vogel Greif „hinter drei königreichen und einem grossen wasser"; im ungarischen märchen gehen weite reisen regel- mässig über sieben mal sieben lande, vgl. Sklarek, Ungar, volksm. s. 88. 91. 99. 103. 142. 162. 165. 166. 167. 181. 183. 188 u. ö; in russischen märchen wird oft die aufgäbe gestellt, durch siebenund- zwanzig länder ins dreissigste königreich zu wandern , vgl. z. b. Dietrich nr. 3, 4 usw.

838, 2 got tuot mit gewalte, als ex umbe in stät ist verderbt und zwar sicher durch den caesurreimer {: cid sprach Wate ihr alte la), sodass man nicht mit Bartsch an dem zweiten halbvers ändern darf. Ich vermute, dass ursprünglich gestanden hat: got tuot ie dem manne, als ex umbe in stät d.h. gott verfährt mit dem menschen nach den umständen. Vgl. Mhd. wb. 3, 135a, besonders U. Trist. 706 er tuot ir, als man ie tete bi ligenden toiben.

Zu 864, 3 findet Martin es anstössig, dass hier ein hemd unter der brünne gegen einen kopfhieb schützen soll, und Sijmons erklärt: „Natürlich schützt nicht das seidene hemd unter der brünne Ludwig gegen den köpf hieb, sondern die in dasselbe eingenähten reliquien." Aber diese künstliche erklärung ist gar nicht erforderlich, indem wir einfach anzunehmen haben, dass die seidene haube mit dem hemd ebenso aus einem stücke war wie das hersenier, unter dem Ludwig sie trug, mit der brünne. Dass die brünne im gegensatz zum halsberg kein hersenier besessen habe (Härtung s. 440), ist eine behauptumr. der die quellen mindestens des 12. js. aufs bestimmteste widersprechen, vgl. Schultz 2, 32 anm. 4.

961, 4 stellt das schon von Vollmer vermutete anders mohtt <r ir sterben niht erwenden den text gewiss richtiger her als Bartschens <i. »lohte ir st. n. erw., dem die neueren herausgebei folgen. Denn aller nachdruck liegt darauf, dass selbst er. der milde und feine Hartmut. Gudrun auf keine andere weise aus der üblen läge retten konnte, in die sein vater sie gebracht, als durch eine solche Verletzung des an- standes. Vgl. zu dem gedanken str. L523 und EUldebrands treffende erläuterung Zeitschr. 4, 362.

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978, 4 ist die besserung von Sijinons, der muh' ruhen für das überlieferte emphähen einsetzt, durchaus unberechtigt und von nhd. Sprachgefühl eingegeben. Das mhd. emphähen besteht eben in kuss und umarmong.

Str. 1006 haben Unlands bemerkungen Germ. H. 81 ins rechte licht gerückt. Spinnen und sticken als soziale gegensätze zeigt auch deutlich die bemerkung über den bäurischen emporkömmlingSeifr. Helbl. VIII. 208: sin toJäer vor frouwen ncet schön ab einem bildcer, diu billich da keimt wcer, daz sie ir muoter spanne. Vgl. auch Kaiserchr. L1987 von der vom fischer aufgefangenen Crescentia: ja ehan si trol mit siden [wurchen swaz ir gevallet: an sivelhen borten man si stellet] da mag man ir tiure ivol an kiesen.

1104, 1 wird das Hegelingische beer gezählt: man aide Li den Schilden, wie vil ir mühte sin. .. der wurden sibenzic tüsent. Martin bemerkt dazu: „doch wol nicht nach den Schilden der einzelnen, da man ebenso gut die mannen selbst hätte zählen können, sondern nach denen, die die hauptleute aufgehängt hatten". Das ist gewiss nicht richtig. Freilich hätte man ebensogut die personen zählen können; aber im kriege kommt es eben in erster linie auf die zahl der zur Verfügung stehenden waffen an und hinter diesen verschwinden die lebendigen personen, die sie bedienen. Auch das mittelalter zählte seine kämpfer nacb helmen, Schilden, halsbergen, spiessen usw. Da Zupitza zu Virg. 177. 8 diesen Sprachgebrauch nur mit drei stellen belegt, auch die Wörterbücher versagen, führe ich an, was ich mir dafür notiert habe. Zählung nacb Schilden: Ruodl. VI, 15 multi sunt hie, quos non stwpefieri sat scio, si centnm scutis comes appetat uniun, Roth. 4052 xwelf hundirt schilde brähter deine schalle, En. 143 doe der herre Eneas üi der horch leomen ivas, doe hade der helet milde dri düsont skilde ende ridder also vele, ebd. 6694 doe quam der gräve Volzan van Laurente toe gevaren met einre mekelen skaren: he furch ivale hundert skilde, Gud. 632, 3 er ivolde niht erwinden, er enscehe in da mit Schilden, Dietr., Flucht 5915 so bringt iu vil der scliilde Rüedeg er der milde, Rabenschi. 562, 1 nach Rüedeger dem milden zogt her Bloedelin mit achzehen tüsent Schilden, ebd. 838, 5 Rüedeger der milde dem volgten sechzehen tüsent schilde, Wolfd. DX. 197, 3 mit fünf- hundert Schilden er ir engegenc reit, Helbl. VII. 597 wol zehentüsent schilde het wir daunoch hitite fruo. Ebenso wird buckelcere verwandt: Rol. 2633 der kuninc von Marsilien iher vuorte üz siner iselen niwen tüsent puckelare (= Karl 3101 fg.).

BEJTRiGJä ZUR KRITIK UND ERKLÄRUNG DER BÜDBDN 43

Zählung nach helmen: Rol. 2659 ther kuninc von Thüse ther vuorte ü% slner clüse manegen heim prünen, Eilh. 5899 mit . hundert heimln reit he do selbe, ebd. 8426 und sohle schtre sin geretin nach üch her selbe mit drihundert helmen, Orend. 2939 (= 2959) hie so kument si selber mit drixig tüsent helmen, die ivellent si machen dem Grclicen Roc undertän; jüngere beispiele im DWß. 4, 2. 977.

Zählung nach halsbergen: Athis A* 112 Dionisin sie saztin mit dusint halspergin an die huote vor den bergin , En. 8378 der heiser Freder icl, te Romen geiviet wart sinre ersten lierevart. di he für over berge met nieucgeu halsberge te Laneparten in dax Unit, Nib. 1921. 2 mit tüsent halspergen kuoben si sich dar, 1523. 1 die Xibelunges helde körnen mit in dan in tüsent halspergen , Wolfd. A. 144. 4 sehxic hals- perge heix, dringen nach dir in, ebd. 159, 2 die halsperge dringen man nücJi dem künege sach, ebd. 187. 1 mit hundert halspergen erbeixte er üf dax gras.

Zählung nach spiessen: Rol. 2673 thare kam Maragriex, th< r vuorte manegen freissamen spiez (= Karl 3143), Virg. 177, 8 im volgtt vil der spiexe; nach hornbogen: Rol. 2609 Antelin von Horre vuorte vünfzehen tüsent hornbogen, ebd. 2623 ther kuninc Maglierte, ther vuorte vermexxene thiete, xwelef tüsent hornbogen, ebd. 4665 mit in wären thar komen siven hundert hornbogen.

Nach Schilden, helmen und brünnen: Heinr. v. Melk, Erinnerung 412 mugen si der schilde vil geleisteit: helme uut brunne, dax ist (Uin ir wunne, dax si mit menige riten, nach Schilden und helmen Ortn. 53 die siner kamere phlägen, die schwofen dax man sr]inij> drixic tüsent schilde und als manegex ritters dach, Wartb. 164, 9 fünf- hundert helme brühten si und liehter schilde gliz ; nach Schilden und rossen: Rabenschi. 552, 1 vrou Helche diu milde hat dir gesendet her vünfxec tüsent schilde und als manic ors verdecket.

1109, 3 von spanischem messe wären si gebunden ist anver- ständlich, so lange man den vers auf die anker bezieht Schönbachs deutung (Christentum s. 175) hilft nicht, denn abgesehen davon. das> gebunden in der von Schönbach angenommenen bedeutung „vermischt" nicht vorkommt, hätte doch niemand sagen können: „die aus glocken- speise gegossenen anker waren mit niessing vermischt*', sondern höchstens „die glockenspeise, aus der die anker gegossen waren, war mit messing vermischt". Offenbar darf eben si nicht auf die 1107, l genannten anker, sondern muss auf die schiffe 11<>7, 1 bezogen werden und ge- bunden steht in dem gewöhnlichen technischen sinne von beschlagen,

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oben zu 264, 4. Eine solche für uns auffällige umspringende beziehung der pronomina ist in der Gud. sehr gewöhnlich.

Die episode 1125fgg. hat, wie ich nachträglich sehe, vor meinen ausführungen Hilde-Gud. s. 361fgg. auch Graf in seiner abhand- lung über den magnetberg (Miti, Leggende etc. 2, 363 fgg.) besproclien. Graf stellt die angäbe unserer stelle, dass im magnetberg ein paradies verborgen sei, mit einer reihe von Überlieferungen zusammen, die den berg von Zauberern, f'ecn usw. bewohnt sein lassen. Das entspricht der orientalischen tradition , die bereits (Erzählung des 3. Kalenders Weil l,85fg.) einen Zauberer auf seiner spitze kennt; die angaben unseres gedichtes haben damit aber m. e. nichts zu tun und erklären sich befriedigend in der Hilde-Gud. s. 365 fgg. angegebenen weise. Auch das zusammen- treffen mit dem Roman de Mabrian, auf den Graf verweist, ist ein zu- fälliges. "Wenn dieser (Grässe, Sagenkreise s. 339) angibt, dass au dessus de Vaiement en la vallec un chasteau nompareil q'on appelle fae, parceque Artus et les fayes y habitent stehe, so ist das eine sekundäre und gewiss sehr naheliegende Identifizierung des von feen bewohnten chastel d'aimant, von dem auch andere quellen (Fortsetzung des Huon de Bordeaux; spätere redaktion des Ogier) erzählen, mit dem chastel der Morgane, wie es im Florian und Florete geschildert wird, während die combinationen unseres dichters ganz anderer art waren. Die be- richte im Wartburgkrieg und Reinfried v. Braunschweig von zauber- büchern, die Sabulon und Yirgil auf dem magnetberg bewahrt bezw. geholt haben (Graf s. 369), scheinen mir nebenbei bemerkt, wider zwei wunderberge zu vermengen: den von Zauberern bewohnten magnetberg und den Monte del lago della Sibilla, auf dem nach vielen berichten auch die deutschen nekromanten ihre zauberbücher zu weihen pflegten.

Zu 1195, 4 wanne in diu vogellin ze Ormanle guote ritter brcehten bemerkt Martin: „diu vogellin ist ungenau, da nur ein vogel gekommen war". Der ausdruck wäre freilich mehr als ungenau, wenn wirklich der schwan darunter zu verstehen wäre, der Gudrun er- schienen war; er soll doch auch die ritter nicht , bringen'! diu vogellin meint natürlich die Trompeter der morgeuröte, wie Basile sie einmal nennt, die vöglein, die den morgen verkünden. Der satz ist lediglich eine anmutige Variation von v. 2 (si erbiten beide Mime) ivanne ex, wurde tac.

1247, 2 ob ir dax golt erkennet, so bin ich Hei'ivic genant, d. h. „wenn ihr den ring erkennt, so heisse ich Herwig", ist sinnlos; die deutungen von Bartsch und Martin aber sind gewunden und müssen allerlei hineintragen, was nicht dasteht; Bartsch ändert ausserdem die

BEITRÄGE ZUR KRITIK UND ERKLÄRUNG DKK (iUJ)RUX 45

I Überlieferung. Es ist alles in Ordnung, sobald man richtig konstruiert 9 und interpungiert: komma nach v. 1 und 2 b als parenthese: seht auf . meine band, ob ihr den ring erkennt ich selbst heisse Herwig j mit dem ich Gudrun vermählt ward. Die parenthese ist nicht auf- ; fälliger als zahlreiche andere in unserem gedieht und vielleicht mit jl feiner absieht gesetzt; Herwigs sich überstürzende rede malt sehr schön | seine bewegung, sein drängen gewissheit zu erlangen. Das so, mit I dem die parenthese eingeleitet wird, ist das bekannte, uns nicht mehr | geläufige so des leisen kontrastes (zwischen golt und ich), den ich in i der Übersetzung mit „ich selbst" widerzugeben versuchte.

Zu 1372, 4 der hax der Hegelinge ivirt e morgen äbent vil tcol !j lande (vgl. 998, 4) vgl. j. Tit. 1360, 2 er muox mir tiure gelten den kleinen, e sich der tac in äbent habe gewendet.

1385, 3fg. verspricht Gerlind mit ihren trauen den normannischen jj kriegern in den ärmeln steine zuzuschleppen, wenn sie in der bürg

sich verteidigen wollen: ich und mine meide tragen iu die steine in \ den stächen. Der brauch ist m. w. sonst nirgends nachgewiesen, doch

scheint eine stelle der Virginal, richtig gelesen, ihn zu belegen. Hier i fordert Dietrich, als Hülle vor der bürg erscheint, seine schöne freundin I Ibelin auf 516, 1: Juncvrouwe ir sulnt xe hove gärt und läxent mich \ dl eine stän und reichent mir der steine ein sehse raste nähe bi. jj Dazu bemerkt Zupitza: ein sehse ,etwa sechs'? Oder ist etsliche zu , sehreiben?" Vielleicht ist die richtige lesart vielmehr ein stächt u.

vgl. 517, 1 diu maget Mre niht enlix si tele dax si der vürste hie: 1 und langte im vil der steine. Auch an das bild, das die Manessische

hs. (F. X. Kraus s. 75) dem Düring gibt, mag man sich erinnern. Es | stellt eine belagerte bürg dar; auf der zinne steht eine frau, im be- [ grille einen stein auf die belagerer hinabzuschleudern.

1412, 1 ist Herwiges doch wohl fehler der Überlieferung (nach D 1413, 1) für Hartmuotes. Sichere fälle derartiger namensvertausehungen I durch den Schreiber unserer hs. sind oben s. 33 angemerkt.

Zu 1428, 1 man künde iu von in allen geliche niht gesogen be- I merkt Martin, der vers werde durch z. 4 erklärt: „die kämpfer waren | nicht alle gleich tapfer; aber in dem getümmel konnte man sie nieht unterscheiden"; Piper schliesst sich dem an. Das ist aber sicher un- richtig. Der dichter will vielmehr sagen: „es ist nieht möglich euch von taten und leiden jedes einzelnen der vielen tausend Streiter in gleicher ausführlichkeit zu erzählen", ganz wie Heinrich von Veldeke En. 11965: et war te seggeu al te laue w$ da genas end we d<i starf,

4P) PANZER, BKITRÄOK ZUR KRITTK CRP KRKLÄRUKG DKH 81 :

dt man al gencemen niet endarf noph al gencemen nietenmach, wan dat her vele da döt lach.

Martin hat zu 1463 eine reihe von beispielen gesammelt iiii die „altepische" art, in der hier die höchste unentrinnbare not formuliert wird; ich habe mir noch notiert: Ortnit 486, 3 sprach der jeger wtse: ich muo% in vware hüben, hiet er sieh under erde vor diu Muten vergraben, Strickers Karl 6930 ich. bringes noch in gröxer ndt, si entrinnen mir under di erden, Nicl. Manuel, Ablasskrämer v. 93 ich ivil dir sunst die term von rippen roufen oder du musst mir unders erhielt enthufen, Jourd. 3732 la cite ont si dose et enserree n'en puet issir uns, qui soit a emblee, se par am ont n'en ist a la roter. Vgl. auch Erec 6655 mit Bechs anmerkung.

Zu 1523,3 er vienc si bi dem hure: wer het im dax erhübet? vgl. Xeidh. 81, 2 Lanxe der besivärte ein vil stolxex magedin: eine kleine risen guot Karte er ab ir houbet, dar %ao einen bluomenhuot: xoer het im dax erhübet?

1576, 2 iver möhte in widenvegen mit guoie dise vröude, die si gewunnen schilt Martin einen trivialen gedanken. Möglich, dass er uns so erscheint; in der alten dichtung aber begegnet diese art der abschätzung sehr oft und zwar gerade wie an unserer stelle, um das erwünschte des anblicks oder widersehens geliebter personen recht drastisch zu bezeichnen. In Strickers Karl 5396 sagt Kursables zu Turgin: du solt des vil gewis sin, dax ich niht goldes dtie list so grox nceme so du bist, für dax ich dich gesehen hdn; im Goldemar 6. 9 sagt Dietrich zu den zwergeu, die ihn die frau nicht sehen lassen: mbht ex mit iuwer hulde sin, dax ich si sehen solde, da für na>.m ich niht tüsent marc; von Karl, der die Galie begrüssen darf, heisst es im Karlmeinet 102, 35 wer eme gelouet an der sinnt, hundert off dnset punt van seiner offte van golde, ich wene heg it neu en sonlde vur dt groesse hauen genomen; als Biterolf und Dietleib sich durch Rüedegers Vermittlung gefunden haben, heisst es Bit. 4302 Büedeger der ivigant hete niht tüsent marc genomen, si enweeren bede dar bekomen; Yirg. 431, 1 der äventiur diu magt verjach: so liebex ich nie nie gesach von kleinäte noch von mägen, da vür sceh ich hern Hilte- brant; als Jourdain seine gattin endlich widergefunden hat, sagt der dichter 2477: ne fust si Hex por Vor d'une contree; Herr Konrad von Altsteten meint von seiner geliebten ir kus der weere ein phant, den ich für tüsent marke ncenie xe hont MSH 2, 65 usw.

FREIBURG I. B. FRIEDRICH PANZER.

THR A. MAYK.R. HDRKEN RBYFRTD 47

ÜBER DAS LIED VOM HÜRNEN SEYERID.

Seit v. d. Hagen (Grdr. 1812, 48 53) ,das Seyfridslied' oder .das Lied vom hürnen Seyfrid' in die deutsche litteraturgeschichte ein- geführt hat, ist in der sagengeschichtlichen forschung viel von ihm die rede gewesen. Über dem sagengeschichtlich bedeutsamen inhalt hat man aber das äussere gewand, die sprachliche form, vernachlässigt; noch der letzte herausgeber, W. Golther, hat diesen teil seiner auf- gäbe mit ein paar bemerkungen für abgetan erachtet. Eine Unter- suchung dieser fragen wird um so notwendiger, als die von Golther über den h. S. vorgetragenen ansichten ebensosehr kanonische geltung zu gewinnen scheinen (vgl. Mogk, N. Jb. f. phil.gesch. paed. 1 (1898) 72fgg.: Sijrnons, Grundr. III-, 639; Vogt, Grundr. II2, 300), wie sie in Wirk- lichkeit wegen der ungenügenden berücksichtigung grammatisch -metri- scher fragen fast auf schritt und tritt zum Widerspruch herausfordern oder der ergänzung bedürfen1.

I. Lied oder lieder?

Es wird zunächst zu untersuchen sein, ob Golthers ansieht über die äussere geschichte des h. S. richtig ist.

Nach Golther ist der h S. in der uns vorliegenden gestalt keine Originaldichtung, sondern die überarbeitete zusammenfügung zweier älterer lieder (I und II), von denen I in 1 15 des h. S., II in 16 176 wiederzuerkennen ist. Ausserdem sind eine reihe Strophen interpoliert: 38. 134—144. 154—157. 164 167. 170. 177 179 (Ji). I ist am stärksten überarbeitet, wahrscheinlich von demselben manne, der Ji in II einfügte.

Golthers kriterien für diese Scheidung älterer und jüngerer be- standteile des h. S. sind sachliche Widersprüche und formelle Ver- schiedenheiten innerhalb des gedichtes. Ich wende mich zunächst einer betrachtung dieser zu.

Drei punkte führt Golther an:

1) Golthers arbeiten über den h. S. : Das lied vom hürnen Seyfrid. bg. v. Wolf- gang Golther. Halle 1889 = Braunes Neudrucke 81 82. Geschichte d. d. litt. Kürschner D.N.L. 163,1. 319-20. Germ. 3-1 (1889) 265 97 pass. Littbl. IS'.»",. 148. Z. f. vgl. litg. n. f. 12 (1898h 186 200. 2«9 31»; pass. Die folgenden aus- führungen waren niedergeschrieben, als der aufsatz von M. Herrmann, Z.f.d.A. 46 (1903), ölfgg. erschien. Ich hoffe an anderer stellt! auf Hermanns ausführnngen über das verwandtschaftsverhältnis der drucke des Seyfridliedea einzugehen, möchte aber hier schon bemerken, dass ioh seine aufstellungen für ebenso anriohti) wie die Golthers halte.

48 OHR. A. MAYKR

1. die nhd. reime sollen in I und Ji vorwiegend herr- schen. (XX.)

Zum beweise werden 5 reime angeführt, in denen die 3. sg. ind. praet. der verba der ersten ablautsreihe die jüngere form mit l zeigt. Allerdings zeigt II nur die form mit ei (rayss : hayss 131,6. reytj gemeyt 159,0). Aber I u. Ji haben die ei- und /'-form [steyg:feyg 1 13, 2; treyb : iveyb 160, 6 ; lidl : rät 11, 2; vertrieb-: lieb 14.2: lid : Sey- frid 139,2; ritt : nit 17 0 , 2). Golther irrt, wenn er dem dichter 106, 0 einen reim wie: trib : ulp zutraut. Die nhd. diphthongierung ist dem h. s. durchaus geläufig: vgl. iveyt : yemayt 32,0; seyn : stayn 14,6; seyn : rayn 103, 2; vertraw : fraw 30, 0.

Für mhd. in fehlen zufällig belege. 166,6 ist also nur der reim ireyb : iveyb möglich. Damit verliert unser kriterium die ihm von G. zugeteilte beweiskraft. Der „jüngere teil" zeigt beide formen. Ihre anwendung richtete sich offenbar nach dem reimbedürfnis, d. h. der gebrauch beider formen ist eine eigentümlichkeit der reim- technik des dichte rs, wie sie aus der früh -nhd. zeit sich durch zahlreiche analoga erweisen lässt. Wenn II nur die alte form kennt, reicht auch hier der gleiche grund aus, abgesehen davon, dass das material zu knapp ist, um ex silentio so weitreichende Schlüsse ziehen zu dürfen.

2. Stark apokopierte formen und rohe reime sollen sich besonders in I u. Ji zeigen. (XX.)

G. begnügt sich mit den belegen aus I u. Ji und gibt nicht an, was II bietet. Es müssen aber, wenn G. von „rohen" reimen spricht, alle von der mhd. technik abweichenden bindungen angeführt werden. Diese verteilen sich gleichmässig über das ganze gedieht. Endlich fragt es sich noch, wie diese „rohen" reime zu beurteilen sind, ob sie sich mit den „reinen" nicht zu einem bilde vereinigen lassen, das der ausdruck der technik eines dichters ist.

3. Die überlaufenden konstruktionen sollen in I u. Ji häufiger und schwerer sein als in II (XXI.)

Über den wert dieses kriteriums vgl. Jiriczek, Beiträge XVI (1892), 116fgg., Schönbach, D. Christentum i. d. ad. heldd. 236. Zudem sind G.s aufstellungen anfechtbar. Die häufigkeit (6 : 5) beweist bei so geringem material nichts. Und die schwere ist doch nicht gefühls- sache, sondern sie richtet sich nach dem syntaktischen Ver- hältnisse, in dem die glieder des auf zwei Strophen verteilten Satz- gefüges zueinander stehen. Ich gehe die belege durch.

HÜRST.N SF.VFRID 49

10/1 1 : wol mit demselben bache

10, 8 schnürt er den leybe seyn, 11,1 das er ward aller hürnen.

Vgl. 136/137: er würde Seyfrid nötten.

so würd der wurm die zwerge 136, 8 darnach alsampt ertödten, 137, 1 so er das magtlich bilde

durch die zwerg so verlür. In II: 128/129: .. . holen, die da was

under dem trachenstayne 128,8 inn berg gieng, glaubet das, 129, 1 biss das der trach gefriste.

14/15: darumb sich von den hewnen

14, 8 hüb jamerlicher mordt

15, 1 an manchem held vil küne. Vgl. 135/136: 135,8 das leer da was der berg

136, 1 darinn auch von dem schätze. Ferner 177/178: ob eynem prunnen kalt

erstach jn der grymmig Hagen

177,8 dort auf dem Ottenwaldt

178, 1 zwischen den seynen schultern. In II: 173/174: das wöll der teuffei, sprach Gynther.

173, 8 das man so werdt hie held

174, 1 für ander held so küne.

134/135: da Hessen die zwen künge

134, 8 den schätze ausher tragen

135, 1 unnd stiessen jn in ein h5len. Vgl. II: 66/67: Seyfrid sprang als ein helde

66, 8 fünff klaffter hinder sich

67, 1 und fünff klafftet- herwider

sprang zu jm der vil werd. Desgl. 159/160: nun sag mir, helt genieyt,

160, 1 lass mich deyner kunst geniessen. Nur II hat eine form für sich, und die ist gerade die „schwerste":

146, 7 yedoch so müst er leyden

vom wurme vngemach

147, 1 (er schlug so weych das boren

mit seynem schwort so gut) und auch die liitz vom tracheu. Also zwischen die zusammengehörigen glieder (146, 7/8 und 147, 3) ist eine parenthese (147,1.2) eingeschoben.

Ich vermag mich allem G.s gründen für eine formelle Verschie- denheit gewisser teile des h. S. keine berechtigung zuzumessen. Form e 1 1 ist, der h. S. aus einem guss. Den beweis gibt die metrische Unter- suchung des liedes.

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. Uli. \\xv. i

50 <;MR. \. MAYBR

II. Die metrische form.

An erster stelle ist zu prüfen, ob und in wieweit reste älterer verstechnik im h. S. widerzufinden sind1.

a) Das versende. 1. V o c a 1 d e h n u n g. a) Nach der strophenform des Hildebrandtones: 3x, 3; 3x, 3; 3x, 3; 3x, 3 mit reim auf den geraden verszeilen, reimlosigkeit der ungeraden wird für diese klingender ausgang verlangt. Dem fügt sich die mehrzahl der verse; aber zahlreiche belege weisen nach mhd. technik vix auf.

Vor 1 : - er : koler 7, 7. .9, 5.

-en: holen 131,1. 135,1; kolen 147,5. vor r : - e : gespore 35, 5.

-en:gefaren 129,5; erweren 111,7; verloren G8, 5. 105,3. 121,3; -horen(!) 147,1; zoren(!) 58,1; kuperan(!) 66,1. 157,1. vor m: -e:neme 142,7. vor n: -e:süne 134,1. 168, 5(!).

-ig : kunig 156, 5. vor f: -e:hofe(!) 11, 7. vor s: -e:wase(!) 79,5; rise 75,1. 85,1. 108,5. 153,3.

-en: genesen 115,7. 117,5; wesen 133,3; risen 109,1. vor h: -en: besehen 86,5. 114,3.

vor b: -en: haben 126,5. 155,5; geben 63,7; leben 26,3. 31,3. 56,1. 82,5; triben 139, 5.

-ich:Gybich 12, 3. 51,1. 169,1. 176,5. vor d: -e:schmide 4,5. 7,1; Seyfride 34,1. 39,1. 41,1. 47,1. 51,5. 57,1. 60,7. 61,1. 63,3. 68,7. 69,5. 74,7. 87,5. 88,1. 89,1. 92,1. 94,1. 97,1. 98,7. 100,3. 101,3. 103,1. 104,1. 105,1. 106,1. 111,1.5. 114,1. 115,1. 116,5. 117,1. 118,5. 121,5. 127,1. 132,7. 140,1. 141,3. 143,1. 153,1. 159,1.7. 176,7. -el:adel 174,3; edel 88,3. 107,5. -er: wider 67,1. 78,3. - en : Seyfriden 91,3. 145,3; vermiden 75,3. vor g: -e:gelage(!) 150,1. 177,5; sage 28,1; tage 22,1. 174,5. -el:nagel 172,7.

-en: Hagen 175,1. 177, 7; jagen 34,3. 42,3; sagen 29,1; erschlagen 7,5. 38, 7. 67,7. 163,5; getragen 62,5. 173,3; degen 170,1. 176,1; schlegen 78,7. 131,3; ligen 8,5. 150,5; geschwigen 177,3; betrogen 40,7; geflogen 141,5. -et:maget 151, 7. -est : mugest 104, 3. vor t: -er:vater 31,5.

In diesen 125 beispielen muss, damit klingender ausgang vor- handen ist, die nhd. vocaldehnung als geltend angenommen werden. Ebenso in folgender gruppe von cäsuren:

1) Die belegstellen für I und Ji sind cursiv gedruckt.

HÜROT.N SKYFRTD 51

himel 40,5. 41,5. 109,7. 150,7; zusamen 78,5. 84,1; gekonieu 93.3. 158,1; genomen 130, 1; darvone (!) 15,5; state 11, 3; gote (!) 56, 5; erliten 106,3; ge- striten 105, 5.

Das sind im ganzen 125 + 14=139 von 716 im gedieht vor- kommenden cäsaren, in denen mhd. vocalqaantität für mhd. versschluss nicht ausreicht, sondern nhd. dehnung anzunehmen ist, also fast 20 °/o- Das kann kein zufall oder sonst eine nachlässigkeit des dichters sein, sondern muss in der spräche des dichters seinen grund haben. Zugleich zeigt das auftreten der erscheinung in I, Ji und II 20 + 2 : 105 + 12, dass beide stücke nahezu gleichmässig teilnehmen.

ß) Zu dieser annähme der dehnung ursprünglich kurzer stamm- silbenvocale fügt sich eine erscheinung, auf deren wert Wilmanns aufmerksam gemacht hat (Untersuchungen zur mhd. metrik, Bonn 1888 = Beiträge 4, 93 94), die Verwendung von ^x als vollständiger fuss im versinnern.

vor w: -en:das er die löwen fing 33,6. vor 1 : - er : ein koler sass im walde 6, 5.

-enrauf disem holen stayn 31,2. 64,5. 110,7. 118,7. 119,3. 133,2. 155, 2; der solt jm kolen geben 6, 8.

vor r: -e:die vor jm here triben 139,5; wo mag die thüre seyu 86,5.

-en:sie waynt aus jren äugen 31,7; noch must er jn verloren han 89,8. 90,8. 110,2. 167,6.

-es: auf nie res flute fert 72,4; in jres vatters lande 52,8. -et: nun weret die hochzeyte 172, 1. vor m: -enrvmb siinst liie nemen an 53,4. 126,4. 127,2. vor n: -ig:vnd dass der künig Gybich 12,3. 16,4. 48,7. 159.5. 164,5; die edel künigein 22,8.

vor s: - e : hilff gewinnen dise maydt 77,4; vnd den der ryse trflg 79, 6. 80,6. 81,2.

-er: das nie auff diser erden 44,3. 103,6. 110,6. 116,2. -em:alhie jn disem lied 1,8. 31,2. 37,2. 41,7. 50. 1. 53,8. 02.7. 64,5. 131,2. 174,8.

-eil : aus nasen vnd aus munde 88, 7; er must jn genesen lassen 97,5; des wesen werdt jr hören 1, 7; gewesen seyn jar 47. 2: vher disen holen stayn*' 1 10, 7: tausent rysen vnderthan 59,4. 61,6.8. 80,1.

- es : wem solt dann dises gute 16 7. 7. vor li : -el:von stahel ein heim hört 72.2.

-en:jm schlahen auf das eysen 4, 7. 146,4; het ye gesehen ligen v ~> 39,4. 44,4; viertzehen tag genfig 119,2. 172,2; zfl tisch, die iluhen hin 122,8. vor b: -e:die drey künig lobesam 102.0.

-el:es nam ein nebel kappen 89,5; wie vbel haut jr than 22, 1. -er:ryss die aus vberall 9,8. 29,6. 75,8. 141,8. L75,6; den obern stayn gewan 1 1 5, 2.

-en : das er solt haben frag 6,4. 141, 6 \ bo lolereben Bohawen I so wil ich geben dir 82. 0; deyn leben must du lau 10.4. 70, S. 113,3. 133,8 161,8. -ich: mit babioh vnd mit hunden 34, i

l-

52 CHR. A. MAYER

Tor d: -eltdie edel künigein 22,8.

-er: es sass im Niderlande 1,1: vnd (Aren wider Laym 24.2.4. 31,4. 78, 2. 104, 4. 138, 7. 150. 2. 3.

-en:vnd lieff Seyfriden au 08, 2. 144, 2. 6. 177, 2; hernideu au den Keyn 175,4.

-es: der les Seyfrides hochzeyt 179,5. -ig:da8.s er seyn ledig wür 5,8. vor g: -e:dass ich gelige tot 110,8; an Seyfrid sigelos 84,6.

-en:mit gold beschlagen wol 42,7; erlöst ein degen gmeyt 32,8. 34,6.7. 40, 4. 41, 6. 57, 4. 81, 3. 8. 84, 3. 91, 7. 95, 1. 156, 6; hie gegen mir zu schätzen 82,3. 170,2; für dir hie ligen tot 116,4. 164,8; geflogen in den rafften 17, 7; verzogen da den wald 34,8; er ging gezogenliehe 115,3; vnd flugen wider ir Strassen 143, 7.

-et : die maget von dem stayn 76, 6. 83, 4. 98. 2. 101, 4. 114, 4. 115, 4. 8. 154, 6; du schönes mägetleyne 26, 1. 30, 4. 55, 6. 83, 8. 120, 6. 141, 2\ er sprach: nun saget, herre 45, 7 ; dem trachen siget an 107, 6.

-ent:du tugentreyne fraw 30,6. 45,5. 58,2. 76,2. 86,6. 113,4. Mit dehnung der stammschliessenden consonanz: vor t: -er: an meynem vatter here 22,5. 25,3. 46,6. 48,7. 51,1. 176,5; in jres vatters land 51, 8. 134, 5.

-en:das werde boten brot 169,2. vor m : - el : im hymel vnd auf erden 29, 5. 30, 2.

-en : warlich nit kumen her 76,4. 143,8; on ausgenuinen gotte 56.5. 60.8. vor n: -e: den trachen ane sach 40,2.

-igrvil manig schleg on zal 66,2. vor t: - en : funff tzehen fürsten riten ein 171,4. -es:on gotes erbarmunge 50,7. Mit enthetischem -e:erst ward das hören weychen 147, 7. Auf I, Ji fallen 31 belege, auf II: 136.

y) Endlich weist das gedieht eine reihe von reimbindungen kurzer und langer vocale auf, bes. mhd. ^ (x) : j. (x) = nhd. j. (x) : j. (x).

faren : waren 9, 2. 35, 6. 123, 2. 127, 6. 143, 6; -er : herr 156, 2; erdt : leer 5, 2; her: leer 76,2; tor : fürwar 72,6; -nam : kuperan 80,6; lobesam : lan 102,6; wunne- sam : plan 91,2; -trib : lieb 14,2; - Seyfrid : lied 1,6; - erschlagen : fragen 163,2; tagen : lagen 8,2; tag: frag 6,2; magt : gewagt 37,6 (7:11).

Nach allem dem kann kein zweifei sein, dass der spräche des dichters die nhd. dehnung geläufig war.

2. Epithese und enthese.

Ein zweites mittel, das erforderliche mass der verse vor der cäsur zu erreichen, ist die anwendung der nhd. epithese und enthese von -e.

mute (nom. sg.) 2, 7; wille (3. sg.) 3,3; schmide (nom. sg. m.) 7,1; hofe (acc. sg.) 11, 7; jare (acc. pl.) 12,5. 26,5. 64,7. 125,3. 161,3; Nyblinge (acc. sg.) 14,1. 156, 7; warde (3. sg.) 16, 7; stane (inf.) 17, 5; haupte (acc. sg.) 21, 1. 55, 7. 72, 1. 98,3; mägetleyne (nom. sg.) 26,1; seine (inf.) 28,5; Seyfride (nom. sg.) 34, 1. 39, 1. 47, 1. 51, 5. 57, 1. 59, 7. 60. 7. 63, 3. 68, 7. 69, 5. 74, 7. 87, 5. 89. 1. 92, 1. 94, 1. 97, 1.

HÜKNEN SKYFR11) 53

98,7. 100,3. 101,3. 103,1. 104,1. 105,1. 106,1. 111,1.5. 114,1. 115,1. 116,5. 117,1. 121,5. 127,1. 140,1. 141,3. 143,1. 159,1.7. 176,7; hinache 35,3; gespore (acc. sg.) 35,5; helde (nom. sg.) 40,1. 66,7. 162,5; Eugleyne (nom. sg.) 42,5. 45,1; gotte (acc. sg.) 56.5; hineine 61,5; maide (acc. sg.) 69,7; zöge (3. sg.) 71,7; fürware 76,7; fewre (acc. sg.) 79,3; wase (3. sg.) 79,5; wende (nom. sg.) 86, 3; leibe (acc. pl.) 94,3; kuperane (nom. sg.) 95,7; staine (acc. sg.) 107, 1 . 110,7. 118,7. 135,3; arbeite (nom. sg.) 111,3; weibe (acc.pl.) 115,5; weite (nom. sg.) 121, 1; vernunfte (acc. sg.) 125,1; jüngelinge (nom. sg.) 125,5; schätze (acc. sg.) 134,5. 166,5; steyge (acc. sg.) 137,3; gelage (3. sg.) 150,1. 177,5; Urlaube (acc. sg.) 156,1; leibe (nom. sg.) 161,5; weibe (nom. sg.) 163,7; wurme (acc. sg.) 165,3; rosse (acc. sg.) 166, 7; Heyn© (acc. sg.) 167, 1; zeyte (acc. sg.) 167, 3. 172, 1; gute (nom. sg.) 167, 7; sune (nom. sg.) 168, 5; gienge (3. sg.) 179,7; (22:76).

Mit enthese : zoren 58, 1 ; hören 147, 1 ; (0 : 2>

Die schon unter a) 1 angeführten fälle abgerechnet, bleiben 54 belege = 7,54 °/0 , in denen durch anfügung des unorganischen e das wort auf das erforderliche mass gebracht wird. Von den 716 eäsuren des ganzen gedichtes sind demnach rund 27 °/0, d. h. mehr als ein viertel nach mhd. technik unrichtig. Zum gleichen ergebnis führt eine betrachtung von apokope und synkope am versschluss.

3. Apokope und synkope.

Beide werden in weitgehendem masse angewandt, um im reime stumpfen ausgang zu erreichen.

«) Apokope.

«) nach kurzer silbe; ß) nach langer silbe1.

nom./acc. sg. st. n.: ß) gezwerg 153,2; gespräch 178,6; gericht 173,2.

nom. sg. sw. m. : ß) werd 67,2; trach 17,6; feyg 143,2.

nom./acc. sg. st. f. : a) zal 66,2; tür 137,4; klag 144, 8; ß) fraw 30,6; leer o, ■/; frag 6,4; hüt 38,8 (N.! a. La.: rüw:) speis 118,6; erd 5,2; wund 108,6.

dat. sg. st. m./n.: a) tal 8,6; zil 68,6; tan 34,4. 37,2. 53,8. 78,8; ß) lied 1,8; Wut 70,6; mut 167.2; stain 31,2. 76,6; Reyn 51, 2. 102,4. 175,4; leyb 56. 4; laid 64,8. 156,8; wald 177,8; schwerd 131,2; berg 133,2. 164,4. 168,2; gezweig 135,6. 164,2; land 51,8; grund 27,6; gang 137,6; witz 165,6; geschlecht 171.4.

dat. sg. st. f.: ß) natur 125, 2; gemeyn 169, 8; nas 178, 4; wag 28. 8; hrit 119, 8; erdt 67,4; stund 151,6; hitz 129,2.

nom./acc. pl. st. m./n.: «) tag 172,2; ß) zweig 133,4; ring 174,6; gest 84,2

pron. pers. 3. dat. sg. : «) im 9, 6.

1. sg. ind. praes. v: «) sag 17,2. 56,8; ß) vertraw 30,8.

3. sg. conj. praes.: a) seh 175,6; ß) räch 175,8.

3. sg. ind. praet. sw. v: ß) wolt 127,2. 130,8; solt 130. ü: gert 130, l. 131,4; het 126,2; rant80,2. 147,8; kunt 149,6; verflucht 125,8; gerächt 150,2; sucht 150,4.

3. sg. conj. praet. st. v: u) verlür 133,8. 137,2; ß) war 126,6; würd 125,4; erstach 178,8; tat 126.4. (21 : GH.

1) Ich ordne die belege noch nach grammatischen gruppeu.

54

OHU. A. MA^EH

p) Synkope (mit ■■f>''> <tclili<-h einsilbigen Wörtern I) Nach "kurzer silbe; faren 9, 2; gefaron 35, 6. 123, 4. 127,6. 143, %\ geboren 16,6. 48,6. 63,4. 114,4. 1-12, 2; verloren 16,8. 49,8, 63,2. 114,2. 142, l\ nemen 26,4; Schemen 26,2; kumen 161,8; genuinen 161,6; verjehen 93,2. 101,6. 104,8. 161,2; gesehen 101,8. 104,6. 161,4; geschehen ^ 4; eben 6,6; geben 6,8. 71,6; gegeben 121,8; leben 71, 8. 121,6; behagen 43, 6; sagen 15, i. 40,8. 43,4; erschlagen 15,2. 43,2. 95,8. 163,2; tagen 8,4; tragen 134,8; getragen 40, 6. 43,8; v, 134, 6; geholet 127,4; maget 17,8. 37,8. 95,6; verjaget 96,4.

Nach langer silbe: waren 9,4. 35,8. 123,2. 127,8. 143,8; kainen 39.4; fliessen 10,2; beleiben 159, 2; treibeu 159,4; fragen 163,4; lagen 8,2; noten 136, ff; ertöten 136,8; erbarmen 151,2; erden 54, 2; worden 48,8; verborgen 136,2; sorgen 136,4; dannen 172,6; verbrinnen 9,8; besitzen 165,8; verzoret 140,4; geschmähet 174,2; verfluchet 75,2; gesüchet 75, 4. 125,6; bleibet 162,0; beweibet 162,8; ge- waget 37,6; gezeyget 157,6; bestellet 173,6; heltet 173,8; gespeiret 100,2; triftet 141,8; berichtet 179,6; zerrüttet 129,8; erschüttet 129,6; zwergen 168,4. (25:64).

b) Der verseingang. Ich gehe im folgenden von der Voraussetzung aus, dass der deutsche reinivers des 16. jhs. silbenzählend mit nichtbeachtung des natürlichen accentes gebaut ist. Den beweis dafür bringt meine , Metrik des Hans Sachs', die in kürze erscheinen soll; vgl. vorläufig Minor: Nhd. Metr.2 333 fgg. und 528; 537.

Auftact.

1) ein einsilbiges, logisch tonloses wort steht vor einem logisch betonten: i. gz. 989x. (209:780.) z. b.: 1, 1: es säss im Niderlände; 1,2: ein kunig so wöl bekändt; 1,3: mit grosser mächt vnd gewälte.

2) eine unbetonte vorsilbe steht am anfang des verses: i. gz. 63x (15:48) z. b.: 1,8.: alhie in disem lied; 2,2: darzü stark vnd auch gross; 13,3: gefunden wärdt so reyche.

3) ein einsilbiges wort steht am anfang des verses: i. gz. 298x (65:233.) z. b. : 2,8: dass er nur züg darvön; 3,3: so er nicht bleyben wille; 4,8: als ein ander schmidtknecht.

4) ein zweisilbiges auf der ersten silbe betontes wort steht am anfang des verses: i. gz. 82 x (23:59.).

«) Namen: 28x. z. b.: 1,4: Sigmund was er genant; 36, 1: Seyf rid eylt nach jn bälde; 36,7: Seyfrid des nicht verdrösse.

ß) Nominalkompositum: 6x. z. b. 8, 3: lindtwürm, krötten vnd ättern; 26,8: junkfräw vil wöl gethän; 119,2: viertzehen tag genüg.

y) Verbalkompositum: lx. 131,8: abrän das wässer hayss.

5) Komponierte partikeln: 9x. z. b.: 4, 1: also schied er von dannen; 21,3: dennöcht so was seyn steYcke; 27, 1: also müst du mir beyten.

() Ableitungen: 2x. 76,4: warlich mit kümen her; 170,7: künig, fürsten vnd herren.

C) un - unbetont: lx : 117,7: vngessen vnd vntrüncken.

>]) Stammsilbe -J- flexionssilbe: 35 x : z. b. ; 14,6:. hütten Nyblinges hört; 41, 2: finstern alda begän ; 46, 3 : deyner tugent vnd trewe..

HÜKNEK SEYFK1D 55

Die mehrzahl aller verse hat demnach jambischen ein- gang: 989 + 63 = 1052 = 73,5 %.

c) Das versinnere. 1) Apokope. Ich gebe zunächst eine Zusammenstellung der belege für str. 1 60.

«) Nach kurzer silbe: im auftact: (ich) kum wider 24,4; in der Senkung: (er) thet fliessen 10,2]

in der hebung: (die) sün vil 14, 3; (die) sün so 16,6; (der) knäb was 2,1; (er) züg därvon 2,8; (er) het mit 1,5. 16,5; (er) het sie 20,1; (er) het den 34,7; (er) het Seyfrid 38,1; (er) het bey 39,3; (ich) höret sägen 43,4; (den) künig seyn 12, 2.

ß) nach langer silbe:

im auftact: als vil 9,4; (die) leng hat 28,4;

in der Senkung: all müsten 9, 3; kein creature 25, 5; (der) träch was 35, 6; (er) sölt haben 6,4; (er) eylt nach 36, 1; (er) möcht fären 9,2; (er) dienet willigk- licheu 12,1; (es) wundert Seyfrid 10,3; etlich jär (acc.pl.) 3,8;

in der hebung: (ich) frew mich 60,7; (er) wöll dann 41, 5; (er) kern von 52,7; ündtwürm krotten 8,3; (der) träch legt 21,2; (der) träch zv 22,2; (ich) sech sie 23. 7 ; (ein) träch wönt 49, 6 ; (ich) empfilch mich 30, 3 ; (du) zeyg mir 59, 7 ; (der) ding gär 2,4; (er) dänck dir 46,1; (ich) bitt däss 46,7; (er) wölt nie 2,5; (er) wölt reyten 42,2; (er) wält sein 58,7; (er) fürt sie 19,1; (er) rneynt der 7,1; (er) west noch 37, 7; (er) beyst der 39,7; (er) dächt der 5,1.

vor einer vorsilbe: (die) wurm verbrinn .9,8; (er) würd bekänt 32,4; ferr versendet 47,5; (das) weyt gefilde 59,3; (er) möcht geleychet 44,8; (der) wurm begünt weychen 10, 1.

Diese belege dürften genügen, um zu erweisen, dass die apokope willkürlich nach dem versbedürfnis stattfindet.

2. Wörter vom typus v^x. Sie werden im innern des verses teils als hebung + Senkung gebraucht, teils als hebung oder als Senkung (oder als auftact). An sich kann das ein rest älterer technik sein. Es ist aber schon oben u. IL a. 3. ß. darauf hingewiesen, dass von den 89 zweisilbigen reimen, 57 auf grund der allgemeinen Sprachentwicklung als einsilbig anzunehmen sind. Die anderen 32 sind mundartlich einsilbig. In fällen wie leben, stadel, sagen (19 x) ist für die mundartliche aus- spräche einsilbigkeit anzunehmen als: lö'm, stä'l, säi^. Auch beleihen. treiben, fragen, lagen (4x) haben als einsilbig zu gelten: bleim. trenn. fräii^, lärn Auch erden, worden (2x) sind bei H. Sachs einsilbig (> em, worn). Es bleiben als schwere synkopon verborgen, sorgen, xwergen, fliessen, besitxcn, töten, //ofen (7x). Es darf hier auf die

56 OHR. a. M,\i Kl:

Orthographie des H. Sachs verwiesen werden, dessen starke wortver- k Urningen sich aus dem bestreben erklären, die eigene ausspräche und das übliche Schriftbild eines Wortes in einklang zu bringen. Daher heisst es vber, wenn der vers zwei silben fordert, vor, wenn nur eine stehn soll; entsprechend verborgen und verporgn, Leiptzig und Leiptzg, und dergl. mehr.

«) Kurze silbe in clor hebung: nemen das 121,(3; kunig so 1, 2; künig Gybichs 11, 7; künig seyn 12,2; künig böten 32, 1 ; kunig so 43, 5; künig als 156, 4; kunig im 168, 2; vberälle 115,5 lebendig 162,6; neben im 92,3; sibentzig 54,3; döben verzert 140. 4 ; edel ein 108,6; wider vnd 5, 6; wider ir 143, 7; Hagen befolchen 178, 7; sägen die 30. 5; gelegen in 64, 8. väter vnd 18, 7; 23, 3; 47, 3; 102, 3 (8 : 15).

ß) Kurze silbe in der Senkung: kunig Jobesam 102, 6; künig hoch 158, 4; künig Gybich 169. 1 ; künigtochter 27, 7; Gybichs hofe 11, 7; städel thor 72,6; riten ein 171,4 (1 : 6).

y) Kurze silbe im auftact: oben aller 132,2: vber aller 29,4; vber disen 110,7; nider in 66,4; oder sich 103,4; oder ich 116, 3 (0:6).

d1) Lange silbe in der hebung:

vor vokal: jämer vnd 22,7; finger erkalte 10, 5; essen vnd 119,1; linden all 6,2 (2: 2);

vor konsonant: teuffei hin 74,3; 90,3; teuffei sprach 173,7; hinder sich 159, 3; vnter der 99, 7; vnder dem 138, 3; wünders niht 36, 7; eisen schlug 5, 1; zwischen den 11,2; sprächen des 3,1; trachten nicht 104,4; gäben dem 38,5; fürsten riten 171,4; brächten mich 31,4; scheützlich nicht 105,2 (5:10).

*) Lange silbe in der Senkung:

vor vokal: bergen in 8, 6;

vor vorsilbe: trächen gewinnen 107,8;

vor konsonant: deyner hilfe 152,6; deyner künst 160, 1; meyner grossen 150,8; seyner bräcken 35, 1; meyner väter 23,3; trächen stain 109,3; alten zwerg 168, 4; verborgen schon 99,8; junges bübeleyn 62, 6; zweintzig stercke 48, 1; grimmig Hägen 177, 7 (2 : 11).

O Lange silbe im auftact: vor konsonant: seyner seel 124, 7; vnser taiisend 158,8; yedermänn 170, 2 (1 : 2).

3. Die vorsilben.

«) bleiben erhalten:

im auftact: z. B.: bewär 111, 2; beschleüsst 64, 4; bezwungen 153, 4; gewesen 47, 2; gewüchs 34,2; gelegen 64,8; erlost 32,8; ersäch 101,4; erstach 177, 7; vermag 93,6; verlieren 112, 4; verzogen 34,8 (5: 17);

HÜBKEN BEYFK1D 57

in der Senkung: z. b.: hie beleyben 159, 2; fru bereyt 178, 4; da begiin 41.2; du gewältig 29, 3, hie gewännen 5,5. 5 ; hie gemachet 154, 2; do empfand (59, 2; wol empfangen 171, 5; jm entwichen 149, 7; war entbrannt 18, 2; ward ent- schlössen 100,1; zu erneren 111, 7; da ergieng 12, 6; wöll ergan 94,8; neu verirret 37, 1; tür verborgen 99, 8; wol vergelten 75,3; was zerrüttet 129, 8; weit zergan 98, 4; wort zerbrach 29, 7; (48 : 210);

in der hebung: begund 101,5; gottes erbarmunge 50, 7 ; wirds erlöst 50, 8 (— : 3).

ß) werden verkürzt:

vor der hebung, nach der Senkung: nach einer apokope: vnd gewalte 1,3; werd ge war 93, 8: het gelan 165, 4; thur verborgen 99, 8;

nach vollständigem wort: das begündt 143,3; mich betrogen 40,7; seyden gewänd 85, 6; ein gewilde 5', 1; hilf gewinnen 77, 4; schlug er entzweye 5, / ; stain erzittert 109,3; finger erkalte 10,5; jn verloren 89, 8 ; dich verloren 90,8; doben verzert 140,4; dich villeicht 75, G; jn zemorden 130, 4 (13:29);

vor der hebung, hinter dem auftact: so behieltst 60, 2; do begündt 150, 3; do begriffe 109, 1; so entgult 56, 3; er gewän 48, 1; nun gewan 169, 1; des gewert 24,5; ich empfilch 30,3; es empfing 45,5 ( :9);

vor dem auftact: gelust keyner 77,8; gewaltiger 29,2 (0 2);

vor der Senkung, nach einer apokope: würm begünd 10, 1;

nach vollständigem wort: sünst geschech 126,8 (1:1).

4. Epithese.

Seyfride der 40, 1; 52, 1; begriffe er 109, 1: den schätze aus her 134, 8; den leybe seyn 10, 8; den tode litt 11, 4; hayme lassen 24, 1; (den) rathe gab 128, 2; das fewre schoss 132,8; der berge vol 155,8 (3:7).

5. Accentverletzung. Verstösse gegen den grammatischen accent sind an jeder stelle des verses und in jeder grammatischen katogorie zu finden. Im ganzen zähle ich in den 1432 versen des h. S. 235 verse mit tonverletznng = 16,4%; darunter 15 x ton Verletzung innerhalb eines verses an zwei stellon, lx (156,7) an drei1.

1. das zweite glied eines nominalcompositums ist betont: (c) Namen, an erster stolle: Seyfrid 36,1.7; 49,2; i. gz. 24 x ; Sigmund /. /; Kriin- hild 51,3; Gybich 1697. (6:21);

an zweiter sttelle: Seyfrid 13,5; 33,3; 35,3; i. gz. 14 x; Nyblin 13, 2. 8; 14, 6; Gyrnot 176, 1 (9 : 9);

an dritter stelle: Soyfrid(e) 1,6; 39, 1; 41. 1; i. gz. 46 >: ; ffigli Nyblinge 156. 7; Krimhilde 179, 1 (7 : 42).

1) Nur eine accentverletzung und zwar vor der oäsui oder im reim i

93 verso.

58

r'uu- A. MAYEH, IIÜHNKN titVlKfO

/?) substantiva und adjectiva u. a.. an erster stello: lindtwiirm <S, 3; junckfraw 26,8; viertzehen 1 10, 2; fünfft-- zehen 171,4; dennocht 21,3 (1:4).

an zweiter stelle: junckfraw 18,4; viertzehen 172,2 ( :2); an dritter stelle: mutwillig 2,1; schmidtknecht 4,6'; junckfraw 30,6; u. a. 11 x. (2:9).

2. Eine ableitungssilbe ist betont:

an erster stelle: gwaltiger 29,2: künig 170, 7; warlich 76,4 (1:2);

an zweiter stelle: endtlichen 28, 2; herlich 43, 4; menschlichen 126, 2; seltzam 35,5; stählein 80,4; teufflische 124,2 (— : 6).

an dritter stelle: taglichen 20,7; freundlichen 61,7; Eugleyne 42,5. 45,1; erbafmunge 50,7; küuigin 51,3; weygändt 121,4; bulschaffte 125,7. (— : 8.)

3. Eine flexionssilbe ist betont: -e: au erster stelle: beyde 39,6. 172,8; brinne 82, 7; stunde 121,3. (— : 4.) an zweiter stelle: Seyfride 40,1. 52,1; beyde 128,5. (— : 3.) -el: an erster stelle: zobel 43, 2; Eugel 118, 2. 153,2. 164,5. 168,5. (1:4.) -er: an erster stelle: hinder 6, 7; oder 21,6. 90,4. 155,6; under 21,8.

88, 4. 128, 7. 135, 3; über 36, 6. 64, 2; deyner 46, 3. 55, 3; vnser 156, 7; edler 158, 4;

welcher 165,4; kuperan 153,3. (5:11.)

an zweiter stelle: vatter 2,3. 156, 7; ander 4,8; über 26,5. 89,5. 140,6.

u. a. i. gz. 13 X. (4 : 9.)

-ern: an erster stelle: finstern 41,2. ( : 1.)

-en: an erster stelle: zwischen 8, 6; Mitten 14, 6; westen 31, 1. i. gz. 8x. (4:4.)

an zweiter stelle: krötten 8, 3; wurden 15, 2; botten 32, 1. i. gz. 15x. (4:11.)

-ens: an zweiter stelle: essens 36,3; hettens 38,8. (1:1.)

-ent: an zweiter stelle: tugent 55,3. (— : 1.)

4. Präfix un-, ur- u.a. ist unbetont:

an erster stelle: vngessen 117,7; (— : 1.) an zweiter stelle: vnmassen 21,4; vntrewen 108,4. (— : 2.) an dritter stelle: vntruncken 117,7; vnrnere MZ, 2; vrlaube 156,1; auf- sitzen 152, 3. (2 : 2.)

5) Das erste glied eines verbalcomposituras ist betont:

an erster stelle: begund 101,5; erlöst 50,8; gestorben 156, 8. (1:2.)

an zweiter stelle: erbarmünge 50,7. ( : 1.)

Die accentversetzungen gehen so gleicbmässig durch das ganze gedieht hindurch, dass sie die möglichkeit zweier Verfasser für die 1432 verse des h. S. ausschliessen oder wenigstens zu bemerken gestatten, dass Golthers hypothese in der metrischen form des h. S. keine stütze findet. Die erscheinungen der vocaldehnung, epithese und enthese, apokope und synkope, weisen über die mhd. zeit als entsteh ungs- zeit des h. S. hinaus; die rhythmische technik zeigt volle Übereinstimmung mit der des Hans Sachs.

BRÜHL BEI KÖIJf. CHR. AUG. MAYER.

gOLTHER, K.ONKAÜ MAUKE«

Conrad m aurer1.

Konrad Maurer wurde am 29. april 1823 in Frankenthal in der Rheinpfalz ge- boren als einziger söhn Georg Ludwigs v. Maurer, der, seit 1826 an die Münchner hochschule berufen, als lehrer der deutschen rechtsgeschichte und als Staatsmann zu hohem ansehen gelangte. Alois firinz hat in der „Allgemeinen deutschen biographie", band 20, die Wirksamkeit L. v. Maurers eingehend gewürdigt. Konrad Maurer genoss eine sorgfältige erziehung. Er begleitete 1832 seinen vater nach Griechenland, be- suchte nach seiner rückkehr 1834 ein Münchner gymnasium und bezog 1839 die Universität. Das Vorbild seines taters führte ihn zu geschichtlichen und rechts- geschichtlichen förschungen, die er in München und Leipzig unter Albrecht, vornehm- lich aber in Berlin unter Homeyer, Richthofen und Jacob Grimm eifrig betrieb. Äti- häehst aber wandte er sich zum praktischen beruf und bestand 1844 die Staatsprüfung. 1846 promovierte er mit der abhandlung: „Über das wesen des ältesten adels der deutschen stamme". Diese arbeit, die noch heute wertvoll ist, ragt weit über den durchschnitt der gewöhnlichen doktorschriften hervor und lässt bereits die besonderen Vorzüge des scharfsinnigen, kritisch denkenden, historisch und philologisch gründlich geschulten forschers klar erkennen.

Dem wünsche seines vaters gemäss betrat Konrad Maurer jetzt die gelehrte lauf bahn und wurde 1847 ausserordentlicher. 1855 ordentlicher professor des deutschen rechts an der Münchner hochschule. Seine vortrage behandelten deutsches privat- und handelsrecht, deutsche rechtsgeschichte, erstreckten sich aber auch auf nord- germanisches recht, religionsverfassung im germanischen heidentum und die Germania des Tacitus. Vom sommer 1868 an las er nur noch über altnordisches recht (Staats-, privat- und kirchenrecht) und nahm als professor der nordischen rechtsgeschichte eine ausserordentliche, nur für seine person geschaffene Stellung untor den deutschen rechtslehrern ein. Bis 1888 hielt er seine Vorlesungen vor einem kleinen, aber ge- wählten kreis von zuhörern, die fast alle unter seiner leitung und anregung zur akademischen lauf bahn als Juristen, historiker oder philologen sich ausbildeten. Das gebiet, auf dem Maurer inzwischen anerkannter, unerreichter und unvergleichlicher meister geworden war, lag weitab von der heerstrasse der gewöhnlichen berufswissen- schaften. Maurers Vorlesungen setzten die kenntuis der nordischen spräche, geschichto und altertumswissenschaft voraus und führten unmittelbar in die feinsten und schwie- rigsten wissenschaftlichen Untersuchungen hinein.

1888 gab Maurer aus gesundheitsrücksichten seine Vorlesungen auf, war aber noch längere zeit wissenschaftlich tätig, bis die zunehmenden mühen des hohen alters ihn zur ruhe zwangen. So entschwand der verehrte manu langsam unseren blicken. Sein am 16. September erfolgter tod bewegte viele herzen in Deutschland und im norden und wird besonders bei den Isländern, bei denen Konrad Maurer geradezu volkstümlich War, tiof schmerzlich empfunden werden. Mit Eonrad Maurer ist einer der letzten dahingegangen , die noch Jacob Grimms persönliche leine und Freund- schaft erfuhren, oin mann, der die germanische altertumswissenschaft, wenn auch nur auf einem sondergebiet, begründen und aufbauen half.

Konrad Maurer lebte in stiller zuiüoktje/.ogenheit mit rastlosem tl.-is.-e nur seiner Wissenschaft und trat niemals in die öffentlichkeit. Das von ihm vertretene lehrgebiet der nordischen rechtsgeschichte ist in Deutschland nur wenigen faohmännern

1) Vgl. auch Philipp Zorn in der Allgemeinen zeitung L902, bei läge ox. 249.

60 ÜOLMU.K

bekannt. Darum wusstc man in weiteren kreisen nicht viel von dem ausgezeichneten, in ganz ungewöhnlichem sinne hervorragenden manne. Er entzog sich so viel als möglich äusseren ohren und lehnte darum auch die rektorwürde ab. Wo aber die pflicht rief, stellte er sich mit rat und tat freudig zum dienst. Auszeichnungen, die er nie suchte und von denen auch seine nächsten freunde kaum etwas hörten, wurden ihm reichlich zu teil. Seit 1865 gehörte er der bayerischen akademie der Wissenschaften an, wurde im laufe der jähre mitglied der Wiener und Berliner akademie und aller nordischen gelehrten gesellschaften, er war ritter hoher bayerischer orden, seit 1875 auch des Maximiliansordens, und besass die ersten dänischen, nor- wegischen und schwedischen orden. 1892 ward er zum geheimrat ernannt. 187G hielt er auf ehrenvolle berufung der norwegischen regierung in Kristiania Vorlesungen über nordische rechtsgeschichte. Man suchte ihn dauernd im norden festzuhalten, aber er kehrte nach München zurück.

1858 vermählte er sich mit Valerie v. Faulhaber und gewann in ihr die treuestc genossin, die ihn mit ganzer seele verstand und verehrte. Von Maurers einfach -vor- nehmer häuslichkeit schreibt ein Norweger, Ebbe Hertzberg, dass man da mit herz- licher und wahrhaft nordischer gastfreiheit aufgenommen wurde, und dass sie zu den liebsten erinnerungen zähle, die ein skandinavischer gelehrter aus München mitnehme. Alois Brinz schreibt auf seine treuherzige art in der Allgemeinen deutschen bio- graphie 20, 707 „in Konrad Maurer hat aber jeweilen einer, der keine gleich sichere Vorschule, keine gleich bildsame Umgebung, keine gleich bewusste festigkeit des wesens mit sich brachte ohne ansehen von geburt und stand noch in jungen jahren seinen freund, eine stütze im leben, und sein vorbild im denken und handeln gefunden und dankt dem geschicke, das dieses geschlecht in die Isarstadt verpflanzt hat". Zwischen diesen beiden inännern bestand eine besonders innige freundschaft, die in diesem falle ganz und gar auf persönlicher neigung und achtung, nicht auf gemeinsamer Wissenschaft beruhte. Maurers schlichte, edle grosse wirkte schon durch die rein menschlichen Vorzüge auf jeden, der ihm einmal nahe treten durfte.

Von Jacob Grimm in Berlin war Maurer auf germanistische Studien überhaupt und rechtsgeschichtliche im besonderen gewiesen worden. Er begann schon als student eine Untersuchung über angelsächsische rechtsquellen, die hernach in der „Kritischen überschau der deutschen gesetzgebung" 1853 erschien. Ein Norweger, der architekt Peter Holtermann, machte ihn zur selben zeit zuerst auf die nordischen quellen auf- merksam, und Grimm empfahl dem jungen gelehrten nachdrücklich deren Studium. Von J. Grimm und Wilda waren die damals noch wenig erforschten nordischen rechts- denkmäler zum erstenmal für die deutsche und germanische rechtsgeschichte heran- gezogen worden. Aber erst nach Übernahme seines lehramts in München beschäftigte sich Maurer mit dem gebiet, auf dem er seine lebensaufgabe finden sollte. 1852 er- schien bei Christian Kaiser in München, dessen verlag die meisten bücher Maurers übernahm, seine erste schrift: „Die entstehung des isländischen Staates und seiner Verfassung", worin der Verfasser eine schier erschöpfende kenntnis des altisländischen volkes, seiner spräche, geschichte und rechtsverfassung bewies, die allgemeine be- wunderung im norden und in Deutschland hervorrief. Es war damals überhaupt und namentlich in Deutschland noch sehr schwierig, mit den denkmälern des nordens bekannt zu werden. Die rechtsquellen waren nur ganz ungenügend herausgegeben und daher lag auch ihre geschichte völlig im dunkel. Maurer erkannte mit scharfem blick, dass eine behandlung der rechtsquellen nur auf grund einer erschöpfenden kenntnis der geschichtsquellen möglich sei. Dem deutschen forscher stellten sich

KONRAD MAURKR 61

zahlreiche Schwierigkeiten entgegen, die masse des stoffs, die spräche der quellen, die geringfügigkeit der hilfsmittel , der mangel an Wörterbüchern , die beschaffung der meistens im norden gedruckten buche*-, von denen auf den öffentlichen bibliotheken Deutschlands nur wenige vorbanden waren. Es ist ein erstaunlicher beweis von Maurers gewaltiger arbeitstraft, dass er alle diese hemmnisse neben den anforderungen seines lehramts für deutsche rechtsgeschichte in kurzer frist überwand. Dabei wurde er von anfang an auf unmittelbare beschäftigung mit den quellen selbst hingewiesen. Galt es doch keineswegs, eine im norden bereits ausgebildete Wissenschaft kennen zu lernen und deren ergebnisse den deutschen gelehrten zu vermitteln; vielmehr war diese'wissenschaft selbst aus den quellen erst aufzubauen. Maurer gewann aber dadurch auch eine durchaus selbständige Stellung zur nordischen Überlieferung, die er bis ins kleinste beherrschte. Damals legte er auch den grund zu seiner grossartigen bücher- sammlung, die für germanische philologie überhaupt sehr reich, für nordische voll- ständig war, deren ausgiebige benutzung er seinen freunden und Schülern gerne gestattete. Schon diese erste schrift über Island ist in der Verarbeitung der quellen und in der darstellung musterhaft. Noch 1882 wurde sie von Sigurd Sigurdsson ins Isländische übersetzt und gilt mithin auf Island selbst für eine klassische, unüber- troffene Schilderung. Maurer beabsichtigte, solche „Beiträge zur rechtsgeschichte des germanischen nordens" in zwanglosen heften herauszugeben und zunächst die begrün- dung der christlichen kirche und ihrer Verfassung auf Island, sodann die gemeind- lichen und nachbarlichen Verhältnisse im isländischen freistaat zu schildern. Diese plane wurden hernach in weit grösserem umfang ausgeführt, als Maurer zuerst sich vorgestellt hatte, sie erwuchsen zu grossen werken, die an gehalt und umfang das erste heft der „Beiträge" weit überragen.

Das kleine buch war nur ein Vorläufer zu dem zweibändigen hauptwerke: „Die bekehrung des norwegischen stummes zum Christentum in ihrem geschichtlichen ver- laufe quellenmässig geschildert" 1855/56. Vom isländischen volke wendet sich Maurer hier zum norwegischen stammland, ja zum gesammten norden und erzählt eines der wichtigsten ereiguisse mit wahrhaft klassischer Schönheit.

Die bekehrung Islands, die Maurer ursprünglich allein hatte behandeln wollen. war nicht „ohne gleichzeitige stete berücksichtiguug der untrennbar in sie verlloch- teneu norwegischen bekehrungsgeschichte zu bearbeiten und verständlich darzustellen; andererseits gewann die so erweiterte aufgäbe ein selbständiges interesse, indem sich nicht verkennen Hess, wie die kirchengeschichte Norwegens und Islands ganz vor- zugsweise geeignet sei, die ebenso schwierige als wichtige frage nach dem inneren hergauge bei dem übertritt der germanischen stamme vom heideutume zum Christen- tum ihrer lösung näher zu bringen1". Im ersten band wird die äussere, im zweiten die innere geschichte der bekehrung erzählt. Den norwegischen historikeru Manch uud Keyser gegenüber steht Maurer ganz selbständig und unabhängig. Von Munchs „Det norske folks historie" kamen Maurer die zwei ersten bände heftweise zu. nach- dem die vorarbeiten und der erste entwurf der eigneu schrift bereits beendigt waren: Keysers „Den norske kirkes historie" (1856/8) erschien erst nach der Bekehrung viel Maurer dem werke Munchs, das er überall zu rate zieht, für den ersten teil auch verdankt, so behauptet er doch an vielen stellen seine eigene abweichende meinung, gestützt auf schwerwiegende gründe. Zu den glänzendsten abschnitten des ersten teils gehören die prächtigon, wahrhaft künstlerisch gestalteten Charakterschil- derungen der norwegischen könige, HakonE des guten und der beiden Olafe. Eine darstellung, wie sie der zweite teil gibt, war Doch Die versuch! worden; hier steht

62 nnistnr.it

Maurer ganz allein. Aus zahllosen in den SQgur verstreuten einzelzügen gewann er ein lebendiges und wirkungsvolles gesamtbild vom glaubenswechsel, wie er in der seele einzelner personen und des ganzen Volkes sich spiegelt. Die Sammlung und Verarbeitung der einzelheiten zur abgerundeten abgeklärten Schilderung ist ein meister- stück. Dem heidentum sowol als der mittelalterlichen kirehe geschieht volle ge- rochtigkeit.

So hatte Maurer bereits für seine ersten bücher die gesamte überlieferunj Nordgermanen sich angeeignet, rechts- und geschichtsquellen und gedichte. bereiste er mit dem geographen Winkler, der die reise in einem hübschen buche 1861 beschrieb, Island, um land und leute persönlich kennen zu lernen. Das ganze laud wurde durchritten; Maurer war bei den isländischen gelehrten, pfarrera und bauern zu gast. Er vermied es, mit dänischen empfehlungon in Island zu reisen und gewann gerade dadurch das besondere vertrauen der Isländer, die in dem deutschen gelehrten bald einen warmen und verständnisvollen freund und fürsprecher ihrer vaterländischen sacho erkannten und daher ihm gegenüber aus ihrer Zurückhaltung heraustraten und ungewöhnlich mitteilsam und umgänglich wurden. Maurer beherrschte die isländische spräche, die er sich nur aus büchern angeeignet hatte, so vollständig, dass er mit den Isländern wie ihr Volksgenosse verkehren konnte.

Nach seiner rückkehr gab Maurer eine isländische saga, die geschichte von Gullthorir, heraus und bewies in der behandlung des textes, dem eine ausführliche einleitung über alter, glaubwürdigkeit und wert der saga vorausgeschickt ist, seine philologischen kenntnisse. 1860 kamen die „Isländischen volkssagen der gegenwartu heraus, die Maurer auf seiner reise grossenteils unmittelbar aus mündlicher Über- lieferung aufgezeichnet hatte. In diesem buche bewährte er sein tiefgründiges Ver- ständnis für die Volkskunde, die er stets mit besonderer Vorliebe pflegte. Seinen bemühungen ist es zu danken, dass die reiche Sammlung von isländischen volkssagen und märchen, die Jon Arnason und Magnus Grimsson veranstaltet hatten, zum ab- schluss kam und 1862/64 in zwei grossen bänden bei Hinrichs zu Leipzig gedruckt wurde. Und aus der isländischen Sammlung ist wiederum nachträglich zu ersehen, wie trefflich und übersichtlich Maurer selbst gesammelt, ausgewählt und verdeutscht hat. Jacob Grimm sprach in einem briefe au ihn eine wahrhaft rührende freude über diesen ebenso reichen wie eigentümlichen Zuwachs zur germanischen sagenkunde aus. Maurer hat die Islenzkar bjödsögur og aefintyri im 7. und 9. band der Germania ausführlich besprochen und ebenso im 14. band, zu Willatzens Altisländischen volks- balladen und heldenliedern der Fagringer, land und leute und ihre lieder meisterhaft geschildert. Der schöno aufsatz Zur Volkskunde Islands im ersten band der Zeit- schrift des Vereins für Volkskunde ergänzt und erweitert Gudbrands Vigfüssons ein- leitung zum ersten band von Jon Arnasons Sammlung (verdeutscht in den isländischen volkssagen von M. Lehmann - Fühes II, 1891). Man gewinnt daraus einen überblick über die wissenschaftlichen bestrebuugen der isländischen Volkskunde in alter und neuer zeit. Einen beitrag zur deutschen Volkskunde liefert Maurers abhandlung über die bayerischen sagen (Bavaria I, 1).

Nachdem Maurer so auf breitester grundlage das norwegisch -isländische Volks- tum und seine geschichte quellenmässig erforscht hatte, wandte er sich nach einigen kleineren in der „Kritischen überschau der deutschen gesetzgebung" und der „Kritischen vierteljahrsschrift" erschienenen aufsätzen, die sich mit den ausgaben der isländischen gesetze befasst hatten, zu seinem hauptgebiet, zur nordischen rechtsgeschichte und quellenkritik. Neben den rechtsdenkmälern selbst wird der vielfach rechts-

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geschichtliche inhalt der sogur herangezogen und somit das angewandte recht auf- gezeigt. Und die ergebnisreiche quellenkritik der gesetze führt zu einer ebenso strengen kritik der sogur und damit zu sehr wertvollen literargeschichtlichen Unter- suchungen.

In diesen Untersuchungen treten Maurers kritische begabung, wissenschaftliche gründlichkeit und schöpferische kombinationskraft ins hellste licht. Keine überlieferte meinung wird ungeprüft hingenommen, meist fällt sie vor seiner scharfsinnigen und umsichtigen beweisführung gänzlich dahin, und ein neues, mit gründen und beweisen wol gesichertes ergebnis tritt an ihre stelle. Maurer beherrschte alle wissenschaftlichen hilfsmittel philologisch -historischer kritik, er besass ein feines Sprachgefühl für die unterschiede norwegischer und isländischer rechtsausdrücke und vermochte aus eigenen Sammlungen die altnordischen Wörterbücher, die er in gründlichen anzeigen im An- zeiger für künde der deutschen vorzeit 1863, in der Germania 12, in der Allgemeinen zeitung 1870, beilage nr. 6/7 und in der Kritischen vierteljahrsschrift 1886 besprach, oft zu ergänzen und zu berichtigen, er gieng mit grösster gewissenhaftigkeit und strengster Sachlichkeit zu wege. So erfuhr jede frage, die er behandelte, stets be- deutende förderung, wenn nicht überhaupt endgiltige lösung.

Nun beginnt die lange reihe glänzender einzeluntersuchungen, an deren spitze 1863 die abhandlung über die „Grägäs", das isländische rechtsbuch , in der Hallischen encyklopädie, band 77, s. 1 136, steht, und die meist in den denkschriften und Sitzungsberichten der Münchner akademie, aber auch in zahlreichen juristischen, historischen uud philologischen fachzeitschriften veröffentlicht wurden.

Der aufsatz über die Grägäs bespricht zunächst die handschriften und ausgaben und erörtert dann die entstehung der rechtsaufzeichnung auf breitester geschichtlicher grund- lage, aus der betrachtung der gesamten isländischen gesetzgebung seit den ülfljotstyg. Dieser letzte teil wird 1869 durch die akademieabhaudlung: „Die quellenzeugnisse über das erste landrecht und über die Ordnung der bezirksverfassung des isländischen frei- staates" ergänzt. Nun folgt der beweis, dass die handschriften der Grägäs nicht etwa bloss verschiedene recensionen eines und desselben amtlichen rechtsbuches sind, vielmehr völlig verschiedene kompilationen , die nur grösstenteils aus denselben quellen geschöpft und dadurch eine gewisse gleichartigkeit gewonnen haben. Diese quellen siud aber teils gesetze, teils rechtsvorträge von gesetzsprechern, deren mehrere namentlich genannt werden, teils privatarbeiten und formelsammlungen. Die texte der zwei haupthandschriften , codex Regius und Arnamagn;ranus, entstanden in den jähren 1258 62 und 1262 71. Der name Grägäs für diese niemals unter einem gemein- samen namen zusammengefassten rechtsaufzeichnungeu kam erat am anfang des 17. Jahrhunderts und nur durch einen irrtum auf. Dabei erörtert Maurer s. 98/9 auch zum erstenmal die frage, wie die liedersammlung des codex Regius zur be- nennuDg „Edda Sa-munds" kam. Alle meinungen, die jemals von den älteren in- ländischen gelehrten über die Grägäs geäussert wurden, unterwirft Maurer einer strengen sachlichen kritik. Seine besonders auch au alten ausgaben und abhandlungen reiche büchersammlung und seine aus genauen erbundigungen geschöpfte kenntnif nur handschriftlich vorhandenen gelehrten Schriften der Isläuder ermöglicht auch in diesem abschnitt eine sorgfältige und durchaus zuverlässige darstellung. Die Q] frage ist durch Maurer in der hauptsache allseitig beleuohtel and der Lösung nahe geführt worden.

Mit derselben beispiellosen umsieht, gründlichkeit und klarheit sind auoh alle übrigen Untersuchungen Maurers geführt, so z. b. die über die entstehung teil der

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iiltereu Gula|)ings- und Frostaf>iii{,'s]og in den Abhandlungen der Münchener akademie 1872 u. 1875 und in der Hallischen encyklopädie 97 (1878) oder die über das an- gebliche Christenrecht könig Sverrirs (1877). Art und weise der betreffenden r< auf Zeichnungen, Ursprung und alter, quellen, aus denen sie sich zusammensetzen, werden gründlichst, lichtvoll und überzeugend geschildert. In der hauptsache ergibt sich, dass die älteren norwegischen reehtsquelfen bis auf Magnus lagaboetir keine gesetzbücher, sondern privataufzeichnungen sind, entstanden in anlehnung an den Vortrag der gesetzsprecher. Keines der denkmäler ist älter als der anfang des 12. jhds. Wenn wir den nordischen gelehrten Keyser, Munch, G. Storni, Vilbjalmr Finsen, Schlyter, Kolderup- Rosen vinge, die ausgaben der nordischen rechtsquelleu verdanken, so steht Maurer an aller erster stelle unter denen, die uns jene denk- mähler verstehen gelehrt haben. Er darf mit fug als der schöpfer der nordische); rechtsgeschichte gerühmt werden.

Neben den aufsätzen, die sich mit den rechtsquellen selbst beschäftigen und deren Hauptergebnisse der „Überblick über die geschichte der nordgermanischen rechtsquellen" in Holtzendorffs Encyklopädie der rechtswissenschaft (5. aufl. 1889) und die erweiterte norwegische Übersetzung „Udsigt over de nordgermaniske retskilders historie" (Kristiania 1878) zusammenfasst, stehen ebenso glänzende Schriften über den inhalt der rechtsbücher, über rechtsformen und verfahren und gerichtsleute. Dabei wurden die geschichtsquellen in vollem umfange herangezogen. Hierher ge- hören u. a. „Zur Urgeschichte der godenwürde" im 4. band dieser Zeitschrift, „Das alter des gesetzsprecheramtes in Norwegen " 1875, „Über die einziehung der norwegi- schen odelsgüter durch Haraldr härfagri" in der Germania 14, „Über die norwegischen höldar" in den Müuchener Sitzungsberichten 1889, „Über die Schuldknechtschaft nach altnordischem recht" in den Münchener Sitzungsberichten 1874, „Über das väpnatak der norwegischen rechte" in der Germania 16, „Über die eingangsformel der alt- nordischen rechts- und gesetzbücher" in den Münchener Sitzungsberichten 1886, „Die rechtsrichtung des älteren isländischen rechts" 1887, „Über das bekenntnis des christ- lichen glaubens in den gesetzbüchern aus der zeit des k. Magnus lagabeetir" in den Sitzungsberichten 1892, „Über zwei rechtsfälle in der Eigla und Eyrbyggja" ebd. 1895 und 1896. Zur kultur- und kirchengeschichte gehören die beiden akademie - abhandlungen „Über den hauptzehnt einiger nordgermanischer rechte" und „Über die wasserweihe des germanischen heidentumes", in der Maurer eine nachahmung der christ- lichen taufe vermutete. Die „"Wasserweihe" veranlasste den bedauerlichen ausfall Müllen- hoffs im Anzeiger 7, 404 fgg., dem Konrad Maurer mit recht nur mit vornehmem schweigen begegnete. Alle diese in anläge, beweisführung und gedankenreichtum, an- schaulicher darstellung und strenger Sachlichkeit unvergleichlichen Schriften waren eigentlich nur vorarbeiten zu einer umfassenden nordischen rechtsgeschichte, die leider nicht mehr zur ausführung kam. Maurer verlor sich schliesslich zu sehr in einzelfragen, dass es ihm nicht mehr gelang, das ganze zusammenzufassen, wie es ihm früher z. b. in der „Bekehrung" so herrlich geglückt war. Im mittelpunkt der Studien Maurers stand dabei das norwegisch - isländische recht mit seiner auf ge- meinsamer grundlage ruhenden , aber im freistaat und unter dem königtum doch höchst eigenartigen und verschiedenen entwicklung. Aber auch die dänischen und schwedi- schen rechte durchforschte er aufs gründlichste, wovon einzelne abhandlungen wie die gesamtdarstellung im „Überblick" zeugnis ablegen.

Maurers befähigung für quellenmässige geschichtschreibung bewährt siel wiederum trefflich in der geschichte der entdeckung Ostgrönlauds (Grönland im mittel-

KONRAD MAURER

alter und Wiederentdeckung Grönlands), die er für ..Die zweite deutsche nordpolfahrt

unter führung von Koldewey" 1873 verfasste. Als einen besonders wertvollen ge- schichtlichen beitrag liehe ich noch den im zweiten band dieser Zeitschrift veröffent- lichten aufsatz „Islands und Norwegens verkehr mit dem Süden vom 9. bis 13. Jahr- hundert" hervor.

Maurer hat sich endlich um die altnordische litteraturgesehichte grosse Verdienste erworben, namentlich um die geschichtlichen sagas, sowol die Islendinga- als die konungasogur, während er die mythischen sagas und die skaldenlieder mehr bei seite lässt. Die beiden arbeiten „Über die ausdrücke altnordische, altnorwegische und isländische spräche" in den Abhandlungen der akademie 1809 und über die norwegische auffassung der nordischen litteraturgesehichte" im ersten band dieser Zeitschrift sind hier vor allem wichtig. Maurer weist die dänischen und schwedi- schen anspriiehe auf anteil am altnordischen Schrifttum als völlig unberechtigt zu- rück, wendet sich aber ebenso entschieden gegen Keysers meinung, dass die so"ur in der mündlichen Überlieferung der Norweger schon völlig ausgebildet gewesen seien, so dass sie von den Isländern nur niedergeschrieben worden wären. Den Isländern gebührt der rühm, die meisten sogn. altnordischen werke selbständig und kunstvoll geschaffen zu haben. Die Norweger haben verhältnismässig nur wenig geschrieben und viel später als die Isländer. Mit grosser gclehrsamkeit werden alle sogar ein- zeln besprochen, ihr alter und Ursprungsland bestimmt, und damit wird die wis schaftliche behandlung der altnordischen litteraturgesehichte, wonach Isländern und Norwegern der ihnen gebührende teil sorgsam und gerecht zugemessen wird, begründet. In den berühmten 72 anmerkungen werden beweise und belege erschöpfend ge^ Die geschichte der altnordischen prosa ruht fest und sicher auf dem von Mann legten gründe. Nur wenige punkte, z. b. die von Maurer geleugnete Verfasserschaft Snorris für die ganze Heimskringla, waren später zu berichtigen. Aus der akademie- abhändlung zweigten sich mehrere einzelne aufsätze ab. So die ausgezeichict-n arbeiten über Ari im 15. u. 36. band der Germania und die akademieabhandlung über die Hcensa- Poris saga 1871. Ari war Maurers besondrer liebliug. Mit unermüdlichem eifer kehrte er immer wieder zu ihm zurück und durch forschte die sogar nach den spuren, die sein verlorenes Isländerbuch darin hinterliess. Feinsinnig wusste er Alis eigenart und schlichte Zuverlässigkeit gegen die glänzenden leistongen Snorris her- vorzuheben.

Auch der späteren isländischen dichtung widmete Maurer gründliehe anter- suchungen. So gab er überhaupt zuerst die Skiöarima 1869 heraus und stellte m haft genau die vorlagen fest, aus denen der dichter dieser prächtigen humoristis reimerei schöpfte. Selbst die apokryphen sogur des 17. 18. jhds. behandelt ein au im 13. baud der Germania und noch die Letzte grosse akademieabhandlung von 1894 beschäftigt sich mit der lluldar saga. Allen, auch den minderwertigen geisl nissen der Isländer wandte Maurer liebevolle und eingehende Aufmerksamkeit zu. Er strebte nach einer lückenlosen, umfassenden kenntnis der gesohiohtfl Islands von den /eilen der besiedelung bis zur gegenwart herunter, und es ist bewundernswert, wie er dieses ziel fern von Island und ohne unmittelbaren Zugang zu den handschriftlichen schätzen der nordischen bibliotheken in unübertrefflicher weise erreichte. Bein urteil über einzolheiteu der isländisch -norwegischen zustände im mittelalter fallt darum so gewichtig in die wagschale, weil er wie kaum sonst jemand den Zusammenhang ganzen überschaute.

ZKllscitini 1 I. DKUTSCHB PHILOLOÜIK. IM ». \\X\.

66 G0T.THER

Zum Jubelfest, das die insel in der erinnerung an den tausendjährigen bestand ihrer bevölkerung feierte, schrieb Maurer 1871 ..Island von seiner ersten entdeckung bis zum untergange des freistaates". Es ist vorwiegend eine verfassungs-, rechts -

und kulturgeschichte. Was Maurer in seinem ersten buch über Island 1852 ver- sprach, die gemeindlichen und nachbarlichen Verhältnisse im isländi chen freistaat zu schildern, wird hier erfüllt. Die ergebnisse der früheren Bchriften werden hier noch einmal geprüft und kurz zusammen^efasst. Neu tritt hinzu die ge.sehicb.te vom Untergänge des freistaats. Das hauptgewicht fällt auf die darstellung der inneren zu- stände des freistaats auf seinem höhepunkt. Es werden auf grund der geschieht»- und rechtsquellen der staat, die kirclic, die gemeinde, die Verwandtschaft, die nachbar- schaft, die wirtschaftlichen zustände, die geistige kultur und insbesondere die litteratur geschildert. Die Verhältnisse, aus denen die rechtssätze der Grägäs erwuchsen, ti lebendig vor unsere äugen. Mit der ihm eigenen bescheidenheit schreibt Maurer über sein in jeder hinsieht so gründliches werk: „Man wird der schritt die raschheit ihrer enf- stehung in mehr als einer beziehung ansehen . . . Aber man soll dem buche hoffent- lich auch ansehen, dass es auf mehr als dreissigjährigem Studium der isländischen rechts- und geschichtsquellen , sowie auf eigener bekanntschaft mit land und leuten ruht .. ansehen auch die innige liebe zudem isländischen volke, welche mir nicht am wenigsten an den stellen die feder geführt hat, an welchen ich von übelständen, sei es nun der vorzeit oder der gegenwart, zu sprechen hatte." Aber auch die Schick- sale der heutigen Isländer lagen Maurer am herzen. Schon 1856 trat er in aufsätzen zum isländischen Verfassungsstreit in der Allgemeinen zeitung warm für die politische und wirtschaftliche Selbständigkeit der Isländer ein. Nach seiner reise 1859 schrieb er für Sybels Historische Zeitschrift I u. II auf grund eigener anschauung und ge- schichtlicher betrachtung abermals für die isländische sache; 1870 wieder in der Allgemeinen zeitung. 1874 durfte er ebenda die erfüllung der gerechten isländischen forderungen freudig begrüssen. Diese aufsätze, die eine staatsrechtliche frage der gegenwart mit reifstem urteil und voller geschichtlicher kenntnis aufklären, erschienen 1880 in einer buchausgabe „Zur politischen geschichte Islands."

Maurer verfasste neben seinen schritten noch zahlreiche anzeigen, nachrufe und dergl., die fast alle besonderen wert behaupten. "Was von nordischen gelehrten auf dem gebiet der altertumskunde veröffentlicht wurde, besprach Maurer in deut- schen fachzeitschriften und hielt so den Zusammenhang zwischen deutscher und nordi- scher Wissenschaft aufrecht.

Diese anzeigen betreffen die verschiedenartigsten gebiete, und fast überall weiss Maurer dem gegenstände neue Seiten abzugewinnen und wichtige ergänzungen beizusteuern. Manchmal wachsen die besprechungen zum umfang selbständiger ab- handlungen an z. b. „Nogle benuerkninger til Norges kirkehistorieu in „Norsk historisk tidskrift" 3, III (1893), wo Tarangers arbeit über den einfluss der angelsächsischen kirche auf die norwegische auf 113 Seiten kritisiert wird. Maurer trat in die nordi- schen Studien ein in einem augenblick, wo alle bereits vorhandenen gelehrten Schriften noch verhältnismässig leicht und schnell übersehen und gründlich durchgearbeitet wer- den konnten. Den aufschwuug der nordischen altertumswissensebaft von 1850 ab machte er in ihrem gesamten umfange in selbständiger arbeit mit. So besass er für alle nordischen dinge fast erschöpfende kenntnisse und klares eigenes urteil.

In allen anzeigen tritt Maurers streng sachliches, oft auf überlegener kenntnis begründetes urteil zu tage; seine einwände und sein Widerspruch sind immer förder- lich und niemals verletzend. Maurer war viel zu vornehm uud milde, als dass er

KONftAÜ MATJRKU 67

im wissenschaftlichen streit jemals persönlich geworden wäre. Er wollte immer nur belehren, nie kränken. Im nachruf auf Vilhjalmr Finsen hebt Maurer hervor, dass er in ?>0 jähren mehr als irgend ein anderer gelegenheit gehabt habe, wissenschaft- liche Streitigkeiten mit Finsen durchzufechten; aber kernen augenblick wurden dadurch die freundschaftlichen heziehungen gestört: „In unbefangenster weise wurden viel- mehr alle Streitpunkte unter uns brieflich verhandelt, und ermöglicht wurde dies da- durch, dass keiner von uns beiden sich für unfehlbar hielt, und dass jeder dem andern das zutrauen schenkte, dass auch er ohne jede rechthaberei lediglich um die geschichtliche Wahrheit nach bestem wissen und gewissen sich bemühe". Und dieser eine fall gilt für alle andern.

In den zahlreichen nachrufen, an deren spitze der auf Wilda im 4. band der Kritischen überschau steht, die aber meistens nordischen gelehrten wie Vilhjalmr Finsen, dem herausgeber der isländischen, und Schlytor, dem herausgeber der schwedischen gesetze, Jon Sigurösson, dem isländischen forscher und politiker, Guö- brandr Vigfüsson, Möbius u. a. gewidmet sind, gibt Maurer anschauliche treue Schilderungen von der persönlichkeit und dem schaffen der ausgezeichneten männer, denen er die letzte ehre erweist.

Maurers Vorlesungen waren wie seine Schriften durch den zauber seiner vornehmen persönlichkeit geadelt. Er sprach stets, auch über die schwierigsten gegenstände, frei, ruhig und sachlich, dabei höchst lebendig und anschaulich. Seine vortrage waren selbständige wissenschaftliche Untersuchungen; sie forderten scharfes mitdenken und mitarbeiten, waren aber musterhaft klar und fein durchdacht und darum bis ins einzelne verständlich. Er erschien uns wie die leibhaftige Verkörperung eines jener weisen nordischen gesetzsprecher, deren amt und würde er so trefflich zu schildern verstand. Die fülle von wissenschaftlicher forschung und reichen ergebnissen, die hier geboten wurden, lassen bedauern, dass so vieles davon, z. b. die geschichte des isländischen und norwegischen gerichtswesens, des altnorwegischen prozesses, des isländischen strafrechts, nicht allgemein zugänglich gemacht wurde, weil Maurer in übergrosser gewissenhaftigkeit den für die Vorlesung bereits gründlich durchdachten und verarbeiteten stoff noch nicht für reif und abgeschlossen zum druck hielt.

Trotz allen wissenschaftlichen erfolgen, trotz der auerkauuten führenden Stellung, die er einnahm, wähnte Maurer seltsamer weise, in dem augenblick, wo er aus der praxis zur Wissenschaft übertrat, seinen eigentlichen beruf verfehlt zu haben. Er stellte an sich selbst zu hohe auforderuugeu und nahm das leben recht schwer. Daran war zum teil das gefühl der Vereinsamung schuld, da er fern vom norden seine nur im Studierzimmer, nicht im lebendigen, anregenden verkehr mit fa< vollbrachte. Mit besonderer freude gedachte er seiner Vorlesungen in Kristiania, wo ihm ein grosser kreis von hörern, unter ihnen die ersten norwegischen gelehrten, be- schieden war. Da fühlte er sich durch den regen gedankenaustausoh in seinem berufe einmal wirklich glücklich und zufrieden. Vielleicht wäre es ihm unter solchen Verhältnissen auch leichter geworden, seine grossen plane zum ahsohluss ZQ brii statt in der Münchener einsamkeil sich schliesslich in einzelfragen zu vergrübein.

Der grundzug in Maurers wesen war hohe gute, die sich auch durch weit- reichende, in aller stille geübte wohltätigkeil kundgab. Welche förderung er -einen Schülern zuwandte, wie er mit rat und tat an allen ihren Schicksalen teilnahm, das wissen alle, dio er seiner teilnähme würdigte, dankbar zu rühmen. Neben Bi rastlosen tätickeil il foi jeher und lehrer untcrhiell or mit seinen in dei ferne

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weilenden freunden bis in die letzten jähre seines leben einen regen und umfang- reichen brief Wechsel, in döm er freigebig aus seinem reichen wissenshort spendete. Maurers prächtige gestalt erregte aufsehen und be wunderung, wenn er bei universitäts- feiern im roten talar der juristenfakultHt erschien. Bein edel geformtes, ausdrucksvolles haupt in schneeweissem hart und haar mit dem klaren äuge, aus dem mitunter die geistige Überlegenheit schalkhaft wolwollend hervorblitzte, blieb jedem unvergesslich. Sommer und winter ging er im einfachen Überrock ohne jeden Schutz gegen wiud und wetter. So schritt er durchs leben wie ein abbüd Odins, der als wanderet- mit weisem rat und kluger rede bei den menschen zu gast kommt.

Schriftenverzeichnis. Ich verzeichne sämtliche mir bekannte Schriften, die selbständigen werke und abhandlungen vollzählig, von den kleineren anzeigen wenigstens die Zeitschriften, in denen sie stehen. Ilerrn general von Belleville in München habe ich für freundlich« hilfe zu danken. Ein bis 1875 reichendes Verzeichnis fügte Ebbe Hertzberg seinem aufsatz über Konrad Maurer in (Norsk) Historisk tidskrift 3, 1875, s. 381—4 bei. Vgl. auch den Almauach der k. b. akademie der Wissenschaften 1884 s. 197 fgg; 1890 s. 95; 1897 s. 125.

Selbständige Schriften. Über das wesen des ältesten adels der deutschen stamme 1840. Die entstehung des isländischen Staates und seiner Verfassung 1852. Dasselbe in isländischer Übersetzung: Upphaf allsherjarrikis älslandi og stjörnarskipunar

pess. Islenzkatt af Sigurdi Sigurdarsyni. Reykjavik 1882. Die bekebrung des norwegischen Stammes zum Christentum 1855/6. Die Gull-Poris saga 1858. Isländische volkssageu der gegenwart 1860.

Island von seiner ersten entdeckung bis zum Untergang des freistaates 1874. Das älteste hofrecht des nordens 1877. (Festschrift zur Jubelfeier der Universität

Upsala.) Zur politischen geschichte Islands 1880.

Beiträge in festschriften usw. Das alter des gesetzsprecheramtes in Norwegen (festgabe für L. Arndt) 1875. Studien über das sog. christenrecht könig Sverrirs (festgabe für Spengel) 1877. Die rechtsrichtung des älteren isländischen rechtes (festgabe für Planck) 1887. Grönland im mittelalter in der „Zweiten deutschen nordpolfahrt unter führung von Koldewey". Leipzig 1873.

Abhandlungen der k. b. akademie der Wissenschaften zu München: Über die ausdrücke altnordische, altuorwegische und isländische spräche 1869. Die quellenzeugnisse über das erste landrecht und über die Ordnung der bezirksvor-

fassung des isländischen freistaates 1869. Die Skidarima 1869. Über die Hcensa-Poris saga 1871. Die entstehungszeit der älteren Gulabingslög 1872. Über den hauptzehnt einiger nordgermanischer rechte 1874. Die eutstehungszeit der älteren Prostupingslög 1875. Norwegens Schenkung an den heiligen Olaf 1877.

KONRAD MAURER 69

Über die wasserweihe des germanischen heidentums 1880. Die Huldarsaga 1894.

Sitzungsberichte der k. b. akademie der Wissenschaften zu München: Über ein isländisches lied auf kaiser Friedrich den rotbart 1867. Die Schuldknechtschaft nach altnordischem recht 1874. Die berechnung der Verwandtschaft nach altnorwegischem rechte 1877. Die freigelassenen nach altnorwegischem rechte 1878. Die ärmenn des altnorwegischen rechtes 1879. Über die entstehung der altnord. götter- und heldensage 1879. Über die norwegisch -isländischen gagnföstur 1881.

Der Elisabeth von Schönau Visionen nach einer isländischen quelle 1883. Die unächte geburt nach altnordischem rechte 1883. Das Verdachtzeugnis des altnorwegischen rechtes 1883. Die eingangsformel der altnord. rechts- und gesetzbücher 1886. Das angebliche vorkommen des gesetzsprecher-amtes in Dänemark 1887. Die norwegischen höldar 1889. Das bekenntnis des christlichen glaubens in den gesetzbüchern aus der zeit dos königs

Magnus lagabujtir 1892. Ein neues bruchstück von Södermannalagen 1894. Zwei rechtsfälle in der Eigla 1895. Zwei rechtsfälle aus der Eyrbyggja 1890.

Zeitschrift für deutsche philologie.

Bd. 1. Über die norwegische auffassung der nordischen litteraturgesehiehte. 1869.

IM. 2. Islands und Norwegens verkehr mit dem südeu vom 9. 13. jhd. 1870.

Bd. 4. Die älteste cetologie. Zur Urgeschichte der godenwürde. 1S7:!.

Bd. 21. J6n Arnason. 1889.

Bd. 22. Gudbrandr Vigfüsson. 1890.

Bd. 23. Aug. Theod. Möbius. 1891.

Bd. 24. Arthur Reeves. 1892.

Bd. 25. Zur geschichtc des begräbnisses morc teutonico. 1893.

Bd. 27. Johan Fritzner. 1S95.

Bd. 31. Kälund, Gullporis saga. 1899.

Germania. IM. 2. Schneewitchen. 1857. Bd. 7. Dasent, The story of Burnt Njäl. 1862. Bd. 7 und 9. Jon Arnason, I'joösogur. 1862 und 1864 Bd. 10. Zur geschichte der isländischen litteratur. (Bruchstücke des Bauksbök;

Eyrbyggja ed. Vigfüsson). 1865. Bd. 12. Ein altes kindergebet. Altnordische WÖrterbÜoher. Fall Sveinsson, Kröka-

refssaga usw. 1867. Bd. 13. Über isländische apokrypha. 1868. Bd. 1 1. Über die einziehung der norwegischen odelsgüter durch könig Harald hurfagri.

Willatzen, Altisl. volksballaden und heldenlieder der Feeringer. Jon Porkolsson,

/Efisaga Gizurar Porvaldsonar. lsiü». IM. I."). liier das alter einiger isländ. rechtsbücher. Ober Ali Porgilsson und sein

[sländerbuch. Bildebrand, Konungaboken af Snorre Sturiason.

70 KONRAD m '.nun

Bd L6. Öher das väpnatak <ler nordisohen rechte. Die Programme der gelehrten

BChulen Islands. 1871. Bd. 17. [var Aasen, Ne.r.-k ordbog. \ b Ite folkeeventyr. 1872.

Bd. 18. Kölbing, Riddarasögur. Bildebrand, : folket under hednatidon. 1873.

Bd. L9. Freimarkt, Zur neueren litteratur aber nord. philologie und geschichte.

Da gottesurteil im altnord. rechte. Cederschiöld, Bandamannasaga, Bd. 20. Über isländische apokrypha. 1875. Bd. 23. li"T runenhandschriften. Johan Erik Rydqvist. 1878. Bd. 24. Zur topographie Islands. Zum alten schwedischen hofrechte ls70. Bd. 25. Die Sprachbewegung in Norwegen. Gragas hrg. von Finsen. 1880. Bd. 26. Die riesin Hit. 1881. Bd. 36. Grber Ari frodl und seine Schriften. 1891.

Germanistische Studien bd. 1. Das sog. christenrecht konig Sverrirs. 1872.

Anzeiger für künde der deutschen vorzeit 1 Waldbär und wasserbär (zn Dhland, Germ. 6, 307 fgg.). Altnordische Wörterbücher.

Zeitschrift für deutsches altertu'm 1 >d. 18 (1875). Runen in Berlin.

Zeitschrift des Vereins für Volkskunde. Bd. 1 und 5. Zur Volkskunde Islands. 1891 und 1895. Bd. 2. Das schneeschuhlaufen in Norwegen. 1892. Bd. 3. Zum aberglauben auf Island. 1893.

Bd. 4. Die hölle auf Island. Zahlenbezeichnungen und rechtsleben. IS94. Bd. 6. Die königslösung. Die bestimmten familien zugeschriebene besondere Heil- kraft. Zum wettkampf des zaubereis mit seinem lehrling. 1896. Bd. 8. "Weiteres über die hölle auf Island. Das clbenkreuz. 1S98.

Arkiv för nordisk filolo.ui. Bd. 4. Vopu und vokn. 1888. Bd. 5. Vigslodi. 1889. Bd. 6. Reksbegu. 1890. Bd. 7. Theodor Möbius. 1891.

Historisk tidskrift (Kristiania).

II, 3, 1887. Die einteilung der älteren Frostupingslög.

III, 2, 1893. Nogle bemserkninger til Norges kirkehistorie.

Sybels Historische Zeitschrift. Bd. 1/2 1859. Der Verfassungskampf Islands gegen Dänemark.

Allgemeine zeitung. 185G, 2., 10., 11. okt.; 1870, 7.. 25.. 20. märz; 11., 12. april; 1874, 21., 27., 28.jan.

und beilage von 210, 222, 22.'.!: Zum isländischen Verfassungsstreit. 1870, beil. (3/7. Gudbrand Vigfusson, Au icclaudic english glossary. 1880, beil. 41. Jon Sigurdsson. 1885, beil. 53. Asbjörnsen.

SOKOLOWSKY, NACHAHMUNG DES ALTÜ. MINNESANGS IN DER NEUEREN DEUTSCH. LITTKRATCR 7 1

Allgemeine encyklopädie der künste und Wissenschaften.

Band 77 (1863), s. 1 136. Graagaas.

Band 96 (1877), s. 377—418. Gulabing.

Band 97 (1878). s. 1 74. Gulapingslög.

Encyklopädie der rechtswissenschaft von F. v. Holtzendorff 1? 1S72, 247 85; I5 1889, 251 385. Überblick über die geschichte der nordgermanischen rechtsquellen. Dasselbe in erweiterter norwegischer fassung: Udsigt over de nordgermaniske retskilders historie (oversat af Ebbe Hertzberg) Kristiania 187S. Der abschnitt über das isl. recht ist im , Lögfoedingur ' III, 1899 ins isländische übertragen: Yfirlit yfir lagasögu Islands.

Kritische überschau der deutschen gesetzgebung (1853 9).

Bd. 1, 2, 3. Über angelsächsische rechtsverhältnisse. Bd. 1. Über die isländischen gesetze und deren ausgaben. Bd. 2. „Über den begriff der autonomie" von Gerber. Bd. 4. Nachruf auf Wilda.

Bd. 5. Das beweisverfahren nach deutschen rechten. Bd. 6. Zur isländischen rechtsgeschichte.

Die Eritische vierteljahrsschrift für gesetzgebung und rechts- wissenschaft (seit 1859) enthält fast in jedem band berichte über rechtsgeschicht- liche, besonders nordische werke. Ich nenne hier nur den aufsatz in bd. 23: Der verfassungskampf in Norwegen und die nachrufe auf Albrecht 19, Sehlyter 31, Frederik Brandt 34, Yilhjälmr Finsen 35, Aubert 38.

In Herzogs realencyklopädie für protestantische theologie und kirche. vgl. Halitgar (5), Island (7), Norwegen (10). Kleinere beitrage, insbesondere kurze an- zeigen enthalten die Gott. gel. anzeigen 1880; Athenäum 1896; Folkeveunen 1894 ny rsekke 16; Ny felagsrit 1857 und 1864; Litteraturblatt f. germ. u. rom. phil. lv^ '. 1883, 1885, 1890; Litterarisches centralblatt 1877, 1880, 1881, 1S85, 1S87 90; Jenaer litteratur-zeitung 1874/5, 1877, 1879; Englische Studien 16, 18, 22; Verhand- lungen'der gesellschaft für erdkunde in Berlin 1S9S; Petermanns mitteilungen 1S9S; Kevuo critique 1S75; Deutsche Zeitschrift für geschichtswissenschaft 5, 7 9, 12, u.f. 1; Böhms Zeitschrift für internationales privat- und straf recht I, 1S90; Tidskrift for rets- videnskab I; Zeitschrift des Vereins für Volkskunde 1, 3, 5 7.

ROSTOCK, OCT. 1902. W. G0LTHER.

MISCELLEN.

Die ersten versuehe einer nacliahinnng des altdeutschen minnesangs in der neueren deatsehen litteratur«

In meiner dissertation (Jena 1891) habe ich das auflohen des altdeutschen D sangs in der Wissenschaft bis zu demjenigen augenblick verfolgt, wo durch die Bodmer- Broitingerschen Publikationen: ., Proben der alten schwäbischen poesie des L3. Jahr- hunderts" (1718) und „Sammlung von minnesingern aus dein schwäbischen Zeitpunkte11 (1758/59) die grosse sog. Manessische liederhandschrift wenn auch aoeh m haft und nur unvollständig zugänglich gemacht wurde. Wie bisher Melchior Goldasts „Paraenetici1' die grundlage für das wissenschaftliche Studium der alten lieder waren, so giengeu nun seit den jähren 1718 und 17.'>!> die gelehrten bestrebungen

72

und die nachdichtungi i [enen beiden Bo d veröffentHchuj

aus. K . i i ja ii' ii' ait Gleim aad den Göttingern wirklich zag in die

dichterische erneuern ng der minnesinger kam, so unbedeutend im übrigen auch deren Lohe oooh waren man jedoch G bearbeitungen mter-

nommeo hat, ja dasi auch entgegen der landläuE I Dicht einmal

Bodmer d ler mit einer derartigen naohdichtui

;,.■!! Bodmer und Gleim noch andere iih imachl worden

dies zu i ill die auf| [es ein '.

dienst, den altdeutschen minnesang zuersl zum ind dichterische]

behandlung gemacht zu haben , ;ebühiH Mo berosch-Fhilander, der im „Weiber- lob" (IL teil, 3. gesiebt] ein furnier vor kaiser Eeinrich I. ti and ich dabei durch den abdruck des vollständigen, in der Mai handschrift dem grafeu von Leiningen zugeschriebenen lied.es augenscheinlich bemüht, vor seinen lesern ein poetisches bild von der zeii des turniers und des höfischen minnesangs zu entwerfen. Und auch durch die wenigen worte, die Philandei in „Von tragedien und belliscnen geistern" über den „Cavalier Milon", d. h. doch wol Meinloh von Sevelingen sagt: „In einer Stall Bircano genandt, fände ich einen von Adel, einen dapfferen schönen jungen mann .... Dieser Cavalier liiess mit Namen Milon... Er machte schöne Vers, in welchen er sein Leiden zu erkennen gab, vnd richtete allerley Ritterspiel und Ringelrennen seiner Dann' zu Ehren- an", durch diese wenigen worte wurde dem leser des 17. Jahrhunderts der typus eines altdeutschen minnesingers mit seinem frauendienst, seinem rittorspiel und seinem versemachen ziemlich an- schaulich vor äugen gestellt. Aber Moscheroscb- Philander steht mit diesen seinen halb dichterischen, halb kulturhistorischen bemühungen innerhalb seiner zeit ebenso vereinzelt da wie Hofmann von Hofmannswaldau mit seinen bestrebungen , einige Strophen des minnesangs zu erneuern.

In der vorrede zu seinen 1673 erschienenen „Deutschen Übersetzungen und gedichten'\ wo er nach art der Poetereyeu eine kurze übersieht über den entwick- lungsgang der deutschen litteratur gibt, teilt Hofmannswaldau nicht nur einige citate aus "Werner von Tüfen, Wolfram von Eschenbach, "Walther von der Vogeiweidc, liVinmar vou Zweter und herzog Heinrich von Breslau naeli Goldasts „Paraenctici'- mit, sondern fügt ihnen auch Übersetzungen hinzu. Dass ihm dabei das leichtfüssige versmass der minnesinger und der freie wrechsel der verschiedensten versfüsse wenigstens in der regellosigkeit, wie sie Goldasts Veröffentlichungen darboten nicht gefiel, wer wollte ihm das verargen? War er doch der söhn einer zeit, in der der geist der poesie durch überladenheit und strenge beachtuug von schulregeln schon an und für sich scharf gegen den freien zug und die naive frische der mittelalter- lichen lyrik abstach. Sehr bezeichnend ist es für Hofmannswaldau, dass er schon bei der herübernahme des textes das bestreben zeigt, die versfüsse gleichmässiger zu gestalten. Hauptsächlich tritt dies in der strophe Walthers: 'Wer zieret der eren sal?' (MSH LXX, 3) hervor. Goldast hatte deren jambisches metrum nicht vollständig durchgeführt, sondern wie es die handschrift zeigte vers 5 und 9 mit trochaeen beginnen lassen; Hofmannswaldau hingegen wandelt diese beiden verse dadurch in

1) Unter dem begriff ..Minnesinger1', sind hier selbstverständlich alle dichter der grossen Heidelberger lioderhaudschrift zusammenzufassen; es gehören also auch die lehrgedichte: .. Der Wiusbeke", „Die Wiusbekin" und der „König Tirol'1 hierher.

2) Dies gesiebt soll übrigens nicht von Moscheroscb selbst sein, vgl. Goedeke, Grundr. HI2, 233.

NACHAHMUNG DBS AI.TD. MINNESANGS IN DKR NEUEREN DEUTSCH. LITTERATÜK 73

jambische um, dass er in vers 5 ungeachtet des dadurch entstehenden hässlichen hiatus ein „jo" einfügte und in vers 9 „ir" durch „ire" ersetzte1. Vers 6 und 8 fangen aus demselben gründe bei ihm mit einem zweisilbigen auftakt („Kernet" und „Die da") an, während hei Goldast auch diese verse trochaeisch waren.

Von den gleichen erwägungen wurden auch seine Übertragungen, sowol in bezug auf den ausdruck wie auf das versmass, bestimmt. Wie in der poes*ie jener zeit überhaupt, so spielt natürlich auch hier der Alexandriner die hauptrolle. Kein vers ist mehr an die regel gebunden und keiner lässt weniger Variationen zu als dieser. Bekundet seine anwendung daher auch Hofmannswaldaus streben nach aus- gleichung der Verschiedenheiten unter den versfüssen, so ist doch auch seine absieht, hier und dort den vers des Originals beizubehalten, nicht zu verkennen. Sehr lehr- reich ist in dieser beziehung seine Übersetzung der Strophe des bruders Wernher: 'So we dir werlt so we im der dir volgen muoz' (MSH V, 1). Nachdem er die beiden eisten lebendigen verse des minnesingers fast bloss in neue Wörter umgesetzt hat. verfällt er vers 3 10 in das Alexandrinermass. Vers 11, den man wol in zwei zu zerlegen hat, beginnt in seinen beiden hälften mit dem trochaeischeu Schlagwort: „Nackend". Vers 12 ist wieder ein Alexandriner und vers 13 endlich ist ein vier- füssiger Jambus wie vers 7 des Originals. Ähnliche vermengungeu von Alexandrinern und minnesingerversen finden sich in allen seinen Übertragungen in reicher anzahi.

Der lange Alexandriner aber rief mit seiner strengen gesetzmässigkeit eine gewisse Verlängerung des ausdrucks hervor. Meist gibt sich diese in starker Über- ladung kund, namentlich durch häufung der epitheta (z. b. für 'angesiht': ' ihr freund- lich angesicht', oder für 'ougen': 'der verliebte glänz der äugen'), oder durch reihen von flickwörtern : „gleichwie" [für einfaches: wie], gantz, auch, stets). Als eine art von flickerei kann man es wol auch ansehen, wenn er einmal zwei verben, von denen das eine schon an sich den finalen nebensatz regierte, in eins zusammenzieht und sodann haupt- und nebensatz durch das einschiebsei: 'zum zeichen dass . .' ver- bindet. Nur einmal hat Hofmannswaldau sich in diesen Übertragungen zu einer kürzung verstanden, insofern er nämlich einmal, und zwar nicht ganz ungeschickt, zwei verse des Originals zu einem verschmolz. Er tat es aber nur, um einen im original allein stehenden vers in die reimverschliuguug hineinzuziehen. AVas jedoch bei alledem anerkannt werden muss: der sinn ist im grossen und gauzen gewählt geblieben. Dass sich zuweilen ein kleines versehen oder ein im munde der minne- siuger nicht recht passender ausdruck eingeschlichen hat, z. b. wenn er 'hüsere' mit: 'Haus und weih' übersetzt wird man ihm verzeihen, wenn mau dagegen hält, dass auch manches besser übertragen ist, als man es bei diesem ersten versuche hätte erwarten dürfen.

Hatte Hofmannswaldau nur einige liederstrophen übersetzt, so unternahm es um das jähr 1700 Dietrich von Stade als der erste, auch den Winsbekc. die Winsbckin und den König Tirol in das neuhochdeutsche zu übertragen*. Das volumen aber, in dem diese arbeit enthalten gewesen, ist wie die meisten übrigen werke Stades leider nicht an das tageslicht getreten. Ob er durch Hofmannswaldaus Vorbild irgend welche anregung empfangen hat, lässt sich auch nicht erkennen. Bei Dodmer, der als der nächste den versuch einer Übersetzung von minnesingerstrophen wagte,

1) Hofmannswaldau schreib! also:

v. 5: Swer zühi hat dei is( jo ir gouch. v. 9: nur ist ez i re werdekeit.

2) Interpretatio vornacula. Vgl. meine dissertaüou s. i'.'i.

7 1 BOKOLOWBKY

muss eine Bolohe beeinflu ing unentschieden '> !"ns scheint

daraus, dass Bodmer in den „Critischen briefen" (nr. XIIli die spräche der alten deutflehen heidi ber derjenigen lobt, die „Hofmannswaldau ihnen in seinen

erdichteten liebesbriefen in den mund leget", kaum etwa, gewisses gefolgert werden zu können.

im „Charakter der teutschen gediohte" (1734) bai Bodmer seinen ersten Buob einer Bolohen Übertragung gemacht. Es bandeli Bich am ein paar rerse der Winsbekin, die den Strophen 13, 16, 19, 29, 31, entnommen und von Bodmer der mutter in den mund gelegi sind, obwol er Bie zum teil auch aus den Strophen tochter schöpfte. I>a sein gedieht in Alexandrinern geschrieben ist, 30 wurde dadurch wie bei Eofmannswaldau eine Verbreiterung der ausdrucksweise bedingt, die Bich in Zusätzen offenbart. Diese zusätze sowio die von Bodmer zugedichteten vor-.- z dass die alten lehren in die modernen anschauungen übertragen wurden. Ein junger lierr z. b., der „der dame für die ergebung den Bchön ten dani bezeug! und seinen höhern geist zu ihr hernieder neigt", isl ganz gewiss keine figur im sinne der alten minnesinger. Und mhd. 'zuht' ist nicht dasselbe wie das religiös -sentimentale ltugend'. Einst hatte die Winsbekin die befolgung von zuht und Bcham bloss als lebensregel der tochter vor äugen gehalten, jetzt sind begriffe wie 'tugend' und Master' bestimmter geworden, denn die tugend ist mit sehranken umzogen und das laster ist eine Beuche. Wie trivial aber ist es, wenn Bodmer sogar von der mutter sagt: „Sie lobt und liebt es (das kind) auch, wie eine mutter soll'-, wo das original nur hatte: 'Jun wiplich wip mit zühten sprach z'ir tochter, der si schone pflac'.

Offenbart Bodmer mit seiner lehrhaften manier ähnliche grundsätze, wie sie später Gleim vertritt, so steht seine Übertragung von kaiser Heinrichs erstem liede in den „Freymüthigon nachrichten von neuen büchern'- ( 1 74.")) unter dem unmittel- baren einfluss von Gleims soeben erschienenem „Versuch in scherzhaften liedern, Zweeter Theil. Berlin 1745", wie er sie denn auch selbst bloss als einen beweis betrachtet wisseu wollte, dass in dem grossen codex „Lieder nach Anakreons und Gleims manier und geschmack" enthalten seien1. Schon das versmass reimlose dreifüssige jamben mit ausschliesslich weiblichem versschluss , das wegen seines leichten, tändelnden ganges von den Anakreontikern so oft angewendet wurde, tut das enge Verhältnis zu diesen deutlich kund. Anakreontisch ist es auch, wenn er aus der 'vrouwe' des minnesiugers sein „mädcheu" oder seine „schöne'1 macht; ana- kreontisch ferner die entsagungsvolle ergebung, wenn er seine geliebte nur „so ungern meidet1', im gegensatz zu dem kaiser Heinrich, der seiner vrouwe 'so gar unsenfteclich' entbehrt. Speciell an Gleim dagegen erinnert die selbstlose aufopferung, wenn er der geliebten „bestäudig dienen" will, während der minnesinger sich von der seinigen nicht trennen will noch kann. Genau wie später Gleim sehen wir ihn seiner geliebten an der seite „sitzen", und in Gleimscher empfindungsweise ist endlich der überdruss an der weit infolge des Verlustes seines mädchens, während der kaiser Heinrich in diesem falle nur seine niedergeschlageuheit und seine untauglichkeit für den verkehr mit den menschen bekundet. Eins jedoch unterscheidet diese Übertragung Bodmers von den späteren Gleims und der Anakreoutiker: der umstand, dass sie trotz ihren abweichungen vom original immer noch als eine Übersetzung bezeichnet werden muss.

Die wenigen verse, die Bodmer im 13. Critischen briefe aus Friedrich von Leiningeu und könig Wenzel in neuhochdeutsche prosa übertragen hat und die nur

1) Vgl. Zeitschr. XVI, Söfgg.

NACHAHMUNG DES ALTD. MINNESANGS IN DER NEUEREN DEUTSCH. LITTERATUK 75

;tls eiue erklärung des Originals aufzufassen sind, verdienen keine weitere besprechung. Wichtiger aber sind in den „Neuen critischen briefen" seine versuche, die alte deutsche spräche wieder zu erwecken. Nachdem er im 18. briefe als Vorläufer Gleims und Klopstocks einen poetischen bund, eine „akademie mit singern und gasten von Wartburg" vorgeschlagen hat, in der die mitglieder ordenskleider nach massgabo der bilder der Manessischen handschrift tragen und eine schöne an die sieger im poetischen wettkampfe die preise veiteilen sollte, unternimmt er es im 63. briefe nicht nur, die Wiedereinführung „der alten schwäbischen spräche als absonderlicher mundart für die lustige Schreibart'1 zu empfehlen, sondern teilt auch sogar ein paar proben mit, die er bereits in ihr gedichtet. So sehr man geneigt sein mag, diese versuche als eine komische grille zu bezeichnen, so kann man doch nicht umhin ein- zugestehen, dsss er wie es denn überhaupt ein richtiges Verständnis der alten spräche bekundet, wenn er sie als ,, reich, kurz, klingend, einfältig, natürlich, gelenk, leicht" bezeichnet, sich auch nicht ganz mit Unglück bemühte, diese kürze und leichtigkeit der spräche nachzuahmen. Man urteile selbst:

Min sin min herz und al der lip

Sint alse vol gefüllt mit liederliebe

Diu mich getwingt durh ein vil suezes wip

In kau der liebe iht mere in mir behalten

Wan das ich muese nach enzwei gespalten

Des vle ich dich göttin der hohen minne

Enweder la mich an der werden vrowen

Niht ellu tage nüwer fügende schowen

Aid nim ein teil der minen senden tribe

Und schütte si der schonen in ir sinne. Immerhin aber: neben manchem sprachlichen mangel sind es auch keine neue gedanken, die er hier zum ausdruck bringt. Das anflehen der göttin Minne, den sinn seiner herrin zu wenden, und in einer zweiten strophe das etwas lüsterne schmachten nach der Umarmung sind ja zu allen zeiten dem minnesaug eigentüm- liche Wendungen gewesen. Oder hat mau auch in dieser beschränkuDg auf den ge- dankenkreis der miunesinger einen bewussten und gelungenen nachahmungsversueb Bodmers zu erblicken? Die erste der beiden Strophen hatte er übrigens bereits am 12. September 1747 Samuel Gotthold Lauge brieflich mitgeteilt1. Beide fassungen stim- men jedoch nicht vollständig übereiu. Auf der einen seite verrät es mehr geschmack, wenn er in den „Neuen critischen briefen" sein früheres: 'gewaltigiu vrow minne' durch: 'göttin der hohen minne' ersetzt; anderseits wird man aber auch dem alten 'mit sender liebe' vor dem neuen: 'mit liederliebo' den Vorzug geben müssen.

Eine dritte strophe, die Bodmer in der alten spräche gedichtet und die sieh in dem märchen „Das erdmännchen" (Neue critische briefe 74) beiludet, hat mit dem minnesang nichts weiter zu schaffen, als dass in ihr seine „erneucrung1" prophe- zeit wird. Wenn er aber hierbei alle „sonderbare zeichen" dieser Weissagung bereits für erfüllt erklärt, so sollte sich das unzweifelhaft auf die Gottschedfehde und den durch diese mitveranlassten aufschwung der deutschen dichtung beziehen. Die doutsche anakreontik vor allen dingen isl in Bodmers äugen der wiedererweckte minnesang, jedoch erst dann, wenn die neueren dichter die alten Minnesinger als die unter allen umständen nachzuahmenden Vorbilder anerkannt haben wurden.

1) Lange, Sammlung gelehrter und freundschaftlicher briefe I

,1) [0L0W8KY

Nur Doch einmal i ! floh eioer iib< i aem paar

tropben d rifl gemacht Er tal nem briefe an Gleim

_'. april 1767'; und es sind dieses mal zwei Strophen Walthers: MSll. XXXV, und Xlj\'i Doch beide proben sind anbedeutend und weisen durch ihre flickwörter und Interjektionen wieder auf die Anakreontiker bin. Auch eine Übertragung in bezai von einer dieser strophon Walthers Bowie einer Strophe Beinmars, die in den „Apol- linarien" (1783, hrsg. von Stäudlin) mitgeteilt werden, bedürfen keiner weiteren er- örterung.

Einen be onderen platz in Bödme: eher tätigkeit auf

nehmen Beine in, die minnesinger auch in anderer beziehung poetisch zn

verwerten. „Das erdmännchen"8, „Die poetische luft"3 und „Dil änger Lei aben- teuer und der minne auf Kastelmarveil"4 nennt er drei hierher gehörige geschichtchen, die man am besten als märchen oder fabeln bezeichnen kann and die alle auf ein dnsames, die selbstverberrlichung Bodmers, hinauslaufen. In allen dreien hat er sieh selbst in den mitte Ipunkt gestellt. Im „Erdmännchen" macht er, von seinem freunde Demaratus in den tann geführt, die bekanutschaft eines kobolds und erhalt. nachdem dieser die alten Weissagungen der Jette auf ihrem bühel am Xeekar über die erneuerung des minnesangs als erfüllt erkannt bat, von ihm den Manessischen codex, „um ihn jenen vortrefflichen männern zu überliefern, welche sich zu seinen Zeiten des minnesanges mit angebohrnen gaben annehmen.1' In der „Poetischen luft" erscheint er selbst als Amilbert mit zwölf anderen personifizierten helden -> werke zum besuch bei Walther von Maneck, der für sie die liebe des vierzehnten bruders hatte. Gewiss hat man hinter diesem Walther den Rüdiger von 5Ianes.se zu erblicken. In dem drittou märchen endlich wird er von einem Jüngling (Hadloubi in die dichterburg geleitet und wohut dort dem gesange der alten dichter bei; zum schluss von Wolfram gefragt, ob die muse der minne und der abenteuer die grenzen Deutschlands verlassen habe, berichtet der ehemalige vertraute Klopsroeks und einstige Verfasser des ,,-Noah" ihm. dass man sich mehr „um den einfluss einer heiligeren muse bewerbe, die von Sion herab zu den sündigen menschen gestiegen.1. Aber sowol diese wie Melpomene seien von Braga verdrängt worden; kein guter fürst nehme sich ihrer mehr au. nur er allein mache unter den menschen eine ausnähme, denn noch haben

„Achtzig winter und vier ihm nicht die geister gedämpfet. Noch besucht ihn Siona, noch Alelpomene, die Griechinn." Und Braga? Selbstverständlich betrachtete der eitle auch diese als seine freundin. Nicht umsonst führt er auch hier die helden seiner eigenen werke in persona als zeugen an.

Interessanter als diese fabeln ist Bodmers drama: „Friedrich von Tockenburg"5, und zwar deshalb, weil wir in diesem nach den schüchternen anfangen Moscherosch - Philanders in der tat den ersten grösseren versuch, die zeit des minnesangs poetisch zu gestalten, vor uns haben. Der stoff, der in einzelnen partieen an Schülers „Räuber" erinnert, behandelt die geschichte zweier brüder, Diethelm und Friedrich von Tockenburg. von denen der letztere, da er der liebling und günstling des vaters

1) Briefe deutscher gelehrten ed. Körte I, 368.

2) Neue critische briefe, brief LXXIV, 474 fgg.

3) Litterarische denkmale, pag. 90 fgg.

4) Apollinarien, ed. Stäudlin, pag. 194 fgg.

5) In „Droy neue trauerspiele", 1761.

NACHAHMUNG DES AI.TD. MINNESANGS IN I>F,R N'F.UF.REN DEUTSCH. LITTKRATÜR 77

ist, durch den ersteren und dessen frevelhafte gemahlin um das leben gebracht wird, während die mörder selbst die gerechte strafe ereilt. Als quelle hierzu dienten Goldasts „Scriptores rerum Alemannicarum", und zwar genauer dessen dort gegebene, ziemlich ausführliche besprcchung von „Cunradi de Fabaria Presbyteri S. Othmari über de casibus Monasterii S. Galli in Alamanniau. Für uns sind an dieser stelle nur zwei personen von interesse, die Bodmer nicht in seiner quelle vorfand. Es sind Kliusor und der junge Kraft von Tockenburg. Der söhn jenes verbrecherischen Diethelm ist von Bodmer wol nur eingeführt worden, um das geschlecht der Tockenburger durch den namen Kraft in Verbindung mit dem gleichnamigen minnesinger zu bringen. Ei' bekam dadurch gelegenheit, auch ein Streiflicht auf die litterarischen Verhältnisse der damaligen zeit zu werfen, wie er diese auch noch durch erwähnung von Sivrit, Volker, Amphortas, Hildebrand und Dietrich zu charakterisieren sucht. Auf Klinsor jedoch scheint er durch Goldast selbst hingeleitet zu sein, der im anschluss an jenes buch über ,,Die Schicksale des klosters S. Gallen" erzählt, der kaiser habe zum empfang des abtes von S. Gallen nicht nur seine Würdenträger zusammengerufen, sondern auch alles zur schau getragen, „quaeeunque habuit cara...., coelum astro- nomicum aureum gemmis stellatum habens intra se cursum planetarum: elephantes etiam et bardos . . . ." Allerdings liest Bodmers Klinsor das Schicksal der menschen nicht aus den sternen, sondern aus ihren sitten. Aber er ist ein Weissager, und hierin mag seine Verwandtschaft mit dem Schwarzkünstler Klinsor begründet sein. Im übrigen könnte man vielleicht auch in jenen „barden", die sich im gefolge des kaisers befinden, die Vorbilder für die poeten aus der Provence erblicken, deren ankunft auf der bürg des grafen von Tockenburg Bodmer als ein geeignetes mittel erschien, Klinsor für einige augenblicke von der bühne zu entfernen.

Schliesslich finden sich in Bodmers werken neben ganzen citaten aus den minne- singern auch zahlreiche ausdrücke, die er den mittelalterlichen lyrikern oder den epikern entlehnte. Von den letzteren seien nur genannt: sohl und miete (= lohn), mähre, wonnevoll, minneklich, geding, stäte (= treue), wete oder wat (= kleidung), gezogenlich, gach, biderb, weidlich, es gezam. Namentlich seine Übersetzungen altenglischer und altschwäbischer balladen" (1780/81) sind voll von solchen Wörtern. Ganze citate dagegen hat er mit Vorliebe aus Walther genommen. So in dem drama „Friedrich von Tockenburg" : Du bist die rose ohne dornen und die taube ohne galle", das die verräterische Isotte zu ihrer Schwester Isalde sagt. So ferner: „Euer alter thron steht unter einer übien traufe" \ wie er den herzog von Lothringen zu Heinrich dem vierten sagen lässt. Und so auch die "Walther - worte in seiner er- zählung „Maria von Brabant", die er iu seinen ,, Litterarischen denkmaleu" (s. 184 fg.) und neben vielen anderen citaten aus Shakespeare, Dante, dem Iwein und Freil Tristan auch in den ,,Beyträgen in das archiv des deutschen Parmasses" (Bern 177»;; 3. stück) selbst als solche kenntlich gemacht hat.

Gleich Bodmer hat sich aber auch sein rivale Gottsched in eiuer Übersetzung

nach den minnesingern versucht. Es geschah in seiner Abhandlung von dem llore

der deutschen poesie zu kaiser Friedrichs des ersten zeiten"; und zwar hat er hier

13 Strophen des Königs Tirol aus Goldast ausgeschrieben und diesen, wie sein eigener

ausdruck lautet, ,,oine art von Übersetzung, so gut und genau sie sich in eben der

versart hat macheu lassen"', hinzugefügt. Dass diese „Abhandlung" eine rede war,

die er am 11. Oktober 1746 zu Leipzig in gegenwart des erbprinzon Friedrich von

i 1) Vgl, Joh. Crüger, Die erste Gesamtausgabe der Nibelungen, Frankfurt a. M.

1884, s. 6.

78 soKoi.ov.

ßachson and dei I prinzer Xaver und Kai iuI Beine iiber-

etzung nichi ohne 3blieben. Behr bezeichnend i t <■ Bchon,

den König Tirol au wählte, and zwar hinwidernm »lche trophon', die sich

auf <las verhälti raten zu meinen Untertanen beziehen. Au- rücksichi auf

Beine zuhörer wird in gleicher weise wol auch die ai le des königs Tirol an seinen

Bohn , 0 junger piinz" al iibei etzung von ..vil jungei künic" entstanden sein. Im

ig, die im metrum kleine abweichungen ab-

inict mit dem original übereilt Hmmt, deutlich den Btil Gottscheds zur Behau. Wie ti'ivial i^t es, wenn er an die worte: „Damit waokern mann an »inen

ehren Bchwächst" noch, um die strophe zu vervollständigen, hinzufugt: .,I)as nie- mand leiden kann.1' Da aber hinwiederum gerade dieser zusatz als ersatz für die v.nrtc dos minnesingers : „niht baz ich dir geraten kan" aufzufa lässi sich

auch, weil der minnesinger sich kurz zuvor ähnlicher m in! hatte. G

bestreben, widerholungen zu vermeiden, nicht verkennen. Glaubt man nicht aber widerum den philister zu hören, wenn Gottsched die worte des Originals: ,. Oh et muoz diu elich wip dur zuht, dur vorhte Bwigen, si denket doch: du valscher lip" übersetzt mit: „Und schweigt dein woib aus zucht und scheu, so denkt sie doch: wo bleibt die mir gelobte treu"? Und bei alledem lässt er auch hier knechtische devotion durchblicken, wenn er: „vil manic helt gevangen" durch „edle skia überträgt.

Alle diese Übersetzungsversuche bezogen sich nur auf einzelne gedichte oder abgerissene partieen der lohrgedichte. Ziemlich gleichzeitig wurde nun von zwei litterarisch vielfach mit Bodmer verbundenen mannen) der versuch einer Übertragung in grösserem stile unternommen. Es sind Samuel Gotthold Lange und Kaspar Friedrich Renner. Für Lange besitzen wir allerdings kein direktes zeugnis dar- über, aber es scheint doch aus einem briefe hervorzugehen, in dem ihn professor Bohn zwar warnt „vor der arbeit, die er sich auf den hals geladen", zugleich aber auffordert, ihm sein urteil über die minnesinger zu schreiben und ihm einige ihrer lieder zu übersetzen. Diesem wünsche willfahrt Lange in einem briefe vom jähre 1757 oder 1758; ein arger druckfehler verhindert leider die genaue feststellung des jähres2.

Genau wie Hofmannswaldau und Gottsched stellt Lange original und Über- setzung einander gegenüber, ähnlich wie Bödme!- flicht er ein paar mal bemerkungen über die eigentümlichkeiten der dichter und der spräche dazwischen, aus Bodmer endlich genommen sind die angaben, die er über die lebensumstände mehrerer dichter hinzufügt. Die Übersetzungen selbst lehuen sich ausserordentlich eng an die originale an, so dass man sie wie er es auch selbst als seine absieht bezeichnet viel- fach bloss als Umsetzungen in die neue spräche betrachten kann. Meist wird der ausdruck unbeholfen, zuweilen geradezu unverständlich. Namentlich in den reimen; hier entstehen einerseits assonanzen wie: '"Wahn hab', anderseits aber lässt er da, wo er, um nicht undeutseh zu werden, den reim absolut nicht beibehalten kann, den alten ausdruck bestehen und fügt hinzu, was er bedeutet (so erklärt er das alte „wiplich bild" als „bildung, Schönheit"), oder aber er weiss sich, wie später Gleim und Klamer Schmidt, dadurch aus der Verlegenheit zu helfen, dass er einmal, um

1) MSH. 26 36.

2) Der brief des professors Bohn ist vom 10. November 1757 datiert, derjenige Langes aber schon vom 5. März 1757. Vgl. ..Sammlung gelehrter und freundschaft- licher briefe" I, 5J. 52.

NACHAHMUNG DES AT/TD. MINNESANGS IN DER NEUEREN DEUTSCH. T.TTTERATUR 79

auf das wort 'ungemach' einen reim zu erhalten, den seufzer 'ach' an das ende des verses stellt. Geradezu undeutsch aber wird er, wenn er 'valsches äne' durch Falschheit ohne' oder gar durch ' falschheit ohn' übersetzt.

Trotz dieses engen anschlusses an das original ist nicht nur Langes reimver- sehliugung meist eine ganz andere, zuweilen gestattet er sich sogar auch leichte Um- änderungen des gedankens. In des herzogs Heinrich von Breslau bekanntem liede: 'Ich klage dir meie, ich klage dir, sumerwunne' legt er einen vers, der ursprüng- lich der haide gehört, dem dichter in den mund. Meist sind solche änderungen jedoch aus missverständnissen hervorgegangen. Da er z.